Monatsarchiv für September 2007


Curb Your Enthusiasm: 6. Staffel, 2. Folge

Madrid, 20. September 2007, 12:14 | von San Andreas

Nachdem wir am Samstag aus dem Prado heraus waren (Patinir war noch sehr gut, siehe auch »Die Welt« von neulich), gingen wir zu einem Albóndigas-Wettessen. C’etait le fun, soviel kann man sagen, auch weil Dique ständig Marty Funkhouser in Äppsoht 6.01 imitierte:

»Come on, guys, you’re SUPPOSED TO BE HERE, you have NO OTHER PLANS.«

Die »Curb«-Spezialwochen wurden dann zwei Tage später fortgesetzt. Wir saßen mit einigen »Curb«-Leuten vor dem Bigscreen eines ungenannten Hotels und sahen Folge 2. Eine sehr gute Folge 2, Titel: »The Anonymous Donor«, mit wieder starken Konzepten:

– jerking off at a friend’s house
– anonymous generocity, but everybody knows
– the Dry Cleaner’s law
– the playful-platonic hit
– the KKK ghost game

Ein paar schöne Zitatoes:

– »That’s just the unwritten law of dry-cleaning.«
– »I’ll have your semen-covered blanket ready on Wednesday.«
– »Never had a wing before.«
– »I will temporarily lift the ban.«
– »People should know you’re Anonymous.«

Und mein Lieblings-Larry-Laut in der Folge ist zu hören, als Susie mit der Puppe reinkommt und sagt: »This is a new low, even for you, Larry.« Da macht er so ein herrliches Geräusch, in dem alles liegt: die Verwunderung, dass Susie reinschneit, den Widerwillen, irgendeinen Mist rechtfertigen zu müssen, den er getan haben soll, den festen Vorsatz, sowieso alles zu leugnen, den Ärger, dass Susie sein Spiel unterbricht, und überhaupt alles andere. Great acting.

A flirtatious tap for all of you, und helau Paco, wo bleibt eigentlich der Aufregerbeitrag zum SZ-Artikel von Jochen Schmidt? Eile ohne Weile, sonst mach ich das!

Der Umblätterer über andere »Curb«-Episoden:
Season 6: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10
Season 7: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10


Mit Jürgen Dollase und dem neuen »Spiegel« bei »Subway«

Madrid, 18. September 2007, 23:52 | von Paco

Neee, bitte nicht, sagte Dique. Lieber Tapas oder Fleischklumpen oder gleich den Wurstteller im »Naturbier« auf der Plaza Santa Ana, hehe. Wir standen zufällig vor der stolzen ersten »Subway«-Filiale Spaniens (eröffnet am 26. 4. 1995) in der Calle Génova nº 9.

Subway-Filiale, Madrid, Calle Genova 9

Und weil wir uns an den Dollase-Artikel in der FAS vom 19. August erinnerten (S. 46), traten wir dann doch ein.

Normalerweise besucht Jürgen Dollase für seine FAS-Kolumne »Hier spricht der Gast« nur Restaurants, in denen es als Vorspeise Hirschgeweih gibt und der Hauptgang mindestens 50 Euro pro Kartoffel kostet.

Jetzt ist er eben mal bei »Subway« gewesen, und allein die Idee, im Gourmet-Stil darüber zu berichten, ist schon äußerst gut:

»Die Brotsorten sind geschmacklich in Ordnung, werden aber viel zu dick aufgeschnitten. Wer versucht, vom Sandwich abzubeißen (Besteck gibt es nicht), hält bald ein matschiges Etwas in den Händen.«

Dollase interpretiert »Subway« insgesamt schon als esskulturellen Fortschritt gegenüber »McDonald’s«, kritisiert dann aber im Einzelnen vor allem den Mangel an Fleisch-Sandwiches. Immerhin lobt er den Akkord, der zusammen mit den mehr oder minder berühmten »Subway«-Saucen entsteht.

Dique hatte den auch von Dollase empfohlenen »Pollo Teriyaki« genommen und fand ihn äußerst gut, im Gegensatz zu der RAF-Fortsetzung im gestrigen »Spiegel«, die wir aber natürlich alle gelesen hatten.

