Kuchen und Gebäck in und um Palma

Palma, 13. Februar 2021, 14:42 | von Dique

Sonne ist Trumpf auf Mallorca und das macht noch jeden Lockdown, na ja, vielleicht nicht zum Kinderspiel, aber immerhin erträglicher. Die Bäckereien sind geöffnet und bis Mitte Januar konnte man sogar noch im Außenbereich der Cafés und Restaurants Platz nehmen. Jetzt gibt’s alles nur noch para llevar (zum Mitnehmen) und man kann dann im Gehen essen, auf einer Bank (ich weiß nicht mal, ob das erlaubt ist) oder am besten gleich wieder zu Hause in der Lockdownfestung.

Ich bespreche hier jetzt drei Gebäcke und einen Kuchen. Alle vier haben gemein, dass sie durch relative Einfachheit bestechen, aber eben sehr gut schmecken. Auf der Insel bekommt man sie in nahezu jeder Bäckerei, man sollte aber in jedem Einzelfall ein bisschen schauen, ob man vernünftige Ware geboten bekommt, und vor allem im Falle der Ensaïmada ist es extrem wichtig, dass sie sehr oder zumindest einigermaßen frisch ist.

Ensaïmada de Mallorca

Die Ensaïmada ist ein Schmalzkuchengebäck, den kleinen deutschen Schmalzkuchen, die man auf jedem Rummelplatz oder Weihnachtsmarkt in Deutschland findet, geschmacklich nicht unähnlich. Sie wird also in Schmalz ausgebacken und wie beim deutschen Schmalzkuchen steckt im Namen ebenfalls das Wort Schmalz drin (auf Katalanisch ›saïm‹). Die klassische Ensaïmada ist untertassengroß, zwei Finger dick und mit Puderzucker bestreut, und wenn sie gut gemacht ist und einigermaßen frisch, dann ist sie weicher als eine Feder. Sie ist so leicht und weich, dass man fast den Eindruck bekommt, man beiße in ganz frischen, warmen Schnee, wenn es so was geben würde. Es gibt zig Varianten der Ensaïmada, pizzagroße Versionen, mit Creme oder Schokolade gefüllt usw. usw., was vielleicht irgendwie verständlich, aber nicht wirklich sinnvoll ist. Man kann auch in Barcelona Ensaïmadas essen oder in Madrid oder Salamanca, aber die besten Ensaïmadas gibt es auf Mallorca, denn dort kommen sie nun mal her. Meine Lieblingsadresse in Palma ist das »Ca’n Joan de s’Aigo« in der Carrer del Baró de Santa Maria del Sepulcre (es gibt noch zwei weitere Locations). Das wunderschöne alte Café ist tendenziell ein Kandidat für das Kaffeehaus des Monats, aber aktuell kann man sich leider eh nur vor den Laden stellen und Zeitung lesen.

Cremadillo de Crema

Ich habe noch nie Blätterteig gemacht, aber behaupte trotzdem mal, dass ein Cremadillo eigentlich ein ganz einfaches Gebäckstück ist. Kreisrunder Blätterteig wird mit Vanillecreme gefüllt, in der Mitte gefaltet, mit Zucker bestreut oder bestrichen (das ist hier ja kein Rezept, ich vermute nur, dass es irgendwie so gemacht wird) und dann gebacken. Durch das Backen karamellisiert der Zucker leicht und gibt den Cremadillos ihre schöne, golden-braun glänzende Oberfläche. Mein persönliches Highlight ist das Durchbrechen der karamellisierten Zuckerschicht, gefolgt von dem Geschmack der weichen Vanillecreme. Für Ensaïmadas sind die traditionellen Bäckereien normalerweise eine gute Adresse, für Cremadillos verfestigt sich bei mir der Eindruck, dass sie in kleinen, unscheinbaren und ein bisschen ausgebombt aussehenden Bäckereien tendenziell besser sein können. Eine Gefahr ist das Over-Engineering: Ich finde, dass Cremadillos ein bisschen ungleich aussehen müssen, an der einen Stelle mal ein bisschen dunkler karamellisiert, hier und da mal eine Blase geworfen usw. Wenn sie aussahen wie gemalt, wurde ich bisher oft enttäuscht. Einer meiner Favoriten liegt ein bisschen abseits, »Sa Tahona Mallorquina« in Badia Gran, in der Nähe von Llucmajor. Aber Achtung, die Cremadillos bei »Sa Tahona« werden nicht jeden Tag gebacken und die aufbewahrten sind maximal der halbe Fun, deshalb am besten samstags um die Mittagszeit hingehen, dann sind sie frisch. Cremadillos gibt es leider auch mit den unterschiedlichsten Füllungen, empfehlen kann ich aber auch hier nur con crema.

