Archiv des Themenkreises ›Consortium‹


Zwischenfall in Glasgow

auf Reisen, 21. April 2018, 11:32 | von Paco

Am Abend vor dem Briefkastenerlebnis trank und sprang ich noch mit Leuten in der »Park Bar«, die betrieben wird von Vertretern der Hebrideninsel Tiree, und »the guy behind Tyree Gin« war auch da und die Musik sehr akkordeonlastig und der Hauptaufenthaltsmodus war ›Canadian Barn Dance‹.

Ich war also in Glasgow, und am nächsten Morgen hatte ich noch etwas Zeit vor der Abreise und lief gedankenverloren vom Hotel in die Innenstadt und sah unterwegs viele schöne Details, cooler Dachgiebel hier, derbes Frühlingsblumenbeet da, der crazy Blick eines Taxifahrers, ein brennender Briefkasten und so weiter. Wait, ein brennender Briefkasten? Arrr.

Ich war schon vorübergegangen eigentlich, blickte mich aber noch einmal um, und da peitschten Flammen aus dem lichterlohen Briefkasten am Haus einer Wohltätigkeitsorganisation. Ich machte einen Schritt weiter in Richtung Innenstadt, aber mein Körper lenkte mich sanft zurück zum Haus der Wohltätigkeitsorganisation, kurz Bescheid geben wollte ich den Leuten drinnen, und so hielt ich mir die Nase zu und lief in den offenen Eingangsflur, der sich bereits mit stechendem Rauch gefüllt hatte.

Am Ende des Flurs war aber nichts, keine Tür, niemand zu sehen, es führte nur eine enge Wendeltreppe nach oben. Nachdem ich drei Stockwerke lang keinerlei Eintrittsmöglichkeit oder so vorfand, verlor mein Vorsatz deutlich an Grundlage. Denn zu weit war ich schon vom brennenden Briefkasten entfernt, als dass er noch irgendetwas zu tun haben könnte mit meiner Position im Wendeltreppenhaus.

Ganz ganz oben dann doch eine Tür, dahinter ein flauschig gestalteter Empfangsraum. Sofort war eine Mitarbeiterin zur Stelle, knallblaues T-Shirt mit dem Logo der Organisation drauf. »Sorry to drop in like this«, sagte ich, »but I think your letterbox is burning.«

Die Mitarbeiterin, die anderthalb Köpfe größer war als ich, wiederholte fragend meine Aussage. Da wir in Schottland sind, wurde aus »burning« ungefähr so etwas wie »burmy«, also fragte sie: »The letterbox is burmy?« Diesen Satz hörte ich, immer im Wechsel mit Ausrufe- und Fragezeichen dann noch mehrmals.

Andere Mitarbeiterin, gleiches T-Shirt, kommt herbeigelaufen: »The letterbox is burmy!« – »The letterbox is burmy?« – »The letterbox is burmy!!!«

Weiterer Mitarbeiter, selbes Spiel.

Und noch einer, und noch einer, bis die Nachricht den Obermitarbeiter erreichte, der nun eine Entscheidung fällen musste. Zusammen mit der ersten Mitarbeiterin ging ich die endlose Wendeltreppe nach unten, in die sich der elende Rauch bereits vorgearbeitet hatte.

Die Mitarbeiterin hatte einige Ausdrücke negativer Überraschung parat, »oh shit« und so was. Sie zog sich das T-Shirt über die Nase, SpongeBOZZ-Style, und näherte sich der Flamme, die immer noch aus dem Briefkastenschlitz rausfauchte. Erst da bemerkte ich, dass sie eine Kaffeetasse mitführte, die sie erhob und in den Briefkasten entleerte. In diesem Moment kamen weitere blaue T-Shirts aus dem Flurgang, neue Kaffeetassen, und sie beschmissen alle das Feuer mit kaltem Bürokaffee und das war ein Weltrettungsfeeling wie damals das Sandsackwerfen beim Oderhochwasser 1997.

Das große Briefkastenfeuer von Glasgow, es war nach wenigen Minuten gelöscht, und ich ging wieder meiner Wege, hinunter in die Innenstadt.
 


Mitterrand

Moskau, 25. Februar 2018, 12:58 | von Paco

Ich war gestern Abend im Café Puschkin am Twerskoj Boulevard, eingeladen von einem französischen Freund. Ich wusste nicht so richtig, was mich erwartet, und dachte eigentlich, das wär so ein one-on-one und wir updaten uns einfach ein bisschen gegenseitig, weil lange nicht gesehen.