Als Erstes hatten wir aber offenbar alle automatisch den Artikel über Karl Eibl aufgeblättert und verhielten uns nun im Gespräch, ähnlich wie Marius Fränzel in den Fliegenden Goethe-Blättern, äußerst ungnädig gegenüber der dauernden Ruhe über den Gipfeln und Wipfeln, die da im Artikeltext beschworen wird.

Dann ging es um den Belgien-Artikel »Bröckelnder Zement« auf Seite 158, den man praktisch schon an jedem Tag der letzten 50 Jahre veröffentlicht haben könnte, mit sozusagen gleichem Wortlaut.

Als nächstes mussten wir dann Hellmuth Karasek Dank abstatten, obwohl Oliver Gehrs die bei diesem bestellte Erinnerungshymne zu Peter Merseburgers Augstein-Biografie (S. 188-191) ein bisschen diskreditieren möchte. Wir möchten das nicht. Man hört diese Anekdoten ja immer wieder gerne. Die mit dem zu viel Bier und die mit Augsteins Rückzug aus der Ukraine, und dann gibt es sogar noch einen astreinen Diss gegen die »Time«, auch ein altes Thema des Umblätterers.

Als Nachtisch gab es dann übrigens doch noch einen Wurstteller für jeden, ohne zu dick geschnittenes Brot, dafür aber mit Besteck.


Der Prado in 10 Minuten

Madrid, 16. September 2007, 21:26 | von Paco

Wir trafen uns gestern Vormittag etwas verspätet, weil wir offenbar alle noch unabhängig voneinander irgendwo die S-Zeitung gekauft hatten (2,70 EUR). Da stand nämlich ein »Curb Your Enthusiasm«-Artikel von Jochen Schmidt drin (siehe hier und hier), den wir alle schon im Gehen gelesen hatten, untermalt von den zwitschernden Ampeln Madrids.

Wir standen also vor dem Prado und warteten auf Sébastien2000 (* Name geändert). Dique kannte ihn, weil er vor Jahren auch mal als Speed Guide im Prado gearbeitet hatte.

Speed Guides machen Führungen für Leute mit wenig Zeit und Geduld, die »only the key facts« (Werbeprospekt) wissen möchten bzw. diese sowieso schon kennen und nur schnell ein Gefühl für die Räumlichkeit bekommen wollen, damit sie hinterher sagen können, was wo hängt.

Ein Rundlauf dauert 10 Minuten, dann steht man wieder vor dem Eingang und kann den Prado abhaken. Speed Guides sind nicht offiziell anerkannt und werden auch selten gebucht, weil sich 80 Euro für 10 Minuten nur Businessleute leisten wollen.

Die Gruppe musste gerade gestartet sein, denn wir sahen 7 Anzugträger hinter Sébastien2000 herrennen, der ihnen kommandoartig Dinge zurief. Wir schlossen schnell auf und bekamen dann alles mit:

Wir passierten die Raffaels – »Dreieckskomposition, da und da, rot, blau, angedeutete Landschaft, bei Patinir nachher dann mehr davon«.

Kurz ein Schlenker rein zu Rogier van der Weyden, Kreuzabnahme Christi – »hier, Altar, 3D-Effekt usw.« – und den Boschs – »kommen Sie, nicht aufhalten, El Bosco, so heißt hier also Bosch, Sie wissen das, aber es klingt so gut, deshalb noch mal, El Bosco, El Bosco, Garten der Lüste, der Baummensch, da und da, Sie gähnen zu Recht, deshalb auch gleich weiter zu …

… Parmigianino, eines der besten Frühwerke ever, die Heilige Barbara, sehr günstig gehängt, sieht man auch von Weitem noch, haben Sie schön gemacht hier, den Effekt haben wir auf dem Rückweg, jetzt bitte kurz hierher …

… zu Correggio, da und da, und dann noch Bernardino Luini natürlich, diese Madonna, die sollten Sie sich mal aufschreiben …«

Einer der Businessleute fragt kurz nach dem Leonardo-Einfluss bei Luini, dafür ist dann 20 Sekunden Zeit, die wir wieder aufholen müssen, indem wir ohne weitere Verzögerung die Treppen in den 3. Stock hocheilen, denn: »Das war es eigentlich im 1. Stock, weiter weiter, mir nach.«

Irgendwann entgleitet San Andreas die Kamera und springt noch ein paar Stufen nach unten, aber die Ixus-Modelle halten das ja bekanntlich aus. Angeblich ist der Aufprall auf der Horizontalen sogar ein Feature, bei dem automatisch der Weißabgleich ausgeführt wird, wie auch immer das vonstatten gehen soll, hehe.

