Ganz viele Filme:
Das Kinojahr 2014

Hamburg, 20. Februar 2015, 23:47 | von San Andreas

Kinojahr 2014 Einklinker Zwar zum letzten Mal, aber wie immer noch kurz vor Oscar kommt hier Umblätterers Rundumschlag des vergangenen Kinojahres (vgl. 2013, 2012, 2011, 2010, 2009, 2008, 2007). 566 Produktionen sind 2014 auf deutschen Leinwänden gestartet, es galt wie immer, genau die richtigen auszuwählen. Unsere Auswahl umfasst in loser Reihenfolge die (25) Filme, über die am meisten geredet wurde, und solche, über die ruhig etwas mehr geredet werden hätte sollen. Können. Müssen. Dazu noch die übliche Handvoll Blindgänger. Und unten folgt traditionell ein Block mit lobenden Erwähnungen und unglaublichen Ein-Satz-Kritiken.

Zur ausführlichen Fassung geht es hier bzw. direkt über die einzelnen Titel:

»12 Years a Slave« (Steve McQueen)
»Philomena« (Stephen Frears)
»The Lego Movie« (Phil Lord, Christopher Miller)
»Gone Girl« (David Fincher)
»Exodus: Gods and Kings« (Ridley Scott)
»All is Lost« (J. C. Chandor)
»Grand Budapest Hotel« (Wes Anderson)
»Interstellar« (Christopher Nolan)
»Ida« (Pawel Pawlikowski)
»Boyhood« (Richard Linklater)
»Noah« (Darren Aronofsky)
»The Theory of Everything« (James Marsh)
»The Wolf of Wall Street« (Martin Scorsese)
»Pride« (Matthew Warchus)
»Guardians of the Galaxy« (James Gunn)
»Deux jours, une nuit« (Jean-Pierre & Luc Dardenne)
»Her« (Spike Jonze)
»The Hobbit: The Battle of the Five Armies« (Peter Jackson)
»Calvary« (John Michael McDonagh)
»Dallas Buyers Club« (Jean-Marc Vallée)
»Snowpiercer« (Joon-ho Bong)
»The Secret Life of Walter Mitty« (Ben Stiller)
»Enemy« (Denis Villeneuve)
»Fruitvale Station« (Ryan Coogler)
»Edge of Tomorrow« (Doug Liman)

Bildgänger’s Delight

»The Giver« (Phillip Noyce)
»Before I Go to Sleep« (Rowan Joffe)
»Transcendence« (Wally Pfister)
»The Monuments Men« (George Clooney)
»Diana« (Oliver Hirschbiegel)

*

Und hier jetzt noch wie verkündet der Block mit wohlwollenden Erwähnungen:

»Magic in the Moonlight« (Woody Allen) – Allen light, angenehm altbacken, amüsant genug. »The Zero Theorem« (Terry Gilliam) – Gilliamesk wie lange nicht, aber auch nicht wirklich gut. »Nebraska« (Alexander Payne) – Unver­passbares ›Alterswerk‹ von Menschenversteher Payne. »X-Men: Days of Future Past« (Bryan Singer) – Kreativ-cleveres Mutanten-Gipfeltreffen. »Dawn of the Planet of the Apes« (Matt Reeves) – Klug konstruierte Fortsetzung des Reboots. »American Hustle« (David O. Russell) – Spitzenklasse-Schauspieler­kino. »Lone Survivor« (Peter Berg) – Patriotische, aber packende Taliban-Kloppe. »The Judge« (David Dobkin) – Gerichtsfilm und Familienmelodram in einem: überfrachtet, aber gut gespielt. »Godzilla« (Gareth Edwards) – Brauchte eigentlich keiner, dieses Monster-Massaker, aber Edwards macht was draus. »August: Osage County« (John Wells) – Eine schrecklich schreckliche Familie. »Lucy« (Luc Besson) – Völlig durchgeknallte SciFi-Action: so hanebüchen, dass es schon wieder Spaß macht. »Stories We Tell« (Sarah Polley) – Faszinierende Meditation über die Familie: ihre Geschichten, ihre Erinnerungen – und die Wahrheit. »The Drop« (Michaël R. Roskam) – Beängstigend gutes Crime-Drama nach Dennis Lehane: Gandolfinis Abschied, Tom Hardys Bravourstück. »The Two Faces of January« (Hossein Amini) – Klassischer, unter der Sonne Griechenlands schwelender Highsmith-Suspense. »Captain America: The Winter Soldier« (Joe & Anthony Russo) – Nicht ganz dumme Materialschlacht. »Mr. Turner« (Mike Leigh) – Meisterhaftes Künstler­porträt: eher detailversessene Collage als traditionelles Biopic. »Qu’est-ce qu’on a fait au Bon Dieu?« (Philippe de Chauveron) – Vergnüglicher Multikulti-Reigen (what?). »Blue Ruin« (Jeremy Saulnier) – Grimmige, Haken schlagende Rachegeschichte mit Coen-Touch.

