100-Seiten-Bücher – Teil 223
Grazia Deledda: »Von der toten Insel« (1905)

München, 21. April 2021, 11:11 | von Josik

Zuerst die Fakten: Die italienische Literaturnobelpreisträgerin Grazia Deledda ist 1936 gestorben, und ein handelsüblicher Backofen von Ikea ist heutzutage nur noch rund 60 cm hoch, etwa 59 cm breit und ca. 55 cm tief. Jetzt zur Fiktion: »Familie Marvu« lautet der Titel einer der insgesamt neun supersten Deledda-Storys, die in diesem Band versammelt sind. Der Schlawiner Badora erzählt den Kindern in der Großfamilie Marvu dort folgende Geschichte:

Ein Klosterbruder besuchte eine verheiratete Frau. Der Ehemann war auswärts. Die Frau und der Mönch essen Abendbrot. »Auf einmal klopft es an der Haustür, und was tut die Frau? Sie schiebt den Klosterbruder und das ganze Essen in den Backofen. Dann macht sie die Tür auf, und ihr Mann kommt mit einem Bekannten herein und fragt: ›Hast du nichts zu essen für uns?‹ Die Frau hatte ein altes gedrucktes Buch; das nimmt sie jetzt und sagt: ›Büchlein, befiehl, daß eine Schüssel Maccheroni erscheint!‹ / Der Bruder schiebt die Schüssel mit Maccheroni aus dem Ofen, und der Mann und sein Freund sperren vor Verwunderung den Mund auf. / ›Büchlein, befiehl, daß eine Schüssel mit Braten erscheint! Und die Schüssel mit Braten kommt‹« (S. 35).

Nachdem sie sich den Magen vollgeschlagen haben, möchte der Bekannte des Mannes, ein reicher Bauer, der Frau das Wunderbuch abkaufen. Sie feilschen ein bisschen. Er bietet hundert Skudi. Sie sagt, sie gebe es ihm nicht für tausend. Er bietet zweihundert. Sie fordert dreihundert. Er gibt ihr dreihundert und geht voller Freude mit dem Buch nachhause. »Die Frau und der Mann gingen ganz vergnügt zu Bett und legten die dreihundert Skudi unter ihr Kopfkissen. Und als sie schliefen, kroch der Bruder aus dem Ofen und kehrte in sein Kloster zurück« (S. 36).

Die Kinder fragen: »Und dann?« (S. 36) »›Nichts weiter‹, antwortet Badora. ›Die Geschichte ist aus.‹ / ›Mama‹, schrie jetzt Diego, ›Mamma mia, Badora erzählt den Kleinen Schweinereien!‹ […] / ›Ja‹, sagte Signor Giovanni, ›das sind doch keine Geschichten für Kinder!‹« (S. 36)

Länge des Buches: ca. 205.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Grazia Deledda: Von der toten Insel. Sardische Dorfgeschichten. Autorisierte Uebersetzung aus dem Italienischen von E. Müller-Röder. Stuttgart und Leipzig: Deutsche Verlags-Anstalt 1905. S. 9–140 (= 132 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

100-Seiten-Bücher – Teil 222
Xiao Hong: »Frühling in einer kleinen Stadt« (1936–1941)

München, 20. April 2021, 10:30 | von Josik

Leute, Ihr glaubt gar nicht, wie lange ich eine Hundertseiterin gesucht habe, die von einer Autorin verfasst wurde, deren Nachname mit X beginnt. Alle sagen: Xinran, Xinran. Alle haben mir von ihr erzählt, aber selbst haben sie sie kein einziges Mal gelesen. Denn Xinran schreibt ja immer nur so irre lange Bücher, Zweihundertseiterinnen, Dreihundertseiterinnen, so was halt, aber keine einzige Hundertseiterin, und ich wollte ja nur eine Hundertseiterin lesen.

Dann, nach jahrelanger Suche, passierte das Wunder. Ich traf Ingrid, stellte ihr voller Verzweiflung und ohne jede Hoffnung auf Antwort meine übliche Frage: »Kennst Du zufällig eine Autorin, die ein ca. 100 Seiten langes Buch geschrieben hat und deren Nachname mit X beginnt?«, und sie sagte wie aus der Pistole geschossen: »Xiao Hong!« Ich konnte mein Glück gar nicht fassen. Es war wie Weihnachten, Geburtstag und Beerdigung meines ärgsten Feindes zusammen.

