Fäuleton

Paris, 10. März 2010, 19:35 | von Paco

An Schrecklichkeit, ich wiederhole: SCHRECKLICHKEIT, nicht zu überbieten ist das Hinschreiben des Wortes: »Föjetong«. Was in dieser Schreibweise mitgeschwemmt kommt, sind die furchtbarsten Abfallprodukte menschlicher Kultur seit den Höhlenmalereien von Altamira.

Eine ganz andere Variante haben vor ein paar Jahren die Absoluten Beginner ins Spiel gebracht, namentlich Denyo, der Rapper der Enterbten. In der FAS vom 23. Juli 2003 (S. 22) hat Johanna Adorján im, genau: Feuilleton ein Interview mit den Beginnern geführt, in dem es heißt:

FAS: Die erste Single der neuen Platte, »Fäule«, ist schon in den Charts. Was bedeutet das eigentlich: Fäule?

Denyo: Manchmal entstehen doch einfach neue Wörter, wenn man den ganzen Tag mit denselben Leuten zusammen ist. In diesem Fall war es so, daß ich den anderen beiden etwas erzählen wollte, das ich im Feuilleton gelesen habe, und weil das so umständlich auszusprechen ist, habe ich Fäuleton dazu gesagt. Das haben wir dann abgekürzt: Fäule. Steht für alles, was uncool ist.

FAS: Von Feuilletons halten Sie also nichts?

Denyo: Ach, da stehen schon interessante Sachen drin, aber dieser ganze Theaterkram, geschrieben von Journalisten, die sich einen auf ihre Sprache abkeulen, ist nicht mein Ding.

Soweit Denyo. Eine noch andere Variante geht so, dass man die Feuilletonseiten einfach »KULTUR« nennt.

Lost: 6. Staffel, 7. Folge

Paris, 10. März 2010, 09:45 | von Paco

Achtung! Spoiler!
Episode Title: »Dr. Linus«
Episode Number: 6.07 (#109)
First Aired: March 9, 2010 (Tuesday)
4: 1-2-3-4-5-6-7-8-9-10-11-12-13/14
5: 1/2-3-4-5-6-7-8-9-10-11-12-13-14-15-16/17
6: 1/2-3-4-5-6-7-8-9-10-11-12-13-14-15-16-17/18

Macht und Machtverlust sind die Hauptthemen der gesamten Serie. In dieser 7. Folge der Finalstaffel hat dieses Themenpaar wieder mal einen schönen Auftritt, und dass es eine auf Ben Linus zentrierte Folge ist, hilft diesem zum Lutscher degradierten einstigen Überboss der Others wieder zu einigen Sympathiepunkten:

1. – Insel-Plot

Nach dem Überfall des Fake-Locke auf den Temple schließt Ben in der Finsternis des Inseldschungels zu den anderen Jacobinern auf. Sie sind in deutlicher Unterzahl und wollen sich erst mal zum Strand zurückziehen.

Miles, der ja als relativ plumper Deux ex machina in die Serie geschrieben wurde, soll anhand von Jacobs Asche (mitgeschleppt von Ilana) herauskriegen, wie der Inselgötze starb. Das bringt Ben in die Bredouille, denn nun wissen alle, dass er ihn abgestochen hat. Ilana ist auch ziemlich sauer über den Verlust ihrer Vaterfigur Jacob.

Im Strandlager darf auch Sun mal wieder was sagen. Ok, von jetzt ab heißt sie nur noch Kulissen-Sun, weil sie nur noch dumm in den Kulissen steht und sie nur noch aus Mitleid ein paar Sätze zugeschustert kriegt. Ilana jedenfalls erzählt ihr, dass sie und/oder Jin candidates seien für die Übernahme von Jacobs Job.

Inzwischen findet Ben in den Zeltresten ein Schmuddelheft (»Booty babes«) und ein Buch von Disraeli, außerdem ein weiteres, das von ihm aber nicht beachtet wird, den 60er-Jahre-Bestseller »The Chosen« von Chaim Potok. Man fürchtet, dass das vielleicht sein letztes intellektuelles Erlebnis war, denn kurz darauf wird er von Ilana dazu gezwungen, sein eigenes Grab zu schaufeln.

Fake-Locke erscheint ihm, sprengt seine Fußfessel und lädt ihn auf die andere Insel ein, wo er sich angeblich mit den Ausreisewilligen versammelt hat. Ben flieht denn auch und hat die Chance, seinerseits Ilana umzunieten. Aber ein klärendes Gespräch mit viel Sentiment verhindert das. Ilana vertraut ihm wieder, und statt Fake-Locke zu folgen, kehrt Ben mit ins Strandcamp zurück.

Soweit die Haupthandlung auf der Insel. Ansonsten haben wir auch Jack und Hurley wiedergetroffen. Letzterer erwacht im Dschungelgras mit den Worten »cheese carrots« auf den Lippen. Aber ohne Dusche und Frühstück will Jack gleich weiter zum Temple. Die beiden werden aber von Richard abgepasst, der sie stattdessen zur Black Rock führt, diesem stylischen alten Britenschiff, das zu einem Lieblingsgimmick der Zuschauer geworden und nun endlich einmal wieder zu sehen ist.

Übrigens gab es bei Richards Auftauchen noch einen dieser typischen Langweilerdialoge, buuuaah:

Jack: Where did you come from.
Richard: You wouldn’t believe me if I told you.
Jack: Try me.

Richard, der offenbar mit dem altehrwürdigen Schiff auf die Insel gelangt ist, sagt aber auch gute Sachen, etwa: »I’m not a cyborg.« Er erklärt auch seinen komischen Nichtalterungsprozess: Jacob habe ihn berührt, deshalb. Die Unsterblichkeit sei aber natürlich mehr Fluch als Segen (gääähn). Richard könne sich auch nicht selber um die Ecke bringen, jemand anderes müsse es tun. Jack vergisst seinen hippokratischen Eid und erklärt sich dazu bereit. Er setzt sich neben Richard, während in der Black Rock die Lunte abbrennt. Jack ist sich sicher, dass nichts passieren werde, und es passiert auch nichts.

