Bernardo Hees Kraft Heinz

Hamburg, 14. November 2018, 16:45 | von Dique

Bernardo Hees ist wahrscheinlich der einzige CEO, der so corporate ist, dass er auf seinen Hemden immer das Logo der jeweiligen Firma eingestickt trägt, die er gerade leitet. Er ist immer mit einem hellblauen Oberhemd bekleidet, entweder unifarben oder mit Bengal-Stripes, und oben links ist dann eben das aktuelle Firmenlogo drauf. Zuerst gesehen bei Burger King, dann wechselte er zu Heinz, und nach dem Merger mit Kraft steht da nun Kraft Heinz auf seinem Hemd. Vorher war er CEO bei der brasilianischen Eisenbahngesellschaft América Latina Logística (ALL), damals trug er wohl noch Hemden ohne Firmenlogo.

Die Firmen Kraft und Heinz wurden natürlich in den USA gegründet, die Gründer haben aber jeweils deutsche Vorfahren, und seit ein paar Jahren firmieren beide Companys nun unter einem Dach. Hinter dem Deal stecken der Superinvestor Warren Buffett und die brasilianischen Superinvestoren von 3G Capital. Letztere kauften auch irgendwann mal Burger King und formten den größten Biergiganten aller Zeiten, Anheuser-Busch InBev, aus dessen Brauereien weltweit jedes dritte oder vierte Bier kommt. Und beim Schreiben fällt mir auf, dass ja auch die Anheusers und die Buschs deutsche Wurzeln haben. Die unfassbar spannende Geschichte von 3G erzählt Cristiane Correa in »DREAM BIG: How the Brazilian Trio behind 3G Capital – Jorge Paulo Lemann, Marcel Telles and Beto Sicupira – Acquired Anheuser-Busch, Burger King and Heinz«.

Bernardo Hees ist ebenfalls Brasilianer und Partner bei 3G und er fährt deren meritokratischen und kostensparenden Managementansatz, inklusive Zero-Base-Budgeting und ohne Business-Class-Flüge. Dazu passt seine schlanke Figur, aber sein konstantes Lächeln vielleicht nicht auf den ersten Blick, allerdings, warum soll man beim Streamlinen keinen Spaß haben. Und es ist ja nicht nur Streamlining da bei Kraft Heinz, sondern Hees setzt durchaus neue Impulse. So gibt es endlich Mayochup, also Mayo und Ketchup vorgemischt direkt aus der Easy-Squeeze-Flasche (warum erst jetzt?). Modern und viral hat man zunächst per Twitter das neue Produkt vorgeschlagen, es kam super an, und so hat man gleich noch über den Namen bei Twitter abstimmen lassen. In den USA gibt es Mayochup nun schon im Supermarkt und was weiß ich noch wo sonst, und bald schon soll es in England erhältlich sein. In Resteuropa muss man sich leider noch gedulden.

So ganz klar ist mir nicht, warum sich Firmen bei solchen weltweiten Produkt-Rollouts manchmal so viel Zeit lassen – Mayochup würde doch auch in Europe gleich fliegen! Warum dauerte es z. B. gefühlte Jahrzehnte, bis Mondelēz (damals noch Teil von Kraft) Oreo-Kekse auf den deutschen Markt brachte? Kaum gab es dann die ersten Oreos, brachte jede Handelsmarke ein vergleichbares Nachahmerprodukt auf den Markt. Und auch hier die Frage, warum hat nicht einfach schon vorher mal so ein Nachahmer so einen Oreo-artigen Keks rausgehauen? Alles natürlich spannende Fragen, die wohl jeder Wald- und Wiesen-Marketing-Experte sofort und direkt aus der Lamäng beantworten könnte. Aber das kommt dann in unserem nächsten Teil von »Business-Garn for Dummies«.

Ein weiteres neues Kraft Heinz-Produkt ist übrigens »Just Crack An Egg«. Dabei handelt es sich um einen Plastikbecher mit Rühreizutaten drin, in die man dann einfach ein frisches Ei reinschlägt, und nach zwei Minuten Mikrowelle hat man dann ein ganz feines Rührei. Ein tolles Convenience-Produkt, denn angeblich essen 70% der Amerikaner ihr Frühstück im Auto. Good Appetite!
 

Richard D. – Mission Oper

Hamburg, 13. November 2018, 20:06 | von Dique

Endlich ist Richard Deiss mal wieder in town und natürlich für eines seiner Abzählen-Abhaken-Abfeiern-Projekte. Gerade ist er dabei, alle Opernhäuser Deutschlands zu besuchen. Also nicht nur besuchen, davorstehen und mal kurz reinkucken, sondern jeweils mit Vorstellung. Im Notfall würde er eine öffentliche Probe akzeptieren, besser ist aber immer eine echte Aufführung, und das scheint auch gut zu klappen. Bei diesem ersten Wiedersehen mitten in der Hochphase des aktuellen Projekts geht es zu »Fidelio« in die Hamburger Staatsoper. Die einzige Oper von Beethoven ist ja ein statistisches Kuriosum und für Richard von besonderem Interesse.