Rubiol

Rubiols sind ebenfalls halbkreisförmig und gefüllt, von der Form also dem Cremadillo nicht unähnlich. Doch statt von Blätterteig wird die Füllung von einem einfachen hellen Teig aus Mehl, Ei und Zucker zusammengehalten. Im Grunde würde ich den Teig mit dem eines deutschen Mürbchens vergleichen, er ist allerdings etwas weicher und viel dünner gearbeitet, denn der Rubiol wird ja noch gefüllt. Auch hier gehört der Cremefüllung meine Präferenz, gegenüber Marmelade, Ricotta (okay, das ist schon auch sehr gut) oder Schokolade. Ich komme hier eher von der süßen Seite, aber Rubiols werden auch gern mit herzhaften Füllungen gemacht und erinnern dann vielleicht ein wenig an die argentinischen Empanadas, die ja auch halbmondförmig ausfallen. Eigentlich waren Rubiols mal ein traditionelles Ostergebäck, sind aber mittlerweile das ganze Jahr über zu haben, wenn auch nicht in der gleichen Verbreitungsdichte wie Ensaïmadas. Von außen sehen Rubiols beinahe zu unscheinbar aus, ein bisschen zu weiß, zu schlicht, und man könnte meinen, sie seien ganz trocken, aber all das stimmt nicht. Den besten Rubiol con crema hatte ich bisher in Valldemossa, in der Panadería Pastelería Ca’n Molinas.

Gató Mallorquín de Almendra

Tja, am Ende ist Gató vielleicht doch »nur« Tarta de Santiago ohne Kreuz drauf und eben aus Mallorca. Es handelt sich hierbei jedenfalls auch um einen Mandelkuchen, der wie die Tarta de Santiago eigentlich kein Mehl enthält, sondern überwiegend aus zerriebenen Mandeln besteht. Ich kann den Unterschied also nicht so genau festmachen, der Gató Mallorquín ist nach meinem Eindruck zumeist ein wenig höher, unter der Puderzuckerschicht heller, im Innern feuchter, noch fluffiger und noch weicher. Wie man sofort erkennt, leitet sich der Name dieses wunderbaren Mandelkuchens natürlich vom französischen Wort für Kuchen ab, gâteau, und ist hier auf Mallorca schon seit Jahrhunderten »a thing«, wie San Andreas sagen würde, aber der isst ja keinen Kuchen mehr. Fakt ist jedenfalls, dass das Zeug einfach sehr gut schmeckt, zumindest – wie so oft in diesen Fällen – wenn es jemand gemacht hat, der das auch kann, z. B. bei »Fornet de la Soca«, wo übrigens auch die Ensaïmadas ganz hervorragend sind. In diesen Zeiten ja eigentlich egal, aber hier kann man sowieso nur mitnehmen, es gibt keine Bestuhlung. Man kann aber im kleinen Restaurant direkt daneben nett fragen, einen Kaffee bestellen und dort den mitgebrachten Kuchen essen.
 