Zusammen mit Hurley ziehen sie zum Strand, wo es ein Wiedersehen mit den anderen Jacobinern gibt. Als Cliffhanger fungiert ein Periskop, das vor der Insel den Ozean durchpflügt. Es gehört zu einem U-Boot, in dem Widmore sitzt. Der alte Zausel nimmt nun also endlich wieder am Kampf um die Insel teil.

2. – L.A.-Plot (Lehrer Linus)

Dr. Ben Linus, in Studienratsoutfit mit Studienratsnickelbrille, referiert in seiner Klasse über Napoleons Elba-Aufenthalt und über dessen tragischen »loss of power«. Genau darum geht es auch im alternativen L.A.-Plot, und weil das »Lost«-Thema auch hier im Kleinen so gekonnt bespielt wird, kann man diese Folge als sehr gelungen bezeichnen.

Ben ist ja in dieser Parallelwelt Lehrer an derselben Schule, an die es auch Locke als Substitute verschlagen hat. Und Locke schlägt ihm im Lehrerzimmer vor, doch nach dem Amt des Schuldirektors zu streben, da er sich so für die Schule und die Schüler einsetze. Ben bekommt auch bald die Möglichkeit dazu. Es stellt sich heraus, dass Alex, seine adopierte Inseltochter, hier in L.A. seine Lieblingsschülerin ist. Und Alex hat nun mitbekommen, dass Principle Reynolds nun also mit einer Krankenschwester usw. und auch noch auf dem Schulgelände!

Bens Erpressungsversuch scheitert jedoch, da Reynolds ihn vor die Wahl stellt: Wenn er seinen Posten tatsächlich räumt, dann werde er auch Alex’ Yale-Empfehlung versemmeln. In diesem Machtspiel entscheidet sich Ben für Alex’ Fortkommen und handelt damit anders als in Folge 4.09, als er Alex geopfert hat.

In einer Einzelszene sehen wir noch, wie sich Ben um seinen kranken Vater kümmert. In diesem Gespräch erwähnt der Vater auch seine Beteiligung an der Dharma-Initiative. Er war also mit seinem Sohn damals auf der Insel, hat sie aber offenbar wieder rechtzeitig verlassen und bedauert das jetzt gegenüber seinem Sohn: »Who knows what you would have become?«

Faserland-Allergie

Konstanz, 7. März 2010, 18:08 | von Marcuccio

Wenn die Popliteratur fasten müsste, wo würde, könnte sie anfangen? Genau, wohl bei den Markennamen.

»– nichts sollte mehr daran erinnern, dass man mir einst vorwarf, bereits auf der allerersten Seite von ›Faserland‹ tauchten zehn bis zwölf Markennamen auf.«

—Christian Kracht im Gespräch mit Ingo Mocek
(»Ich denke immer an den Krieg«, NEON, Okt. 2008)

Die Philologie hat das ja wirklich ausgezählt, die Markennamen jetzt, und zwar Olaf Grabienski, und er kommt auf ein gut gefülltes Sünden­register (siehe S. 6 im PDF).

Eigentlich hätte es im letzten Buch von Kracht – »Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten« – ja noch ein allerletztes Marken­namenzitat geben sollen, und zwar eine Parisienne-Zigarette, aber, so Kracht (a. a. O.): »Ich habe es zum Glück herausgestrichen«.

Und er hat den NEON-Lesern vor zwei Jahren verschwiegen, dass zeitgleich tatsächlich eine markennamenfreie Version von »Faserland« auf den Markt gekommen ist, zumindest das Exposé dazu:

»Also, es fängt damit an, daß ich bei einer Fischbude in List auf Sylt und ein Bier aus der Flasche trinke. (…) Weil es ein bisschen kalt ist und Westwind weht, trage ich eine gewachste Regenjacke mit Innenfutter. (…) Vorhin habe ich Karin wiedergetroffen. Wir kennen uns noch aus dem Internat, obwohl wir damals nicht miteinander geredet haben, und ich habe sie ein paar mal in einer Disko in Hamburg und München gesehen. (…) Außerdem hat sie mindestens schon zwei Gläser Weißwein getrunken.«

Ein Coup? Naja, eher ein germanistisches Experiment im Sinne der von Paco erwähnten Tendenz zur primären Sekundärliteratur, realisiert durch Frank Degler und Ute Paulokat in ihrer richtig schön lesbaren UTB-Fibel »Neue Deutsche Popliteratur« (S. 38). Vielleicht aber auch ein Statement in Richtung der Markenverächter und Namedropping-Nörgler der eigenen Disziplin. Schaut her, das ist »Faserland« für Markenallergiker.

Dankbar ist man dem Duo Degler/Paulokat auch mal für ein klärendes Wort dahingehend, dass die Markennamenallergie ja immer nur genau bei den Rezensenten und Germanisten auftritt, »die eventuell nicht über das trendsichere Hintergrundwissen verfügen, um die ihnen gebotenen Reizwörter richtig deuten zu können«.

Vorstellbar ist so eine produktnamenfreie »Faserland«-Ausgabe aber nicht nur für zeitgenössische Markenallergiker, sondern auch Markenlegastheniker zukünftiger Generationen. Die »Große E-Book-Ausgabe« 2020 (25 Jahre »Faserland«) mit Live-Streams zu Fisch-Gosch nach Sylt, ins Bordbistro der Deutschen Bahn (Matthias Horx!) und zum kackenden Hund auf dem eindunkelnden Friedhof von Kilchberg wird das Markengedächtnis wahrscheinlich lebendiger halten als wir uns das im Moment noch ausmalen können.

Moritz Baßler hat schon früh auf diese Zukunftsaufgaben der Literatur­wissenschaft aufmerksam gemacht – sein legendärer Hinweis auf den Crunchip-Clip in der kommentierten Stuckrad-Barre-Gesamtausgabe in 100 Jahren (Baßler 2002, S. 105) gilt heute noch als Running Gag unter progressiven Editionsphilologen.