Zuletzt hatte ich ihn in Brüssel getroffen, vor einer dieser berühmten gefühlten Ewigkeiten, und damals auch nur sehr kurz. Richard Deiss, dann noch ein weiterer Richard und ich, sahen an jenem Abend zunächst einer Bekannten von Richard D. beim Muscheln und Pommes Frites essen zu. Warum sahen wir zu? Weil der andere Richard und ich bereits zu Abend gegessen hatten, bevor dieses Treffen spontan anberaumt wurde, und weil der »echte« Richard nach 17 Uhr nichts mehr isst. Er macht seit einiger Zeit 16/8-Kurzzeitfasten, aber, anstatt das Frühstück wegzulassen, wie die meisten 16/8-Kurzzeitfaster, streicht er das Abendessen. Über die sozialen Folgen dieser Entscheidung diskutierten wir noch länger an diesem Abend, vor allem, nachdem dann die Bekannte vollgegessen verschwand und ich mit den beiden Richarden allein in der Brasserie saß.

Und nun sehen wir uns also mal wieder in Hamburg, mal wieder kurz und auf Mission. Grundsätzlich sollen ja alle Opernhäuser in Deutschland besucht werden, aber er nimmt auch international mit, was eben geht. International gibt es nun aber nicht so viele Opernhäuser, Deutschland ist die Hochburg, ein echtes Asset, über das viel zu wenig gesprochen werde, meint Richard, und ich kann ihm nur beipflichten. Er kommt erst kurz vor der Aufführung in Hamburg an. Wir treffen uns im Café um die Ecke und müssen schon nach ein paar Worten hinüber in die Oper. Mir gefällt die Hamburger »Fidelio«-Aufführung sehr gut, aber mir gefällt ja auch alles. Richard ist kritischer, er hätte sich das ganze noch ein wenig trister gewünscht, vor allem die Gefängnisszenen. Darüber diskutieren wir im Anschluss bei ein paar Glas Wasser.

Sein Programm für die folgenden Tage ist natürlich auch wieder beeindruckend. Zunächst verabreden wir uns für den nächsten Morgen zum Besuch des noch recht neuen Bargheer-Museums im Jenischpark, bevor Richard nach Schwerin aufbrechen wird, Mecklenburgisches Staatstheater, »Rosenkavalier«, und danach geht es wohl gleich weiter nach Berlin.

Zum Museumsbesuch kommt Richard stark verspätet, aber die Ausgangslage war auch denkbar ungünstig. Er hat vorher noch einen Abstecher nach Norderstedt gemacht, weil es die größte deutsche Stadt ist, in der er noch nie gewesen ist (knapp 80.000 Einwohner), obwohl er bereits über tausend deutsche Städte besucht habe. Doch der Jenischpark liegt nun ungünstig entfernt in der Nähe der Elbe. Als er dann endlich irgendwann eintrifft und wir gerade den ersten Raum im Museum abschreiten, meldet sich ein weiterer Bekannter und ein weiteres Treffen muss koordiniert werden. Der Museumsbesuch ist entsprechend kurz und knackig, vor allem für Richard, der ständig telefoniert und textet, denn der andere Bekannte hat keine Lust auf Museum, das Wetter sei ihm dafür zu schön, und so geht es dann bald schon auf einen Kaffee in den Park. Irgendwann meint Richard, dass er nun bald losmüsse, nach Schwerin. Allerdings habe er schon noch 15 Minuten und schlägt vor, dass wir noch schnell in das ebenfalls im Jenischpark befindliche Barlach-Museum gehen. Ich lehne einen weiteren Blitzbesuch des mir sehr gut bekannten Museums ab und der Bekannte sowieso. Dennoch ermutige ich Richard zum Besuch und weg ist er, und nach weniger als 10 Minuten dann auch wieder da. Das Museum gefalle ihm sehr gut.

Diese Ereignisse spielen sich im frühen Sommer dieses Jahres ab, Richard hat insgesamt schon 30 Opernbesuche hinter sich. Für ihn geht es straff im Programm weiter und ich begleite ihn noch zwei weitere Male. Kurz vor Ende der Spielzeit klappt es in Hannover zu »Aida«. Wir haben nichts Spektakuläres erwartet und staunen dann nicht schlecht über die herrliche Aufführung, ein analoges, aber auch digitales Feuerwerk. Überall Bildschirme, YouTube-Einspieler, Live-Googlen und eine Steadicam, die aus allen möglichen Bühnenwinkeln Bilder auf Leinwände projiziert, schräg und beeindruckend, nicht gezwungen, sondern nur gelungen.

