»Lehman Brothers«

München, 12. Februar 2017, 23:05 | von Josik

Nach Regensburg! Nach Regensburg! Die gesamte Regensburger Politprominenz befindet sich gerade in Untersuchungshaft, was Jonesy und ich zum Anlass nahmen, mal nach Regensburg zu fahren, und außerdem hatten wir ja auch Karten für die Premiere von Stefano Massinis Stück »Lehman Brothers« am vorvergangenen Samstag im Regensburger Velodrom.

Mithilfe des sogenannten Servus-Tickets zuckelten wir also nach Regensburg, wobei ich mir als Zug- und Zuckellektüre »Das Rote Rad« von Alexander Solschenizyn, genauer gesagt, den ersten Teil von »März siebzehn« eingepackt hatte. Die ersten paar tausend Seiten des »Roten Rads« hatten mich ja ein bisschen gelangweilt, aber mittlerweile war ich eben bei den Mittagsstunden des 12. März 1917 angelangt und es wurde bereits wahnsinnig viel geballert, und ich wusste ja, dass heute abend, am 12. März 1917, also schon in wenigen hundert Seiten, ganz Petrograd in den Händen der Aufständischen sein würde, die Zeit verging jetzt also wie im, hehe, Zug.

Eine Spannung ganz eigener Art, denn natürlich ist es ja immer noch ein historischer Roman, und die Spannung war, versteht sich, nicht der Art, dass ich fieberte, ob der Zar am Ende es vielleicht doch noch irgendwie schaffen wird, vielmehr schildert Solschenizyn an diesem 12. März einfach sehr viel Geballer, und es war irgendwie geil, von diesem Geballer zu lesen, es war nun wie ein Ballerfilm, nur eben in Form von Literatur.

In Regensburg angekommen, war ich dann ungefähr eine Sekunde lang erstaunt, dass die Stadt so friedlich dalag, bis mir klar wurde, dass hier ja grade keine Revolution im Gange war, sondern das genaue Gegenteil von Revolution, nämlich real life. Auf dem Weg zu unseren Regensburger Stadtführern kamen wir dann auch gleich am Schloss vorbei, Fürstin Glorias mutmaßlichem Erstwohnsitz, und es war doch ein ziemlicher Schock zu erfahren, dass man als gemeiner Pöbel das Schloss gar nicht von vorne sehen kann.

Nun waren es immer noch ein paar Stunden, bis das Theaterstück losging, also starteten unsere Stadtführer ihre kleine Stadtführung, und als erste Sehenswürdigkeit wurde uns überraschenderweise das Haus gezeigt, in dem Bischof Tebartz-van Elst wohnt. Ich meinte mich dunkel erinnern zu können, irgendwo gelesen zu haben, dass Tebartz-van Elst in den Vatikan abgeschoben wurde und dort nun den Posten eines Aushilfsvorbeters oder sowas bekleidet, aber dass Tebartz-van Elst nunmehro auch in Regensburg residiert, war bisher irgendwie an mir vorbeigerauscht.

Punkt 2 der Stadtführung stand eigentlich nicht auf der Liste, aber als wir an einem sehr stylishen Waschsalon Obermünsterstraße Ecke Soundsostraße vorbeiliefen, hörten und sahen wir, dass innen im Waschsalon, mitten im Raum, eine Cellistin ein Stück probte! Wir überschlugen uns vor Begeisterung und wiesen auf diesen Anblick auch einige Umstehende hin, die wir für Eingeborene hielten und die wir fragten, ob es in Regensburg denn ganz normal ist, dass an einem frühen Samstagabend mitten in einem sehr stylishen Waschsalon eine Cellistin ein Stück probt. Die Antwort war: Nein.

Unsere Stadtführer schlugen nun vor, dass wir das Abendessen in einem kurdischen Lokal namens »Schwedenkugel« einnehmen sollten, leider war dieses Restaurant aber zu weit weg und deswegen war nicht mehr genug Zeit, dorthin zu laufen, denn das Theaterstück ging ja bald los, aber essen wollten wir vorher unbedingt noch was, und so gingen wir eben in die Spaghetteria, vor der wir zufällig gerade standen, und bestellten das sogenannte Nudelabenteuer. Auf der Speisetafel stand auch folgender toller Satz: »Akademisches Nudelabenteuer – nur montags außer feiertags«.

