Massakerminiaturen (9)

Leipzig, 23. Mai 2015, 12:40 | von John Roxton
 
Karstädt. Bahnlinie Berlin–Hamburg
Karstädt. Bahnlinie Berlin–Hamburg

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Jedes Jahr am 23. Mai:

John Roxton: »Massakerminiaturen«

#1 (2007)#2 (2008)#3 (2009)#4 (2010)#5 (2011)
#6 (2012)#7 (2013)#8 (2014)#9 (2015)

Spex, Intro, Musikexpress
Jahresrückblickiana 2014

Bonn, 29. März 2015, 00:30 | von Katana

»2014 – Ein Scheißjahr geht zu Ende«. Really, »Spex«?

Der Jahresrückblick, gern auch: Popjahresrückblick, ist ein so wunder­schönes wie absolut crazy und hilarious Genre des schönen Journalismus, das immer zu wenig gewürdigt wird. Und deshalb, jetzt und hier, Frühlingsanfang und so, die Jahresrückblickiana 2014, fein säuberlich getrennt und geordnet, wie es sich gehört.

Fangen wir also mit der »Spex« an, »Scheißjahr 2014«, fantastischer Titel, will ich sofort lesen, denn das fand ich irgendwie ja auch, aber: why? Zudem, natürlich: Pharrell auf dem Cover, mit Hut und dem Ratespiel, welchen Fotolichtfilter die Designer hier gewählt haben werden, vielleicht Sierra.

Ok, seit der ehemalige »Rolling Stone«-Mann Torsten Groß die Chefredaktion übernommen hat, steht auch immer die Frage im Raum, wieviel Popdiskurs in der »Spex« noch möglich oder nötig ist und, ganz entscheidend, wie relevant das überhaupt ist. Umso entscheidender natürlich: Der Jahresrückblick, die geballte Relevanzwalze.

Also, Themen: Erst mal ein schönes Understatement-Interview mit Pharrell, der wirklich sympathisch entspannt daher kommt, sophisticated überrascht vom eigenen Erfolg. Zum Glück keine Fragen zum Popjahr oder gar zur politischen Weltlage. Dann eine kleine Schnapsidee, den Jahresrückblick anhand der sieben Todsünden aufzuziehen. Ziemlich forced in meinen Augen, trägt auch nicht so recht, wenngleich toll ist, dass der erste (!) Beitrag dann von Morrissey und seinen verbalen und monetären Ausfällen erzählt unter dem Stichpunkt »Superbia«, wobei natürlich das eigentlich tolle Morrissey-Album »World Peace Is None of Your Business« gleich mit runtergezogen wird. Misanthropie wird heute halt sehr unterschätzt.

Dann was zu Normcore und »Sneakerisierung«, na ja, selbstverständlich einen Kübel Häme für das plumpe U2-Release auf iTunes, Flüchtlinge, Drogen, Rassismus, den angeblichen Pop-Appeal des sogenannten »IS« und Essen und ganz lustig ziellose Essayrudimente über Pop und Kritik, die den Zustand dieses Themas quasi in actu bebildern. Highlight auf jeden Fall, und darauf wird zurückzukommen sein, der Artikel »Ist Pop am Arsch?« von Sonja Eismann über das wirklich von so gut wie allen Jahresrückblicken festgestellte Hoch des Hinterteils im Popdiskurs.

Nachrufe: Philip Seymour Hoffman und Robin Williams, fair enough. Soweit kann man sagen: Pflicht erfüllt, Jahr gepackt, war halt langweilig. Aber das eigentliche Kerngeschäft sind nun mal die Listen. Das Tolle an den Jahresrückblicken der »Spex« ist auf jeden Fall, dass sich die Redaktions- und die Lesercharts dieselbe Ausgabe teilen, woanders muss man immer auf ein Gewinnspiel und die nächste Ausgabe warten, nicht hier, hier läuft der direkte Vergleich, was natürlich redaktionell den Stress auslöst, sich nicht zu sehr anzubiedern und auch nicht zu sehr zu distanzieren vom Geschmack der eigenen Leserschaft, also mal sehen, wie das 2014 gelungen ist:

Ganz demokratisch fangen die Lesercharts den Listenreigen an, und wenn hier irgendjemand Leser der »Spex« wäre, dann würde der wahrscheinlich das sehr gewollt poppige Album »Libertatia« von Ja, Panik, den ganz unmöglichen und doch absolut fantastischen Hit »Can’t Do Without You« von Caribou, Wes Andersons filmgewordene Hochzeitstorte »Grand Budapest Hotel«, den HBO-»Kracher« »True Detective«, DAS Buch »Der Circle« von Dave Eggers, das angenehm unauffällige Modelabel »Carhartt« und den Titel der Nationalelf bei der WM in Brasilien für die Größten und Besten in 2014 halten. Und natürlich die »Spex« mitsamt www.spex.de, noch vor dem »Intro« und Hypeschleudern wie »Pitchfork«, versteht sich von selbst.

