Zur Lage der Literaturwissenschaft

Moskau, 27. Juli 2016, 08:57 | von Paco

Gestern war ich wie immer früh um 8:30 Uhr an der Uni, begab mich hinter die Sicherheitstür meines bureau of investigations und las dann in acht Stunden den gesamten Band 4/2015 der »Deutschen Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte« (DVjs) durch, ein Sonderband: »Zur Lage der Literaturwissenschaft«. Hatte den Band schon lange herumliegen und nun, während es an der Uni muxmäuschenstill war – keine Studenten, kaum Kollegen und nur ein paar Elektriker, die ab und zu den Strom abstellten –, konnte ich endlich wieder ungestört Printsachen runterlesen.

Die DVjs war ziemlich spannend, sobald ich einen Artikel fertig hatte, wirkte jeder Titel und jeder Verfassername des nächsten Artikels wie ein Cliffhanger, und in angenehmster Unaufgeregtheit las ich mich bis zum Ende durch. Mittagessen vergaß ich darüber, gegen halb 6 war ich dann doch recht erschöpft und hatte Hunger wie ein Wolf. Einen Hunger, den nur die georgische Küche stillen konnte.

Ich machte mich also zum nächstgelegenen Chatschapuritempel auf, die sind ja zu jeder Tageszeit recht gut besucht, aber es gab doch noch einen kleinen freien Tisch und schon bestellte ich unbesehen ein Atscharuli Chatschapuri, fünf Chinkali und einen halben Liter Natachtari mit Tarchungeschmack. Es war super, so out of context mit einem ganzen Band DVjs im Kopf einfach allein da zu sitzen und deutsche Literaturwissenschaft sacken zu lassen. Allerdings standen eine Minute später zwei Typen mit auffälligen Schwenkblicken vor meinem Tisch, um mir schon mal anzusignalisieren, dass nirgendwo mehr Platz sei und dass sie mich gleich fragen würden. Na ja, und dann saßen wir da zu dritt an diesem Tischlein deck dich und ich brauchte zirka zehn Sekunden, um aus meiner glückseligen Asozialität rauszufinden.

Es wurde natürlich ein lustiges Abendessen, und obwohl mir mein kleines Tarchun-Glück schon geliefert worden war, musste ich selbstverständlich gegen meinen ausdrücklichen Wunsch mit Wodka trinken, und wir tranken auf alles Mögliche, bis die erste Flasche leer war, sogar auf Deutschland, und wiederholt auch auf den Weltfrieden, und erzählten so vor uns hin. Die beiden waren Mitte Fünfzig, Familienväter, Freunde seit der Schule, der eine arbeitete seit kurzem tageweise als Sicherheitskraft in Sotschi und meinte, September sei der beste Monat dort, und das gebe ich mal so weiter. Der heutige Tag lief für beide so ab, dass sie hier bei Sakuska und Chinkali zwei Flaschen leeren wollten, um dann zu Hause auf Матч ТВ das Spiel Rostow gegen Anderlecht zu schauen, Hinspiel, Champions-League-Qualifikation.

Nach ungefähr einer Stunde, als alle Chinkali verspeist waren, verabschiedete ich mich, es war sehr herzlich und wir machten noch ein paar schöne allgemeingültige Ansagen. Dann ein Sommerabendspaziergang durch Moskau, den Weltfrieden im Bauch. Irgendjemand trällerte im Vorbeigehen den Song aus »Я шагаю по Москве«, Pokémonspieler standen vor goldenen Kirchen herum, und langsam amalgamierten sich die verschiedenen Lektüreeindrücke des Tages zu einer Hauptaussage, und zwar lautete diese, dass die Lage der Literaturwissenschaft einfach sehr, sehr hervorragend ist.
 

Kaffeehaus des Monats (Teil 87)

sine loco, 26. Juli 2016, 09:15 | von Paco

Wenn du mal richtig Zeitung lesen willst:

Dynia, Krakau, ein wie immer absichtsvoll schlechtes Foto, sry

Krakau
Das »Dynia« in der Ulica Krupnicza.

(Höchstwahrscheinlich eines der besten Kaffeehäuser der Welt. Es gibt eigentlich keinen USP, es ist einfach alles gleich perfekt, der Garten, das Frühstück, der Kaffee, der Name, die Gespräche der Kaffeehausbesucher [ein Satz vom Nebentisch, im Original auf Russisch: »Was eigentlich soll so gut an Germann Gesse sein?«], die dezente Präsenz der Bedienung, die Atmo, die Nähe zum Auditorium Maximum, der Deckenschmuck usw.)
 

