Echo der Frau
München, 3. Juni 2026, 10:15 | von JosikErstabdruck in:
Simone de Beauvoir: Die Zeremonie des Abschieds und Gespräche mit Jean-Paul Sartre. August–September 1974. Deutsch von Uli Aumüller und Eva Moldenhauer. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1986, S. 171, 177, 179, 183, 184, 185, 188, 189, 190, 195, 197, 202, 203, 206, 212, 225, 228, 230, 232, 233, 235, 237, 238, 240, 242, 243, 248, 249, 253, 254, 256, 257, 258, 259, 264, 265, 272, 273, 276, 277, 278, 282, 284, 285, 290, 291, 293, 294, 295, 300, 301, 302, 303, 304, 305, 306, 307, 308, 310, 311, 312, 319, 320, 322, 324, 325, 326, 327, 328, 334, 335, 336, 337, 338, 340, 341, 342, 343, 345, 346, 347, 354, 355, 357, 358, 361, 362, 363, 366, 367, 370, 374, 389, 394, 395, 396, 402, 408, 409, 410, 411, 413, 423, 429, 445, 460, 483, 485, 486, 487, 488, 490, 491, 505, 506, 511, 542. (tl;dr)
Simone de Beauvoir: Wir werden über die literarische und philosophische Seite Ihres Werks sprechen … vielleicht hatten Sie die Mantel-und-Degen-Romane etwas satt … Und Der Engel des Morbiden kam danach?
Jean-Paul Sartre: Der Engel des Morbiden kam danach …
Simone de Beauvoir: Es war also ein Versuch, den Realismus mit einer abenteuerlichen Geschichte in Einklang zu bringen.
Jean-Paul Sartre: Ja, mit einer abenteuerlichen Geschichte … Sogar in Die Wege der Freiheit steckt noch etwas vom Mantel-und-Degen-Roman.
Simone de Beauvoir: Ja. Aber überhaupt nicht in Der Ekel.
Jean-Paul Sartre: Überhaupt nicht in Der Ekel …
Simone de Beauvoir: Fühlten Sie sich sehr intelligent, sehr begabt, vorherbestimmt?
Jean-Paul Sartre: Sehr intelligent, ja, natürlich …
Simone de Beauvoir: Man gruppiert Wörter und plötzlich, durch irgendeine Magie, enthüllen diese Wörter die Welt?
Jean-Paul Sartre: Ja, so war es. In der Tat, durch irgendeine Magie …
Simone de Beauvoir: Sie haben einen Gesang der Kontingenz geschrieben.
Jean-Paul Sartre: Ich habe einen Gesang der Kontingenz geschrieben …
Simone de Beauvoir: Sprachen Sie über Proust?
Jean-Paul Sartre: Wir sprachen über Proust … Madame Morel …
Simone de Beauvoir: Jedenfalls nehme ich an, daß diese Dame über Une Défaite Tränen gelacht hat?
Jean-Paul Sartre: O ja! Tränen …
Simone de Beauvoir: Das heißt, im Grunde wollten Sie Der Ekel schreiben?
Jean-Paul Sartre: Im Grunde wollte ich Der Ekel schreiben …
Simone de Beauvoir: Sie hatten also Bedürfnisse.
Jean-Paul Sartre: Ich hatte Bedürfnisse …
Simone de Beauvoir: Das hat Sie bestimmt getroffen …
Jean-Paul Sartre: Ja, das hat mich etwas getroffen …
Simone de Beauvoir: … Manchmal sagen Sie, es habe Sie die Gewalt gelehrt.
Jean-Paul Sartre: Ja, es hat mich die Gewalt gelehrt …
Simone de Beauvoir: … Es war ja während des Krieges …
Jean-Paul Sartre: Ja, es war während des Krieges …
Simone de Beauvoir: Sie sagten, Sie seien Übermenschen. Es machte Ihnen Spaß, das zu sagen.
Jean-Paul Sartre: Ja, das sagten wir manchmal …
Simone de Beauvoir: Das ist, kurz gesagt, ein wenig die Kantsche Idee: du mußt, also kannst du … Du mußt, also kannst du.