Außer Richard ist noch Marcuccio mit dabei und wir sind alle drei wie weggeblasen. Die spätere Recherche bestätigt, dass wir aus Versehen in eine der innovativsten »Aida«-Aufführungen, nämlich die von Kay Voges, geraten sind. Bevor wir uns danach auf einen Drink irgendwo niederlassen können, müssen wir noch im Eilmarsch zum berühmten Maschsee, benannt nach einem der berühmtesten Söhne der Stadt, Carsten Maschmeyer, hehe.

Mittlerweile hat Richard nun über 80 Opernhäuser besucht und muss nur noch ein paar kleine Häuser einsammeln, Gera, Altenburg, Hildesheim und nahezu ganz Schleswig-Holstein. Aber bis zum Frühjahr soll es vollbracht sein. Vor ein paar Tagen bin ich mit ihm in Lüneburg und wir sehen »La Bohème«. Beinah verpassen wir den Anfang. Das Timing ist wie üblich eng. Am Freitag ist Richard in Oldenburg gewesen, dann am Samstagmorgen nach Berlin gefahren, aber abends weiter nach Dresden in die Semperoper und nachts wieder zurück nach Berlin, am Sonntagmorgen dann über Hamburg nach Lüneburg. Die Aufführung geht bereits 15 Uhr los und wir haben vorher ca. 1,5 Stunden in Lüneburg Zeit, wollen daher noch den Libeskindbau der Leuphana Universität besichtigen und bei einem Blitz-Spaziergang durch die Altstadt noch etwas zu Mittag essen. Bis auf eine wilde Taxifahrt zur Universität und den Sprint aus der Altstadt zur Oper schaffen wir das ganz entspannt, und »La Bohème« in dem kleinen Lüneburger Hause ist auch recht gelungen, auch wenn Richard schon wieder bemängelt, dass ihm das Bühnenbild nicht trist genug sei.
 

100-Seiten-Bücher – Teil 123
»Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland« (1949/2017)

München, 3. November 2018, 20:55 | von Josik

Kleinen Kindern und Deutschlernenden sollte man zum Deutschlernen nicht unbedingt das »Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland« in die Hand drücken. Denn sowohl in der Präambel als auch in Art. 1 Abs. 2 heißt es: »das Deutsche Volk«. Das Adjektiv ist großgeschrieben! Für diese Großschreibung kann man gewiss historische, ideologische und Pipapo-Gründe anführen, aber das ändert natürlich nichts daran, dass diese Schreibweise falsch ist. Adjektive werden im Deutschen nun mal kleingeschrieben.

Art. 7 Abs. 6 lautet: »Vorschulen bleiben aufgehoben.« Die betreffenden Gesetzeskommentare erklären, dass hiermit nicht jene Vorschulen gemeint sind, die wir alle besucht haben, sondern irgendwelche anderen Vorschulen. In Art. 12 Abs. 3 steht etwas für eine Demokratie so Selbstverständliches, dass man sich wundert, dass dies überhaupt aufgeschrieben wurde. Nämlich: »Zwangsarbeit ist […] verboten.« Sorry folks, das war natürlich ein Scherz. In Tat und Wahrheit steht in Art. 12 Abs. 3 selbstverständlich das genaue Gegenteil: »Zwangsarbeit ist […] zulässig.«

Art. 26. Abs. 1 legt fest: »Handlungen, die geeignet sind und in der Absicht vorgenommen werden, […] die Führung eines Angriffskrieges vorzubereiten, sind verfassungswidrig. Sie sind unter Strafe zu stellen.« Wie der Generalbundesanwalt festgestellt hat, ist »[n]ach dem eindeutigen Wortlaut der Vorschrift […] nur die Vorbereitung an einem Angriffskrieg und nicht der Angriffskrieg selbst strafbar«. Bei Angriffskriegen, die nicht vorbereitet wurden, kann man also beruhigt schlafen.

Meine Lieblingsworte im Grundgesetz sind: »Kauffahrteischiffe« (Art. 27), »Jagdscheine« (Art. 72 Abs. 3), »Sprengstoffrecht« (Art. 73 Abs. 1 Nr. 12), »Spielhallen« (Art. 74 Abs. 1 Nr. 11), »Bergarbeiterwohnungsbaurecht« (Art. 74 Abs. 1 Nr. 18), »Vergleichsstudien« (Art. 91d), »Machtvollkommenheit« (Art. 104 Abs. 2) und »Biersteuer« (Art. 106 Abs. 2 Nr. 4). In Art. 143b Abs. 2 stehen drei Begriffe, die freilich von ganz besonderer Wichtigkeit sein müssen, denn es sind die einzigen drei Worte im Grundgesetz, die in Versalien geschrieben sind. Es sind die Worte »POSTDIENST«, »TELEKOM« und abermals »POSTDIENST«.

