100-Seiten-Bücher – Teil 122
Albert Camus: »Der Fall« (1956)

München, 15. Oktober 2018, 02:01 | von Josik

Dieser superste Roman von Albert Camus besteht aus einem einzigen Laberflash, was der Ich-Erzähler oder Ich-Laberer auch ganz offen zugibt: »[I]ch schwatze Ihnen die Ohren voll«, sagt er gleich eingangs auf Seite 13. Und schon auf Seite 20 habe ich angefangen, den Übersetzer zu googeln, denn da steht: »[D]ie Habsucht […] hat mich immer gelächert

Auf Seite 89 steht: »Von diesem Gedanken zu dem Schlug, ich rufe die Gottheit nach Maßgabe meiner Unwissenheit an, war es nur ein kleiner Schritt.« Ich hatte kurz darüber nachgedacht, was das bedeuten soll. Von diesem Gedanken zu dem Schluss, dass es sich hier einfach um einen Druckfehler handelt, war es nur ein kleiner Schritt.

Auf Seite 104 liest man: »Aus seinem von mehrtägigen Bartstoppeln bedeckten Gesicht blickten verstörte Augen, auf seinem nackten Oberkörper perlte der Schweiß, seine Finger trommelten leise auf seine hervortretenden Rippen.« Man darf natürlich nicht glauben, dass Camus sich an der Stelle mit den »mehrtägigen Bartstoppeln« einen
Stilmittelscherz à la »fünfköpfiger Familienvater« erlaubt hätte (Enallage genannt), vielmehr heißt es im Original ganz unverfänglich: »avec sa barbe de plusieurs jours«.

So was kann natürlich immer mal passieren und ist nicht schlimm. Ansonsten denke ich, dass man durch die genannten Beispiele insgesamt einen guten Eindruck vom Inhalt des Buches gewonnen hat.

Länge des Buches: ca. 208.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Albert Camus: Der Fall. Roman. Aus dem Französischen von Guido G. Meister. Reinbek: Rowohlt 2017. S. 3–121 (= 119 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

Ein Hyundai als Genisa

Haifa, 8. Oktober 2018, 18:03 | von Paco

Absolut herrlicher Oktobervibe in Haifa, ich sitze zum Frühstück im Garten des »Fattoush« in der deutschen Kolonie am Fuß des Bergs Karmel, um zum Tagesauftakt eine Schakschuka zu verspeisen und einen Hafuch zu trinken. Gesagt, getan. Irgendwann trifft Yael ein und dann fahren wir zusammen in ihrem alten Hyundai zur Konferenz am Port Campus.

Der Zustand ihres Wagens ist ihr etwas peinlich. Die ganze Rückbank ist zugemüllt mit Bergen loser Buchseiten, zehntausende müssen das sein, auch auf dem Beifahrersitz fliegen ein paar herum. Ihr sei vor ein paar Wochen der riesige Karton mit den Seiten drin umgekippt, und jetzt sei das eben so der Zustand ihres Autos.

Zuvor hatte sie die Bücher in eine Druckerei gebracht und um Benutzung des Schneidegeräts gebeten. Hart hatte sie kämpfen müssen, um die skeptischen Ladenbetreiber davon zu überzeugen, dass sie eine treue Kämpferin für das gedruckte Wort sei, dass sie aber diese Bücher zerschneiden müsse, um sie automatisiert scannen und digital beforschen zu können. Die zerschnittenen Exemplare hatte sie alle wieder im Karton abgelegt und diesen auf die Rückbank ihres Autos gestellt, bis er dann eben umgekippt ist.

Soweit ihre Erzählung, die ich erst mal einfach so hinnahm, bis mir während der Konferenz plötzlich einleuchtete, warum die Seiten da jetzt noch so rumliegen und Yael mit dieser Situation ganz zufrieden ist, auch wenn sie dadurch ihren Viersitzer zum Zweisitzer degradiert.

Denn die Konferenz drehte sich um die jahrtausendealten Schriftrollen aus den Höhlen von Qumran, nach dem Zweiten Weltkrieg dort entdeckt und zu Weltruhm gelangt.

Althebräische Handschriften, die den Namen Gottes enthielten, durften nicht einfach so entsorgt werden, auch wenn sie nicht mehr benutzt wurden. Sie wurden in Genisas aufbewahrt, zugemauerten Hohlräumen, und haben so oft die Zeiten überdauert. Als eine Art Genisa haben also auch die Qumranhöhlen gedient.

