100-Seiten-Bücher – Teil 157
Tania Blixen: »Babettes Fest« (1950)

München, 10. Juni 2019, 21:55 | von Josik

Trifft der weltberühmte Pariser Opernsänger Achille Papin die norwegische Betschwester Philippa. Trifft der fesche Offizier Lorens Löwenhjelm die Betschwester Martine. Das ist nicht der Beginn zweier schlechter Witze, sondern so startet Karen Blixens Erzählung »Babettes Fest«, und diese Geschichte ist derart superst, dass der Vatikan nicht nur den oscar-prämierten Film »Babettes Fest« auf seine Liste der besonders empfehlenswerten Filme gesetzt hat, sondern dass Papst Franziskus in seinem nachsynodalen apostolischen Schreiben »Amoris laetitia« vom 19. März 2016 auch noch wörtlichstens schrieb: »Man erinnere sich an die geglückte Szene in dem Film ›Babettes Fest‹, wo die großherzige Köchin« usw.

Dass ausgerechnet der Papst »Babettes Fest« so cute findet, ist umso erstaunlicher, als die Katholen dort eigentlich voller Argwohn betrachtet werden, jedenfalls von den zwei Betschwestern. Der Ausdruck Betschwestern ist in diesem Fall genetisch zu verstehen, denn Philippa und Martine sind die Töchter eines pietistischen Sektengründers. Durch Monsieur Papins Vermittlung nehmen die beiden in einem Sister Act der Barmherzigkeit unsere Titelheldin Babette als Hauswirtschafterin in ihre Wohngemeinschaft bei sich auf, nachdem sie beim Aufstand der Pariser Kommune als Pétroleuse festgenommen worden war, aber entrinnen konnte. Pétroleuse nennt man eine Frau, die Häuser mit Petroleum in Brand steckt, und außerdem klingt es ja auch viel eleganter als z. B. Mollywerferin.

Babette lebt nun also zwölf Jahre lang in dem norwegischen Kaff und es passiert das, was in einem Zeitraum von zwölf Jahren in einem norwegischen Kaff eben passiert, nämlich gar nichts, aber plötzlich, huch, gewinnt sie in der französischen Lotterie zehntausend Francs! Da trifft es sich natürlich gut, dass zum anstehenden hundertsten Geburtstag des verstorbenen Vaters und Sektengründers eine Feier ausgerichtet werden soll, zu der eine mittelgroße Anzahl von Gemeindemitgliedern sowie eine sehr kleine Anzahl von Externen, darunter auch Löwenhjelm, eingeladen sind. Zur Vorbereitung des Menüs lässt Babette eine Unmenge von erlesensten, exquisitesten, teuersten Zutaten extra aus Paris herankarren. Wie bei Pietistenpartys üblich, geloben die Gäste allerdings schon vor der Feier einander, dass sie »an dem großen Tage unter keinen Umständen über Speis und Trank ein Wort verlauten lassen wollten« (S. 44), denn Essen ist was Irdisches, Pietisten aber sind durchgeistigt, und auch Pietisten müssen zwar essen, aber nicht übers Essen zu reden finden sie eben himmlisch.

Der einzige, der während des Festmahls aus der Reihe tanzt, ist der in der Welt herumgekommene Löwenhjelm. Er trinkt den Wein, der ihm kredenzt wird, »wandte sich an seinen Nachbarn zur Rechten und sagte: ›Aber das ist doch ein Veuve Cliquot 1860?‹ Der Angesprochene blickte ihn freundlich an, lächelte ihm zu und machte eine Bemerkung über das Wetter« (S. 61). Löwenhjelm genießt das von Babette zubereitete, wunderherrliche Hauptgericht, »wandte sich an seinen Nachbarn zur Linken und sagte zu ihm: ›Das sind doch zweifellos Cailles en Sarcophage!‹ Der Nachbar […] blickte ihn geistesabwesend an; dann nickte er zustimmend und erwiderte: ›Ja, ja, gewiß doch. Was sollte es sonst sein?‹« (S. 63). Aber es kommt noch besser: »Als ein paar Augenblicke später Trauben, Pfirsiche und frische Feigen vor ihn hingestellt wurden, sagte er lächelnd zu dem ihm gegenübersitzenden Gast: ›Schöne Weintrauben!‹ Der aber antwortete: ›Und sie kamen bis an den Bach Eskol und schnitten daselbst eine Rebe ab mit einer Weintraube und ließen sie zwei auf einem Stecken tragen.‹« (S. 64)