Wie leer und unsinnig das Popjahr 2014 war, weiß allerdings nur die »Spex«-Redaktion, indem sie nämlich genialerweise das absolute Nonsense-Album »Asiatisch« von Fatima Al Qadiri, eine, laut Redaktion »faszinierende Feier von Sein und Schein im Post-Internet Zeitalter«, zum Album des Jahres auswählt. Soviel Hang zu Humor hatte ich denen gar nicht zugetraut, aber dann ist es doch erfrischend, wie trocken hier die eigenen Diskursansprüche persifliert werden, absolut hilarious!

Ansonsten in den Top-10 Angel Olsen, Neneh Cherry (!), St. Vincent, die unvermeidliche FKA Twigs, Mutter, Damon Albarn (?), Parquet Courts, absolut verdientermaßen auch mal die tollen Warpaint und, okay, Sleaford Mods, for the masses and the taste halt. Wenn man nur die Hälfte davon selber in Erwägung gezogen hat, sollte man das Magazin wechseln, denn belehren und unterlaufen lassen muss man sich von der »Spex« schließlich immer, das gehört zum guten Ton. Niedlich immer auch die folgenden Listen der Redaktion, wenn man wissen möchte, wie heterogen und bescheidgewusst es dort zuging. Und warum außer Klaus Walter und Thomas Venker niemand »Asiatisch« persönlich als bestes Album gewählt hätte.

Thomas Venker, der führt uns gleich zur »Intro«, das er sehr, sehr lange als Chefredakteur geführt hat und dessen persönliche Jahresbestenliste auch in deren Rückblickausgabe auftaucht, glücklicherweise komplett identisch mit der in der »Spex« abgedruckten, das spart philologische Kleinstarbeit. Das »Intro« wiederum wählt ein Cover antipodisch zur »Spex«, denn hier muss man sich nicht lange mit dem Gestern aufhalten, lieber schneller als die anderen ins Morgen. Und dann wird so ein dummes Ding wie der Fotoshoot mit den Falco-Epigonen Bilderbuch veranstaltet, die mit irgendwelchen Gesichtsausdrücken wenig ansehnliche Früchte ins Bild halten dürfen, überschrieben auch noch mit »So frisch wird 2015«, hab ich jetzt schon keine Lust drauf und ähnlich affirmativ wie die Musik der Band ist dann auch das Interview dazu.

Und dabei punktet das »Intro« thematisch gewaltiger als die »Spex«. Gut, auch hier etwas lässiger untergebracht: Normcore, »The Year in Butts« mit den üblichen Ärschen, Rassismus und die desolate politische Lage, dafür aber mit einem hingerotzten Leo-Fischer-Text, wie es 2014 nun mal verdient hat. Schöne Rubriken, das muss man sagen, kann das »Intro« aber wie niemand anderes: »Die Pop-Battles des Jahres«, alright! Oder, absolutes Highlight: »Das Jahr der schrägen Simulatoren« (Platz 1: »Goat Simulator«, noch vor »Rock Simulator« und »I Am Bread«!). Auch schön: »Die besten Musiker-Cameos in Serien« als Top-7, gewonnen von Sigur Rós in »Game of Thrones«.

Richtig wüst wird es bei »2014: Die Toten«, was fast schon despektierlich rüberkommt in der LSD-bunten Farbgebung des ganzen Rückblickdesigns. Fast schon anachronistisch: Beiträge zum »Tatort«, zur Sharing Economy und der Bedrohung der »Privatsphäre 3.0« (sic!). Aber auch hier steht das Kerngeschäft an, die Listen. Als erstes fällt auf, dass die Redaktion sich sozusagen dafür entschuldigt, mit »This Is All Yours« von Alt-J ein Konsensalbum an die Spitze gewählt zu haben (»Höre ich ein Gähnen?«). Bei der »Spex« undenkbar, sowohl Wahl als auch Entschuldigung!