Die Konferenz dauerte schon eine Weile, Forscher und Forscherinnen aus aller Welt, aus Hinz- und Kunzistan sozusagen, problematisierten alte und feierten neue Erkenntnisse und plötzlich wurde mir alles klar. Yaels Auto ist eine Genisa. Sie will die geliebten Buchstaben nicht vernichten, und so überdauern sie nun auf der Rückbank ihres Hyundai bis zum jüngsten Tag. Ich schaute kurz zu ihr hinüber, treue Kämpferin für das gedruckte Wort, und sie schaute zurück, und ich wusste, dass es so war.
 

Margin Call

Düsseldorf, 11. September 2018, 11:56 | von Charlemagne

Seit der Veröffentlichung seines Docufiction-Meisterwerks, »Die Murau Identität«, vor vier Jahren habe ich einen Google Alert für Alexander Schimmelbusch am Laufen.

Nicht nur, weil der Autor mit dem schönen Nachnamen ein so unterhaltsames Buch geschrieben hat. Auch, weil sein Vater, Heinz Schimmelbusch, in den frühen 90er-Jahren als Vorstandsvorsitzender das Frankfurter Unternehmen, für dessen Nachfolger mit neuem Namen und Adresse ich heute arbeite, in finanzielle Schieflage gebracht hat und ich solche Zufälle, als Alternative zu den aktuell grassierenden Rezensionshomestories, ziemlich unterhaltsam finde.

Im Vorfeld der Veröffentlichung von »Hochdeutschland«, seinem jüngsten Roman, musste ich den Google Alert dann aber wieder dichtmachen. Natürlich habe ich das Buch ordnungsgemäß gekauft und an einem verregneten Wochenende durchgelesen, nur war ich diesmal nach der Lektüre eher verwundert als euphorisiert. Nicht, weil der Roman nicht gut wäre. Er war halt einfach für mich keine Neuerscheinung im klassischen Sinne, sondern eher eine Ausarbeitung der bisher von ihm veröffentlichten Texte auf waahr in einem etwas überdrehten Sound, die, verglichen mit den kurzen Texten oder dem perfekt komponierten Bernhard-Schocker, in ausufernden Sätzen daherkommt, denen dann auf halber Strecke die Luft aus den bis zum Bersten vollgepumpten Reifen des immerhin schön benannten Märchenfahrzeugs »Shere Kahn« ausgeht.

Die überall gefeierten Alltagsbeobachtungen aus dem Leben eines Investmentbankers, als klassischer Dreiakter mit Eintritt, Aufstieg und Entfremdung inszeniert? Alles bereits enthalten im großartigen Text »Kindersoldaten des Kapitals«, und das ganz ohne den gerade erwähnten empfunden künstlich aufgeblasenen Leerlauf.

Die schönste Stelle ist für mich daher eine kulinarische Anekdote, nämlich die Entstehungsgeschichte der Spaghetti Carbonara, ganz beiläufig und leise beschrieben als ein »Destillat eines Augenblicks der Weltgeschichte, nämlich der alchemistischen Verbindung der Eipulver- und Bacon-Rationen der GIs mit den Kochkünsten der Italienerinnen im Rom der Nachkriegsjahre« (ähnlich, aber nicht ganz so schön bereits auf Wikipedia formuliert).

Vielleicht liegt es aber auch einfach daran, dass der Autor, natürlich absolut schuldlos, an meinem Bias vorbeidichtet. Denn obwohl er beflissen wirklich sämtliche Getränkeoptionen und -klischees durchdekliniert, von high bis low und always over the top, schreibt er nicht einmal in der Romanvariante über Apfelwein!

Auch »Hysteria« habe ich inzwischen gelesen, und es ist übrigens recht speziell geraten.
 

Post von Eckhart

Amsterdam, 22. August 2018, 20:02 | von Charlemagne

Meine früheste Erinnerung an die Halbwelt des Feuilletons, diesen popkulturellen Maulwurfsbau ohne Fluchtwege, ist eine Beauty-Kolumne im SZ-Magazin. Freitags, auf dem Weg zur Schule, hielt mein Papa immer am Bahnhof, um Presserzeugnisse für uns zu kaufen. Für ihn das Handelsblatt, für mich die Süddeutsche Zeitung. Anstatt übertrieben viel Zeit mit dem Streiflicht oder der Seite Drei zu verschwenden, blätterte ich immer sofort das Magazin auf, von hinten nach vorn, vorbei an Axel Hacke, auf der Suche nach neuen Texten von Eckhart Nickel.