Tania Blixen schreibt an dieser Stelle nicht, dass dies natürlich ein Zitat aus dem Buch Numeri ist (4. Buch Mose), Kapitel 13, Vers 23. Ich fand es ja immer eine herzallerliebste Tradition bei den Evangolen, dass sie einen Bibelvers auswählen, wenn sie konfirmiert werden oder wenn sie heiraten oder wenn sie auf Weintrauben angesprochen werden. Am herzallerallerliebsten freilich fände ich, wenn auf einer evangolischen Hochzeit das Brautpaar einmal das Hohelied, Kapitel 2, Vers 5, auswählen würde und wenn die Pastorin oder der Pastor dann zu diesem schönen Bibelvers eine Predigt halten müsste: »Stärkt mich mit Traubenkuchen, erquickt mich mit Äpfeln«.

Usw.

Länge des Buches: ca. 90.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Tania Blixen: Babettes Fest. Aus dem Englischen übersetzt von W. E. Süskind. Zürich: Manesse 1989. S. 3–85 (= 84 Textseiten).

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100-Seiten-Bücher – Teil 156
Samanta Schweblin: »Das Gift« (2014)

München, 1. Juni 2019, 23:51 | von Josik

Nina ist die Tochter der im Sterben liegenden Amanda, David ist der Sohn von Carla und außerdem ist er ein Mensch mit Transmigrationshinter­grund. Dieser Roman spielt irgendwo in der Pampa, da dauert es Stunden, bis mal Ärzte kommen, wenn man sie braucht. Und David braucht wirklich dringend Hilfe, denn er hat sich vergiftet und wird wohl in Kürze sterben. Statt stundenlang auf ärztliche Hilfe zu warten, bringt Carla ihn deshalb lieber zur Frau vom Grünen Haus. Die Frau vom Grünen Haus ist Expertin für Transmigration: »Wenn man für Davids Geist rechtzeitig einen anderen Körper fände, verschwände damit auch ein Teil der Vergiftung. Denn wenn die Vergiftung auf zwei Körper verteilt ist, besteht die Chance, sie zu überleben. Es gibt zwar keine Garantie dafür, aber manchmal klappt es« (S. 25). Im Straßenbild sieht die Leserschaft vor ihrem geistigen Auge schon förmlich die Plakate der Transmigrationsgegner vor sich: »Transmigration tötet!« Und die Slogans der anderen: »Gleiche Rechte für Transmigranten!« Usw.

Die Frau vom Grünen Haus jedenfalls »meinte auch, dass die Transmigration Folgen hat. In einem Körper ist kein Platz für einen zweifachen Geist, und es gibt auch keinen Körper ohne Geist. Die Transmigration würde also Davids Geist in einen gesunden Körper bringen, aber es käme auch ein unbekannter Geist in den kranken Körper. Etwas von beiden verbleibt jeweils in dem anderen« (S. 27). Die ganze Story ist extremst superst, wenn auch aus rein rationalistischer Perspektive vielleicht ein bisschen whack. Auf dem Umschlag des Buches steht unter dem Foto der Autorin: »Samanta Schweblin, geboren 1978 in Buenos Aires, […] lebt inzwischen in Berlin.« Danke, Merkel!

Länge des Buches: ca. 160.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Samanta Schweblin: Das Gift. Roman. Aus dem Spanischen von Marianne Gareis. Berlin: Suhrkamp 2015. S. 3–127 (= 125 Textseiten).

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Russia’s Next Top Dichter (1969)

München, 30. Mai 2019, 13:08 | von Josik

Johannes von Guenther (1886–1973) hat ungefähr die gesamte russische Literatur des 19. Jahrhunderts sowie der ersten Hälfte des 20. Jahrhun­derts ins Deutsche übertragen. Außerdem hat er eine Autobiografie geschrieben mit dem Titel »Ein Leben im Ostwind – Zwischen Petersburg und München. Erinnerungen«, München: Biederstein Verlag 1969. Ich habe hier die wichtigsten Stellen aus Johannes von Guenthers Buch exzerpiert:

»Ich war in Petersburg. Wohin führte mich mein erster Weg? Wohin konnte er mich führen als zu Alexander Block? […] Und seine Frau? Ljubow Dmitrijewna […], ihre […] Hände waren eine Spur zu groß, eine Idee zu groß war auch ihr […] Mund« (S. 110f.).

