Abenteuer mit Koni

Moskau, 10. Juli 2017, 21:59 | von Josik

Wir hatten uns an der Metrostation Baumanskaja mit Baumanski verabredet, dessen Nom de guerre ja von eben jenem revolutionären Bauman inspiriert ist, nach dem hier im Moskauer Osten viele Dinge benannt sind, etwa auch der Bauman-Garten, und in den gingen wir dann. Baumanski war ziemlich überrascht, dort einen Basler Springbrunnen vorzufinden, den die Stadt Basel den Moskauern geschenkt hatte. Dann aber, wie immer wenn man sich mit Baumanski trifft, kam die Rede irgendwie wieder ziemlich schnell auf Koni und auf die Frage, ob man ein literaturwissenschaftliches Instrumentarium entwickeln könnte, das die literarische Qualität von Schriftstellern direkt proportional zu ihrer persönlichen Hundeliebe misst. Der Gedankengang ist so:

Putins (1999 geborene und 2014 verstorbene) Hündin hieß Koni. Im Februar 2004 schenkte Putin dann dem damaligen österreichischen Bundespräsidenten Thomas Klestil und seiner Gattin Margot Klestil-Löffler zwei von Konis Kindern, nämlich Olga und Orchidea. Völkerverständigung at her best! Margot Klestil-Löfflers Landsfrau Elfriede Jelinek veröffentlichte auf ihrer Homepage zwei schöne Texte über ihre (am 17. Juni 2006 verstorbene) Hündin Floppy. Karl Kraus schreibt in der Fackel Nr. 376 auf Seite 25: »Woodie, ein kleiner Hund mit langen Haaren, den ich persönlich gekannt habe, er lachte, wenn die Menschen zu ihm sprachen, und weinte, weil er mit ihnen nicht sprechen konnte, und sein Blick war für sich und sie der Dank der Kreatur: ist von einem Automobil getötet worden.« In der Fackel Nr. 454 auf Seite 63 veröffentlicht Karl Kraus das berühmte Gedicht: »Als Bobby starb (22. Februar 1917)«, das mit den Worten beginnt: »Der große Hund ist tot.« In Kraus’ letztem Lebensjahr war sein Lieblingshund Rover, ein schwarzer Neufundländer, den er Sidonie Nádherný geschenkt hat (Rover, Sandy, Flock und Pyri waren ein »Hundeviergespann«). 1991 erschien bei de Gruyter eine Studie mit dem Untertitel »Zur Bedeutung der Neufundländer in Fontanes Romanen«. Auch die Hundeliebe Schopenhauers, des bedeutendsten philosophischen Literaten aller Zeiten, ist sprichwörtlich. Friedrich Theodor Vischer hat den Hunden in seiner 600-seitigen Novelle »Auch Einer« ein Denkmal gesetzt. Salomon Maimon brachte seine Lieblingshündin Belline in die Berliner Salons mit und wollte ihr seine Bibliothek vermachen. Praktisch alle der erwähnten Personen sind superste Schriftsteller, und sie alle zeichnen sich durch ihre Hundeliebe aus – aber wie bringt man das theoretisch zusammen?

Darüber diskutierten wir endlos, und über dieser Diskussion waren wir mittlerweile aus dem Bauman-Garten heraus- und vor dem Club-Café Koni in der Novaya Basmannaya angekommen, das nur einen Knochenwurf entfernt liegt. Das Club-Café Koni war allerdings nicht nach Putins verstorbener Labradorhündin benannt, sondern nach dem Juristen Anatolij Fjodorowitsch Koni, der selber ein großer Hundefreund war, wie man gut an dem Foto sehen kann, das in Sergej Vysockijs Koni-Biografie aus dem Jahr 1988 zwischen den Seiten 64 und 65 abgebildet ist und auf dem Koni sich zusammen mit dem Hund Mirsa hat ablichten lassen. Leider hatte das Club-Café Koni geschlossen.

Man konnte aber durch die Fensterscheiben des Club-Cafés Koni kucken und erkennen, dass es innen sehr gut aussah, auf einem der Tische stand sogar eine noch nicht vollständig ausgelöffelte Tasse Tee. Wir aßen schnell woanders zu Mittag, und zwar auf der Terrasse eines nahen ukrainischen Restaurants. Und fuhren dann schließlich mit einem Yandex-Taxi zum weltweit einzigen Koni-Denkmal, vor der soziologischen Fakultät der Lomonossow-Universität.

Wir ließen das Taxi etwas zu früh halten, um der grässlichen russischen Popmusik zu entfliehen, die im Taxi lief und die gefährliche Ohrwurmqualitäten hatte. In einem Fußgängertunnel kauften wir ein paar frische Erdbeeren und aßen sie alle auf, während wir in die Richtung gingen, wo wir das Koni-Denkmal vermuteten, bis wir plötzlich da waren. Koni wurde in seinem Denkmal allerdings ohne Hund gebildhauert (dafür aber mit einem Gesetzbuch).

So verging dieser herrliche Tag, mein letzter vor der Rückreise nach München. Am nächsten Vormittag gab’s noch Frühstück bei Paco zuhause, und weil Paco zum Frühstück immer leise Ö1 hört, hörte auch ich leise Ö1 mit. Unmittelbar nachdem Paco das Internetradio angeknipst hatte, hörten wir als erstes einen merkwürdigen Satz, der ungefähr wie folgt lautete: »Ich finde Bürgerkrieg gut.« Ich nahm mir vor, zuhause noch mal nachzuhören, worum es hier eigentlich ging, habe das dann aber natürlich nicht getan.