Deleuze und Wittgenstein

Paris, 6. März 2010, 10:45 | von Paco

Die einzigen leidenschaftlichen Wittgensteiner, die ich kenne, sind ein paar Bekannte aus der ENS, Trotzkisten. Diese Typen, die ernstlich die KPF eine »ruse de la bourgeoisie« nennen. Manchmal sehr amüsant, alte Folklore aus dem Quartier Latin, aber auf die Dauer ein bisschen schwer auszuhalten.

Eben bin ich einem von ihnen über den Weg gelaufen, und während unseres kurzen stop-and-chat fiel mir ein Artikel aus der letzten FAS von 2009 wieder ein, Anlass war das Erscheinen der eingedeutschten Version von Gilles Deleuzes großem »Abécédaire«, fast acht Stunden frei delirierender Deleuze auf Video, ganz hervorragend großartig.

Ich hatte eben jenen Artikel von Cord Riechelmann erst vor kurzem wiedergelesen und immer noch ziemlich gutgefunden, wie Riechelmann ein IMHO treffendes Bild der Deleuze’schen Philosophie liefert und sich gleichzeitig allmählich verliert und am Ende Satz auf Satz ganz ohne Bezüge folgen lässt. Irgendwie macht das Deleuze im »Abécédaire« ja auch. Er scheint manchmal auf ziemlich komische Ideen zu kommen, die nur für eingeweihte und eingeschworene Fans noch irgendeine Logik haben. Also ersetzt Riechelmann langsam, vielleicht ohne es selber wirklich zu bemerken, Zusammenfassung durch Mimesis, und bei Deleuze ist es wahrscheinlich das einzig Machbare.

Aber nun zum tieferen Zusammenhang zwischen Deleuze und Wittgenstein, zu einer dieser zelebrierbaren Anekdoten der jüngeren, jüngsten Philosophiegeschichte. Deleuze war der totale Wittgenstein-Hasser, er nannte ihn gern den »Großinquisitor« (in einer Vorlesung über Leibniz). Im »Abécédaire« weigert er sich glatt, irgendwas zu »W wie Wittgenstein« zu sagen, und wird, auf seine gutmütige Art, wütend. Die Szene gibt es bei YouTube, kurzes Zitat:

»Pour moi c’est une catastrophe philosophique, (…) c’est une régression massive de toute la philosophie.«

Man versteht auch sehr schnell, wieso Deleuze die Wittgensteiner nicht ab konnte. Wenn es einem darum geht, neue Begriffe zu schöpfen, concepts, die das Undenkbare, das eigentlich Nur-noch-nicht-Gedachte, denkbar machen sollen, dann ist ein »wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen« das genaue Gegenteil und tatsächlich der ultimative Schlag ins Gesicht des Gilles Deleuze.

Und daran dachte ich eben gerade ganz kurz, aber ich musste Deleuze nicht einmal erwähnen, unser stop-and-chat war auch so schnell vorbei, und ich ging meiner Wege.

Süddeutsche Zeitung:
Action-Feuilleton in Sachen Michelangelo

Paris, 5. März 2010, 06:56 | von Paco

Danke, Kia Vahland! Letztes Jahr gab es eine feuilletonistische Actionszene, die wir hier noch nicht erwähnt haben. Sie spielte sich im Frankfurter Städel ab und wurde glücklicherweise für die SZ eingefangen:

Kia Vahland: Ein Feuer, das nicht sein durfte. Das Frankfurter Städel zeigt fragwürdige Michelangelo-Zeichnungen, um ein eigenes Blatt dem Meister zuzuordnen. In: Süddeutsche Zeitung, 21. 4. 2009.

(And don’t ask me why, der Artikel ist im Moment nur noch als PDF auf der Website der, hä?, Frankfurter Rundschau zugänglich.)

Und zwar hatte das Städel von März bis Juni die Schau »Michelangelo. Zeichnungen und Zuschreibungen« veranstaltet. In deren Mittelpunkt stand ein Blatt mit Skizzen von mehreren grotesken Köpfen, das nun offenbar endlich offiziell dem Meister persönlich zugeschrieben werden sollte, nachdem britische Kunsthistoriker sich schon positiv dazu geäußert hatten.

Vahland beschreibt ein bisschen die Kontroversen, aber schon der Teasertext des Artikels zeigt, dass sie eher zu einer reduktionistischen Sicht neigt, was Michelangelo-Zuschreibungen angeht. Ihr Kronzeuge dabei ist Alexander Perrig, der sich auch eines Tages in das Museum begeben haben muss. Vor Ort glaubt er dann auch sofort, in der zur Disposition stehenden Zeichnung eine Arbeit des Michelangelo-Schülers Antonio Mini zu erkennen. Eine derart apodiktische Aussage würde natürlich den Frankfurtern komplett die Show stehlen. Aber da wird Perrig vom zuständigen Kurator Martin Sonnabend gesichtet, der rasch herbeigeeilt kommt.

Normalerweise, wenn nicht gerade die Mona Lisa oder ein paar Munch-Gemälde eingesackt werden, geschieht in Museen nicht sehr viel. Menschen stehen herum, schauen, gehen weiter, bis sie irgendwann den Ausgang oder den Museumsshop erreicht haben. Alles nicht der Rede wert. Aber hier treffen mitten auf dem Terrain der Kurator und der schärfste Kritiker direkt aufeinander, tourismusfreundliche Groß­zügigkeit bei der Zuschreibung trifft auf den radikalen Glauben an die Schmalheit des überlieferten Werks.