Ansonsten gefeiert: FKA Twigs, die langweiligste Stilpolizei namens Metronomy, Kate Tempest (ganz toll!), die Tame Impala von 2014, Temples, die Doppelpack-Überschätzung Sleaford Mods und Mac DeMarco sowie das herzlich egale letzte Wye Oak-Album. Ganz okay: Den Büro-Insidergag »Pisse« von Schnipo Schranke zum Song des Jahres zu wählen, natürlich auch unter Insider-Gag-Rechtfertigungszwang. Auch netter Gag: Lana Del Rey aufzunehmen, darauf kommt keiner, und das natürlich unverdienterweise, sowie das furchtbar nervige »Bologna« der völlig nervigen Wanda, wiederum eine Ausgabe später auch von den Leser*innen als Song des Jahres goutiert, dazu »In Schwarz« von Kraftklub als Album des Jahres. Mehr dazu sagen muss man, glaube ich, nicht.

Bilderbuch und Wanda sind dann auch die Helden der Austropop-Story im »Musikexpress«, geschrieben von Linus Volkmann, die Story wiederum gehört allerdings gar nicht zum eigentlichen Jahresrückblick, der zumindest auf dem Cover lustigerweise Jan Böhmermann ins Zentrum von 2014 rückt. Auch witzigerweise mit drauf: Neneh Cherry, Blixa Bargeld, warum auch immer. Macht nix, denn der Jahresrückblick kommt irgendwie souveräner und vollständiger daher als alle anderen.

Klar, auch hier: Hinterteile, »IS«, Politik, U2, iTunes, Internet dabei, dafür aber schöne Kritiken am House-Trend, ein toller Essay darüber, warum niemand Diedrich Diederichsens »Über Popmusik« lesen und diskutieren wollte, eine wirklich witzige Statistik, welche Bands sich 2015 reuniten werden (The Smiths übrigens bei 0,2%). Ein paar einfache Ziele wie Campino, den angeblichen Pop-Feminismus (so 2010!), »Wetten, dass..?«, Selfies oder die Naivität von Haftbefehl auch dabei, schon okay, aber dafür auch mal das Gefühl: Ja, das war wirklich 2014, mit all diesem Unsinn! Und die Erkenntnis, dass man mit Oliver Polak nicht über Musik reden sollte.

Platte des Jahres auch ganz unspektakulär und völlig in Ordnung: »Our Love« von Caribou. Auch die einzige Liste mit »Present Tense« von Wild Beasts, sogar auf Platz 21, ansonsten ein völlig verschwiegenes Meisterwerk aus 2014. Gut, »Love Letters« von Metronomy ist und bleibt nicht der Song des Jahres (wenn schon Metronomy, dann »I’m Aquarius«!), dieser wirklich einfallslose Sixtiesnummer mit ihren enervierenden Harmonien fehlt dazu jegliche Klasse.

Aber auch hier bleibt es dabei, dass 2014 nun wirklich nichts Herausragendes zu bieten hatte, außer, wie es scheint, dem Hinterteilthema. Wo man sich woanders darüber halbwegs einig war, dass das zwar ordentliche, aber sicher wenig einschlägige zweite Run-the-Jewels-Album DIE Platte 2014 war, geht das Ganze hierzulande etwas unter (wobei ich jetzt gerade nicht genau weiß, wie die »Juice« das gesehen hat). Aber es ist auch egal, 2014 war als Popjahr egal, zumindest weitestgehend, davon legen die Jahresrückblicke erschreckendes Zeugnis ab.

Aber das ist nicht schlecht, ganz im Gegenteil! Sie können genauso gut »Nackte Angst Zieh Dich An Wir Gehen Aus« von Jens Friebe oder auch das sträflichst übersehene »Rave Tapes« von Mogwai oder noch besser deren wiederveröffentlichtes Überalbum »Come On Die Young«, das nun wirklich jeder besitzen sollte, besonders in der remasterten Version und mit dem grandiosen Bonusmaterial, das allein besser ist als vieles, was 2014 zeitgemäß war, zu den Platten des Jahres küren, es würde niemanden stören, da sie sich an nichts hätten messen müssen, was überragender gewesen wäre. Und so wird 2014 als das Popjahr in die Erinnerung eingehen, das jedermann vergessen oder für sich behalten kann, ganz wie gewünscht.
 

Ende der Berichterstattung

Berlin, 16. März 2015, 00:46 | von Josik

Man läuft einfach von zuhause aus zum Funkhaus von Deutschlandradio Kultur und landet dann beim Gespräch mit Matthias Dell nach ungefähr drei Sätzen irgendwie gleich bei Helmut Böttiger. Der hat nämlich vor ein paar Tagen ein herrliches Zitat von damals rausgehauen, aus den Siebzigern oder so, als die Feuilletonchefs sich auch von ihren Chefredakteuren nicht haben hineinreden lassen: »Da gab es auch die Parole ›Redigieren ist Faschismus‹.« Die riesigen Lettern dieser Parole sind inzwischen aber offenbar wieder von den Wänden der meisten Feuilletonredaktionen abgenommen worden.