Im Lokal befanden sich jedenfalls außergewöhnlich viele Hunde, darunter auch ein Shiba Inu, während wir doch eigentlich nur in Ruhe ein paar Spaghetti verspeisen wollten. Danach sprinteten wir zum Velodrom, nun ging endlich das Stück los! Aber ach, eine Frau in Reihe 17 bekam einen entsetzlichen Schluckauf. Aus den Augenwinkeln nahm ich wahr, wie die Leute sich zu der Frau in Reihe 17 umdrehten, und man konnte sich wohl ausrechnen, dass sie ihr böse Blicke zuwarfen, aber diese Böseblickezuwerferei war natürlich völlig sinnlos, denn es war ja klar, dass die arme Frau in Reihe 17 gar nichts für ihren Schluckauf konnte, und wenn sie rausgegangen wäre, hätte sie ja noch viel mehr Unruhe in den Reihen verursacht, also konnte sie im Prinzip ja nur sitzenbleiben und warten, bis ihr Schluckauf vorbeiging, was nun zwar auch keine besonders tolle Alternative war, aber in Anbetracht aller anderen Möglichkeiten doch eigentlich immer noch die beste.

So richtig konzentrieren auf das Bühnengeschehen konnte man sich während dieses nicht enden wollenden Schluckaufs aber auch nicht, ich versuchte es trotzdem, ich versuchte mir irgendwie einzureden, dass dieser Schluckauf einfach Teil der supersten Bühnenmusik des supersten Thies Mynther sei, ich stellte mir vor, dass Thies Mynther hier krasse Schluckaufsounds designt hatte, aber so ganz gelang mir die Illusion nicht, denn die Bühnenmusik kam ja nun mal von vorne und von der Seite, der Schluckauf aber kam eindeutig von hinten. Kurz nachdem der Schluckauf der Frau in Reihe 17 zu Ende war, war plötzlich auch das Stück zu Ende, jetzt wäre es natürlich egal gewesen, jetzt hätte die Frau in Reihe 17 ruhig weiter ihren Schluckauf vor sich hin hicksen können, denn in dem tobenden Applaus, der nun einsetzte und noch lange nicht abebbte, hätte man diesen Schluckauf ja ohnehin nicht mehr gehört.

Als der Applaus dann doch irgendwann abebbte, gingen wir noch auf die Premierenparty im ersten Stock, und da sahen wir, wie sich am Buffet grade Ulrich Matthes, der Ulrich Matthes, zu schaffen machte. Also konnten die Regensburger doch einen Prominenten auftreiben, der nicht in Untersuchungshaft war. Ich ging dann zum Regisseur, von dem ich wusste, dass er juristisch beschlagen ist, und gab ihm als Premierengeschenk Professor Wolfgang Schilds kleine Broschüre »Verwirrende Rechtsbelehrung. Zu Ferdinand von Schirachs ›Terror‹«, die ich extra mitgenommen hatte und die Professor Heribert Prantl vor einiger Zeit in der S-Zeitung so überschwenglich gelobt hatte und auf die auch der aus dem vorletzten »Spiegel« bekannte Professor Thomas Fischer schon einmal öffentlich Bezug genommen hat.

Am nächsten Morgen beim Frühstück im Café Lila sahen wir sogar wieder Leute, die wir auch im Theater gesehen hatten. Am Tresen im Café Lila lungerten zwei junge Männer Anfang zwanzig herum und soffen schon um halb zehn Uhr morgens ihr Bier, und während Junger Mann 1 auf Toilette war, kippte Junger Mann 2 in das Bierglas von Junger Mann 1 etwas Salz. Als Junger Mann 1 aber wieder zurückkam und sein Bier weitertrank, merkte er nicht mal, dass es gesalzen war. Der Streich ging nach hinten los, alles blieb völlig friedlich, und deswegen hatte ich dann bei der Rückfahrt auch keine rechte Lust, Solschenizyns Revolutionsepos weiterzulesen, sondern vertiefte mich in die Lektüre der aktuellen Ausgabe (No. 169 – Februar 2017) des irgendwo rumgelegen habenden und von uns mitgenommenen Regensburger Stadtmagazins »filter«. Klar, wenn das Wiener Stadtmagazin »falter« heißt, wieso sollte sich dann das Regensburger Stadtmagazin nicht »filter« nennen. Auf Seite 46 war den Redakteuren aber irgendwie was verrutscht, denn dort stand und steht folgendes, ich zitiere in voller Länge:

»04.02.
›Lehman Brothers – Aufstieg und Fall einer Dynastie‹.
Die ultimative Stammgast-Party. Von 21 bis 23 Uhr heißt es ›friends only‹ – alle offenen Getränke gibt es for free. Wie das klappt? Sichere dir jetzt deinen Platz auf der Gästeliste. Frag einfach bei dem/der BEATS-Baarkeper/in deines Vertrauens nach.
Wann: 19.30 Uhr.
Wo: Velodrom.«

Kammerspiele

München, 6. Januar 2017, 16:05 | von Josik

Es war eine sternenklare Nacht. Im Zentrum von München sah man davon natürlich rein gar nichts, aus Feinstaubgründen, aus Nebelgründen und wegen dem ganzen anderen Schmodder. Ich hatte mich mit Don Ron um viertel vor sieben am Eingang der Kammerspiele verabredet. Beide hatten wir einen langen Arbeitstag hinter uns, deswegen konnten wir vorher kein Bier mehr trinken gehen, sondern kamen direkt von der Arbeit. Nun aber wollten wir endlich das tun, worauf wir uns schon seit Monaten gefreut hatten: »Wut« von Elfriede Jelinek sehen, in der Inszenierung von Nicolas Stemann.