Die Quatschwendung »Verbrechen gegen die Menschlichkeit« hat es leider auch ins Grundgesetz hineingeschafft, nämlich in Art. 96 Abs. 5 Nr. 2. Eigentlich sollte sich inzwischen ja herumgesprochen haben, dass es sich hier um einen etwas niedlichen false friend handelt und »crimes against humanity« korrekterweise mit »Verbrechen gegen die Menschheit« zu übersetzen ist. Hannah Arendt hat in »Eichmann in Jerusalem« (10. Aufl., Piper 2014, S. 398f., Hervorhebungen im Original) schon alles gesagt, was dazu zu sagen ist: »Das den Nürnberger Prozessen zugrunde liegende Londoner Statut hat […] die ›Verbrechen gegen die Menschheit‹ als ›unmenschliche Handlungen‹ definiert, woraus dann in der deutschen Übersetzung die bekannten ›Verbrechen gegen die Menschlichkeit‹ geworden sind – als hätten es die Nazis lediglich an ›Menschlichkeit‹ fehlen lassen, als sie Millionen in die Gaskammern schickten, wahrhaftig das Understatement des Jahrhunderts.«

Insgesamt liest sich das Grundgesetz in kürzester Zeit weg, vor allem dank der erfreulich vielen Leerzeilen zwischen den ganzen Artikeln. So ungefähr in der Mitte scheint das Grundgesetz kurz an Spannung zu verlieren und ein bisschen dröge zu werden, aber dieser Schein trügt. Beispielsweise in Art. 61 geht’s darum, dass das Bundesverfassungsgericht den Bundespräsidenten des Amtes für verlustig erklären kann. Es wäre doch bombe, wenn dieser Fall einmal IRL eintreten würde. Da könnten Tom Tykwer und seine Buddys dann auch gleich ne superste Serie draus machen: »Babylon Karlsruhe«.

Länge des Buches: ca. 170.000 Zeichen. – Ausgaben:

Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland. Textausgabe mit Stichwortregister. Stand: Juli 2017. Herausgeber: Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn. Redaktion: Dr. Birgitta Gruber-Corr, Dr. Miriam Shabafrouz. S. 3–144 (= 142 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

100-Seiten-Bücher – Teil 122
Albert Camus: »Der Fall« (1956)

München, 15. Oktober 2018, 02:01 | von Josik

Dieser superste Roman von Albert Camus besteht aus einem einzigen Laberflash, was der Ich-Erzähler oder Ich-Laberer auch ganz offen zugibt: »[I]ch schwatze Ihnen die Ohren voll«, sagt er gleich eingangs auf Seite 13. Und schon auf Seite 20 habe ich angefangen, den Übersetzer zu googeln, denn da steht: »[D]ie Habsucht […] hat mich immer gelächert

Auf Seite 89 steht: »Von diesem Gedanken zu dem Schlug, ich rufe die Gottheit nach Maßgabe meiner Unwissenheit an, war es nur ein kleiner Schritt.« Ich hatte kurz darüber nachgedacht, was das bedeuten soll. Von diesem Gedanken zu dem Schluss, dass es sich hier einfach um einen Druckfehler handelt, war es nur ein kleiner Schritt.

Auf Seite 104 liest man: »Aus seinem von mehrtägigen Bartstoppeln bedeckten Gesicht blickten verstörte Augen, auf seinem nackten Oberkörper perlte der Schweiß, seine Finger trommelten leise auf seine hervortretenden Rippen.« Man darf natürlich nicht glauben, dass Camus sich an der Stelle mit den »mehrtägigen Bartstoppeln« einen
Stilmittelscherz à la »fünfköpfiger Familienvater« erlaubt hätte (Enallage genannt), vielmehr heißt es im Original ganz unverfänglich: »avec sa barbe de plusieurs jours«.

So was kann natürlich immer mal passieren und ist nicht schlimm. Ansonsten denke ich, dass man durch die genannten Beispiele insgesamt einen guten Eindruck vom Inhalt des Buches gewonnen hat.

Länge des Buches: ca. 208.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Albert Camus: Der Fall. Roman. Aus dem Französischen von Guido G. Meister. Reinbek: Rowohlt 2017. S. 3–121 (= 119 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

Ein Hyundai als Genisa

Haifa, 8. Oktober 2018, 18:03 | von Paco

Absolut herrlicher Oktobervibe in Haifa, ich sitze zum Frühstück im Garten des »Fattoush« in der deutschen Kolonie am Fuß des Bergs Karmel, um zum Tagesauftakt eine Schakschuka zu verspeisen und einen Hafuch zu trinken. Gesagt, getan. Irgendwann trifft Yael ein und dann fahren wir zusammen in ihrem alten Hyundai zur Konferenz am Port Campus.

Der Zustand ihres Wagens ist ihr etwas peinlich. Die ganze Rückbank ist zugemüllt mit Bergen loser Buchseiten, zehntausende müssen das sein, auch auf dem Beifahrersitz fliegen ein paar herum. Ihr sei vor ein paar Wochen der riesige Karton mit den Seiten drin umgekippt, und jetzt sei das eben so der Zustand ihres Autos.

