Kafka, El Hotzo, Verabschiedungen

Berlin, 3. Mai 2024, 19:35 | von Paco

Mal ein kleiner Bericht von heute. Ich habe noch nie proaktiv Erdnüsse oder ähnliche Nussprodukte gekauft, stehe aber kurz davor, glaube ich. Und zwar geht mir der Nüsse kauende Kafka aus der gleichnamigen ARD-Serie nicht mehr aus dem Sinn.

Kafka, in der Bestbesetzung Joel Basman, dessen Finger sich in die Schale voll Nüssen versenken und ein paar davon in den Mund schaufeln, und dann geht es los, nach der Kaumethode von Horace Fletcher, kau kau schmatz, herrlich, endlos, auch beim Date mit Felice Bauer.

Aber was anderes, in letzter Zeit höre ich snippetweise in Podcasts rein, für die ich eigentlich gar keine Zeit habe, und das ist eine gute Sache, so wie man manchmal auf der Straße interessante Einzelsätze aufschnappt von Leuten, an denen man vorüberzischt.

So also kam ich zu einem Snippet aus dem Podcast von El Hotzo und Salwa Houmsi, das mich natürlich sofort erinnerte an die eine Stelle in »Faserland«, in der es heißt, dass, »wenn es keinen Krieg gegeben hätte«, dass dann »Deutschland so wie das Wort Neckarauen« wäre:

»Wenn der Freistaat Bayern so wäre wie das Wort ›einkehren‹, dann hätten wir kein Problem mit ihm.«

(Hotz & Houmsi: »Skincare-Propaganda«, 27. April 2024, ca. 57:55)

Was sonst noch, guter Empfang heute in der U3, da textete ich ein bisschen und fiel mit Josik in ein unvorhergesehenes Rabbit Hole, nämlich die Grußformeln, die man über das wunderbare Projekt correspSearch aus digitalisierten Briefen herausziehen kann, und so ging es dann hin und her:

  • »Nochmals um recht baldigen Bescheid bittend und mich aufs Wiedersehen freuend, mit herzlichen Grüssen« (Quelle)
  • »Mit der ganz untertänigsten Bitte an die Hohe Gräfliche Familie einen schönen Handkuss samt herzlichem Gruß entrichten zu wollen, unterzeichnet sich« (Quelle)
  • »Erhalten Sie mir Ihr wohlwollendes Andenken und Ihre Freundschaft, und nehmen Sie die Versichrung meiner ausgezeichnetesten Hochachtung und Ergebenheit an.« (Quelle)
  • »Empfangen Sie theuerster Freund die erneuerte Versicherung meiner ausgezeichneten und freundschaftlichen Hochachtung.«
    (Quelle)
  • »Es sind die Gesinnungen der vorzüglichsten Hochachtung und wahren freundschaftlichen Anhänglichkeit, mit denen ich verharre« (Quelle)
  • »Ich verbleibe mit tiefester Verehrung und Anhänglichkeit Ew. Königlichen Hoheit unterthanigstgehorsamster« (Quelle)
  • »Seien Sie herzlichst gegrüßt, auch von meiner Frau, die sich auf der Terrasse sonnt. Ihr« (Quelle)

Usw.

Und dann brannte noch diese Fabrikhalle in Lichterfelde und Katwarn wurde ausgelöst: »Giftige Rauchgase aufgrund eines Brandes in einem Störfallbetrieb«.

Für Luisa 🖤

Mainz, 13. April 2024, 14:40 | von Paco

In der heutigen FAZ wurde unsere gemeinsame Traueranzeige veröffentlicht.

Traueranzeige für Gisela Trahms, FAZ, 13. April 2024

Unter dem Spitznamen Luisa hat Gisela Trahms 23 Texte im »Umblätterer« veröffentlicht.

Giselas erste Mail an mich datiert vom 4. September 2010. Damals hatte ich ihren eingesandten Beitrag noch abgelehnt, da wir keine herkömmlichen Rezensionen veröffentlichen. Sie blieb aber hartnäckig, und was in Gregor Dotzauers Nachruf im »Tagesspiegel« steht, haben wir genau so erlebt: »Je älter sie wurde, desto stärker interessierte sie sich sogar für die Jüngeren.«

Sie hat sich dann wirklich in »Umblätterer«-Form und -Stil reingedacht und am 20. Juli 2011 erschien unter dem von ihr gewünschten Spitznamen Luisa ihr erster Beitrag, zur Hundertseiter-Sektion.

Legendär ihr Text über Vermeer, auf den Wolfgang Herrndorf himself in den Kommentaren reagiert hat.

Zuletzt hat sie noch den Blurb für das Hundertseitenbuch von Josik geschrieben.

Sie war auf so viele Weisen eine Bereicherung für unsere Leipziger Jungstruppe. Ich bin sehr froh, dass Sie sich uns ausgesucht hat.

*

Gisela Trahms (Foto: Jochen Trahms, lizenziert unter der CC BY 4.0)
Gisela Trahms (Foto: Jochen Trahms, CC BY 4.0)

Von der Familie stammt folgender Lebensabriss, den wir dankenswerterweise hier veröffentlichen dürfen:

Am 31. Januar 1944 wird Gisela Lore Trahms als Tochter des Ingenieurs Rudolf Schulz und seiner Frau Hildegard, geb. Koch, in Eickelborn (Kreis Soest) geboren. Der Vater wird während des Zweiten Weltkrieges 1945 in Rumänien vermisst. Die Mutter heiratet 1952 in zweiter Ehe den Bankinspektor Arno Lange, der Gisela adoptiert. Die Familie zieht nach Düsseldorf. 1963 legt Gisela Trahms am Theodor-Fliedner-Gymnasium in Düsseldorf das Abitur ab und beginnt eine Buchhändlerinnenlehre in der Schrobsdorff’schen Buchhandlung in Düsseldorf. Nach erfolgreichem Abschluss ihrer Lehre beginnt sie 1965 ein Studium der Germanistik und Romanistik in Freiburg und Kiel und heiratet 1966 in Bonn den Studenten der Medizin Hans-Joachim Trahms. Am 4. Januar 1967 wird ihr gemeinsamer Sohn Jesko geboren. Ihr Studium nimmt Gisela Trahms im Jahr 1970 wieder auf und beendet es 1974 in den Fächern Deutsch und Philosophie an der Universität Düsseldorf mit dem ersten Staatsexamen. Am 16. September 1975 wird Tochter Julia geboren. Gisela Trahms promoviert 1980 an der philosophischen Fakultät der Universität Düsseldorf über »Sprache und Defizit – Aspekte des Verhältnisses von Aphasie-Forschung und Linguistik«. Von 1981 bis 2005 arbeitet sie als Oberstudienrätin am Albert-Einstein-Gymnasium Kaarst bei Düsseldorf. Ab 2008 widmet sie sich voll und ganz der Literatur, schreibt Kritiken und Rezensionen in Feuilletonblogs (umblaetterer.de, poetenladen.de), schreibt für verschiedene Zeitungen wie den »Tagesspiegel«, die »Literarische Welt«, »Volltext«, die »Frankfurter Allgemeine Zeitung« (darin für die Frankfurter Anthologie) und veröffentlicht auch eigene Texte in Literatur-Magazinen (»Am Erker«, SuKuLTuR-Verlag). Von 2009 bis 2010 veröffentlicht sie außerdem gemeinsam mit ihrer Tochter den Podcast »Abicast«, in dem sie die Literatur bespricht, die Schüler*innen für das neu eingeführte Zentralabitur in Nordrhein-Westfalen kennen müssen, und so eine ganz neue Form der Lernhilfe bietet.
 

Book-Release-Party
»100 superste 100-Seiten-Bücher«

Berlin, 27. März 2024, 15:43 | von Paco

Der Band ist im Dezember 2023 erschienen, die Book-Release-Lesung fand letzte Woche, am 22. März 2024, während der Leipziger Buchmesse statt:

Leipziger Lesung '100 superste 100-Seiten-Bücher', 22. März 2024

Die Setlist wie folgt:

  1. Einleitung
  2. Agatha Christie: »Das Geheimnis von Greenshore Garden« (1954/2014)
  3. Pearl S. Buck: »Die Frau, die sich wandelt« (1937)
  4. Annie Ernaux: »La Place« (1983)
  5. Ljudmila Ulitzkaja: »Sonetschka« (1992)
  6. Irmtraud Morgner: »Die wundersamen Reisen Gustavs des Weltfahrers« (1972)
  7. Marie von Ebner-Eschenbach: »Die Freiherren von Gemperlein« (1878)
  8. Doris Lessing: »Die Versuchung des Jack Orkney« (1972)
  9. Marie Darrieussecq: »Hiersein ist herrlich. Das Leben der Paula Modersohn-Becker« (2016)
  10. Elizabeth C. Gaskell: »Sechs Wochen in Heppenheim« (1862)
  11. Eva Illouz: »Die neue Liebesordnung« (2013)
  12. Saphia Azzeddine: »Zorngebete« (2008)
  13. Birgit Vanderbeke: »Alberta empfängt einen Liebhaber« (1997)
  14. N. N.: »Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland« (1949/2017)
  15. Marguerite Duras: »Sommer 1980« (1980)
  16. Mayra Montero: »Bolero der Leidenschaft« (1991)
  17. Yasmina Reza: »Eine Verzweiflung« (1999)
  18. Hedwig Dohm: »Werde, die du bist« (1894)
  19. Irmgard Keun: »D-Zug dritter Klasse« (1938)
  20. Gudrun Pausewang: »Wetten, daß Goethe den Wahnsinn verböte« (1992)
  21. Marguerite Yourcenar: »Mishima oder die Vision der Leere« (1980)

»100 superste 100-Seiten-Bücher« ist gleichzeitig auch Band 2 unserer bei Ille & Riemer erscheinenden Reihe »Schriften des Umblätterers«. Band 1 ist 2017 erschienen: »Abenteuer im Kaffeehaus«. Rein rechnerisch erscheint der nächste Band also in 6 bis 7 Jahren.
 

Zebra

Palma de Mallorca, 1. März 2024, 19:26 | von Dique

Danke, hab ich grad in den Messenger gesprachnachricht. Paco hat mir vor zwei Stunden einen SPIEGEL+-Geschenkartikel geschickt, den hier:

»Das Doppelleben von Ex-Wirecard-Manager Marsalek«

Was für ein Filou der Maršáboy. Und der »Spiegel«, wow, quasi seit 2015 nicht mehr in ihn reingeschaut und noch immer beginnen die Geschichten in zum Beispiel einem Hafen, wo der Mann mit den kurzen Haaren und im schwarzen Anzug an einem sonnigen Tag seine Komplizin trifft und dann irgendeine Yacht besteigt. So mitreißend wie die Romane von Frederick Forsyth, oder wie der Autor von »Die Akte Odessa« heißt?

Aber egal, der Content ist Trumpf, und ich nutze einfach mal die Vorlesefunktion, weil einen 45-Minuten-Text am Handy oder Bildschirm lesen, ich bin nicht wahnsinnig.

»Die beiden suchen den Nervenkitzel, so beschreiben Bekannte das Verhältnis. Er nennt sie angeblich ›Zebra‹. Auch sie soll ihm einen Tiernamen gegeben haben.«

Welchen, das wird nicht verraten, und das Thema wird gewechselt.

Und die »Spiegel«-Automatenstimme ist ein Traum, da bekommt man zum Spionagestoff noch ein bisschen Comedy, wenn Rémy Martin im Mandarin Oriental weggezischt wird.
 

Kein Besuch in Gaggenau

Palma de Mallorca, 13. Januar 2024, 19:07 | von Dique

Gaggenau liegt in Baden-Württemberg, hat ca. 30.000 Einwohner und erhielt laut Wikipedia 1922 das Stadtrecht. In der Wikipedia ist auch ein Bild des Rathauses von Gaggenau zu sehen. Schneereste auf dem Boden und ringsherum das typische Wetter des schleichenden nordeuropäischen Winters. Deprimierend.