Jean-Paul Sartre: Ganz offensichtlich ist es so. Du mußt, also kannst du …
Simone de Beauvoir: Die Vorstellung vom Genie lag also immer in der Zukunft?
Jean-Paul Sartre: Ja, das lag immer in der Zukunft.
Simone de Beauvoir: Sie wußten sehr wohl, daß Ihre Werke von damals … Sie wußten sehr wohl, daß sie nicht sehr gut waren.
Jean-Paul Sartre: Sie waren nicht sehr gut …
Simone de Beauvoir: Und zur Zeit der engagierten Literatur hat genau das aufgehört?
Jean-Paul Sartre: Es hat völlig aufgehört …
Simone de Beauvoir: Spinoza oder Stendhal sein, das hieß jemand sein, der sein Jahrhundert geprägt hatte und den man auch in künftigen Jahrhunderten noch lesen würde. Das dachten Sie mit zwanzig?
Jean-Paul Sartre: Ja, das dachte ich mit zwanzig …
Simone de Beauvoir: … im übrigen haben Sie sehr häufig Gelegenheitswerke geschrieben; und im allgemeinen sind sie Ihnen sehr gut gelungen. Die ganzen Situations …
Jean-Paul Sartre: Die ganzen Situations sind Gelegenheitswerke.
Simone de Beauvoir: Also besteht doch eine recht unmittelbare Beziehung zum Publikum.
Jean-Paul Sartre: Es besteht eine Beziehung …
Simone de Beauvoir: Sie waren ganz und gar nicht einer von jenen Schriftstellern, die sich mit seelenruhiger Verachtung für ihre Zeitgenossen in der Zukunft einrichten, wie Stendhal – obwohl Sie ihn sehr schätzen –, der meinte: »In hundert Jahren wird man mich verstehen, was kümmert mich das Heute.«
Jean-Paul Sartre: Überhaupt nicht …
Simone de Beauvoir: Und das ergab Marxismus und Existentialismus.
Jean-Paul Sartre: Das ergab Marxismus und Existentialismus …
Simone de Beauvoir: Während Sie die Literatur niemals unter Corydran geschrieben haben.
Jean-Paul Sartre: Niemals … Ich erinnere mich, daß ich nach dem Krieg versucht habe, mit Corydran zu arbeiten. Es ging um eine Romanpassage, wo Mathieu durch die Straßen von Paris spaziert, kurz bevor er nach Hause geht. Es war gräßlich …
Simone de Beauvoir: … es war entsetzlich … Ja, aber Sie schrieben sehr gern Briefe.
Jean-Paul Sartre: Ja, ich tat es sehr gern …
Simone de Beauvoir: War Theorie der Emotionen nicht ein Teil von La Psyché?
Jean-Paul Sartre: Ja, sie war ein Teil davon …
Simone de Beauvoir: Es gab dieses Orchester und außerdem einen Zuaven, oder einen Soldaten, der dachte, er sei schön.
Jean-Paul Sartre: Es gab einen Soldaten, der dachte: ich bin schön …
Simone de Beauvoir: Und dann haben Sie eine große, lange und sehr schöne Studie über Nietzsche geschrieben.
Jean-Paul Sartre: Über Nietzsche, in der Tat …
Simone de Beauvoir: Ging es dabei nicht im wesentlichen um die Beziehung zwischen Moral und Politik? … Also um etwas ganz anderes als das, was Sie um 1948, 1949 schrieben?
Jean-Paul Sartre: Um etwas ganz anderes …
Simone de Beauvoir: Sie haben über den Stalinismus gesprochen.
Jean-Paul Sartre: Ja, ich habe angefangen, über den Stalinismus zu sprechen …
Simone de Beauvoir: Ich denke, daß es Sie auch gefreut hat, als Sie Die Fliegen in Prag sahen.
Jean-Paul Sartre: Ja, es hat mich gefreut … wenn man will, kann man jeden Tag ins Theater gehen, sich in eine Ecke setzen und sehen, wie das Publikum reagiert.
Simone de Beauvoir: Sie haben es nie getan.