Hitchcock in Jasnaja Poljana

Moskau, 19. Juli 2016, 13:50 | von Paco

Letzte Woche auf Tolstois Landgut, da wo er auch »Krieg und Frieden« und »Anna Karenina« geschrieben hat, zweihundert Kilometer südlich von Moskau. Grillenzirpen, Badeteiche, Sommerempfänge. Und eine Anekdote, die mir Aljona zwischen Tür und Angel erzählte. Das zerstückelte und begrabene Bett.

Es geht um ein Paar, das sich in die Herberge eingebucht hatte und dort vielleicht ein paar schöne Tage verbrachte. Aus nicht näher genanntem Grund ist ihr Bett zerbrochen. Die beiden wollten verhindern, für den Schaden haftbar gemacht zu werden, und fanden eine Lösung. Sie zerlegten das Bett in seine Einzelteile und gingen dann in zeitlichen Abständen mit Taschen oder anderem Verheimlichungsgerät hinaus in den Wald, um die Bruchstücke einzeln zu begraben.

Es gibt in den meisten Zimmern noch Sofas, die man ausziehen kann, offenbar haben sie dann auf dieser Grundlage die weiteren Nächte verbracht. Und als sich irgendwann die Hotelleitung bei ihnen nach dem Bett erkundigte, hieß es: »Welches Bett? Hier war keins drin.« Und hier endet die Anekdote, die Hitchcock als »Das Fenster zum Hof« mit leichten Änderungen verfilmt hat.
 

Die Interviewkrise

Moskau, 29. Juni 2016, 12:09 | von Paco

Gerade finden viele missglückte Interviews statt. Ein paar Beispiele. Zum Erscheinen der deutschen Übersetzung seines Sammelbandes »Distant Reading« hat »Spiegel Online« ein Interview mit Franco Moretti geführt. Der Satz mit dem »aktuellsten heißen Scheiß« klingt wie Bento meets VICE gone awry. Auch inhaltlich ist es etwas dürftig, wenn nämlich Andreas »Fahrstuhl« Bernard den Band in der FAS als »das interessanteste literaturtheoretische Buch, das seit vielen Jahren erschienen ist«, zelebriert und im SPON-Interview der technische Stand von vor tausend Jahren abgefeiert wird. Dazu Arne: »Aha. Franco Moretti macht also Named Entity Recognition, Sentiment Analysis und CSV-Dateien mit Locationdata«.

Weiteres Beispiel. Gerade hat im Palais de Tokyo eine Ausstellung mit Fotos von Houellebecq eröffnet. Und der Dichterfotograf erklärt im »Spiegel«-Interview seine Bilder (Ausg. 25/2016, S. 122–127). Das tut richtig dolle weh. Zum Eröffnungsbild der Ausstellung, das »einen dunklen Wolkenhimmel über der Stadt« zeigt, sagt Höllebeck: »Der Himmel hängt voller Versprechen und Gefahren.« Díos mío, Houellebecq ist als Mehrfachbegabung noch peinlicher als James Franco, hugh! (An dieser Stelle noch mal der Hinweis auf das ultimative James-Franco-Debunking im »stern«. Katharina Link, übernehmen Sie!)

Kleine Interviewkrise also. Dazu passt auch der von Olli Schulz in »Fest & Flauschig« 6 vorgebrachte Interviewhass, Zitat (nach ca. 1:01h): »Ich les mir keine Kackinterviews durch, wo [jemand] mal ne witzige Antwort auf ne uninspirierte Frage gibt, weil Interviews sind scheißelangweilig, […]. Meinst du, ich les mir noch ein Benjamin-von-Stuckrad-Barre- oder ein Ronja-von-Rönne-[Interview durch]!«

Daher jetzt Interviewpause, mindestens eine Woche. In der Zwischenzeit als Ersatzleistung: imaginäre Interviews! Jochen Schmidt schrieb vor fast genau zehn Jahren in der »taz«: »Eine Nobelpreisrede von Beckett wäre schlicht undenkbar, genau wie ein Spiegel-Gespräch mit Kafka.« Und das stelle ich mir jetzt vor. Volker Weidermann interviewt den großen Prager Obersekretär im nächsten »Spiegel«: »Herr Kafka, in Ihrem letzten Romanfragment behandeln Sie die Unerreichbarkeit eines Gebäudes, in diesem Fall eines Schlosses.« – Kafka: »Na ja.« Usw. usw.
 