Und Kia Vahland war dabei und berichtet uns davon. Auf einmal ist Action im Feuilleton, jeder Bericht über eine Podiumsdiskussion ist dagegen toter Text. Das Streitgespräch will ich hier nicht komplett zitieren, siehe Link oben, viertletzter Absatz. (Die schönste Stelle darin ist Perrigs Frage: »Haben Sie selbst nie gezeichnet?«)

Lost: 6. Staffel, 6. Folge

Paris, 4. März 2010, 09:21 | von Paco

Achtung! Spoiler!
Episode Title: »Sundown«
Episode Number: 6.06 (#108)
First Aired: March 2, 2010 (Tuesday)
4: 1-2-3-4-5-6-7-8-9-10-11-12-13/14
5: 1/2-3-4-5-6-7-8-9-10-11-12-13-14-15-16/17
6: 1/2-3-4-5-6-7-8-9-10-11-12-13-14-15-16-17/18

Okay, das könnte alles doch noch irgendwie funktionieren. Fake-Locke wird systematisch zum mephistophelischen Verführungskünstler aufgebaut. Er sucht, als schwarzer Rauch verkleidet, den Temple heim und rekrutiert sich weiter sein Team zusammen. Die Geschichte in der Nicht-Absturz-Welt (a.k.a. flash-sideways) ist dagegen wieder dröge wie nur was, es geht um Sayid und seine Verflossene.

1. – Insel-Plot

Jetzt aber! Sayid will Antworten von Dogen, der in seiner Privatkammer hockt und ein Buch liest (hoffentlich was Lustiges, es wird seine letzte Lektüre sein). Reichlich grundlos folgt eine Kampfszene, die beiden schmeißen sich gegenseitig durch den dunklen Raum. Irgendwann fällt der Baseball, mit dem Dogen in der vorvorletzten Folge schon gespielt hatte, auf den Boden, von der »Lost«-Kamera signalartig inszeniert. Alea iacta est, so scheint es, und der japanische Tempelmensch raunt seinem irakischen Sparringspartner verschwörerisch zu: »Go! Leave this place! Never come back!«

Inzwischen sind Claire und ihr Kumpel Fake-Locke am idyllischen Tempelteich angekommen. Claire informiert Dogen darüber, dass »er« ihn sehen wolle. Und auf einmal soll Sayid doch bleiben, verkündet durch den wieder mal typisch überinszenierten Satz von Dogen: »Things have changed.« Jedenfalls sei der Typ, der mit Claire jetzt hier hergekommen sei, »evil incarnate« und wolle jetzt, da Jacob krepiert ist, alles Leben auf der Insel vernichten.

Es geht weiter mit klischiertem Unsinn: Sayid soll nun einfach mal so diesen allegorischen Brausepöter mit einer Art Stilett umbringen gehen. Wichtige Info: Er soll sein Opfer nicht zum Sprechen lassen kommen, dann sei es schon zu spät. Sayid trifft dann kurz noch auf Kate, die beiden gehen aber in verschiedene Richtungen weiter, Kate zum Tempel, wo Claire wartet, das »Australian chick, (…) acting all weird, still hot, though« (Miles).

Sayid trifft dann auch wirklich gleich den gefakten Locke, der schafft es aber problemlos, »Hello, Sayid!« zu sagen, und zieht dann das Stilett einfach wieder aus seinem Leib: »Now why did you go and do that?!« Sayid lässt sich dann mehr oder weniger von Fake-Locke rekrutieren, Mephistopheles at work: »What if I told you that you could have anything you wanted?«

Sayid singt das Lied verlorener Liebe, aber selbst im Falle der dahingestorbenen Nadya ist das letzte Wort vielleicht noch nicht gesprochen, so jedenfalls der geschickte Verführer, und überhaupt ist ja die »Lost«-Insel mit ihren Auferstehungserscheinungen so was wie ein Friedhof der Kuscheltiere.

Doppelagent Sayid soll nun alle Tempelbewohner von ihrer Heimstatt weglocken, damit sie geschlossen die Insel verlassen können. Entscheidung bitte bis Sonnenuntergang, sonst werden sie alle jämmerlich verrecken. Die Nachricht wird überbracht, ordnungsgemäß bricht Panik aus.

Nun ist es erst mal an Dogen, Sayid eine anrührende Geschichte zu erzählen. Sein Sohn sei nach einem Unfall in Lebensgefahr gewesen, aber ein Unbekannter, Jacob nämlich, habe ihn retten wollen unter der Bedingung, dass Dogen zur Insel komme und seinen Sohn niemals wiedersehe. Aber Sayid ist natürlich kalt gegen so ein gefühliges Geschwurbel und ertränkt Dogen kurzerhand. Dessen windiger und an Nervigkeit schwer zu überbietender Übersetzer, der »Holzperlenketten­hippie«, eilt zur Hilfe und wird auch abgemurkst. (Vielen Dank, Sayid!)

Es ist dunkel geworden. Sundown. Wie zu erwarten besucht nun das vor Lust quiekende Rauchmonster den Temple und zieht einen nach dem anderen aus dem Verkehr. Gleichzeitig trifft aber auch die mehr oder weniger Jacob-treue Strandtruppe ein: Ilana, Chopper-Frank, Ben und Sun. Ilana, Spitzname ab jetzt: Lara Croft, öffnet durch das Berühren eines bestimmten Steins einen geheimen Gang, wohinein ihr die anderen nachfolgen und so dem Rauchmonster knapp entrinnen.

Sayid sehen wir das Schlachtfeld abwandern, Leichen überall, dazu fast weihnachtlich anmutende Musik. Kate, die sich zu Claire in die Grube geflüchtet hatte, wird nun von dieser mit nach draußen gezogen. Dort wartet Fake-Locke mit einem guten Dutzend von überlebenden Temple-Others, die auf seine Seite gewechselt sind. Diese Szene ist so unheimlich und endlich wieder mal exciting wie eine ähnliche Situation in Folge 2.11 (»The Hunting Party«), als um die Lostianer herum aus dem nächtlichen Nichts heraus plötzlich dutzende Others-Fackeln aufleuchten.

