100-Seiten-Bücher – Teil 201
Friedo Lampe: »Septembergewitter« (1937)

Zu Hause, 27. Mai 2020, 21:47 | von Paco

Schwüler Septembernachmittag, man sitzt draußen im Bürgerpark vor dem Schweizerhaus und trinkt »Bier und Kaffee und Ananasbowle«, dies das, und »da kann es wohl sein, daß man plötzlich an diesen schrecklichen Mord denken muß, der da vor zwei Tagen im Bürgerpark bei der Borkenhütte (…) verübt worden war«. Dieser Mord wird nun aber nicht als großer Kriminalfall ausgewalkt und ist denkbar beiläufig in die Story gewebt.

Na ja, und die Jugend der Kleinstadt bildet Kinderbanden mit Blutritzen als Aufnahmeritual, geht ansonsten fröhlich baden und löst ihre eigenen Fälle. Und zwar jagt sie den gelbhaarigen ›Drachen-Emil‹ und ertappt ihn auf frischer Tat, wie er wieder die Drachenschnur unbescholten spielender Mädchen kappen will. Der Drachen überlebt diesmal und fällt erst später einem Unwetter zum Opfer.

Ein perfekter Hundertseiter, schnell hangelt sich das Auge durch die kurzen Abschnitte, die meist einen Perspektivwechsel mit sich bringen. Die Natur wird durch einen adjektivischen Leuchtfilter gejagt (golddämmernde Stuben, grünbemooste Najadenfiguren, sanftblauer Himmel). Menschliche Handlungen werden oft erst geheimnisvoll angedeutet, und dann schnappen sich eben die Kinder nach dem Abendbrot ihren toten Drachen »und waren schon zwischen den Büschen verschwunden«, um ihn ein paar Seiten später mit einer feierlichen Rede zu bestatten.

Gerahmt übrigens werden die Geschehnisse von der Ballonfahrt des Mr. Pencock und seiner Tochter Mary. Sie sehen von oben das anonyme Städtchen, und das Städtchen sieht hoch im Himmel den anonymen Ballon. Die Erzählrichtung ist vertikal.

Länge des Buches: ca. 1xx.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Friedo Lampe: Septembergewitter. Göttingen: Wallstein 2001. S. 3–125 (= 123 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

Der ermordete Dachdecker

Zu Hause, 8. April 2020, 10:05 | von Paco

Kalter Märzmorgen in Paderborn, die Sonne steht lustlos am Firmament, »als ob ein Pfuscher von Maler sie hingepinselt hätte« (Kotzebue). Also sitzen wir erst mal in der Lobby des Best Western und essen runtergesetzte Hachez-Pralinen.

Ein paar Minuten später laufen wir die Pader hinunter Richtung Schloss Neuhaus. Dort prangt am Dachfirst des Westgiebels ein steinern hingeklumptes »Denkmal für den ermordeten Dachdecker«. Tatzeit: 17. Jahrhundert. Alles Weitere steht in der Ballade »Kurt von Spiegel«, die Annette von Droste-Hülshoff dem Täter gedichtet hat.

Wir lesen uns das Gedicht theatralisch am Handyscreen vor. Highlight – Bruchteil einer Sekunde – der Dachdecker »hört den Knall, und die Kugel noch pfeifen«, also derselbe Moment, den Manet auf seinem Gemälde von der Erschießung Maximilians festgehalten hat.

Am nächsten Morgen beim Frühstück würden wir einer amerikanischen Kollegin über Kurt von Spiegel und seine Tat berichten, woraufhin sie antworten würde: »What an asshole, I hope they punished him hard for that.« (Which they did, davon handelt der zweite Teil von Drostes Ballade.) Aber von dieser zukünftigen Begegnung wissen wir noch nichts, als wir vom Schloss aus mit dem Bus Nr. 8 zurück in die Innenstadt fahren.

In einem Café am Rathausplatz ist dann etwas passiert. Wir sitzen und trinken eine Wasserschorle, während am Nebentisch jemand eine überregionale Zeitung liest. Doch bevor diese Zeitung in unser Leben tritt – denn das wird sie gleich tun – sprechen wir noch über Chamisso und seine Grammatik der hawaiianischen Sprache, über unser Karl-Kraus-Marstheater-Projekt, über die ZDF-Verfilmung von Juli Zehs »Unterleuten«, über Thea Dorn und dann komischerweise auch über Rezzo Schlauch.