»Auch Blocks Mutter lernte ich an diesem Nachmittag kennen, eine […] alte Dame, vielleicht etwas zu gütig, etwas zu intellektuell« (S. 111).

»[Valerij Brjussow hatte eine] etwas zu hohe Stimme« (S. 128).

»Georg Müller […] hatte […] ein vielleicht etwas zu weiches Kinn« (S. 176).

»Michail Kusmin […] hatte einen unvergeßlichen […] Kopf […], und die großen goldbraunen Augen standen fast ein wenig zu weit auseinander« (S. 204).

»Zur engsten Schar der Mitarbeiter […] ist Graf Alexej Nikolajewitsch Tolstoj zu zählen, ein […] Mann mit […] zu kleinem Kinn« (S. 272).

»Da war […] auch die Dichterin Jelisawetta Iwanowna Dimitrijewa […]. Ihr Mund war zu groß […]. Das runde Kinn war etwas zu breit« (S. 286f.).

»Anna Achmatowa […] war […] fast zu schlank, hatte […] viel zu ernsthafte Augen […]. Etwas zu große Füße« (S. 336f.).

»Carl Vollmoeller […] [hatte] eine etwas zu spitze Nase« (S. 341f.).

»Sergej Sudeikin […] war eine Erscheinung […] mit […] etwas zu roten Lippen« (S. 406).

»Henry Heiseler […] hatte eine etwas zu breite Stimme« (S. 422ff.).

»Dmitrij Nawaschin […], der junge Dichter […], war Rechtsanwalt […] mit […] einem viel zu wissenden Mund« (S. 446).

»Hugo von Hofmannsthal […], ein brünetter Typ, mit guten Händen, aber einer etwas zu stark ins Wienerische schlagenden […] Sprache« (S. 456).
 

100-Seiten-Bücher – Teil 155
Erika Mitterer: »Begegnung im Süden« (1941)

München, 28. Mai 2019, 14:02 | von Josik

Regine macht Urlaub in Italien, dort lernt sie Helmuth kennen. Regine ist glücklich, aber einsam. Helmuth ist ein verheirateter Familienvater, aber unglücklich. Eins und eins macht zwei, und schon auf Seite 46 küssen sie sich. Aber wir wollen nicht vorgreifen. Auf Seite 31, da haben die zwei eigentlich erst ein paar Worte miteinander gewechselt, sagt Doktor Helmuth Greiff zu Fräulein Regine: »Ja, ist Ihnen nicht aufgefallen, daß in den Zeitungen jedes Jahr zwei bis drei deutsche Lehrerinnen als von Haien verspeist beklagt werden? In Dalmatien, bei Triest … aber immer sind es Frauen, immer Lehrerinnen.«

Diese Worte wurden 1941 veröffentlicht, aber wenn man etwa an Renate und Werner Wallert denkt, sieht man sofort, dass es sich Jahrzehnte später noch genauso verhält, nur natürlich mit dem Unterschied, dass es sich hier nicht um eine Lehrerin, sondern um ein Lehrerehepaar handelte, und dass der berühmte Vorfall nicht in Italien, sondern in Malaysia stattfand, und dass die beiden dort nicht von Haien verspeist, sondern von einer Terrororganisation entführt und glücklicherweise wieder freigelassen wurden. Erst auf Seite 55 schließlich erfährt Helmuth, dass auch Regine Lehrerin ist.

Länge des Buches: ca. 170.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Erika Mitterer: Begegnung im Süden. Erzählung. Hamburg: Marion von Schröder Verlag 1941. S. 3–123 (= 121 Textseiten).

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100-Seiten-Bücher – Teil 154
Nicole Zepter: »Kunst hassen« (2013)

München, 26. Mai 2019, 19:48 | von Josik

Na gut, es ist klar, dass die folgende Formulierung, die Nicole Zepter in ihrem Essay »Kunst hassen« verwendet, nicht wörtlich gemeint ist, aber trotzdem: »Und wenn einem dann noch auf der documenta 12, der vorletzten, die schlampig ›kuratierte‹ Anhäufung von Kunstwerken in den stickig überfüllten Provisorien der Karlsaue allen Sinn und Verstand für die Kunst austreibt, dann möchte man dem ganzen Betrieb ein Schild umhängen, auf dem ›Please kill me‹ steht und schreiend davonlaufen« (S. 15). Dass der ganze Betrieb gekillt wird, kann man nun aber schwerlich dadurch sicherstellen, dass man schreiend davonläuft, sondern es wäre natürlich viel sinnvoller, vor dem ganzen Betrieb kaltblütig stehenzubleiben und ihn dann aus dieser Position heraus eben zu killen.