Soviel also zum Kino 2014,
San Andreas
 

75 berühmte Einwohner

Berlin, 18. Februar 2015, 10:01 | von Josik

 

Albrecht Altdorfer
Peter Altenberg
Matthias Altenburg
Berthold Auerbach
Jörg Augsburg

Carlo Bamberg
Karl Barth
Mario Barth
Xaver Bayer
Erika Berger

Isaiah Berlin
Cora Berliner
Manfred Bieler
Hans Blumenberg
Jakob Böhme

Heiner Bremer
Daniel Brühl
Hermann Burger
Gilbert Keith Chesterton
Drafi Deutscher

Isaac Deutscher
Ingeborg Drewitz
Peter Eisenberg
Sergej Eisenstein
Jürgen Elsässer

Roland Emmerich
Friedrich Engels
Nathan Englander
Richard Engländer
Hugo Erfurth

Manfred Frank
Harry G. Frankfurt
Karl Emil Franzos
Joachim Fuchsberger
Jeffrey Goldberg

Karl Grünberg
Albert Paris Gütersloh
Käte Hamburger
Michael Hamburger
Hildegard Hamm

Heinrich Hannover
Helmut Herzfeld
Wieland Herzfelde
Hermann Hesse
Wolfgang Hildesheimer

Andreas Hofer
Liesl Karlstadt
Dieter Kassel
Henry Kissinger
Gertrud Kolmar

Siegfried Kracauer
Adriana Lima
Abraham Lincoln
Jack London
Rosa Luxemburg

Katherine Mansfield
Karl Marx
Norbert Mecklenburg
Christian Nürnberger
Heidi Paris

Helga Paris
Peggy Parnass
Jennifer Rostock
William Rothenstein
Hans Sachs

Arnold Schönberg
Albert Schweitzer
Detlef D! Soost
Dolf Sternberger
Hermann Ungar

Horace Walpole
George Washington
Oswald Wiener
Sarah Wiener
Michael York

Mit bestem Dank an
Miroljub und Jonesy!

 

Tex Rubinowitz, der Guttenberg des Feuilletons

St. Petersburg, 1. Februar 2015, 20:13 | von Paco

Also eigentlich fanden wir Tex Rubinowitz immer ganz okay, schon seit er damals in diesem Linklater-Film auf einer Wiener Brücke herumstand, schön! Und letztes Jahr hat er den Ingeborg-Bachmann-Preis abgeräumt, auch super!

Rubinowitz ist ansonsten auch ein fleißiger Leser des »Umblätterers«. Und zwar wissen wir das deshalb so genau, weil er kürzlich mit der großen copy&paste-Schere durch unser Archiv vossianischer Antonomasien gegangen ist und aus unserem Material einen Artikel zusammengeschrie­ben hat, der dann letzten Freitag im SZ-Magazin drinstand (»Der Mozart unter den Texten«: Teil 1Teil 2).

Seit 2009 sammeln wir hier Best-of-Material zum Thema und haben auch selbst erst in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung einen längeren Essay zum Thema abgeliefert (»Jeder kann Napoleon sein«, Ausgabe vom 21. Dezember 2014, Seite 34). Und eigentlich finden wir es per se gut, wenn jemand was zu unserem Lieblingsthema ›Vossianische Antonoma­sien‹ bringt. Es wäre aber wahrscheinlich doch besser, wenn ein neuer Artikel zum Thema nicht nur unser altes Zeug klaut und dann nicht mal ordentlich journalistisch preisgibt, wer die ganzen höhö-Zitate zusammengestellt hat.