Jean-Paul Sartre: Ich habe es nie getan … ich habe in Rom die letzten Szenen von Die Eingeschlossenen geschrieben …
Simone de Beauvoir: … Es war eine sehr schlechte Szene.
Jean-Paul Sartre: Sehr schlecht …
Simone de Beauvoir: Es gab nichts, das Sie fesselte.
Jean-Paul Sartre: Nichts …
Simone de Beauvoir: … Das heißt, Sie haben die moderne Literatur entdeckt.
Jean-Paul Sartre: Ich habe die moderne Literatur entdeckt … Und die NRF repräsentierte wirklich etwas; sie war die Kultur.
Simone de Beauvoir: Die moderne Kultur.
Jean-Paul Sartre: Die moderne Kultur …
Simone de Beauvoir: … weil es im Gegenteil eher heiter ist.
Jean-Paul Sartre: Sehr heiter, ja …
Simone de Beauvoir: Das Lesen war für Sie eine Art und Weise, sich die kulturelle Welt anzueignen, und gleichzeitig machte es Ihnen natürlich Spaß …
Jean-Paul Sartre: Ja, Spaß …
Simone de Beauvoir: Ich weiß, daß Sie nach der Agrégation viele ausländische Bücher gelesen haben. Viele amerikanische Bücher …
Jean-Paul Sartre: Ja, die amerikanische Literatur …
Simone de Beauvoir: Auch die russische.
Jean-Paul Sartre: Die alten russischen Bücher …
Simone de Beauvoir: Aber interessierte Sie nicht auch die Konstruktion?
Jean-Paul Sartre: Ja, die Konstruktion interessierte mich. Es war eine Konstruktion, von der ich oft dachte, sie könnte auch für Romane nützlich sein, die andere Themen behandelten …
Simone de Beauvoir: Seriösere Themen.
Jean-Paul Sartre: Seriösere … Ich kaufte Gesamtausgaben …
Simone de Beauvoir: Sie hatten die Gesamtausgabe von Colette … Vielleicht täusche ich mich, aber mir scheint, daß Ihre Lektüre weniger zweckfrei war, daß Sie weniger Romane lasen.
Jean-Paul Sartre: Weniger Romane …
Simone de Beauvoir: Viel Wirtschaftsgeschichte.
Jean-Paul Sartre: Viel Wirtschaftsgeschichte …
Simone de Beauvoir: Aber das, was Sie neulich das »Wesen» der Literatur nannten, was war das in alldem? Es war noch immer Erzählen.
Jean-Paul Sartre: Gewiß, Erzählen …
Simone de Beauvoir: Trotzdem ist es nicht dasselbe, einen Essay über Giacometti zu schreiben oder Die Wand zu erzählen.
Jean-Paul Sartre: Es ist nicht dasselbe …
Simone de Beauvoir: Sie haben schon vor dem Krieg angefangen, Kritiken zu schreiben, nicht wahr? … Und Sie haben es während des Krieges fortgesetzt …
Jean-Paul Sartre: Während des Krieges habe ich es in einer Marseiller Zeitschrift fortgesetzt … In einem Roman weiß man noch nicht so recht, was man mit den Personen anstellen wird, was sie sagen werden …
Simone de Beauvoir: … Während Sie beim Essay immer von dem geleitet werden, was Sie zu sagen haben.
Jean-Paul Sartre: Was ich zu sagen habe …
Simone de Beauvoir: Trotzdem scheint mir, daß Ihnen bei Ihren politischen Essays die Kunst weniger am Herzen lag.
Jean-Paul Sartre: Vielleicht etwas weniger …
Simone de Beauvoir: Sie sprachen neulich von einem Versuch, den Leser zu verführen.
Jean-Paul Sartre: Ja, genau, ein Versuch der Verführung …
Simone de Beauvoir: In gewisser Weise besteht immer eine Spannung.
Jean-Paul Sartre: Immer …
Simone de Beauvoir: Ich meine, findet man letztlich sowohl in der engagierten wie in der nicht engagierten Literatur dieselben Dinge wieder?