Als ich aber ankam, waren um den Tisch in der Bibliothek insgesamt drei Franzosen und zwei frankophile Russen versammelt, und es wurde also ein schöner französischer Abend, wozu das Café Puschkin ja ursprünglich auch mal gegründet worden war.

Mitten aus einer Diskussion heraus fragte plötzlich jemand, wer eigentlich unsere Lieblingsgestalt in der Geschichte sei, also ein bisschen wie im Questionnaire de Proust, und jedenfalls diskutierten wir dann lange über Robespierre, Napoléon, sogar über Lamartine, davon ausgehend auch über alternative Geschichtsverläufe, und es war eine relativ sinnlose High-Level-Diskussion, aber wir tranken und aßen ja nebenbei auch gute Sachen, und es war ein schönes gesellschaftliches Spiel irgendwie.

Plötzlich ergriff Igor, der die ganze Zeit nichts zu dieser Diskussion beigetragen hatte, das Wort und sagte in die Runde hinein: »Also ich fand Mitterrand ganz gut.«

Und das war so ein unfassbarer Bruch des Kontexts, ein sofort von allen empfundener regelwidriger Sprung durchs Geschichtsbuch, dass das Gespräch indigniert verstummte und eine Minute pausierte, und dann fingen wir langsam an, über etwas anderes zu reden, und kamen nie wieder auf das Thema zurück.
 


Die Spielplatzproduzentin

Aarhus, 31. Oktober 2017, 15:40 | von Paco

In der Bahn vom Flughafen Kopenhagen nach Aarhus traf ich grad zufällig eine Spielplatzproduzentin. Wir kamen wegen etwas anderem ins Gespräch, aber dann stellte sich recht schnell heraus, dass sie Spielplatzproduzentin ist, also Spielplätze produziert. Sie musste nach einer Stunde aussteigen, aber bis dahin hatte ich viel erfahren über Spielplatzarchitektur, gummierte Spielplatzböden, Hexagonschaukeln usw., und wir sind auf jeden Fall weiter in Kontakt, demnächst also mehr über Spielplätze und deren Produktionskette, und China wird natürlich auch eine Rolle spielen, und am Ende ging es sogar um einige Accounting-Details, sodass ich kurz das Gefühl hatte, ich würde jetzt also im Kontor eines dänischen Spielplatzproduzenten arbeiten.
 


Sie sind wohl nicht von hier?

St. Petersburg, 30. Juli 2017, 17:12 | von Baumanski

Dienstagabend, Nieselregen, 14 Grad. Juli.

Eben war ich mit unserem Freund, dem Opernsänger, im Konzert, wir hatten spontan noch günstige Karten für Bruckners Achte bekommen, und weil Gergiev mal wieder eine halbe Stunde zu spät kam – »ein Durchschnittswert«, wie die ältere Leningraderin neben uns grosszügig kommentierte – ist es nun doch schon fast zehn Uhr. Die U-Bahn-Station Teatralnaja, seit zehn Jahren geplant, wird zwar nun pünktlich zur Fussball-WM endlich gebaut, aber momentan ist es immer noch ein gefühlt endloser Fussmarsch zurück ins Zentrum. Aber wir haben ja Zeit, machen noch den Umweg zum Nabokov-Haus, obwohl es dort eigentlich nicht viel zu sehen gibt.

Als wir später in einem Hinterhof etwas trinken, kommen ein paar Filmregisseure dazu. Einer davon beginnt gleich, mich über verschiedene legendäre Schweizer Filme auszufragen, die alle eines gemeinsam haben, nämlich dass ich noch nie von ihnen gehört habe. Nach der halbstündigen Unterhaltung weiss ich aber alles über sie, ausser die Titel, die meinem Gesprächspartner partout nicht einfallen wollen. Dann zeigt er uns die Stelle, wo er damals die Szene in »Golden Eye« gefilmt hat, in der Pierce Brosnan mit einem Panzer durch Petersburg brettert und zwei der ihn verfolgenden Laster durch die Brüstung ins Wasser der Moika stürzen. Bei dieser Gelegenheit erzählt ein anderer der Regisseure, wie Bekannte von ihm in den Neunzigerjahren ihren Rottweiler töteten und verzehrten. »Furchtbare Leute, und das Fleisch war bitter, völlig ungeniessbar.«