Im Foyer der Kammerspiele dann: eine Schulklasse! Welcher Deutschlehrer bitteschön schleift denn eine Schulklasse in eine Jelinek-Inszenierung hinein? Noch dazu eine Inszenierung, die vier oder fünf Stunden dauert? Nun, vielleicht verehrte dieser Lehrer Jelinek ja genauso wie ich, vielleicht war er, genau wie ich, der Meinung, dass Jelinek die Literatur revolutioniert hat wie seit Goethe niemand mehr. Goethe, Jelinek, die ganze Literatur dazwischen war im Prinzip uninteressant.

Mein Namensvetter Josik von Sonnenfels musste damals vor zweieinhalb Jahrhunderten seine Wiener Zeitschrift »Der Mann ohne Vorurtheil« nennen, unter mir als seinem sozusagen Nachfahr würde sie heute »Der Mann mit Vorurtheil« heißen. Denn ich horchte in mich hinein und wurde gewahr, was ich fühlte, nämlich dass ich diese Schulklasse schon jetzt durchaus hasste. Aus Erfahrung wusste ich ja, wie sich diese Siebzehnjährigen im Theater traditionellerweise verhalten, wie sie kichern und wie sie stören, wie sie schwätzen und wie sie mit Bonbonpapierchen rascheln, wie sie pausenlos WhatsApp-Nachrichten mit viel zu vielen Emojis schreiben und wie sie den Zuschauerraum mit ihren Displays beleuchten.

Der Zuschauerraum selbst war überraschend leer: Die Schulklasse mit ihrem wahnsinnigen Lehrer nahm Platz, eine Handvoll Schwabinger Schreckschrauben, außerdem ein paar versprengte Gestalten sowie Don Ron und ich. Seltsam, die Kammerspiele waren doch in aller Munde? Christine Dössel hatte in der S-Zeitung eine interessante Kampagne zu den Kammerspielen vom Zaun gebrochen, und ich hatte gedacht, dass das die Zuschauerzahlen wieder enorm in die Höhe treiben würde. Anscheinend war aber heute abend das Gegenteil eingetreten?

Nicolas Stemann kam auf die Bühne, gab den Conférencier und meinte, es gebe keine Pause, zu einem gewissen Zeitpunkt würden aber die Lichter im Saal angehen und man könne gerne rausgehen und sich was zu essen und zu trinken mit reinnehmen, solle dabei bitte auf die Kissenbezüge achten, das kenne man ja von zuhause, und unterdessen werde auf der Bühne freilich weitergespielt werden, und die Szenen, die während der Pause, die ja gar keine Pause ist, gespielt würden, seien nicht die schlechtesten, außerdem sei das Stück, das Jelinek bekanntlich anlässlich des Anschlags auf »Charlie Hebdo« geschrieben hat, schrecklicherweise immer aktueller geworden.

Diese Ansage versprach schon mal nichts Gutes: Wenn das Stück so aktuell ist, wie der Regisseur sagt, dann würde man das doch von selbst merken, wozu also hob Stemann das eigens hervor? Dass wir uns in der Pause, die ja gar keine Pause war, keine Fressalien zu holen brauchten, war auch klar, u. a. deswegen, weil ich ohnehin schon Lebkuchen im Gepäck hatte und eine Flasche Moskovskaja, die ich neulich bei einer Wette gegen Don Ron verloren hatte. Ich hatte behauptet, dass Donald Trumps aktuelle Frau aus der Slowakei stamme, aber das war natürlich Unsinn, denn sie stammt ja aus Slowenien. Dass Donald Trumps erste Frau nicht aus Slowenien, sondern aus der Slowakei stammte, half mir logischerweise nichts.

Dann ging das eigentliche Stück los. Man muss leider sagen, dass es gerade am Anfang ziemlich schlecht war. Einige Zeit darauf war es glücklicherweise schon mittelmäßig, und kurz vor der Pause, die ja gar keine Pause war, wurde es sogar beinahe gut. Stemann hatte also wahrscheinlich recht mit seiner Ansage, dass die Szenen, die während der Pause, die ja gar keine Pause war, gespielt werden, nicht die schlechtesten sind.

