100-Seiten-Bücher – Teil 121
Simone de Beauvoir: »Mißverständnisse an der Moskwa« (1965/1992)

München, 21. Juni 2018, 14:12 | von Josik

So geht diese superste kleine Erzählung los: »Sie blickte von ihrem Buch auf. Wie langweilig, diese alte Leier über die Unzulänglichkeit, zu kommunizieren! Wenn einem was daran liegt, schafft man es schon recht und schlecht. Nicht mit jedem, zugegeben, aber mit zwei oder drei Personen.«

Die zwei Hauptpersonen hier heißen Nicole und André und sind ein französisches Intellektuellenpaar Anfang sechzig, man muss sich beim Lesen also wirklich krass anstrengen, in diesen beiden Personen zwei fiktionale literarische Figuren zu sehen und nicht ein Abziehbild von de Beauvoir und Sartre, und wem das gelingt, congrats!

Nicole und André reisen in die Sowjetunion, es handelt sich mithin um Science-Fiction, denn die Reise findet ausdrücklich erst im Jahre 1966 statt, de Beauvoir hat diese Erzählung aber bereits im Jahre 1965 verfasst. Mit Mascha fahren Nicole und André dann ein bisschen im Land herum, nach Wladimir, nach Leningrad, nach Pskow usw.

Die Gespräche zwischen André und Mascha drehen sich meist um Politik, um die Chinesen und so, dabei werden sehr authentische und zeitlos gültige Dialoge gehalten: »›Wie sieht dieses Jahr die Lage im Kulturbereich aus?‹ ›Wie immer, wir kämpfen‹ […]. ›Und ihr gewinnt?‹ ›Manchmal.‹«

Eines Abends saufen sich im Restaurant Baku alle ein bisschen dezent zu, und nachdem sie ausgeschlafen haben, kommt es zum Showdown: André sagt nämlich, dass sie ja nun zehn Tage länger als ursprünglich geplant in Moskau bleiben, Nicole aber ist außer sich, dass er mir ihr nicht darüber geredet hat. André hingegen ist sich tausendprozentig sicher, dass sie die Zehntageverlängerung gemeinschaftlich ausgemacht haben, nach dem kleinen Besäufnis im Baku. Nicole hinwiederum ist sich tausendprozentig sicher, dass er mit ihr darüber nicht geredet hat.

So schaukelt sich das ganze also krass hoch, Nicole zischt ab und säuft ein bisschen dezent weiter, es ist überhaupt sehr herrlich, wie dezent in dieser Erzählung in Mengen gesoffen wird, und es wird einem sehr gut das Gefühl vermittelt, dass man eigentlich erst dann intellektuell sein kann, wenn man ein bisschen dezent zugesoffen ist.

Nicole bekommt mittlerweile echte Hassattacken auf André, und André denkt den unfassbaren Satz: »[S]ie hat mich nie in Liebe geliebt«, und man wünscht den beiden so sehr, dass sie wieder zusammenkommen, dass sie sich wieder vertragen, dass sie sich wieder versöhnen. Ob sie das am Ende tun? Es wird spannend, bleiben Sie dran!

Länge des Buches: ca. 150.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Simone de Beauvoir: Mißverständnisse an der Moskwa. Eine Erzählung. Deutsch von Judith Klein. Mit einem Nachwort von Judith Klein. Reinbek: Rowohlt 1996. S. 3–82 (= 80 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

Ohne Titel

Frankfurt/M., 19. Juni 2018, 00:14 | von Charlemagne

Samstags stand ich auf der Konstablerwache in Frankfurt am Main mitten auf dem Erzeugermarkt am Apfelweinstand von Günther Sattler aus dem Odenwald und blickte, übertrieben blumig formuliert, auf das wochenendliche Treiben.

Da Woche um Woche die gleichen Stände ihre Zelte auf dem Markt aufschlagen, sieht man auch Woche um Woche die gleichen Gesichter. Unzählige Wochenmarktbekanntschaften habe ich schon geschlossen, alles Personen, deren Name ich zwar nicht kenne, die mir aber trotzdem schon – in dieser Reihenfolge – ihre Eintracht-Dauerkarte, ein frisch geschmiertes Wurstbrot und, neulich, sogar Pizzabrötchen belegt mit Hackfleisch aus der Tupperbox angeboten haben. Meine Ausflüge auf den Wochenmarkt sind einfach unfassbar aufregend, hehe.

