Archiv des Themenkreises ›Buchbuch‹


Ein Hyundai als Genisa

Haifa, 8. Oktober 2018, 18:03 | von Paco

Absolut herrlicher Oktobervibe in Haifa, ich sitze zum Frühstück im Garten des »Fattoush« in der deutschen Kolonie am Fuß des Bergs Karmel, um zum Tagesauftakt eine Schakschuka zu verspeisen und einen Hafuch zu trinken. Gesagt, getan. Irgendwann trifft Yael ein und dann fahren wir zusammen in ihrem alten Hyundai zur Konferenz am Port Campus.

Der Zustand ihres Wagens ist ihr etwas peinlich. Die ganze Rückbank ist zugemüllt mit Bergen loser Buchseiten, zehntausende müssen das sein, auch auf dem Beifahrersitz fliegen ein paar herum. Ihr sei vor ein paar Wochen der riesige Karton mit den Seiten drin umgekippt, und jetzt sei das eben so der Zustand ihres Autos.

Zuvor hatte sie die Bücher in eine Druckerei gebracht und um Benutzung des Schneidegeräts gebeten. Hart hatte sie kämpfen müssen, um die skeptischen Ladenbetreiber davon zu überzeugen, dass sie eine treue Kämpferin für das gedruckte Wort sei, dass sie aber diese Bücher zerschneiden müsse, um sie automatisiert scannen und digital beforschen zu können. Die zerschnittenen Exemplare hatte sie alle wieder im Karton abgelegt und diesen auf die Rückbank ihres Autos gestellt, bis er dann eben umgekippt ist.

Soweit ihre Erzählung, die ich erst mal einfach so hinnahm, bis mir während der Konferenz plötzlich einleuchtete, warum die Seiten da jetzt noch so rumliegen und Yael mit dieser Situation ganz zufrieden ist, auch wenn sie dadurch ihren Viersitzer zum Zweisitzer degradiert.

Denn die Konferenz drehte sich um die jahrtausendealten Schriftrollen aus den Höhlen von Qumran, nach dem Zweiten Weltkrieg dort entdeckt und zu Weltruhm gelangt.

Althebräische Handschriften, die den Namen Gottes enthielten, durften nicht einfach so entsorgt werden, auch wenn sie nicht mehr benutzt wurden. Sie wurden in Genisas aufbewahrt, zugemauerten Hohlräumen, und haben so oft die Zeiten überdauert. Als eine Art Genisa haben also auch die Qumranhöhlen gedient.

Die Konferenz dauerte schon eine Weile, Forscher und Forscherinnen aus aller Welt, aus Hinz- und Kunzistan sozusagen, problematisierten alte und feierten neue Erkenntnisse und plötzlich wurde mir alles klar. Yaels Auto ist eine Genisa. Sie will die geliebten Buchstaben nicht vernichten, und so überdauern sie nun auf der Rückbank ihres Hyundai bis zum jüngsten Tag. Ich schaute kurz zu ihr hinüber, treue Kämpferin für das gedruckte Wort, und sie schaute zurück, und ich wusste, dass es so war.
 


Margin Call

Düsseldorf, 11. September 2018, 11:56 | von Charlemagne

Seit der Veröffentlichung seines Docufiction-Meisterwerks, »Die Murau Identität«, vor vier Jahren habe ich einen Google Alert für Alexander Schimmelbusch am Laufen.

Nicht nur, weil der Autor mit dem schönen Nachnamen ein so unterhaltsames Buch geschrieben hat. Auch, weil sein Vater, Heinz Schimmelbusch, in den frühen 90er-Jahren als Vorstandsvorsitzender das Frankfurter Unternehmen, für dessen Nachfolger mit neuem Namen und Adresse ich heute arbeite, in finanzielle Schieflage gebracht hat und ich solche Zufälle, als Alternative zu den aktuell grassierenden Rezensionshomestories, ziemlich unterhaltsam finde.

Im Vorfeld der Veröffentlichung von »Hochdeutschland«, seinem jüngsten Roman, musste ich den Google Alert dann aber wieder dichtmachen. Natürlich habe ich das Buch ordnungsgemäß gekauft und an einem verregneten Wochenende durchgelesen, nur war ich diesmal nach der Lektüre eher verwundert als euphorisiert. Nicht, weil der Roman nicht gut wäre. Er war halt einfach für mich keine Neuerscheinung im klassischen Sinne, sondern eher eine Ausarbeitung der bisher von ihm veröffentlichten Texte auf waahr in einem etwas überdrehten Sound, die, verglichen mit den kurzen Texten oder dem perfekt komponierten Bernhard-Schocker, in ausufernden Sätzen daherkommt, denen dann auf halber Strecke die Luft aus den bis zum Bersten vollgepumpten Reifen des immerhin schön benannten Märchenfahrzeugs »Shere Kahn« ausgeht.