Oben dann an den Goyas vorbei, »schauen Sie nicht hin, lohnt sich nicht«, hinter in die äußerste Ecke, die Mengs-Porträts, 12 Sekunden für Karl III. und Frau, ich bekomme nur Fetzen von den key facts mit, bin völlig außer Puste, Dique auch, er hängt ziemlich durch und wischt sich den Schweiß ins Hemd, und dann geht es auch schon wieder runter in den 2. Stock.

Vor Las Meninas traubt so eine italienische Reisegruppe, Dique und Sébastien2000 schlagen einen Keil in die Menge, sodass alle kurz ans Bild rantreten können, »achten Sie nicht auf den Maler und den Spiegel, nur auf die Meninas, da und da, sehen Sie, genau.«

Die Riberas sind dann der eigentliche Hit, zwei der Gruppe bleiben da über Gebühr hängen, vor allem vor der Mannfrau mit der zum Stillen freiliegenden Brust. Dann Murillo, die Hirtenbilder, »ein Wahnsinn«, und dann …

… gibt es noch einen kurzen Abstecher zu den pinturas negras von Goya, die lohnen sich also offenbar im Gegensatz zu dem Zeug ganz oben.

Durch den Gang mit den Italienern im 1. Stock hechten wir zurück zum Eingang, Parmigianinos Heilige Barbara sieht tatsächlich wunderhübsch aus, wie man so an ihr vorbeirennt, und dann sind 9 Minuten und 32 Sekunden vorbei, da ist noch Zeit, etwas Trinkgeld zu geben.

Und einer will wissen, was jetzt eigentlich mit dem angekündigten Patinir ist.

Sébastien2000: »Ach so, genau, hatte ich ja eben kurz angedeutet, da gibt es diese herrliche Ausstellung im 2. Stock. Mach ich jetzt gleich im Anschluss, falls Sie 3 Minuten Zeit haben. Kostet 40 Euro.«

»Das geht ja.«


Peter Richter: »Sodann und Gomorrha«

auf Reisen, 13. September 2007, 01:58 | von Paco

Cela sonne vraiment génial lorsque les mots « Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung » apparaissent soudain dans un texte français (comme ici récemment), c’est pourquoi il serait bienvenu que Le Tourneur de Pages écrive aujourd’hui en français. Mais bon, l’effet de surprise ayant déjà été produit, continuons en allemand:

Also, am Sonntag, kurz nach Mitternacht Ortszeit, erhielt ich eine SMS von Austin:

»FAS von heute. Richters Artikel groß. Und es stimmt alles. Top 10.«

Schon der Titel des Artikels ist ein assoziativer Knock-Out:

»Sodann und Gomorrha«

Über diese Headline hat am Sonntag ganz Zeitungs-Deutschland laut gelacht und mehr kann man von einer Zeile mit drei Wörtern nicht verlangen.

Am Montag darauf hatte auch Irene Bazinger in der F-Zeitung den Abend verrissen und die beiden Protagonisten als »schamloses Altherrengedeck« verunglimpft. Überhaupt war der Auftritt eine Aufforderung an jeden Journalisten, die eigenen Polemik-Qualitäten zu demonstrieren. Aber keiner hat das so gut gemacht wie Peter Richter.

Mit Austins SMS-Nominierung steht er jetzt schon zum zweiten Mal auf der Shortlist für den besten Feuilleton-Artikel 2007, wobei der damals von Dique nominierte Beitrag über den derzeitigen Kunstwahn vollkommen verblasst vor diesem virtuosen Verriss.

Der Artikel ist rein äußerlich natürlich schon noch eine Besprechung des politischen Kabarett-Abends »Blüm & Sodann«. Im Wesen ist der Text aber l’art pour l’art, eine Tirade, wie sie wahrscheinlich nirgendwo gestanden hat in den letzten Jahrzehnten.

Viele Passagen sind zitierenswert, aber das hat die Blogosphäre schon ziemlich weidlich getan. Dabei ist die Pointe (Richters Scham als Sachse für einen Repräsentanten wie Sodann) fast schon der schwächste Satz im Text.

Das ist was: Ein Feuilleton-Artikel, der so gut ist, dass er nicht mal auf seine Pointe angewiesen ist.