Eigentlich war es auch wieder Zeit, sich zu wundern, was eigentlich der Apfelweinpoet so treibt und wo er bleibt, doch stattdessen sah ich einen anderen Schriftsteller über den Markt laufen, waahristen Joachim Bessing, seineszeichens ehemaliger Quartettspieler und heute ausgesprochen beeindruckend behaarte Erscheinung. Darüber hinaus auch Autor des schönsten deutschsprachigen Buchs, das ich in den letzten Jahren so gelesen habe, »untitled«. Damals nach der Lektüre, ich las das Buch in der Wüste Namibias, flog ich erst mal weiter nach Australien, kaufte den titelstiftenden Duft und setzt mich aber auf kein Fahrrad.

»untitled« also. Fast noch besser aber ist sein Blog auf waahr.de, auf dem man ihm seit gut zwei Jahren dabei zuschauen kann, wie er langsam aber sicher Frankfurter wird, und das haut mich, als Frankfurter Wahlverwandter, natürlich um; diese Parallelität der Initiationsrituale, vom Vogelfutterkauf bei der Samenhandlung Andreas (neben dem Bürstenhaus!) bis hin zum karnivoren Selbstmordversuch beim Apfelwein Wagner – been there, done that, sehr zum Wohle!

Da lief er nun, in Jeansjacke gekleidet und mit Einkaufstüte behangen. Fast hätte ich ihm hinterhergerufen, Herr Bessing, hier!, aber ich weiß gar nicht, was ich dann weiter hätte sagen sollen. Vielleicht hätte ich ihn zum Apfelwein eingeladen und gefragt, was er samstags so auf dem Wochenmarkt kauft, so als neue Wochenmarktbekanntschaft. Seinen Vornamen immerhin kenne ich ja schon. Und dann, Eintracht-Dauerkarte, Wurstbrot, Tupperbox.
 

Literatur

München, 1. Mai 2018, 22:00 | von Josik

Es wäre doch schön, wenn der Luchterhand Verlag bei allen künftigen Auflagen des Bestsellers »Leere Herzen« von Juli Zeh aufs Cover jenes Zitat setzen würde, das gerade zu diesem Roman abgeliefert wurde:

»Gut, das ist Literatur, damit muss man wohl leben.«
Sahra Wagenknecht

 

Zwischenfall in Glasgow

auf Reisen, 21. April 2018, 11:32 | von Paco

Am Abend vor dem Briefkastenerlebnis trank und sprang ich noch mit Leuten in der »Park Bar«, die betrieben wird von Vertretern der Hebrideninsel Tiree, und »the guy behind Tyree Gin« war auch da und die Musik sehr akkordeonlastig und der Hauptaufenthaltsmodus war ›Canadian Barn Dance‹.

Ich war also in Glasgow, und am nächsten Morgen hatte ich noch etwas Zeit vor der Abreise und lief gedankenverloren vom Hotel in die Innenstadt und sah unterwegs viele schöne Details, cooler Dachgiebel hier, derbes Frühlingsblumenbeet da, der crazy Blick eines Taxifahrers, ein brennender Briefkasten und so weiter. Wait, ein brennender Briefkasten? Arrr.

Ich war schon vorübergegangen eigentlich, blickte mich aber noch einmal um, und da peitschten Flammen aus dem lichterlohen Briefkasten am Haus einer Wohltätigkeitsorganisation. Ich machte einen Schritt weiter in Richtung Innenstadt, aber mein Körper lenkte mich sanft zurück zum Haus der Wohltätigkeitsorganisation, kurz Bescheid geben wollte ich den Leuten drinnen, und so hielt ich mir die Nase zu und lief in den offenen Eingangsflur, der sich bereits mit stechendem Rauch gefüllt hatte.

Am Ende des Flurs war aber nichts, keine Tür, niemand zu sehen, es führte nur eine enge Wendeltreppe nach oben. Nachdem ich drei Stockwerke lang keinerlei Eintrittsmöglichkeit oder so vorfand, verlor mein Vorsatz deutlich an Grundlage. Denn zu weit war ich schon vom brennenden Briefkasten entfernt, als dass er noch irgendetwas zu tun haben könnte mit meiner Position im Wendeltreppenhaus.