Irgendwann, es beginnt bereits wieder zu dämmern, will sich eine von uns an ein Klavier setzen, das mitten auf der Strasse steht. Sofort wird sie von einem mürrischen Nachtwächter zurechtgewiesen, Typ Gopnik, Adidastrainingsanzug und zerdrückte Schirmmütze. »Sagen Sie, was ist das für ein Gebäude?«, frage ich ihn, mehr um von der unangenehmen Situation abzulenken. »Sie sind wohl nicht von hier?«, fragt er zurück, bereits deutlich entspannter. »Das ist die Akademie der angewandten Künste, Baujahr 1885. Schauen Sie mal, die Engel hier an der Strassenlaterne sind thematisch daran angepasst. Die Kirche dahinter wurde noch unter Peter dem Grossen zum Dank für die Siege seiner Flotte über die Schweden gebaut. Die müssen Sie sich mal von innen ansehen.«

Auf dem Heimweg treffen wir noch einen alten Bekannten, der behauptet, er komme eben von einem »intellektuellen Rave« im Generalstabsgebäude, aber ob das auch stimmt? Ausserdem müssen wir sowieso weiter zur Neva, die Тroizkij-Brücke wird um drei nur für ein paar Minuten gesenkt, und wir wollen ja rüber auf die Petrograder Seite, weil mir der Opernsänger unbedingt noch eine Jugendstilfassade am Kamennoostrovskij Prospekt zeigen will.
 


Abenteuer mit Koni

Moskau, 10. Juli 2017, 21:59 | von Josik

Wir hatten uns an der Metrostation Baumanskaja mit Baumanski verabredet, dessen Nom de guerre ja von eben jenem revolutionären Bauman inspiriert ist, nach dem hier im Moskauer Osten viele Dinge benannt sind, etwa auch der Bauman-Garten, und in den gingen wir dann. Baumanski war ziemlich überrascht, dort einen Basler Springbrunnen vorzufinden, den die Stadt Basel den Moskauern geschenkt hatte. Dann aber, wie immer wenn man sich mit Baumanski trifft, kam die Rede irgendwie wieder ziemlich schnell auf Koni und auf die Frage, ob man ein literaturwissenschaftliches Instrumentarium entwickeln könnte, das die literarische Qualität von Schriftstellern direkt proportional zu ihrer persönlichen Hundeliebe misst. Der Gedankengang ist so:

Putins (1999 geborene und 2014 verstorbene) Hündin hieß Koni. Im Februar 2004 schenkte Putin dann dem damaligen österreichischen Bundespräsidenten Thomas Klestil und seiner Gattin Margot Klestil-Löffler zwei von Konis Kindern, nämlich Olga und Orchidea. Völkerverständigung at her best! Margot Klestil-Löfflers Landsfrau Elfriede Jelinek veröffentlichte auf ihrer Homepage zwei schöne Texte über ihre (am 17. Juni 2006 verstorbene) Hündin Floppy. Karl Kraus schreibt in der Fackel Nr. 376 auf Seite 25: »Woodie, ein kleiner Hund mit langen Haaren, den ich persönlich gekannt habe, er lachte, wenn die Menschen zu ihm sprachen, und weinte, weil er mit ihnen nicht sprechen konnte, und sein Blick war für sich und sie der Dank der Kreatur: ist von einem Automobil getötet worden.« In der Fackel Nr. 454 auf Seite 63 veröffentlicht Karl Kraus das berühmte Gedicht: »Als Bobby starb (22. Februar 1917)«, das mit den Worten beginnt: »Der große Hund ist tot.« In Kraus’ letztem Lebensjahr war sein Lieblingshund Rover, ein schwarzer Neufundländer, den er Sidonie Nádherný geschenkt hat (Rover, Sandy, Flock und Pyri waren ein »Hundeviergespann«). 1991 erschien bei de Gruyter eine Studie mit dem Untertitel »Zur Bedeutung der Neufundländer in Fontanes Romanen«. Auch die Hundeliebe Schopenhauers, des bedeutendsten philosophischen Literaten aller Zeiten, ist sprichwörtlich. Friedrich Theodor Vischer hat den Hunden in seiner 600-seitigen Novelle »Auch Einer« ein Denkmal gesetzt. Salomon Maimon brachte seine Lieblingshündin Belline in die Berliner Salons mit und wollte ihr seine Bibliothek vermachen. Praktisch alle der erwähnten Personen sind superste Schriftsteller, und sie alle zeichnen sich durch ihre Hundeliebe aus – aber wie bringt man das theoretisch zusammen?