Curb Your Enthusiasm: 6. Staffel, 1. Folge

auf Reisen, 11. September 2007, 23:18 | von Paco

Beware: Heavy spoiling!

Sonntagabend. Wir sind im Auftrag von satt.org auf der »Curb«-Party. Reisen macht hungrig, und wir double-dippen uns durch die Buffets. Dique ist dann irgendwann schon wieder so halb weggenickt, doch beim endlich plötzlich einsetzenden »Frolic«-Jingle wacht er natürlich sofort auf, und die 1. Folge der 6. Staffel von »Curb Your Enthusiasm« fängt passenderweise im Bett der Davids an, die durch den fehlfunktionierenden Feueralarm geweckt werden.

Wir sehen, dass auch Baseball-Schläger im Haushalt zu etwas nütze sein können: Larry zerkloppt den Piepser, und wir alle wissen, das könnte die Pointe vorbereiten, mit der die Folge endet (ist dann auch so).

Das neue Material der Serie über »das Leben im Herzen der Kulturindustrie« (Diedrich Diederichsen in der taz) ist wieder dicht geschrieben und voller einzelner Großideen. Etwa: Wenn man keine Ausrede hat, warum man gestern nicht auf der Party von Marty Funkhouser war, der Langeweile in Person, dann geht man eben am Folgetag noch mal kurz vorbei, um so zu tun, als habe man den Tag verwechselt.

Schöne Idee, die eigentlich schon gereicht hätte für die halbe Stunde Laufzeit. Aber dann gibt es noch die Sache mit dem erotischen Gebäck. Und die mit der vierköpfigen Familie, die durch einen Wirbelsturm ihr Heim verloren hat und jetzt bei den Davids unterkommen soll.

Die Folge heißt denn auch »Meet the Blacks«, denn das ist der Nachname der, wie sich herausstellt, afroamerikanischen Evakuierten, die Larry und Cheryl vom Flughafen abholen. Und Larry kann das erst mal wieder nicht fassen:

»So your last name is Black. That’s like if my last name was Jew. Like, Larry ›Jew‹. ‚Cause I’m Jewish.«

Und die gemütliche Auntie Rae versteht nicht so recht, was das jetzt soll, diese Wortspielerei. Und sie versucht das zu ignorieren und will den Davids danken für ihre Gastfreundlichkeit. Aber Larry insistiert und wiederholt seine Begeisterung über dieses Wortspiel. Wie in der »Seinfeld«-Folge »The Library«, als Kramer nicht glauben kann, dass der Buchdetektiv wirklich ›Bookman‹ mit Nachnamen heißt.

Diese Verwunderung über die Zufälle dieser Welt, über Selbstverständlichkeiten, die ihm aber neu vorkommen, feiert Larry David mit Orgien konkreter Poesie. Unvergessen seine Frage an einen Bartender in der Folge »Shaq« (mit Shaquille O’Neal) aus der zweiten Staffel, was denn eigentlich in seinem Latté drin sei?

Als er es erfährt, reagiert er vor der Starbucks-Öffentlichkeit mit einer Ernst-Jandl-würdigen Performance:

Milk and coffee!
Who would have thought?
Milk and coffee!
Oh my god, what a drink!
It’s milk and coffee mixed together!

Ein weiterer Spaß, den sich Larry David in seinen Drehbüchern erlaubt, ist die Plausibilisierung von delikaten Wörtern und Sätzen. Auch in der gerade gesehenen Folge kommen sie zuhauf vor. Und wer sich wundert, welchen Kontext es braucht, um diese Sachen zu sagen, der sollte schnellstens die Re-Runs auf HBO schauen oder eben auf die DVD warten:

»He knowingly served us penis, what is wrong with that guy?«

Oder:

Cheryl: »Where have you been?«
Larry: »I ate some penis.«

Soviel Spoiling für heute. Nachdem die letzte Staffel mit der Folge »The End« ausgelaufen war, hatte niemand mehr mit einem Comeback gerechnet. Dann wurde doch eine Fortsetzung angekündigt, und jetzt, nach fast zwei Jahren, ist »Curb« wieder da, gut wie immer, die beste Serie der Welt, denn das kann und muss man nach wie vor sagen.