Damit das SZ-Magazin die Quellen nachliefern kann, hier mal der Überblick des Rubinowitz’schen Raubzugs. Alles in order of appearance mit Link in unsere Sammlung. Gezählt werden natürlich nur die geklauten Vossantos, nicht die paar, die Tex Rubinowitz sich dann doch woanders her geholt hat oder sich überraschenderweise selbst ausdenken konnte:

  1. der Woody Allen des Barock (VA 88)
  2. der Heino der [deutschen] Literatur (VA 45)
  3. der Brad Pitt des Saarlands (VA 37)
  4. der Mozart des Schachs (VA 35)
  5. der Mozart der Massenproteste (VA 21)
  6. der Mozart des 100-Meter-Laufens (VA 7)
  7. der Mozart der Theologie (VA 62)
  8. der Boris Entrup der Kuhpflege (VA 75)
  9. der Newton des Grashalms (VA 63)
  10. der Lionel Messi der Grill-Modelle (VA 74)
  11. der Günter Grass der Friseure (VA 30)
  12. die Leni Riefenstahl der Volksbefragung (VA 76)
  13. der Homer der Insekten (VA 24)
  14. der Justin Bieber der Kreidezeit (VA 22)
  15. der Helmut Kohl unter den Brotaufstrichen (VA 21)
  16. die bretonische Kuh der Literatur (VA 19)
  17. der Jon Bon Jovi der Schwabenschlichter (VA 18)
  18. die Nana Mouskouri der Inneren Sicherheit (VA 17)
  19. der Mount Everest der Masturbation (VA 16)
  20. die Tuberkulose des Digitalzeitalters (VA 11)
  21. der Porsche Cayenne unter den Schuhen (VA 8)

Tex Rubinowitz, der eifrigste Leser, den wir haben! Er hat sich wirklich sehr systematisch durch unsere Listen geklickt. Copy&paste hat er (hier noch mal geordnet) bei den Folgen 7, 8, 11, 16, 17, 18, 19, 21 (2×), 22, 24, 30, 35, 37, 45, 62, 63, 74, 75, 76, 88 gemacht. Und woher hat Rubinowitz das ganze Zeug noch mal: »das stand alles genauso in der Zeitung oder online«. Ziemlich dreiste Quellenverschleierung à la Guttenberg, ein besonders schöner Fall von »Quelle: Internet«. Rubinowitz gibt den lustigen Zitatearrangierer, sein Artikel besteht aber im Kern aus von uns über 5,5 Jahre kuratiertem Material. Unsere Sammlung macht quasi den halben Text aus.

Im Beitext des SZ-Magazins steht noch, dass sich Tex Rubinowitz grämt, noch nie vossianisch belegt worden zu sein, er warte »sehnsüchtig darauf, dass man ihn mit irgendwem vergleicht«. Easy!

So ist Tex Rubinowitz nun hochoffiziell und für alle Zeiten der Guttenberg des Feuilletons.
 

Die Ergebnisse der …
Feuilleton-Meisterschaft 2014

Göttingen, 13. Januar 2015, 07:33 | von Paco

Guten Morgen! Heute verleihen wir ihn also zum *zehnten* Mal seit 2005. Den Goldenen Maulwurf, für den Feuilletonjahrgang 2014:

Der Goldene Maulwurf

Es war wieder die beste Stimmung in der Jury. Und es war so spannend wie das dritte Springen der Vierschanzentournee neulich am Bergisel! Und es war knapp, ganz knapp. Fast so wie im Januar 2011, als wir wegen eines Jury-Patts den Gewinner auskickern mussten (wer sich erinnert: damals gewann Team ›Christopher Schmidt‹ 10:7 gegen Team ›Mathieu von Rohr‹, Revanche steht noch aus).

Und nun geht unser Blick also am Bergisel vorbei und weiter Richtung Wien, zur »Wiener Zeitung« und zum diesjährigen Gewinner des Maulwurfgolds, zum Feuilletonisten und Komponisten Edwin Baumgartner! Wie einmalig das ist, was er schreibt, wie viel Fun seine ganze Schreibe verbreitet, das steht in der Laudatio, bitte dort nachlesen. Aber was soll da so knapp gewesen sein? Na, Thea Dorn auf Platz 2 hat wieder so ein Feuilleton geschrieben, bei dem die gesamte Kulturgeschichte der Menschheit mitgeschwommen kommt. Ein Wahnsinn sondergleichen, immer noch genau der Wahnsinn, für dessen Lobpreisung wir hier vor roughly 10 Jahren mal angetreten sind.