Besuch im Serienland #11:
Die 15 besten US-Serien der Saison 2015/16

Moskau, 6. Juni 2016, 18:29 | von Paco

Die drei fast besten Staffeln in dieser TV-/Streaming-Saison waren eigentlich UK-Serien: »Downton Abbey« 6, »Peep Show« 9, »Fresh Meat« 4. Das mexikanische »Club de Cuervos« war auch nicht schlecht, und das brasilianische »O Negócio« läuft grad in der 4. Staffel. Aber diese Liste ist ja US-zentriert und kommt heut zum elften Mal, seit 2005 sind dann insgesamt 145 Staffeln hier gelistet. Wie immer wird nicht verraten, wo die Stelle ist, ab der nicht mehr gute, sondern eher sehr schlechte Staffeln gelistet werden:

1. Fargo   (2. Staffel, FX)
2. Better Call Saul   (2. Staffel, amc)
3. Narcos   (1. Staffel, Netflix)
4. House of Cards   (4. Staffel, Netflix)
5. Game of Thrones   (6. Staffel, HBO)
6. True Detective   (2. Staffel, HBO)
7. Veep   (5. Staffel, HBO)
8. Mr. Robot   (1. Staffel, USA Network)
9. Silicon Valley   (3. Staffel, HBO)
10. Girls   (5. Staffel, HBO)
11. The X-Files   (10. Staffel, Fox)
12. The Man in the High Castle   (1. Staffel, Amazon Video)
13. The Jim Gaffigan Show   (1. Staffel, TV Land)
14. Vinyl   (1. Staffel, HBO)
15. Homeland   (6. Staffel, Showtime)

Und! Ein absolutes Lektüremuss zu diesem wirklich schrecklichen zeitgenössischen Serienhype (hehe) ist nach wie vor der »ZEIT Online«-Artikel von Fabian Wolff, den wir Anfang des Jahres mit Feuillongold ausgezeichnet haben: »Oh, Tolstoi ist im Fernsehen«.

(Legacy: Die Seriencharts der letzten Jahre sind hier: 2005/06, 2006/07, 2007/08, 2008/09, 2009/10, 2010/11, 2011/12, 2012/13, 2013/14, 2014/15.)
 

Gruß aus Wien

Wien, 12. April 2016, 14:19 | von Niwoabyl

Ich sitze nämlich gerade im vierten Ausstellungsraum des nagelneuen Literaturmuseums im Grillparzerhaus. Schöner und reicher ist wohl kein Literaturhaus auf der Welt. Diese Räumlichkeiten sind eine Hymne an die Schriftkultur österreichisch-größenwahnsinnigsten Ausmaßes.

Ich sitze da ganz allein und verlassen, als einziger Besucher tief in der Höhle, von Raum zu Raum gejagt von gefühlt zwanzig älteren, steifen, wienerisch vor sich hin murmelnden Museumswärtern, faszinierend.

In einer Vitrine mir gegenüber sind versammelt: ein Krauthobel aus dem Nachlass von Adalbert Stifter, der Selbstmordrevolver von Ferdinand von Saar, Ernst Jandls Metronom, Peter Handkes Maultrommel, Lernet-Holenias Springschnur und Doderers Morgenmantel.

Und dann das Original eines handschriftlichen Fanbriefs von Ian Fleming an Leo Perutz!
 

Durch den neuen »Spiegel« fegt ein kalter Wind

München, 21. Februar 2016, 13:17 | von Josik

Die Metapher der Woche, auf die man sich für die Ausgabe 8/2016 inner­redaktionell geeinigt hat, ist diesmal auf den Seiten 96 und 129 zu bestaunen:

»Vom Maidan, dem Platz der Unabhängigkeit, steigt die Straße steil an und führt zum Präsidentenpalast. Über ihr Pflaster fegt ein kalter Wind, so kalt wie im Februar vor zwei Jahren, als das Blut in den Ritzen zwischen den Steinen versickerte.«

Moritz Gathmann: »Die Enttäuschten«, S. 96

»Zwei Wochen vorher in Moskau. Kalter Wind fegt durch die Straßen, als sich Nadja Tolokonnikowa noch einmal für ein paar Stunden in den Moskauer Untergrund begibt.«

Tobias Rapp, Matthias Schepp: »Anti-Putin-Superstar«, S. 129
 

Die besten Feuilletons der Jahre 2005–2015

Göttingen, 8. Februar 2016, 21:43 | von Paco

Wie versprochen folgt hier ein bisschen Feuilletongoldstatistik. Wir, das Consortium Feuilletonorum Insaniaeque, haben ja in den letzten 11 Jahren jeweils 10 beste Feuilletontexte ausgezeichnet. Die ausführlichen Listings kann man nach wie vor rechts in der Seitenleiste aufrufen, aber eine viel bessere Komplettübersicht findet sich seit neuestem hier in unserem Datenzentrum.