Auf den zweiten Blick ist das Gebäude allerdings recht wundervoll, fünf Etagen gerader Formen und ein Arkadengang mit eckigen Säulen erinnern an rationalistische Gebäude aus dem Italien der 30er und 40er Jahre. Die Verkleidung mit den Platten aus wahrscheinlich Travertin sieht aus wie drangenietet. Gebaut wurde es 1957/58 von Karl Kohlbecker. Sein Vater hatte bereits das vorherige Rathaus gebaut, das im Krieg zerstört wurde. Hübsch.

Dann kommt aus Gaggenau natürlich noch die berühmte und gleichnamige Küchengerätefirma. Und damit könnte man die Betrachtung Gaggenaus auch schon beschließen, den Nicht-Gaggenauern unter uns wären weitere Details über die Stadt womöglich Wumpe.

So könnte das sein, auf den ersten Blick, würde es nicht Muhammed Suiçmez geben. Muhammed wurde zwar in Karlsruhe geboren, seine Band NECROPHAGIST gründete sich aber in Gaggenau.

Manchmal entstehen große Kunstwerke an ungewöhnlichen Orten bzw. außerhalb der üblichen Brutstätten der Kreativität, deren es wahrscheinlich bedarf, um so was wie die Wiener Klassik oder die Florentiner Hochrenaissance hervorzubringen. Ein Überzentrum der jüngeren Vergangenheit ist zum Beispiel Tampa, Florida, die Wiege des Florida Death Metal. Der Kontrast zwischen dem Sunshine State und der tiefdunklen Musik war für mich immer mysteriös und ironisch zugleich.

Große Zentren wie Wien, London oder New York bleiben über Jahrzehnte oder Jahrhunderte Hotbeds menschlicher Kreativität. Temporäre Zentren sind im Werden und Vergehen dagegen ziemlich schnell, von einem oder wenigen großen Geistern entfacht, ein Umkreis entsteht, bis das Feuer dann stetig erlischt, als Beispiel vielleicht die die kurze Episode von Caravaggio in Neapel mit der kurzen Blüte der neapolitanischen Caravaggisti oder Leonardo da Vinci in Mailand mit dem wunderbaren Kreis von Schülern und Nachfolgern.

In Tampa, Florida, war es ganz ähnlich, kann man ja überall nachlesen, da sind natürlich die Morrisound Studios und Scott Burns als Produzent, der die signifikante doppelte Fußtrommel erstmals prägnant nach vorne gemischt hat, neben vielen anderen Dingen! Und natürlich musikalische Lichtgestalten wie Charles Michael »Chuck« Schuldiner von DEATH. Ja klar, auch OBITUARY, DEICIDE, MORBID ANGEL und viele andere haben Spitzenplatten rausgebracht, doch Chuck Schuldiner und DEATH stehen eben noch ein ganzes Stück weiter oben auf den Schultern der Giganten, um hier mal frei Newton (berühmter Physiker) zu zitieren.

Und wie kommt man nun von Tampa, Florida, und DEATH zurück nach Gaggenau? Ganz einfach über Muhammed Suiçmez, der sich in jungen Jahren das Gitarrespielen selbst beibrachte und mit NECROPHAGIST eine der besten Tech Death Metal-Bands eben dort in Gaggenau gegründet hat. Chuck inspirierte und durchlebte mit DEATH die Frühphase des Death Metal. »Scream Bloody Gore« und »Leprosy« sind Sternstunden der Death Metal-Frühzeit. Man findet da auch schon die Komplexität des Gitarrenvirtuosen Chuck bzw. den typischen DEATH-Sound, aber es dominiert düstere Härte, die sich mit »Spiritual Healing« und dann vor allem mit »Human« in hochkomplexe musikalische Gewalt verwandelt.

»Individual Thought Patterns«, »Symbolic« und »The Sound of Perseverance« sind dann bereits vollkommen durchgestylte musiktechnische Wunderwerke. Mit der Gnade der späteren Geburt konnte Muhammed Suiçmez dann direkt anknüpfen, er musste nicht in die Erstbesteigung, sondern konnte den vorbereiteten Pfad nehmen und sich der Verfeinerung widmen.

Ich will hier nicht so tun, als würde ich irgendwas davon verstehen, und weiß nicht mal, ob für Muhammed nicht DEATH, sondern ganz andere Bands und Musiker einflussreich waren. Ich sehe aber die Parallele darin, dass Chuck und Muhammed den Sound ihrer Bands über alle Maßen geprägt haben, beide haben eines der Alben einfach mal komplett selbst eingespielt, also jedes einzelne Instrument.

DEATH waren nicht nur besonders in der musikalischen Innovation, sondern ab »Spiritual Healing« hat Chuck sich auch von den typischen Death Metal-Lyrics verabschiedet und hervorragende Songtexte geschrieben (»Within the Mind«, »Perennial Quest«, »Misanthrope«). Muhammed dagegen blieb immer bei den genretypischen blutrünstigen Grauenhaftigkeiten, deswegen sind die Lyrics allerdings nicht schlecht, aber über Titel wie »Mutilate the Stillborn« will man, vor allem ich als Nicht-Metaller, lieber gar nicht erst nachdenken, wie bei einer guten Oper sind die wirklichen Details der Geschichte wenig wichtig angesichts der unglaublichen Musik.

Das Wunder Musik bei NECROPHAGIST klingt für mich jedenfalls so ein bisschen wie Chuck Schuldiner und Pierre Boulez gemischt und auf Speed oder so. Es gibt von NECROPHAGIST leider nur zwei vollständige Alben (und zwei Demos): »Onset of Putrefaction« (1999) und »Epitath« (2004). In späten Interviews sprach Muhammed noch von Plänen für ein weiteres Album, erwähnte den Einsatz einer siebenseitigen Gitarre und weitere Ideen, jedes Instrument hörbar und wichtig zu machen.

Leider kam es dazu nicht mehr und Muhammeds Whereabouts bleiben ein Mysterium. Auf YouTube gibt es ein Video »The Search for Muhammed Suiçmez«, in dem der Autor versucht, Muhammed auf die Spur zu kommen, es wird vermutet, dass er als Ingenieur bei BMW arbeitet, Spoiler Alert: die Suche bleibt erfolglos.