Aber nun. Hier folgen die Autorinnen und Autoren sowie die Zeitungen der 10 besten Artikel aus den Feuilletons des Jahres 2014:

1. Edwin Baumgartner (Wiener Zeitung)
2. Thea Dorn (Handelsblatt)
3. Frédéric Schwilden (Welt)
4. Jan Wiele (FAZ)
5. Sabine Vogel (FR)
6. Eberhard Rathgeb (FAS)
7. Nicole Zepter (Zeit)
8. Renate Meinhof (SZ)
9. Alexander Wallasch (The European)
10. Uwe Wittstock (Focus)

Auf der Seite mit den Jurytexten sind zu allen Texten wieder die Seitenzahlen angegeben, denn im Zweifelsfall galt bei unseren Diskussionen die Print-Ausgabe, soweit vorhanden. Print, jawohl.

So. Das war er nun, der 10. und letzte Goldene Maulwurf. 10 Jahre waren wir unterwegs in der Halbwelt des Feuilletons, 10×10 Texte haben wir gekürt, das ist dann der Goldstandard für die nächste Dekade. Und die kommt ja, die läuft ja, und läuft gut.

Das deutschsprachige Feuilleton war, ist und bleibt das beste der Welt. Quod erat demonstrandum, Leute!

Adios,
Euer Consortium Feuilletonorum Insaniaeque
 

+++ Feuilletongold, morgen +++

Göttingen, 12. Januar 2015, 08:41 | von Paco

Von dem Maulwerff (2015 Edition)

Morgen, also traditionell am zweiten Dienstag des neuen Jahres, wird mit allem dazugehörigen Prunk zum *zehnten* Mal seit 2005 – und auch zum letzten Mal – der …


Goldene Maulwurf

für die 10 besten Feuilletontexte
des vergangenen Jahres,
diesmal also 2014,

verliehen, und zwar von uns, und zwar an dieser Stelle. Die Longlist wurde ordentlich durchgesiebt, die Arbeit des Consortiums ist beendet, morgen gibt’s wieder Maulwurfsgold.

Hier noch unsere Backlist mit den Preisträgern der vergangenen Feuilletonjahre:

2005   (#1 Stephan Maus/SZ)
2006   (#1 Mariusz Szczygieł/DIE PRESSE)
2007   (#1 Renate Meinhof/SZ)
2008   (#1 Iris Radisch/DIE ZEIT)
2009   (#1 Maxim Biller/FAS)
2010   (#1 Christopher Schmidt/SZ)
2011   (#1 Marcus Jauer/FAZ)
2012   (#1 Volker Weidermann/FAS)
2013   (#1 Özlem Gezer/DER SPIEGEL)
2014   (#1 ???/???)

Jetzt noch ein Mal schlafen – buona notte, talpa! – und dann werden hier die zehn Straßenfeger und Pageturner des Feuilletons 2014 verkündet.

Bis dann,
Consortium Feuilletonorum Insaniaeque

 
(Bildmotiv: Gesners »Thierbuch« von 1606; Public Domain)

100-Seiten-Bücher – Teil 115
Botho Strauß: »Herkunft« (2014)

Düsseldorf, 5. Januar 2015, 14:50 | von Luisa

Gleich die ersten Sätze handeln vom Vater, der an seinem Schreibtisch sitzt und schreibt, im zweiten Absatz wird dann gesagt, wie und was er schreibt: »ein ausgefeiltes, zuweilen etwas überschmücktes Deutsch«. Ungefähr klar, was das heißt, aber da mir das zweite Adjektiv noch nie begegnet war, hab ich es mal nachgeschlagen.

Sofort wurde ich mit einem Sehnsuchtsgedicht von Immermann verbunden, in dem ein Jüngling mit einem Mädel auf einer Magerwiese sitzt, welche ihm dann später ganz verwandelt und von »Blüthen-Dolden stattlich überschmückt« im Traum erscheint. Es sind einfach viele Dolden und bedeutet nicht, dass der Schmuck übertrieben wäre. Das illustrieren erst die nächsten Beispiele, die von überschmückten Weihnachtsbäumen handeln und von überschmückten Frauen, die niemand ernst nimmt, wenn sie mehr als fünf Schmuckstücke tragen. Also klar negativ konnotiert, und auf Vater Strauß bezogen heißt das, dass sein Stil ein bisschen zweifelhaft war und der Sohn einem anderen Ideal folgt.