Man konnte sich sehr gut ausrechnen, wie es weitergehen würde: Nach der Pause, die ja gar keine Pause war, musste die Inszenierung brillant werden, einige Zeit darauf perfekt und am Ende genial! Die Strategie dahinter verstand ich leider nicht. Wäre es im Interesse der Zuschauer nicht umgekehrt sinnvoller gewesen, man hätte mit den genialen Passagen angefangen, dann zu den perfekten und brillanten übergeleitet, und die mittelmäßigen und schlechten einfach gestrichen?

Ich war aber auch ziemlich verstört, weil die Schulklasse absolut aufmerksam war. Wahrlich, man konnte sich keine aufgeschlosseneren, interessierteren und lautloseren Theaterzuschauer als diese Schüler wünschen. Wie war das möglich? Ist Jelinek inzwischen bayerischer Eliteabiturstoff? Und war dieser Theaterbesuch der vollgültige, pragmatische und ja auch einzig mögliche Ersatz für die Lektüre des Stücks? Es war ja klar, dass kein Schüler das Jelinek-Stück gelesen haben konnte. Das Stück steht frei und kostenlos verfügbar auf Jelineks Homepage, aber wenn man nur mal bis zum Ende dieses Stücks runterscrollte, dauerte dies drei Wochen, und wenn man das Stück ausdruckte, brauchte man dafür fünfhunderttausend Blatt.

In der Pause, die ja gar keine Pause war, schlichen Don Ron und ich uns raus, da wir ja noch ein Bier trinken gehen wollten. Nach dem Ende des Stücks wäre es dafür natürlich zu spät gewesen. Außerdem schmerzten unsere Knie, da die Stuhlreihen in den Kammerspielen so dicht beieinander stehen, dass es sogar jemand wie ich, der weiß Gott nicht hoch gewachsen ist, dort nicht lange aushält – anthropologisch gesehen ist der Selbsterhaltungstrieb am Ende dann doch stärker als die Jelinekverehrung.

Wir gingen also ins Conviva, bei den Kammerspielen um die Ecke. Am Nebentisch saß eine stadtbekannte Literaturagentin. Don Ron bestellte ein kleines Bier, ich bestellte ein großes Wasser. Wir sprachen über die soeben gesehene erste Hälfte der Inszenierung, waren aber etwas ratlos. Wäre es vielleicht doch besser gewesen, das Stück vorher auf irgendeine noch zu erfindende Weise zu lesen? Am selben Abend hätte es in einer Außenstelle des Lyrikkabinetts laut Programm auch eine Veranstaltung gegeben, in der diverse Gedichte und Lyrikübersetzungen der von Suzan Kozak, Karin Fellner und Tristan Marquardt angeleiteten Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Sammelkurse Türkisch Q11 und Q12 vorgestellt wurden. Vielleicht hätten wir lieber dorthin gehen sollen?

Aber es half ja nichts, wir mussten nach vorne blicken. Die stadtbekannte Literaturagentin ging an unserem Tisch vorbei, auf die Toilette. Don Ron erzählte von der großen Jürgen Kuttner’schen Videoschnipsel-Party, die er wenige Tage zuvor in der Volksbühne in Berlin miterlebt hatte, und dass dort der bekannte Wahlkampfsong von Joseph Beuys »Wir wollen Sonne statt Reagan« nicht, wie sonst immer, am Ende vorgespielt worden war, sondern gleich ganz am Anfang. Das überraschte mich nun sehr.

Die Bedienung brachte eine 0,75l-Flasche Wasser und ein 0,25l Glas Bier. Uns traf beinahe der Schlag. In der ganzen Welt versteht man unter einem »großen Wasser« ein 0,4- oder 0,5l Glas Wasser, aber doch keine 0,75l-Flasche! Und in der ganzen Welt versteht man unter einem »kleinen Bier« in etwa ein 0,33l-Bier, außer natürlich in solch lächerlichen und kulturlosen Verwaltungseinheiten wie Köln oder so (no offence!).

Juristisch gesehen hatten wir keine Chance: Ich hatte ein großes Wasser bestellt und ein großes Wasser bekommen, wenn auch ein sehr großes, Don Ron hatte ein kleines Bier bestellt und ein kleines Bier bekommen, wenn auch ein sehr kleines. Zusätzlich hatte mich nun eine große Unruhe erfasst, weil die stadtbekannte Literaturagentin nach vielleicht vierzig Minuten noch immer nicht von der Toilette zurückgekommen war. None of my business natürlich, aber ich machte mir irgendwie langsam Sorgen.