Paco bestellte mir ein Yandex-Taxi, das mich zum Edward-Snowden-Flughafen Scheremetjewo bringen sollte. Fünf Minuten später stand das Taxi vor der Tür. Der Taxifahrer war anfangs leicht überfordert und meinte, er sei bisher noch nie nach Scheremetjewo gefahren, dafür brauche man eigentlich erfahrene Chauffeure, aber er habe die Anfrage ja nicht ablehnen können. Ich sagte in bestem Merkel-Russisch: »Успеем« (»Wir schaffen das«), da war er irgendwie beruhigt. Er fragte mich, ob ich Radiomusik wünsche, ich sagte: »Как хотите« (»Wie Sie mögen«). Er sagte, er möge lieber Ruhe, also lauschten wir weder schlimmem russischem Ohrwurmpop noch Ö1, womit ich als Bürgerkriegsgegner sehr einverstanden war, ich finde Bürgerkrieg nämlich wirklich nicht gut.
 

Zwei Wochen Sheffield

Moskau, 2. Juli 2017, 07:34 | von Paco

In der ersten Maihälfte: war ich an die Universität Sheffield eingeladen, und das hat doch einiges gebracht. Vor dem Abflug in Tegel hatte ich mir noch das neueste Lustige Taschenbuch gekauft (Nr. 493), aber das war rapid weggelesen. Nichts anderes Gedrucktes hatte ich dabei und las dann zwei Wochen lang zum Frühstück die »Yorkshire Post«, die frisch ins Hotel geliefert wurde, inklusive der täglichen News aus der Rugby League.

An der Uni haben wir dann von frühmorgens bis spätabends rumgehackt und vor allem an der vossianischen Antonomasie weitergeforscht. Unter anderem fanden wir in unseren Gigatonnen an Zeitungskorpora endlich noch mehr Beispiele für die absurdistische Variante der Vossanto. Das ist, wenn zum Beispiel Joachim Lottmann über sich sagt: »Ich bin der deutsche Rainald Goetz«, und aber beide, Lottmann und Goetz, deutsche Autoren sind, haha.

Mir fiel zum ersten Mal auf, dass unter Maßgabe der Richtigkeit dieser Aussage auch der Umkehrschluss wahr ist, dass nämlich Rainald Goetz der deutsche Joachim Lottmann ist, und das fand ich und fanden auch andere eine irgendwie interessante Erkenntnis. Aber gut, anderes Beispiel: »Ich bin in Norwegen, dem Schweden Skandinaviens«, so Gabriel Vetter in einem Interview mit der TagesWoche. Demnächst mehr dazu in irgendwelchen Conference Proceedings.

Was sonst noch geschah: Eines Morgens ging ich in eine Boots-Apotheke, und ich war der erste Kunde des Tages, und die beiden Verkäufer*innen sahen das als gutes Omen und beglückwünschten mich mehrfach. Als ich wieder aus dem Laden heraustrat, stakte ein englischer Teenager an mir vorbei, der das Trikot des Deutschen Fußball-Bunds trug. Und über mir am Himmel schwebte eine Wolke wie ein Klavier, also wie bei Tschechow, »плыло облако, похожее на рояль«. Am selben Tag wurde mir in einer Bar Falschgeld ausgehändigt, was ich dann bei einer anderen Gelegenheit merkte, und es stellte sich wenig später aber heraus, es war kein Falschgeld, sondern einfach nur eine sehr, sehr alte 10-Pfund-Note mit einem gefaket aussehenden Darwin drauf, und im Gespräch darüber gewann ich viele neue Freunde.

Abends nach der Arbeit saßen wir wie immer mit Robert und James im »Red Deer«, und es gab vegetarisches Haggis und Ginger Beer. Am Nebentisch (denn am Nebentisch ist es ja immer spannend), am Nebentisch saßen zwei Frauen und unterhielten sich über das Glyndebourne Festival. Sie wollten beide im Juni da hin, um die Premiere der neuen »Hamlet«-Oper zu sehen, und das kostete wohl um die 95 Pfund. Sie waren beide wohlhabend genug, glaube ich, aber fanden einfach diesen Preis unverschämt und lachten dabei und hatten die Idee, sich aus ideologischen Gründen ein Ticket zu teilen und dann immer abwechselnd die Oper zu schauen. Als wir das Lokal verließen, ging es gerade darum, wer von beiden den »to be or not to be«-Akt kriegen würde, beide wollten ihn unbedingt, und vielleicht gibt es nun doch zwei Tickets.
 

Elbjazz

Hamburg, 8. Juni 2017, 12:38 | von Montúfar

Das Elbjazz-Festival fand diesmal wieder auf dem coolsten Festivalgelände ever statt, der Blohm+Voss-Werft in Hamburg. Jazzfans sind ja dafür bekannt, einen unvermittelt nach den abseitigsten Insiderfakten abzufragen und einen gnadenlos zu ächten, falls man nicht wie aus der Pistole geschossen die Antwort weiß, wer denn gleich noch mal auf Jan Garbareks 1974er-Album »Luminessence« das Klavier für Keith Jarrett gestimmt hat. Deswegen hatte ich sicherheitshalber gleich keine Karten für das Garbarek-Konzert in der Elphi bekommen und mich auf dem Weg nach Hamburg mithilfe der aktuellen Jazz-Thing informiert.