Andererseits hat Botho Strauß nicht den Ruf der Magerwiese, eher würden die Kritiker ihm wohl den Doldenreichtum bescheinigen. Also: wie der Vater, so der Sohn, ein Gefängnisspruch, den der Sohn aber im Verlauf von 90 Seiten komplett ins Positive wendet (»Welche Liebe ist größer als die Liebe dessen, der wiederholt?«), und so dürfte er nichts dagegen haben, wenn auch seine Prosa für »zuweilen etwas« überschmückt gehalten wird.

Andererseits las er als Kind regelmäßig die bekannten Heftchen, Akim, Tarzan, Sigurd usw., sozusagen Magerliteratur. Von Donald-Duck-Heften ist nicht die Rede, aber da gibt es eine Geschichte, in der Donald als Immobilienmakler auftritt und einem reichen Kunden eine Villa schmackhaft machen will. Nach den Windverhältnissen befragt, antwortet er: »Zuweilen ein Gesäusel im Gezweig«, ein schönes Beispiel für »zuweilen« und überschmückt. Goethe und Schiller – Botho Strauß und Erika Fuchs.

Länge des Buches: > 115.000 Zeichen. – Ausgaben:

Botho Strauß: Herkunft. München: Hanser 2014.

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

100-Seiten-Bücher – Teil 114
César Aira: »Parménides« (2006)

Göttingen, 3. Januar 2015, 14:26 | von Paco

Vom echten vorsokratischen Parmenides ist nur seine Schrift »Über die Natur« fragmentarisch überliefert. Das sind (zum Beispiel in der Reclam­übersetzung) nur einige wenige Seiten Text. Die noch kürzere tl;dr-Fassung geht so: »Was ist, ist; was nicht ist, ist nicht.«

Der weltbeste Hundertseitenautor César Aira hat diese real existierende Schrift als Ergebnis genommen und sich die Vorgeschichte zusammen­gedacht. Das Schreibprogramm findet sich auch im Buch wieder: »Lo más que se puede hacer es reconstruir el pensamiento a partir de los hechos posteriores, siempre y cuando los hechos hayan quedado registrados.« (p. 114)

Bei Aira wohnt Parmenides immer noch in Elea im heutigen Kampanien, ist aber vor allem ein reicher, einflussreicher Adabei mit wenig Zeit und Muße. Und als Adabei will er auch mal ein Buch schreiben und sucht nach einem jungen Autor, der das für ihn erledigen kann. Zufällig fällt die Wahl auf Perinola. Es kommt zu wöchentlichen Treffen. Perinola versucht anfangs herauszubekommen, wovon ›das Buch‹ eigentlich handeln soll. Aber mehr als »Von der Natur!« kriegt er nicht aus seinem Auftraggeber heraus. Oder doch: Er solle einfach über »cualquier cosa« (»egal was«) schreiben.

Ansonsten verliert sich Parmenides bei den Treffen in endlosen Monologen, vom ›Buch‹ und dem gewünschten Inhalt redet er nie. Die paar Hexameter, die ihm Perinola mal als Probe reicht, scheint er nicht gelesen zu haben. Aber die Treffen gehen jahrelang weiter, und Perinola wird gut dafür bezahlt. Einer der vielen schönen Gegensätze: Als schreibender Autor hat er vorher schlecht verdient. Als nicht schreibender Autor hat er nun ein gutes Auskommen für sich und seine Frau und Kinder.

Obwohl ihm der Nichtfortgang des Buchprojekts also gut bekommt, packt ihn eines Tages doch die Schreibwut. Ähnlich wie in »Varamo« beschreibt Aira, wie sich aus den Umständen und der einzigen konkreten Vorgabe, »irgendwas« zu schreiben, die verschiedenen Passagen des späteren Meisterwerks wie von selbst ergeben.

Das Ende dieser herrlichen »historia triste y fatal del escritor Perinola« ist hochsymbolisch und findet in der Taverne »Afrodita« statt.