Denn zum einen hatte Rezzo Schlauch damals in der Nr. 3 von Christian Krachts sagenhafter Zeitschrift »Der Freund« einen Artikel veröffentlicht, an den wir uns nun zu erinnern versuchen. Zum anderen sieht der Zeitungsleser am Nebentisch ein bisschen aus wie Rezzo Schlauch.

Das Schlauch-Double hat sich in seine Zeitung hineingelehnt, und es sieht ja sowieso meist supergut aus, wenn Leute Zeitung lesen. Was er aber nicht bemerkt, ist, dass sich das erste Zeitungsbuch nach vorn in die idyllische Kerzenflamme zu beugen beginnt und rasch Feuer fängt.

Da brennt dann also tatsächlich vor unseren Augen die Zeitung, und gut brennt sie, das erste Zeitungsbuch ist längst Lohe, und wir von unserer Perspektive aus hören sozusagen »den Knall, und die Kugel noch pfeifen«, und in dem Moment will Rezzo eine Seite zurückblättern, und die Flamme springt ihm ins Gesicht.

Dafür, dass das so ein jäher Kurt-von-Spiegel-Moment ist, geht er erstaunlich schnell und schmerzlos vorüber. Zeitung fällt auf Boden, Feuer wird ausgetreten, Dachdecker hat diesmal überlebt, Kellnerin kommt, routiniert, okay, nicht das erste Mal.

Und ach so, Thomas Kling habe ich oben in der Aufzählung unserer Gesprächsthemen noch vergessen, Thomas Kling und sein Gedicht »Tumulus Muckibude«, das sich einer näheren Betrachtung des Fürstenberg-Denkmals verdankt, das im Dom zu Paderborn steht, und dahin! dahin! machen wir uns nun auf den Weg.

»Aloha! nui nui aloha.« (Chamisso)
 

Literatur in Zeiten des Wir

Zu Hause, 7. April 2020, 10:15 | von Paco

#literaturwirus

· dédié à Peter Glaser ·

 
»Ich glaube fest daran, dass wir diese Aufgabe bestehen.«
– Angela Merkel, 18. März 2020

»Der Herr ist mein Wirte, mir wird nichts mangeln.«
– König David, um 1.000 v. Z.