Ganz ganz oben dann doch eine Tür, dahinter ein flauschig gestalteter Empfangsraum. Sofort war eine Mitarbeiterin zur Stelle, knallblaues T-Shirt mit dem Logo der Organisation drauf. »Sorry to drop in like this«, sagte ich, »but I think your letterbox is burning.«

Die Mitarbeiterin, die anderthalb Köpfe größer war als ich, wiederholte fragend meine Aussage. Da wir in Schottland sind, wurde aus »burning« ungefähr so etwas wie »burmy«, also fragte sie: »The letterbox is burmy?« Diesen Satz hörte ich, immer im Wechsel mit Ausrufe- und Fragezeichen dann noch mehrmals.

Andere Mitarbeiterin, gleiches T-Shirt, kommt herbeigelaufen: »The letterbox is burmy!« – »The letterbox is burmy?« – »The letterbox is burmy!!!«

Weiterer Mitarbeiter, selbes Spiel.

Und noch einer, und noch einer, bis die Nachricht den Obermitarbeiter erreichte, der nun eine Entscheidung fällen musste. Zusammen mit der ersten Mitarbeiterin ging ich die endlose Wendeltreppe nach unten, in die sich der elende Rauch bereits vorgearbeitet hatte.

Die Mitarbeiterin hatte einige Ausdrücke negativer Überraschung parat, »oh shit« und so was. Sie zog sich das T-Shirt über die Nase, SpongeBOZZ-Style, und näherte sich der Flamme, die immer noch aus dem Briefkastenschlitz rausfauchte. Erst da bemerkte ich, dass sie eine Kaffeetasse mitführte, die sie erhob und in den Briefkasten entleerte. In diesem Moment kamen weitere blaue T-Shirts aus dem Flurgang, neue Kaffeetassen, und sie beschmissen alle das Feuer mit kaltem Bürokaffee und das war ein Weltrettungsfeeling wie damals das Sandsackwerfen beim Oderhochwasser 1997.

Das große Briefkastenfeuer von Glasgow, es war nach wenigen Minuten gelöscht, und ich ging wieder meiner Wege, hinunter in die Innenstadt.
 

Tag in Tula

Moskau, 21. März 2018, 22:54 | von Paco

Samstagmorgen, der Tag vor der Präsidentschaftswahl, und wir fuhren mit der Lastotschka nach Tula. Das dauert von Moskau aus nur zwei Stunden und schon ist man im gefährlichen Tula, denn es ist Eiszapfensaison und, anders als in Moskau, waren noch nicht alle Eiszapfen kontrolliert abgeschmolzen oder abgedroschen worden. An die Häuser waren A4-Zettel mit Warnungen geklebt: Achtung vor dem Eiszapfen! Zehn-Kilo-Eispickel hingen tropfend von maroden Dachrinnen und es war nur eine Frage der Zeit, bis.

Im Beloussow-Park fuhren wir eine Weile Ski, vielleicht die letzte ordentliche Skifahrt diesen Winter, und in der parkeigenen Brasserie »Pjotr Petrowitsch«, benannt nach dem Parkgründer, gab es dann lauter gute Sachen zur Erfrischung.

Um etwas Zeit zu überbrücken, gingen wir ins »Eremitage« geheißene Theater. Dort gab es einen Tschechow-Abend, und gerade, als wir verspätet hineinschneiten, begann die Aufführung der Zwei-Seiten-Erzählung »Datschniki«, die von ungebetenen Gästen handelt, und die von der Truppe irgendwie auf 20 Minuten gestreckt wurde.

Es war aber noch mehr los im Haus. In der Etage drüber gab es ein Jazzkonzert, und die Band stand vor einer frühneuzeitlichen Weltkarte, und zwar der doppelhemisphärischen von Claes Janszoon Visscher, Mitte 17. Jahrhundert, die durch den Jazz hindurch zu mir herüberschimmerte. Nach dem Konzert trat ich näher heran, die Weltkarte stellte sich als riesiges Puzzlespiel heraus, das irgendjemand erfolgreich zusammengesteckt und dann aufgeklebt, eingerahmt und mit Glasscheibe versehen hatte.