Die überall gefeierten Alltagsbeobachtungen aus dem Leben eines Investmentbankers, als klassischer Dreiakter mit Eintritt, Aufstieg und Entfremdung inszeniert? Alles bereits enthalten im großartigen Text »Kindersoldaten des Kapitals«, und das ganz ohne den gerade erwähnten empfunden künstlich aufgeblasenen Leerlauf.

Die schönste Stelle ist für mich daher eine kulinarische Anekdote, nämlich die Entstehungsgeschichte der Spaghetti Carbonara, ganz beiläufig und leise beschrieben als ein »Destillat eines Augenblicks der Weltgeschichte, nämlich der alchemistischen Verbindung der Eipulver- und Bacon-Rationen der GIs mit den Kochkünsten der Italienerinnen im Rom der Nachkriegsjahre« (ähnlich, aber nicht ganz so schön bereits auf Wikipedia formuliert).

Vielleicht liegt es aber auch einfach daran, dass der Autor, natürlich absolut schuldlos, an meinem Bias vorbeidichtet. Denn obwohl er beflissen wirklich sämtliche Getränkeoptionen und -klischees durchdekliniert, von high bis low und always over the top, schreibt er nicht einmal in der Romanvariante über Apfelwein!

Auch »Hysteria« habe ich inzwischen gelesen, und es ist übrigens recht speziell geraten.
 


Post von Eckhart

Amsterdam, 22. August 2018, 20:02 | von Charlemagne

Meine früheste Erinnerung an die Halbwelt des Feuilletons, diesen popkulturellen Maulwurfsbau ohne Fluchtwege, ist eine Beauty-Kolumne im SZ-Magazin. Freitags, auf dem Weg zur Schule, hielt mein Papa immer am Bahnhof, um Presserzeugnisse für uns zu kaufen. Für ihn das Handelsblatt, für mich die Süddeutsche Zeitung. Anstatt übertrieben viel Zeit mit dem Streiflicht oder der Seite Drei zu verschwenden, blätterte ich immer sofort das Magazin auf, von hinten nach vorn, vorbei an Axel Hacke, auf der Suche nach neuen Texten von Eckhart Nickel.

Die Texte handelten häufig von relativ obskuren Pflegeprodukten, zum Beispiel von amerikanischen Rasiercremes, englischer Seife oder japanischer Hautcreme, und bedeuteten die Welt für mich. Sie waren nie besonders lang, hatten aber weitreichende Folgen. Da es die meisten Produkte damals nicht im stationären Einzelhandel zu kaufen gab, musste ich sie umständlich bestellen. Das hatte, neben einem chronisch leeren Sparkonto, auch zahlreiche Ausflüge aufs Amt zur Folge, um bunt beschriftete Pakete aus Übersee aus dem Zoll zu befreien.

Gleichzeitig stellten diese Texte mich aber vor eine noch viel größere Frage: Wer ist denn eigentlich dieser Autor, der so wahnsinnig schön über diese vermeintlich so oberflächlichen Produkte schreiben kann, und warum bedeuten sie mir so viel mehr als sämtliche Texte, die ich im langweiligen Deutsch-Leistungskurs bearbeiten muss? Im Internet gab es nur wenige Hinweise, aber immerhin die Möglichkeit, das Magazin DER FREUND zu kontaktieren (pоst@dеrfrеund.cоm), für das er als Chefredakteur mit Sitz in Kathmandu, Nepal, genannt wurde.

Also schrieb ich hin. Eine Ewigkeit hörte ich nichts und las weiter in seinem Buch über Thomas Bernhard, jetzt allerdings nach japanischen Kirschblüten duftend. Dann tauchte plötzlich eines Tages der kleine Briefumschlag unten rechts in der Menüleiste auf, Post aus Nepal. Der aus dieser naiven initialen Kontaktaufnahme entstandene E-Mail-Austausch war zunächst recht sporadisch; doch nach und nach schrieben wir uns immer häufiger, tauschten auf myspace Lieblingslieder aus oder schickten uns unsere YouTube-Lieblingsausschnitte aus Twin Peaks hin und her. Dieser Austausch gipfelte dann während meines Studiums in Bamberg in einem ersten Treffen, wir trafen uns nachmittags auf einen Kaffee und wunderten uns, glaube ich, ein bisschen über unser Gegenüber, er bestimmt mehr als ich, und wahrscheinlich ist das bis heute noch so.