»Das Wir entscheidet.«
– SPD, 2013
 

  • Homer: Die Wirfahrten des Odysseus (8. Jh. v. Z.)
  • Shakespeare: King Wir (1606)
  • Wolfram von Eschenbach: Wirzival (frühes 13. Jh.)
  • Vivaldi: Die Wir-Jahreszeiten (1725)
  • Goethe: Götter, Helden und Wirland (1773)
  • Goethe: Die Leiden des jungen Wirthers (1774)
  • Goethe: Wir kommen und Abschied (1775)
  • Lessing: Nathan der Wirse (1779)
  • Schiller: Die Wirschwörung des Fiesco zu Genua (1783)
  • Goethe: Wirhelm Meisters Lehr- und Wanderjahre (1796/1829)
  • Schiller: Wirhelm Tell (1804)
  • Goethe: Die Wirverwandtschaften (1809)
  • Goethe: Aus meinem Leben. Dichtung und Wirheit (1811–1831)
  • Jane Austen: Stolz und Wirurteil (1813)
  • E. T. A. Hoffmann: Die Elixwire des Teufels (1816)
  • Georg Büchner: Wirzeck (1837)
  • William Makepeace Thackeray: Vanity Wir (1848)
  • Gustave Flaubert: Madame Bowiry (1857)
  • Dostojewski: Wirbrechen und Strafe (1866)
  • Adalbert Stifter: Wiriko (1867)
  • Leo Tolstoy: Voyna i Wir (1869)
  • Arthur Conan Doyle: Wirlock Holmes (1887ff.)
  • Theodor Fontane: Irungen, Wirungen (1887)
  • Karl May: Wirnetou I–III (1893)
  • Karl May: Durch die Wirste (1895)
  • Robert Musil: Die Verwirungen des Zöglings Törleß (1906)
  • Adolf Loos: Ornament und Wirbrechen (1908)
  • E. M. Forster: Wir sehen in Howards End (1910)
  • Thomas Mann: Der Tod in Wirnedig (1912)
  • Thomas Mann: Wirsungenblut (1921)
  • Erich Maria Remarque: Im Wirsten nichts Neues (1929)
  • Marieluise Fleißer: Eine Wierde für den Wirein (1931)
  • H. P. Lovecraft: Berge des Wirsinns (1936)
  • Margaret Mitchell: Vom Winde verwirt (1936)
  • George Orwell: Farm der Wire (1945)
  • Evelyn Waugh: Wir sehen mit Brideshead (1945)
  • George Orwell: 198wir (1949)
  • J. D. Salinger: Wir Fänger im Roggen (1951)
  • Heinrich Böll: Wirisches Tagebuch (1957)
  • Heinrich Böll: Billard um halb wir (1959)
  • Harper Lee: Wir die Nachtigall stört (1960)
  • Heimito von Doderer: Die Wirowinger oder Die totale Familie (1962)
  • Friedrich Dürrenmatt: Die Wirsiker (1962)
  • Thomas Pynchon: Die Wirsteigerung von No. 49 (1966)
  • Gabriel García Márquez: Hundert Jahre Wirsamkeit (1967)
  • Jane Gardam: Weit weg von Wirona (1971)
  • Fynn: Hallo, Mister Gott, wir spricht Anna (1974)
  • Peter Weiss: Die Ästhetik des Wirstands (1975–1981)
  • Johannes Mario Simmel: Hurra wir leben noch (1978) 🙃
  • Thomas Bernhard: Wirgensteins Neffe (1982)
  • Rainald Goetz: Wirre (1983)
  • Hans Wollschläger: Wire sehen dich an (1987)
  • Margriet de Moor: Der Wirtuose (1993)
  • Peter Handke: Mein Jahr in der Wirmandsbucht (1994)
  • Dietmar Dath: Wir immer in Honig (2005)
  • Michel Houellebecq: La possibilité d’un Wir (2005)
  • Jonathan Littell: Die Wirgesinnten (2006)
  • Uwe Tellkamp: Wir Turm (2008)
  • Jonathan Safran Foer: Wire essen (2009)
  • Juli Zeh: Corpus Wirlicti (2009)
  • Christian Kracht: Wirperium (2012)
  • Timur Vermes: Er ist wir, der da (2012)
  • Paul Auster: Wir 3 2 1 (2017)
  • Rudolf Borchardt: Wirpuff Berlin (2018)

 

Buon Caraviaggio!

Hamburg, 3. April 2020, 10:19 | von Dique

Wer wollte nicht schon mal alle Gemälde eines bestimmten Künstlers abreisen. Soll es schnell gehen, dann bieten sich Künstler an, deren Œuvre klein ist, so wie Vermeer (± 36 Gemälde) oder Leonardo da Vinci (± 15). Bei Rembrandt ist das schon eine ganz andere Art von Heraus­forderung, denn wie Wilhelm Bode mal sagte, hat Rembrandt ja »700 Bilder gemalt, von denen 3000 erhalten sind«.

Caravaggio liegt irgendwo dazwischen, je nach Zählung gibt es um die 80 anerkannte Gemälde. Das sind schon genug, um sich später mal zu ärgern, dass man beim Business Trip nach Fort Worth, Texas, vergessen hat, sich im dortigen Kimbell Art Museum den Caravaggio anzusehen, wie das vor gar nicht langer Zeit dem Sohn einer Arbeits­kollegin des Onkels meiner Schwägerin passiert ist.

Idealerweise gäbe es eine App, in der man alle Künstler antickt, für die man sich interessiert, und dann erhält man an Flughäfen oder Bahnhöfen direkt bei der Ankunft eine Pushnachricht, dass man zum Beispiel den dortigen Caravaggio noch nicht abgehakt hat, und erfährt gleich dazu, wie man da jetzt am schnellsten hinkommt.

Okay, Caravaggio. Schauen wir uns das mal etwas genauer an. Wie könnte man da systematisch rangehen.

Wenig überraschend hängen die meisten Caravaggios in Italien, weit über die Hälfte, und die meisten davon verteilen sich auf nur zwei Städte. Man könnte sich also locker in einer Woche Rom plus Florenz ein Drittel aller Caravaggios anschauen. Das größte Cluster befindet sich dabei in der Villa Borghese, in der man gleich sechs auf einen Streich präsentiert bekommt (zusätzlich haben sie noch zwei Zuschreibungen). Wow.