Dann wurde es Zeit, schließlich war Salsa Night in der »Stetschkin«-Bar, die benannt ist nach dem berühmten, in Tula ansässig gewesenen Waffenkonstrukteur Igor Jakowlewitsch Stetschkin. Wir trafen einige Leute, die uns unter anderem kopfschüttelnd erzählen hörten, dass wir »in diesem bescheuerten Theater« gewesen seien, aber uns hatte es dort ja gefallen.

Die Salsa Night selber kann man jetzt schlecht beschreiben, jedenfalls waren wir wie geplant um 3 Uhr morgens wieder am Bahnhof und nahmen den Zug zurück nach Moskau, und unterwegs las ich hot-off-the-presses die krasse Berghain-Story im aktuellen »Spiegel«: »Tod in Berlin«, unheimlich aufgeschrieben von Alexander Osang, bleibt erst mal im Hirn wie ein Fincher-Film.

In Moskau angekommen war alles beim Alten und wir schliefen in den späten Nachmittag hinein, um uns von dem Ausflug nach Tula zu erholen.
 

Mitterrand

Moskau, 25. Februar 2018, 12:58 | von Paco

Ich war gestern Abend im Café Puschkin am Twerskoj Boulevard, eingeladen von einem französischen Freund. Ich wusste nicht so richtig, was mich erwartet, und dachte eigentlich, das wär so ein one-on-one und wir updaten uns einfach ein bisschen gegenseitig, weil lange nicht gesehen.

Als ich aber ankam, waren um den Tisch in der Bibliothek insgesamt drei Franzosen und zwei frankophile Russen versammelt, und es wurde also ein schöner französischer Abend, wozu das Café Puschkin ja ursprünglich auch mal gegründet worden war.

Mitten aus einer Diskussion heraus fragte plötzlich jemand, wer eigentlich unsere Lieblingsgestalt in der Geschichte sei, also ein bisschen wie im Questionnaire de Proust, und jedenfalls diskutierten wir dann lange über Robespierre, Napoléon, sogar über Lamartine, davon ausgehend auch über alternative Geschichtsverläufe, und es war eine relativ sinnlose High-Level-Diskussion, aber wir tranken und aßen ja nebenbei auch gute Sachen, und es war ein schönes gesellschaftliches Spiel irgendwie.

Plötzlich ergriff Igor, der die ganze Zeit nichts zu dieser Diskussion beigetragen hatte, das Wort und sagte in die Runde hinein: »Also ich fand Mitterrand ganz gut.«

Und das war so ein unfassbarer Bruch des Kontexts, ein sofort von allen empfundener regelwidriger Sprung durchs Geschichtsbuch, dass das Gespräch indigniert verstummte und eine Minute pausierte, und dann fingen wir langsam an, über etwas anderes zu reden, und kamen nie wieder auf das Thema zurück.
 

Leo

Frankfurt/M., 13. Februar 2018, 19:05 | von Charlemagne

Neulich saß ich bei Jens Becker in der gleichnamigen Apfelweinhandlung zum samstäglichen Frühschoppen. In Frankfurt kann man an vielen Orten Apfelwein trinken, doch nirgends sitzt man so schön und schmeckt es so gut wie bei JB.

Apfelwein trinkt man, so lernt man das als zugezogener Wahlfrankfurter recht schnell, am besten aus einem 0,3 gerippten Schoppenglas, es liegt gut in der Hand und bricht die bei Sonnenschein darauf einfallenden Sonnenstrahlen auf ideale, das heißt jedes Gespräch beim Apfelwein völlig überflüssig machende, Art und Weise etc. Es gibt Schriftsteller, die beschreiben das alles noch viel besser, aber die sind dann auch nicht zugezogen.

Nachdem es samstags in der Apfelweinhandlung nicht nur Apfelwein, den es hier ohnehin täglich und in beeindruckender Vielfalt, sondern auch »Weck und Worscht« gibt, hatte ich, neben meinem Apfelwein, auch eine Rindswurst von Gref-Völsings und ein Wasserweck vom Bäcker HansS auf dem Pappestreifen, der als ideale Erfindung für den Wurstverzehr außer Haus anerkannt werden muss, vor mir.

Ab und zu verknoten sich meine Gedanken etwas beim Apfelwein und gerade wieder. Wurstverzehr, meine Güte. Es musste am leeren Glas liegen, so ließ sich die restliche Wurst nicht verzehren. Das war ja fast schon wie in »Jetzt«, Bohrer-Bernhard-Rindswurst usw. usf.