Ich werde Gaggenau erst selbst besuchen, wenn es dort ein vernünftiges Reiterstandbild von Muhammed Suiçmez gibt, falls ich aber vorher noch in eine Karriere als Schriftsteller wechseln sollte, dann werde ich den Künstlernamen »Gaggenau« wählen, dem großen Marie-Henri Beyle folgend.
 

Recherche

Palma de Mallorca, 23. August 2023, 14:34 | von Dique

True story, ich las am Wochenende parallel »King Solomon’s Mines« von H. Rider Haggard, den ersten Allan-Quatermain-Roman, Vorlage für die herrlichen Filme mit Richie Chamberlain a.k.a. Pater Ralph, und Quatermain soll wohl neben dem Machu-Picchu-Entdecker Hiram Bingham auch eine Art Vorlage für »Indiana Jones« gewesen sein, aber das wird San Andreas sicher besser wissen.

Und ich sagte ja schon parallel, also parallel dazu las ich – unrelatedly – eine H.P.-Lovecraft-Biografie. Las also drauf los in den immer gleichen Seiten des Kindle-Universums und hätte 10 Kilo Erbsen und eine Pferdewurst dahingehend verwettet, dass ich gerade in »King Solomon’s Mines« las, war noch relativ weit vorn, nach ein paar Tagen wieder aufgemacht, dachte, es ginge gerade um Quatermains Jugend.

Dann stand da, dass er sich in jungen Jahren Abdul Alhazred genannt habe, ein play upon words (all has read). Ich bin jedenfalls baff! What! Das Buch ist Ende 19. Jahrhundert und Alhazred ist ja der »mad arab« aus der Lovecraft-Welt, der Autor des in Menschenhaut eingebundenen »Necronomicon«. Ich bin echt schockiert, really? Hat Lovecraft den Namen von H. Rider Haggard übernommen? Kann doch nicht sein! Ich schnappe mein Phone und beginne tatsächlich zu googeln nach Quatermain und Alhazred, aber nichts, auch beim »Necronomicon« keine Referenz, nur Lovey Lovecraft. Wtf!! Habe ich hier etwas entdeckt, ich, aber in einem Megabestseller?

Wie gesagt, true story. Leider auch Zeugnis meiner völligen Verblödung. Die Geschichte endet ein wenig wie das Bit von Louis C.K. mit dem »Awesome Possum«-Shirt, bei dem alles auf dem Shirt aufbaut und er am Ende feststellen muss, »I’m not wearing the shirt«. Ich habe dann, nach meiner »Recherche«, doch mal aus meinem Buch rausgeklickt bzw. hab mal den Titel eingeblendet, befand mich also in der Lovecraft-Biografie, okay, schade.
 

Mit »Lettre« im »Türkenhof«

München, 6. April 2023, 09:00 | von Josik

Nach ich weiß nicht wievielen Jahren habe ich gestern mal wieder Baumanski getroffen. Er war gerade kurz in town und hatte sich ein bayerisches Essen in einem bayerischen Lokal in der Nähe der Stabi gewünscht, also rief ich im »Türkenhof« an und reservierte einen Tisch.

Wir bestellten beide den Klassiker, zwei Weißwürste, Senf, eine Breze, ein Helles. Er fragte mich sinngemäß, was es Neues gebe, ich jammerte ihn kurz voll, dass ich immer noch Probleme mit meinen Stimmbändern hätte, aber eben weil ich Probleme mit den Stimmbändern habe, jammerte ich nur kurz. Ich fragte ihn sinngemäß, was es Neues gebe, und natürlich machte er wie immer so viele Dinge gleichzeitig, dass ich schon beim bloßen Zuhören kaum folgen konnte.

Wenn ich es richtig verstanden habe, langweilen ihn inzwischen solche Bücher, die innen sehr viele Buchstaben enthalten, deswegen hatte er sich, ungefähr so wie damals Lenin, in den Lesesaal der Stabi schubkarrenweise irgendwelche Bände mit sowjetischen Plakaten liefern lassen, die er nun durchblätterte. Ein kleines Geschenk hatte ich ihm auch mitgebracht, nämlich die »Lettre« Nr. 139, ich zeigte ihm den Artikel »Stelldichein in Kiew – Revolutionsversuche in der Ukraine nach dem Ende der Belle Époque« von Philippe Videlier. Baumanski sagte höflich, er könne »die Lettre« wegen ihres albatrosartigen Formats leider nicht mitnehmen, sie habe nicht Platz in seiner Reisetasche.

Ich war etwas konsterniert, aber er löste das Problem auf eine geniale Weise: Er las den Artikel einfach sofort. Damit hatte ich ehrlich gesagt nicht gerechnet, denn nachdem wir uns nun fünfzehn Jahre lang oder so nicht gesehen hatten, gab es natürlich eine Menge Fragen, die ich ihm noch stellen wollte. Baumanski sagte beruhigend: »Ich lese nur quer«, und tatsächlich wurde ich nun im Folgenden Zeuge davon, wie stark er inzwischen in die Querleser-Szene abgedriftet ist: Schon nach wenigen Sekunden hatte er in der zweiten Spalte aus dem Augenwinkel den Satz erhascht: »Trotzki führte eine edle Feder.« – »Aha«, rief er in den Saal hinein, »dieser Autor, dieser Franzose, was ist denn das für ein spinöser Trotzkist!«

Ich fragte Baumanski, ob ich ihn, während er den Artikel gerne querliest, einfach weiter zutexten könne, aber er sagte, und nun zitiere ich ihn wörtlich und in voller Länge:

»Nein.«

Einerseits freute ich mich, dass er damit auch auf meine Stimmbänder Rücksicht nahm, andererseits wusste ich, dass der Artikel 16 (sechzehn) Riesenseiten lang war, denn ich hatte ihn ja schon gelesen. Ich wusste des Weiteren, dass Baumanski einen eng getakteten Zeitplan hatte, und überschlug im Kopf, dass ich, nachdem er die Querlektüre oder Lektüre beendet haben würde, in dreifacher Sprechgeschwindigkeit würde sprechen müssen, um ihm alles das zu erzählen, was ich ihm noch erzählen wollte.