Danach haben wir noch ein paar Namen gedroppt, die im strengen Sinn eigentlich nichts miteinander zu tun haben, z. B. Christian Wulff und Ulrich Matthes (oder Bernd Matthies), weiß der Himmel, wie wir auf die nun wieder gekommen sind. Und dann kam auch schon Christine Watty um die Ecke gebogen, es ging treppab treppauf durch irgendwelche Labyrinthe bis ins Studio Nummer soundsoviel. Und um es kurz zu machen: Unser Gespräch über Raddatz kann man noch mal als mp3 nachhören, außerdem stand am 1. März unser FJR-Nachruf in der FAS, und hier sind noch mal unsere groooßen FJR-Festwochen. Und damit beendet der Umblätterer nun also seine langwierige Raddatz-Berichterstattung, herzlichen Dank.
 

Ganz viele Filme:
Das Kinojahr 2014

Hamburg, 20. Februar 2015, 23:47 | von San Andreas

Kinojahr 2014 Einklinker Zwar zum letzten Mal, aber wie immer noch kurz vor Oscar kommt hier Umblätterers Rundumschlag des vergangenen Kinojahres (vgl. 2013, 2012, 2011, 2010, 2009, 2008, 2007). 566 Produktionen sind 2014 auf deutschen Leinwänden gestartet, es galt wie immer, genau die richtigen auszuwählen. Unsere Auswahl umfasst in loser Reihenfolge die (25) Filme, über die am meisten geredet wurde, und solche, über die ruhig etwas mehr geredet werden hätte sollen. Können. Müssen. Dazu noch die übliche Handvoll Blindgänger. Und unten folgt traditionell ein Block mit lobenden Erwähnungen und unglaublichen Ein-Satz-Kritiken.

Zur ausführlichen Fassung geht es hier bzw. direkt über die einzelnen Titel:

»12 Years a Slave« (Steve McQueen)
»Philomena« (Stephen Frears)
»The Lego Movie« (Phil Lord, Christopher Miller)
»Gone Girl« (David Fincher)
»Exodus: Gods and Kings« (Ridley Scott)
»All is Lost« (J. C. Chandor)
»Grand Budapest Hotel« (Wes Anderson)
»Interstellar« (Christopher Nolan)
»Ida« (Pawel Pawlikowski)
»Boyhood« (Richard Linklater)
»Noah« (Darren Aronofsky)
»The Theory of Everything« (James Marsh)
»The Wolf of Wall Street« (Martin Scorsese)
»Pride« (Matthew Warchus)
»Guardians of the Galaxy« (James Gunn)
»Deux jours, une nuit« (Jean-Pierre & Luc Dardenne)
»Her« (Spike Jonze)
»The Hobbit: The Battle of the Five Armies« (Peter Jackson)
»Calvary« (John Michael McDonagh)
»Dallas Buyers Club« (Jean-Marc Vallée)
»Snowpiercer« (Joon-ho Bong)
»The Secret Life of Walter Mitty« (Ben Stiller)
»Enemy« (Denis Villeneuve)
»Fruitvale Station« (Ryan Coogler)
»Edge of Tomorrow« (Doug Liman)

Bildgänger’s Delight

»The Giver« (Phillip Noyce)
»Before I Go to Sleep« (Rowan Joffe)
»Transcendence« (Wally Pfister)
»The Monuments Men« (George Clooney)
»Diana« (Oliver Hirschbiegel)

*

Und hier jetzt noch wie verkündet der Block mit wohlwollenden Erwähnungen:

»Magic in the Moonlight« (Woody Allen) – Allen light, angenehm altbacken, amüsant genug. »The Zero Theorem« (Terry Gilliam) – Gilliamesk wie lange nicht, aber auch nicht wirklich gut. »Nebraska« (Alexander Payne) – Unver­passbares ›Alterswerk‹ von Menschenversteher Payne. »X-Men: Days of Future Past« (Bryan Singer) – Kreativ-cleveres Mutanten-Gipfeltreffen. »Dawn of the Planet of the Apes« (Matt Reeves) – Klug konstruierte Fortsetzung des Reboots. »American Hustle« (David O. Russell) – Spitzenklasse-Schauspieler­kino. »Lone Survivor« (Peter Berg) – Patriotische, aber packende Taliban-Kloppe. »The Judge« (David Dobkin) – Gerichtsfilm und Familienmelodram in einem: überfrachtet, aber gut gespielt. »Godzilla« (Gareth Edwards) – Brauchte eigentlich keiner, dieses Monster-Massaker, aber Edwards macht was draus. »August: Osage County« (John Wells) – Eine schrecklich schreckliche Familie. »Lucy« (Luc Besson) – Völlig durchgeknallte SciFi-Action: so hanebüchen, dass es schon wieder Spaß macht. »Stories We Tell« (Sarah Polley) – Faszinierende Meditation über die Familie: ihre Geschichten, ihre Erinnerungen – und die Wahrheit. »The Drop« (Michaël R. Roskam) – Beängstigend gutes Crime-Drama nach Dennis Lehane: Gandolfinis Abschied, Tom Hardys Bravourstück. »The Two Faces of January« (Hossein Amini) – Klassischer, unter der Sonne Griechenlands schwelender Highsmith-Suspense. »Captain America: The Winter Soldier« (Joe & Anthony Russo) – Nicht ganz dumme Materialschlacht. »Mr. Turner« (Mike Leigh) – Meisterhaftes Künstler­porträt: eher detailversessene Collage als traditionelles Biopic. »Qu’est-ce qu’on a fait au Bon Dieu?« (Philippe de Chauveron) – Vergnüglicher Multikulti-Reigen (what?). »Blue Ruin« (Jeremy Saulnier) – Grimmige, Haken schlagende Rachegeschichte mit Coen-Touch.

Soviel also zum Kino 2014,
San Andreas
 

75 berühmte Einwohner

Berlin, 18. Februar 2015, 10:01 | von Josik

 

Albrecht Altdorfer
Peter Altenberg
Matthias Altenburg
Berthold Auerbach
Jörg Augsburg

Carlo Bamberg
Karl Barth
Mario Barth
Xaver Bayer
Erika Berger

Isaiah Berlin
Cora Berliner
Manfred Bieler
Hans Blumenberg
Jakob Böhme

Heiner Bremer
Daniel Brühl
Hermann Burger
Gilbert Keith Chesterton
Drafi Deutscher

Isaac Deutscher
Ingeborg Drewitz
Peter Eisenberg
Sergej Eisenstein
Jürgen Elsässer

Roland Emmerich
Friedrich Engels
Nathan Englander
Richard Engländer
Hugo Erfurth

Manfred Frank
Harry G. Frankfurt
Karl Emil Franzos
Joachim Fuchsberger
Jeffrey Goldberg

Karl Grünberg
Albert Paris Gütersloh
Käte Hamburger
Michael Hamburger
Hildegard Hamm

Heinrich Hannover
Helmut Herzfeld
Wieland Herzfelde
Hermann Hesse
Wolfgang Hildesheimer

Andreas Hofer
Liesl Karlstadt
Dieter Kassel
Henry Kissinger
Gertrud Kolmar

Siegfried Kracauer
Adriana Lima
Abraham Lincoln
Jack London
Rosa Luxemburg

Katherine Mansfield
Karl Marx
Norbert Mecklenburg
Christian Nürnberger
Heidi Paris

Helga Paris
Peggy Parnass
Jennifer Rostock
William Rothenstein
Hans Sachs

Arnold Schönberg
Albert Schweitzer
Detlef D! Soost
Dolf Sternberger
Hermann Ungar

Horace Walpole
George Washington
Oswald Wiener
Sarah Wiener
Michael York

Mit bestem Dank an
Miroljub und Jonesy!

 

Tex Rubinowitz, der Guttenberg des Feuilletons

St. Petersburg, 1. Februar 2015, 20:13 | von Paco

Also eigentlich fanden wir Tex Rubinowitz immer ganz okay, schon seit er damals in diesem Linklater-Film auf einer Wiener Brücke herumstand, schön! Und letztes Jahr hat er den Ingeborg-Bachmann-Preis abgeräumt, auch super!

Rubinowitz ist ansonsten auch ein fleißiger Leser des »Umblätterers«. Und zwar wissen wir das deshalb so genau, weil er kürzlich mit der großen copy&paste-Schere durch unser Archiv vossianischer Antonomasien gegangen ist und aus unserem Material einen Artikel zusammengeschrie­ben hat, der dann letzten Freitag im SZ-Magazin drinstand (»Der Mozart unter den Texten«: Teil 1Teil 2).