Länge des Buches: > 115.000 Zeichen. – Ausgaben:

César Aira: Parménides. Buenos Aires: Mondadori 2006. S. 5–125 (= 121 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

100-Seiten-Bücher – Teil 113
Richard von Schaukal: »Leben und Meinungen des Herrn Andreas von Balthesser« (1907)

Berlin, 29. Dezember 2014, 21:26 | von Cetrois

Ich war auf Wikipedia mal wieder zu lange in den Gassen des Fin-de-siécle-Wien unterwegs, und irgendwann stößt man dann immer auf Richard von Schaukals Mitteilungen über »Leben und Meinungen des Herrn Andreas von Balthesser«. Und die hatte ich natürlich gelesen damals, zwar ohne Gewinn, aber es genügt ja, lehrt uns Andreas von Balthesser nach alter Dandyweisheit, seine Zeit angenehm verschwendet zu haben.

Also schnell noch mal rüber zu archive.org, wo es das von Google besorgte Retrodigitalisat der »Leben und Meinungen« gibt (Seite 3 fehlt allerdings) und noch eine Reihe weiterer Werke des Author: Richard »von« Schaukal. Großartige Anführungszeichen! Nimmt es Google in alteuropäischen Standesfragen wirklich so peinlich genau, dass man die Nobilitierung des Ministerialrats Richard Schaukal nicht anerkennt? Kaiser Karl hat den treuen Beamten im Mai 1918 tatsächlich nur gerade noch so, ganz kurz vor Untergang des kakanischen Staatsschiffes, in den Adelsstand gehoben.

Die schiefe Metapher vom ›Staatsschiff‹ deshalb, weil ich gerade an die Ausstellung »Franz is here!« denke, die im Frühjahr im Wiener Völkerkundemuseum am Heldenplatz zu sehen war. Die Ausstellung rekonstruiert anhand unglaublich vieler kitschiger Souvenirs die Weltreise, die der Thronfolger Franz Ferdinand 1892/93 auf der SMS »Kaiserin Elisabeth« unternahm. Ödipale Spekulationen verbieten sich natürlich schon rein genealogisch. Zumal Ödipus und Franz Ferdinand auch mit Blick auf den Bodycount an erledigten Viechern in ganz verschiedenen Ligen spielen – Ödipus: 1, Franz Ferdinand: 274.889 Stück Wild, laut Wikipedia. Wobei der ehemalige FAZ-Herausgeber Paul Sethe, ebenfalls auf Wikipedia, zum passionierten Jäger Franz Ferdinand anmerkt, dass ihm »die Zahl, das Massenhafte wichtiger ist als die Freude am Pirschgang …«

Die Franz Ferdinand’sche Weltreise war dann auch eine einzige Groß- und Kleinwildjagd. Er brachte aber auch interessante Aufzeichnungen mit, selbst auf der eigenen Haut: In Japan ließ der Erzherzog sich ein schönes Drachenmotiv tätowieren, was, wie er in seinem Zahlenfetischismus notierte, »nicht weniger als 52.000 Stiche erforderte«. Auch sonst ist das »Tagebuch meiner Reise um die Erde, 1892–1893« ein sehr schöner Reisebericht, und zu Recht wurde der Autor Franz Ferdinand vor zwei Wochen von einem weiteren FAZ-Herausgeber, Jürgen Kaube, im Deutschlandfunkinterview geradezu, hehe, nobilitiert: Heute müsse sich niemand mehr rechtfertigen, wenn er Franz Ferdinand und Stefan George gut finde.

Das Weltreisetagebuch ist ebenfalls schon bei archive.org gelandet, übrigens mit besonders gelungenen Aufnahmen von den kleidsam in rote Fingerkondome gehüllten Fingern, die die Seiten beim Scannen fixieren. Andrew Norman Wilson hat diese Zeugnisse menschlicher Präsenz im Googlescanprozess als fotografische Kapitalismuskritik gesammelt, ein Projekt, das Franz Ferdinand zweifelsohne unterstützt hätte (seine Notiz in New York: »wüster Tanz um das goldene Kalb«).

Wer deshalb eine Abneigung gegen die schnöde Digitalisierung bibliophiler Prachtbände der Jahrhundertwende kultivieren will, dem kann man, jetzt wieder mit Richard von Schaukel, sagen: »Ich liebe nicht Bücher um der Bücher willen, mir ist das schönste Buch gleichgültig, wenn sein Inhalt mit mir nichts zu tun hat. Ich ›sammle‹ keine Bücher. Ich interessiere mich weder für Bibliotheken noch für das Bücherwesen überhaupt.« (PDF, S. 71)

Länge des Buches: > 125.000 Zeichen. – Ausgaben:

Richard Schaukal: Leben und Meinungen des Herrn Andreas von Balthesser. Zweite, verbesserte Auflage. München; Leipzig: Georg Müller 1907. S. 1–177 (= 177 Textseiten). (online)

Richard von Schaukal: Leben und Meinungen des Herrn Andreas von Balthesser. Stuttgart: Klett-Cotta 1986. (Inhalt)

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

Vossianischer Showdown

Buenos Aires, 22. Dezember 2014, 13:09 | von Paco

Opening ticket: Introducing the word ›Vossantoblase‹ to the German language, among other things.