Da Jens Becker der großzügigste Gastgeber ist, den ich kenne, steht samstags in der Apfelweinhandlung immer ein offener Bembel zum Nachschenken. Der Bembel, das hatte ich bisher noch gar nicht erwähnt, ist der ideale Aufbewahrungsort für den Apfelwein auf seiner Strecke vom Fass ins Gerippte. Aufgrund der bereits erwähnten Großzügigkeit und der Tatsache, dass beim Apfelwein häufig nachgeschenkt wird, hat der Bembel immer eine anständige Größe. Es empfiehlt sich also durchaus, zum Einschenken kurz aufzustehen und dabei vorsichtig nachzuschauen, ob der Apfelweinpoet, wie ich Andreas Maier seit Jahren aufgrund seiner Texte zum Thema anerkennend und ehrfurchtsvoll nenne, zufällig im Laden ist, häufig ist er’s nämlich tatsächlich.

Natürlich kam er auch an diesem Samstag genau in diesem Moment zur Tür herein, ich hatte ihn soeben wieder heraufbeschworen. Seit Jahren gibt es in Frankfurter Apfelweinwirtschaften und an Apfelweinständen auf Frankfurter Wochenmärkten diesen einen magischen Moment, an dem sofort klar ist, dass die einzige logische Möglichkeit des weiteren Verlaufs das plötzliche Erscheinen von Andreas Maier ist.

Da stand ich also, mit dem Bembel in der Hand und dem Rücken zum Apfelweinpoeten, und überlegte kurz, wie ich diese Situation jetzt bloß bestmöglich auflösen sollte. Ich beschloss also, zunächst einzuschenken, den Bembel daraufhin abzustellen und mich schließlich vorsichtig wieder hinzusetzen. Doch irgendwie hatte er es geschafft, in genau diesem Moment hinter mir zu stehen und, um mich nicht zu erschrecken, mit der kurzen Ansage »Leo« auf seine aktuelle Position im Raum aufmerksam zu machen.

»Leo«. Ich war zunächst gar nicht sicher, ob es am Apfelwein lag oder ob er das tatsächlich gesagt hatte. Seit Ewigkeiten hatte ich den Begriff nicht mehr gehört, zuletzt hatte das Philipp Lahm im EM-Halbfinale 2008 gerufen und schon das war anachronistisch gewesen. Musste erst mal den Bembel abstellen und mich langsam wieder hinsetzen. Geistesabwesend-glücklich dachte ich an unzählige lang zurückliegende Nachmittage auf dem Bolzplatz und aß den Rest meiner Rindswurst.
 

Einzelheiten

München, 13. Februar 2018, 15:33 | von Josik

Ok, also ich lese ja gerade diesen wunderbaren orangefarbenen Suhrkamp-Band aus dem Jahr 1980, »Leo Löwenthal: Mitmachen wollte ich nie. Ein autobiographisches Gespräch mit Helmut Dubiel«, und Helmut Dubiel stellt da die ganze Zeit interessante Fragen, und Leo Löwenthal gibt sehr interessante Antworten, aber dann, auf Seite 66, gibt es eine Stelle, von der ich und alle anderen sagen, dass wir da vor lauter Euphorie und Begeisterung geradezu Purzelbäume schlagen, denn der Interviewte, also Leo Löwenthal, erzählt zuerst noch ganz gemächlich

»von Horkheimers Anfänge der bürgerlichen Geschichtsphiloso­phie, die als Buch 1930 erschienen. Da habe ich auf seinen Wunsch eifrig mitgeholfen. Überhaupt ziehen sich wie ein roter Faden durch meine Geschichte mit dem Institut meine editorischen Aktivitäten. Ein großer Teil der Arbeit im Institut war 1929 – wie soll man sagen – strategischer Planung gewidmet. Wir waren erfolgreich, Horkheimer wurde Professor und Direktor des Instituts. Soll ich Einzelheiten erzählen?«,

und hierauf antwortet der Interviewer, also Helmut Dubiel, unfassbarerweise:

»Nein.«

 

Listen-Archäologie (Teil 14):
Market Wizards

Hamburg, 11. Februar 2018, 23:17 | von Dique

Jack D. Schwager hatte irgendwann die hervorragende Idee, die besten Trader der USA zu interviewen. Erschienen sind die Gespräche dann in dem Band »Market Wizards«. Er enthält 17 Interviews mit heute weitbekannten Tradinghelden wie Paul Tudor Jones, Bruce Kovner und Michael Steinhardt. Es gibt jeweils einen kurzen Pro- und Epilog.