Zuvor hatte sie die Bücher in eine Druckerei gebracht und um Benutzung des Schneidegeräts gebeten. Hart hatte sie kämpfen müssen, um die skeptischen Ladenbetreiber davon zu überzeugen, dass sie eine treue Kämpferin für das gedruckte Wort sei, dass sie aber diese Bücher zerschneiden müsse, um sie automatisiert scannen und digital beforschen zu können. Die zerschnittenen Exemplare hatte sie alle wieder im Karton abgelegt und diesen auf die Rückbank ihres Autos gestellt, bis er dann eben umgekippt ist.

Soweit ihre Erzählung, die ich erst mal einfach so hinnahm, bis mir während der Konferenz plötzlich einleuchtete, warum die Seiten da jetzt noch so rumliegen und Yael mit dieser Situation ganz zufrieden ist, auch wenn sie dadurch ihren Viersitzer zum Zweisitzer degradiert.

Denn die Konferenz drehte sich um die jahrtausendealten Schriftrollen aus den Höhlen von Qumran, nach dem Zweiten Weltkrieg dort entdeckt und zu Weltruhm gelangt.

Althebräische Handschriften, die den Namen Gottes enthielten, durften nicht einfach so entsorgt werden, auch wenn sie nicht mehr benutzt wurden. Sie wurden in Genisas aufbewahrt, zugemauerten Hohlräumen, und haben so oft die Zeiten überdauert. Als eine Art Genisa haben also auch die Qumranhöhlen gedient.

Die Konferenz dauerte schon eine Weile, Forscher und Forscherinnen aus aller Welt, aus Hinz- und Kunzistan sozusagen, problematisierten alte und feierten neue Erkenntnisse und plötzlich wurde mir alles klar. Yaels Auto ist eine Genisa. Sie will die geliebten Buchstaben nicht vernichten, und so überdauern sie nun auf der Rückbank ihres Hyundai bis zum jüngsten Tag. Ich schaute kurz zu ihr hinüber, treue Kämpferin für das gedruckte Wort, und sie schaute zurück, und ich wusste, dass es so war.
 

Margin Call

Düsseldorf, 11. September 2018, 11:56 | von Charlemagne

Seit der Veröffentlichung seines Docufiction-Meisterwerks, »Die Murau Identität«, vor vier Jahren habe ich einen Google Alert für Alexander Schimmelbusch am Laufen.

Nicht nur, weil der Autor mit dem schönen Nachnamen ein so unterhaltsames Buch geschrieben hat. Auch, weil sein Vater, Heinz Schimmelbusch, in den frühen 90er-Jahren als Vorstandsvorsitzender das Frankfurter Unternehmen, für dessen Nachfolger mit neuem Namen und Adresse ich heute arbeite, in finanzielle Schieflage gebracht hat und ich solche Zufälle, als Alternative zu den aktuell grassierenden Rezensionshomestories, ziemlich unterhaltsam finde.

Im Vorfeld der Veröffentlichung von »Hochdeutschland«, seinem jüngsten Roman, musste ich den Google Alert dann aber wieder dichtmachen. Natürlich habe ich das Buch ordnungsgemäß gekauft und an einem verregneten Wochenende durchgelesen, nur war ich diesmal nach der Lektüre eher verwundert als euphorisiert. Nicht, weil der Roman nicht gut wäre. Er war halt einfach für mich keine Neuerscheinung im klassischen Sinne, sondern eher eine Ausarbeitung der bisher von ihm veröffentlichten Texte auf waahr in einem etwas überdrehten Sound, die, verglichen mit den kurzen Texten oder dem perfekt komponierten Bernhard-Schocker, in ausufernden Sätzen daherkommt, denen dann auf halber Strecke die Luft aus den bis zum Bersten vollgepumpten Reifen des immerhin schön benannten Märchenfahrzeugs »Shere Kahn« ausgeht.

Die überall gefeierten Alltagsbeobachtungen aus dem Leben eines Investmentbankers, als klassischer Dreiakter mit Eintritt, Aufstieg und Entfremdung inszeniert? Alles bereits enthalten im großartigen Text »Kindersoldaten des Kapitals«, und das ganz ohne den gerade erwähnten empfunden künstlich aufgeblasenen Leerlauf.

Die schönste Stelle ist für mich daher eine kulinarische Anekdote, nämlich die Entstehungsgeschichte der Spaghetti Carbonara, ganz beiläufig und leise beschrieben als ein »Destillat eines Augenblicks der Weltgeschichte, nämlich der alchemistischen Verbindung der Eipulver- und Bacon-Rationen der GIs mit den Kochkünsten der Italienerinnen im Rom der Nachkriegsjahre« (ähnlich, aber nicht ganz so schön bereits auf Wikipedia formuliert).