2. – L.A.-Plot (Sayid)

Sayid hat sich fein gemacht, Besuch bei Nadya, seiner Traumfrau. Aber dann springen da Kinder herum und reden den Ankömmling mit »Uncle Sayid« an, und dann kreuzt Nadyas Ehemann auf, der nun also nicht Sayid ist, sondern dessen Bruder Omar. Ein Businesstyp, der in finanziellen Nöten steckt, wie er Sayid schnell offenbart. Er habe sich Geld von einem Mann geborgt, das inzwischen auch zurückgezahlt wurde, aber jetzt wolle der Geldgeber jeden Monat frische Zinsen. Foltermeister Sayid soll nun »convince these people to leave me alone«.

Omar landet bald im Krankenhaus, Sayid kümmert sich um die Kinder, die den sympathischen Ex-Folterer abgöttisch zu lieben scheinen. Es gibt ein »Why?!«-Gespräch zwischen Nadya und Sayid, er habe sie damals verlassen weil (der Klassiker!): »Because I don’t deserve you!«

Später erscheinen Männer in einem schwarzen SUV und nehmen Sayid darin mit. In einer düsteren Großküche wartet Keamy auf sie, der ja eigentlich am Ende der 4. Staffel von Richard abgestochen wurde. Nun brät er in der Parallelwelt fröhlich wie Mutter Beimer ein paar Eier und bietet sie Sayid an, »I make good eggs!«

Wie bei Ethan vor zwei Folgen ist auch dies ein interessanter Charakterwechsel, der aber nicht lange für was gut ist. Denn erst macht Sayid die beiden Bodyguards klar, Keamy will daraufhin beschwichtigen, aber Sayid erschießt auch ihn, so eiskalt wie Keamy damals in Folge 4.09 Alex hingerichtet hat.

Und dann, uff!, entdeckt Sayid im Kühlraum eine Inselbekanntschaft, und zwar Jin, der auf Koreanisch vor sich hin flucht.

Sueton, Claudius, H. P. Lovecraft

Hamburg, 2. März 2010, 21:35 | von Dique

Suetonius: »The Lives of the Caesars«, gerade gelesen, und das rief mir wieder »I, Claudius« von Robert Graves ins Gedächtnis und ebenso zwei Bilder von Lawrence Alma-Tadema.

1. »A Roman Emperor« zeigt Claudius in den Schatten eines Vorhangs gelehnt:

Alma-Tadema, A Roman Emperor (source: Wikimedia Commons)

Der Arme trägt eine weiße Tunika und rote Pantoffeln und will sicher nicht, dass dieser Praetur ihm da jetzt huldigt. Neben ihm liegt die frische Leiche des Caligula, dahinter steht eine blutbeschmierte Stele, die in einer Augustusbüste endet. Alles gemalt in Breitbandformat, im Hintergrund prangt das untere Drittel eines Gemäldes der Schlacht bei Actium, auf dem Bildausschnitt oben leider nicht zu sehen.

2. »Proclaiming Claudius Emperor« zeigt den zukünftigen Kaiser auf Knien vor dem Praetur, der ihm an Ort und Stelle sein neues Amt aufdrängt:

Alma-Tadema, Proclaiming Claudius Emperor (source: Wikimedia Commons)

Claudius hält die Hände bettelnd gefaltet, bitte verschont mich von diesem Amt, so schaut es aus, und so heißt es bei Graves: »Put me down! I don’t want to be Emperor. I refuse to be Emperor. Long live the Republic!« (S. 395 in meiner Penguin-Ausgabe)

Aber der Praetur verbeugt sich, und die Legionäre bejubeln den neuen Kaiser, den einst verspotteten Claudius, von dessen mitleidigem Zustand Sueton ausführlich berichtet, von seinen schwachen Knien, seinem zitternden Kopf, seinem konfusen Stottern und davon, dass ihm bei Aufregung die Nase lief und er zu sabbern begann.

Die Mutter des Claudius, Antonia, sprach von ihrem Sohn als »eine Missgeburt von Menschen«, »die Natur hätte ihn nur skizziert, nicht vollendet«. Parallelen zu Lovecraft sind natürlich an den Haaren herbeigezogen, schließlich wurde HPL in seiner Jugend nicht gehänselt und war auch keine »Missgeburt«, jedenfalls nicht per se.

Allerdings bezeichnete seine Mutter ihn offiziell als hässlich, er sei so hässlich, dass er sich nicht gern auf die Straße wage, weil ihn die Leute anstarren. Dabei war Lovecraft zwar keine Schönheit, aber so hässlich nun auch wieder nicht, hehe. Angestarrt wurde er maximal, weil der arme Mensch in den frühen 1930er Jahren mit einem Mantel von 1909 und einem völlig durchgeriebenen Anzug herumlief.

Wie auch immer, das Beste am Claudius-Buch von Graves ist dieser herrliche Anfang, der ebenso von Derek Jacobi in der Eröffnung der gleichnamigen Serie aufgesagt wurde:

»I, Tiberius Claudius Drusus Nero Germanicus This-that-and-the-other (for I shall not trouble you yet with all my titles) who was once, and not so long ago either, known to my friends and relatives and associates as ›Claudius the Idiot‹, or ›That Claudius‹, or ›Claudius the Stammerer‹, or ›Clau-Clau-Claudius‹, …«

Das ist natürlich völlig blödsinnig, diese Passage hier einfach so als die beste des Buches auszurufen, aber vielleicht finde ich bei der Zweitlek­türe noch eine bessere Stelle.

(Bilder: Wikimedia Commons [1] [2])

Kulinarische Literaturkritik

Konstanz, 1. März 2010, 08:15 | von Marcuccio

Auch schon vor Jürgen Dollase gab es sensationelle Geschmacks­erlebnisse im Feuilleton. Darauf weist Michaela Köhler hin, in ihrer jetzt nicht neuen, aber immer noch einzigartigen Arbeit zur Sprache der Literaturkritik. Ihr Thema u. a.: die »Tradition der Synästhesien von Geschmacksempfindung und Literatur«, also die »Anwendung des Begriffs Geschmack nicht nur auf die Wahrnehmung von Essen und Trinken, sondern auch von ästhetischen Objekten«.

