Archiv des Themenkreises ›100 Seiten‹


100-Seiten-Bücher – Teil 165
Katja Kullmann: »Rasende Ruinen – Wie Detroit sich neu erfindet« (2012)

Düsseldorf, 23. August 2019, 13:16 | von Charlemagne

Das Buch von Katja Kullmann hat 90 Seiten und das passt natürlich ganz ausgezeichnet, da ich in den Neunzigern des letzten Jahrtausends in einem schmucken, im Gegensatz zu Detroit natürlich sehr sicheren, plüschig manikürten Vorort der Motor City in den Kindergarten ging. So viel zur Einleitung, oder, um den bekanntesten noch lebenden Sohn der Stadt zu zitieren: Welcome to Detroit.

Die zeitlose Idee, dass aus Ruinen irgendwann auch wieder etwas Neues aufersteht, lässt sich an Detroit tatsächlich sehr schön durchdeklinieren, und Katja Kullmann hat darüber ein schlaues kleines Buch geschrieben, trust me on that one (für interessierte Leser sei hierzu auch Jeffrey Eugenides‘ Roman »Middlesex« empfohlen, da werden die Geschichte der Stadt, der »white flight« und der Detroit Riot von 1967 sehr eindrücklich erzählt).

Die These allerdings, dass das bei Detroit irgendwann berlineske Züge annimmt, well, da war ich dann doch etwas skeptisch. Also hin, nachschauen, ohne Hoodie. Das war 2014, ich war zu Besuch aus der Windy City, und da sah downtown tatsächlich sehr nett aus, da saßen Menschen unter freiem Himmel und tranken überteuerten Kaffee, sehr zur Verwunderung meiner Mutter, die die Gegend von damals nur als forbidden inner city warzone kannte. Tja, was das ganze Geld von Dan Gilbert & Co. so angerichtet hat, Bilderbuchgentrifizierung halt.

Beim Verlassen der Stadt, vorbei am leuchtenden Comerica Park und auf dem Weg hinter die Fassade, denkt man dann aber doch rasend schnell wieder an den unsäglichen Begriff des »ruin porns«, der bringt das leider immer noch ganz gut auf den Punkt: die Stadt als ausgebranntes, trauriges Paradebeispiel für den Niedergang des American Dream, jetzt aber mit paar bunten Bildern an den Hauswänden.
 

Länge des Buches: ca. 160.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Katja Kullmann: Rasende Ruinen. Wie Detroit sich neu erfindet. Berlin: Suhrkamp 2012. S. 7–93 (= 87 Textseiten).

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100-Seiten-Bücher – Teil 164
Mayra Montero: »Bolero der Leidenschaft« (1991)

München, 31. Juli 2019, 16:55 | von Josik

Es ist doch eine schöne Idee, im Titel eines Romans einen bestimmten Tanz aufzuführen, der sich gleichzeitig auf den Namen der Autorin oder des Autors reimt, so wie hier »Montero / Bolero«, oder in voller Länge eben: »Mayra Montero: Bolero der Leidenschaft«. Eigentlich sollte man daraus mal ne ganze Reihe machen, z. B.: »Stephen King: Swing der Sinnlichkeit«, »Martin Walser: Salsa des Begehrens«, »Jens Balzer: Walzer der Wollust«, »Paula Fox: Discofox der Begierde« usw.

Mayra Montero ist eine kubanisch/puerto-ricanische Schriftstellerin, also gilt für sie wohl jene Devise, die einmal in der österreichischen Tageszeitung »Die Presse« zu lesen war, nämlich »dass in hispanoamerikanischer Tradition Pornografie nicht im zehnten, sondern im achten Kapitel stattzufinden hat«. Ich zählte natürlich sofort nach, und tatsächlich hat »Bolero der Leidenschaft« insgesamt acht Kapitel. Hier ist das achte auch gleichzeitig das letzte und mit nur drei Seiten sogar das kürzeste Kapitel. Aber ausgerechnet in diesem Schlusskapitel findet nun eigentlich so gut wie mehr oder weniger überhaupt gar keine Pornografie statt! Da ist man natürlich schön angeschmiert; offenbar wünscht die Autorin, dass man auch die vorhergehenden sieben Kapitel lesen soll.