Die Texte handelten häufig von relativ obskuren Pflegeprodukten, zum Beispiel von amerikanischen Rasiercremes, englischer Seife oder japanischer Hautcreme, und bedeuteten die Welt für mich. Sie waren nie besonders lang, hatten aber weitreichende Folgen. Da es die meisten Produkte damals nicht im stationären Einzelhandel zu kaufen gab, musste ich sie umständlich bestellen. Das hatte, neben einem chronisch leeren Sparkonto, auch zahlreiche Ausflüge aufs Amt zur Folge, um bunt beschriftete Pakete aus Übersee aus dem Zoll zu befreien.

Gleichzeitig stellten diese Texte mich aber vor eine noch viel größere Frage: Wer ist denn eigentlich dieser Autor, der so wahnsinnig schön über diese vermeintlich so oberflächlichen Produkte schreiben kann, und warum bedeuten sie mir so viel mehr als sämtliche Texte, die ich im langweiligen Deutsch-Leistungskurs bearbeiten muss? Im Internet gab es nur wenige Hinweise, aber immerhin die Möglichkeit, das Magazin DER FREUND zu kontaktieren (pоst@dеrfrеund.cоm), für das er als Chefredakteur mit Sitz in Kathmandu, Nepal, genannt wurde.

Also schrieb ich hin. Eine Ewigkeit hörte ich nichts und las weiter in seinem Buch über Thomas Bernhard, jetzt allerdings nach japanischen Kirschblüten duftend. Dann tauchte plötzlich eines Tages der kleine Briefumschlag unten rechts in der Menüleiste auf, Post aus Nepal. Der aus dieser naiven initialen Kontaktaufnahme entstandene E-Mail-Austausch war zunächst recht sporadisch; doch nach und nach schrieben wir uns immer häufiger, tauschten auf myspace Lieblingslieder aus oder schickten uns unsere YouTube-Lieblingsausschnitte aus Twin Peaks hin und her. Dieser Austausch gipfelte dann während meines Studiums in Bamberg in einem ersten Treffen, wir trafen uns nachmittags auf einen Kaffee und wunderten uns, glaube ich, ein bisschen über unser Gegenüber, er bestimmt mehr als ich, und wahrscheinlich ist das bis heute noch so.

Während er abends dann aus seinem bis heute unveröffentlichten Roman »Die Wespe« vorlas, stolperte gegen Ende der Veranstaltung unverhofft Christian Kracht als Überraschungsgast in den spärlich besetzten Saal, sein Zug aus München hatte Verspätung gehabt. Zu meiner großen Verwunderung wusste keiner der anderen anwesenden Studenten des Seminars zur sogenannten Deutschen Gegenwartsliteratur, in das ich mich anlässlich der Lesung eingeschlichen hatte, wer da gerade in den Raum hereingeschneit war. Noch seltsamer war nur, dass Christian Kracht, zumindest an diesem Abend, sehr genau wusste, wer ich war, nämlich Eckhart Nickels »pen pal«, wie er, typisch höflich verschmitzt und leicht maliziös lächelnd, treffend bemerkte. Eine Brieffreundschaft ohne Briefe sozusagen, ganz lose und unbekümmert, und so ging sie auch immer weiter, nur »Die Wespe« erschien nie.

Bis gestern, da endete das alles ganz unvorhergesehen, da ich, nach mehr als zehn Jahren, zum ersten Mal tatsächlich Post von meinem pen pal im Briefkasten hatte. Er stand dabei nicht einmal als Absender auf dem Umschlag, ich hatte also zunächst noch keine Ahnung von dieser Zäsur, dieser Epochenwende. Die Sendung kam vom Piper Verlag, aus München: brauner Umschlag, mitteldick. Zu meiner großen Überraschung fand ich darin ein Arbeitsexemplar seines neuen Romans, »Hysteria«, und ich freue mich seitdem wie verrückt auf die Lektüre und bin ganz gespannt, ob es auch um Wespen gehen wird.
 