Der neue Fischer/Wälzholz ist da, und zwar ist gestern in der FAS unser Artikel zu Wohl und Wehe der Vossianischen Antonomasie erschienen. Das hier ist er:

Artikel über Vossianische Antonomasien in der FAS vom 21.12.2014 (Thumbnail)

(Nicht oder noch nicht frei online. Aber hier.)

In den letzten 5,5 Jahren haben wir genug Anschauungsmaterial für den Artikel gesammelt, die dazugehörige Serie wurde nach 94 Teilen neulich eingestellt. Da man heute ja im Idealfall sein Datenmaterial in strukturierter Form mitveröffentlicht, halten wir in unserem Datenzentrum eine chronologisch sortierte Liste für die Jahre 2009–2014 vorrätig.

Wort 'Vossanteblase' im Artikel über Vossianische Antonomasien in der FAS vom 21.12.2014 (Thumbnail)

Ticket: closed.
 

US-Serien:
Schlechte Zeiten für Englisch

Buenos Aires, 20. Dezember 2014, 13:28 | von Paco

Wir sind ja alle Serienjunkies usw., aber nach dem Hype kommen jetzt auch langsam die Bedenklichkeiten. Zum Beispiel, was die Sprache angeht, die so in den Writers’ Rooms produziert wird. Wer nur ein paar Serien gesehen hat, der hat damit automatisch massenhaft Sätze gehört wie (frei aus dem Gedächtnis zitiert):

  • »You guys seen the game last night?«
  • »Just five minutes, I promise!«
  • »Is this some kind of joke to you?«
  • »Trust me, I know what I’m doing.«
  • »I love you, I really do, but …«
  • »I guess you’re gonna have to trust me on this.«
  • »You should go talk to her.«
  • »You know, we’re not so different, you and I.«
  • »If he wants a war, it is war he’ll get.«
  • »I got your back on this.«
  • »Call me.«
  • (Bei nächtlichem Anruf:) »You have any idea what time it is?«
  • »I’m not even gonna dignify this with an answer!«
  • »You know, we should have done that more often.«
  • »Come on, it’s the least I can do.«
  • »What is it with this guy!«
  • »What was that all about?«
  • »Look, we’re both under a lot of stress right now.«
  • »It’s a date!«
  • »What are we doing?«

Usw.! Das sind alles eben keine Catchphrases, sondern (mal mehr, mal weniger) Versatzstücke aus dem Baukasten des sogenannten Creative Writing. Die einfachstmöglichen Textabbilder von Plotpoints, Twists usw. Die These geht dann so: Je weniger eine Serie davon hat, desto besser ist sie. (Sofortiges Gegenbeispiel natürlich: »24« ist trotz oder wegen des ständigen Floskelarmaggedons so spitze.)

Zusammen mit @heylindahey und Katana habe ich (vor allem letztes Jahr) mal ein paar Sachen mitgeschrieben, es folgen also ein paar konkrete Beispiele, aus irgendwelchen Gründen vor allem aus der schlimmen letzten »Dexter«-Staffel. Das Ganze funktioniert aber ebenso mit fast allen anderen Serien. Grad zum Beispiel gesehen, »Supernatural« 10×06, könnte man eigentlich hier komplett mit reinstellen. Highlight: »Trust you?! We don’t even know you!«

Die Floskellisten sind auch in keiner Weise vollständig, sondern jeweils nur eine Auswahl aus der jeweiligen Folge:

Alphas 1×06

  • »It’s time to step up our game.«
  • »All right. My bad. (Just do your thing, okay?)«
  • »Thanks for the advice.«
  • »I’m full of surprises.«
  • »Don’t twist this around.«
  • »You have to account for what you’ve done.«
  • »You can count on it.«
  • »I got this.«