Beispielsweise im zweiten Kapitel ist die Rede von einer Frau, die sich »den Rock zwischen die Beine schob und sich vor aller Augen masturbierte« (S. 32). Wahrhaftig, ich sage Euch, da steht nicht, dass sie masturbierte, sondern da steht, dass sie »sich« masturbierte! Und es ist doch wirklich skandalös, dass ein derart auf Masturbationsliteratur spezialisierter Verlag wie der Goldmann Verlag, der die deutsche Ausgabe dieses Monterobolero herausgebracht hat, nicht weiß, dass masturbieren im Deutschen kein reflexives Verb ist. Aber gut, Übersetzungsskandale passieren halt. Also, Leute, konzentriert Euch weniger auf den einen Übersetzungsfehler und mehr auf den Inhalt dieses Buchs, den wiederzugeben hier nun leider kein Platz mehr ist.

Länge des Buches: ca. 230.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Mayra Montero: Bolero der Leidenschaft. Roman. Aus dem Spanischen von Marion Lütke. München: Goldmann [1992]. S. 3–141 (= 139 Textseiten).

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100-Seiten-Bücher – Teil 163
Lya Luft: »Die Frau auf der Klippe« (1980)

München, 30. Juli 2019, 10:25 | von Josik

Leider kann ich kein Portugiesisch, aber wenn der Algorithmus von Google Translate mich nicht veräppelt hat, dann bedeutet »As parceiras«, wie der Originaltitel dieses ziemlich heftigen Romans lautet, übersetzt: »Die Partner«. Dass die deutsche Ausgabe den Titel »Die Frau auf der Klippe« trägt, ist schon ok, denn tatsächlich taucht am Anfang des Buches auf der Klippe eine Frau auf, und auch zwischendrin taucht sie ein paar Mal auf, und am Ende sind es eben sogar zwei Frauen auf der Klippe. Wunderlich hingegen ist das Cover der deutschen Ausgabe: Ein weißer Krug und ein schwarzer Krug stehen auf einer blauen Tischdecke mit roten Klecksen oder vielleicht auch Riesenmohnblumen. Im Roman selbst kommen weder ein weißer Krug noch ein schwarzer Krug noch eine blaue Tischdecke mit roten Klecksen oder Riesenmohnblumen vor. Wahrscheinlich soll das Bild symbolisch für irgendwas stehen, ich habe nur leider keine Ahnung, wofür.

Zum Vergleich habe ich mir im Internet die anderen Cover angekuckt, die diesem Buch etwa von brasilianischen Verlagen verpasst wurden, und war sehr überrascht, denn es ist wirklich ein bisschen irre, wie die Grafikleute sich in diesem Fall weltweit ausgetobt haben: Auf dem Cover der einen Ausgabe sind psychedelische Grünstreifen zu sehen, auf dem Cover einer anderen eine Blondine mit zwei Theatermasken, des Weiteren gibt es eine Ausgabe mit irgendwelchen ausgedachten Spielkarten auf dem Cover, und es gibt beispielsweise auch noch eine Ausgabe mit zwei Schemen vorne drauf, die gleichzeitig Schach spielen. Das alles hat mit dem Roman einfach überhaupt nichts zu tun, und es wäre interessant zu erfahren, wie es zu diesem globalen Coverpallawatsch gekommen ist.

Ich rate jedenfalls dazu, dieses Buch ganz unvoreingenommen nur ohne Cover zu lesen.

Länge des Buches: ca. 200.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Lya Luft: Die Frau auf der Klippe. Roman. Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Karin von Schweder-Schreiner. Stuttgart: Klett-Cotta 2013. S. 3–128 (= 126 Textseiten).

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100-Seiten-Bücher – Teil 162
Doris Lessing: »Die Versuchung des Jack Orkney« (1972)

München, 29. Juli 2019, 12:00 | von Josik

Sicherlich das Highlight dieser Erzählung ist, wie zwanzig aktivistisch veranlagte Leute auf dem Trafalgar Square für die Hungernden in Bangladesch einen 24-stündigen Hungerstreik veranstalten.