Jean-Paul Sartre: Es ist dasselbe …
Simone de Beauvoir: Manchmal waren Sie sogar – es ist lange her – von der Literatur angewidert; Sie sagten: Literatur ist Scheiße. Was meinten Sie damit genau? Und von Zeit zu Zeit haben Sie mir gesagt, erst kürzlich: eigentlich ist es idiotisch zu arbeiten, um sich auszudrücken. Es klang so, als wollten Sie sagen, man solle einfach irgendwie schreiben. Außerdem sagten Sie manchmal: so hätten Sie den Flaubert geschrieben – was nicht ganz stimmt.
Jean-Paul Sartre: Es stimmt nicht …
Simone de Beauvoir: Sie meinen, eine etwas magische Idee von der Literatur?
Jean-Paul Sartre: Ja, etwas magisch …
Simone de Beauvoir: Ich weiß, daß Sie die Bücher, die mir in den letzten Jahren gefielen, nicht gelesen haben … Es interessierte Sie überhaupt nicht, sie zu lesen.
Jean-Paul Sartre: Nein. Ich weiß nicht warum, aber es hat mich nicht interessiert …
Simone de Beauvoir: Aber auf den Gegenstand in der Bewegung der Erzählung hinzuweisen, das ist gut!
Jean-Paul Sartre: Das ist gut, ja …
Simone de Beauvoir: Als ich in der Rue de la Bûcherie wohnte, habe ich ein Grammophon gekauft.
Jean-Paul Sartre: Ein großes Grammophon …
Simone de Beauvoir: … Die Massins haben ein Buch über Mozart geschrieben, das sehr gut ist.
Jean-Paul Sartre: Ja, sehr gut …
Simone de Beauvoir: Bis wohin gingen Sie? Natürlich bis zum Impressionismus, Cézanne, van Gogh …
Jean-Paul Sartre: Cézanne, van Gogh, ja …
Simone de Beauvoir: Das ist interessant, weil Sie niemals eine literarische Schrift gefunden haben, die Sie anregte, über Musik zu schreiben.
Jean-Paul Sartre: Niemals …
Simone de Beauvoir: … Die Stierkämpfe sind nicht dasselbe wie ein griechischer Tempel oder Malerei. Sie waren eine Art, in das Land einzutauchen, in die Menge des Landes, und das war auch wichtig.
Jean-Paul Sartre: Das war enorm wichtig, der Stierkampf …
Simone de Beauvoir: Das knüpfte ja ein bißchen an Ihre Träume von Abenteuern an.
Jean-Paul Sartre: Ja, es hatte etwas Abenteuerliches.
Simone de Beauvoir: Dabei riskierten wir nichts.
Jean-Paul Sartre: Wir riskierten nichts … Ach, das war damals vage.
Simone de Beauvoir: Sehr vage … Wir spürten nicht viel davon, aber es existierte doch immerhin für uns.
Jean-Paul Sartre: Ja, es existierte …
Simone de Beauvoir: Und ich erinnere mich auch, daß wir in Venedig deutschen Braunhemden begegnet sind …
Jean-Paul Sartre: Ja, ich sehe sie genau vor mir, diese Braunhemden …
Simone de Beauvoir: … In Italien sind wir zweimal gewesen.
Jean-Paul Sartre: Zweimal, ja … Wir sind durch Griechenland gereist … Wir schliefen oft im Freien … auch auf einer Insel, wo wir griechisches Kasperletheater gesehen haben.
Simone de Beauvoir: Ich glaube, Sie meinen auf Syra?
Jean-Paul Sartre: Auf Syra … Wir schliefen gern draußen.
Simone de Beauvoir: Oh, jede zweite Nacht, glaube ich.
Jean-Paul Sartre: Jede zweite Nacht, ja … Zum Beispiel schliefen wir draußen …
Simone de Beauvoir: … Der Jazz hat Ihnen viel bedeutet.
Jean-Paul Sartre: Viel …
Simone de Beauvoir: Und war es nicht auch das erste Mal, daß Sie im Flugzeug flogen?
Jean-Paul Sartre: Doch, es war das erste Mal … Und die Grimmigkeit der Zollbeamten an der amerikanischen Grenze hatte nichts mit der Nachlässigkeit an den meisten europäischen Grenzen gemein.