Don Ron hatte sein mit dem menschlichen Auge kaum sichtbares Bier längst ausgetrunken, ich meinen gefühlten Maßkrug Wasser mittlerweile auch. Es war Zeit zu gehen. Wir verabschiedeten uns, und ich machte mich über die menschenleere Maximilianstraße gedankenverloren auf den Heimweg. Obwohl ich nicht Pokémon spiele, ging ich wie immer zu Fuß. Wenn alles nach Plan läuft, werden Don Ron und ich uns in den Kammerspielen demnächst die zweite, die geniale Hälfte von »Wut« ansehen, worauf ich mich schon riesig freue.
 

Bertolt Brecht in Russland

Moskau, 13. Dezember 2016, 15:55 | von Paco

Ein Dresdner Kollege hatte eine Gastvorlesung gehalten und zum Tagesausklang gingen wir dann noch in die armenische Schenke gegenüber der Epiphanien­kathedrale. Am Nebentisch saß ein älterer Herr, der ab und an vor sich hinmurmelte, bis er sich dazu entschied, doch ganz direkt in unser Leben zu treten.

Nachdem er also bezahlt hatte und sich zum Gehen anschickte, stellte er sich freundlich vor uns auf. Er könne selbst kein Deutsch, aber liebe den Klang der deutschen Sprache, es sei eine Wonne gewesen, dem Klang unserer Stimmen zuzuhören. Komplimente, kurze gegenseitige Vorstellung. Und er sei so ein großer Fan von Brecht, er habe alles von ihm gelesen usw.

Brecht, nun ja, hin oder her, Wiedererkennungsfreude ist ein Ding für sich, und wir schwelgten in Schlagworten und Titeln und suchten in den Augen unseres neuen Bekannten nach Reaktionen, »episches Theater«, »Kurt Weill«, »Fragen eines lesenden Arbeiters«, »Erinnerung an die Marie Aaaaah!«, »Mutter Courage«.

Unsicherer Blick. Hatten wir die Titel falsch übersetzt? Kenne er jetzt alles nicht. Seien das auch diese philosophischen Bücher, die ihm so gefielen?

Wie? Die theoretischen Schriften Brechts, liest die noch jemand, und welche überhaupt? Brecht, wirklich Bertolt Brecht?

»Bertolt, äh, ich glaube nein, eher so Hermann Ludwig –, njet, Alexander Baldur –, njet –.«

»Richard David?«

»Totschno!«
 

Derrida

Lille, 15. September 2016, 22:44 | von Niwoabyl

Wie schon erwähnt lese ich gerade »Für immer in Honig« und habe eben Seite 600 erreicht. Vor zwei, drei Tagen war ich bei einem Kapitel angekommen, in dem zwei »Denker« vorkommen, und zwar tragen sie die Vornamen Jacques und Jürgen. Hahaha! (So hervorragend und empfehlenswert es ist, klingt »FiiH« leider ab und zu ein bisschen nach Jugendwerk, Dath kann oft nicht einfach aufhören, wenn’s gut und witzig ist, sondern muss immer wieder eins drauflegen, und dann kommt irgendwas Plumpes gegen Postmoderne und so.)

Das hat mich dann an Horzon erinnert, bei dem Derrida ja auch eine prominente Rolle spielt, direkt im ersten Kapitel vom »Weissen Buch«, als Haupterlebnis seiner Pariser Zeit (als PDF auf suhrkamp.de, S. 11–13). Und damit dachte ich dann wiederum sofort an Gespräche mit Österreichern, denen ich erklären musste, dass ich ja wirklich Franzose bin, aber mit Derrida nichts anfangen kann, und sie sagten, wie ist das möglich.

Da fiel mir auf: Ich habe eigentlich bislang überhaupt nur mit Deutschen und Österreichern über Derrida geredet (d. h., eigentlich sie von Derrida erzählen hören), und einmal vielleicht noch mit Amerikanern, aber auf jeden Fall nie mit Franzosen. Ich glaube, mein einziges Derrida-Gespräch auf Französisch fand 2003 statt, ich war gerade eben nach Paris gewechselt, als mir jemand erzählte, im Telefonbuch der ENSianer stehe Derridas private Telefonnummer (was auch stimmte, allerdings unter seinem bürgerlichen Namen Jackie Derrida). Sonst ging es irgendwie nie um ihn.

Als junge Studenten unterhielten wir uns über Foucault, wir lasen Deleuze und zitierten ihn nächtelang, wir führten Debatten über Strukturalismus in seiner Softcore- (Barthes) wie in seiner Hardcore-Prägung (Lévi-Strauss). Die ganz Philosophischen entdeckten auch Wittgenstein und Quine und die Sprachphilosophie für sich, die weniger Philosophischen versuchten es halt mit den politischen Autoren, alle mussten irgendwie für oder gegen Bourdieu sein. Wir waren also im Kopf Zeitgenossen unserer Lehrer.