Hier mal für zwischendurch einige Gaumen-Hits des Literaturjahres 1988. Cocktails, Longdrinks, Feinschmeckersuppen. Festmähler, Braten und Pralinen:

  • »Der Roman-Cocktail, mit Krimi- und Gesellschaftssatire-Sätzen aufge­peppt, mundet nicht (…)« (Walter Klier über Karin Scholten, in: Die Zeit, 25. 3. 1988)
  • »Gegen dieses von Gerd-Peter Eigner vor drei Jahren ausgeschenkte hochprozentige Sprachelixier ist das Nachfolgeprodukt, ist ›Mitten entzwei‹ wohl eher ein Longdrink.« (Ulrich Horstmann über Gerd-Peter Eigner, in: Die Zeit, 19. 8. 1988)
  • »Mir schmeckt diese Suppe. In den Gebräuchen des ästhetischen Nihilis­mus ein braves Eintopfgericht. Ihr gleichwohl unleugbarer Mangel an literarischer Delikatesse (…).« (Karl Heinz Kramberg über Werner Kofler, in: SZ, 10. 2. 1988)
  • »Der ›Anhang‹: Ein Meisterstück. Ein Festmahl des Geistes mit immer­grünen ewigfrischen Zutaten. Biß für Biß ein Genuß.« (Andreas Kilb über Ulla Hahn, in: Die Zeit, 25. 3. 1988)
  • »›Barbarswila‹ ist ein epischer Brocken, wie er nicht alle Tage auf den Tisch kommt, ein deftiges, dampfendes Stück Literatur« (Jürgen Jacobs über Gerold Späth, in: FAZ, 10. 9. 1988)
  • »eine schweizerische Prosapraline erster Wahl« (Friedhelm Rathjen über Jürg Laederach, in: SZ, 15. 11. 1988)

(nach Michaela Köhler: Wertung in der Literaturkritik. Bewertungs­kriterien und sprachliche Ausdrucksmöglichkeiten des Bewertens in journalistischen Rezensionen zeitgenössischer Literatur. Würzburg. Diss. 1999, S. 125–129.)
 

Lost: 6. Staffel, 5. Folge

Paris, 28. Februar 2010, 12:20 | von Paco

Achtung! Spoiler!
Episode Title: »Lighthouse«
Episode Number: 6.05 (#107)
First Aired: February 23, 2010 (Tuesday)
4: 1-2-3-4-5-6-7-8-9-10-11-12-13/14
5: 1/2-3-4-5-6-7-8-9-10-11-12-13-14-15-16/17
6: 1/2-3-4-5-6-7-8-9-10-11-12-13-14-15-16-17/18

Fake-Locke hat erst am Ende dieser Folge einen Kurzauftritt. Ansonsten geht es diesmal in der Nicht-Absturz-Welt um Jack und seinen Überraschungssohn, und auf der Insel sehen wir Hurley und Jack zu einer neuen Location marschieren, dem Leuchtturm. Und Jin ist zu Besuch in Claires Camp:

1. – Insel-Plot

Hurley und Miles spielen Tic Tac Toe auf dem Inselboden und überbieten mit ihrer Gelangweiltheit locker die beiden Putten, die Raffael unter seine Sixtinische Madonna gesetzt hat. Dann will Hurley wissen, ob es im Temple eine Küche gebe, hehe. Und wird stattdessen wieder mal von Jacob mit einem Auftrag versehen, »someone is coming to the island, I need you to help him find it«.

Hurley hat sich ein paar Anweisungen auf den Unterarm geschrieben und wird beim Umherlaufen im Temple von Dogen gestellt. Während­dessen erscheint ihm wieder Jacob, der für Dogen unsichtbar ist, der wiederum auf die Information hin, dass Hurley ein candidate sei, abgeht.

Hurley soll Jack mit auf den bevorstehenden Trip zum Leuchtturm nehmen, die Überredung ist ein typischer Zeitspieldialog, erst will Jack nicht, dann sagt Hurley irgendwas, dann will Jack auf einmal nichts lieber als mitkommen, gääähn.

Auf dem Weg treffen die beiden Wandersleut’, natürlich, auf Kate, die ihrerseits auf der Suche nach Claire ist und das auch bleibt, und tschüss. Zwischenstopp bei den Caves, dem Refugium aus Staffel 1. Dort sieht Jack auch wieder den zerbrochenen Sarg seines Vaters, in dem dessen Leiche damals ja nicht mehr drin gewesen war.

Während des weiteren Dschungelspaziergangs reflektiert Hurley, was sie da eigentlich gerade machen, und das könnte auch als Tagline für die gesamten Serie dienen: »This is cool, dude. Very old school, (…) you and me trekking through the jungle, on our way to do something that we don’t quite understand. Good times.«

Sie gelangen schließlich zum Leuchtturm, wo Jack die dümmste Frage ever stellt: »How is it that we’ve never seen it before?« Hurley antwortet irgendwas darauf, aber liegt ganz falsch. Die Wahrheit ist natürlich, dass wir den Leuchtturm erst jetzt sehen, weil er erst jetzt von den Schreibern da hingeschrieben wurde, als Ausweg für die Gesamtstory, als Gimmick, was auch immer.

Sie drehen an dem Riesenkompass oben im Ausguck. Jedem Grad sind Namen zugeordnet, bei 23 Grad steht »Shephard« (vgl. das »Lost«-Sudoku in der Vorgängerfolge). Jack dreht den Kompass an diese Stelle, und in den Spiegeln, die eigentlich vielleicht zur Verstärkung der Leuchtfeuer dienen, ist jetzt Jacks Haus seiner Kindheit zu sehen. »He’s been watching us! The whole time! All of us! He’s been watching us!« Diese Leuchtturmspiegel sind also ungefähr das, was Borges als »Aleph« bezeichnet hat.