100-Seiten-Bücher – Teil 218
Mahasweta Devi: »Das Brahmanenmädchen und der Sohn des Bootsmanns« (1968)

München, 29. Dezember 2020, 10:35 | von Josik

Eigentlich spielt diese Geschichte in Indien, und zwar im 18. Jahrhundert, aber dann passiert ouf of the blue folgendes: »Jemand sagte: ›Höre, Golaks Mutter, besorge einen eisernen Armreif aus dem Kalitempel in Tirol. Das hat sogar schon wild gewordene Elefanten geheilt.‹ Ishwar ging nach Tirol, brachte einen eisernen Armreif und gab ihn Golak« (S. 69f.). Also das ist doch leiwand, da geht jemand innerhalb eines einzigen Satzes zu Fuß von Indien nach Tirol und wieder zurück, und wirklich, Leute, ihr könnt euch nicht vorstellen, wie gut diese Szene mir als Verhaltensösterreicher gefallen hat.

Länge des Buches: ca. 105.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Mahasweta Devi: Das Brahmanenmädchen und der Sohn des Bootsmanns. Aus dem Bengalischen übersetzt von Barbara DasGupta. Heidelberg: Draupadi Verlag 2013. S. 3–89 (= 87 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

100-Seiten-Bücher – Teil 217
Rossana Rossanda: »Vergebliche Reise oder Politik als Education sentimentale« (1981)

München, 28. Dezember 2020, 10:55 | von Josik

Anfang der 1960er.

»In jenen Jahren«, schreibt Rossana Rossanda, »ging in Rom unter Intellektuel­len ein Liedchen um: ›I hate barocco, I hate scirocco, I hate Rome!‹« (S. 74)

Ich habe ebenfalls drei Liedchen geschrieben. Sie lauten wie folgt:

– »I hate kitsch, I hate the Golden Gate Bridge, I hate San Francisco!«
– »I hate the Eiffel Tower, I hate the French seat of power, I hate Paris!«
– »I hate the Brandenburg Gate, I hate the S-Bahn being late, I hate Berlin!«

Diese Liedchen unter euresgleichen zu verbreiten, ist nun eure Aufgabe (aber das gilt natürlich nur für den Fall, dass ihr Intellektuelle seid).

Länge des Buches: ca. 230.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Rossana Rossanda: Vergebliche Reise oder Politik als Education sentimentale. Aus dem Italienischen übersetzt von Barbara Kleiner. Frankfurt am Main: Europäische Verlagsanstalt 1982. S. 3–128 (= 126 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

100-Seiten-Bücher – Teil 216
Yasmina Reza: »Eine Verzweiflung« (1999)

München, 27. Dezember 2020, 09:40 | von Josik

In diesem Roman sagt der Ich-Erzähler über seinen Schwiegersohn, dass er ihm »alles verzeihe, weil er Apotheker ist« (S. 55). Okay, Leute, machen wir einen Test.

In ihrer 1810 veröffentlichten Biografie von Carl Ludwig Fernow berichtet Johanna Schopenhauer folgendes: Mit 14 Jahren habe Fernow in Anklam eine Apothekerlehre begonnen. »Ein benachbarter Edelmann«, schreibt sie, »schickte wöchentlich seinen Jäger in die Stadt, Arzeneien zu holen; Fernow kannte diesen Jäger sehr wohl, und hatte ihn gern als einen flinken Burschen, mit dem er oft im Scherz sich herumbalgte und schäkerte. Eines Morgens wie außer Fernow, der eben mit Kräuter-Auslesen beschäftigt war, nur noch einer seiner Mitlehrlinge sich in der Apotheke befand, kommt der Jäger wie gewöhnlich. Fernow verläßt seine Arbeit, nimmt im Scherz des Jägers Gewehr, legt auf ihn an, der Schuß geht los, und der Unglückliche sinkt ohne einen Laut, ohne eine Bewegung, auf der Stelle todt nieder, die Kugel war gerade durch’s Herz gegangen.«

Also noch einmal langsam: Der Apothekerazubi Fernow hat aus Jux und Dollerei versehentlich seinen Buddy erschossen – das ist kein Märchen, sondern das ist vor noch nicht einmal dreihundert Jahren wirklich passiert! Und nun, Leute, beantwortet bitte die Testfrage: Verzeiht ihr ihm?