Aber die eigentliche Postmoderne, Derrida und Lyotard, fand bei uns einfach nicht statt. Der vielleicht größte Star der Clique, der in Deutschland und den USA andauernd zitierte, wurde nicht zur Kenntnis genommen. Niemand las das oder wollte das lesen, das war kein Thema und gehörte schlicht und ergreifend nicht zum Kanon. Schwierigkeit könnte natürlich ein Grund sein, aber irgendwie auch nicht, denn einige – ich nicht – waren durchaus auch auf dem Weg zur Lacan-Kennerschaft, und unleserlicher kann selbst Derrida eigentlich nicht sein.
 

Kele hat’ta Chrigu Krachtu plikel be-reshta

Moskau, 13. September 2016, 21:07 | von Paco

Mugza ber nepo la kentop su »Keleges« (»Die Toten«) bo seren’ta plen. Bus kulta nasrat nu ponteve set. Rag set. De viul ger sot ande filmos benuk.

Bulko ter sa kramlon ta mer pantrele, ospe bo la sinita plesizte coto locandat. Ter set jolirandra ulkem bo ger rantislit balurpo maxim. Kontrek pan de bo sintra na Carli Caplin’a plek. Ek ter ma lutrente fil ta gruro, ra kelek’te sunam.

Aiar ga anga’a sausa ne uts ga rag matahuk anak, gua nepe iang euna. Lukant elt lemor ha Suis reisor at sufta, bundel kand ne ruga niponta surkan. Ku saga, rag set nir. Eun laftan, ta mer runanda gat set ne kauna nah kans.

In letertara runan kiast’ta calftun gia upa su gagang. Dua hurniang Krachte avtor’la aiar ana kaniang iang ratlaks. Nur lu sa Suisa go, Emile Nagelu, bo la ne film’te anakati tung un gautsa, aiat lest ta’ha gagang.

Dede sinunt ilel be-sapta, lelisedir dida saus teatir su no, kan geisu lar ufas ne haleir nal sinit mesher. Run meriro lehek ha »daia tudal« mene, se hu keset naid ner bish farait’ta. Eru wais kaniang shu nunta ne sabere nik on »Keleges«, lo han ma balat ter sa muhat. Su oste ner mahat bo teatir vi letertur sehek, ra sohot ne lemora serfi kans.
 

100-Seiten-Bücher – Teil 119
Hennie Raché: »Liebe« (1901)

Moskau, 31. August 2016, 09:04 | von Paco

Ich kam auf Hennie Raché durch das 1928 erschienene Buch »Die Frühvollendeten« von Guido K. Brand. Darin lauter Biografien von jung dahingegangenen Dichter*innen, und Hennie Raché gehört mit zum Ensemble, gestorben 1906 mit nur 29 Jahren. Ich fand ihre Buchtitel irgendwie ganz selbstevident, von »Nocturno. Pathologische Liebesgeschichten« über »Das Gasthaus zum deutschen Michel. Roman« hin zu »Töff-Töff. Lustspiel in einem Akt (für 1 Herrn und 2 Damen)«.

Ihr Tod liegt zeitlich leider kurz vor dem Start des Sammelauftrags unserer Nationalbibliothek (1912), daher sind diese Bände nicht zentral zu greifen. Meist gibt es auch nur eine einzige Uni-Bibliothek, die überhaupt ein Exemplar vorrätig hat, und da muss man sich dann melden. Frisch digitalisiert ist ihr Kurzroman »Liebe« von 1901 (nach dem Exemplar der Uni-Bibliothek Augsburg). Der basalste und überzeugendste Titel überhaupt, zusammen mit dem schönen Namen der Autorin könnte das heute noch ein Bestseller werden.

»Liebe« ist ein blitzschnell lesbarer Hundertseiter, nicht wirklich raffiniert geschriebene Literatur, aber das muss ja kein Nachteil sein. Die Story spielt in Hamburg: Ludwig Schmidhammer hat dasselbe Problem wie Michail Gorbatschow, nämlich ein Feuermal am Kopf, allerdings verschärft gegenüber Michael Sergejewitsch, nämlich quer übers Gesicht. Deshalb, glaubt er, mag ihm niemand echte Liebe entgegenbringen, und das nimmt ihn sehr mit. Er ist nun 35 Jahre und lernt Leonore Welti kennen, genannt Lea. Die ist 25 und quirlig mit Hang zum Pferdestehlen: »Ich thue ja trotzdem immer, was ich will, – auf jede Gefahr hin«!