Während er abends dann aus seinem bis heute unveröffentlichten Roman »Die Wespe« vorlas, stolperte gegen Ende der Veranstaltung unverhofft Christian Kracht als Überraschungsgast in den spärlich besetzten Saal, sein Zug aus München hatte Verspätung gehabt. Zu meiner großen Verwunderung wusste keiner der anderen anwesenden Studenten des Seminars zur sogenannten Deutschen Gegenwartsliteratur, in das ich mich anlässlich der Lesung eingeschlichen hatte, wer da gerade in den Raum hereingeschneit war. Noch seltsamer war nur, dass Christian Kracht, zumindest an diesem Abend, sehr genau wusste, wer ich war, nämlich Eckhart Nickels »pen pal«, wie er, typisch höflich verschmitzt und leicht maliziös lächelnd, treffend bemerkte. Eine Brieffreundschaft ohne Briefe sozusagen, ganz lose und unbekümmert, und so ging sie auch immer weiter, nur »Die Wespe« erschien nie.

Bis gestern, da endete das alles ganz unvorhergesehen, da ich, nach mehr als zehn Jahren, zum ersten Mal tatsächlich Post von meinem pen pal im Briefkasten hatte. Er stand dabei nicht einmal als Absender auf dem Umschlag, ich hatte also zunächst noch keine Ahnung von dieser Zäsur, dieser Epochenwende. Die Sendung kam vom Piper Verlag, aus München: brauner Umschlag, mitteldick. Zu meiner großen Überraschung fand ich darin ein Arbeitsexemplar seines neuen Romans, »Hysteria«, und ich freue mich seitdem wie verrückt auf die Lektüre und bin ganz gespannt, ob es auch um Wespen gehen wird.
 


Ein Tisch namens »Fabian« oder Das hässlichste Wort Hessens

Frankfurt/M., 20. Juli 2018, 18:03 | von Charlemagne

Immer, wenn es in Frankfurt so unerträglich heiß wird, dass Apfelwein als Erfrischungsgetränk seinen alternativlosen Höhepunkt erreicht, fährt Jens Becker in den Sommerurlaub und sperrt seine Apfelweinhandlung für zwei bis drei Wochen zu.

Obwohl er das stets Wochen vorher ankündigt, stehe ich in diesem Zeitraum trotzdem zuverlässig und regelmäßig mindestens einmal wie zufällig vor der verlassenen Eingangstür und blicke, halb verzweifelt, halb hoffend, in den dunklen Raum hinein, ohne Chance auf Einlass, der Meister ist immer noch auf Reisen. Gehe ich dann langsam weiter, beschleicht mich das Gefühl, dass der dunkle Raum auch in mich hinein blickt. Vielleicht liegt es am Hausschoppenentzug; vielleicht liegt es aber auch am karogemusterten Tisch, der in der Mitte des dunklen Raumes steht, eine Sonderedition aus der Maison Kitsuné-Serie von e15 namens »Fabian«.

Ein Tisch namens »Fabian«. Was für ein seltsamer Name für einen Tisch, und was für eine seltsame Assoziation, denn plötzlich habe ich ein Bild von Christian Kracht vor Augen, wie er, es war damals zur Hochzeit der sonderbaren »Imperium«-Debatte, in Leipzig bei der Verleihung des Buchpreises steht und ein Buch von Erich Kästner in der Hand hat.

Christian Kracht. Das passt, denn nur ein paar Wochen vorher hat er in seiner Frankfurter Poetikvorlesung den Wunsch geäußert, den »Klang der deutschen Sprache nur durch die Ferne gefiltert wahr[zu]nehmen«, und genau so geht es mir seitdem mit dem hässlichsten Wort Hessens, dem »Äppler«.

Ursprünglich als Kunstwort zur Umsatzsteigerung vom Unternehmen Possmann in den 90er-Jahren eingeführt (siehe hierzu auch die entsprechende Notiz in »Die Grammatik von als und wie« von Frederike Eggs), hat es sich mittlerweile fast flächendeckend in Hessen als umgangssprachliche Bezeichnung für Apfelwein ausgebreitet, und jedes Mal, wenn irgendwo das Wort auftaucht, sträuben sich mir die Nackenhaare und ich verlasse fluchtartig den Ort des Grauens.