Länge des Buches: ca. 190.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Doris Lessing: Die Versuchung des Jack Orkney. Aus dem Englischen von Adelheid Dormagen. Stuttgart: Klett-Cotta 1983. S. 3–95 (= 93 Textseiten).

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100-Seiten-Bücher – Teil 161
Saphia Azzeddine: »Zorngebete« (2008)

München, 26. Juli 2019, 09:15 | von Josik

Der wohl berühmteste erste Satz der Weltliteratur stammt aus Tolstojs Roman »Anna Karenina« und lautet: »Alle glücklichen Familien gleichen einander« usw. – In Saphia Azzeddines Hundertseitenroman »Zorngebete« hingegen heißt es: »Alle Busbahnhöfe des Landes gleichen einander« (S. 92). Hier ist es allerdings nicht der erste, sondern, wenn ich mich nicht verzählt habe, erst der eintausendneunhundertzwölfte Satz. Aber das macht ja nichts. Ich finde sogar, die beiden Sätze »Alle glücklichen Familien gleichen einander« und »Alle Busbahnhöfe des Landes gleichen einander« gleichen einander. Deshalb habe ich nun angefangen, eine Liste zu erstellen, aus der zu ersehen ist, welche Gemeinsamkeiten glückliche Familien einerseits und Busbahnhöfe andererseits aufweisen. Zu meiner großen Bestürzung fällt diese Liste bisher aber äußerst kurz aus.

Länge des Buches: ca. 170.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Saphia Azzeddine: Zorngebete. Roman. Aus dem Französischen von Sabine Heymann. Berlin: Verlag Klaus Wagenbach 2013. S. 3–117 (= 115 Text­seiten).

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100-Seiten-Bücher – Teil 160
Joyce Carol Oates: »Schwarzes Wasser« (1992)

München, 25. Juli 2019, 16:55 | von Josik

Schon im ersten Satz, auf Seite 8, erfahren wir, dass es ein Toyota ist, der hier von der Straße abkommt, und damit wir das nicht vergessen, wird es in diesem kurzen Roman danach einfach noch weitere sechzehn Mal erwähnt: Seite 11: »Toyota«; Seite 12: »Toyota«; Seite 13: »Toyota«; Seite 16: »Toyota«; Seite 26: »Toyota«; Seite 27: »Toyota«; Seite 31: »Toyota«; Seite 33: »Toyota«; Seite 37: »Toyota«; Seite 41: »Toyota«; Seite 42: »Toyota«; Seite 45: »Toyota«; Seite 53: »Toyota«; Seite 66: »Toyota«; Seite 124: »Toyota«; Seite 135: »Toyota«. Vielleicht handelt es sich um eine Art Anti-Schleichwerbung, da es ja nun eigentlich nicht sehr für die Marke Toyota spricht, dass der am Steuer sitzende US-Senator von der Straße abkommt und in ein sumpfiges Wasser geschleudert wird. Der Senator kann dann zwar sich selber aus dem buchstäblich absaufenden Toyota retten, macht allerdings keinerlei Anstalten, seine junge Beifahrerin, die er kurz vorher auf einer Party kennengelernt hat, ebenfalls zu retten.

Dieser Roman ist based on a true story, und dementsprechend hat die Autorin Joyce Carol Oates eher wenig verändert: In Wirklichkeit ereignete sich der Vorfall 1969 (der Roman spielt etwa 20 Jahre später), in Wirklichkeit war es ein Oldsmobile 88 (kein Toyota), den der Senator fuhr, in Wirklichkeit hieß die Beifahrerin Mary Jo Kopechne und starb mit 28 Jahren (im Roman heißt sie Kelly Kelleher und stirbt mit 26 Jahren), und in Wirklichkeit hieß der Senator Edward Kennedy (im Roman heißt der Senator schlicht: »der Senator«). Mary Jo Kopechne hätte wahrscheinlich gerettet werden können, wenn Kennedy die Polizei nicht erst zehn Stunden nach dem Unfall verständigt hätte, kurz nachdem diese schon von einem zufällig auf die Leiche gestoßenen Taucher informiert worden war. Zur Strafe erhielt Kennedy, denn nichts ist unmöglich, zwei Monate auf Bewährung.