Ein Tisch namens »Fabian« oder Das hässlichste Wort Hessens

Frankfurt/M., 20. Juli 2018, 18:03 | von Charlemagne

Immer, wenn es in Frankfurt so unerträglich heiß wird, dass Apfelwein als Erfrischungsgetränk seinen alternativlosen Höhepunkt erreicht, fährt Jens Becker in den Sommerurlaub und sperrt seine Apfelweinhandlung für zwei bis drei Wochen zu.

Obwohl er das stets Wochen vorher ankündigt, stehe ich in diesem Zeitraum trotzdem zuverlässig und regelmäßig mindestens einmal wie zufällig vor der verlassenen Eingangstür und blicke, halb verzweifelt, halb hoffend, in den dunklen Raum hinein, ohne Chance auf Einlass, der Meister ist immer noch auf Reisen. Gehe ich dann langsam weiter, beschleicht mich das Gefühl, dass der dunkle Raum auch in mich hinein blickt. Vielleicht liegt es am Hausschoppenentzug; vielleicht liegt es aber auch am karogemusterten Tisch, der in der Mitte des dunklen Raumes steht, eine Sonderedition aus der Maison Kitsuné-Serie von e15 namens »Fabian«.

Ein Tisch namens »Fabian«. Was für ein seltsamer Name für einen Tisch, und was für eine seltsame Assoziation, denn plötzlich habe ich ein Bild von Christian Kracht vor Augen, wie er, es war damals zur Hochzeit der sonderbaren »Imperium«-Debatte, in Leipzig bei der Verleihung des Buchpreises steht und ein Buch von Erich Kästner in der Hand hat.

Christian Kracht. Das passt, denn nur ein paar Wochen vorher hat er in seiner Frankfurter Poetikvorlesung den Wunsch geäußert, den »Klang der deutschen Sprache nur durch die Ferne gefiltert wahr[zu]nehmen«, und genau so geht es mir seitdem mit dem hässlichsten Wort Hessens, dem »Äppler«.

Ursprünglich als Kunstwort zur Umsatzsteigerung vom Unternehmen Possmann in den 90er-Jahren eingeführt (siehe hierzu auch die entsprechende Notiz in »Die Grammatik von als und wie« von Frederike Eggs), hat es sich mittlerweile fast flächendeckend in Hessen als umgangssprachliche Bezeichnung für Apfelwein ausgebreitet, und jedes Mal, wenn irgendwo das Wort auftaucht, sträuben sich mir die Nackenhaare und ich verlasse fluchtartig den Ort des Grauens.

Nicht nur, dass das Wort, geschrieben und/oder ausgesprochen, unglaublich dumpf und obszön daherkommt; es ist auch schlichtweg falsch, wie mir es der Wirt der Gaststätte Zu den drei Steubern in der Dreieichstraße, Wolfgang Wagner, vor vielen Jahren einmal in seinem unnachahmlichen Idiom erklärt hat. Nachdem ihm ein Gast mit der Aufschrift »Äppler Crew« auf dem T-Shirt ins Auge gefallen war, schaute er mich kopfschüttelnd an und fragte: »Äppler? Weißt Du, was ein Äppler ist?« Ich verneinte, neugierig. »Ein Äppler ist ein alter, geiler Bock, der versucht, Frauen ungefragt an die Äppel zu fassen, und sonst nichts. Äppler Crew, haha.«

Wie gesagt, dumpf und obszön, dieses hässlichste Wort Hessens.
 

100-Seiten-Bücher – Teil 121
Simone de Beauvoir: »Mißverständnisse an der Moskwa« (1965/1992)

München, 21. Juni 2018, 14:12 | von Josik

So geht diese superste kleine Erzählung los: »Sie blickte von ihrem Buch auf. Wie langweilig, diese alte Leier über die Unzulänglichkeit, zu kommunizieren! Wenn einem was daran liegt, schafft man es schon recht und schlecht. Nicht mit jedem, zugegeben, aber mit zwei oder drei Personen.«

Die zwei Hauptpersonen hier heißen Nicole und André und sind ein französisches Intellektuellenpaar Anfang sechzig, man muss sich beim Lesen also wirklich krass anstrengen, in diesen beiden Personen zwei fiktionale literarische Figuren zu sehen und nicht ein Abziehbild von de Beauvoir und Sartre, und wem das gelingt, congrats!