Simone de Beauvoir: Waren sie grimmig, die Zollbeamten?
Jean-Paul Sartre: Sie waren ziemlich grimmig …
Simone de Beauvoir: Das war also im Prinzip eine Reise, auf der Sie ein Land beim Leben, ein Land in Bewegung sahen.
Jean-Paul Sartre: Im Prinzip …
Simone de Beauvoir: Das muß ja aufregend gewesen sein.
Jean-Paul Sartre: Es war aufregend …
Simone de Beauvoir: Ja, das war ziemlich willkürlich.
Jean-Paul Sartre: Das war willkürlich …
Simone de Beauvoir: Waren Franzosen dabei?
Jean-Paul Sartre: Es waren Franzosen dabei …
Simone de Beauvoir: … Wie lange sind Sie dageblieben? Drei Monate, vier Monate?
Jean-Paul Sartre: Drei oder vier Monate, ja … Ich bin nach dem Ende der eigentlichen Reise mindestens noch eineinhalb Monate geblieben.
Simone de Beauvoir: In New York?
Jean-Paul Sartre: In New York, ja …
Simone de Beauvoir: … André Breton war gegangen.
Jean-Paul Sartre: Er war gegangen, ja …
Simone de Beauvoir: … diese sehr offene, sehr entgegenkommende Haltung eines Merleau-Ponty hatten Sie überhaupt nicht.
Jean-Paul Sartre: Überhaupt nicht …
Simone de Beauvoir: … Sie hatten an der Sorbonne den Ruf, Sie, Nizan, Maheu, eine äußerst verächtliche Haltung gegenüber der Welt insgesamt und gegenüber den Sorbonne-Studenten im besonderen zu haben.
Jean-Paul Sartre: Weil die Sorbonne-Studenten Wesen waren, die nicht ganz und gar Menschen waren.
Simone de Beauvoir: Es ist sehr schlimm anzunehmen, daß manche Menschen nicht ganz und gar Menschen sind. Das widerspricht völlig der Idee der Gleichheit.
Jean-Paul Sartre: Es ist sehr schlimm …
Simone de Beauvoir: … Oder war ein Verhältnis von Gleichheit möglich?
Jean-Paul Sartre: O ja! Ein Verhältnis von Gleichheit war sehr gut möglich …
Simone de Beauvoir: Zuorro spielte Ihnen ja gern Streiche.
Jean-Paul Sartre: Er spielte mir gern Streiche. Er suchte meine Mutter auf …
Simone de Beauvoir: Das heißt, sie hat etwas unterschrieben.
Jean-Paul Sartre: Sie hat etwas unterschrieben … Ich habe also angenommen.
Simone de Beauvoir: Ja, Sie haben das Geld zynisch genommen.
Jean-Paul Sartre: Ich habe das Geld zynisch genommen …
Simone de Beauvoir: Das hatte nichts mit Hierarchien, mit Ehrungen, mit Unterscheidungen zu tun.
Jean-Paul Sartre: Überhaupt nichts …
Simone de Beauvoir: Ja, außerdem hatte Merleau-Ponty promoviert.
Jean-Paul Sartre: Er hatte promoviert …
Simone de Beauvoir: … Aber die Tatsache, mit Männern zusammen zu sein, von ihnen anerkannt zu werden und mit ihnen zu arbeiten, das hat Ihnen gefallen?
Jean-Paul Sartre: Das hat mir gefallen …
Simone de Beauvoir: … In Le Havre waren Sie doch mit Bonnafé befreundet?
Jean-Paul Sartre: Ich war mit Bonnafé befreundet …
Simone de Beauvoir: Sie hatten von vornherein Sympathie für die Schüler.
Jean-Paul Sartre: Von vornherein …
Simone de Beauvoir: Jemanden haben wir noch nicht erwähnt, nämlich Zuorro … immerhin waren Sie ziemlich oft mit ihm zusammen.
Jean-Paul Sartre: Ja, wir waren ziemlich oft zusammen … Maheu … war sehr karrieresüchtig …
Simone de Beauvoir: Er hat Karriere gemacht!