Darüber diskutierten wir endlos, und über dieser Diskussion waren wir mittlerweile aus dem Bauman-Garten heraus- und vor dem Club-Café Koni in der Novaya Basmannaya angekommen, das nur einen Knochenwurf entfernt liegt. Das Club-Café Koni war allerdings nicht nach Putins verstorbener Labradorhündin benannt, sondern nach dem Juristen Anatolij Fjodorowitsch Koni, der selber ein großer Hundefreund war, wie man gut an dem Foto sehen kann, das in Sergej Vysockijs Koni-Biografie aus dem Jahr 1988 zwischen den Seiten 64 und 65 abgebildet ist und auf dem Koni sich zusammen mit dem Hund Mirsa hat ablichten lassen. Leider hatte das Club-Café Koni geschlossen.

Man konnte aber durch die Fensterscheiben des Club-Cafés Koni kucken und erkennen, dass es innen sehr gut aussah, auf einem der Tische stand sogar eine noch nicht vollständig ausgelöffelte Tasse Tee. Wir aßen schnell woanders zu Mittag, und zwar auf der Terrasse eines nahen ukrainischen Restaurants. Und fuhren dann schließlich mit einem Yandex-Taxi zum weltweit einzigen Koni-Denkmal, vor der soziologischen Fakultät der Lomonossow-Universität.

Wir ließen das Taxi etwas zu früh halten, um der grässlichen russischen Popmusik zu entfliehen, die im Taxi lief und die gefährliche Ohrwurmqualitäten hatte. In einem Fußgängertunnel kauften wir ein paar frische Erdbeeren und aßen sie alle auf, während wir in die Richtung gingen, wo wir das Koni-Denkmal vermuteten, bis wir plötzlich da waren. Koni wurde in seinem Denkmal allerdings ohne Hund gebildhauert (dafür aber mit einem Gesetzbuch).

So verging dieser herrliche Tag, mein letzter vor der Rückreise nach München. Am nächsten Vormittag gab’s noch Frühstück bei Paco zuhause, und weil Paco zum Frühstück immer leise Ö1 hört, hörte auch ich leise Ö1 mit. Unmittelbar nachdem Paco das Internetradio angeknipst hatte, hörten wir als erstes einen merkwürdigen Satz, der ungefähr wie folgt lautete: »Ich finde Bürgerkrieg gut.« Ich nahm mir vor, zuhause noch mal nachzuhören, worum es hier eigentlich ging, habe das dann aber natürlich nicht getan.

Paco bestellte mir ein Yandex-Taxi, das mich zum Edward-Snowden-Flughafen Scheremetjewo bringen sollte. Fünf Minuten später stand das Taxi vor der Tür. Der Taxifahrer war anfangs leicht überfordert und meinte, er sei bisher noch nie nach Scheremetjewo gefahren, dafür brauche man eigentlich erfahrene Chauffeure, aber er habe die Anfrage ja nicht ablehnen können. Ich sagte in bestem Merkel-Russisch: »Успеем« (»Wir schaffen das«), da war er irgendwie beruhigt. Er fragte mich, ob ich Radiomusik wünsche, ich sagte: »Как хотите« (»Wie Sie mögen«). Er sagte, er möge lieber Ruhe, also lauschten wir weder schlimmem russischem Ohrwurmpop noch Ö1, womit ich als Bürgerkriegsgegner sehr einverstanden war, ich finde Bürgerkrieg nämlich wirklich nicht gut.
 


Zwei Wochen Sheffield

Moskau, 2. Juli 2017, 07:34 | von Paco

In der ersten Maihälfte: war ich an die Universität Sheffield eingeladen, und das hat doch einiges gebracht. Vor dem Abflug in Tegel hatte ich mir noch das neueste Lustige Taschenbuch gekauft (Nr. 493), aber das war rapid weggelesen. Nichts anderes Gedrucktes hatte ich dabei und las dann zwei Wochen lang zum Frühstück die »Yorkshire Post«, die frisch ins Hotel geliefert wurde, inklusive der täglichen News aus der Rugby League.