Tatsächlich: Gleich am ersten Abend, auf dem Weg von der Bühne Am Helgen zur Alten Maschinenbauhalle, trat meiner Begleiterin und mir ein junger Mann in den Weg und verlangte, eine kurze Frage stellen zu dürfen. Es war soweit. Ich konnte mich plötzlich an keine Namen, Daten, Fakten aus meiner Jazz-Thing erinnern, hatte aber bereits abwehrend-verunsichert genickt. »Sagt mal, kennt ihr Heinz Sielmann?« Fuck. Aufgrund meiner intensiven Jazz-Vorbereitung hatte ich die SZ von diesem Tag nur durchgeblättert. »Ja ja, der Tierfilmer, der hat doch heute Geburtstag, is 80 geworden oder so. Oder sogar 90.« »100 wäre er geworden!«, schmetterte mir der junge Mann freudig entgegen und drehte sich ebenso freudig zu seiner Begleiterin um: »Hab ich doch gesagt, dass der berühmt ist.« Der jungen Frau war der Auftritt ihres Begleiters fast so peinlich wie mir meine falsche Antwort. Meine Begleiterin und ich retteten uns zu einem veganen Imbissstand, der den total witzigen Namen »Vincent Vegan« trug und bei dem man zur besseren Zuordnung der Bestellung, auf die man ein wenig warten musste, weil ja alles frisch zubereitet wurde, einen Tiernamen nennen sollte. Wir warteten also, bis »Eichhörnchen« ausgerufen wurde und fanden es beide wirklich lecker.

Nach dem ersten Festivaltag saßen wir noch mit Freunden vor dem »Tool«, Hamburgs coolstem Fahrradladen. Dort zeigte mir unsere Gastgeberin eine geniale Funktion ihres Smartphones. Sie brauchte beim Verfassen von SMS gar keine Buchstaben eingeben, sondern konnte sich in einem gesonderten Feld sechs Wortvorschläge anzeigen lassen. Sie wählte mehrfach hintereinander immer wieder den ersten Vorschlag und auf dem Display erschien: »Hi Thomas Mann mit den ganzen Text …«. Danach verlor sich die Vorschlag-Random-SMS in Relativkonstruktionen, die ich mir nicht gemerkt habe.

Als wir am zweiten Festivaltag das Werftgelände verließen, um zu einer anderen Bühne im Thalia-Zelt in der Hafencity zu gehen, stieß mich meine Begleiterin in die Seite: »Ey, da is grad Heinz Strunk vorbeigelaufen!« Ich hatte nicht auf die mir entgegenkommenden Besucher geachtet, weil ich von der Größe des Wurstgrills beeindruckt war, der neben dem Ausgang vor den Toren einer Feuerwehrstation stand. Also konnte ich mich nur noch schnell rumdrehen und einen Mann sehen, der von hinten so aussah, wie ich mir Heinz Strunk von hinten vorstelle.

Da das Festival schon am Samstag Abend vorbei war und es uns im Thalia-Zelt so gut gefallen hatte und wir am Sonntag erst am Abend wieder abreisten und es eine Sonntag-Nachmittag-Vorstellung im Thalia gab, gingen wir hin. Es war ein Stück von einer australischen Schauspielgruppe und begann damit, dass eine Figur mit Tieren bedruckte Pappen so hochgehalten hat, dass die andere Figur das Bild nicht sehen konnte, dennoch aber immer das richtige Tier nannte. Da das Stück auf Australisch war, wurden Text und Übersetzung an den Rückraum der Bühne projiziert. Die Ratefigur hätte also schummeln können und nach hinten kucken, hat das aber wirklich nicht ein einziges Mal gemacht. Es stellte sich dann heraus, dass die Ratefigur Gott war, die den Tieren der Welt gerade ihre Namen gab. Die Rolle der anderen Figur hat sich mir nicht erschlossen. Als dann tatsächlich ›squirrel‹ genannt wurde, bekam ich Hunger, zumal das Stück »Lady Eats Apple« hieß, was aber nur metaphorisch gemeint war. Deshalb gingen wir anschließend ins Café Koppel, wo es Milchreis mit Zucker und Zimt gibt. Zum Nachtisch fanden wir in einem Kiosk noch spanische Süßigkeiten mit dem Namen »Camel Balls«, der auf der Verpackung auch eindrücklich visualisiert wird. Die aßen wir dann am Ufer der Außenalster, während wir die vielen kleinen Segelboote betrachteten und unsere Gastgeberin erzählte, wie sie früher immer von hier zum gegenüberliegenden Außenalsterufer und wieder zurück geschwommen sei.
 

Book-Release-Party »Abenteuer im Kaffeehaus«, Setlist und Fotoreportage

Moskau, 21. April 2017, 09:47 | von Paco

Der Band ist am 24. März raus, die Book-Release-Lesung war am selben Tag, Leipziger Buchmesse:

Leipziger Lesung 'Abenteuer im Kaffeehaus', 24. März 2017

San Andi hat dazu eine kleine Fotoreportage gedreht, die man sich hier anschauen kann.

Die Setlist war wie folgt (die Seitenzahlen beziehen sich natürlich, sofern nicht anders angegeben, auf das Buch):

  • Dique: Die FAS und die Tauben, S. 46–48 (3:30 min.)
  • Dique: Im Apsley House, S. 141/142 (2:30 min.)
  • Paco: Christa Wolf und Leo Perutz, S. 152–154 (3 min.)
  • Paco (als Perutz-Zugabe): Mario Perutz, S. 178 (0:30 min.)
  • Dique: Turandot und die Sitznachbarin des Grauens, S. 155–157 (3 min.)
  • Paco: Die »Süddeutsche« vom 13./14. Februar 2010, S. 179–181 (4 min.)
  • Dique: Die Sportteil-Aussortierung, S. 193–195 (5 min.)
  • Paco: Nougattorte, Wirtschaftsteil, Runge, S. 203–205 (4 min.)
  • Dique: Der tausendste Buchladen, S. 215–218 (5 min.)
  • Paco: Einsteins Briefe, S. 151 (1 min.)
  • Dique: »Grete Minde«, S. 214 (2 min.)
  • Paco: MRR in der FAS, S. 227 (1 min.)
  • Dique: Café Fraunhuber, S. 228 (1 min.)
  • Dique: Room 59, der Saal des Gurkenmalers, S. 225/226 (2:30 min.)
  • Paco: Auszug aus der Master-Thesis von Maja Hoock (PDF), S. 59–62 (3 min.)
  • Briefwechsel mit Woodard mit verteilten Rollen, S. 278–281 (2:30 min.)
  • Dique: »Spiegel« lesen in Detroit, S. 273–276 (7 min.)