Lea ist materiell ebenso gut aufgestellt wie Ludwig, und es gibt also offenbar keinen anderen Grund für ihr Zusammenkommen (plus Heirat) als wahre Liebe. Diese wird über Dutzende Seiten immer wieder neu diskutiert, denn Ludwig ist pathologisch misstrauisch, sein Wehklagen ist von Anfang an nicht so leicht erträglich. Aber Hennie Raché strebt schon nach dem Höchsten und lässt zu diesem Zweck wieder mal den Tod als Beweis für die Echtheit einer Liebe auftreten, das Buch endet mit einer Anspielung auf Heines »Asra«-Gedicht.

Länge des Buches: 116.500 Zeichen. – Ausgaben:

Hennie Raché: Liebe. Roman. Leipzig: Müller-Mann 1901. S. 1–119. (= 119 Textseiten) (online)

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

100-Seiten-Bücher – Teil 118
César Aira: »Der kleine buddhistische Mönch« (2005)

Moskau, 29. August 2016, 21:36 | von Paco

Buch aufschlagen und schon sind wir in Korea. Ein kleiner (wirklich sehr, sehr kleiner) buddhistischer Mönch hat sich autodidaktisch mit westlicher Kultur vollgepumpt (Sprachen gelernt; Shakespeare, Balzac, Kafka gelesen) und möchte nun irgendwie in den fernen Westen rübermachen. Wie gut, dass er zufällig auf ein französisches Touristenpaar trifft. Es handelt sich um den freiberuflichen Fotografen Napoléon Chirac und seine Ehefrau Jacqueline Bloodymary, die sich als Künstlerin auf den Entwurf von Teppichmustern festgelegt hat.

Das fernwehgetriebene Mönchlein kann berechtigte Hoffnung hegen, denn die drei sind ein gutes Team und unterhalten sich angenehm über dies und das. Dabei versucht der Kleine seinen freudigen Zuhörern die Magie seines koreanischen Heimatlandes zu erklären. Chirac möchte schließlich von einem geeigneten Ort eines seiner 360°-Panorama-Fotos machen. Die Reise geht also per Bahn zu einer buddhistischen Tempelanlage, wo der Fotograf sein Equipment aufbaut und loslegt. Am Ende kommt aber raus, dass ihr Minimönch nur der Prototyp einer 3D-Projektion ist und das Touristenpaar unbemerkt in eine Parallelwelt entführt hat. Doch Rettung ist nah, ein Wagen der französischen Botschaft holt die beiden gerade noch rechtzeitig aus dem Schlamassel ab.

Im Rahmen dieser Kernerzählung geht es sonst noch auf höchstem Diskursniveau um folgende Dinge: die Natur von Witz und Humor, das Wesen des Tourismus, den (koreanischen) Ursprung von SpongeBob, die kinderleichten Regeln der koreanischen Sprache, eine große schwarze Hündin namens Glühwürmchen, das Drama des Verheiratetseins. Das Buch endet damit, dass der Mönch durch einen dunklen Wald zu seinem heimischen Fernseher flüchtet, um eine Sondersendung über die endlich gelungene millimetergenaue Lokalisierung der Klitoris zu schauen. Und da kann man nur hoffen, dass der kleine Pfiffikus das schafft, aber es sieht nicht gut aus, denn er rennt sich zwar die Seele aus dem Leib, aber »der Wald schüttete weiter seine endlosen, dunklen Weiten über ihn«.

Länge des Buches: > 115.000 Zeichen. – Ausgaben:

César Aira: Der kleine buddhistische Mönch. Novelle. Hrsg. und übers. aus dem Span. von Klaus Laabs. Berlin: Matthes & Seitz 2015. S. 3–95. (= 93 Textseiten)

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

Zur Lage der Literaturwissenschaft

Moskau, 27. Juli 2016, 08:57 | von Paco

Gestern war ich wie immer früh um 8:30 Uhr an der Uni, begab mich hinter die Sicherheitstür meines bureau of investigations und las dann in acht Stunden den gesamten Band 4/2015 der »Deutschen Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte« (DVjs) durch, ein Sonderband: »Zur Lage der Literaturwissenschaft«. Hatte den Band schon lange herumliegen und nun, während es an der Uni muxmäuschenstill war – keine Studenten, kaum Kollegen und nur ein paar Elektriker, die ab und zu den Strom abstellten –, konnte ich endlich wieder ungestört Printsachen runterlesen.

Die DVjs war ziemlich spannend, sobald ich einen Artikel fertig hatte, wirkte jeder Titel und jeder Verfassername des nächsten Artikels wie ein Cliffhanger, und in angenehmster Unaufgeregtheit las ich mich bis zum Ende durch. Mittagessen vergaß ich darüber, gegen halb 6 war ich dann doch recht erschöpft und hatte Hunger wie ein Wolf. Einen Hunger, den nur die georgische Küche stillen konnte.