An der Uni haben wir dann von frühmorgens bis spätabends rumgehackt und vor allem an der vossianischen Antonomasie weitergeforscht. Unter anderem fanden wir in unseren Gigatonnen an Zeitungskorpora endlich noch mehr Beispiele für die absurdistische Variante der Vossanto. Das ist, wenn zum Beispiel Joachim Lottmann über sich sagt: »Ich bin der deutsche Rainald Goetz«, und aber beide, Lottmann und Goetz, deutsche Autoren sind, haha.

Mir fiel zum ersten Mal auf, dass unter Maßgabe der Richtigkeit dieser Aussage auch der Umkehrschluss wahr ist, dass nämlich Rainald Goetz der deutsche Joachim Lottmann ist, und das fand ich und fanden auch andere eine irgendwie interessante Erkenntnis. Aber gut, anderes Beispiel: »Ich bin in Norwegen, dem Schweden Skandinaviens«, so Gabriel Vetter in einem Interview mit der TagesWoche. Demnächst mehr dazu in irgendwelchen Conference Proceedings.

Was sonst noch geschah: Eines Morgens ging ich in eine Boots-Apotheke, und ich war der erste Kunde des Tages, und die beiden Verkäufer*innen sahen das als gutes Omen und beglückwünschten mich mehrfach. Als ich wieder aus dem Laden heraustrat, stakte ein englischer Teenager an mir vorbei, der das Trikot des Deutschen Fußball-Bunds trug. Und über mir am Himmel schwebte eine Wolke wie ein Klavier, also wie bei Tschechow, »плыло облако, похожее на рояль«. Am selben Tag wurde mir in einer Bar Falschgeld ausgehändigt, was ich dann bei einer anderen Gelegenheit merkte, und es stellte sich wenig später aber heraus, es war kein Falschgeld, sondern einfach nur eine sehr, sehr alte 10-Pfund-Note mit einem gefaket aussehenden Darwin drauf, und im Gespräch darüber gewann ich viele neue Freunde.

Abends nach der Arbeit saßen wir wie immer mit Robert und James im »Red Deer«, und es gab vegetarisches Haggis und Ginger Beer. Am Nebentisch (denn am Nebentisch ist es ja immer spannend), am Nebentisch saßen zwei Frauen und unterhielten sich über das Glyndebourne Festival. Sie wollten beide im Juni da hin, um die Premiere der neuen »Hamlet«-Oper zu sehen, und das kostete wohl um die 95 Pfund. Sie waren beide wohlhabend genug, glaube ich, aber fanden einfach diesen Preis unverschämt und lachten dabei und hatten die Idee, sich aus ideologischen Gründen ein Ticket zu teilen und dann immer abwechselnd die Oper zu schauen. Als wir das Lokal verließen, ging es gerade darum, wer von beiden den »to be or not to be«-Akt kriegen würde, beide wollten ihn unbedingt, und vielleicht gibt es nun doch zwei Tickets.
 


Book-Release-Party »Abenteuer im Kaffeehaus«, Setlist und Fotoreportage

Moskau, 21. April 2017, 09:47 | von Paco

Der Band ist am 24. März raus, die Book-Release-Lesung war am selben Tag, Leipziger Buchmesse:

Leipziger Lesung 'Abenteuer im Kaffeehaus', 24. März 2017

San Andi hat dazu eine kleine Fotoreportage gedreht, die man sich hier anschauen kann.

Die Setlist war wie folgt (die Seitenzahlen beziehen sich natürlich, sofern nicht anders angegeben, auf das Buch):

  • Dique: Die FAS und die Tauben, S. 46–48 (3:30 min.)
  • Dique: Im Apsley House, S. 141/142 (2:30 min.)
  • Paco: Christa Wolf und Leo Perutz, S. 152–154 (3 min.)
  • Paco (als Perutz-Zugabe): Mario Perutz, S. 178 (0:30 min.)
  • Dique: Turandot und die Sitznachbarin des Grauens, S. 155–157 (3 min.)
  • Paco: Die »Süddeutsche« vom 13./14. Februar 2010, S. 179–181 (4 min.)
  • Dique: Die Sportteil-Aussortierung, S. 193–195 (5 min.)
  • Paco: Nougattorte, Wirtschaftsteil, Runge, S. 203–205 (4 min.)
  • Dique: Der tausendste Buchladen, S. 215–218 (5 min.)
  • Paco: Einsteins Briefe, S. 151 (1 min.)
  • Dique: »Grete Minde«, S. 214 (2 min.)
  • Paco: MRR in der FAS, S. 227 (1 min.)
  • Dique: Café Fraunhuber, S. 228 (1 min.)
  • Dique: Room 59, der Saal des Gurkenmalers, S. 225/226 (2:30 min.)
  • Paco: Auszug aus der Master-Thesis von Maja Hoock (PDF), S. 59–62 (3 min.)
  • Briefwechsel mit Woodard mit verteilten Rollen, S. 278–281 (2:30 min.)
  • Dique: »Spiegel« lesen in Detroit, S. 273–276 (7 min.)