Sofort las ich die fünf Erzählungen, die in diesem Buch versammelt sind. Nun wuchs meine Freude ins Unermessliche, denn alleine in der ersten Erzählung, »Hände«, tauchen folgende Stellen auf: Seite 11: »Hehe«, Seite 15: »hehe«, Seite 20: »Hehe«, Seite 21: »hehe«, Seite 23: »hehe«, Seite 24: »Hehe«, Seite 25: »Sie lachte ihr ›Hehe‹«, Seite 29: »He…he«. Nur ein Ausdruck auf Seite 26 fällt komplett aus dem Rahmen. Dort steht: »haha«.

Länge des Buches: ca. 130.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Xiao Hong: Frühling in einer kleinen Stadt. Erzählungen. Übersetzt und mit einem Nachwort von Ruth Keen. Köln: Cathay Verlag 1985. S. 9–107 (= 99 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

100-Seiten-Bücher – Teil 221
Mary Roberts Rinehart: »Keine Spur« (1932)

München, 19. April 2021, 09:55 | von Josik

Dieser superste Krimi trägt nur auf deutsch den Titel »Keine Spur«. Im Original heißt er »Miss Pinkerton«. Das hätte man im deutschen Sprachraum gar nicht verstanden: »Frau Pinkerton«, hä? Im Buch selbst heißt die Privatdetektivin auch gar nicht Miss Pinkerton, sondern Miss Adams. Der Titel »Miss Pinkerton« funktioniert im englischen Sprachraum und insbesondere in den USA trotzdem, denn dort kennt den Namen Pinkerton jedes Kind. Pinkerton ist eine Privatdetektei, die laut Wikipedia 1850 gegründet wurde, 1861 ein Attentat auf den US-Präsidenten Abraham Lincoln vereitelt hat und schließlich auch bei Lucky Luke vorkommt (Band 88: »Lucky Luke gegen Pinkerton«).

Die deutsche Übersetzung von »Miss Pinkerton« ist leider nicht besonders gut, aber vielleicht hat ja jemand von Euch mal Lust, diesen Krimi neu zu übersetzen. Ich habe überlegt, unter welchem neuen Titel man ihn herausbringen könnte. Der Titel »Keine Spur« ist ein bisschen albern, denn dass es erst mal keine Spur gibt, das trifft ja mehr oder weniger auf den Anfang jedes Krimis zu. Es könnte in der Neuübersetzung durchaus ein Titel sein, in dem – genau wie im Original – auch ein Name vorkommt. Nur gibt es leider keine Privatdetektei, die in Mitteleuropa ähnlich berühmt ist wie Pinkerton in den USA. Es gäbe aber sicher die Möglichkeit, auf fiktionale Figuren zurückzugreifen. »Frau Derrick« würde allerdings nicht funktionieren, auch »Frau Schimanski« würde nicht funktionieren, denn sowohl Derrick als auch Schimanski sind ja keine Privatdetektive, sondern Beamte. Doch gibt es glücklicherweise einen megaberühmten literarischen Privatdetektiv. Also, was haltet Ihr von: »Frau Brenner«?

Länge des Buches: ca. 230.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Mary Roberts Rinehart: Keine Spur. Klassischer Krimi. Übersetzt von Julia Koppel. Frankfurt/M., Berlin, Wien: Ullstein Verlag 1979. S. 3–128 (= 126 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

100-Seiten-Bücher – Teil 220
Adele Schopenhauer: »Haus-, Wald- und Feldmärchen« (1844)

München, 17. April 2021, 22:01 | von Josik

Das Hausmärchen ist toll, das Waldmärchen ist fantastisch, aber das Feldmärchen ist der Hammer. »Ein wunderlich aussehender Literat«, heißt es da, »hatte die arme Grisette dann und wann besucht. Man wußte nicht, was er für ein Landsmann, es kannte ihn auch niemand näher; nur erzählte man, daß er der Verfasser der artigen Vaudevilles sei, die eben in Paris en vogue waren und sehr gefielen« (S. 89). Was ein Vaudeville eigentlich ist, ist leicht zu beschreiben. Der Unterschied zwischen einem bedeutungsträchtigen Stück und einem Vaudeville ist ungefähr folgender: In einer seriösen Inszenierung hätte man den Hamlet mit Bruno Ganz besetzen müssen, in einem Vaudeville hätte man den Hamlet mit Dieter Thomas Heck besetzen müssen.