Wie man so einen Caravaggio-Speedrun in Neapel oder auf Sizilien macht, haben wir bereits ausführlich beschrieben.

In den USA gibt es immerhin zehn Gemälde, die Hälfte davon in New York. Für den Rest muss man sich etwas strecken, Cleveland, Detroit, Kansas City, Princeton und eben Fort Worth in Texas. Im Fall von Fort Worth handelt es sich auch noch um die wunderbaren »Falschspieler«. Da sollte man lieber mal ein Business Lunch sausen lassen und im Museum vorbeischauen.

In Deutschland gibt es immerhin noch drei Gemälde von Caravaggio. Leider muss man »noch« sagen, denn drei Stücke des Kaiser-Friedrich-Museums in Berlin haben den Zweiten Weltkrieg nicht überstanden. Zwei der noch vorhandenen Gemälde haben Johannes den Täufer als Motiv. Mindestens achtmal hat Caravaggio ihn zum Bildmittelpunkt erkoren, und der in der Berliner Gemäldegalerie ist auf jeden Fall einer der spektaku­lärsten seiner Art, derjenige in München ist in einer Privatsammlung und nicht öffentlich zugänglich. In Potsdam hängt dann noch ein weiteres Top-Bild, »Der ungläubige Thomas«, und wie Caravaggio den Thomas seinen rechten Zeigefinger in die Wunde schieben lässt, fasziniert und erschauert mich immer wieder bis ins Mark.

Die folgende Grafik orientiert sich an den Zahlen der »List of paintings by Caravaggio« in der englischsprachigen Wikipedia. Weggelassen haben wir alle Gemälde, die als zugeschrieben oder zweifelhaft gelten, ebenso wie die zerstörten und gestohlenen Werke. Die wenigen Bilder in Privat­sammlungen haben wir drin gelassen.

Buon Caraviaggio!

*

Caravaggio-Gemälde: Verteilungsübersicht
 
Caravaggio-Gemälde: Verteilungsübersicht weltweit.
Grafik lizenziert unter CC BY 4.0.

 

100-Seiten-Bücher – Teil 200
Nicolas Darvas: »How I Made $2,000,000 in the Stock Market« (1960)

Hamburg, 22. Februar 2020, 15:20 | von Dique

»Even though the book was well written, the message was too simple and can be expressed in four of five sentences. While everyone know these rules, none bother to follow them.«

– irgendjemand auf goodreads.com

Nicolas Darvas war eigentlich Tänzer und in den 50ern wohl auch sehr berühmt für seine Bühnenperformances. Als er für einen seiner Auftritte in Kanada mal Aktien anstatt eines Honorars in Cash bekam, war er schnell hooked und konnte seitdem nicht mehr von der Spekulation an der Börse lassen.

In der Glanzzeit seiner Tanzkarriere reiste Darvas ständig um die Welt, Europa, Amerika, Asien. Auf seinen Reisen und neben seinen Auftritten arbeitete er sich regelmäßig durch den Börsendienst Barron’s und versuchte heiße Investmentkandidaten zu identifizieren. Heute wäre es kein Problem, sich überall auf der Welt mit den aktuellen Börsenkursen zu versorgen und dann auch direkt online zu traden. In den 50ern war das aber nicht so einfach und ein Trade noch recht teuer, im Vergleich zu 4,99 Schlaffies beim Wald-und-Wiesen-Onlinebroker um die Ecke.

Darvas lässt sich also damals an seine Auftrittsorte regelmäßig Telegramme von seinem Broker schicken, enthaltend die letzten Kursen bestimmter Aktien, die er unter Beobachtung hatte, und machte seine Trades dann per Telegramm oder Telefon.

In seinem Buch beschreibt er Schritt für Schritt seine wunderbare Transformation vom Newbie, der jedem heißen Tipp auf den Leim geht, zum Mastertrader, der sich von allem nutzlosen Buzz abschottet und eigenständig und systematisch handelt. Er macht so ziemlich alle Fehler, die man machen kann, wenn man einmal anfängt, Aktien zu kaufen. Doch anders als das durchschnittliche Anlegerwürstchen analysiert er seine Fehler bis ins letzte Detail und macht dann den nächsten Fehler, richtet sich wieder auf und macht weiter, bis er, wenn man so will, den Code geknackt hat.