»Abenteuer im Kaffeehaus« ist gleichzeitig auch Band 1 unserer bei Ille & Riemer erscheinenden Reihe »Schriften des Umblätterers«, und nun machen wir uns mal an Band 2, bis später.
 


Am 24. März 2017 erscheint:
»Abenteuer im Kaffeehaus«

Leipzig, 19. März 2017, 18:45 | von Paco

In ein paar Tagen erscheint als erster Band der Reihe »Schriften des Umblätterers« beim Leipziger Verlag Ille & Riemer:

Abenteuer im Kaffeehaus (Cover)

 
André Seelmann (Dique)

Abenteuer im Kaffeehaus

Feuilletons aus dem Umblätterer
2007–2015

Mit einem Vorwort von Frank Fischer

Hrsg. von Frank Fischer, Andreas Vogel und Joseph Wälzholz

Im Anhang enthalten ist ein Briefwechsel mit David Woodard

Leipzig · Ille & Riemer · 2017
281 Seiten · 15,– €
ISBN 978-3-95420-018-4

Bestellen: Verlag | lehmanns.de | Amazon

 
Klappentext

Die wichtigsten Dinge der letzten zehn Jahre: »Spiegel« lesen und »Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung«. In Museen gehen, amerikanische TV-Serien schauen, das Gesamtwerk von Leo Perutz überdenken. Zwischendurch immer wieder ins Kaffeehaus, um ein bisschen was davon zu besprechen. Und damit alles schön ungenau bleibt, lieber rasch einen pindarischen Sprung zum nächsten Thema.

André Seelmann, geb. 1971 in Leipzig, war zwischen 2007 und 2015 Korrespondent des Kultur- und Freizeitjournals »Der Umblätterer« und berichtete aus London, Hamburg, Barcelona und São Paulo. Der vorliegende Band »Abenteuer im Kaffeehaus«, der seine Texte aus dieser Zeit versammelt, eröffnet die Reihe »Schriften des Umblätterers«.

 
Niemand erzählt so vom Feuilleton dieser Jahre wie der »Umblätterer«.
— Florian Kessler

 
Inhalt

Vorwort: Die Ungenauigkeit von Kaffeehausgesprächen … S. 7–11
Abenteuer im Kaffeehaus … S. 13–276
Anhang: Briefwechsel mit David Woodard … S. 278–281

 
Leseprobe und Cover

 
Book-Release-Lesung am 24. März 2017

Falls jemand zur Buchmesse oder einfach so in Leipzig ist und sich die Book-Release-Lesung anschauen möchte: Die findet am Freitag, 24. März, um 20:00 im schönen Kulturcafé Rumpelkammer statt (Dresdner Straße 25, 04103 Leipzig). Weitere Informationen bei Facebook und »Leipzig liest«.
 


Bertolt Brecht in Russland

Moskau, 13. Dezember 2016, 15:55 | von Paco

Ein Dresdner Kollege hatte eine Gastvorlesung gehalten und zum Tagesausklang gingen wir dann noch in die armenische Schenke gegenüber der Epiphanien­kathedrale. Am Nebentisch saß ein älterer Herr, der ab und an vor sich hinmurmelte, bis er sich dazu entschied, doch ganz direkt in unser Leben zu treten.

Nachdem er also bezahlt hatte und sich zum Gehen anschickte, stellte er sich freundlich vor uns auf. Er könne selbst kein Deutsch, aber liebe den Klang der deutschen Sprache, es sei eine Wonne gewesen, dem Klang unserer Stimmen zuzuhören. Komplimente, kurze gegenseitige Vorstellung. Und er sei so ein großer Fan von Brecht, er habe alles von ihm gelesen usw.

Brecht, nun ja, hin oder her, Wiedererkennungsfreude ist ein Ding für sich, und wir schwelgten in Schlagworten und Titeln und suchten in den Augen unseres neuen Bekannten nach Reaktionen, »episches Theater«, »Kurt Weill«, »Fragen eines lesenden Arbeiters«, »Erinnerung an die Marie Aaaaah!«, »Mutter Courage«.