Am Montagmorgen waren wir dann weitergezogen, auf irgendeinem Flughafen hatte ich die »IHT« aufgelesen, wo San Andreas Zeuge werden musste, wie sein ungefordertes Honorar direkt in Ikea-Hotdogs investiert wurde. Aber das stand ja gestern schon hier.

Der Umblätterer über andere »Curb«-Episoden:
Season 6: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10
Season 7: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10


Bourne again

auf Reisen, 11. September 2007, 03:08 | von San Andreas

Dritte Teile haben es bei Kritikern meist schwer. Oft gilt der erste Teil als der gelungenste (»Alien«, »Matrix«, »Jaws«), manchmal auch der zweite (»Godfather«, »Spider-Man«), sehr selten aber der dritte (»LOTR«?). Die Sache ist die: Rezensenten werden einer Sache schnell überdrüssig, sie ermüden angesichts derselben Gesichter in denselben Rollen und haben böse Wörter wie ›Aufguss‹ und ›Geldschneiderei‹ fix bei der Hand.

Bei abgeschlossenen Trilogien hingegen profitiert das Threequel von einem Bonus, denn hält der Film das Niveau und erzählt er die Geschichte vernünftig und womöglich fulminant zu Ende, verschafft er das befriedigende Gefühl von ›closure‹: Der Rezensent kann Rückschau halten und die Filmschaffenden mit einem jovialen ›Bravo!‹ in neue Projekte entlassen.

Wie allerorten zu lesen, schlägt dem Finale der »Bourne«-Trilogie eben jenes Wohlwollen entgegen, ein überbordendes sogar, und das, liebe Kritiker, auf jeden Fall und ohne jeden Zweifel vollkommen zu Recht. Damon und Greengrass laufen zur Höchstform auf, führen die Story um die Identität des Jason Bourne stilsicher und unerhört kraftvoll zu ihrem Höhepunkt und Abschluss, wobei sie die beiden ersten Teile in punkto Spannung und Turbulenz scheinbar mühelos übertreffen.

Was lässt »Bourne« über den 08/15-Actioner von der Stange hinauswachsen? Manche (z. B. Hanns-Georg Rodek in der »Welt«) sehen das Besondere in der Konstruktion der Geschichte: Der Agent erfüllt nicht länger Aufträge des Geheimdienstes, sondern wendet sich gegen seine Organisation und löst kraft seiner antrainierten Fähigkeiten ein persönliches Trauma.

Gut, aber in der Rolle des abtrünnigen Geheimdienstlers sahen wir u. a. bereits Robert Redford (»Three Days of the Condor«), Gene Hackman (»The Conversation«), Tom Cruise (»Mission: Impossible«) oder erst kürzlich Ulrich Mühe (»Das Leben der Anderen«).

Das Geheimnis liegt vielleicht auch im Subtext verborgen, im Konzept ›Identität‹, das alle drei Filme umspannt. Eine Identitätskrise, ein Prozess der Selbstfindung, sonst in leisen Dramen abgehandelt, hier ungewöhnlicherweise im kreuzgefährlichen Umfeld mörderischer Geheimdienstoperationen.

Perfiderweise lebt oder lebte der Held gleich drei Identitäten: zum einen jenen an Amnesie leidenden Namenlosen, zum anderen Jason Bourne, und schließlich David Webb. Die Entscheidungen, Handlungen und Motivationen jeder einzelnen dieser Identitäten ergeben ein Geflecht von Schuld und Verantwortung, das die Filme durchzieht und ihnen bei aller Haudrauf-Action Resonanz auf moralischer Ebene verschafft.

Auch in punkto Machart bricht »Bourne« Konventionen: Die geschliffene Ästhetik gängiger Agentenfilme weicht einer spröden, ruppigen, ungeschönten Wahrhaftigkeit. Der erste Film, inszeniert von Doug Liman, setzte da in den schmuddeligen, neonbeschienenen Hinterhöfen Berlins Zeichen.

Und Paul Greengrass, ein Mann für anspruchsvolle, an die Nieren gehende Kost mit dokumentarischem Einschlag (»Bloody Sunday«, »United 93«) perfektionierte die schroff-authentische Action-Atmo, ohne jedoch die Persönlichkeit des Helden aus den Augen zu verlieren.

Schwer genug, denn Damons Charakter ist als stoischer Einzelkämpfer angelegt, der nicht eben übersprudelt vor Mitteilsamkeit. Nicht einmal knackige One-Liner kommen ihm über die Lippen, sonst gern genommenes Standard-Repertoire von Actionfilmen.