Ich aß betont langsam meine Breze auf, während er nun etwa bei dieser Stelle angekommen gewesen sein dürfte: »Kiew war eine recht angenehme Stadt mit rosafarbigen oder weißen Häusern und grünen Dächern. Man aß kandierte Früchte und Schwarze-Johannisbeer-, Reineclauden- oder Grüne-Johannisbeer-Konfitüre«. Um das zu erfahren, hatte ich neulich in irgendeiner Bahnhofsbuchhandlung beim »Lettre«-Kauf 15 Euro ausgegeben, und obwohl Baumanski als Ukraine- und Reineclaudenkonfitürenexperte das ja wahrscheinlich schon wusste, hatte ich irgendwie gedacht, dass es eine gute Idee wäre, ihm dieses Heft zu schenken.

Er hingegen gab mir zu verstehen, dass ich ihm etwas viel Besseres geschenkt hatte, nämlich nicht das Heft, sondern die Lektüre des Hefts. Konnte man jemandem eine größere Ehre erweisen! Wenn man Leuten ein Buch schenkt, weiß man ja doch nie mit letztgültiger Sicherheit, ob diese Leute das Buch auch lesen werden. Wenn man aber jemandem ein Heft schenkt und der Jemand das Heft sofort querliest, weiß man sofort, dass das Heft quergelesen wurde.

Auf Seite 37, das heißt auf der vierten Seite des Artikels, sagte Baumanski halb empört, halb belustigt: »Ich dachte, es geht um Revolutionsversuche in Kyjiw, aber jetzt ist er noch immer nicht bei seinem Thema angekommen.« Ich wollte etwas sagen, oder nein, ich wollte nichts sagen. »›Oje, oje! Die Revolution! Welch eine große Sache!‹«, rief Baumanski nun wieder in den Saal hinein, eine Stelle auf der fünften Seite rezitierend. Der Herr, der allein am Nebentisch saß und ein Wiener Schnitzel von einem bayerischen Kalb verzehrte, tat so, als ob er es nicht gehört hätte. »›Oje, oje! Die Revolution!‹«, wiederholte Baumanski, »was ist das für ein Schreibstil! Wer ist dieser Autor!« Er tätigte diese Ausrufe, wie der Name schon sagt, mit Ausrufezeichen, ich hörte es genau.

Es gab nun tatsächlich ein gravierendes Problem, wir hatten die Weißwürste und die Brezen aufgegessen, ich durfte nicht sprechen, aber Baumanski hatte noch elf unendlich lange Seiten zum Querlesen vor sich. Baumanski hatte noch elf unendlich lange Seiten zum Querlesen vor sich, deshalb bestellte er ein Schokosouffle. Ich war auch nicht satt, wollte aber, um meine Individualität zu unterstreichen, nicht schon wieder das gleiche bestellen wie er, deshalb bestellte ich Apfelkücherl.

Also es war so, Schokosouffle und Apfelkücherl waren die einzigen beiden Desserts auf der Karte, und eigentlich widerte mich das Wort Apfelkücherl an, ein entsetzlicher Ekel ergriff mich, wer denkt sich so einen scheußlichen Diminutiv aus, außerdem ist das Wort Apfelkücherl auch ziemlich schwierig auszusprechen, vor allem wenn man Probleme mit den Stimmbändern hat.

»Lenin stampfte in Zürich mit den Füßen« (Seite sechs). Die Apfelkücherl schmeckten überraschend gut, sogar mein Bier hatte ich dann endlich ausgetrunken. Man denkt, Apfelkücherl und ein Helles, das passt doch überhaupt nicht zusammen, stimmt aber nicht, man kann beides sehr gut parallel zu sich nehmen. Baumanski blätterte um, eine sonderbare Erregung bemächtigte sich seiner, »Danach erschien die Sozialdemokratische Arbeiterpartei der Ukraine, zu der Wolodymyr Wynnytschenko und sonderbarerweise auch Simon Petljura gehörten«, zitierte er, Baumanski schrie nun geradezu in den Saal hinein: »Das war überhaupt nicht sonderbar, dass Petljura der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei angehörte!!! Das war nicht sonderbar, sondern das war ganz normal!!!!«, und korrigierte dergestalt den Autor, der allerdings, wie ich in der letzten Dreiviertelstunde genau beobachten konnte, im »Türkenhof« keineswegs anwesend war.

Baumanski schlug plötzlich das Heft zu und sagte, Polizist sei in Mexiko kein angesehener Beruf, er sei neulich in Mexiko gewesen, ein Polizist habe ihm irgendwas sagen wollen, woraufhin sich sofort umstehende Einheimische um ihn, Baumanski, geschart hätten, die den Polizisten weggejagt haben. Wir mussten los, weil Baumanski eine Verabredung mit den sowjetischen Plakaten hatte. Ich begleitete ihn noch bis zur Stabi, wo wir uns verabschiedeten, und auf dem Nachhauseweg überlegte ich die ganze Zeit, wie um Himmels willen er nun von Philippe Videliers Artikel auf diese Polizistenanekdote gekommen war, bis es mir wie Schuppen von den Augen fiel: Ach ja, natürlich, auch Trotzki ist ja einmal, genau wie Baumanski, nach Mexiko gereist.
 

Was vom Tage 212 übrig blieb:
Café im Literaturhaus, Charlottenburg

Berlin, 31. März 2023, 23:00 | von Paco

Aufwach: 6:45 Uhr.

Sieben Monate Karenzzeit, heute letzter Tag. Ein super Ort, um dieses kleine Nichtprojekt zu beenden, ist doch das …

Café im Literaturhaus
Fasanenstraße 23
(Charlottenburg)

Espresso: €3,60.

Höchster Espressopreis bisher, dafür weiße Tischdecke und alle Feuilletons vor Ort verfügbar, am Zeitungsstock.