Aber Jack ist jetzt nicht nach Literaturgeschichte zumute. Er rastet aus und zerkloppt den Wunderspiegel, zersplittertes Glas auf dem Boden, das klassische schlechte Omen, hehe.

Nach dieser Wutorgie sitzt Hurley allein vor dem Leuchtturm und hat wieder eine Jacob-Erscheinung. Das sei jetzt nicht so schlimm, dass die Spiegel kaputt seien. Die mysteriösen Leute, die zur Insel kommen, »will find some other way«. Jacob habe die beiden auch nur vom Temple weglocken wollen, denn jemand arg Böses komme da gerade zu Besuch, und er meint damit sicher Fake-Locke, seinen großen rauchmonsterigen Multi-Shape-Gegner, der am Ende der Folge bei Claire und Jin reinschneit: »Am I interrupting?« Und Claire erläutert Jin: »This is not John, this is my friend.«

Übrigens Claire, sie hat Jin aus der Bärenfalle herausgeholfen. Sie ist da jetzt also seit drei Jahren im Dschungel unterwegs und sieht auch so aus und erinnert eben an die ebenso verwilderte und verstörte Rousseau. »Where are you hiding my son?«, fragt sie den einen überlebenden Others-Typen. Ihre Frage bleibt ohne Antwort, also will sie den Typen umhauen, aber Jin hält sie zurück, mit der Info, dass der kleine Aaron von Kate zu sich genommen wurde, als die Oceanic Six die Insel verlassen haben. Und dann drischt Claire trotzdem diesem Typen die Axt in den Leib.

Jin überschlägt kurz seine Überlebenschancen und entscheidet sich dafür, die Aussage, Aaron sei mit Kate von der Insel gegangen und von ihr aufgezogen worden, zurück. Nein, gar nicht, der Kleine sei bei den Others im Temple. Und dann schneit, wie gesagt, Fake-Locke herein, Claires »friend«.

2. – L.A.-Plot

Jack kommt nach Hause, zwischen zwei Familienfotos liegt unter einer Teetasse und Büchern ungelesen das »Wall Street Journal« und wird wohl auch auf ewig ungelesen bleiben, bei all dem, was Jack sonst noch zu tun hat. Er ist nämlich, soweit einer der Twists dieser Folge, Vater eines pianobegabten Jungen, David. Wer die Mutter ist, von der Jack getrennt lebt, erfahren wir jetzt noch nicht, und das lässt darauf schließen, dass das ein nächster Twist werden wird.

Die Vater-Sohn-Problemgeschichte ist an Klischees kaum zu überbieten: Ein Gespräch über »Alice in Wonderland« verläuft im Sand, der Junge leidet unter der ständigen Abwesenheit des Vaters, der Vater versucht das bei den raren Treffen zu überspielen, »I’m just trying to have a conversation with you, David« etc. etc.

Jack stattet außerdem seiner Mutter einen Besuch ab. Die Leiche von Christian Shephard ist gerade irgendwo in Berlin gelandet, egal, jedenfalls findet Jacks Mutter das Testament ihres Mannes. Darin wird eine Claire Littleton erwähnt, sie fragt Jack, ob er wisse, wer das sei.

Als Jack zurück in seine Wohnung kommt, ist sein Sohn nicht mehr da. Er spürt ihn schließlich abends beim Vorspiel am Konservatorium auf. Dort begegnet er noch jemandem: Schon von hinten, am seidig glänzenden Pferdeschwanz, erkennen wir den neuen Serienjapaner Dogen. Jetzt ist der Tempelboss eben auch am Konservatorium zugange und schwätzt ein bisschen doppeldeutig mit Jack herum.

Zum Abschluss des Nicht-Absturz-Plots gibt es noch einen sentimentalen Vater-Sohn-Dialog vor dem Konservatorium, in dem es um Versagensangst geht. Und dann ist alles wieder gut: »I’ve got some pizza back at the house. You hungry?«

Lost: 6. Staffel, 4. Folge

Paris, 27. Februar 2010, 10:23 | von Paco

Achtung! Spoiler!
Episode Title: »The Substitute«
Episode Number: 6.04 (#106)
First Aired: February 16, 2010 (Tuesday)
4: 1-2-3-4-5-6-7-8-9-10-11-12-13/14
5: 1/2-3-4-5-6-7-8-9-10-11-12-13-14-15-16/17
6: 1/2-3-4-5-6-7-8-9-10-11-12-13-14-15-16-17/18

Nachdem Fake-Locke, a.k.a. NotLocke, a.k.a. Jacobs Erzfeind, a.k.a. Der Antagonist, a.k.a. The Man in Black usw. in Folge 3 abgetaucht war, geht es in Folge 4 hauptsächlich um dieses allegorische Mischwesen. Achtung, es wird mal wieder leicht lächerlich:

1. – Insel-Plot

Unser Inselaufenthalt beginnt mit einer Kamerafahrt aus dem Point of View des Rauchmonsters. Eigentlich ja mal eine gute Idee. Nach ein bisschen Achterbahnfahren verwandelt sich das Rauchvieh aber schon wieder in Fake-Locke und hebt eine verrostete Machete vom Boden auf.

Damit befreit er nun Richard, den er in der Zwischenzeit in einem Netz oben im Wipfelbereich zwischengelagert hatte: »time to talk«. Die Gestalt John Lockes habe sich Fake-Locke gegeben, da sie ihm Zugang zu Jacob ermöglicht habe, da Locke ein what-so-ever candidat gewesen sei. Es folgt etwas faustischer Schmus, Fake-Locke zu Richard: »Come with me, and I promise, I’ll tell you everything!« Aber Richie Boy will nicht. Die Erscheinung eines blondschopfigen Jungen beunruhigt Fake-Locke, er macht sich von dannen.