Nicht nur, dass das Wort, geschrieben und/oder ausgesprochen, unglaublich dumpf und obszön daherkommt; es ist auch schlichtweg falsch, wie mir es der Wirt der Gaststätte Zu den drei Steubern in der Dreieichstraße, Wolfgang Wagner, vor vielen Jahren einmal in seinem unnachahmlichen Idiom erklärt hat. Nachdem ihm ein Gast mit der Aufschrift »Äppler Crew« auf dem T-Shirt ins Auge gefallen war, schaute er mich kopfschüttelnd an und fragte: »Äppler? Weißt Du, was ein Äppler ist?« Ich verneinte, neugierig. »Ein Äppler ist ein alter, geiler Bock, der versucht, Frauen ungefragt an die Äppel zu fassen, und sonst nichts. Äppler Crew, haha.«

Wie gesagt, dumpf und obszön, dieses hässlichste Wort Hessens.
 


Ohne Titel

Frankfurt/M., 19. Juni 2018, 00:14 | von Charlemagne

Samstags stand ich auf der Konstablerwache in Frankfurt am Main mitten auf dem Erzeugermarkt am Apfelweinstand von Günther Sattler aus dem Odenwald und blickte, übertrieben blumig formuliert, auf das wochenendliche Treiben.

Da Woche um Woche die gleichen Stände ihre Zelte auf dem Markt aufschlagen, sieht man auch Woche um Woche die gleichen Gesichter. Unzählige Wochenmarktbekanntschaften habe ich schon geschlossen, alles Personen, deren Name ich zwar nicht kenne, die mir aber trotzdem schon – in dieser Reihenfolge – ihre Eintracht-Dauerkarte, ein frisch geschmiertes Wurstbrot und, neulich, sogar Pizzabrötchen belegt mit Hackfleisch aus der Tupperbox angeboten haben. Meine Ausflüge auf den Wochenmarkt sind einfach unfassbar aufregend, hehe.

Eigentlich war es auch wieder Zeit, sich zu wundern, was eigentlich der Apfelweinpoet so treibt und wo er bleibt, doch stattdessen sah ich einen anderen Schriftsteller über den Markt laufen, waahristen Joachim Bessing, seineszeichens ehemaliger Quartettspieler und heute ausgesprochen beeindruckend behaarte Erscheinung. Darüber hinaus auch Autor des schönsten deutschsprachigen Buchs, das ich in den letzten Jahren so gelesen habe, »untitled«. Damals nach der Lektüre, ich las das Buch in der Wüste Namibias, flog ich erst mal weiter nach Australien, kaufte den titelstiftenden Duft und setzt mich aber auf kein Fahrrad.

»untitled« also. Fast noch besser aber ist sein Blog auf waahr.de, auf dem man ihm seit gut zwei Jahren dabei zuschauen kann, wie er langsam aber sicher Frankfurter wird, und das haut mich, als Frankfurter Wahlverwandter, natürlich um; diese Parallelität der Initiationsrituale, vom Vogelfutterkauf bei der Samenhandlung Andreas (neben dem Bürstenhaus!) bis hin zum karnivoren Selbstmordversuch beim Apfelwein Wagner – been there, done that, sehr zum Wohle!

Da lief er nun, in Jeansjacke gekleidet und mit Einkaufstüte behangen. Fast hätte ich ihm hinterhergerufen, Herr Bessing, hier!, aber ich weiß gar nicht, was ich dann weiter hätte sagen sollen. Vielleicht hätte ich ihn zum Apfelwein eingeladen und gefragt, was er samstags so auf dem Wochenmarkt kauft, so als neue Wochenmarktbekanntschaft. Seinen Vornamen immerhin kenne ich ja schon. Und dann, Eintracht-Dauerkarte, Wurstbrot, Tupperbox.
 


Literatur

München, 1. Mai 2018, 22:00 | von Josik

Es wäre doch schön, wenn der Luchterhand Verlag bei allen künftigen Auflagen des Bestsellers »Leere Herzen« von Juli Zeh aufs Cover jenes Zitat setzen würde, das gerade zu diesem Roman abgeliefert wurde:

»Gut, das ist Literatur, damit muss man wohl leben.«
Sahra Wagenknecht

 


Leo

Frankfurt/M., 13. Februar 2018, 19:05 | von Charlemagne

Neulich saß ich bei Jens Becker in der gleichnamigen Apfelweinhandlung zum samstäglichen Frühschoppen. In Frankfurt kann man an vielen Orten Apfelwein trinken, doch nirgends sitzt man so schön und schmeckt es so gut wie bei JB.

Apfelwein trinkt man, so lernt man das als zugezogener Wahlfrankfurter recht schnell, am besten aus einem 0,3 gerippten Schoppenglas, es liegt gut in der Hand und bricht die bei Sonnenschein darauf einfallenden Sonnenstrahlen auf ideale, das heißt jedes Gespräch beim Apfelwein völlig überflüssig machende, Art und Weise etc. Es gibt Schriftsteller, die beschreiben das alles noch viel besser, aber die sind dann auch nicht zugezogen.