Keiner der Artikel in FAZ und SZ packt mich sofort, welchen soll ich zuerst lesen? Ich versuch es mal mit der Methode, eine elfsilbige Überschrift zu finden. Neulich in einer tollen Dokuserie über Nicanor Parra gesehn, in der es heißt: »Para él, los buenos titulares de diario, como las buenas frases, eran de 11 sílabas.« (YouTube)

Meine Suche ist erfolglos, zum Beispiel in der FAZ:

  • »Der Zauber burgundischer Virtuositäten« (13 Silben)
  • »Absolut offensichtliche Undurchschaubarkeit« (13 Silben)
  • »Keine Moderne ohne verschleppte Sklaven« (12 Silben)

Ich starte dann mit dem Rachmaninow-Special, denn als ich sein Porträtfoto sehe, liegen mir irgendwie sofort die Halleluja-Kaskaden im 3. Satz der »Ganznächtlichen Vigil« im Ohr. Jedenfalls bringt die FAZ anlässlich seines 150. Geburtstags »vier Plädoyers für einen denkwürdigen Komponisten«, dem oft der Kunstrang abgesprochen werde. Die Plädoyers (von Francesco Piemontesi, Jan Brachmann, Paavo Järvi und Vladimir Michailowitsch Jurowski) lesen sich alle gut weg.

Dann hinein ins 15. Jahrhundert, Andreas Kilb hat die Hugo-van-der-Goes-Ausstellung in der Berliner Gemäldegalerie besucht und wirft erst mal mit Jahreszahlen um sich, sein Einstieg klingt wie eine typische Episode des Erfolgspodcasts »Geschichten aus der Geschichte«, den ich ja neulich schon mal erwähnt hab. Die Ausstellung hat grad erst begonnen und ich muss da eigentlich sofort mal hin, es werden zum ersten Mal fast alle erhaltenen Gemälde und Zeichnungen von HvdG gezeigt.

In der SZ lese ich nur schnell Andreas Toblers Interview mit Houellebecq, und na ja, Zeitung lesen zu können ohne Druck demotiviert mich gerade etwas. Eigentlich will ich mal wieder einen Roman zu Ende lesen, ein paar hab ich seit Beginn der Eingewöhnung angefangen, aber aus Schlaf- und Zeitmangel nicht weiterlesen gekonnt, obwohl sie alle sehr Bock machen, Tonio Schachinger »Echtzeitalter« zum Beispiel. Immerhin hab ich diese Woche Jenny Schäfers »Arbeitstage« zu Ende gelesen, ihr Tagebuch des Jahres 2021, ganz nah nachfühlbarer Struggle zwischen Kunst machen, Lohnjob (in der Kita), Mutterschaft; und Corona war ja auch noch. Der Band brachte auch kleinere Relektüren von Anke Stelling und Anna Mayr mit sich, die begeistert zitiert werden.

Sieben Monate Karenzzeit, sieben Monate wieder mal Print-Feuilleton lesen, sobald eine der vielen unberechenbar kurzen Pausen entsteht. Vor allem die drei Hamburg-Monate waren hohes Glück, will ich mich eigentlich gern gleich noch mal dran erinnern und fang am besten mit dem Eintrag vom 1. September 2022 an, als ich vor 212 Tagen im MalinaStories in Barmbek hiermit losgelegt hab. Sehr weit werd ich wahrscheinlich nicht kommen, ich denk auch eher schon an Montag, wenn mich die U3 zum ersten Mal wieder zur Uni bringen wird, und vielleicht sollte ich lieber mal ein bisschen Forschungsliteratur lesen oder so?
 

Was vom Tage 183 übrig blieb:
Schwarzes Café, Charlottenburg

Berlin, 2. März 2023, 23:00 | von Paco

Aufwach: 6:15 Uhr.

»Kauf dir morgen ›Die Zeit‹, Paco, mach.« Na sowieso, und ich spaziere nun vorbei an der Baustelle des Grundstücks Wielandstr. 50 / Pestalozzistr. 97, von dem auch der Investigativpodcast »Teurer Wohnen« von Charlotte Thielmann und Rabea Schloz handelt, und ich handyfotografiere kurz diese »seltsamen Häuser mit ihrer eher dumpfen Ästhetik« (Laura Helena Wurth in der FAS).

🎶 We Are Scientists: »Less From You«

Eine FAZ, eine SZ, eine »Zeit«: zusammen €13,30, und hinein damit ins …

Schwarzes Café
Kantstr. 148
(Charlottenburg)

Espresso: €1,80.

Schwarzes Café, Endgegner, lange habe ich dich aufgespart, und nun gibt es ein zweites Frühstück und in Ruhe werden alle Zeitungen gelesen als wäre es 2003 und als würde das im Leipziger »Telegraph« geschehen und als wäre »Der Umblätterer« noch nicht erfunden worden.

»Was vom Tage übrig blieb« – was von den Karenzzeittagen übrig blieb –, der letzte der sieben Monate hat grad begonnen, und es bleibt nun immer mehr übrig, denn die Eingewöhnung läuft und irgendwie kommt dieses Projekt damit auch zum Ende.

Begonnen am 1. September noch in Hamburg, jeden Tag ein Kaffeehausziel, mit dem Teutonia dort hin, Espresso bestellen und Preis aufschreiben, einfach ein sinnloser Datenpunkt mehr, und dann zurück, meistens mit dem Stadtpark als Zwischenziel, zwischendurch Spielplätze, Spielplätze. Und in Schlafphasen Feuilletons lesen, so gut es ging. Meistens ging es nicht so gut, Stunden lagen zwischen Beginn und Ende der Lektüre eines simplen Randspaltenartikels, und was war das für eine Vorfreude auf die letzten drei Absätze.

Im Hintergrund läuft Chet Baker und das ist gut, so kriege ich den Ohrwurm, den ich seit Tagen mit mir rumtrage, wieder raus: »Meuniers, tu dors / Ton moulin, ton moulin va trop vite« … denn Niwoabyl war mit Kind und Kegel bei uns zu Besuch gewesen und dieses Soundbuch von Gallimard Jeunesse hatte es dem deutsch-französischen Kleinstkindergarten, der bei uns letzte Woche stattfand, angetan.