Er sucht Sawyer im verlassenen Dharma-Dorf auf. Dieser wundert sich nicht über die Präsenz von Locke: »I don’t give a damn if you’re dead, or time-travelling, or the Ghost of Christmas Past.« Das dürfte auch vielen Zuschauern aus dem Herzen sprechen, hehe. Dann verspricht mit Fake-Locke mal wieder jemand das Blaue vom »Lost«-Himmel, die Antwort auf die »most important question in the world«: »Why are you on this island?!«

Ok, Sawyer folgt dem gefakten Locke, und wieder begegnen wir dem blonden Jungen, der zunächst von Fake-Locke gejagt wird, ihn dann aber zurechtweist: »You know the rules! You can’t kill him!« Und der Fake-Locke antwortet lustigerweise mit dem Mantra des realen, jetzt toten Locke: »Don’t tell me what I can’t do!«

Zwischendurch trifft Sawyer auf dem weitläufigen Inselgelände ganz zuuufällig noch auf Richard, der ihn zum Temple mitnehmen will. Aber er will nicht, und Richard tritt in dem Moment wieder ab, in dem Fake-Locke wieder auftritt. Ein ziemlich unmotiviertes Erscheinen und Verschwinden von Figuren, über so was hat sich ja schon Lessing in der »Hamburgischen Dramaturgie« kaputtgelacht, und zwar zu Recht, hehe.

Als Nächstes gibt es ein wenig Bildungsfernsehen: Sawyer erzählt Fake-Locke von Steinbecks »Of Mice And Men«, der Stelle am Schluss, als George dem armen Lennie ein Loch in den Hinterkopf schießt, um ihn vor der Lynchjustiz der heranrückenden Menge zu bewahren. Sawyer hält nun auch Fake-Locke at gunpoint, um Lennies Schicksal nicht zu teilen. Aber Fake-Locke spricht, zu Trähnen rührend, von seinem eigenen Problem: Er sei trapped, er sei auch mal ein Mensch gewesen, »like you«, und ist nun offenbar eine Art Geist in der Flasche. Sawyer lässt dann auch von ihm ab und folgt ihm zu einer Felsklippe.

Die beiden klettern eine Leiter hinab, direkt Richtung Hades, scheint’s. Es folgt natürlich noch ein bisschen alpine Dramatik, Sawyer rutscht von der Leiter ab, Kampf am Berg, Mann gegen Leiter, und Fake-Locke rettet ihn. Sie gelangen unten in eine kleine Höhle. Dort steht eine Waage mit ein paar Steinen als Gewichten. Fake-Locke nimmt einen weißen Stein vom einen Ende der Waage und wirft ihn ins Meer, ein »inside joke«, haha.

Dann wird es wieder halbwegs interessant: An der Höhlendecke stehen die Namen der Oceanic-Abstürzler, einige davon sind durchgestrichen, jedenfalls: »that’s why you’re all here«. Jacob habe die Namen da hingeschrieben. Die Namen sind mit Zahlen kombiniert, einige Lostianer haben die bekannten »Lost«-Zahlen bei sich stehen, wohl ein Fingerzeig auf die nahende Auflösung. Dieses wohlfeile »Lost«-Sudoku lädt aber erst mal noch zum Gähnen ein: 4–LOCKE, 8–REYES, 15–FORD, 16–JARRAH, 23–SHEPHARD, 42–KWON.

Es gehe jedenfalls im großen Ganzen um den Schutz der Insel. Es folgen weise Worte von Fake-Locke, die weisesten seit dutzenden Folgen: Die Insel müsse eigentlich vor niemandem geschützt werden, das sei eben der Witz. Und dass sie deshalb lieber allesamt nach Hause gehen sollten. Sawyer: »Hell, yes!«

Meanwhile, am Strand. Ilana will Erklärungen von Ben, der ihr sagt, Locke habe sich in das Monster verwandelt und habe Jacob und Ilanas Kumpel gekillt. Ilana ruft zum Aufbruch, sie kriegt auch Sun dazu, mit der Aussicht auf ein Wiedersehen mit Jin, später, im Temple. Aber unser wallonischer Freund Tao von Critik en séries hat sicher Recht, wenn er vermutet: « Mais s’ils doivent se retrouver, j’ai l’impression que ce ne sera pas avant les ou le dernier épisode de la série. »

Vorher findet aber noch das Begräbnis des realen Locke statt. Das hätte der auch nicht gedacht, dass sein letztes Geleit mal aus Sun, Ilana, Chopper-Frank und Ben Linus bestehen würde. Ben hält die Grabrede auf den »man of faith«, darin der schöne Halbsatz: »and I’m very sorry I murdered him«.

2. – L.A.-Plot (Nicht-Absturz-Welt)

Locke zu Hause bei seiner Frau Helen, die beiden stecken in Hochzeitsvorbereitungen. Helen findet die Visitenkarte von Jack, Locke findet seine Begegnung mit ihm eher wenig anschlussfähig, aber Helen sagt: »Maybe it’s destiny.«

Da Locke nicht auf der Konferenz in Sydney war, wird er nun gefeuert. Kurz darauf begegnet er Hurley, der glücklicherweise der zuständige Firmenchef ist und Mitleid mit ihm hat. Er verweist ihn an eine ihm gehörende Arbeitsvermittlung. Dort trifft Real-Locke nach einigen Umwegen bei der Jobberatung (»What kind of animal would you describe yourself as?«) auf Rose. Als Ergebnis landet er als Aushilfslehrer an einer Schule.

Im Lehrerzimmer begegnet er dann, *huch*, einem pseudobebrillten Ben Linus, Lehrer für Europäische Geschichte, der den Aushilfslehrer Locke herzlich willkommen heißt. Da fragen wir uns doch endlich mal folgsam, was sich auch Tao fragt: « Je me demande toujours quel est le but de ce monde parallèle. »

(Morgen folgt hier der kulturhistorische Recap zu Folge 5, dann sind wir wieder auf der Höhe und bleiben dann aktuell, soweit zumindest DER PLAN. Dienstagabend »Lost«, Mittwochmorgen Umbl-Recap.)