»Abenteuer im Kaffeehaus« ist gleichzeitig auch Band 1 unserer bei Ille & Riemer erscheinenden Reihe »Schriften des Umblätterers«, und nun machen wir uns mal an Band 2, bis später.
 

Am 24. März 2017 erscheint:
»Abenteuer im Kaffeehaus«

Leipzig, 19. März 2017, 18:45 | von Paco

In ein paar Tagen erscheint als erster Band der Reihe »Schriften des Umblätterers« beim Leipziger Verlag Ille & Riemer:

Abenteuer im Kaffeehaus (Cover)

 
André Seelmann (Dique)

Abenteuer im Kaffeehaus

Feuilletons aus dem Umblätterer
2007–2015

Mit einem Vorwort von Frank Fischer

Hrsg. von Frank Fischer, Andreas Vogel und Joseph Wälzholz

Im Anhang enthalten ist ein Briefwechsel mit David Woodard

Leipzig · Ille & Riemer · 2017
281 Seiten · 15,– €
ISBN 978-3-95420-018-4

Bestellen: Verlag | lehmanns.de | Amazon

 
Klappentext

Die wichtigsten Dinge der letzten zehn Jahre: »Spiegel« lesen und »Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung«. In Museen gehen, amerikanische TV-Serien schauen, das Gesamtwerk von Leo Perutz überdenken. Zwischendurch immer wieder ins Kaffeehaus, um ein bisschen was davon zu besprechen. Und damit alles schön ungenau bleibt, lieber rasch einen pindarischen Sprung zum nächsten Thema.

André Seelmann, geb. 1971 in Leipzig, war zwischen 2007 und 2015 Korrespondent des Kultur- und Freizeitjournals »Der Umblätterer« und berichtete aus London, Hamburg, Barcelona und São Paulo. Der vorliegende Band »Abenteuer im Kaffeehaus«, der seine Texte aus dieser Zeit versammelt, eröffnet die Reihe »Schriften des Umblätterers«.

 
Niemand erzählt so vom Feuilleton dieser Jahre wie der »Umblätterer«.
— Florian Kessler

 
Inhalt

Vorwort: Die Ungenauigkeit von Kaffeehausgesprächen … S. 7–11
Abenteuer im Kaffeehaus … S. 13–276
Anhang: Briefwechsel mit David Woodard … S. 278–281

 
Leseprobe und Cover

 
Book-Release-Lesung am 24. März 2017

Falls jemand zur Buchmesse oder einfach so in Leipzig ist und sich die Book-Release-Lesung anschauen möchte: Die findet am Freitag, 24. März, um 20:00 im schönen Kulturcafé Rumpelkammer statt (Dresdner Straße 25, 04103 Leipzig). Weitere Informationen bei Facebook und »Leipzig liest«.
 

»Lehman Brothers«

München, 12. Februar 2017, 23:05 | von Josik

Nach Regensburg! Nach Regensburg! Die gesamte Regensburger Politprominenz befindet sich gerade in Untersuchungshaft, was Jonesy und ich zum Anlass nahmen, mal nach Regensburg zu fahren, und außerdem hatten wir ja auch Karten für die Premiere von Stefano Massinis Stück »Lehman Brothers« am vorvergangenen Samstag im Regensburger Velodrom.

Mithilfe des sogenannten Servus-Tickets zuckelten wir also nach Regensburg, wobei ich mir als Zug- und Zuckellektüre »Das Rote Rad« von Alexander Solschenizyn, genauer gesagt, den ersten Teil von »März siebzehn« eingepackt hatte. Die ersten paar tausend Seiten des »Roten Rads« hatten mich ja ein bisschen gelangweilt, aber mittlerweile war ich eben bei den Mittagsstunden des 12. März 1917 angelangt und es wurde bereits wahnsinnig viel geballert, und ich wusste ja, dass heute abend, am 12. März 1917, also schon in wenigen hundert Seiten, ganz Petrograd in den Händen der Aufständischen sein würde, die Zeit verging jetzt also wie im, hehe, Zug.

Eine Spannung ganz eigener Art, denn natürlich ist es ja immer noch ein historischer Roman, und die Spannung war, versteht sich, nicht der Art, dass ich fieberte, ob der Zar am Ende es vielleicht doch noch irgendwie schaffen wird, vielmehr schildert Solschenizyn an diesem 12. März einfach sehr viel Geballer, und es war irgendwie geil, von diesem Geballer zu lesen, es war nun wie ein Ballerfilm, nur eben in Form von Literatur.

In Regensburg angekommen, war ich dann ungefähr eine Sekunde lang erstaunt, dass die Stadt so friedlich dalag, bis mir klar wurde, dass hier ja grade keine Revolution im Gange war, sondern das genaue Gegenteil von Revolution, nämlich real life. Auf dem Weg zu unseren Regensburger Stadtführern kamen wir dann auch gleich am Schloss vorbei, Fürstin Glorias mutmaßlichem Erstwohnsitz, und es war doch ein ziemlicher Schock zu erfahren, dass man als gemeiner Pöbel das Schloss gar nicht von vorne sehen kann.

Nun waren es immer noch ein paar Stunden, bis das Theaterstück losging, also starteten unsere Stadtführer ihre kleine Stadtführung, und als erste Sehenswürdigkeit wurde uns überraschenderweise das Haus gezeigt, in dem Bischof Tebartz-van Elst wohnt. Ich meinte mich dunkel erinnern zu können, irgendwo gelesen zu haben, dass Tebartz-van Elst in den Vatikan abgeschoben wurde und dort nun den Posten eines Aushilfsvorbeters oder sowas bekleidet, aber dass Tebartz-van Elst nunmehro auch in Regensburg residiert, war bisher irgendwie an mir vorbeigerauscht.