Bourne/Webb gewinnt durch seine Handlungen an Profil, durch kleine Momente der Barmherzigkeit, flüchtige Blicke, kurze Sätze im Umgang mit seinen Helfern und Gegnern. Damon glänzt mit präzisem, nuancierten Underacting, lässt seine Rolle, trotzdem man ihn kaum einmal lachen, ja nicht einmal essen oder trinken sieht, zum Empathie-Fixpunkt werden, der alle drei Filme zu tragen imstande ist.

So wie Robert Ludlum seine Werke (auf denen die Filme im Übrigen nur lose beruhen) stets handschriftlich verfasst hat, um den Geschichten näher verbunden zu sein, drehte Greengrass »Ultimatum« gleichsam per Hand. Eine entfesselte Kamera jagt durch echte Menschenmengen, sucht Dialogpartner in nervösen Gegenschüssen über die Schulter.

Für Verfolgungsjagden wurden keine Straßen abgesperrt; was man kreischen und splittern hört, ist echtes Metall, echtes Glas. Der Schnitt ist rastlos, die Sequenzen hasten voran, der Film bietet nur wenige, knapp kalkulierte Verschnaufpausen. One hell of a ride.

Die spontane Frische der Filme spiegelt die Produktionsbedingungen wider: Wie man erfährt, waren Damon und Greengrass unablässig am Modifizieren des Scripts, probierten Ideen aus, verbesserten oder verwarfen sie. Nachdrehs waren an der Tagesordnung. Die letzte Szene des zweiten Teils ersann das Team beispielsweise erst zwei Wochen vor Kinostart: Bourne befindet sich in New York und konfrontiert CIA-Sympathisantin Pamela Landy mit seiner Anwesenheit.

Die Szene bildet das Sprungbrett für den dritten Teil: Was um Himmels Willen macht Bourne in der Höhle des Löwen? Wir erfahren es im dritten Akt von »Ultimatum«, denn da taucht die Szene noch einmal auf: Bourne kennt seinen wirklichen Namen, vollführt eine Kehrtwende und geht gegen seine unsichtbaren Feinde an, will die Bedeutung seiner Identität endgültig ergründen und, wenn man so will, seinem Schöpfer vor die Augen treten.

Selbiger wird vom großen Albert Finney verkörpert, der dem Gipfeltreffen eine wunderbare Gravität verleiht. Fabelhaft besetzt auch David Strathairn. Sonst eher in Independent-Perlen vertreten, gibt er den sinistren Schreibtischtäter Noah Vosen, aus dessen Perspektive Bournes Bewegungen häufig gezeigt werden – wenn er ihn gerade mal auf dem Schirm hat.

Denn Bourne ist Vosen oft genug in nahezu traumwandlerischer Sicherheit einen Schritt voraus; das CIA-Debakel auf der Waterloo Station komprimiert dieses Verhältnis in Form einer ungeheuer intensiven Sequenz, an der sich zukünftige Filme dieser Art werden messen lassen müssen. Ebenso schweißtreibend die Auto-Verfolgungsjagd in New York, die in bester French-Connection-Tradition schier birst vor kinetischer Energie.

Perfekte Regie, geerdete Ästhetik, effizientes Timing: »The Bourne Ultimatum« verbindet Grips mit Action und avanciert im Handstreich zu einem der besten Actionthriller der letzten Jahre. Bleibt zu hoffen, dass die Macher es bei der Trilogie belassen, denn das Ende von »Ultimatum« ist einfach zu schön. Außerdem haben es vierte Teile bei Kritikern gemeinhin noch viel, viel schwerer als dritte.


Tyler Brûlé bei Ikea

auf Reisen, 10. September 2007, 15:19 | von Paco

Das Geld, das der »Monocle«-Herausgeber Tyler Brûlé durch die Großzügigkeit des San Andreas gespart hat, wollte er offenbar gleich bei Ikea investieren. Er schrieb darüber in der Wochenendausgabe der »International Herald Tribune« (8./9. September 2007, Seite 7).