Aufmacher in der »Zeit« ist Rainald Goetz, zwei triumphal-großformatige Seiten, Abdruck seiner Rede »Soziale Energie«, die er letzte Woche Mittwoch am Wissenschaftskolleg gehalten hatte. Kleiner freudiger Schreck:

»UND: André Seelmann, Abenteuer im Kaffeehaus, auch nirgends mehr zu kaufen. Über Jens Bisky kam ich wieder zum Umblätterer, Paco, Frank Fischer, in Weißenfels 1977 geboren, Professor für Digital Humanities an der Freien Universität, hat bis Ende Januar eine Alltagsserie von Begegnungen mit Zeitungen, die er liest, geschrieben, Was vom Tage übrig blieb, und Dique schreibt über ein Treffen mit Christian Kracht in Florenz, zum anbiedernden Spruch, das ist ja das einzige, was man überhaupt noch lesen kann

Es geht im Text noch ein bisschen um Weißenfels und »das Glück der Namen dieser Gegend«, Krölpa, geborgt und entfremdet für »Johann Holtrop« usw. Auch Pößneck mit seiner riesigen Druckerei kommt vor, und wo wir grad dabei sind, eine Reise durch diesen Landstrich haben Josik und ich mal für die »Welt« beschrieben, kurz bevor unser Semesterticket abgelaufen ist: »Goethe, Crystal Meth und Bratwurst« heißt der Artikel, gaga Überschrift, wahrscheinlich von der Redaktion drübergepappt, ich erinnere mich aber auch nicht mehr an unseren eigenen Überschriftenvorschlag.

Meinen wie gesagt freudigen Schreck beiseite (darüber, dass meine short bio jetzt Teil des Gesamtwerks von Rainald Goetz ist, no lo puedo creer) – jedenfalls hatten alle Zeitungen über diesen Auftritt berichtet, wunderbar, alles gelesen, und Dirk Knipphals hatte in der »taz« gekrittelt, dass das alles »medienkulturell konservativ« gewesen sei, was gelegen habe am »Material, auf das er sich dabei bezog und das, mit Verlaub, in der FAZ-Welt der 90er Jahre steckenblieb«.

Ja, na ja, die Print-Feuilletons und die ganze damit verbundene cultura befinden sich in der Nachspielzeit, aber das kann ja schön sein wie bei Goetz, und ich meine, habt ihr dann doch nicht auch alle das WM-Finale gesehen, grade wegen der Nachspielzeit usw. Was mich erinnert an eine Mail von Gonzalo, ich hatte ihm zum argentinischen Sieg gratuliert, worauf er geantwortet hat: »gracias, sí lo logramos con mucho esfuerzo de todos y es una gran alegría«.

»Was vom Tage übrig blieb«, auch das nichts als Nachspielzeit, von mir immer kurz vor 23 Uhr schläfrig runtergeschrieben, glücklicherweise von niemandem gelesen, or so I thought, wahrscheinlich ungefähr zwei Aufrufe von uniquen IP-Adressen pro Tag, und nun sieht es so aus, als ob diese auf Jens Bisky und Rainald Goetz zurückzuführen wären, und früher hätte ich hier locker ein ›hehe‹ reingesetzt, aber die Zeiten des ›hehe‹ sind wahrscheinlich mal vorbei, es fühlt sich nicht mehr so an wie vor 16 Jahren, als »Umblätterer« loslaberte.

Übrigens Dirk Knipphals, der ja in »loslabern« verewigt ist mit dem von, nun ja, Ulf Poschardt geprägten Ausruf: »und jetzt auch noch Dirk Knipphals!«, Seite 18, hab grad noch mal nachgeschaut.

Aber wir sind nicht zum Spaß im Schwarzen Café, sondern zum Zeitunglesen, und während ein Tiffany-Frühstück langsam vom Teller verschwindet, geht das »Zeit«-Feuilleton ja noch weiter. Florian Eichel über den neuen Roman von Clemens Setz, »Monde vor der Landung«. Sehr gut beschrieben, was mich immer so in die Bücher von Setz zieht: »die Erzählperspektive kennt keine Totale, stattdessen finden unzählige Nahaufnahmen die Weite in der inhaltlichen Enge«. Und noch was Interessantes: Zur Materialsammlung habe Setz »eigens eine Rechercheagentur beauftragt, die auch bei der Entstehung von Juli Zehs und Simon Urbans jüngst erschienenem Roman Zwischen Welten mitwirkte.« Okay!

Die SZ ist aber auch noch da, drei Seiten Magerfeuilleton. Joachim Hentschel über das Lizzo-Konzert in Berlin, bei dem sie Rammstein gecovert hat: »Du – du hast – du hast misch. […] Diese Szene […] ist nicht weniger als ein absolut einmaliger Augenblick.«

Dann Annett Scheffel zur Verfilmung »Sommer vorm Balkon«, oh sorry, »Sonne und Beton«: »Manchmal ist der Blick auf diese im Werden begriffene, von falschen Vorbildern geformte Männlichkeit kaum auszuhalten. Dieser ewige, toxische Scheiß. Und trotzdem –« usw. usw., und schon ist es die FAZ, die aufgeschlagen wird, und es ist einfach immer noch das beste Feuilleton, again and again.

Erst mal Kaube unter der passenden Überschrift »Recht, Haberei« zum wettbewerbsrechtlichen Prozess zwischen dem Herausgeber der »Lettre international« und der AdK, deren Zeitschrift »Sinn und Form« nun erst mal nicht weiter erscheinen dürfe, bis die Akademiesatzung eine ordnungsgemäße Gebührenordnung für ihre Zeitschrift habe.

Dann Niklas Bender, er bespricht eine Auswahl aus den Tagebüchern von Jules Renard (Kampa Verlag), der diese in die Breite gehende Schreibform bevorzugte aus »Scheu vor dem einen großen Werk«. Nun Matthias Hannemann über Solvej Balles Zeitschleifenroman »Über die Berechnung des Rauminhalts I« (Matthes & Seitz) und den darin immer wiederkehrenden 18. November, einen recht schönen Herbsttag: »Tee«, »Brennholz«, »Apfelbaum«, »Mangold«.