Länge des Buches: ca. 190.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Yasmina Reza: Eine Verzweiflung. Roman. Aus dem Französischen von Eugen Helmlé. München / Wien: Carl Hanser Verlag 2001. S. 3–134 (= 132 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

100-Seiten-Bücher – Teil 215
Johanna Schopenhauer: »Meine Großtante« (1831)

München, 23. Dezember 2020, 10:05 | von Josik

Es geht hier darum, dass zwei Frauen, weil sie beide absolut keinen Bock auf Männer haben, einander heiraten, und das ist für eine Geschichte, die 1831 veröffentlicht wurde, doch einfach top-notch. Denn wie heißt es in einem Lied von Sebastian Krämer: »Wir sind verheiratet! Jetzt sage mal: / Wer wäre wohl so kühn / Und würd‘ den Fall, dass zwischen uns was abgeht, / in Erwägung zieh’n?«

Länge des Buches: ca. 160.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Johanna Schopenhauer: Meine Großtante. Aus den Papieren eines alten Herrn. In: Johanna Schopenhauer: Sämmtliche Schriften. Vier und zwanzigster Band. Leipzig: Brockhaus; Frankfurt/M.: Sauerländer 1831. S. 117–255 (= 139 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

100-Seiten-Bücher – Teil 214
Isabel Waidner: »Geile Deko« (2017)

München, 22. Dezember 2020, 10:25 | von Josik

Wir alle haben uns ja schon den Kopf darüber zermartert, ob wir in Zukunft lieber das Binnen-I verwenden wollen wie z. B. in »AutorInnen«? Oder ob wir lieber den Unterstrich verwenden wollen wie z. B. in »Leser_innen«? Oder ob wir lieber den Doppelpunkt innerhalb eines Wortes verwenden wollen wie z. B. in »Preisträger:innen«?

Oder ob wir lieber das Gendersternchen verwenden wollen wie z. B. in »Massenmörder*innen«? Oder ob wir lieber das i mit den zwei Pünktchen und null Antons verwenden wollen wie z. B. in »Halsabschneiderïnnen«? Oder ob wir lieber die höfliche, aber umständliche Doppelform verwenden wollen wie z. B. in »Bäuerinnen- und Bauernfängerinnen und -fänger«?

Ober ob wir lieber immer abwechselnd die weibliche und die männliche Form verwenden wollen wie z. B. in »Autorinnen, Leser, Preisträgerinnen, Massenmörder, Halsabschneiderinnen und Bauernfänger«?

Oder ob wir lieber das generische Femininum verwenden wollen? – Das bedeutet: In einer herkömmlichen Aufzählung wie z. B. »die zahlreichen Anwälte, Ärzte, Schaffner, Busfahrer, Lehrer, Schüler, Museumswärter, Postboten, Unternehmensberater, Sportler, Freiberufler, Chefs, Mitarbeiter, Zuschauer, Nachbarn, Getränkefahrer, Spirituosenvertreter, Wasserplantscher, Kuchenbäcker, Würstelverkäufer, Ballspieler und Achselhaarausrupfer« sind alle Frauen aus den jeweiligen Gruppen ja immer, sagt man, mitgemeint – wenn wir aber in Zukunft das generische Femininum verwenden wollen, dann würden wir durchgängig sagen und schreiben: »die zahlreichen Anwältinnen, Ärztinnen, Schaffnerinnen, Busfahrerinnen, Lehrerinnen, Schülerinnen, Museumswärterinnen, Postbotinnen, Unternehmensberaterinnen, Sportlerinnen, Freiberuflerinnen, Chefinnen, Mitarbeiterinnen, Zuschauerinnen, Nachbarinnen, Getränkefahrerinnen, Spirituosenvertreterinnen, Wasserplantscherinnen, Kuchenbäckerinnen, Würstelverkäuferinnen, Ballspielerinnen und Achselhaarausrupferinnen«, und die Männer aus den jeweiligen Gruppen wären dann immer mitgemeint.