Arrow 1×09

  • »I’m gonna have to call you back.«
  • »Something just doesn’t add up.«
  • »Is that what you wanted to see me about?«
  • »You’re off this case, effective immediately!«
  • »Either way, we need to find him.«
  • »I’m sure there’s more where this came from.«
  • »Be careful, he’s very dangerous.«
  • »If you got a better idea, now would be a lovely time!«
  • »The doctor said you’re gonna be fine.«
  • »What does it matter now! What’s done, is done.«

Dexter 8×01

  • (Telefon klingelt:) »Gotta take this. Business.«

Dexter 8×02

  • »This place ain’t the same without you.«

Dexter 8×03

  • »I stuck my neck out on the line for you!«
  • »Let me see if I’ll get you out of this.«
  • »You of all people should know!«
  • »I’ve been down this road, so I get it.«
  • »You might wanna straighten up.«
  • »I need to get to him, before he gets to me.«
  • »What’s going on?» – »She’s been having a hard time.«
  • »I’m figuring something out, thanks for the heads-up.«
  • »It’s my fault, okay?«
  • »He’s worried about you, we both are.«
  • »You got a sec?«
  • »I just wanted to let you know that I’ve been thinking about what you said.«
  • »You call me if you need me.«
  • »Will you please cut me some slack?«
  • »I didn’t think you’d understand.«
  • »Thanks for calling, you did the right thing!«

Dexter 8×04

  • »We knew that day was coming.«
  • »What if this has all been some horrible mistake?«
  • »Is he another one of your little experiments?«
  • »I don’t even want to know what that means.«
  • »I couldn’t have done it without you.«
  • »Are we really gonna do this?«
  • »Okay, let’s find this guy.«
  • »Come on, it’s not like you haven’t done the same.«
  • »We can’t know until we find him.«
  • »I was in a really bad place, but, you know, you were just looking out for me, like you always do.«

Dexter 8×05

  • »I need you to trace a number for me.«
  • »I understand what you’ve been through.«
  • »I can help you, I can, trust me.«
  • »So is this it?«

Dexter 8×09

  • »He could be more dangerous than you think.«
  • »I can’t go into it right now, but please, just do as I ask.«
  • »I just need a little time, you know.«
  • »Take all the time you need.«

Dexter 8×10

  • »I wish there was a different way, but there’s not.«
  • »I’ll do whatever it takes!«

Dexter 8×12

  • »I’ve done shit I’m not proud of.«
  • »You’re a good person.«
  • »I can’t believe this is actually gonna happen.«

Breaking Bad 5×11

  • »Sure that’s how you wanna play this?«
  • »Don’t tell me how to do my job!«

Breaking Bad 5×13

  • »I’ve got a flight to catch.«

Pretty Little Liars 4×01

  • »Like it or not. We’re in this together.«
  • »Remember. We’re the good guys.«

Ringer (ohne Folgenangabe)

  • »If you really think that – then you don’t know me at all.«
  • »I don’t care what it takes!«
  • »I think you should leave.«
  • »It was you and me against the world.«
  • »The way I see it, you have two choices.«
  • »Your feelings are clouding your judgment.«

True Blood 6×04

  • »Failure is not an option.«

Homeland 3×01

  • »We’ll get to the bottom of it.«
  • »Don’t tell me to calm down.«
  • »So, do we have a green light?«
  • »I never asked for the job.«
  • »Have you seen the paper yet?«
  • »You don’t think I know what you’re doing? I know exactly what you’re doing!«

Homeland 4×07

  • »Why wasn’t I told!« – »I’m telling you now.«

Soweit mal unsere kleine Phänomenologie des Sprachmaterials von US-Qualitätsserien. Wahrscheinlich kann man von zwei Extremen sprechen, einerseits den sprachbewussten Serien (wie den »Simpsons«) und andererseits den rein plotgetriebenen Serien. Sprachlich sind dann alle Serien irgendwo dazwischen anzusiedeln. Das könnte man mal irgendwann anhand der Untertiteldateien nachprüfen, etwa die vocabulary richness untersuchen, ähnlich wie das neulich jemand mit den Lyrics auf Rap Genius gemacht hat.

Ein guter Einwand unterwegs war übrigens der hier, und die Credits gehen an @heylindahey: »Wir sollten aufpassen, dass wir nicht alles als Floskeln bzw. lame narrative devices verstehen. Sonst fällt uns noch auf, dass das ganze Leben eine Floskel ist (didn’t you know already?).«