Unsicherer Blick. Hatten wir die Titel falsch übersetzt? Kenne er jetzt alles nicht. Seien das auch diese philosophischen Bücher, die ihm so gefielen?

Wie? Die theoretischen Schriften Brechts, liest die noch jemand, und welche überhaupt? Brecht, wirklich Bertolt Brecht?

»Bertolt, äh, ich glaube nein, eher so Hermann Ludwig –, njet, Alexander Baldur –, njet –.«

»Richard David?«

»Totschno!«
 


Zur Lage der Literaturwissenschaft

Moskau, 27. Juli 2016, 08:57 | von Paco

Gestern war ich wie immer früh um 8:30 Uhr an der Uni, begab mich hinter die Sicherheitstür meines bureau of investigations und las dann in acht Stunden den gesamten Band 4/2015 der »Deutschen Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte« (DVjs) durch, ein Sonderband: »Zur Lage der Literaturwissenschaft«. Hatte den Band schon lange herumliegen und nun, während es an der Uni muxmäuschenstill war – keine Studenten, kaum Kollegen und nur ein paar Elektriker, die ab und zu den Strom abstellten –, konnte ich endlich wieder ungestört Printsachen runterlesen.

Die DVjs war ziemlich spannend, sobald ich einen Artikel fertig hatte, wirkte jeder Titel und jeder Verfassername des nächsten Artikels wie ein Cliffhanger, und in angenehmster Unaufgeregtheit las ich mich bis zum Ende durch. Mittagessen vergaß ich darüber, gegen halb 6 war ich dann doch recht erschöpft und hatte Hunger wie ein Wolf. Einen Hunger, den nur die georgische Küche stillen konnte.

Ich machte mich also zum nächstgelegenen Chatschapuritempel auf, die sind ja zu jeder Tageszeit recht gut besucht, aber es gab doch noch einen kleinen freien Tisch und schon bestellte ich unbesehen ein Atscharuli Chatschapuri, fünf Chinkali und einen halben Liter Natachtari mit Tarchungeschmack. Es war super, so out of context mit einem ganzen Band DVjs im Kopf einfach allein da zu sitzen und deutsche Literaturwissenschaft sacken zu lassen. Allerdings standen eine Minute später zwei Typen mit auffälligen Schwenkblicken vor meinem Tisch, um mir schon mal anzusignalisieren, dass nirgendwo mehr Platz sei und dass sie mich gleich fragen würden. Na ja, und dann saßen wir da zu dritt an diesem Tischleindeckdich und ich brauchte zirka zehn Sekunden, um aus meiner glückseligen Asozialität rauszufinden.

Es wurde natürlich ein lustiges Abendessen, und obwohl mir mein kleines Tarchun-Glück schon geliefert worden war, musste ich selbstverständlich gegen meinen ausdrücklichen Wunsch mit Wodka trinken, und wir tranken auf alles Mögliche, bis die erste Flasche leer war, sogar auf Deutschland, und wiederholt auch auf den Weltfrieden, und erzählten so vor uns hin. Die beiden waren Mitte Fünfzig, Familienväter, Freunde seit der Schule, der eine arbeitete seit kurzem tageweise als Sicherheitskraft in Sotschi und meinte, September sei der beste Monat dort, und das gebe ich mal so weiter. Der heutige Tag lief für beide so ab, dass sie hier bei Sakuska und Chinkali zwei Flaschen leeren wollten, um dann zu Hause auf Матч ТВ das Spiel Rostow gegen Anderlecht zu schauen, Hinspiel, Champions-League-Qualifikation.

Nach ungefähr einer Stunde, als alle Chinkali verspeist waren, verabschiedete ich mich, es war sehr herzlich und wir machten noch ein paar schöne allgemeingültige Ansagen. Dann ein Sommerabendspaziergang durch Moskau, den Weltfrieden im Bauch. Irgendjemand trällerte im Vorbeigehen den Song aus »Я шагаю по Москве«, Pokémonspieler standen vor goldenen Kirchen herum, und langsam amalgamierten sich die verschiedenen Lektüreeindrücke des Tages zu einer Hauptaussage, und zwar lautete diese, dass die Lage der Literaturwissenschaft einfach sehr, sehr hervorragend ist.