Darvas entwickelte sein eigenes Trendfolgesystem und beschreibt gleichzeitig, in der vielleicht noch essenzielleren Erkenntnis, ziemlich genau die Traderpersona, die fast alle der von Jack D. Schwager befragten Trader aus seiner »Market Wizard«-Reihe aufweisen. Kurz: Break-Outs kaufen, Gewinne laufen lassen und Verluste kurz abschneiden und dabei sehr diszipliniert sein. Mehr ist es eigentlich nicht, wenn es denn wirklich so einfach wäre.

Mit seinem eigenen »Break-Out-Trendfolgesystem«, beruhend auf sogenannten Darvas-Boxen, machte er dann innerhalb weniger Jahre aus einem kleinen fünfstelligen Betrag über 2 Millionen Dollar. Es herrscht ein kleiner »Streit« in der Investmentwelt, ob er denn nun wirklich die besagten 2 Millionen machte oder nicht, aber zumindest konnte er nachweisen, dass er aus wenig sehr viel Geld machen konnte und das in relativ kurzer Zeit.

Dürfte ich auf eine einsame Insel nur 10 Investmentbücher mitnehmen, »How I Made …« wäre eines davon.

Länge des Buches: ca. ???.??? Zeichen. – Ausgaben:

Nicolas Darvas: How I Made $2,000,000 in the Stock Market. [Miami]: BN Publishing 2008. S. 3–133 (= 131 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

Mit Novalis im Gorkipark

Moskau, 18. Februar 2020, 16:04 | von Paco

Hi! From Russia with love… Es war spät schon wieder. Ich saß noch in meinem Bureau of Investigations an der School of Linguistics und arbeitete an unserem Karl-Kraus-Marstheater-Dings, mehr dazu irgendwann demnächst mal. Jedenfalls kam Kollegin rein und schrie mich an: Hör auf zu arbeiten! Und komm, wir gehn eislaufen.

Und auch Novalis zog mich weg vom Desk, denn in einem Übersprungs­gedanken war sofort sein Jünglingswerk präsent, und ich ging zum prall gephyllten Bücherregal und entwand ihm den Reclamband 7991, Seite 9:

Blühender Jüngling, dem noch Kraft im Beine
Der nicht Kälte, als deutscher Jüngling scheuet
Komme mit zur blendenden Eisbahn, welche
    Glatt wie ein Spiegel.

Schnalle die Flügel an vom Stahle, welche
Hermes jetzt dir geliehn, durchschneide fröhlich
Hand in Hand die schimmernde Bahn und singe
    Muntere Lieder.

Ein herrliches jugendliches Experiment mit der sapphischen Ode, und es folgen noch zwei Strophen, in denen es darum geht, dass irgendwelche Nymphen Löcher in den zugefrorenen See brechen könnten, Novalis war noch nicht Allianz-versichert.

Im Gorkipark keine Löcher, frisch gespritztes Eis, 20.000 Quadratmeter Fun für angeblich bis zu 6.000 Leute. Heute Abend viel weniger da, die »Stahlflügel« (Novalis) wetzen fast von allein übers Eisparkett.

Man kann in diesem Spiegelparadies theoretisch wochenlang überleben, denn es gibt dutzende Restaurants und Imbissbuden am Rand des Parcours, alles ist mit Gummimatten ausgelegt, man muss die Skates also nie ausziehen und kann mal so richtig schön essen gehen, immer im Wechsel mit ein paar Runden Eislauf.

Leichter Schneefall setzt ein, wie unendlich nice.
 

100-Seiten-Bücher – Teil 199
Uwe Timm: »Freitisch« (2011)

Hamburg, 20. Dezember 2019, 15:23 | von Dique

Ein Buch über Arno-Schmidt-Fans und am Ende kommt es sogar zum Showdown mit dem »Meister« (im Buch reden sie tatsächlich immer von »Arno«, das ist auch nicht so schön) und darauf muss man gar nicht allzu lange warten, denn es ist ja ein kurzes Buch.