Artikel aus der IHT, Tyler Brûlé bei Ikea

Tyler Brûle bei Ikea, ein Hammerthema. Zusammen mit Mutter und Lebensgefährte unternahm er einen »family trip to the Ikea store that anchors Stockholm’s northern suburbs«. Was aber kann T. B. bei Ikea wollen? Jedenfalls betritt er das Gebäude nicht ohne Zusatzanreiz:

»To keep our sense of humor, we decided to make a game out of it and see if it was possible to get in and out in less than 30 minutes and not fall out in the process.«

Der Parcours ist ja im Einbahnstraßen-Ikea klar vorgezeichnet. Für einige Kunden ist das aber ein Problem: Brûlé beschreibt die Verwirrung bei neuschwedischen Immigrantenfamilien, deren hilflosen Personenansammlungen zu Staus und Behinderungen im Ikea-Straßenverkehr führten.

Trotzdem schaffte Familie Brûlé die Strecke in 28 Minuten und konnte im Zeichen des Sieges die Trophäen aufsammeln:

»The promise of a hot dog and an ice cream has long been the payback for surviving an afternoon out at Ikea.«

Das gesparte Abdruckhonorar von San Andreas wurde also in Fastfood inklusive Nachtisch angelegt. Good appetite!


Der beste Investment-Essay aller Zeiten

London, 9. September 2007, 11:53 | von Dique

Die letzte Woche zerbrach ich mir den Kopf über aktive und passive Fonds und druckte mir einen über 100 Seiten langen Thread aus dem Wertpapier Forum aus. Schlauer bin ich jetzt auch nicht.

Unter dem Arm trage ich immer mal wieder mein zerfleddertes Exemplar von Grahams »Intelligent Investor«. Auch neulich beim »Spiegel«-Kauf bei meinem Newsagent hatte ich es dabei. Er nahm grinsend das Buch wahr und wies mich so nebenbei auf Kapitel 20 hin, »Margin of Safety«.

Das ist so wie in der »Nackten Kanone«, wenn sich Frank Drebbin immer wertvolle Tipps von einem Stiefelwichser auf der Straße holt. Wieso liest mein Newsagent Benjamin Graham?

Warren Buffet zufolge ist »Margin of Safety« der beste Investment-Essay aller Zeiten, so ähnlich hat er das mal bei einem Vortrag vor einer Horde MBA-Anwärtern gesagt, im roten Polo-Shirt, ich sah es auf YouTube.

Mir gefällt sehr die Bezeichnung »der beste Investment-Essay«. Mein Newsagent schien das auch so zu sehen, »the best, it’s really the best«. Ich erwähnte im Gegenzug Buffetts »The Superinvestors of Graham-and-Doddsville«. Auch sehr schön und kommt in aktuellen Graham-Ausgaben im Appendix gleich mit.

»This is also the best«, sagte mein Newsagent.


Der Matussek hinter dem Matussek

Konstanz, 8. September 2007, 10:36 | von Marcuccio

Erst mal finde ich: Wo die »Spiegel«-Woche sich dem Ende zuneigt, sollten wir hier noch ein Zeichen setzen und die von der Bio-Welle überschwemmte, eigentliche Titelstory (»Romantik ist der erste Pop«) nominieren!

Und dann, Paco, Feuilletonator: Deine Sympathiemomente für Matti Matussek teile ich absolut! Er wird ja in Medienkreisen gern zur Hassfigur stilisiert, ich glaube auch Gehrs hat ihn als geistigen Urheber von Rebecca Casatis Second-Life-Story schon mal weggewischt – so nach dem Motto: Der steht sowieso für alles Seichte beim »Spiegel«.

Und genau das stimmt so nicht: Wie er Safranskis Romantik-Studie für den gemeinen »Spiegel«-Leser mit den Koordinaten des Pop nacherzählt (die Leutragasse von Jena als historischer Vorläufer der Kommune 1, Novalis als schwarzer Prinz des Pop usw.), das hat alles Hand und Fuß und Wert.

Wobei, und das werden die Matussek-Kritiker ihm natürlich wieder vorwerfen, nicht ganz rauskommt, ob das im Einzelfall jeweils Safranski- oder Matussek-Gedanken sind. Aber egal, mit all dem, und auch mit dem Matussek-Safranski-Interview (die besten Sätze hier noch mal per »sms«) war das doch eine wunderbare Romantik-Woche im deutschen Feuilleton.