Vielleicht liegt es aber auch einfach daran, dass der Autor, natürlich absolut schuldlos, an meinem Bias vorbeidichtet. Denn obwohl er beflissen wirklich sämtliche Getränkeoptionen und -klischees durchdekliniert, von high bis low und always over the top, schreibt er nicht einmal in der Romanvariante über Apfelwein!

Auch »Hysteria« habe ich inzwischen gelesen, und es ist übrigens recht speziell geraten.
 

Post von Eckhart

Amsterdam, 22. August 2018, 20:02 | von Charlemagne

Meine früheste Erinnerung an die Halbwelt des Feuilletons, diesen popkulturellen Maulwurfsbau ohne Fluchtwege, ist eine Beauty-Kolumne im SZ-Magazin. Freitags, auf dem Weg zur Schule, hielt mein Papa immer am Bahnhof, um Presserzeugnisse für uns zu kaufen. Für ihn das Handelsblatt, für mich die Süddeutsche Zeitung. Anstatt übertrieben viel Zeit mit dem Streiflicht oder der Seite Drei zu verschwenden, blätterte ich immer sofort das Magazin auf, von hinten nach vorn, vorbei an Axel Hacke, auf der Suche nach neuen Texten von Eckhart Nickel.

Die Texte handelten häufig von relativ obskuren Pflegeprodukten, zum Beispiel von amerikanischen Rasiercremes, englischer Seife oder japanischer Hautcreme, und bedeuteten die Welt für mich. Sie waren nie besonders lang, hatten aber weitreichende Folgen. Da es die meisten Produkte damals nicht im stationären Einzelhandel zu kaufen gab, musste ich sie umständlich bestellen. Das hatte, neben einem chronisch leeren Sparkonto, auch zahlreiche Ausflüge aufs Amt zur Folge, um bunt beschriftete Pakete aus Übersee aus dem Zoll zu befreien.

Gleichzeitig stellten diese Texte mich aber vor eine noch viel größere Frage: Wer ist denn eigentlich dieser Autor, der so wahnsinnig schön über diese vermeintlich so oberflächlichen Produkte schreiben kann, und warum bedeuten sie mir so viel mehr als sämtliche Texte, die ich im langweiligen Deutsch-Leistungskurs bearbeiten muss? Im Internet gab es nur wenige Hinweise, aber immerhin die Möglichkeit, das Magazin DER FREUND zu kontaktieren (pоst@dеrfrеund.cоm), für das er als Chefredakteur mit Sitz in Kathmandu, Nepal, genannt wurde.

Also schrieb ich hin. Eine Ewigkeit hörte ich nichts und las weiter in seinem Buch über Thomas Bernhard, jetzt allerdings nach japanischen Kirschblüten duftend. Dann tauchte plötzlich eines Tages der kleine Briefumschlag unten rechts in der Menüleiste auf, Post aus Nepal. Der aus dieser naiven initialen Kontaktaufnahme entstandene E-Mail-Austausch war zunächst recht sporadisch; doch nach und nach schrieben wir uns immer häufiger, tauschten auf myspace Lieblingslieder aus oder schickten uns unsere YouTube-Lieblingsausschnitte aus Twin Peaks hin und her. Dieser Austausch gipfelte dann während meines Studiums in Bamberg in einem ersten Treffen, wir trafen uns nachmittags auf einen Kaffee und wunderten uns, glaube ich, ein bisschen über unser Gegenüber, er bestimmt mehr als ich, und wahrscheinlich ist das bis heute noch so.

Während er abends dann aus seinem bis heute unveröffentlichten Roman »Die Wespe« vorlas, stolperte gegen Ende der Veranstaltung unverhofft Christian Kracht als Überraschungsgast in den spärlich besetzten Saal, sein Zug aus München hatte Verspätung gehabt. Zu meiner großen Verwunderung wusste keiner der anderen anwesenden Studenten des Seminars zur sogenannten Deutschen Gegenwartsliteratur, in das ich mich anlässlich der Lesung eingeschlichen hatte, wer da gerade in den Raum hereingeschneit war. Noch seltsamer war nur, dass Christian Kracht, zumindest an diesem Abend, sehr genau wusste, wer ich war, nämlich Eckhart Nickels »pen pal«, wie er, typisch höflich verschmitzt und leicht maliziös lächelnd, treffend bemerkte. Eine Brieffreundschaft ohne Briefe sozusagen, ganz lose und unbekümmert, und so ging sie auch immer weiter, nur »Die Wespe« erschien nie.

Bis gestern, da endete das alles ganz unvorhergesehen, da ich, nach mehr als zehn Jahren, zum ersten Mal tatsächlich Post von meinem pen pal im Briefkasten hatte. Er stand dabei nicht einmal als Absender auf dem Umschlag, ich hatte also zunächst noch keine Ahnung von dieser Zäsur, dieser Epochenwende. Die Sendung kam vom Piper Verlag, aus München: brauner Umschlag, mitteldick. Zu meiner großen Überraschung fand ich darin ein Arbeitsexemplar seines neuen Romans, »Hysteria«, und ich freue mich seitdem wie verrückt auf die Lektüre und bin ganz gespannt, ob es auch um Wespen gehen wird.
 