Für jede einzelne dieser Formen gibt es sehr gute Gründe, aber am allerbesten finde ich jenes Gendering, das die Übersetzerin Ann Cotten in Isabel Waidners sagenhaftem Buch »Geile Deko« gleich am Anfang in einer Anmerkung wie folgt beschreibt: »Alle für alle Geschlechter notwendigen Buchstaben in gefälliger Reihenfolge ans Wortende« (S. 9).

Das liest sich dann, um ein willkürlich ausgewähltes Beispiel aus dem Buch zu nehmen, wie folgt: »Wer war diese lustigere Figur? Eine butch Ballerina, die eine Arabeske machte? Ein femme Balletttänzer? Eine Arabeske ist im Ballett eine Pose, wo dier Tänzerni auf einem Bein steht und das andere nach hinten ausstreckt. Eine Arabeske kann mit dem Stützbein en pointe, demi pointe oder mit dem Fuß flach auf dem Boden durchgeführt werden. Hat der femme Ballerino seihrne Arabeske mit dem Stützbein en pointe durchgeführt, oder hatte sier nur zufällig spitzige Füße? […] Blulip gefiel die butch Ballerina viel, viel besser als der Acryllecker« (S. 58f.).

Oder ein anderes Beispiel: »Heh, GoldSeXUelle StatuEtte, rief Belahg. Bist du eien Referenzrahmen-Ausdehnerni in der Abteilung Sex und Gender? Bist du der Goldstandard unter den radikalen Geschlechtern? Haha, lachte GoldSeXUelle« (S. 65).

Und noch ein letztes Beispiel: »Der Preis, wenngleich neu, hat schon dien eien oder anderne Schirmherrni. Das Frostige Haustier ist Schirmherrni des Dynamo-Totholz-Preises. Die GoldSeXUelle StatuEtte ist Schirmherrni des Dynamo-Totholz-Publikumspreises. Orsun Ursol ist Schirmherrni des Dynamo-Totholz-Publikumspreises. Painlevé Hypercamp und AxoLotl sind Schirmherrnnnie des Dynamo-Totholz-Publikumspreises. Die neuen UUs, Colt, Gesundelippen, die FtM/T-Legion, Peggy und die Haie sind Schirmherrnnnie des Dynamo-Totholz-Publikumspreises« (S. 114f.).

Das Prinzip »Alle für alle Geschlechter notwendigen Buchstaben in gefälliger Reihenfolge ans Wortende« ist absolut simpel, stimmig, unmittelbar einleuchtend und darüber hinaus auch noch variabel und kreativitätsfördernd. Wenn es sich durchsetzen sollte, würde man sich eine Menge Korrekturen ersparen. Das wäre eine ungeheure Erleichterung für alle Deutschlehrernnnei. Und natürlich erst recht für die Schülerninne!

Länge des Buches: ca. 180.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Isabel Waidner: Geile Deko. Aus dem Englischen von Ann Cotten. Leipzig: Merve Verlag 2019. S. 3–133 (= 131 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

100-Seiten-Bücher – Teil 213
Isidora Sekulić: »Briefe aus Norwegen« (1913–1951)