Tatsächlich habe ich noch nie verstanden, warum Leute überhaupt in Museen gehen, denn fast immer ist die Luft dort sehr schlecht und man wird in kürzester Zeit wahnsinnig müde und häufig sind die Museums­besucher, die man in den Museen besichtigen kann, sehr viel weniger hübsch als die dort ausgestellten Objekte. Das heißt aber nicht, dass ich aus Prinzip keine Museumsgebäude betreten würde, ganz im Gegenteil, denn ich gehe unheimlich gerne in Museumsshops, und ein Museum, das ich garantiert besuchen würde, wenn es so eines gäbe, wäre ein Museum der Museumsshops, also ein Museum, in dem die originellsten Museumsshops der letzten Jahrzehnte konserviert werden.

Man könnte in den Museumsshops, die in diesem Museum der Museums­shops ausgestellt wären, natürlich nichts kaufen, aber so wie man am Ende der Ikea-Möbelausstellung unweigerlich zur Selbstbedienungshalle und den Hot Dogs gerät, so müsste man am Ende des Museums der Museumsshops unweigerlich auf einen Museumsshop stoßen, der nicht nur alle bis dahin besichtigten Museumsshops toppt, sondern in dem darüber hinaus auch irgendwelche Artefakte käuflich erworben werden können, das wäre doch epochal!

Länge des Buches: ca. 190.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Nicole Zepter: Kunst hassen. Eine enttäuschte Liebe. Stuttgart: Tropen 2013. S. 3–139 (= 137 Textseiten).

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100-Seiten-Bücher – Teil 153
Buchi Emecheta: »Der Ringkampf« (1980)

München, 18. März 2019, 10:10 | von Josik

Also, wenn ihr mal ein ergiebiges Thema braucht für eine literaturwissen­schaftliche Arbeit, hier ist eins: ein Vergleich zwischen dem »Ringkampf« und dem »Ring«. »Der Ringkampf« ist der Titel eines erstmals 1980 erschienenen, supersten Buchs der nigerianischen Schriftstellerin Buchi Emecheta. »Der Ring« ist der Titel eines erstmals im π mal Daumen 14. Jahrhundert erschienenen mittelhochdeutschen Versepos von Heinrich Wittenwiler.

Ein Vergleich bietet sich schon deswegen an, weil es in beiden Werken zwei miteinander verfeindete Nachbarortschaften gibt. Im »Ringkampf« sind es die Leute aus Akpei und die Leute aus Igbuno, die sich gegenseitig nicht leiden können. Diese Feindschaft ist allerdings aus verschiedenen Gründen vertrackt. So wird am Ende zwar heftig ringgekämpft, aber ein Ringkampf ist etwas extremst Tolles. Im »Ring« hingegen geht es ja eigentlich darum, dass Bertschi Triefnas aus Lappenhausen erfolgreich um Mätzli Rührenzumpf freit. Dummerweise ist aber zur Hochzeit der beiden auch die Community aus dem Nachbardorf Nissingen eingeladen. Auf der Hochzeitsfeier kommt es zwischen den Leuten aus Lappenhausen und den Leuten aus Nissingen wegen einer Lappalie zu einer Schlägerei, die in einen Weltkrieg ausartet.

Anders als im »Ring« ist das Ende im »Ringkampf« keineswegs deprimierend. Ihr könnt also beim Fazit eures literaturwissenschaftlichen Vergleichs zwischen Akpei und Igbuno einerseits sowie Lappenhausen und Nissingen andererseits festhalten, dass es nicht nur Gemeinsamkeiten gibt, sondern auch Unterschiede.

Länge des Buches: ca. 120.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Buchi Emecheta: Der Ringkampf. Roman. Aus dem Englischen von Jürgen Martini und Helmi Martini-Honus. Mit einem Nachwort von Jürgen Martini. Göttingen: Lamuv Verlag 1989. S. 3–99 (= 97 Textseiten).