Nun gibt es hier eine auffällige Koinzidenz: In Buchform sind Adele Schopenhauers »Haus-, Wald- und Feldmärchen« erstmals nämlich 1844 erschienen, und 1844 ist auch das Geburtsjahr von Anatolij Fjodorowitsch Koni! Anatolij Koni ist der berühmteste russische Richter überhaupt, weil er im Prozess gegen Vera Sassulitsch den Vorsitz führte. Vera Sassulitsch hatte 1878 dem St. Petersburger Stadthauptmann, weil der ein Schuft war, in den Arm geschossen. Daraufhin wurde sie angeklagt, und das Geschworenengericht fällte ein überraschendes Urteil: Vera Sassulitsch wurde freigesprochen. Huch! Warum? Na wie gesagt: Weil der Stadthauptmann ein Schuft war. Über diesen Prozess schrieb Koni später ein Buch. In dem Buch steht ein irrer Satz: »Ein Gericht ist kein Theater«. Richtig ist natürlich das Gegenteil: Jedes Gericht ist ein Theater. Ein interaktives Theater: Vorne gibt’s eine Bühne, hinten gibt’s einen Zuschauerraum, vorne kommen Leute auf die Bühne, die lustige Klamotten tragen, und sobald sie die Bühne betreten, werden die Leute im Zuschauerraum ins Spiel einbezogen und sie müssen erst aufstehen, dann müssen sie sich gleich wieder hinsetzen. Sehr lustig!

Anatolij Fjodorowitsch Koni hätte natürlich wissen können, dass das Gericht ein Theater ist, schließlich war sein Vater Fjodor Alexejewitsch Koni von Beruf Dramenautor und hat das Vaudeville in Russland sozusagen überhaupt erst eingeführt. Koni sen. hat unzählige Vaudevilles verfasst, bearbeitet und übersetzt. Es gibt darüber eine grandiose Dissertation von Monika Katz: »F. A. Koni und das russische Vaudeville – Zur Geschichte des Unterhaltungstheaters in St. Petersburg 1830–1855«.

Usw.

Länge des Buches: ca. 148.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Adele Schopenhauer: Haus-, Wald- und Feldmärchen. Herausgegeben von Karl Wolfgang Becker. Mit Scherenschnitten von Adele Schopenhauer. Berlin: Buchverlag Der Morgen 1987. S. 3–110 (= 108 Textseiten).

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100-Seiten-Bücher – Teil 219
Flora Nwapa / Gracy Osifo / Zaynab Alkali: »Salzlose Asche« (1981–1989)

München, 16. April 2021, 01:27 | von Josik

Dieses superste Buch enthält insgesamt sieben Storys und einen Essay. Meine Lieblingsstelle steht in der Geschichte »Das Dilemma des Jägers« von Gracy Osifo und lautet: »›Rühr mich nicht an!‹, schrie Adanma. ›Beschmutze mich nicht mit deinen profanen Händen, du uneingeweihtes altes Huhn!‹« (S. 53)

Die Vokabel ›uneingeweiht‹ eignet sich hervorragend für Beleidigungen, zumal sie nicht justiziabel ist. Wenn Ihr eine Chefin oder einen Chef habt, könntet Ihr zu ihr oder zu ihm in irgendeinem Kontext beispielsweise einfach mal sagen: »Sie uneingeweihte Führungspersönlichkeit!«

Probiert es aus!

Länge des Buches: ca. 200.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Flora Nwapa / Gracy Osifo / Zaynab Alkali: Salzlose Asche. Kurzgeschichten aus Nigeria. Herausgegeben von Lotta Suter. Zürich: Stechapfel Verlag 1989. S. 3–125 (= 123 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

Kuchen und Gebäck in und um Palma

Palma, 13. Februar 2021, 14:42 | von Dique

Sonne ist Trumpf auf Mallorca und das macht noch jeden Lockdown, na ja, vielleicht nicht zum Kinderspiel, aber immerhin erträglicher. Die Bäckereien sind geöffnet und bis Mitte Januar konnte man sogar noch im Außenbereich der Cafés und Restaurants Platz nehmen. Jetzt gibt’s alles nur noch para llevar (zum Mitnehmen) und man kann dann im Gehen essen, auf einer Bank (ich weiß nicht mal, ob das erlaubt ist) oder am besten gleich wieder zu Hause in der Lockdownfestung.