Ein Tisch namens »Fabian« oder Das hässlichste Wort Hessens

Frankfurt/M., 20. Juli 2018, 18:03 | von Charlemagne

Immer, wenn es in Frankfurt so unerträglich heiß wird, dass Apfelwein als Erfrischungsgetränk seinen alternativlosen Höhepunkt erreicht, fährt Jens Becker in den Sommerurlaub und sperrt seine Apfelweinhandlung für zwei bis drei Wochen zu.

Obwohl er das stets Wochen vorher ankündigt, stehe ich in diesem Zeitraum trotzdem zuverlässig und regelmäßig mindestens einmal wie zufällig vor der verlassenen Eingangstür und blicke, halb verzweifelt, halb hoffend, in den dunklen Raum hinein, ohne Chance auf Einlass, der Meister ist immer noch auf Reisen. Gehe ich dann langsam weiter, beschleicht mich das Gefühl, dass der dunkle Raum auch in mich hinein blickt. Vielleicht liegt es am Hausschoppenentzug; vielleicht liegt es aber auch am karogemusterten Tisch, der in der Mitte des dunklen Raumes steht, eine Sonderedition aus der Maison Kitsuné-Serie von e15 namens »Fabian«.

Ein Tisch namens »Fabian«. Was für ein seltsamer Name für einen Tisch, und was für eine seltsame Assoziation, denn plötzlich habe ich ein Bild von Christian Kracht vor Augen, wie er, es war damals zur Hochzeit der sonderbaren »Imperium«-Debatte, in Leipzig bei der Verleihung des Buchpreises steht und ein Buch von Erich Kästner in der Hand hat.

Christian Kracht. Das passt, denn nur ein paar Wochen vorher hat er in seiner Frankfurter Poetikvorlesung den Wunsch geäußert, den »Klang der deutschen Sprache nur durch die Ferne gefiltert wahr[zu]nehmen«, und genau so geht es mir seitdem mit dem hässlichsten Wort Hessens, dem »Äppler«.

Ursprünglich als Kunstwort zur Umsatzsteigerung vom Unternehmen Possmann in den 90er-Jahren eingeführt (siehe hierzu auch die entsprechende Notiz in »Die Grammatik von als und wie« von Frederike Eggs), hat es sich mittlerweile fast flächendeckend in Hessen als umgangssprachliche Bezeichnung für Apfelwein ausgebreitet, und jedes Mal, wenn irgendwo das Wort auftaucht, sträuben sich mir die Nackenhaare und ich verlasse fluchtartig den Ort des Grauens.

Nicht nur, dass das Wort, geschrieben und/oder ausgesprochen, unglaublich dumpf und obszön daherkommt; es ist auch schlichtweg falsch, wie mir es der Wirt der Gaststätte Zu den drei Steubern in der Dreieichstraße, Wolfgang Wagner, vor vielen Jahren einmal in seinem unnachahmlichen Idiom erklärt hat. Nachdem ihm ein Gast mit der Aufschrift »Äppler Crew« auf dem T-Shirt ins Auge gefallen war, schaute er mich kopfschüttelnd an und fragte: »Äppler? Weißt Du, was ein Äppler ist?« Ich verneinte, neugierig. »Ein Äppler ist ein alter, geiler Bock, der versucht, Frauen ungefragt an die Äppel zu fassen, und sonst nichts. Äppler Crew, haha.«

Wie gesagt, dumpf und obszön, dieses hässlichste Wort Hessens.
 

100-Seiten-Bücher – Teil 121
Simone de Beauvoir: »Mißverständnisse an der Moskwa« (1965/1992)

München, 21. Juni 2018, 14:12 | von Josik

So geht diese superste kleine Erzählung los: »Sie blickte von ihrem Buch auf. Wie langweilig, diese alte Leier über die Unzulänglichkeit, zu kommunizieren! Wenn einem was daran liegt, schafft man es schon recht und schlecht. Nicht mit jedem, zugegeben, aber mit zwei oder drei Personen.«

Die zwei Hauptpersonen hier heißen Nicole und André und sind ein französisches Intellektuellenpaar Anfang sechzig, man muss sich beim Lesen also wirklich krass anstrengen, in diesen beiden Personen zwei fiktionale literarische Figuren zu sehen und nicht ein Abziehbild von de Beauvoir und Sartre, und wem das gelingt, congrats!

Nicole und André reisen in die Sowjetunion, es handelt sich mithin um Science-Fiction, denn die Reise findet ausdrücklich erst im Jahre 1966 statt, de Beauvoir hat diese Erzählung aber bereits im Jahre 1965 verfasst. Mit Mascha fahren Nicole und André dann ein bisschen im Land herum, nach Wladimir, nach Leningrad, nach Pskow usw.