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100-Seiten-Bücher – Teil 152
Aslı Erdoğan: »Der wundersame Mandarin« (1996)

München, 15. März 2019, 20:52 | von Josik

Hier steht: »Wahrscheinlich könnte man auch statistisch belegen, dass der Großteil der Mörder in den Kriminalromanen graue Augen hat« (S. 10). Ob das stimmt, wäre für die Digital-Humanities-Branche heutzutage leicht herauszufinden. Die Digital-Humanities-Angestellten würden in diesem Fall ein Korpus von, sagen wir, 25.000 Krimis durch die Maschine jagen, und dann würde das Ergebnis angezeigt werden, zum Beispiel: »74,0% der Mörder*innen in den durchsuchten Kriminalromanen haben graue Augen, 16,0% blaue, 5,0% braune, 3,0% schwarze, 1,9% grüne, und in 0,1% der Kriminalromane wird die Augenfarbe der Mörder*innen überhaupt nicht erwähnt, sodass also die Ich-Erzählerin in diesem Buch von Aslı Erdoğan eindeutig recht hat mit ihrer Vermutung.«

Wie gesagt, ob es sich tatsächlich so verhält, das herauszufinden wäre mittlerweile für die Digital Humanities keine Herausforderung mehr. Aber! Nun müssen wir den nächsten logischen Schritt gehen, d. h., wir brauchen jetzt ein Korpus von 25.000 weltliterarischen Werken, in denen, so wie hier in dem zitierten Satz mit der zu verifizierenden Augenfarbenstatistik­vermutung, Aufgabenstellungen für die Digital-Humanities-Branche enthalten sind. Hier schon mal ein weiteres Beispiel: In einem Brief, den Rosa Luxemburg am 14. Januar 1918 aus dem Gefängnis in Breslau an Sophie Liebknecht schrieb, vermutet sie unter Berufung auf Francé, »daß die hervorragendsten, wissenschaftlichen und literarischen Produktionen berühmter Männer in die Monate Januar–Februar fallen«. Auch hier wäre ja wieder leicht festzustellen, ob das objektiv richtig ist.

Und sobald das besagte Korpus vollständig ist, können wir dann endlich herausfinden, zu wieviel Prozent unsere Weltliterat*innen mit ihren Vermutungen richtig liegen.

Länge des Buches: ca. 140.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Aslı Erdoğan: Der wundersame Mandarin. Aus dem Türkischen von Recai Halliç. Berlin: Edition Galata 2008. S. 3–108 (= 106 Textseiten).

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100-Seiten-Bücher – Teil 151
Assia Djebar: »Die Zweifelnden« (1957)

München, 7. März 2019, 10:15 | von Josik

Nadia, die Ich-Erzählerin in Assia Djebars superstem Roman »La soif« (in dieser Ausgabe hier sehr frei als »Die Zweifelnden«, in einer anderen deutschen Ausgabe korrekt als »Durst« übersetzt), besucht gerne die Kinos und Kasinos in Algier, hört Jazz, hält sich in lauten Cafés auf, mag Überraschungspartys und liebt es, an Autorennen teilzunehmen, bei denen sie ihre Haare im offenen Cabrio flattern lässt, sie ist jung und flippig. Umso mehr sticht ein einzelner Satz im sechsten Kapitel hervor, auf den im ganzen Roman weder davor noch danach wirklich Bezug genommen wird, und nun bitte ich alle, sich kurz hinzusetzen und sich gut festzuhalten, denn dieser Satz lautet also wie folgt: »Ich übersetzte beschwingt einen Aufsatz Senecas über die Mäßigung« (S. 53).

Nun kann man von Seneca ja halten, was man will, aber es steht fest, dass er durchaus zum Austicken neigte. So berichtet er in einem seiner Briefe (Epistulae morales, 56), wie er mal für kurze Zeit über einer Badeanstalt, also über einem römischen Fitnessstudio, gewohnt hat, und er ist sich tatsächlich nicht zu blöd, sich über den Lärm, den die dort herumturnenden Kraftprotze, Masseure, Saunierenden, Wasserplantscher, Kuchenbäcker, Würstelverkäufer, Ballspieler und Achselhaarausrupfer veranstalten, lang und breit zu mokieren. Nur, wo bitteschön sollen Kraftprotze sich denn sonst aufhalten, wenn nicht in einem Fitnessstudio? Seneca und Mäßigung, ach komm, hör mir auf.

Länge des Buches: ca. 190.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Assia Djebar: Die Zweifelnden. Roman. Aus dem Französischen von Rudolf Kimmig. Deutsche Erstausgabe. München: Heyne 1993. S. 5–124 (= 122 Textseiten).