Nicole und André reisen in die Sowjetunion, es handelt sich mithin um Science-Fiction, denn die Reise findet ausdrücklich erst im Jahre 1966 statt, de Beauvoir hat diese Erzählung aber bereits im Jahre 1965 verfasst. Mit Mascha fahren Nicole und André dann ein bisschen im Land herum, nach Wladimir, nach Leningrad, nach Pskow usw.

Die Gespräche zwischen André und Mascha drehen sich meist um Politik, um die Chinesen und so, dabei werden sehr authentische und zeitlos gültige Dialoge gehalten: »›Wie sieht dieses Jahr die Lage im Kulturbereich aus?‹ ›Wie immer, wir kämpfen‹ […]. ›Und ihr gewinnt?‹ ›Manchmal.‹«

Eines Abends saufen sich im Restaurant Baku alle ein bisschen dezent zu, und nachdem sie ausgeschlafen haben, kommt es zum Showdown: André sagt nämlich, dass sie ja nun zehn Tage länger als ursprünglich geplant in Moskau bleiben, Nicole aber ist außer sich, dass er mir ihr nicht darüber geredet hat. André hingegen ist sich tausendprozentig sicher, dass sie die Zehntageverlängerung gemeinschaftlich ausgemacht haben, nach dem kleinen Besäufnis im Baku. Nicole hinwiederum ist sich tausendprozentig sicher, dass er mit ihr darüber nicht geredet hat.

So schaukelt sich das ganze also krass hoch, Nicole zischt ab und säuft ein bisschen dezent weiter, es ist überhaupt sehr herrlich, wie dezent in dieser Erzählung in Mengen gesoffen wird, und es wird einem sehr gut das Gefühl vermittelt, dass man eigentlich erst dann intellektuell sein kann, wenn man ein bisschen dezent zugesoffen ist.

Nicole bekommt mittlerweile echte Hassattacken auf André, und André denkt den unfassbaren Satz: »[S]ie hat mich nie in Liebe geliebt«, und man wünscht den beiden so sehr, dass sie wieder zusammenkommen, dass sie sich wieder vertragen, dass sie sich wieder versöhnen. Ob sie das am Ende tun? Es wird spannend, bleiben Sie dran!

Länge des Buches: ca. 150.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Simone de Beauvoir: Mißverständnisse an der Moskwa. Eine Erzählung. Deutsch von Judith Klein. Mit einem Nachwort von Judith Klein. Reinbek: Rowohlt 1996. S. 3–82 (= 80 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

Ohne Titel

Frankfurt/M., 19. Juni 2018, 00:14 | von Charlemagne

Samstags stand ich auf der Konstablerwache in Frankfurt am Main mitten auf dem Erzeugermarkt am Apfelweinstand von Günther Sattler aus dem Odenwald und blickte, übertrieben blumig formuliert, auf das wochenendliche Treiben.

Da Woche um Woche die gleichen Stände ihre Zelte auf dem Markt aufschlagen, sieht man auch Woche um Woche die gleichen Gesichter. Unzählige Wochenmarktbekanntschaften habe ich schon geschlossen, alles Personen, deren Name ich zwar nicht kenne, die mir aber trotzdem schon – in dieser Reihenfolge – ihre Eintracht-Dauerkarte, ein frisch geschmiertes Wurstbrot und, neulich, sogar Pizzabrötchen belegt mit Hackfleisch aus der Tupperbox angeboten haben. Meine Ausflüge auf den Wochenmarkt sind einfach unfassbar aufregend, hehe.

Eigentlich war es auch wieder Zeit, sich zu wundern, was eigentlich der Apfelweinpoet so treibt und wo er bleibt, doch stattdessen sah ich einen anderen Schriftsteller über den Markt laufen, waahristen Joachim Bessing, seineszeichens ehemaliger Quartettspieler und heute ausgesprochen beeindruckend behaarte Erscheinung. Darüber hinaus auch Autor des schönsten deutschsprachigen Buchs, das ich in den letzten Jahren so gelesen habe, »untitled«. Damals nach der Lektüre, ich las das Buch in der Wüste Namibias, flog ich erst mal weiter nach Australien, kaufte den titelstiftenden Duft und setzt mich aber auf kein Fahrrad.