Der Tradingstil der Interviewten, grob zusammengefasst, besteht aus Disziplin und striktem Risikomanagement. Schwager fragt die Market Wizards auch gern mal nach prägenden Lektüren, und es zeigen sich Muster: Neben den Büchern von und über Jesse Livermore (»How to Trade in Stocks« von ihm selbst und »Reminiscences of a Stock Operator« von Edwin Lefevre) – einer der oder vielleicht sogar der erste Day-Trader a.k.a. The Boy Plunger – wird häufig ein alter Ziegelstein aus dem 19. Jahrhun­dert genannt, der den wunderschönen Titel »Extraordinary Popular Delusions and the Madness of Crowds« trägt. Dieses Buch, geschrieben von dem schottischen Journalisten Charles Mackay, ist 1841 erschienen, und es ist alles dabei: Alchemie und Kreuzzüge, Tulpenmanie und Südseeblase. Die Crypto-Currency-Manie kannte Mackay natürlich noch nicht, gewundert hätte er sich nicht.

Die »Market Wizards« wurden für Schwager zum großen Erfolg. Im Abstand von jeweils ein paar Jahren brachte er dann immer neue Bücher mit aktuellen Top-Tradern als Interviewpartnern heraus: »New Market Wizards«, »Stock Market Wizards« und »Hedge Fund Market Wizards«. Alle sind gleichermaßen großer Fun. In unserer Serie »Listen-Archäologie« folgt nun eine chronologische Übersicht mit den insgesamt 64 Interviewpart­nern, eine note to self, da ich selbst oft verwechsle, welcher Trader für welches Buch interviewt wurde.

Die Trader in den späteren Büchern kannten natürlich die vorherigen Titel. Für einige war es neben einer großen Ehre sogar das Ziel, einmal für eines der Bücher von Schwager interviewt zu werden. Mark Minervini, der Trendfolgegott aus dem Band »Stock Market Wizards«, gibt das explizit in seinem Interview bekannt.

Mit Ausnahme von Linda Bradford Raschke und Dana Galante fehlen unter den Top-Tradern übrigens bedrohlich die Frauen, die Quote bei 64 Inter­views liegt bei gerade mal 3%.

But here we go, meet the Market Wizards, as interviewed by Jack D. Schwager!

Market Wizards:
Interviews with Top Traders (1989)

  • Michael Marcus: Blighting Never Strikes Twice
  • Bruce Kovner: The World Trader
  • Richard Dennis: A Legend Retires
  • Paul Tudor Jones: The Art of Aggressive Trading
  • Gary Bielfeldt: Yes, They Do Trade T-Bonds in Peoria
  • Ed Seykota: Everybody Gets What They Want
  • Larry Hite: Respecting Risk
  • Michael Steinhardt: The Concept of Variant Perception
  • William O’Neil: The Art of Stock Selection
  • David Ryan: Stock Investment as a Treasure Hunt
  • Marty Schwartz: Champion Trader
  • James B. Rogers, Jr.: Buying Value and Selling Hysteria
  • Mark Weinstein: High-Percentage Trader
  • Brian Gelber: Broker Turned Trader
  • Tom Baldwin: The Fearless Pit Trader
  • Tony Saliba: »One-Lot« Triumphs
  • Dr. Van K. Tharp: The Psychology of Trading (kein Trader, sondern ein Psychologe, der viele Trader betreut)

The New Market Wizards:
Conversations with America’s Top Traders (1992)