Weiter, weiter, Jan Brachmann über Syberbergs 3-Stunden-Doku »Demminer Gesänge«. Syberberg, der seit 23 Jahren wieder in der Gegend wohnt, dokumentiert mit seinem Film seine Anstrengungen, den Marktplatz des vorpommerschen Demmin wiedererstehen zu lassen. Die Berlinale hat ihn als Beitrag abgelehnt und damit »eine Liebesgabe ausgeschlagen. Und womöglich ein Vermächtnis.« Demmin liegt genau auf der Strecke, wenn man von der Ostsee nach Berlin zurückfährt, und wir und ein paar Andere haben das irgendwann mal gemacht und mit diesem kleinen Stopover ja irgendwie Teil an Syberbergs Projekt genommen.

Als ich halb zehn im Schwarzen Café ankam, obere Etage (immer die obere Etage), war ich der einzige hier, drei Zeitungen später ist es voll und ich muss los und schiebe wieder den geliebten Teutonia vor mir her, crosse ein paar Straßen, mache an einem Spieli halt, ein paar Sandfiguren müssen geformt werden und jemand schreibt mir, dass ich die heutige Folge des »Feel the News«-Podcasts hören solle, in der Sascha Lobo unter anderem über den Erdbeerbaumfalter rede, und vielleicht hör ich später mal rein, oder morgen, übermorgen, aber erst mal höre ich wieder dem Rauschen der Mühle zu: »Ton moulin, ton moulin va trop fort«.
 

Was vom Tage 153 übrig blieb:
Bistro Manstein, Charlottenburg

Berlin, 31. Januar 2023, 23:00 | von Paco

Aufwach: 7:45 Uhr.

🎶 Francesco Wilking & Moritz Krämer: »Der Tee von Eugenia«

… kreuz und quer karriolt der Teutonia durch Charlottenburg, immer so in Ku’dammnähe.

Auf der Wilmersdorfer Straße stoppt mich ein aufgeregter Zwanzigjähriger in grau-schwarzem Anorak und fragt mich – nach der Wilmersdorfer Straße. Eine Episode, wie sie Kien am Anfang von Canettis »Blendung« in seinem Notizbuch festhält, das er später unter dem Titel »Spaziergänge eines Sinologen« herausgeben möchte:

»Auf der Mutstraße begegnete mir ein Mensch und fragte mich nach der Mutstraße. Um ihn nicht zu beschämen, schwieg ich. Er ließ sich nicht beirren und fragte noch einige Male; sein Benehmen war höflich. Plötzlich fiel sein Blick auf ein Straßenschild.«

Irgendwann bin ich wie geplant bei Fräulein Lietz, wo man sich ein Bündel Gelbe Säcke abholen kann, offizielle Ausgabestelle. Der Lietzensee blinkt schon herüber und ich schiebe den Wagen noch nach nebenan ins …

Bistro Manstein
Witzlebenstraße 32
(Charlottenburg)

Espresso: €2,70.

Als ich vor Jahren zum letzten Mal hier war, hieß es noch ›Café‹ Manstein, inzwischen hat es aber einen Besitzerwechsel gegeben oder so.

Erst mal die SZ und darin Jens-Christian Rabes Rezension zur Studie »Gekränkte Freiheit – Aspekte des libertären Autoritarismus« von Amlinger/Nachtwey: »sie können schwungvoll schreiben, für eine sozialwissenschaftliche Studie dieses Anspruchs und Umfangs ist der Band beinahe ein Pageturner«.

Heute wieder die FAZ mit interessanteren Artikeln. Tilman Spreckelsen insinuiert anlässlich der tausendsten Folge der MDR-Krankenhausserie »In aller Freundschaft«, »dass unter den 85 Drehbuchautoren, die bisher in der Serie beschäftigt wurden, besonders viele Germanisten sind«, und zwar mit Schwerpunkt Romantik, wie die Wahl der Figurennamen nahelege: Brentano! Kreutzer! Ritter! Eichhorn! Gauß! Stein! Dazu noch die Nibelungen-Vornamen Günter und Gernot, »die recken lobelîch«, funny.

Dann ein bisschen Schaukeln im Regen auf dem Spielplatz Stuttgarter Platz und Einkaufen fürs Abendessen und schon ein paar Stunden später kann ich weiterlesen in der FAZ. Jochen Schimmang schreibt über Gabriele Weingartners Roman »Léon Saint Clairs Abschied von der Unendlichkeit«, in dem auch Wolfgang Hildesheimer vorkommt, »der welterfahrenste deutsche Autor der beiden Nachkriegsjahrzehnte«, das ist mal eine exquisite Apposition.

Uwe Justus Wenzel über Philipp Staabs Buch »Anpassung. Leitmotiv der nächsten Gesellschaft«. Beginnt mit einer Nacherzählung der Markus-Lanz-Folge, in die Carla Rochel eingeladen war, ohne allerdings beider Namen zu nennen.

Und dann noch Bettina Wohlfarth zu einem Band mit Texten von Julius Meier-Graefe: »Kunst Kulissen Ketzereien«. Will man sofort lesen: »Ein Artikel über einen Besuch in Essen, wo er alles andere erwartet als Kunst, ist fast eine Kurzgeschichte und von hoher Komik.« Die Rezensentin sah sich übrigens zu einer unkonventionellen Lektüre gezwungen: »Die editorische Idee, die Chronologie der Schriften umzudrehen, bleibt allerdings fragwürdig. […] Man hat […] das irritierende Gefühl, gegen den Strich zu lesen. Und fängt dann irgendwann einfach von hinten im Buche an – das heißt eigentlich von vorne.«

Nachts höre ich über die Dlf Audiothek noch das Hörspiel nach Prousts »Die Entflohene« (sechster und eigentlich ja langweiligster Teil der »Recherche«) weiter. Es kommt portioniert in vier 48-Minuten-Stücke, besonders toll Episode 3, gleich zu Beginn die Passage mit Marcels Erstaunen über die Publikation seines Artikels im »Figaro«. Es schwingt die ganze Palette an Stimmungen über die Freude des Publiziert- und Gelesenwerdens mit:

»Er [der Artikel] war nicht nur einfach das, was ich geschrieben hatte, er war das Symbol seiner Inkarnation in so vielen Geistern.«

Gute Nacht.