»untitled« also. Fast noch besser aber ist sein Blog auf waahr.de, auf dem man ihm seit gut zwei Jahren dabei zuschauen kann, wie er langsam aber sicher Frankfurter wird, und das haut mich, als Frankfurter Wahlverwandter, natürlich um; diese Parallelität der Initiationsrituale, vom Vogelfutterkauf bei der Samenhandlung Andreas (neben dem Bürstenhaus!) bis hin zum karnivoren Selbstmordversuch beim Apfelwein Wagner – been there, done that, sehr zum Wohle!

Da lief er nun, in Jeansjacke gekleidet und mit Einkaufstüte behangen. Fast hätte ich ihm hinterhergerufen, Herr Bessing, hier!, aber ich weiß gar nicht, was ich dann weiter hätte sagen sollen. Vielleicht hätte ich ihn zum Apfelwein eingeladen und gefragt, was er samstags so auf dem Wochenmarkt kauft, so als neue Wochenmarktbekanntschaft. Seinen Vornamen immerhin kenne ich ja schon. Und dann, Eintracht-Dauerkarte, Wurstbrot, Tupperbox.
 

Literatur

München, 1. Mai 2018, 22:00 | von Josik

Es wäre doch schön, wenn der Luchterhand Verlag bei allen künftigen Auflagen des Bestsellers »Leere Herzen« von Juli Zeh aufs Cover jenes Zitat setzen würde, das gerade zu diesem Roman abgeliefert wurde:

»Gut, das ist Literatur, damit muss man wohl leben.«
Sahra Wagenknecht

 

Zwischenfall in Glasgow

auf Reisen, 21. April 2018, 11:32 | von Paco

Am Abend vor dem Briefkastenerlebnis trank und sprang ich noch mit Leuten in der »Park Bar«, die betrieben wird von Vertretern der Hebrideninsel Tiree, und »the guy behind Tyree Gin« war auch da und die Musik sehr akkordeonlastig und der Hauptaufenthaltsmodus war ›Canadian Barn Dance‹.

Ich war also in Glasgow, und am nächsten Morgen hatte ich noch etwas Zeit vor der Abreise und lief gedankenverloren vom Hotel in die Innenstadt und sah unterwegs viele schöne Details, cooler Dachgiebel hier, derbes Frühlingsblumenbeet da, der crazy Blick eines Taxifahrers, ein brennender Briefkasten und so weiter. Wait, ein brennender Briefkasten? Arrr.

Ich war schon vorübergegangen eigentlich, blickte mich aber noch einmal um, und da peitschten Flammen aus dem lichterlohen Briefkasten am Haus einer Wohltätigkeitsorganisation. Ich machte einen Schritt weiter in Richtung Innenstadt, aber mein Körper lenkte mich sanft zurück zum Haus der Wohltätigkeitsorganisation, kurz Bescheid geben wollte ich den Leuten drinnen, und so hielt ich mir die Nase zu und lief in den offenen Eingangsflur, der sich bereits mit stechendem Rauch gefüllt hatte.

Am Ende des Flurs war aber nichts, keine Tür, niemand zu sehen, es führte nur eine enge Wendeltreppe nach oben. Nachdem ich drei Stockwerke lang keinerlei Eintrittsmöglichkeit oder so vorfand, verlor mein Vorsatz deutlich an Grundlage. Denn zu weit war ich schon vom brennenden Briefkasten entfernt, als dass er noch irgendetwas zu tun haben könnte mit meiner Position im Wendeltreppenhaus.

Ganz ganz oben dann doch eine Tür, dahinter ein flauschig gestalteter Empfangsraum. Sofort war eine Mitarbeiterin zur Stelle, knallblaues T-Shirt mit dem Logo der Organisation drauf. »Sorry to drop in like this«, sagte ich, »but I think your letterbox is burning.«

Die Mitarbeiterin, die anderthalb Köpfe größer war als ich, wiederholte fragend meine Aussage. Da wir in Schottland sind, wurde aus »burning« ungefähr so etwas wie »burmy«, also fragte sie: »The letterbox is burmy?« Diesen Satz hörte ich, immer im Wechsel mit Ausrufe- und Fragezeichen dann noch mehrmals.

Andere Mitarbeiterin, gleiches T-Shirt, kommt herbeigelaufen: »The letterbox is burmy!« – »The letterbox is burmy?« – »The letterbox is burmy!!!«

Weiterer Mitarbeiter, selbes Spiel.