Ich bespreche hier jetzt drei Gebäcke und einen Kuchen. Alle vier haben gemein, dass sie durch relative Einfachheit bestechen, aber eben sehr gut schmecken. Auf der Insel bekommt man sie in nahezu jeder Bäckerei, man sollte aber in jedem Einzelfall ein bisschen schauen, ob man vernünftige Ware geboten bekommt, und vor allem im Falle der Ensaïmada ist es extrem wichtig, dass sie sehr oder zumindest einigermaßen frisch ist.

Ensaïmada de Mallorca

Die Ensaïmada ist ein Schmalzkuchengebäck, den kleinen deutschen Schmalzkuchen, die man auf jedem Rummelplatz oder Weihnachtsmarkt in Deutschland findet, geschmacklich nicht unähnlich. Sie wird also in Schmalz ausgebacken und wie beim deutschen Schmalzkuchen steckt im Namen ebenfalls das Wort Schmalz drin (auf Katalanisch ›saïm‹). Die klassische Ensaïmada ist untertassengroß, zwei Finger dick und mit Puderzucker bestreut, und wenn sie gut gemacht ist und einigermaßen frisch, dann ist sie weicher als eine Feder. Sie ist so leicht und weich, dass man fast den Eindruck bekommt, man beiße in ganz frischen, warmen Schnee, wenn es so was geben würde. Es gibt zig Varianten der Ensaïmada, pizzagroße Versionen, mit Creme oder Schokolade gefüllt usw. usw., was vielleicht irgendwie verständlich, aber nicht wirklich sinnvoll ist. Man kann auch in Barcelona Ensaïmadas essen oder in Madrid oder Salamanca, aber die besten Ensaïmadas gibt es auf Mallorca, denn dort kommen sie nun mal her. Meine Lieblingsadresse in Palma ist das »Ca’n Joan de s’Aigo« in der Carrer del Baró de Santa Maria del Sepulcre (es gibt noch zwei weitere Locations). Das wunderschöne alte Café ist tendenziell ein Kandidat für das Kaffeehaus des Monats, aber aktuell kann man sich leider eh nur vor den Laden stellen und Zeitung lesen.

Cremadillo de Crema

Ich habe noch nie Blätterteig gemacht, aber behaupte trotzdem mal, dass ein Cremadillo eigentlich ein ganz einfaches Gebäckstück ist. Kreisrunder Blätterteig wird mit Vanillecreme gefüllt, in der Mitte gefaltet, mit Zucker bestreut oder bestrichen (das ist hier ja kein Rezept, ich vermute nur, dass es irgendwie so gemacht wird) und dann gebacken. Durch das Backen karamellisiert der Zucker leicht und gibt den Cremadillos ihre schöne, golden-braun glänzende Oberfläche. Mein persönliches Highlight ist das Durchbrechen der karamellisierten Zuckerschicht, gefolgt von dem Geschmack der weichen Vanillecreme. Für Ensaïmadas sind die traditionellen Bäckereien normalerweise eine gute Adresse, für Cremadillos verfestigt sich bei mir der Eindruck, dass sie in kleinen, unscheinbaren und ein bisschen ausgebombt aussehenden Bäckereien tendenziell besser sein können. Eine Gefahr ist das Over-Engineering: Ich finde, dass Cremadillos ein bisschen ungleich aussehen müssen, an der einen Stelle mal ein bisschen dunkler karamellisiert, hier und da mal eine Blase geworfen usw. Wenn sie aussahen wie gemalt, wurde ich bisher oft enttäuscht. Einer meiner Favoriten liegt ein bisschen abseits, »Sa Tahona Mallorquina« in Badia Gran, in der Nähe von Llucmajor. Aber Achtung, die Cremadillos bei »Sa Tahona« werden nicht jeden Tag gebacken und die aufbewahrten sind maximal der halbe Fun, deshalb am besten samstags um die Mittagszeit hingehen, dann sind sie frisch. Cremadillos gibt es leider auch mit den unterschiedlichsten Füllungen, empfehlen kann ich aber auch hier nur con crema.