Nachdem es samstags in der Apfelweinhandlung nicht nur Apfelwein, den es hier ohnehin täglich und in beeindruckender Vielfalt, sondern auch »Weck und Worscht« gibt, hatte ich, neben meinem Apfelwein, auch eine Rindswurst von Gref-Völsings und ein Wasserweck vom Bäcker HansS auf dem Pappestreifen, der als ideale Erfindung für den Wurstverzehr außer Haus anerkannt werden muss, vor mir.

Ab und zu verknoten sich meine Gedanken etwas beim Apfelwein und gerade wieder. Wurstverzehr, meine Güte. Es musste am leeren Glas liegen, so ließ sich die restliche Wurst nicht verzehren. Das war ja fast schon wie in »Jetzt«, Bohrer-Bernhard-Rindswurst usw. usf.

Da Jens Becker der großzügigste Gastgeber ist, den ich kenne, steht samstags in der Apfelweinhandlung immer ein offener Bembel zum Nachschenken. Der Bembel, das hatte ich bisher noch gar nicht erwähnt, ist der ideale Aufbewahrungsort für den Apfelwein auf seiner Strecke vom Fass ins Gerippte. Aufgrund der bereits erwähnten Großzügigkeit und der Tatsache, dass beim Apfelwein häufig nachgeschenkt wird, hat der Bembel immer eine anständige Größe. Es empfiehlt sich also durchaus, zum Einschenken kurz aufzustehen und dabei vorsichtig nachzuschauen, ob der Apfelweinpoet, wie ich Andreas Maier seit Jahren aufgrund seiner Texte zum Thema anerkennend und ehrfurchtsvoll nenne, zufällig im Laden ist, häufig ist er’s nämlich tatsächlich.

Natürlich kam er auch an diesem Samstag genau in diesem Moment zur Tür herein, ich hatte ihn soeben wieder heraufbeschworen. Seit Jahren gibt es in Frankfurter Apfelweinwirtschaften und an Apfelweinständen auf Frankfurter Wochenmärkten diesen einen magischen Moment, an dem sofort klar ist, dass die einzige logische Möglichkeit des weiteren Verlaufs das plötzliche Erscheinen von Andreas Maier ist.

Da stand ich also, mit dem Bembel in der Hand und dem Rücken zum Apfelweinpoeten, und überlegte kurz, wie ich diese Situation jetzt bloß bestmöglich auflösen sollte. Ich beschloss also, zunächst einzuschenken, den Bembel daraufhin abzustellen und mich schließlich vorsichtig wieder hinzusetzen. Doch irgendwie hatte er es geschafft, in genau diesem Moment hinter mir zu stehen und, um mich nicht zu erschrecken, mit der kurzen Ansage »Leo« auf seine aktuelle Position im Raum aufmerksam zu machen.

»Leo«. Ich war zunächst gar nicht sicher, ob es am Apfelwein lag oder ob er das tatsächlich gesagt hatte. Seit Ewigkeiten hatte ich den Begriff nicht mehr gehört, zuletzt hatte das Philipp Lahm im EM-Halbfinale 2008 gerufen und schon das war anachronistisch gewesen. Musste erst mal den Bembel abstellen und mich langsam wieder hinsetzen. Geistesabwesend-glücklich dachte ich an unzählige lang zurückliegende Nachmittage auf dem Bolzplatz und aß den Rest meiner Rindswurst.
 


Einzelheiten

München, 13. Februar 2018, 15:33 | von Josik

Ok, also ich lese ja gerade diesen wunderbaren orangefarbenen Suhrkamp-Band aus dem Jahr 1980, »Leo Löwenthal: Mitmachen wollte ich nie. Ein autobiographisches Gespräch mit Helmut Dubiel«, und Helmut Dubiel stellt da die ganze Zeit interessante Fragen, und Leo Löwenthal gibt sehr interessante Antworten, aber dann, auf Seite 66, gibt es eine Stelle, von der ich und alle anderen sagen, dass wir da vor lauter Euphorie und Begeisterung geradezu Purzelbäume schlagen, denn der Interviewte, also Leo Löwenthal, erzählt zuerst noch ganz gemächlich