Länge des Buches: ca. 180.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Joyce Carol Oates: Schwarzes Wasser. Roman. Aus dem Amerikanischen übertragen von Rüdiger Hipp. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt 1993. S. 3–142 (= 140 Textseiten).

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100-Seiten-Bücher – Teil 159
Ding Ling: »Das Tagebuch der Sophia« (1927)

München, 24. Juli 2019, 14:30 | von Josik

Wollte man einen literarischen Abreißkalender herausbringen, so empföhle es sich, nicht jeweils ein Zitat aus 365 verschiedenen Werken zusammen­zukratzen, sondern viel sinnvoller wäre es, 365 Zitate aus einem einzigen Buch und zwar aus Ding Lings »Tagebuch der Sophia«, einer der berühmtesten Hundertseiterinnen der modernen chinesischen Literatur, herauszuspachteln. Es wäre dann auch fast egal, welche Seite man aufschlägt, superste Sprüche finden sich nämlich so gut wie überall, z. B. hier auf Seite 15: »Von mir einmal abgesehen, hat niemand für mein Verhalten Verständnis.« Oder auf Seite 17: »Ich leugne grundsätzlich die Notwendigkeit von Erklärungen.« Oder hier auf Seite 25: »Ist es nicht längst so, daß Arznei und Krankheit in überhaupt keiner Beziehung mehr zueinander stehen?«

Zugegeben, die folgende Passage eignet sich für unseren Abreißkalender allerdings nicht: »Da gibt es eine Reihe begabter Frauen, fähig, infolge geringster Enttäuschungen eine Unzahl von klassischen Gedichten im Alten und Neuen Stil zu verfassen: ›Ich bin gefühlvoll und so melancholisch‹ […]. Ich dagegen bin völlig unbegabt« (S. 79). Diese Stelle ist etwas verwirrend, denn einerseits schreibt Sophia, »Ich bin gefühlvoll und so melancholisch« sei ein Beispiel für einen klassischen Vers, andererseits beweist sie damit sozusagen performativ ihre eigene poetische Unbegabtheit, denn rein lyriktechnisch ist »Ich bin gefühlvoll und so melancholisch« natürlich ein unfassbar katastrophal grottiger Vers, es ist einfach eine unbelegte Behauptung. Als klassisches Gedicht wären diese Worte nicht einmal dann zu retten, wenn man sie im Neuen Stil weiterdichtete, zum Beispiel: »Ich bin gefühlvoll / und so melancholisch, / Ich bin voll stilvoll / und römisch-katholisch« oder so ähnlich.

Warum Ding Lings »Tagebuch der Sophia« in China nach der Erstpublikation 1927 dermaßen eingeschlagen hat, führe ich nun im Folgenden nicht weiter aus, denn ich leugne grundsätzlich die Notwendigkeit von Erklärungen, hehe.

Länge des Buches: ca. 100.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Ding Ling: Das Tagebuch der Sophia (Suofei-nüshi-de-riji). Aus dem Chinesischen übersetzt von dem Arbeitskreis Moderne Chinesische Literatur am Ostasiatischen Seminar der Freien Universität Berlin (Bernd Fischer, Anna Gerstlacher, Johanna Graefe, Renate Krieg, Wolfgang Kubin, Julia Lore Mollée, Eva Sternfeld), Redaktion: Wolfgang Kubin, Jörg Michael Nerlich. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1980. S. 5–103 (= 99 Textseiten).

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100-Seiten-Bücher – Teil 158
Kathrin Passig: »Vielleicht ist das neu und erfreulich« (2019)

Leipzig, 22. Juli 2019, 14:27 | von Paco

Es geht gleich super archäologisch los in diesen gesammelten »Grazer Vorlesungen zur Kunst des Schreibens«, die Kathrin Passig im Mai 2018 gehalten hat und die jetzt als Hundertseiterin bei Droschl erschienen sind. Und zwar erinnert sie an den Internet-Literaturpreis, der zwischen 1996 und 1998 von der ZEIT und IBM (what a combo!) insgesamt dreimal ausgelobt, dann aber sanglos und klanglos wieder eingestellt wurde.