Jean-Paul Sartre: Er hat Karriere gemacht …
Simone de Beauvoir: Haben Sie an dem Tag Jouhandeau getroffen? War er es nicht, der Sie gefragt hat: »Sind Sie in der Hölle gewesen?«
Jean-Paul Sartre: Ja, das war er …
Simone de Beauvoir: Sind Sie Gide begegnet?
Jean-Paul Sartre: Ja, ich bin ihm begegnet …
Simone de Beauvoir: … Sie haben keine Freundschaft angeknüpft?
Jean-Paul Sartre: Keine Freundschaft …
Simone de Beauvoir: Alles in allem, die Tatsache, unter Männern zu sein, mißfiel ihnen nicht?
Jean-Paul Sartre: Das mißfiel mir nicht …
Simone de Beauvoir: Trotz einigen Typen, die Ihnen persönlich mißfielen, nehme ich an.
Jean-Paul Sartre: Ja, persönlich gefielen mir manche nicht besonders …
Simone de Beauvoir: Sie mochten die falschen Fuffziger nicht.
Jean-Paul Sartre: Ich mochte die falschen Fuffziger nicht …
Simone de Beauvoir: Phantasten, das ging noch.
Jean-Paul Sartre: Phantasten störten mich nicht …
Simone de Beauvoir: Können Sie uns etwas über Ihre Beziehung zu Camus sagen? …
Jean-Paul Sartre: … Wir hatten ein komisches Verhältnis …
Simone de Beauvoir: Am Anfang nicht …
Jean-Paul Sartre: Am Anfang nicht …
Simone de Beauvoir: Im übrigen hatte er ein komisches Verhältnis zu Ihnen … Wir hatten Notre-Dame-des Fleurs schon gelesen, und es gefiel uns sehr.
Jean-Paul Sartre: Es gefiel uns sehr …
Simone de Beauvoir: Damals, das war das Kriegsende …
Jean-Paul Sartre: Ich habe Genet gegen Kriegsende kennengelernt.
Simone de Beauvoir: Um 1943?
Jean-Paul Sartre: Um 1943 … Er hat … mir vorgeschlagen, ein Vorwort für ihn zu schreiben.
Simone de Beauvoir: Ach ja! Er hat Sie um ein Vorwort gebeten … Vielleicht war der, der Ihnen am nächsten stand, Giacometti, mit ihm hat es nie Zerwürfnisse gegeben.
Jean-Paul Sartre: Es hat nie Zerwürfnisse gegeben …
Simone de Beauvoir: … Bost. Weil er Caus Partei ergriffen hatte, ist es zum Konflikt gekommen.
Jean-Paul Sartre: Es ist zum Konflikt gekommen …
Simone de Beauvoir: Diese Teamarbeit schien Ihnen Spaß zu machen.
Jean-Paul Sartre: Ja, das machte mir Spaß … Es sind alte Freunde.
Simone de Beauvoir: Es sind alte Freunde … Aber um auf diese Gruppe zurückzukommen, was verbindet Sie mit ihr? Ist es eine lange Geschichte?
Jean-Paul Sartre: Es ist eine lange Geschichte … Seit Pontalis und Pingaud gegangen sind, finde ich, daß die Gruppe ziemlich homogen ist.
Simone de Beauvoir: Ja, sehr homogen … Macht es Ihnen denn Freude, mittwochs wieder bei den Sitzungen von Les Temps Modernes dabei zu sein?
Jean-Paul Sartre: Ja, es macht mir Freude, wieder mit ihnen zusammen zu sein, das ist sehr erfreulich …
Simone de Beauvoir: Anders gesagt, die Gattung »Meister«, den man um Rat fragen kommt, dem man Vertrauliches erzählen kommt, das ödete Sie an?
Jean-Paul Sartre: Das ödete mich an …
Simone de Beauvoir: Warum? … weil Sie das nicht auf gleichen Fuß mit ihnen stellte?
Jean-Paul Sartre: Das stellte mich nicht auf gleichen Fuß mit ihnen …
Simone de Beauvoir: Wenn Frauen Ihnen dagegen Vertrauliches erzählten, das störte Sie nicht?