München, 21. Dezember 2020, 16:41 | von Josik

Ich wollte einfach die Balkanvibes, was Wildes, Flottes, Hitziges, Spritziges, Sprühendes, Glühendes, Pfiffiges, Schmissiges, Turbulentes, Dröhnendes, Heißblütiges, Aufpeitschendes. So stieß ich auf die serbische Autorin Isidora Sekulić und ihre »Briefe aus Norwegen«. Das schien mir genau das richtige. Also begann ich zu lesen, was in Norwegen so abgeht: »Leblos, skelettartig und längst verstorben zeigen sich jene riesigen kristallinen Felswände, in denen kein Leben ist und die auch keines spenden« (S. 14). Atemlos setzte ich die Lektüre fort: In Norwegen »ist alles weit, weil da keine Menschen sind« (S. 26). Vor Spannung hielt ich es nun kaum noch aus: »[D]er Winter ist so lang. […] Nicht einmal Wege gibt es. Niemand kommt hier vorbei und hindurch gelangt man auch nirgendwohin […]. Einsam und weit weg von allem ist es hier« (S. 32f.). Schweißgebadet legte ich diese packende Beschreibung zur Seite. Aber natürlich wollte ich wissen, wie es weitergeht! Also nahm ich das Buch wieder zur Hand. Und so geht es weiter: Es kann passieren, dass man »in norwegischen Gegenden auf eine Öde trifft, die einen völlig abstumpft und erschlägt« (S. 38). Altobelli, und dann geschieht es: »[N]ach und nach kam die Stille und Einsamkeit des großen Waldes über uns« (S. 50f.).

Länge des Buches: ca. 115.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Isidora Sekulić: Briefe aus Norwegen. Ausgewählte Texte aus den Jahren 1913 bis 1951. Aus dem Serbischen übersetzt und herausgegeben von Tatjana Petzer. Berlin: Friedenauer Presse 2019. S. 3–101 (= 99 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

100-Seiten-Bücher – Teil 212
Helene Stöcker: »Zur Kunstanschauung des XVIII. Jahrhunderts« (1904)

München, 2. September 2020, 18:39 | von Josik

1797, wow! »Dieses Jahr 1797 ist wie ein Wendepunkt in der künstlerischen und ästhetischen Entwicklung unserer Kultur« (S. 1). Helene Stöcker erklärt in ihrer Dissertation in einer spektakulären Reihung die Wichtigkeit des Jahres 1797: Erstens ist es »die Zeit, in der Goethe mit Heinrich Meyer die Herausgabe der ›Propyläen‹ vorbereitet« (S. 1), zweitens gibt Friedrich Schlegel »seinen Aufsatz über das ›Studium der griechischen Poesie‹ heraus« (S. 1), drittens erscheinen, unter Angabe der Jahreszahl 1797, zum ersten Mal Wilhelm Heinrich Wackenroders – und ein bisschen auch Ludwig Tiecks – »Herzens­ergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders« (S. 1), viertens greift Maler Müller in Schillers Zeitschrift »Die Horen« den Maler Asmus Jakob Carstens und eigentlich mehr noch den Apotheker, Bibliothekar und späteren Carstens-Biografen Carl Ludwig Fernow an (S. 66f.), und fünftens wird unser Freund und Kupferstecher Daniel Chodowiecki Direktor der Berliner Akademie (S. 106).

Diese Reihung weist strukturell eine verblüffende Ähnlichkeit auf mit einer Zusammenstellung, die irgendwann einmal in der »London Review of Books« zu lesen war: »Edward Snowden was born in the summer of 1983 […]. [M]any people were born in 1983 – e.g. Amy Winehouse and Kim Jong-un«. Na gut, many people, könnte man ja auch sagen, were born in 1797, e.g. Annette von Droste-Hülshoff und Mary Shelley, aber darum geht es jetzt nicht. Was auffällt: Es ist doch ziemlich überraschend, dass die »London Review of Books« unter jenen Leuten, die 1983 geboren wurden, nicht auch die Sängerin und Musikerin Sophie Hunger namentlich nennt. Immerhin haben weder Amy Winehouse noch Edward Snowden noch Kim Jong-un weder einen Song mit dem Titel »1983« noch ein ganzes Album mit dem Titel »1983« veröffentlicht – Sophie Hunger hingegen schon! Und wenn Sophie Hunger z. B. mal ein Lied mit dem Titel »1797« aufnehmen würde, könnte sie eigentlich den Text von »1983« unverändert so lassen, natürlich mit Ausnahme der Jahreszahl. Das würde sich dann also wie folgt anhören: »Guten Morgen 1797 […], wo sind deine Dichter?« la la la.