Punkt 2 der Stadtführung stand eigentlich nicht auf der Liste, aber als wir an einem sehr stylishen Waschsalon Obermünsterstraße Ecke Soundsostraße vorbeiliefen, hörten und sahen wir, dass innen im Waschsalon, mitten im Raum, eine Cellistin ein Stück probte! Wir überschlugen uns vor Begeisterung und wiesen auf diesen Anblick auch einige Umstehende hin, die wir für Eingeborene hielten und die wir fragten, ob es in Regensburg denn ganz normal ist, dass an einem frühen Samstagabend mitten in einem sehr stylishen Waschsalon eine Cellistin ein Stück probt. Die Antwort war: Nein.

Unsere Stadtführer schlugen nun vor, dass wir das Abendessen in einem kurdischen Lokal namens »Schwedenkugel« einnehmen sollten, leider war dieses Restaurant aber zu weit weg und deswegen war nicht mehr genug Zeit, dorthin zu laufen, denn das Theaterstück ging ja bald los, aber essen wollten wir vorher unbedingt noch was, und so gingen wir eben in die Spaghetteria, vor der wir zufällig gerade standen, und bestellten das sogenannte Nudelabenteuer. Auf der Speisetafel stand auch folgender toller Satz: »Akademisches Nudelabenteuer – nur montags außer feiertags«.

Im Lokal befanden sich jedenfalls außergewöhnlich viele Hunde, darunter auch ein Shiba Inu, während wir doch eigentlich nur in Ruhe ein paar Spaghetti verspeisen wollten. Danach sprinteten wir zum Velodrom, nun ging endlich das Stück los! Aber ach, eine Frau in Reihe 17 bekam einen entsetzlichen Schluckauf. Aus den Augenwinkeln nahm ich wahr, wie die Leute sich zu der Frau in Reihe 17 umdrehten, und man konnte sich wohl ausrechnen, dass sie ihr böse Blicke zuwarfen, aber diese Böseblickezuwerferei war natürlich völlig sinnlos, denn es war ja klar, dass die arme Frau in Reihe 17 gar nichts für ihren Schluckauf konnte, und wenn sie rausgegangen wäre, hätte sie ja noch viel mehr Unruhe in den Reihen verursacht, also konnte sie im Prinzip ja nur sitzenbleiben und warten, bis ihr Schluckauf vorbeiging, was nun zwar auch keine besonders tolle Alternative war, aber in Anbetracht aller anderen Möglichkeiten doch eigentlich immer noch die beste.

So richtig konzentrieren auf das Bühnengeschehen konnte man sich während dieses nicht enden wollenden Schluckaufs aber auch nicht, ich versuchte es trotzdem, ich versuchte mir irgendwie einzureden, dass dieser Schluckauf einfach Teil der supersten Bühnenmusik des supersten Thies Mynther sei, ich stellte mir vor, dass Thies Mynther hier krasse Schluckaufsounds designt hatte, aber so ganz gelang mir die Illusion nicht, denn die Bühnenmusik kam ja nun mal von vorne und von der Seite, der Schluckauf aber kam eindeutig von hinten. Kurz nachdem der Schluckauf der Frau in Reihe 17 zu Ende war, war plötzlich auch das Stück zu Ende, jetzt wäre es natürlich egal gewesen, jetzt hätte die Frau in Reihe 17 ruhig weiter ihren Schluckauf vor sich hin hicksen können, denn in dem tobenden Applaus, der nun einsetzte und noch lange nicht abebbte, hätte man diesen Schluckauf ja ohnehin nicht mehr gehört.

Als der Applaus dann doch irgendwann abebbte, gingen wir noch auf die Premierenparty im ersten Stock, und da sahen wir, wie sich am Buffet grade Ulrich Matthes, der Ulrich Matthes, zu schaffen machte. Also konnten die Regensburger doch einen Prominenten auftreiben, der nicht in Untersuchungshaft war. Ich ging dann zum Regisseur, von dem ich wusste, dass er juristisch beschlagen ist, und gab ihm als Premierengeschenk Professor Wolfgang Schilds kleine Broschüre »Verwirrende Rechtsbelehrung. Zu Ferdinand von Schirachs ›Terror‹«, die ich extra mitgenommen hatte und die Professor Heribert Prantl vor einiger Zeit in der S-Zeitung so überschwenglich gelobt hatte und auf die auch der aus dem vorletzten »Spiegel« bekannte Professor Thomas Fischer schon einmal öffentlich Bezug genommen hat.

Am nächsten Morgen beim Frühstück im Café Lila sahen wir sogar wieder Leute, die wir auch im Theater gesehen hatten. Am Tresen im Café Lila lungerten zwei junge Männer Anfang zwanzig herum und soffen schon um halb zehn Uhr morgens ihr Bier, und während Junger Mann 1 auf Toilette war, kippte Junger Mann 2 in das Bierglas von Junger Mann 1 etwas Salz. Als Junger Mann 1 aber wieder zurückkam und sein Bier weitertrank, merkte er nicht mal, dass es gesalzen war. Der Streich ging nach hinten los, alles blieb völlig friedlich, und deswegen hatte ich dann bei der Rückfahrt auch keine rechte Lust, Solschenizyns Revolutionsepos weiterzulesen, sondern vertiefte mich in die Lektüre der aktuellen Ausgabe (No. 169 – Februar 2017) des irgendwo rumgelegen habenden und von uns mitgenommenen Regensburger Stadtmagazins »filter«. Klar, wenn das Wiener Stadtmagazin »falter« heißt, wieso sollte sich dann das Regensburger Stadtmagazin nicht »filter« nennen. Auf Seite 46 war den Redakteuren aber irgendwie was verrutscht, denn dort stand und steht folgendes, ich zitiere in voller Länge:

»04.02.
›Lehman Brothers – Aufstieg und Fall einer Dynastie‹.
Die ultimative Stammgast-Party. Von 21 bis 23 Uhr heißt es ›friends only‹ – alle offenen Getränke gibt es for free. Wie das klappt? Sichere dir jetzt deinen Platz auf der Gästeliste. Frag einfach bei dem/der BEATS-Baarkeper/in deines Vertrauens nach.
Wann: 19.30 Uhr.
Wo: Velodrom.«

Kammerspiele

München, 6. Januar 2017, 16:05 | von Josik

Es war eine sternenklare Nacht. Im Zentrum von München sah man davon natürlich rein gar nichts, aus Feinstaubgründen, aus Nebelgründen und wegen dem ganzen anderen Schmodder. Ich hatte mich mit Don Ron um viertel vor sieben am Eingang der Kammerspiele verabredet. Beide hatten wir einen langen Arbeitstag hinter uns, deswegen konnten wir vorher kein Bier mehr trinken gehen, sondern kamen direkt von der Arbeit. Nun aber wollten wir endlich das tun, worauf wir uns schon seit Monaten gefreut hatten: »Wut« von Elfriede Jelinek sehen, in der Inszenierung von Nicolas Stemann.

Im Foyer der Kammerspiele dann: eine Schulklasse! Welcher Deutschlehrer bitteschön schleift denn eine Schulklasse in eine Jelinek-Inszenierung hinein? Noch dazu eine Inszenierung, die vier oder fünf Stunden dauert? Nun, vielleicht verehrte dieser Lehrer Jelinek ja genauso wie ich, vielleicht war er, genau wie ich, der Meinung, dass Jelinek die Literatur revolutioniert hat wie seit Goethe niemand mehr. Goethe, Jelinek, die ganze Literatur dazwischen war im Prinzip uninteressant.

Mein Namensvetter Josik von Sonnenfels musste damals vor zweieinhalb Jahrhunderten seine Wiener Zeitschrift »Der Mann ohne Vorurtheil« nennen, unter mir als seinem sozusagen Nachfahr würde sie heute »Der Mann mit Vorurtheil« heißen. Denn ich horchte in mich hinein und wurde gewahr, was ich fühlte, nämlich dass ich diese Schulklasse schon jetzt durchaus hasste. Aus Erfahrung wusste ich ja, wie sich diese Siebzehnjährigen im Theater traditionellerweise verhalten, wie sie kichern und wie sie stören, wie sie schwätzen und wie sie mit Bonbonpapierchen rascheln, wie sie pausenlos WhatsApp-Nachrichten mit viel zu vielen Emojis schreiben und wie sie den Zuschauerraum mit ihren Displays beleuchten.

Der Zuschauerraum selbst war überraschend leer: Die Schulklasse mit ihrem wahnsinnigen Lehrer nahm Platz, eine Handvoll Schwabinger Schreckschrauben, außerdem ein paar versprengte Gestalten sowie Don Ron und ich. Seltsam, die Kammerspiele waren doch in aller Munde? Christine Dössel hatte in der S-Zeitung eine interessante Kampagne zu den Kammerspielen vom Zaun gebrochen, und ich hatte gedacht, dass das die Zuschauerzahlen wieder enorm in die Höhe treiben würde. Anscheinend war aber heute abend das Gegenteil eingetreten?

Nicolas Stemann kam auf die Bühne, gab den Conférencier und meinte, es gebe keine Pause, zu einem gewissen Zeitpunkt würden aber die Lichter im Saal angehen und man könne gerne rausgehen und sich was zu essen und zu trinken mit reinnehmen, solle dabei bitte auf die Kissenbezüge achten, das kenne man ja von zuhause, und unterdessen werde auf der Bühne freilich weitergespielt werden, und die Szenen, die während der Pause, die ja gar keine Pause ist, gespielt würden, seien nicht die schlechtesten, außerdem sei das Stück, das Jelinek bekanntlich anlässlich des Anschlags auf »Charlie Hebdo« geschrieben hat, schrecklicherweise immer aktueller geworden.

Diese Ansage versprach schon mal nichts Gutes: Wenn das Stück so aktuell ist, wie der Regisseur sagt, dann würde man das doch von selbst merken, wozu also hob Stemann das eigens hervor? Dass wir uns in der Pause, die ja gar keine Pause war, keine Fressalien zu holen brauchten, war auch klar, u. a. deswegen, weil ich ohnehin schon Lebkuchen im Gepäck hatte und eine Flasche Moskovskaja, die ich neulich bei einer Wette gegen Don Ron verloren hatte. Ich hatte behauptet, dass Donald Trumps aktuelle Frau aus der Slowakei stamme, aber das war natürlich Unsinn, denn sie stammt ja aus Slowenien. Dass Donald Trumps erste Frau nicht aus Slowenien, sondern aus der Slowakei stammte, half mir logischerweise nichts.

Dann ging das eigentliche Stück los. Man muss leider sagen, dass es gerade am Anfang ziemlich schlecht war. Einige Zeit darauf war es glücklicherweise schon mittelmäßig, und kurz vor der Pause, die ja gar keine Pause war, wurde es sogar beinahe gut. Stemann hatte also wahrscheinlich recht mit seiner Ansage, dass die Szenen, die während der Pause, die ja gar keine Pause war, gespielt werden, nicht die schlechtesten sind.