Wohl und Wehe der Literatur im Netz, speziell ihre erwartete Transformation in genuine Netzliteratur, war journalistisch schon immer begleitet von Abgesängen (»Die Zeit« 1998, »Der Spiegel« 2002), und das ist ja auch nicht schlimm. Wir würden das interessante Neue sowieso nie bemerken, so Passig, während wir in derselben Zeitblase gefangen sind.

Also wo nach der Zukunft der Literatur suchen? Von den Feuilletons runtergeschriebene »schlecht angesehene Bereiche« seien gute Kandidaten, als da wären: »Pornografie, Selfpublishing, kollektives Erzählen, Auseinandersetzung mit Büchern bei YouTube« (S. 46). Wobei: »Letztlich hilft es wahrscheinlich nur, fünfzig oder hundert Jahre abzuwarten. Mit etwas Glück hat sich irgendeine Neuerung bis dahin unmissverständlich durchgesetzt: das Genre des Romolfs, der Vertriebsweg des Zenkens, die Leseweise in Klimpzirkeln.« (S. 47)

Zur Wiedervorlage: Romolf, Zenken, Klimpzirkel.

Ach so, an Jonathan Franzen arbeitet sie sich auch noch ab, eingeleitet mit diesem tollen Satz: »Ich weiß nicht mehr, ob ich das vor langer Zeit gelesene Buch – es handelte sich um ›The Corrections‹ – gut oder schlecht fand.« (S. 18) Nun ja, »Die Korrekturen« sind in der amerikanischen Erstausgabe 568 Seiten lang, aber vielleicht verwittern solche Lektüreeindrücke doch schneller als gedacht? Jedenfalls sollte man nach jeder Lektüre eines Buches irgendwo das Urteil JA oder NEIN (GUT oder SCHLECHT) vermerken, so wie das der von Matias Faldbakken ausgedachte armenische Kritiker Artoun Dilsizian getan hat.

Oh, hier noch ein Franzen-Zitat: »Es ist zweifelhaft, dass jemand, der einen Internetzugang am Arbeitsplatz hat, gute Romane schreibt.« (S. 23) Und Passig spießt wunderbar den Umstand auf, dass Franzen sein Unbehagen in alter Intellektuellentradition unzulässig verallgemeinert, und legt ihm die Worte in den Mund: »Ich leide unter Arbeitsstörungen wie viele Autoren und muss mich deshalb vorsichtig von Twitter, Facebook und dergleichen fernhalten.« (S. 30)

Länge des Buches: ca. 110.000 Zeichen. – Ausgaben:

Kathrin Passig: Vielleicht ist das neu und erfreulich. Technik. Literatur. Kritik. Graz: Droschl 2019. S. 3–104 (= 102 Textseiten).

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100-Seiten-Bücher – Teil 157
Tania Blixen: »Babettes Fest« (1950)

München, 10. Juni 2019, 21:55 | von Josik

Trifft der weltberühmte Pariser Opernsänger Achille Papin die norwegische Betschwester Philippa. Trifft der fesche Offizier Lorens Löwenhjelm die Betschwester Martine. Das ist nicht der Beginn zweier schlechter Witze, sondern so startet Karen Blixens Erzählung »Babettes Fest«, und diese Geschichte ist derart superst, dass der Vatikan nicht nur den oscar-prämierten Film »Babettes Fest« auf seine Liste der besonders empfehlenswerten Filme gesetzt hat, sondern dass Papst Franziskus in seinem nachsynodalen apostolischen Schreiben »Amoris laetitia« vom 19. März 2016 auch noch wörtlichstens schrieb: »Man erinnere sich an die geglückte Szene in dem Film ›Babettes Fest‹, wo die großherzige Köchin« usw.