Und noch einer, und noch einer, bis die Nachricht den Obermitarbeiter erreichte, der nun eine Entscheidung fällen musste. Zusammen mit der ersten Mitarbeiterin ging ich die endlose Wendeltreppe nach unten, in die sich der elende Rauch bereits vorgearbeitet hatte.

Die Mitarbeiterin hatte einige Ausdrücke negativer Überraschung parat, »oh shit« und so was. Sie zog sich das T-Shirt über die Nase, SpongeBOZZ-Style, und näherte sich der Flamme, die immer noch aus dem Briefkastenschlitz rausfauchte. Erst da bemerkte ich, dass sie eine Kaffeetasse mitführte, die sie erhob und in den Briefkasten entleerte. In diesem Moment kamen weitere blaue T-Shirts aus dem Flurgang, neue Kaffeetassen, und sie beschmissen alle das Feuer mit kaltem Bürokaffee und das war ein Weltrettungsfeeling wie damals das Sandsackwerfen beim Oderhochwasser 1997.

Das große Briefkastenfeuer von Glasgow, es war nach wenigen Minuten gelöscht, und ich ging wieder meiner Wege, hinunter in die Innenstadt.
 

Tag in Tula

Moskau, 21. März 2018, 22:54 | von Paco

Samstagmorgen, der Tag vor der Präsidentschaftswahl, und wir fuhren mit der Lastotschka nach Tula. Das dauert von Moskau aus nur zwei Stunden und schon ist man im gefährlichen Tula, denn es ist Eiszapfensaison und, anders als in Moskau, waren noch nicht alle Eiszapfen kontrolliert abgeschmolzen oder abgedroschen worden. An die Häuser waren A4-Zettel mit Warnungen geklebt: Achtung vor dem Eiszapfen! Zehn-Kilo-Eispickel hingen tropfend von maroden Dachrinnen und es war nur eine Frage der Zeit, bis.

Im Beloussow-Park fuhren wir eine Weile Ski, vielleicht die letzte ordentliche Skifahrt diesen Winter, und in der parkeigenen Brasserie »Pjotr Petrowitsch«, benannt nach dem Parkgründer, gab es dann lauter gute Sachen zur Erfrischung.

Um etwas Zeit zu überbrücken, gingen wir ins »Eremitage« geheißene Theater. Dort gab es einen Tschechow-Abend, und gerade, als wir verspätet hineinschneiten, begann die Aufführung der Zwei-Seiten-Erzählung »Datschniki«, die von ungebetenen Gästen handelt, und die von der Truppe irgendwie auf 20 Minuten gestreckt wurde.

Es war aber noch mehr los im Haus. In der Etage drüber gab es ein Jazzkonzert, und die Band stand vor einer frühneuzeitlichen Weltkarte, und zwar der doppelhemisphärischen von Claes Janszoon Visscher, Mitte 17. Jahrhundert, die durch den Jazz hindurch zu mir herüberschimmerte. Nach dem Konzert trat ich näher heran, die Weltkarte stellte sich als riesiges Puzzlespiel heraus, das irgendjemand erfolgreich zusammengesteckt und dann aufgeklebt, eingerahmt und mit Glasscheibe versehen hatte.

Dann wurde es Zeit, schließlich war Salsa Night in der »Stetschkin«-Bar, die benannt ist nach dem berühmten, in Tula ansässig gewesenen Waffenkonstrukteur Igor Jakowlewitsch Stetschkin. Wir trafen einige Leute, die uns unter anderem kopfschüttelnd erzählen hörten, dass wir »in diesem bescheuerten Theater« gewesen seien, aber uns hatte es dort ja gefallen.

Die Salsa Night selber kann man jetzt schlecht beschreiben, jedenfalls waren wir wie geplant um 3 Uhr morgens wieder am Bahnhof und nahmen den Zug zurück nach Moskau, und unterwegs las ich hot-off-the-presses die krasse Berghain-Story im aktuellen »Spiegel«: »Tod in Berlin«, unheimlich aufgeschrieben von Alexander Osang, bleibt erst mal im Hirn wie ein Fincher-Film.

In Moskau angekommen war alles beim Alten und wir schliefen in den späten Nachmittag hinein, um uns von dem Ausflug nach Tula zu erholen.