Ich war sofort neugierig geworden, als mir jemand beim gemeinsamen Mittagessen von dem Buch erzählte. Es war jemand, der in einem Buchklub ist, oder einem Lesezirkel, wo dann also jedes Mitglied ein Buch liest bzw. alle das gleiche, aber für sich, und dann trifft man sich und spricht darüber. Ich hielt es nicht für möglich, mal jemanden kennenzulernen, der tatsächlich Mitglied von so einem Buchklub oder Lesezirkel ist und nun endlich konnte ich all die vielen Fragen stellen, die sich über die Jahre zu dem Thema bei mir angesammelt hatten.

Was mich neben Schmidt und der Schmidt-Fan-Idee an dem Buch reizte, war der »Freitisch« als solches, eine Art Essenssponsoring für Studenten, die dadurch kostenlos an bestimmten Orten wie Bürgerhäusern oder Wirtschaften mit Mahlzeiten versorgt werden, finanziert von Stiftungen, Organisationen, Firmen.

Gibt’s heute wohl eher nicht mehr, aber an einem solchen Freitisch beginnt die Handlung, denn dort treffen sich einige Studenten, von denen einer großer Arno-Schmidt-Fan ist. Er fixt die anderen an und dann sind sie eben alle mehr oder weniger Fans von »Arno«.

Nachdem der Freitisch aufgelöst wird, verlieren sich die Studenten aus den Augen. Nach vielen, vielen Jahren treffen sich zwei davon zufällig wieder, in Anklam, of all places. Das ist aber wohl gar nicht so verwunderlich, sondern ganz pfiffig so angelegt, denn die feine, kleine Novelle spielt generell in der Provinz, zunächst in München, dann Anklam und schließlich in Bargfeld, am und kurz auch im Haus von Arno Schmidt.

Der letzte Teil ist der versöhnlichste, ein sehr schönes Finale, das ein bisschen über die Lesezeit hinwegtröstet. Diese mag zwar kurz sein wie üblich in dieser Hunderseitenreihe, aber zwischen Freitisch und Showdown in Bargfeld muss man ziemlich viel 68er-Herumonkeln über sich ergehen lassen, in Anklam, in einem Straßencafé. Der eine ist Lehrer, hat sich in den Osten Deutschlands zurückgezogen, lebt also ein bisschen wie Schmidt, der andere quirliger Geschäftsmann auf der Durchreise, Yin und Yang vom allerfeinsten.

Länge des Buches: ca. ???.??? Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Uwe Timm: Freitisch. Novelle. Vom Autor neu durchgesehene Ausgabe. München: Dt. Taschenbuch-Verlag 2012. S. ??–?? (= ??? Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

100-Seiten-Bücher – Teil 198
Urs Widmer: »Der blaue Siphon« (1992)

Moskau, 16. Dezember 2019, 21:32 | von Larissa

Manchmal fällt einem das Glück in den Schoß. In diesem Fall fiel mir das Glück in Form eines Softcover-Diogenes-Buchs von Urs Widmer zwischen die Beine, als ich in Moskau – tatsächlich ziemlich ruckelig – landete. Da hatte wohl jemand sein Glück beim Aufsetzen des Flugzeugs nicht gesichert und lief jetzt, danach suchend, durch die Reihen. Ich hielt es ihm entgegen, wir gründeten den »Urs Widmer Bookclub Moskau« und es gab ein Happy End.

Aber so einfach ist es mit dem Glück ja selten und »Der Geliebte der Mutter« ist das eine, aber »Der blaue Siphon« das andere. Wenn man sich ein Bild von einem Buch gemacht hat, ohne es gelesen zu haben, ist es eben nur ein Bild von einem Buch. Man nähert sich dem Buch nur durch ›gefühltes Lesen‹ und sitzt dabei möglicherweise einer Missinterpretation auf.

Ein wenig bittersüße Versöhnung gab es dann aber doch. Ich fand sie in folgenden Zeilen: »Allerdings erwog der Junge auch, daß diese [Weltenwand] eher so etwas wie ein himmelsgroßer Film, eine in die Landschaft geworfene Lichtmauer sein könnte, durch die ein jeder, erreichte er sie nur, hindurchzugehen vermöchte.« (S. 84)

Länge des Buches: ca. 195.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Urs Widmer: Der blaue Siphon. Erzählung. Zürich: Diogenes 1994. S. 3–102 (= 100 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

100-Seiten-Bücher – Teil 197
Louise de Vilmorin: »Madame de« (1951)

Hamburg, 13. Dezember 2019, 16:05 | von Dique

Louise de Vilmorin war mal kurzzeitig mit Antoine de Saint-Exupéry verlobt, genau, dem Autor von »Der kleine Prinz«, dem weltbekannten und sehr beliebten Lieblingsbuch des deutschen Rechtsanwalts, CDU-Politikers und zehnten Bundespräsidenten der BRD, Christian Wulff.