Jean-Paul Sartre: Das störte mich überhaupt nicht …
Simone de Beauvoir: … wenn Giacometti sehr persönliche Geschichten erzählte … das waren keine Vertraulichkeiten.
Jean-Paul Sartre: Das waren keine Vertraulichkeiten …
Simone de Beauvoir: Aber der Mann im allgemeinen, wenn Sie ihm so begegnen …
Jean-Paul Sartre: Ist der männliche Erwachsene.
Simone de Beauvoir: Und das wollen Sie nicht sein.
Jean-Paul Sartre: Das will ich nicht sein …
Simone de Beauvoir: So schön sind sie nicht.
Jean-Paul Sartre: Nein, sie sind nicht schön, die Männer …
Simone de Beauvoir: Sie eigneten sich die spezifischen Züge der Frauen an …
Jean-Paul Sartre: Ich eignete mir die spezifischen Züge der Frauen an …
Simone de Beauvoir: Haben Sie mit manchen von diesen Frauen Ärger gehabt?
Jean-Paul Sartre: Ärger, ja …
Simone de Beauvoir: Sie haben mit Olga Ärger gehabt.
Jean-Paul Sartre: Mit Olga, ja …
Simone de Beauvoir: Am meisten verärgert habe ich Sie … gesehen … mit M.
Jean-Paul Sartre: Ja, mit M. hatte ich viel Ärger …
Simone de Beauvoir: Im allgemeinen waren die Frauen, die Sie wählten, intelligent …
Jean-Paul Sartre: Ja. Ja, im allgemeinen waren sie intelligent …
Simone de Beauvoir: Und … gut freundschaftliche Beziehungen haben Sie in Ihrem Leben ebenfalls gehabt. Auf jeden Fall mit Madame Morel.
Jean-Paul Sartre: Madame Morel, ja.
Simone de Beauvoir: Es lag bestimmt mit daran, daß sie eine Frau war, die Ihrer Beziehung eine Qualität gab, die Ihre Freundschaft mit Guille nicht hatte.
Jean-Paul Sartre: Bestimmt …
Simone de Beauvoir: … Und dabei waren Sie sehr gesund.
Jean-Paul Sartre: Ja, ich war sehr gesund …
Simone de Beauvoir: … Die Werte Natur, Fruchtbarkeit, all das. Das interessiert Sie sehr wenig.
Jean-Paul Sartre: Sehr wenig … ich habe sehr ausgeprägte Vorlieben …
Simone de Beauvoir: Zum Beispiel?
Jean-Paul Sartre: Würstchen, Zervelatwurst, andere Wurst.
Simone de Beauvoir: Alle Wurstarten.
Jean-Paul Sartre: Alle Wurstarten …
Simone de Beauvoir: … Sie haben auch nicht ungern getrunken.
Jean-Paul Sartre: Ich habe sehr gern getrunken …
Simone de Beauvoir: Man muß dazu sagen, daß Sie nie ein einsamer Trinker gewesen sind.
Jean-Paul Sartre: Nie …
Simone de Beauvoir: Ja, aber manchmal tranken Sie mehr, als ich zulassen wollte … besonders bei den Fiestas oder kurz nach dem Krieg, als es gleichzeitig ein Abreagieren war.
Jean-Paul Sartre: Ja, es war ein Abreagieren …
Simone de Beauvoir: Aber es gab eine Zeit, als Sie an einer großen Arbeit saßen, wo Sie übermäßig viele Aufputschmittel nahmen.
Jean-Paul Sartre: Ich habe sie übermäßig genommen …
Simone de Beauvoir: … oder war so etwas wie eine perverse Lust dabei zu fühlen, wie Sie über Ihre Kräfte hinausgingen? …
Jean-Paul Sartre: Es war etwas von einer perversen Lust dabei …
Simone de Beauvoir: Die Krankheit gab Ihnen also ein Alibi, eine Rechtfertigung.
Jean-Paul Sartre: Ja. Eine Rechtfertigung …
Simone de Beauvoir: … Sie haben viele Aufputschmittel genommen … Was essen Sie denn gern?