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100-Seiten-Bücher – Teil 150
Leonora Carrington: »Unten« (1973)

München, 5. März 2019, 20:42 | von Josik

Der Titel eines Berichts der supersten Künstlerin Leonora Carrington, »Unten«, hebt sich wohltuend ab von so prätentiösen Titeln wie Günter Wallraffs »Ganz unten« oder Christian Wulffs »Ganz oben – ganz unten«. Leonora Carrington beschreibt eingangs, wie sie sich immer wieder übergeben musste: »Ich hatte das Erbrechen bewußt herbeigeführt, indem ich das Wasser von Orangenblüten trank« (S. 10). Orangenblütenwasser­produktionsfirmen empfehlen eigentlich: »Orangenblütenwasser zur Gesichts- und Körperpflege auf die Haut sprühen«, und nicht: »Orangenblütenwasser trinken, um Erbrechen herbeizuführen«.

Sowieso würde ich von jenen Methoden, mit denen man Schriftsteller*innen zufolge sich oder anderen schaden kann, grundsätzlich eher abraten. So würde ich z. B. auch davor warnen, jene Suizidmethode zu praktizieren, die Elfriede Jelinek im Interview mit André Müller geschildert hat: »[M]ich umzubringen … ich könnte es nur mit Tabletten machen … Man muß die Tabletten, damit man sie nicht auskotzt, mit Apfelmus mischen … und vorher noch zusätzlich Valium schlucken.«

Leonora Carrington berichtet des Weiteren, wie ihr zur Lösung der politischen Probleme in den 1940er-Jahren eine Verständigung zwischen Spanien und England als die beste Lösung erschienen sei: »Ich begab mich deshalb in die englische Botschaft und sprach mit dem Konsul. Ich versuchte, ihn davon zu überzeugen, daß der Weltkrieg geführt werde, weil eine Gruppe von Leuten die Menschen hypnotisiere: Hitler und Co. … und daß es genüge, sich dieser hypnotischen Kräfte bewußt zu werden, um sie zu besiegen, um den Krieg zu beenden und die Welt zu befreien« (S. 26). Und daraufhin kam Leonora Carrington also für kurze Zeit in eine Nervenheilanstalt, nur weil sie, wie jeder normale Mensch, aufgrund der politischen Lage vorübergehend verrückt geworden war.

Länge des Buches: ca. 105.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Leonora Carrington: Unten. Aus dem Französischen von Edmund Jacoby. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1981. S. 5–87 (= 83 Textseiten).

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100-Seiten-Bücher – Teil 149
Carmen Boullosa: »Die Wundertäterin« (1993)

München, 22. Februar 2019, 00:44 | von Josik

Wir waren mitten in der Nacht aufgestanden, denn der ICE 886 fuhr bereits um 6:16 Uhr am Hauptbahnhof los. Als Reiselektüre hatte ich Carmen Boullosas Roman »Die Wundertäterin« eingepackt. Schon kurz nach Nürnberg musste ich anfangen zu lachen. Wie der von der Gewerkschaft angesetzte Privatdetektiv die Wundertäterin beschattet und für diese Aufgabe aber völlig untauglich ist! Alles wird immer abgefahrener, irgendwann kommt sogar der Präsidentschaftskandidat Morales ins Spiel. Das alles wird so rasant erzählt, und ich konnte mich irgendwann überhaupt nicht mehr zurückhalten und musste einfach laut loslachen. Doch je mehr ich lachen musste, desto mehr merkte ich, wie die Mitreisenden mir böse Blicke zuwarfen. Es war mir ja auch irgendwie unangenehm, aber was sollte ich machen?

Im Kopf überschlug ich kurz, dass ich aufhören könnte weiterzulesen. Aber sogleich wurde mir klar, dass diese Idee unsinnig war, denn dann hätte ich die ganze Zeit an das denken müssen, was ich gerade gelesen hatte, und dann hätte ich also wieder loslachen müssen. So gesehen war es viel effizienter, wenn ich weiterlas und über Stellen lachte, die ich noch nicht kannte. Einen kurzen Moment dachte ich auch daran, dass meine Mitreisenden ja nicht wissen konnten, worüber genau ich so lachen musste, und ich überlegte, ob ich ihnen aus Höflichkeit das Buch einfach von vorne vorlesen sollte. Das wäre aber in diesen frühen Morgenstunden bei den mich umgebenden Schlafmützen sicherlich nicht gut angekommen. Ich las also weiter, und lachte und lachte.

Länge des Buches: ca. 220.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Carmen Boullosa: Die Wundertäterin. Roman. Aus dem Spanischen von Susanne Lange. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1995. S. 3–133 (= 131 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)