Rubiol

Rubiols sind ebenfalls halbkreisförmig und gefüllt, von der Form also dem Cremadillo nicht unähnlich. Doch statt von Blätterteig wird die Füllung von einem einfachen hellen Teig aus Mehl, Ei und Zucker zusammengehalten. Im Grunde würde ich den Teig mit dem eines deutschen Mürbchens vergleichen, er ist allerdings etwas weicher und viel dünner gearbeitet, denn der Rubiol wird ja noch gefüllt. Auch hier gehört der Cremefüllung meine Präferenz, gegenüber Marmelade, Ricotta (okay, das ist schon auch sehr gut) oder Schokolade. Ich komme hier eher von der süßen Seite, aber Rubiols werden auch gern mit herzhaften Füllungen gemacht und erinnern dann vielleicht ein wenig an die argentinischen Empanadas, die ja auch halbmondförmig ausfallen. Eigentlich waren Rubiols mal ein traditionelles Ostergebäck, sind aber mittlerweile das ganze Jahr über zu haben, wenn auch nicht in der gleichen Verbreitungsdichte wie Ensaïmadas. Von außen sehen Rubiols beinahe zu unscheinbar aus, ein bisschen zu weiß, zu schlicht, und man könnte meinen, sie seien ganz trocken, aber all das stimmt nicht. Den besten Rubiol con crema hatte ich bisher in Valldemossa, in der Panadería Pastelería Ca’n Molinas.

Gató Mallorquín de Almendra

Tja, am Ende ist Gató vielleicht doch »nur« Tarta de Santiago ohne Kreuz drauf und eben aus Mallorca. Es handelt sich hierbei jedenfalls auch um einen Mandelkuchen, der wie die Tarta de Santiago eigentlich kein Mehl enthält, sondern überwiegend aus zerriebenen Mandeln besteht. Ich kann den Unterschied also nicht so genau festmachen, der Gató Mallorquín ist nach meinem Eindruck zumeist ein wenig höher, unter der Puderzuckerschicht heller, im Innern feuchter, noch fluffiger und noch weicher. Wie man sofort erkennt, leitet sich der Name dieses wunderbaren Mandelkuchens natürlich vom französischen Wort für Kuchen ab, gâteau, und ist hier auf Mallorca schon seit Jahrhunderten »a thing«, wie San Andreas sagen würde, aber der isst ja keinen Kuchen mehr. Fakt ist jedenfalls, dass das Zeug einfach sehr gut schmeckt, zumindest – wie so oft in diesen Fällen – wenn es jemand gemacht hat, der das auch kann, z. B. bei »Fornet de la Soca«, wo übrigens auch die Ensaïmadas ganz hervorragend sind. In diesen Zeiten ja eigentlich egal, aber hier kann man sowieso nur mitnehmen, es gibt keine Bestuhlung. Man kann aber im kleinen Restaurant direkt daneben nett fragen, einen Kaffee bestellen und dort den mitgebrachten Kuchen essen.
 

100-Seiten-Bücher – Teil 218
Mahasweta Devi: »Das Brahmanenmädchen und der Sohn des Bootsmanns« (1968)

München, 29. Dezember 2020, 10:35 | von Josik

Eigentlich spielt diese Geschichte in Indien, und zwar im 18. Jahrhundert, aber dann passiert ouf of the blue folgendes: »Jemand sagte: ›Höre, Golaks Mutter, besorge einen eisernen Armreif aus dem Kalitempel in Tirol. Das hat sogar schon wild gewordene Elefanten geheilt.‹ Ishwar ging nach Tirol, brachte einen eisernen Armreif und gab ihn Golak« (S. 69f.). Also das ist doch leiwand, da geht jemand innerhalb eines einzigen Satzes zu Fuß von Indien nach Tirol und wieder zurück, und wirklich, Leute, ihr könnt euch nicht vorstellen, wie gut diese Szene mir als Verhaltensösterreicher gefallen hat.

Länge des Buches: ca. 105.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Mahasweta Devi: Das Brahmanenmädchen und der Sohn des Bootsmanns. Aus dem Bengalischen übersetzt von Barbara DasGupta. Heidelberg: Draupadi Verlag 2013. S. 3–89 (= 87 Textseiten).