Seit 2009 sammeln wir hier Best-of-Material zum Thema und haben auch selbst erst in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung einen längeren Essay zum Thema abgeliefert (»Jeder kann Napoleon sein«, Ausgabe vom 21. Dezember 2014, Seite 34). Und eigentlich finden wir es per se gut, wenn jemand was zu unserem Lieblingsthema ›Vossianische Antonoma­sien‹ bringt. Es wäre aber wahrscheinlich doch besser, wenn ein neuer Artikel zum Thema nicht nur unser altes Zeug klaut und dann nicht mal ordentlich journalistisch preisgibt, wer die ganzen höhö-Zitate zusammengestellt hat.

Damit das SZ-Magazin die Quellen nachliefern kann, hier mal der Überblick des Rubinowitz’schen Raubzugs. Alles in order of appearance mit Link in unsere Sammlung. Gezählt werden natürlich nur die geklauten Vossantos, nicht die paar, die Tex Rubinowitz sich dann doch woanders her geholt hat oder sich überraschenderweise selbst ausdenken konnte:

  1. der Woody Allen des Barock (VA 88)
  2. der Heino der [deutschen] Literatur (VA 45)
  3. der Brad Pitt des Saarlands (VA 37)
  4. der Mozart des Schachs (VA 35)
  5. der Mozart der Massenproteste (VA 21)
  6. der Mozart des 100-Meter-Laufens (VA 7)
  7. der Mozart der Theologie (VA 62)
  8. der Boris Entrup der Kuhpflege (VA 75)
  9. der Newton des Grashalms (VA 63)
  10. der Lionel Messi der Grill-Modelle (VA 74)
  11. der Günter Grass der Friseure (VA 30)
  12. die Leni Riefenstahl der Volksbefragung (VA 76)
  13. der Homer der Insekten (VA 24)
  14. der Justin Bieber der Kreidezeit (VA 22)
  15. der Helmut Kohl unter den Brotaufstrichen (VA 21)
  16. die bretonische Kuh der Literatur (VA 19)
  17. der Jon Bon Jovi der Schwabenschlichter (VA 18)
  18. die Nana Mouskouri der Inneren Sicherheit (VA 17)
  19. der Mount Everest der Masturbation (VA 16)
  20. die Tuberkulose des Digitalzeitalters (VA 11)
  21. der Porsche Cayenne unter den Schuhen (VA 8)

Tex Rubinowitz, der eifrigste Leser, den wir haben! Er hat sich wirklich sehr systematisch durch unsere Listen geklickt. Copy&paste hat er (hier noch mal geordnet) bei den Folgen 7, 8, 11, 16, 17, 18, 19, 21 (2×), 22, 24, 30, 35, 37, 45, 62, 63, 74, 75, 76, 88 gemacht. Und woher hat Rubinowitz das ganze Zeug noch mal: »das stand alles genauso in der Zeitung oder online«. Ziemlich dreiste Quellenverschleierung à la Guttenberg, ein besonders schöner Fall von »Quelle: Internet«. Rubinowitz gibt den lustigen Zitatearrangierer, sein Artikel besteht aber im Kern aus von uns über 5,5 Jahre kuratiertem Material. Unsere Sammlung macht quasi den halben Text aus.

Im Beitext des SZ-Magazins steht noch, dass sich Tex Rubinowitz grämt, noch nie vossianisch belegt worden zu sein, er warte »sehnsüchtig darauf, dass man ihn mit irgendwem vergleicht«. Easy!

So ist Tex Rubinowitz nun hochoffiziell und für alle Zeiten der Guttenberg des Feuilletons.
 

Die Ergebnisse der …
Feuilleton-Meisterschaft 2014

Göttingen, 13. Januar 2015, 07:33 | von Paco

Guten Morgen! Heute verleihen wir ihn also zum *zehnten* Mal seit 2005. Den Goldenen Maulwurf, für den Feuilletonjahrgang 2014:

Der Goldene Maulwurf

Es war wieder die beste Stimmung in der Jury. Und es war so spannend wie das dritte Springen der Vierschanzentournee neulich am Bergisel! Und es war knapp, ganz knapp. Fast so wie im Januar 2011, als wir wegen eines Jury-Patts den Gewinner auskickern mussten (wer sich erinnert: damals gewann Team ›Christopher Schmidt‹ 10:7 gegen Team ›Mathieu von Rohr‹, Revanche steht noch aus).