»von Horkheimers Anfänge der bürgerlichen Geschichtsphiloso­phie, die als Buch 1930 erschienen. Da habe ich auf seinen Wunsch eifrig mitgeholfen. Überhaupt ziehen sich wie ein roter Faden durch meine Geschichte mit dem Institut meine editorischen Aktivitäten. Ein großer Teil der Arbeit im Institut war 1929 – wie soll man sagen – strategischer Planung gewidmet. Wir waren erfolgreich, Horkheimer wurde Professor und Direktor des Instituts. Soll ich Einzelheiten erzählen?«,

und hierauf antwortet der Interviewer, also Helmut Dubiel, unfassbarerweise:

»Nein.«

 


Listen-Archäologie (Teil 14):
Market Wizards

Hamburg, 11. Februar 2018, 23:17 | von Dique

Jack D. Schwager hatte irgendwann die hervorragende Idee, die besten Trader der USA zu interviewen. Erschienen sind die Gespräche dann in dem Band »Market Wizards«. Er enthält 17 Interviews mit heute weitbekannten Tradinghelden wie Paul Tudor Jones, Bruce Kovner und Michael Steinhardt. Es gibt jeweils einen kurzen Pro- und Epilog.

Der Tradingstil der Interviewten, grob zusammengefasst, besteht aus Disziplin und striktem Risikomanagement. Schwager fragt die Market Wizards auch gern mal nach prägenden Lektüren, und es zeigen sich Muster: Neben den Büchern von und über Jesse Livermore (»How to Trade in Stocks« von ihm selbst und »Reminiscences of a Stock Operator« von Edwin Lefevre) – einer der oder vielleicht sogar der erste Day-Trader a.k.a. The Boy Plunger – wird häufig ein alter Ziegelstein aus dem 19. Jahrhun­dert genannt, der den wunderschönen Titel »Extraordinary Popular Delusions and the Madness of Crowds« trägt. Dieses Buch, geschrieben von dem schottischen Journalisten Charles Mackay, ist 1841 erschienen, und es ist alles dabei: Alchemie und Kreuzzüge, Tulpenmanie und Südseeblase. Die Crypto-Currency-Manie kannte Mackay natürlich noch nicht, gewundert hätte er sich nicht.

Die »Market Wizards« wurden für Schwager zum großen Erfolg. Im Abstand von jeweils ein paar Jahren brachte er dann immer neue Bücher mit aktuellen Top-Tradern als Interviewpartnern heraus: »New Market Wizards«, »Stock Market Wizards« und »Hedge Fund Market Wizards«. Alle sind gleichermaßen großer Fun. In unserer Serie »Listen-Archäologie« folgt nun eine chronologische Übersicht mit den insgesamt 64 Interviewpart­nern, eine note to self, da ich selbst oft verwechsle, welcher Trader für welches Buch interviewt wurde.

Die Trader in den späteren Büchern kannten natürlich die vorherigen Titel. Für einige war es neben einer großen Ehre sogar das Ziel, einmal für eines der Bücher von Schwager interviewt zu werden. Mark Minervini, der Trendfolgegott aus dem Band »Stock Market Wizards«, gibt das explizit in seinem Interview bekannt.

Mit Ausnahme von Linda Bradford Raschke und Dana Galante fehlen unter den Top-Tradern übrigens bedrohlich die Frauen, die Quote bei 64 Inter­views liegt bei gerade mal 3%.

But here we go, meet the Market Wizards, as interviewed by Jack D. Schwager!

Market Wizards:
Interviews with Top Traders (1989)

  • Michael Marcus: Blighting Never Strikes Twice
  • Bruce Kovner: The World Trader
  • Richard Dennis: A Legend Retires
  • Paul Tudor Jones: The Art of Aggressive Trading
  • Gary Bielfeldt: Yes, They Do Trade T-Bonds in Peoria
  • Ed Seykota: Everybody Gets What They Want
  • Larry Hite: Respecting Risk
  • Michael Steinhardt: The Concept of Variant Perception
  • William O’Neil: The Art of Stock Selection
  • David Ryan: Stock Investment as a Treasure Hunt
  • Marty Schwartz: Champion Trader
  • James B. Rogers, Jr.: Buying Value and Selling Hysteria
  • Mark Weinstein: High-Percentage Trader
  • Brian Gelber: Broker Turned Trader
  • Tom Baldwin: The Fearless Pit Trader
  • Tony Saliba: »One-Lot« Triumphs
  • Dr. Van K. Tharp: The Psychology of Trading (kein Trader, sondern ein Psychologe, der viele Trader betreut)

The New Market Wizards:
Conversations with America’s Top Traders (1992)