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100-Seiten-Bücher – Teil 217
Rossana Rossanda: »Vergebliche Reise oder Politik als Education sentimentale« (1981)

München, 28. Dezember 2020, 10:55 | von Josik

Anfang der 1960er.

»In jenen Jahren«, schreibt Rossana Rossanda, »ging in Rom unter Intellektuel­len ein Liedchen um: ›I hate barocco, I hate scirocco, I hate Rome!‹« (S. 74)

Ich habe ebenfalls drei Liedchen geschrieben. Sie lauten wie folgt:

– »I hate kitsch, I hate the Golden Gate Bridge, I hate San Francisco!«
– »I hate the Eiffel Tower, I hate the French seat of power, I hate Paris!«
– »I hate the Brandenburg Gate, I hate the S-Bahn being late, I hate Berlin!«

Diese Liedchen unter euresgleichen zu verbreiten, ist nun eure Aufgabe (aber das gilt natürlich nur für den Fall, dass ihr Intellektuelle seid).

Länge des Buches: ca. 230.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Rossana Rossanda: Vergebliche Reise oder Politik als Education sentimentale. Aus dem Italienischen übersetzt von Barbara Kleiner. Frankfurt am Main: Europäische Verlagsanstalt 1982. S. 3–128 (= 126 Textseiten).

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100-Seiten-Bücher – Teil 216
Yasmina Reza: »Eine Verzweiflung« (1999)

München, 27. Dezember 2020, 09:40 | von Josik

In diesem Roman sagt der Ich-Erzähler über seinen Schwiegersohn, dass er ihm »alles verzeihe, weil er Apotheker ist« (S. 55). Okay, Leute, machen wir einen Test.

In ihrer 1810 veröffentlichten Biografie von Carl Ludwig Fernow berichtet Johanna Schopenhauer folgendes: Mit 14 Jahren habe Fernow in Anklam eine Apothekerlehre begonnen. »Ein benachbarter Edelmann«, schreibt sie, »schickte wöchentlich seinen Jäger in die Stadt, Arzeneien zu holen; Fernow kannte diesen Jäger sehr wohl, und hatte ihn gern als einen flinken Burschen, mit dem er oft im Scherz sich herumbalgte und schäkerte. Eines Morgens wie außer Fernow, der eben mit Kräuter-Auslesen beschäftigt war, nur noch einer seiner Mitlehrlinge sich in der Apotheke befand, kommt der Jäger wie gewöhnlich. Fernow verläßt seine Arbeit, nimmt im Scherz des Jägers Gewehr, legt auf ihn an, der Schuß geht los, und der Unglückliche sinkt ohne einen Laut, ohne eine Bewegung, auf der Stelle todt nieder, die Kugel war gerade durch’s Herz gegangen.«

Also noch einmal langsam: Der Apothekerazubi Fernow hat aus Jux und Dollerei versehentlich seinen Buddy erschossen – das ist kein Märchen, sondern das ist vor noch nicht einmal dreihundert Jahren wirklich passiert! Und nun, Leute, beantwortet bitte die Testfrage: Verzeiht ihr ihm?

Länge des Buches: ca. 190.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Yasmina Reza: Eine Verzweiflung. Roman. Aus dem Französischen von Eugen Helmlé. München / Wien: Carl Hanser Verlag 2001. S. 3–134 (= 132 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

100-Seiten-Bücher – Teil 215
Johanna Schopenhauer: »Meine Großtante« (1831)

München, 23. Dezember 2020, 10:05 | von Josik

Es geht hier darum, dass zwei Frauen, weil sie beide absolut keinen Bock auf Männer haben, einander heiraten, und das ist für eine Geschichte, die 1831 veröffentlicht wurde, doch einfach top-notch. Denn wie heißt es in einem Lied von Sebastian Krämer: »Wir sind verheiratet! Jetzt sage mal: / Wer wäre wohl so kühn / Und würd‘ den Fall, dass zwischen uns was abgeht, / in Erwägung zieh’n?«

Länge des Buches: ca. 160.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Johanna Schopenhauer: Meine Großtante. Aus den Papieren eines alten Herrn. In: Johanna Schopenhauer: Sämmtliche Schriften. Vier und zwanzigster Band. Leipzig: Brockhaus; Frankfurt/M.: Sauerländer 1831. S. 117–255 (= 139 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)