Die Gespräche zwischen André und Mascha drehen sich meist um Politik, um die Chinesen und so, dabei werden sehr authentische und zeitlos gültige Dialoge gehalten: »›Wie sieht dieses Jahr die Lage im Kulturbereich aus?‹ ›Wie immer, wir kämpfen‹ […]. ›Und ihr gewinnt?‹ ›Manchmal.‹«

Eines Abends saufen sich im Restaurant Baku alle ein bisschen dezent zu, und nachdem sie ausgeschlafen haben, kommt es zum Showdown: André sagt nämlich, dass sie ja nun zehn Tage länger als ursprünglich geplant in Moskau bleiben, Nicole aber ist außer sich, dass er mir ihr nicht darüber geredet hat. André hingegen ist sich tausendprozentig sicher, dass sie die Zehntageverlängerung gemeinschaftlich ausgemacht haben, nach dem kleinen Besäufnis im Baku. Nicole hinwiederum ist sich tausendprozentig sicher, dass er mit ihr darüber nicht geredet hat.

So schaukelt sich das ganze also krass hoch, Nicole zischt ab und säuft ein bisschen dezent weiter, es ist überhaupt sehr herrlich, wie dezent in dieser Erzählung in Mengen gesoffen wird, und es wird einem sehr gut das Gefühl vermittelt, dass man eigentlich erst dann intellektuell sein kann, wenn man ein bisschen dezent zugesoffen ist.

Nicole bekommt mittlerweile echte Hassattacken auf André, und André denkt den unfassbaren Satz: »[S]ie hat mich nie in Liebe geliebt«, und man wünscht den beiden so sehr, dass sie wieder zusammenkommen, dass sie sich wieder vertragen, dass sie sich wieder versöhnen. Ob sie das am Ende tun? Es wird spannend, bleiben Sie dran!

Länge des Buches: ca. 150.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Simone de Beauvoir: Mißverständnisse an der Moskwa. Eine Erzählung. Deutsch von Judith Klein. Mit einem Nachwort von Judith Klein. Reinbek: Rowohlt 1996. S. 3–82 (= 80 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

Ohne Titel

Frankfurt/M., 19. Juni 2018, 00:14 | von Charlemagne

Samstags stand ich auf der Konstablerwache in Frankfurt am Main mitten auf dem Erzeugermarkt am Apfelweinstand von Günther Sattler aus dem Odenwald und blickte, übertrieben blumig formuliert, auf das wochenendliche Treiben.

Da Woche um Woche die gleichen Stände ihre Zelte auf dem Markt aufschlagen, sieht man auch Woche um Woche die gleichen Gesichter. Unzählige Wochenmarktbekanntschaften habe ich schon geschlossen, alles Personen, deren Name ich zwar nicht kenne, die mir aber trotzdem schon – in dieser Reihenfolge – ihre Eintracht-Dauerkarte, ein frisch geschmiertes Wurstbrot und, neulich, sogar Pizzabrötchen belegt mit Hackfleisch aus der Tupperbox angeboten haben. Meine Ausflüge auf den Wochenmarkt sind einfach unfassbar aufregend, hehe.

Eigentlich war es auch wieder Zeit, sich zu wundern, was eigentlich der Apfelweinpoet so treibt und wo er bleibt, doch stattdessen sah ich einen anderen Schriftsteller über den Markt laufen, waahristen Joachim Bessing, seineszeichens ehemaliger Quartettspieler und heute ausgesprochen beeindruckend behaarte Erscheinung. Darüber hinaus auch Autor des schönsten deutschsprachigen Buchs, das ich in den letzten Jahren so gelesen habe, »untitled«. Damals nach der Lektüre, ich las das Buch in der Wüste Namibias, flog ich erst mal weiter nach Australien, kaufte den titelstiftenden Duft und setzt mich aber auf kein Fahrrad.

»untitled« also. Fast noch besser aber ist sein Blog auf waahr.de, auf dem man ihm seit gut zwei Jahren dabei zuschauen kann, wie er langsam aber sicher Frankfurter wird, und das haut mich, als Frankfurter Wahlverwandter, natürlich um; diese Parallelität der Initiationsrituale, vom Vogelfutterkauf bei der Samenhandlung Andreas (neben dem Bürstenhaus!) bis hin zum karnivoren Selbstmordversuch beim Apfelwein Wagner – been there, done that, sehr zum Wohle!

Da lief er nun, in Jeansjacke gekleidet und mit Einkaufstüte behangen. Fast hätte ich ihm hinterhergerufen, Herr Bessing, hier!, aber ich weiß gar nicht, was ich dann weiter hätte sagen sollen. Vielleicht hätte ich ihn zum Apfelwein eingeladen und gefragt, was er samstags so auf dem Wochenmarkt kauft, so als neue Wochenmarktbekanntschaft. Seinen Vornamen immerhin kenne ich ja schon. Und dann, Eintracht-Dauerkarte, Wurstbrot, Tupperbox.