  • Bill Lipschutz: The Sultan of Currencies
  • Randy McKay: Veteran Trader
  • William Eckhardt: The Mathematician
  • Monroe Trout: The Best Return That Low Risk Can Buy
  • Al Weiss: The Human Chart Encyclopaedia
  • Stanley Druckenmiller: The Art of Top-Down Investing
  • Richard Driehaus: The Art of Bottom-Up Investing
  • Gil Blake: The Master of Consistency
  • Victor Sperandeo: Markets Grow Old Too
  • Tom Basso: Mr. Serenity
  • Linda Bradford Raschke: Reading the Music of the Markets
  • Mark Ritchie: God in the Pits
  • Joe Richie: The Intuitive Theoretician
  • Blair Hull: Getting the Edge
  • Jeff Yass: The Mathematician of Strategy
  • Charles Faulkner: The Mind of an Achiever
  • Robert Krausz: The Role of the Subconscious

The Stock Market Wizards:
Interviews with America’s Top Stock Traders (2001)

  • Stuart Walton: Back from the Abyss
  • Michael Lauer: The Wisdom of Value, the Folly of Fad
  • Steve Watson: Dialling for Dollars
  • Dana Galante: Against the Current
  • Mark D. Cook: Harvesting S&P Profits
  • Alphonse »Buddy« Fletcher Jr.: Win-Win Investing
  • Ahmet Okumus: From Istanbul to Wall Street Bull
  • Mark Minervini: Stock Around the Clock
  • Steve Lescarbeau: The Ultimate Trading System
  • Michael Masters: Swimming Through the Markets
  • John Bender: Questioning the Obvious
  • Claudio Guazzoni: Eliminating the Downside
  • David Shaw: The Quantitative Edge
  • Steve Cohen: The Trading Room
  • Arik Kiev, M.D.: The Mind of a Winner (wieder ein Psychologe)

Hedge Fund Market Wizards:
How Winning Traders Win (2012)

  • Colm O’Shea: Knowing When It’s Raining
  • Ray Dalio: The Man Who Loves Mistakes
  • Larry Benedict: Beyond Three Strikes
  • Scott Ramsey: Low-Risk Futures Trader
  • Jaffray Woodriff: The Third Way
  • Edward Thorp: The Innovator
  • Jamie Mai: Seeking Asymmetry
  • Michael Platt: The Art and Science of Risk Control
  • Steve Clark: Do More of What Works and Less of What Doesn’t
  • Martin Taylor: The Tsar Has No Cloths
  • Tom Claugus: A Change of Plans
  • Joe Vidich: Harvesting Losses
  • Kevin Daly: Who Is Warren Buffett?
  • Jimmy Balodimas: Stepping in Front of Freight Trains
  • Joel Greenblatt: The Magic Formula

 

Nachtzug nach Berlin

auf Reisen, 19. Dezember 2017, 01:25 | von Paco

Gestern Abend Ankunft in Zürich, sofort das Gepäck ins Hotel gedonnert, raus in die Altstadt und auf ein Schnitzel rein in die Rheinfelder Bierhalle. Fast nichts mehr frei, also setzte ich mich an einen Tisch mit einigen siebzigjährigen Freisinnigen und da redeten wir nun zwei Stunden über die Lage. Irgendwann richtete ich die Diskussion wieder gezielt auf das Réduit, diesen dann ja doch sehr konkreten Mythos, und eine Quartstunde lang hörte ich Neues und Altes über das schweizerische Bollwerk.

Heute Morgen hoch zur Universität, wie immer alles super dort, spätnachmittags wieder runter zum Bahnhof und mit den SBB erst mal nach Basel und dort zum Libanesen am Barfüsserplatz, wo ich mit ein paar Influencern zu libanesischem Rotwein verabredet war, bevor ich dann genau pünktlich den Nachtzug nach Berlin bestieg. Der wird ja inzwischen von den Österreichischen Bundesbahnen betrieben, und an Bord gab es einige Geschenke von der Nachtzugleitung und ein heutiges Exemplar der Wiener »Presse«.

Ich las das Printprodukt sofort durch und traf dann auf der Suche nach der Bordbar noch zufällig ein paar Spanier und es gab in diesem Kontext doch einiges zu trinken, fast soviel wie in der täglichen Aeroflot-Maschine von Moskau nach Málaga, und dann zog ich mich in mein Sé­pa­rée zurück und begann in diesem Zustand die zweite Staffel »Babylon Berlin« zu schauen und vergab spontan 10 von 10 Punkten, eine Wertung, die ich morgen früh vielleicht noch mal neu evaluieren sollte, wenn ich in Babylon Berlin angekommen sein werde, »zu Asche, zu Staub, dem Licht geraubt«, gute Nacht.