  • Bill Lipschutz: The Sultan of Currencies
  • Randy McKay: Veteran Trader
  • William Eckhardt: The Mathematician
  • Monroe Trout: The Best Return That Low Risk Can Buy
  • Al Weiss: The Human Chart Encyclopaedia
  • Stanley Druckenmiller: The Art of Top-Down Investing
  • Richard Driehaus: The Art of Bottom-Up Investing
  • Gil Blake: The Master of Consistency
  • Victor Sperandeo: Markets Grow Old Too
  • Tom Basso: Mr. Serenity
  • Linda Bradford Raschke: Reading the Music of the Markets
  • Mark Ritchie: God in the Pits
  • Joe Richie: The Intuitive Theoretician
  • Blair Hull: Getting the Edge
  • Jeff Yass: The Mathematician of Strategy
  • Charles Faulkner: The Mind of an Achiever
  • Robert Krausz: The Role of the Subconscious

The Stock Market Wizards:
Interviews with America’s Top Stock Traders (2001)

  • Stuart Walton: Back from the Abyss
  • Michael Lauer: The Wisdom of Value, the Folly of Fad
  • Steve Watson: Dialling for Dollars
  • Dana Galante: Against the Current
  • Mark D. Cook: Harvesting S&P Profits
  • Alphonse »Buddy« Fletcher Jr.: Win-Win Investing
  • Ahmet Okumus: From Istanbul to Wall Street Bull
  • Mark Minervini: Stock Around the Clock
  • Steve Lescarbeau: The Ultimate Trading System
  • Michael Masters: Swimming Through the Markets
  • John Bender: Questioning the Obvious
  • Claudio Guazzoni: Eliminating the Downside
  • David Shaw: The Quantitative Edge
  • Steve Cohen: The Trading Room
  • Arik Kiev, M.D.: The Mind of a Winner (wieder ein Psychologe)

Hedge Fund Market Wizards:
How Winning Traders Win (2012)

  • Colm O’Shea: Knowing When It’s Raining
  • Ray Dalio: The Man Who Loves Mistakes
  • Larry Benedict: Beyond Three Strikes
  • Scott Ramsey: Low-Risk Futures Trader
  • Jaffray Woodriff: The Third Way
  • Edward Thorp: The Innovator
  • Jamie Mai: Seeking Asymmetry
  • Michael Platt: The Art and Science of Risk Control
  • Steve Clark: Do More of What Works and Less of What Doesn’t
  • Martin Taylor: The Tsar Has No Cloths
  • Tom Claugus: A Change of Plans
  • Joe Vidich: Harvesting Losses
  • Kevin Daly: Who Is Warren Buffett?
  • Jimmy Balodimas: Stepping in Front of Freight Trains
  • Joel Greenblatt: The Magic Formula

 


Abenteuer mit Koni

Moskau, 10. Juli 2017, 21:59 | von Josik

Wir hatten uns an der Metrostation Baumanskaja mit Baumanski verabredet, dessen Nom de guerre ja von eben jenem revolutionären Bauman inspiriert ist, nach dem hier im Moskauer Osten viele Dinge benannt sind, etwa auch der Bauman-Garten, und in den gingen wir dann. Baumanski war ziemlich überrascht, dort einen Basler Springbrunnen vorzufinden, den die Stadt Basel den Moskauern geschenkt hatte. Dann aber, wie immer wenn man sich mit Baumanski trifft, kam die Rede irgendwie wieder ziemlich schnell auf Koni und auf die Frage, ob man ein literaturwissenschaftliches Instrumentarium entwickeln könnte, das die literarische Qualität von Schriftstellern direkt proportional zu ihrer persönlichen Hundeliebe misst. Der Gedankengang ist so:

Putins (1999 geborene und 2014 verstorbene) Hündin hieß Koni. Im Februar 2004 schenkte Putin dann dem damaligen österreichischen Bundespräsidenten Thomas Klestil und seiner Gattin Margot Klestil-Löffler zwei von Konis Kindern, nämlich Olga und Orchidea. Völkerverständigung at her best! Margot Klestil-Löfflers Landsfrau Elfriede Jelinek veröffentlichte auf ihrer Homepage zwei schöne Texte über ihre (am 17. Juni 2006 verstorbene) Hündin Floppy. Karl Kraus schreibt in der Fackel Nr. 376 auf Seite 25: »Woodie, ein kleiner Hund mit langen Haaren, den ich persönlich gekannt habe, er lachte, wenn die Menschen zu ihm sprachen, und weinte, weil er mit ihnen nicht sprechen konnte, und sein Blick war für sich und sie der Dank der Kreatur: ist von einem Automobil getötet worden.« In der Fackel Nr. 454 auf Seite 63 veröffentlicht Karl Kraus das berühmte Gedicht: »Als Bobby starb (22. Februar 1917)«, das mit den Worten beginnt: »Der große Hund ist tot.« In Kraus’ letztem Lebensjahr war sein Lieblingshund Rover, ein schwarzer Neufundländer, den er Sidonie Nádherný geschenkt hat (Rover, Sandy, Flock und Pyri waren ein »Hundeviergespann«). 1991 erschien bei de Gruyter eine Studie mit dem Untertitel »Zur Bedeutung der Neufundländer in Fontanes Romanen«. Auch die Hundeliebe Schopenhauers, des bedeutendsten philosophischen Literaten aller Zeiten, ist sprichwörtlich. Friedrich Theodor Vischer hat den Hunden in seiner 600-seitigen Novelle »Auch Einer« ein Denkmal gesetzt. Salomon Maimon brachte seine Lieblingshündin Belline in die Berliner Salons mit und wollte ihr seine Bibliothek vermachen. Praktisch alle der erwähnten Personen sind superste Schriftsteller, und sie alle zeichnen sich durch ihre Hundeliebe aus – aber wie bringt man das theoretisch zusammen?

Darüber diskutierten wir endlos, und über dieser Diskussion waren wir mittlerweile aus dem Bauman-Garten heraus- und vor dem Club-Café Koni in der Novaya Basmannaya angekommen, das nur einen Knochenwurf entfernt liegt. Das Club-Café Koni war allerdings nicht nach Putins verstorbener Labradorhündin benannt, sondern nach dem Juristen Anatolij Fjodorowitsch Koni, der selber ein großer Hundefreund war, wie man gut an dem Foto sehen kann, das in Sergej Vysockijs Koni-Biografie aus dem Jahr 1988 zwischen den Seiten 64 und 65 abgebildet ist und auf dem Koni sich zusammen mit dem Hund Mirsa hat ablichten lassen. Leider hatte das Club-Café Koni geschlossen.

Man konnte aber durch die Fensterscheiben des Club-Cafés Koni kucken und erkennen, dass es innen sehr gut aussah, auf einem der Tische stand sogar eine noch nicht vollständig ausgelöffelte Tasse Tee. Wir aßen schnell woanders zu Mittag, und zwar auf der Terrasse eines nahen ukrainischen Restaurants. Und fuhren dann schließlich mit einem Yandex-Taxi zum weltweit einzigen Koni-Denkmal, vor der soziologischen Fakultät der Lomonossow-Universität.

Wir ließen das Taxi etwas zu früh halten, um der grässlichen russischen Popmusik zu entfliehen, die im Taxi lief und die gefährliche Ohrwurmqualitäten hatte. In einem Fußgängertunnel kauften wir ein paar frische Erdbeeren und aßen sie alle auf, während wir in die Richtung gingen, wo wir das Koni-Denkmal vermuteten, bis wir plötzlich da waren. Koni wurde in seinem Denkmal allerdings ohne Hund gebildhauert (dafür aber mit einem Gesetzbuch).

So verging dieser herrliche Tag, mein letzter vor der Rückreise nach München. Am nächsten Vormittag gab’s noch Frühstück bei Paco zuhause, und weil Paco zum Frühstück immer leise Ö1 hört, hörte auch ich leise Ö1 mit. Unmittelbar nachdem Paco das Internetradio angeknipst hatte, hörten wir als erstes einen merkwürdigen Satz, der ungefähr wie folgt lautete: »Ich finde Bürgerkrieg gut.« Ich nahm mir vor, zuhause noch mal nachzuhören, worum es hier eigentlich ging, habe das dann aber natürlich nicht getan.

Paco bestellte mir ein Yandex-Taxi, das mich zum Edward-Snowden-Flughafen Scheremetjewo bringen sollte. Fünf Minuten später stand das Taxi vor der Tür. Der Taxifahrer war anfangs leicht überfordert und meinte, er sei bisher noch nie nach Scheremetjewo gefahren, dafür brauche man eigentlich erfahrene Chauffeure, aber er habe die Anfrage ja nicht ablehnen können. Ich sagte in bestem Merkel-Russisch: »Успеем« (»Wir schaffen das«), da war er irgendwie beruhigt. Er fragte mich, ob ich Radiomusik wünsche, ich sagte: »Как хотите« (»Wie Sie mögen«). Er sagte, er möge lieber Ruhe, also lauschten wir weder schlimmem russischem Ohrwurmpop noch Ö1, womit ich als Bürgerkriegsgegner sehr einverstanden war, ich finde Bürgerkrieg nämlich wirklich nicht gut.