Ich machte mich also zum nächstgelegenen Chatschapuritempel auf, die sind ja zu jeder Tageszeit recht gut besucht, aber es gab doch noch einen kleinen freien Tisch und schon bestellte ich unbesehen ein Atscharuli Chatschapuri, fünf Chinkali und einen halben Liter Natachtari mit Tarchungeschmack. Es war super, so out of context mit einem ganzen Band DVjs im Kopf einfach allein da zu sitzen und deutsche Literaturwissenschaft sacken zu lassen. Allerdings standen eine Minute später zwei Typen mit auffälligen Schwenkblicken vor meinem Tisch, um mir schon mal anzusignalisieren, dass nirgendwo mehr Platz sei und dass sie mich gleich fragen würden. Na ja, und dann saßen wir da zu dritt an diesem Tischleindeckdich und ich brauchte zirka zehn Sekunden, um aus meiner glückseligen Asozialität rauszufinden.

Es wurde natürlich ein lustiges Abendessen, und obwohl mir mein kleines Tarchun-Glück schon geliefert worden war, musste ich selbstverständlich gegen meinen ausdrücklichen Wunsch mit Wodka trinken, und wir tranken auf alles Mögliche, bis die erste Flasche leer war, sogar auf Deutschland, und wiederholt auch auf den Weltfrieden, und erzählten so vor uns hin. Die beiden waren Mitte Fünfzig, Familienväter, Freunde seit der Schule, der eine arbeitete seit kurzem tageweise als Sicherheitskraft in Sotschi und meinte, September sei der beste Monat dort, und das gebe ich mal so weiter. Der heutige Tag lief für beide so ab, dass sie hier bei Sakuska und Chinkali zwei Flaschen leeren wollten, um dann zu Hause auf Матч ТВ das Spiel Rostow gegen Anderlecht zu schauen, Hinspiel, Champions-League-Qualifikation.

Nach ungefähr einer Stunde, als alle Chinkali verspeist waren, verabschiedete ich mich, es war sehr herzlich und wir machten noch ein paar schöne allgemeingültige Ansagen. Dann ein Sommerabendspaziergang durch Moskau, den Weltfrieden im Bauch. Irgendjemand trällerte im Vorbeigehen den Song aus »Я шагаю по Москве«, Pokémonspieler standen vor goldenen Kirchen herum, und langsam amalgamierten sich die verschiedenen Lektüreeindrücke des Tages zu einer Hauptaussage, und zwar lautete diese, dass die Lage der Literaturwissenschaft einfach sehr, sehr hervorragend ist.
 

Kaffeehaus des Monats (Teil 87)

sine loco, 26. Juli 2016, 09:15 | von Paco

Wenn du mal richtig Zeitung lesen willst:

Dynia, Krakau, ein wie immer absichtsvoll schlechtes Foto, sry

Krakau
Das »Dynia« in der Ulica Krupnicza.

(Höchstwahrscheinlich eines der besten Kaffeehäuser der Welt. Es gibt eigentlich keinen USP, es ist einfach alles gleich perfekt, der Garten, das Frühstück, der Kaffee, der Name, die Gespräche der Kaffeehausbesucher [ein Satz vom Nebentisch, im Original auf Russisch: »Was eigentlich soll so gut an Germann Gesse sein?«], die dezente Präsenz der Bedienung, die Atmo, die Nähe zum Auditorium Maximum, der Deckenschmuck usw.)
 

Hitchcock in Jasnaja Poljana

Moskau, 19. Juli 2016, 13:50 | von Paco

Letzte Woche auf Tolstois Landgut, da wo er auch »Krieg und Frieden« und »Anna Karenina« geschrieben hat, zweihundert Kilometer südlich von Moskau. Grillenzirpen, Badeteiche, Sommerempfänge. Und eine Anekdote, die mir Aljona zwischen Tür und Angel erzählte. Das zerstückelte und begrabene Bett.

Es geht um ein Paar, das sich in die Herberge eingebucht hatte und dort vielleicht ein paar schöne Tage verbrachte. Aus nicht näher genanntem Grund ist ihr Bett zerbrochen. Die beiden wollten verhindern, für den Schaden haftbar gemacht zu werden, und fanden eine Lösung. Sie zerlegten das Bett in seine Einzelteile und gingen dann in zeitlichen Abständen mit Taschen oder anderem Verheimlichungsgerät hinaus in den Wald, um die Bruchstücke einzeln zu begraben.

Es gibt in den meisten Zimmern noch Sofas, die man ausziehen kann, offenbar haben sie dann auf dieser Grundlage die weiteren Nächte verbracht. Und als sich irgendwann die Hotelleitung bei ihnen nach dem Bett erkundigte, hieß es: »Welches Bett? Hier war keins drin.« Und hier endet die Anekdote, die Hitchcock als »Das Fenster zum Hof« mit leichten Änderungen verfilmt hat.