Länge des Buches: ca. 220.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Helene Stöcker: Zur Kunstanschauung des XVIII. Jahrhunderts. Von Winckelmann bis zu Wackenroder. Berlin: Mayer & Müller 1904. S. III–VIII plus 1–122 (= 128 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

100-Seiten-Bücher – Teil 211
Kettly Mars: »Ich bin am Leben« (2015)

München, 31. August 2020, 13:30 | von Josik

Der kleine, feine Litradukt Verlag, in dem dieses Buch erschienen ist, sitzt in Trier. Der Lektor dieses Buchs, so steht es auf Seite 4, heißt Peter Trier. Aha, werdet Ihr nun denken, Trier – Trier, aha! Die Autorin dieses Buchs heißt Kettly Mars. Aha, werdet Ihr nun messerscharf schluss­folgern, die Autorin kommt also vom Mars. Falsch! In Wirklichkeit kommt Kettly Mars nämlich aus Haïti.

Dieses fantastische Buch beginnt mit dem Erdbeben, das Haïti am 12. Januar 2010 heimgesucht hat. Als dann auch noch die Cholera ausbricht, macht die Anstalt dicht, in die Alexandre wegen seiner Schizophrenie als Jugendlicher eingeliefert worden war. Zweiundvierzig Jahre, drei Monate und achtzehn Tage hat Alexandre in dieser Anstalt verbracht, und nun, als knapp Sechzigjähriger, muss er wieder nachhause. Uff! … Aber überspringen wir kurz die atemberau­benden Geschichten, die auf den ersten 126 Seiten erzählt werden, und schalten auf die vorletzte Seite: »Wenn wir alle ein wenig verrückter wären, wäre es um die Welt viel besser bestellt« (S. 127).

Länge des Buches: < 210.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Kettly Mars: Ich bin am Leben. Aus dem Französischen von Ingeborg Schmutte. Trier: Litradukt 2015. S. 3–128 (= 126 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

100-Seiten-Bücher – Teil 210
James Noël: »Was für ein Wunder« (2017)

Zu Hause, 26. August 2020, 14:01 | von Paco

Zwischen dem Erdbeben in Lissabon am 1. November 1755 und dem Erscheinen von Voltaires Hundertseiter »Candide« vergingen knapp vier Jahre. Zwischen dem Erdbeben in Haïti am 12. Januar 2010 und dem Erscheinen von James Noëls Hundertseiter »Belle merveille« vergingen sieben Jahre. Dafür, dass das so lang gedauert hat, entschuldigt sich aber der Erzähler, Noëls Alter ego Bernard, im Buch pflichtschuldig (S. 21).

Der erdbebende Vielfraß, der »Goudougoudou Gourmand«, body count ca. 300.000, fand statt »an einem der schönsten Nachmittage, die eine Stadt so erleben kann« (S. 44). Schmetterlingswetter, sozusagen, und der Schmetterling ist auch die Leitmetapher des Buchs. Das Kürzel der Hauptstadt Port-au-Prince, PAP, wird nämlich zum »papillon«, mit einem sich hochschraubenden Schmetterling beginnt der Text, »Pap… pap… pap… papillon«.

Erstlingsroman eines Lyrikers, also gibt es auch einige stolzierend lyrische Wörter, die neapolitanische NGO-Freundin Amore wird in der Übersetzung zum »Mandelschnittenraubtierweib« (S. 31 und S. 114), es ist von einer »Weltuntergangszärtlichkeit« die Rede (S. 88), der in Port-au-Prince allgegenwärtige herumrieselnde Staub ist »kreolischer Schnee« (S. 101f.) und die Stadt Rom, in die der Erzähler als eine Art Erdbebentherapie einen längeren Ausflug unternimmt, »tibert vor sich hin« (S. 116)!

Länge des Buches: < 200.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

James Noël: Was für ein Wunder. Roman. Übertragung aus dem Französischen und Vorwort von Rike Bolte. Trier: Litradukt 2020. S. 15–119 (= 105 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)