Wenn man das alles ein bisschen ausgezählt hat, kann nun verkündet werden, dass die besten drei Feuilletons der Jahre 2005–2015 von diesen Zeitungen gemacht wurde, und zwar in dieser Reihenfolge:

1. SZ (19 Artikel in den Top Tens)
2. FAZ (15)
3. FAS (13)

Auf den nächsten Plätzen:

4. Spiegel (10)
4. Zeit (10)
6. Welt (7)

Jeweils drei Mal wurden ausgezeichnet: der Freitag, FR, NZZ, taz, Zeit-Magazin. – Zwei Mal: Netzeitung, SPON, SZ-Magazin, Wiener Zeitung. – Jeweils einmal kamen vor: ARD, Evening Standard, Facebook, Focus, Guardian, Handelsblatt, junge Welt, Jungle World, Literaturen, Münchner Abendzeitung, Presse, Russkij Pioner, Standard, stern, Tages-Anzeiger, Tagespost, Tagesspiegel, The European, WAMS.

Wenn man die – nun ja – Medienkonglomerate jeweils zusammennimmt, ergibt sich dieses Ranking, das vielleicht ein noch besseres Bild vermittelt:

1. FAZ + FAS (28)
2. SZ + SZ-Magazin (21)
3. Zeit + Zeit-Magazin (13)
4. Spiegel + SPON (12)
5. Welt + WAMS (8)

Es gab bei unseren Rankings einige Anomalien, anfangs wurden auch nicht-deutschsprachige Artikel prämiert, ab und zu wurden zwei Artikel verschiedener Autoren als nur gemeinsam preiswürdig erachtet (zuletzt Böhmermann & Rosenfelder). Und noch ein paar andere Sachen. Aber grosso modo ergibt sich aus unserer Zusammenzählerei doch ein gutes Bild der letzten 11 Feuilletonjahre, no?

Und hier noch unsere Lieblingsautorinnen und -autoren, nämlich jene, die mehr als einmal mit Feuilletongold bedacht wurden:

Dreimal ausgezeichnet:

  • Renate Meinhof
  • Kathrin Passig
  • Michael Angele

Zweimal ausgezeichnet:

  • Simone Meier
  • Iris Radisch
  • Henryk M. Broder
  • Dietmar Dath
  • Marcus Jauer
  • Heribert Prantl
  • Peter Richter
  • Frank Schirrmacher

Und das war’s jetzt nun aber wirklich mit dem Heavy Feuilletoning der letzten Jahre. Golden Mole is over, bye-bye!
 

Das »Umblätterer«-Archiv

Göttingen, 5. Februar 2016, 17:37 | von Paco

Lange nach dem Abklingen der letzten Feuilletongoldfanfaren haben wir nun unser Archiv ausgemistet und zumindest die physischen Teile nach M geschickt (Müll oder Marbach, lassen wir mal offen, hehe). Wir haben auch ein bisschen dokumentiert, hier zum Beispiel unser nun schon knapp elf Jahre alter Belegausriss des ersten Gewinnerartikels (2005):

Beim nächsten Glas (Artikel von Stephan Maus, 2005)

Am Montag kommt dann die versprochene Feuilletongoldstatistik nach, da kann man noch mal kucken, ob unsere Befunde dem eigenen Feuille­tongefühl entsprechen, das man so zuletzt hatte. Bis dahin, la-la-la!
 

Umblätterer’s Delight: Mixtape 2012

Bonn, 2. Februar 2016, 19:22 | von Katana

 

  1. Here We Go Magic: Hard To Be Close (vimeo)
  2. Purity Ring: Fineshrine (youtube)
  3. XXYYXX: Breeze
  4. Alt-J: Breezeblocks (youtube)
  5. Beach House: Lazuli (youtube)
  6. Kuedo: Scissors (soundcloud)
  7. Animal Collective: Wide Eyed (youtube)
  8. Grimes: Eight
  9. John Talabot: Missing You (youtube)
  10. Hot Chip: Night & Day (youtube)
  11. Hobo: Shadowz
  12. Lower Dens: Lamb
  13. The xx: Swept Away
  14. Ben Howard: Black Flies (youtube/live)
  15. Holy Other: Tense Past
  16. Maximo Park: Hips and Lips (vimeo)
  17. Grizzly Bear: Speak in Rounds (youtube/live)
  18. Lorn: Everything Is Violence
  19. Cristian Vogel: Deep Water (soundcloud)
  20. Marsimoto: Alice im WLAN Land
  21. Twin Shadow: You Call Me On
  22. Patrick Watson: Noisy Sunday
  23. Lana Del Rey: This Is What Makes Us Girls

The Umblätterer’s Delight Series 2012–2015:
Mixtape 2012 | Mixtape 2013 | 50 wichtigste Alben 2013 | Jahresrückblickiana 2014 | Mixtape 2015