Jean-Paul Sartre: … Ich habe sehr gern Wurst gegessen … Bratwurst, Schlackwurst, Schnittwurst …
Simone de Beauvoir: … Der einzige Luxus, den wir uns persönlich geleistet haben …
Jean-Paul Sartre: Waren die Reisen.
Simone de Beauvoir: Waren die Reisen … Es gibt etwas, was Sie nie mit Ihrem Geld gemacht haben, Sie haben nie spekuliert.
Jean-Paul Sartre: Nie. Und man braucht nicht einmal spekulieren zu sagen. Ich habe nie Geld angelegt.
Simone de Beauvoir: Nie … Ein Fabrikarbeiter, der am Fließband arbeitet, fühlt sich nicht frei …
Jean-Paul Sartre: Nein, er fühlt sich nicht frei …
Simone de Beauvoir: Verfall und Apotheose zugleich.
Jean-Paul Sartre: Verfall und Apotheose zugleich …
Simone de Beauvoir: Es ist interessant, daß Sie schon in ganz jungen Jahren überhaupt nicht die Überlegenheit einer Rasse, einer Kultur, einer Zivilisation über eine andere empfanden.
Jean-Paul Sartre: Überhaupt nicht … mein Stiefvater behandelte die Arbeiter wie Minderjährige …
Simone de Beauvoir: Ja, wie Kinder.
Jean-Paul Sartre: Wie Kinder …
Simone de Beauvoir: Aber es gab auch eine ziemlich starke christliche Rechtstendenz an der École Normale. Und der standen Sie sehr feindselig gegenüber.
Jean-Paul Sartre: Ja, sehr feindselig …
Simone de Beauvoir: Sie waren im Prinzip für die größtmögliche Sittenfreiheit … Und Redefreiheit?
Jean-Paul Sartre: Und Redefreiheit.
Simone de Beauvoir: Läßt sich die Gesamtheit Ihrer metaphysischen oder religiösen Überzeugungen, Ihrer Vorstellungen von den Sitten oder von der Moral als eine Art linker Individualismus definieren?
Jean-Paul Sartre: Ganz recht. Es war ein linker Individualismus …
Simone de Beauvoir: Später kam der spanische Bürgerkrieg, der Sie berührt hat.
Jean-Paul Sartre: Der uns berührt hat …
Simone de Beauvoir: Dann kam die Volksfront.
Jean-Paul Sartre: Ja, die Volksfront …
Simone de Beauvoir: … Sie waren überhaupt nicht der Typ, der in seinen Elfenbeinturm eingesperrt ist und für den das alles nicht wichtig ist.
Jean-Paul Sartre: Absolut nicht. Das war enorm wichtig … Ich … habe mit den Lettres françaises … zu tun gehabt …
Simone de Beauvoir: Auch mit Action.
Jean-Paul Sartre: Und mit Action, ja …
Simone de Beauvoir: Ich wüßte gern, … inwieweit Sie etwas skeptisch blieben.
Jean-Paul Sartre: Ich war skeptisch …
Simone de Beauvoir: … Denken Sie, daß Sie viele Fehler gemacht haben? …
Jean-Paul Sartre: Ich habe bestimmt eine Menge Fehler gemacht …
Simone de Beauvoir: In den … Fällen, in denen man in seinem Leben Entscheidungen trifft, … habe ich den Eindruck, daß Sie zufrieden waren … sind Sie mit allen diesen Entscheidungen zufrieden gewesen?
Jean-Paul Sartre: Ich bin mit ihnen zufrieden gewesen.
tl;dr: In den Gesprächen mit Simone de Beauvoir antwortet Jean-Paul Sartre auffällig häufig, indem er Wörter oder ganze Formulierungen seiner Interviewerin unmittelbar wiederholt. Obige Montage versammelt ausschließlich solche kurzen Dialogpassagen. Ihre Wiedergabe dient dazu, dieses im gesamten Interview wiederkehrende sprachliche Verfahren – Sartres unmittelbare Wiederaufnahme von de Beauvoirs Formulierungen – im Wortlaut nachweisbar und in der seriellen Häufung als sprachliche Echo-Struktur des Gesprächs wahrnehmbar zu machen. Vgl. u. a. auch hier.