Und nun geht unser Blick also am Bergisel vorbei und weiter Richtung Wien, zur »Wiener Zeitung« und zum diesjährigen Gewinner des Maulwurfgolds, zum Feuilletonisten und Komponisten Edwin Baumgartner! Wie einmalig das ist, was er schreibt, wie viel Fun seine ganze Schreibe verbreitet, das steht in der Laudatio, bitte dort nachlesen. Aber was soll da so knapp gewesen sein? Na, Thea Dorn auf Platz 2 hat wieder so ein Feuilleton geschrieben, bei dem die gesamte Kulturgeschichte der Menschheit mitgeschwommen kommt. Ein Wahnsinn sondergleichen, immer noch genau der Wahnsinn, für dessen Lobpreisung wir hier vor roughly 10 Jahren mal angetreten sind.

Aber nun. Hier folgen die Autorinnen und Autoren sowie die Zeitungen der 10 besten Artikel aus den Feuilletons des Jahres 2014:

1. Edwin Baumgartner (Wiener Zeitung)
2. Thea Dorn (Handelsblatt)
3. Frédéric Schwilden (Welt)
4. Jan Wiele (FAZ)
5. Sabine Vogel (FR)
6. Eberhard Rathgeb (FAS)
7. Nicole Zepter (Zeit)
8. Renate Meinhof (SZ)
9. Alexander Wallasch (The European)
10. Uwe Wittstock (Focus)

Auf der Seite mit den Jurytexten sind zu allen Texten wieder die Seitenzahlen angegeben, denn im Zweifelsfall galt bei unseren Diskussionen die Print-Ausgabe, soweit vorhanden. Print, jawohl.

So. Das war er nun, der 10. und letzte Goldene Maulwurf. 10 Jahre waren wir unterwegs in der Halbwelt des Feuilletons, 10×10 Texte haben wir gekürt, das ist dann der Goldstandard für die nächste Dekade. Und die kommt ja, die läuft ja, und läuft gut.

Das deutschsprachige Feuilleton war, ist und bleibt das beste der Welt. Quod erat demonstrandum, Leute!

Adios,
Euer Consortium Feuilletonorum Insaniaeque
 

+++ Feuilletongold, morgen +++

Göttingen, 12. Januar 2015, 08:41 | von Paco

Von dem Maulwerff (2015 Edition)

Morgen, also traditionell am zweiten Dienstag des neuen Jahres, wird mit allem dazugehörigen Prunk zum *zehnten* Mal seit 2005 – und auch zum letzten Mal – der …


Goldene Maulwurf

für die 10 besten Feuilletontexte
des vergangenen Jahres,
diesmal also 2014,

verliehen, und zwar von uns, und zwar an dieser Stelle. Die Longlist wurde ordentlich durchgesiebt, die Arbeit des Consortiums ist beendet, morgen gibt’s wieder Maulwurfsgold.

Hier noch unsere Backlist mit den Preisträgern der vergangenen Feuilletonjahre:

2005   (#1 Stephan Maus/SZ)
2006   (#1 Mariusz Szczygieł/DIE PRESSE)
2007   (#1 Renate Meinhof/SZ)
2008   (#1 Iris Radisch/DIE ZEIT)
2009   (#1 Maxim Biller/FAS)
2010   (#1 Christopher Schmidt/SZ)
2011   (#1 Marcus Jauer/FAZ)
2012   (#1 Volker Weidermann/FAS)
2013   (#1 Özlem Gezer/DER SPIEGEL)
2014   (#1 ???/???)

Jetzt noch ein Mal schlafen – buona notte, talpa! – und dann werden hier die zehn Straßenfeger und Pageturner des Feuilletons 2014 verkündet.

Bis dann,
Consortium Feuilletonorum Insaniaeque

 
(Bildmotiv: Gesners »Thierbuch« von 1606; Public Domain)

100-Seiten-Bücher – Teil 115
Botho Strauß: »Herkunft« (2014)

Düsseldorf, 5. Januar 2015, 14:50 | von Luisa

Gleich die ersten Sätze handeln vom Vater, der an seinem Schreibtisch sitzt und schreibt, im zweiten Absatz wird dann gesagt, wie und was er schreibt: »ein ausgefeiltes, zuweilen etwas überschmücktes Deutsch«. Ungefähr klar, was das heißt, aber da mir das zweite Adjektiv noch nie begegnet war, hab ich es mal nachgeschlagen.