Man konnte sich sehr gut ausrechnen, wie es weitergehen würde: Nach der Pause, die ja gar keine Pause war, musste die Inszenierung brillant werden, einige Zeit darauf perfekt und am Ende genial! Die Strategie dahinter verstand ich leider nicht. Wäre es im Interesse der Zuschauer nicht umgekehrt sinnvoller gewesen, man hätte mit den genialen Passagen angefangen, dann zu den perfekten und brillanten übergeleitet, und die mittelmäßigen und schlechten einfach gestrichen?

Ich war aber auch ziemlich verstört, weil die Schulklasse absolut aufmerksam war. Wahrlich, man konnte sich keine aufgeschlosseneren, interessierteren und lautloseren Theaterzuschauer als diese Schüler wünschen. Wie war das möglich? Ist Jelinek inzwischen bayerischer Eliteabiturstoff? Und war dieser Theaterbesuch der vollgültige, pragmatische und ja auch einzig mögliche Ersatz für die Lektüre des Stücks? Es war ja klar, dass kein Schüler das Jelinek-Stück gelesen haben konnte. Das Stück steht frei und kostenlos verfügbar auf Jelineks Homepage, aber wenn man nur mal bis zum Ende dieses Stücks runterscrollte, dauerte dies drei Wochen, und wenn man das Stück ausdruckte, brauchte man dafür fünfhunderttausend Blatt.

In der Pause, die ja gar keine Pause war, schlichen Don Ron und ich uns raus, da wir ja noch ein Bier trinken gehen wollten. Nach dem Ende des Stücks wäre es dafür natürlich zu spät gewesen. Außerdem schmerzten unsere Knie, da die Stuhlreihen in den Kammerspielen so dicht beieinander stehen, dass es sogar jemand wie ich, der weiß Gott nicht hoch gewachsen ist, dort nicht lange aushält – anthropologisch gesehen ist der Selbsterhaltungstrieb am Ende dann doch stärker als die Jelinekverehrung.

Wir gingen also ins Conviva, bei den Kammerspielen um die Ecke. Am Nebentisch saß eine stadtbekannte Literaturagentin. Don Ron bestellte ein kleines Bier, ich bestellte ein großes Wasser. Wir sprachen über die soeben gesehene erste Hälfte der Inszenierung, waren aber etwas ratlos. Wäre es vielleicht doch besser gewesen, das Stück vorher auf irgendeine noch zu erfindende Weise zu lesen? Am selben Abend hätte es in einer Außenstelle des Lyrikkabinetts laut Programm auch eine Veranstaltung gegeben, in der diverse Gedichte und Lyrikübersetzungen der von Suzan Kozak, Karin Fellner und Tristan Marquardt angeleiteten Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Sammelkurse Türkisch Q11 und Q12 vorgestellt wurden. Vielleicht hätten wir lieber dorthin gehen sollen?

Aber es half ja nichts, wir mussten nach vorne blicken. Die stadtbekannte Literaturagentin ging an unserem Tisch vorbei, auf die Toilette. Don Ron erzählte von der großen Jürgen Kuttner’schen Videoschnipsel-Party, die er wenige Tage zuvor in der Volksbühne in Berlin miterlebt hatte, und dass dort der bekannte Wahlkampfsong von Joseph Beuys »Wir wollen Sonne statt Reagan« nicht, wie sonst immer, am Ende vorgespielt worden war, sondern gleich ganz am Anfang. Das überraschte mich nun sehr.

Die Bedienung brachte eine 0,75l-Flasche Wasser und ein 0,25l Glas Bier. Uns traf beinahe der Schlag. In der ganzen Welt versteht man unter einem »großen Wasser« ein 0,4- oder 0,5l Glas Wasser, aber doch keine 0,75l-Flasche! Und in der ganzen Welt versteht man unter einem »kleinen Bier« in etwa ein 0,33l-Bier, außer natürlich in solch lächerlichen und kulturlosen Verwaltungseinheiten wie Köln oder so (no offence!).

Juristisch gesehen hatten wir keine Chance: Ich hatte ein großes Wasser bestellt und ein großes Wasser bekommen, wenn auch ein sehr großes, Don Ron hatte ein kleines Bier bestellt und ein kleines Bier bekommen, wenn auch ein sehr kleines. Zusätzlich hatte mich nun eine große Unruhe erfasst, weil die stadtbekannte Literaturagentin nach vielleicht vierzig Minuten noch immer nicht von der Toilette zurückgekommen war. None of my business natürlich, aber ich machte mir irgendwie langsam Sorgen.

Don Ron hatte sein mit dem menschlichen Auge kaum sichtbares Bier längst ausgetrunken, ich meinen gefühlten Maßkrug Wasser mittlerweile auch. Es war Zeit zu gehen. Wir verabschiedeten uns, und ich machte mich über die menschenleere Maximilianstraße gedankenverloren auf den Heimweg. Obwohl ich nicht Pokémon spiele, ging ich wie immer zu Fuß. Wenn alles nach Plan läuft, werden Don Ron und ich uns in den Kammerspielen demnächst die zweite, die geniale Hälfte von »Wut« ansehen, worauf ich mich schon riesig freue.
 

Bertolt Brecht in Russland

Moskau, 13. Dezember 2016, 15:55 | von Paco

Ein Dresdner Kollege hatte eine Gastvorlesung gehalten und zum Tagesausklang gingen wir dann noch in die armenische Schenke gegenüber der Epiphanien­kathedrale. Am Nebentisch saß ein älterer Herr, der ab und an vor sich hinmurmelte, bis er sich dazu entschied, doch ganz direkt in unser Leben zu treten.

Nachdem er also bezahlt hatte und sich zum Gehen anschickte, stellte er sich freundlich vor uns auf. Er könne selbst kein Deutsch, aber liebe den Klang der deutschen Sprache, es sei eine Wonne gewesen, dem Klang unserer Stimmen zuzuhören. Komplimente, kurze gegenseitige Vorstellung. Und er sei so ein großer Fan von Brecht, er habe alles von ihm gelesen usw.