»Madame de …« war eine ungebetene Empfehlung von Josik, dem nach seiner eigenen Lektüre zwar keine typische 100-Seiten-Buch-Rezension einfiel, der allerdings der Meinung ist, dass er durch dieses Buch verstanden hat, warum der Kapitalismuskreislauf (so drückte er sich aus) nicht kollabieren wird. Gewohnt scharfsinnig hat er damit auch gleich die Quintessenz der Geschichte erkannt. Es geht um ein paar diamantbesetzte Ohrringe, die immer und immer wieder in den Umlauf geraten, früher oder später beim immer gleichen Juwelier landen und immer wieder an den gleichen Kunden verkauft werden. Wie oft das passiert, werde ich hier aber nicht auch noch spoilern.

Ansonsten geht es um Liebe und Liebesbriefe, feine Manieren und Festivitäten in Salons, also der wunderschönen Glitzerwelt mit dem Duft von gutem Parfum in Umkleidezimmern feiner Damen und erröteten Wangen unter leicht gepuderten Gesichtern, also der heilen Welt von vor ca. 10 oder 20 Jahren, hehe.

Ich dachte natürlich wegen der Ohrringe und der Geschichte an einen Vorläufer von »Diamonds Are a Girl’s Best Friend« aus »Blondinen bevorzugt«, doch dann fiel mir wieder ein, dass das Buch gar nicht so alt ist, auch wenn Louise de Vilmorins Art zu schreiben an Fontane oder gar Kleist erinnert. »Blondinen bevorzugt« kam doch schon ein paar Jahre früher auf den Markt und ob es einen Zusammenhang zwischen Musical und Buch gibt, hätte man Frau de Vilmorin fragen müssen oder man könnte eben einfach mal selbst so richtig drauflos recherchieren.

Außerdem erinnert mich Louise de Vilmorin ein wenig an die wunderbare Fotografin Tina Barney, die nach Lust und Laune Personen aus ihrem gut situierten Bekanntenkreis portraitiert, bescheiden und sorgenfrei (wahrscheinlich unterstellt), in dieser eleganten Leichtigkeit, wie es nur diese ganz besondere und seltene Art von »Luxuskunst« kann.

Auch nicht ganz uninteressant ist, dass dies nach Fanny Gräfin zu Reventlow nun schon das zweite Mal ist, dass mir Josik eine adlige Dame empfiehlt, die über Geld schreibt.

Länge des Buches: ca. 195.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Louise de Vilmorin: Madame de. Roman. Aus dem Französischen neu übersetzt von Patricia Klobusiczky. München: Piper Verlag 2013. S. 3–125 (= 123 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

100-Seiten-Bücher – Teil 196
Irene Dische: »Zwischen zwei Scheiben Glück« (1997)

München, 6. Dezember 2019, 10:35 | von Josik

Wie alle, die mal die Schule besucht haben, sehr gut wissen, ist es zwar einerseits manchmal unabdingbar, Inhaltsangaben zu verfassen, macht andererseits aber überhaupt keinen Spaß, oder sagen wir, zumindest macht es überhaupt keinen Spaß, Inhaltsangaben, die länger sind als ein Satz, zu verfassen, und so sei dieses unglaubliche, perfekte Buch, das hauptsächlich zwischen dem 9. November 1938 und dem 2. März 1944 u. a. in Budapest und Berlin spielt und in dem es v. a. um den nüchternen Dr. Nagel und dessen heißspornigen Sohn Laszlo und dessen kleinen Sohn Peter geht, hiermit allen, allen, allen ans Herz gelegt.

Länge des Buches: ca. 100.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Irene Dische: Zwischen zwei Scheiben Glück. Aus dem Englischen von Reinhard Kaiser. München: Carl Hanser Verlag 1998, 2018. S. 3–86 (= 84 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)