Sofort wurde ich mit einem Sehnsuchtsgedicht von Immermann verbunden, in dem ein Jüngling mit einem Mädel auf einer Magerwiese sitzt, welche ihm dann später ganz verwandelt und von »Blüthen-Dolden stattlich überschmückt« im Traum erscheint. Es sind einfach viele Dolden und bedeutet nicht, dass der Schmuck übertrieben wäre. Das illustrieren erst die nächsten Beispiele, die von überschmückten Weihnachtsbäumen handeln und von überschmückten Frauen, die niemand ernst nimmt, wenn sie mehr als fünf Schmuckstücke tragen. Also klar negativ konnotiert, und auf Vater Strauß bezogen heißt das, dass sein Stil ein bisschen zweifelhaft war und der Sohn einem anderen Ideal folgt.

Andererseits hat Botho Strauß nicht den Ruf der Magerwiese, eher würden die Kritiker ihm wohl den Doldenreichtum bescheinigen. Also: wie der Vater, so der Sohn, ein Gefängnisspruch, den der Sohn aber im Verlauf von 90 Seiten komplett ins Positive wendet (»Welche Liebe ist größer als die Liebe dessen, der wiederholt?«), und so dürfte er nichts dagegen haben, wenn auch seine Prosa für »zuweilen etwas« überschmückt gehalten wird.

Andererseits las er als Kind regelmäßig die bekannten Heftchen, Akim, Tarzan, Sigurd usw., sozusagen Magerliteratur. Von Donald-Duck-Heften ist nicht die Rede, aber da gibt es eine Geschichte, in der Donald als Immobilienmakler auftritt und einem reichen Kunden eine Villa schmackhaft machen will. Nach den Windverhältnissen befragt, antwortet er: »Zuweilen ein Gesäusel im Gezweig«, ein schönes Beispiel für »zuweilen« und überschmückt. Goethe und Schiller – Botho Strauß und Erika Fuchs.

Länge des Buches: > 115.000 Zeichen. – Ausgaben:

Botho Strauß: Herkunft. München: Hanser 2014.

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

100-Seiten-Bücher – Teil 114
César Aira: »Parménides« (2006)

Göttingen, 3. Januar 2015, 14:26 | von Paco

Vom echten vorsokratischen Parmenides ist nur seine Schrift »Über die Natur« fragmentarisch überliefert. Das sind (zum Beispiel in der Reclam­übersetzung) nur einige wenige Seiten Text. Die noch kürzere tl;dr-Fassung geht so: »Was ist, ist; was nicht ist, ist nicht.«

Der weltbeste Hundertseitenautor César Aira hat diese real existierende Schrift als Ergebnis genommen und sich die Vorgeschichte zusammen­gedacht. Das Schreibprogramm findet sich auch im Buch wieder: »Lo más que se puede hacer es reconstruir el pensamiento a partir de los hechos posteriores, siempre y cuando los hechos hayan quedado registrados.« (p. 114)

Bei Aira wohnt Parmenides immer noch in Elea im heutigen Kampanien, ist aber vor allem ein reicher, einflussreicher Adabei mit wenig Zeit und Muße. Und als Adabei will er auch mal ein Buch schreiben und sucht nach einem jungen Autor, der das für ihn erledigen kann. Zufällig fällt die Wahl auf Perinola. Es kommt zu wöchentlichen Treffen. Perinola versucht anfangs herauszubekommen, wovon ›das Buch‹ eigentlich handeln soll. Aber mehr als »Von der Natur!« kriegt er nicht aus seinem Auftraggeber heraus. Oder doch: Er solle einfach über »cualquier cosa« (»egal was«) schreiben.

Ansonsten verliert sich Parmenides bei den Treffen in endlosen Monologen, vom ›Buch‹ und dem gewünschten Inhalt redet er nie. Die paar Hexameter, die ihm Perinola mal als Probe reicht, scheint er nicht gelesen zu haben. Aber die Treffen gehen jahrelang weiter, und Perinola wird gut dafür bezahlt. Einer der vielen schönen Gegensätze: Als schreibender Autor hat er vorher schlecht verdient. Als nicht schreibender Autor hat er nun ein gutes Auskommen für sich und seine Frau und Kinder.

Obwohl ihm der Nichtfortgang des Buchprojekts also gut bekommt, packt ihn eines Tages doch die Schreibwut. Ähnlich wie in »Varamo« beschreibt Aira, wie sich aus den Umständen und der einzigen konkreten Vorgabe, »irgendwas« zu schreiben, die verschiedenen Passagen des späteren Meisterwerks wie von selbst ergeben.

Das Ende dieser herrlichen »historia triste y fatal del escritor Perinola« ist hochsymbolisch und findet in der Taverne »Afrodita« statt.

Länge des Buches: > 115.000 Zeichen. – Ausgaben:

César Aira: Parménides. Buenos Aires: Mondadori 2006. S. 5–125 (= 121 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)