Bei all dem muss ich zugeben: Traditionell bin (war?) ich kein Matussek-Möger. Aber man kann Matussek hinter dem Matussek bei rebell.tv als Sympathieoffensive begreifen. Allein der .ch-Tonfall von sms grundiert einfach mal eine grundsympathische Gesprächssituation und versetzt Matussek in eine schöne Plauderlaune mit interessanten Aussagen.

Insofern ist dieses »fideo« fast schon ein kleines landmark event meiner bisherigen Matussek-Rezeption. Schön auch, wie der »Rebell« den Matussek mit seinen eigenen Klischees konfrontiert (»Man munkelt, der unbeliebteste ›Spiegel‹-Mitarbeiter seien Sie« usw.) und wie dann erst mal prompt die Macho-Szene mit der Sekreteuse kommt.

Und interessant last but not least, wie es im »Spiegel«-Hochhaus zugeht: Dass die Dokumentation da ganz unten sitzt, passt irgendwie in mein Bild von der Augstein/Aust-Festung.


»Damit Sie was zum Lesen haben«

Leipzig, 6. September 2007, 19:59 | von Paco

Heute endlich neue Laufschuhe gekauft, und zwar nicht das dauernd von Franz empfohlene 2007er Modell Asics GT-2120, sondern lieber wieder Brooks. Jedenfalls: Die Schuhe wurden eingepackt, aber das war nicht alles, was in die Tüte wanderte. Der herrliche Verkaufsberater packte noch »unser Laufmagazin« mit hinein, »damit Sie was zum Lesen haben«.

Offenbar sah ich also extrem lesebedürftig aus, dabei kann ich seit Jahren kaum noch geradeaus kucken vor lauter Feuilleton. Wie auch immer, demnächst gibt es also eventuell »Darf man das lesen? LEX – Das Magazin«.

Mit den Brooks ging ich in die Lucca-Bar, um endlich die vorletzte FAS zu beenden, die vom 26. 8. 2007. Cobalt hatte das ja im Prinzip schon gemacht und schönerweise den Artikel von Nils Minkmar erwähnt, den über Yasmina Rezas gerade bei Flammarion erschienenes Sarkozy-Buch.

Und Marcuccio hatte den Hinweis auf eine der besten Feuilleton-Komplettseiten seit Monaten nachgeliefert, die Seite 25 dieser Ausgabe.

Auf dieser Seite gibt es eine Frage »des Frankfurter Lesers Schirrmacher« an Reich-Ranicki. Der Leser klagt mehr George-Gedichte für die Frankfurter Anthologie ein, und MRR antwortet ihm, dass er dann doch bitte mal seine versprochene Rezension eines George- oder vielleicht doch lieber Benn-Gedichts schicken soll.

Das Ganze stützt natürlich das George-Trara, das die F-Zeitung seit einiger Zeit veranstaltet, mit dem Vorabdruck der Karlauf-Biografie und dem Komplex Stauffenberg/George. MRRs ironische Beantwortung der Frage ist auch alles andere als undurchsichtig, aber seine wiederholte liebevolle Titulierung des »Frankfurter Lesers Schirrmacher« ist einfach schön zu lesen. Kleines Highlight. (Und immerhin gesteht er George mehr oder weniger Relevanz zu.)

Auf derselben Seite dann die Peter-Richter-Kolumne, der hinsichtlich Mügeln und Wurzen die Verben ›mügeln‹ und ›wurzen‹ einführt und nebenbei sehr hervorragend ostdeutsche Provinz zusammenfasst:

»sonntags Mittagstisch im ›Erbgericht‹, montagmorgens im Kleinlaster über Hof nach Bayern runter zum Arbeiten, die Tochter seit dem Abi im Westen, der Sohn ohne Abi in Waldheim«.

Kompakter geht’s fast nicht. Und nun fehlt eigentlich nur noch der Hauptartikel dieser Seite 25, Volker Weidermanns Rezension des interessantesten Buches der Saison, »Pazifik Exil« von Michael Lentz.

V. W. findet das Buch dann »als Roman« schwach, die einzelnen Emigranten-Episoden aber eben auch hochinteressant, besonders die, in der Heinrich Mann irgendwo in den Pyrenäen davon besessen ist, »den Hitler anzurufen und ihn auf der Stelle von der Notwendigkeit zu überzeugen, den ganzen Wahnsinn abzublasen«.

Soweit die vorletzte FAS. Jetzt werde ich in den Telegraph gehen und bei einem Glas Rotwein diese komische Laufzeitung lesen. Hehe.