Brecht, nun ja, hin oder her, Wiedererkennungsfreude ist ein Ding für sich, und wir schwelgten in Schlagworten und Titeln und suchten in den Augen unseres neuen Bekannten nach Reaktionen, »episches Theater«, »Kurt Weill«, »Fragen eines lesenden Arbeiters«, »Erinnerung an die Marie Aaaaah!«, »Mutter Courage«.

Unsicherer Blick. Hatten wir die Titel falsch übersetzt? Kenne er jetzt alles nicht. Seien das auch diese philosophischen Bücher, die ihm so gefielen?

Wie? Die theoretischen Schriften Brechts, liest die noch jemand, und welche überhaupt? Brecht, wirklich Bertolt Brecht?

»Bertolt, äh, ich glaube nein, eher so Hermann Ludwig –, njet, Alexander Baldur –, njet –.«

»Richard David?«

»Totschno!«
 

Derrida

Lille, 15. September 2016, 22:44 | von Niwoabyl

Wie schon erwähnt lese ich gerade »Für immer in Honig« und habe eben Seite 600 erreicht. Vor zwei, drei Tagen war ich bei einem Kapitel angekommen, in dem zwei »Denker« vorkommen, und zwar tragen sie die Vornamen Jacques und Jürgen. Hahaha! (So hervorragend und empfehlenswert es ist, klingt »FiiH« leider ab und zu ein bisschen nach Jugendwerk, Dath kann oft nicht einfach aufhören, wenn’s gut und witzig ist, sondern muss immer wieder eins drauflegen, und dann kommt irgendwas Plumpes gegen Postmoderne und so.)

Das hat mich dann an Horzon erinnert, bei dem Derrida ja auch eine prominente Rolle spielt, direkt im ersten Kapitel vom »Weissen Buch«, als Haupterlebnis seiner Pariser Zeit (als PDF auf suhrkamp.de, S. 11–13). Und damit dachte ich dann wiederum sofort an Gespräche mit Österreichern, denen ich erklären musste, dass ich ja wirklich Franzose bin, aber mit Derrida nichts anfangen kann, und sie sagten, wie ist das möglich.

Da fiel mir auf: Ich habe eigentlich bislang überhaupt nur mit Deutschen und Österreichern über Derrida geredet (d. h., eigentlich sie von Derrida erzählen hören), und einmal vielleicht noch mit Amerikanern, aber auf jeden Fall nie mit Franzosen. Ich glaube, mein einziges Derrida-Gespräch auf Französisch fand 2003 statt, ich war gerade eben nach Paris gewechselt, als mir jemand erzählte, im Telefonbuch der ENSianer stehe Derridas private Telefonnummer (was auch stimmte, allerdings unter seinem bürgerlichen Namen Jackie Derrida). Sonst ging es irgendwie nie um ihn.

Als junge Studenten unterhielten wir uns über Foucault, wir lasen Deleuze und zitierten ihn nächtelang, wir führten Debatten über Strukturalismus in seiner Softcore- (Barthes) wie in seiner Hardcore-Prägung (Lévi-Strauss). Die ganz Philosophischen entdeckten auch Wittgenstein und Quine und die Sprachphilosophie für sich, die weniger Philosophischen versuchten es halt mit den politischen Autoren, alle mussten irgendwie für oder gegen Bourdieu sein. Wir waren also im Kopf Zeitgenossen unserer Lehrer.

Aber die eigentliche Postmoderne, Derrida und Lyotard, fand bei uns einfach nicht statt. Der vielleicht größte Star der Clique, der in Deutschland und den USA andauernd zitierte, wurde nicht zur Kenntnis genommen. Niemand las das oder wollte das lesen, das war kein Thema und gehörte schlicht und ergreifend nicht zum Kanon. Schwierigkeit könnte natürlich ein Grund sein, aber irgendwie auch nicht, denn einige – ich nicht – waren durchaus auch auf dem Weg zur Lacan-Kennerschaft, und unleserlicher kann selbst Derrida eigentlich nicht sein.
 

Kele hat’ta Chrigu Krachtu plikel be-reshta

Moskau, 13. September 2016, 21:07 | von Paco

Mugza ber nepo la kentop su »Keleges« (»Die Toten«) bo seren’ta plen. Bus kulta nasrat nu ponteve set. Rag set. De viul ger sot ande filmos benuk.

Bulko ter sa kramlon ta mer pantrele, ospe bo la sinita plesizte coto locandat. Ter set jolirandra ulkem bo ger rantislit balurpo maxim. Kontrek pan de bo sintra na Carli Caplin’a plek. Ek ter ma lutrente fil ta gruro, ra kelek’te sunam.

Aiar ga anga’a sausa ne uts ga rag matahuk anak, gua nepe iang euna. Lukant elt lemor ha Suis reisor at sufta, bundel kand ne ruga niponta surkan. Ku saga, rag set nir. Eun laftan, ta mer runanda gat set ne kauna nah kans.

In letertara runan kiast’ta calftun gia upa su gagang. Dua hurniang Krachte avtor’la aiar ana kaniang iang ratlaks. Nur lu sa Suisa go, Emile Nagelu, bo la ne film’te anakati tung un gautsa, aiat lest ta’ha gagang.

Dede sinunt ilel be-sapta, lelisedir dida saus teatir su no, kan geisu lar ufas ne haleir nal sinit mesher. Run meriro lehek ha »daia tudal« mene, se hu keset naid ner bish farait’ta. Eru wais kaniang shu nunta ne sabere nik on »Keleges«, lo han ma balat ter sa muhat. Su oste ner mahat bo teatir vi letertur sehek, ra sohot ne lemora serfi kans.