Dass ausgerechnet der Papst »Babettes Fest« so cute findet, ist umso erstaunlicher, als die Katholen dort eigentlich voller Argwohn betrachtet werden, jedenfalls von den zwei Betschwestern. Der Ausdruck Betschwestern ist in diesem Fall genetisch zu verstehen, denn Philippa und Martine sind die Töchter eines pietistischen Sektengründers. Durch Monsieur Papins Vermittlung nehmen die beiden in einem Sister Act der Barmherzigkeit unsere Titelheldin Babette als Hauswirtschafterin in ihre Wohngemeinschaft bei sich auf, nachdem sie beim Aufstand der Pariser Kommune als Pétroleuse festgenommen worden war, aber entrinnen konnte. Pétroleuse nennt man eine Frau, die Häuser mit Petroleum in Brand steckt, und außerdem klingt es ja auch viel eleganter als z. B. Mollywerferin.

Babette lebt nun also zwölf Jahre lang in dem norwegischen Kaff und es passiert das, was in einem Zeitraum von zwölf Jahren in einem norwegischen Kaff eben passiert, nämlich gar nichts, aber plötzlich, huch, gewinnt sie in der französischen Lotterie zehntausend Francs! Da trifft es sich natürlich gut, dass zum anstehenden hundertsten Geburtstag des verstorbenen Vaters und Sektengründers eine Feier ausgerichtet werden soll, zu der eine mittelgroße Anzahl von Gemeindemitgliedern sowie eine sehr kleine Anzahl von Externen, darunter auch Löwenhjelm, eingeladen sind. Zur Vorbereitung des Menüs lässt Babette eine Unmenge von erlesensten, exquisitesten, teuersten Zutaten extra aus Paris herankarren. Wie bei Pietistenpartys üblich, geloben die Gäste allerdings schon vor der Feier einander, dass sie »an dem großen Tage unter keinen Umständen über Speis und Trank ein Wort verlauten lassen wollten« (S. 44), denn Essen ist was Irdisches, Pietisten aber sind durchgeistigt, und auch Pietisten müssen zwar essen, aber nicht übers Essen zu reden finden sie eben himmlisch.

Der einzige, der während des Festmahls aus der Reihe tanzt, ist der in der Welt herumgekommene Löwenhjelm. Er trinkt den Wein, der ihm kredenzt wird, »wandte sich an seinen Nachbarn zur Rechten und sagte: ›Aber das ist doch ein Veuve Cliquot 1860?‹ Der Angesprochene blickte ihn freundlich an, lächelte ihm zu und machte eine Bemerkung über das Wetter« (S. 61). Löwenhjelm genießt das von Babette zubereitete, wunderherrliche Hauptgericht, »wandte sich an seinen Nachbarn zur Linken und sagte zu ihm: ›Das sind doch zweifellos Cailles en Sarcophage!‹ Der Nachbar […] blickte ihn geistesabwesend an; dann nickte er zustimmend und erwiderte: ›Ja, ja, gewiß doch. Was sollte es sonst sein?‹« (S. 63). Aber es kommt noch besser: »Als ein paar Augenblicke später Trauben, Pfirsiche und frische Feigen vor ihn hingestellt wurden, sagte er lächelnd zu dem ihm gegenübersitzenden Gast: ›Schöne Weintrauben!‹ Der aber antwortete: ›Und sie kamen bis an den Bach Eskol und schnitten daselbst eine Rebe ab mit einer Weintraube und ließen sie zwei auf einem Stecken tragen.‹« (S. 64)

Tania Blixen schreibt an dieser Stelle nicht, dass dies natürlich ein Zitat aus dem Buch Numeri ist (4. Buch Mose), Kapitel 13, Vers 23. Ich fand es ja immer eine herzallerliebste Tradition bei den Evangolen, dass sie einen Bibelvers auswählen, wenn sie konfirmiert werden oder wenn sie heiraten oder wenn sie auf Weintrauben angesprochen werden. Am herzallerallerliebsten freilich fände ich, wenn auf einer evangolischen Hochzeit das Brautpaar einmal das Hohelied, Kapitel 2, Vers 5, auswählen würde und wenn die Pastorin oder der Pastor dann zu diesem schönen Bibelvers eine Predigt halten müsste: »Stärkt mich mit Traubenkuchen, erquickt mich mit Äpfeln«.

Usw.

Länge des Buches: ca. 90.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Tania Blixen: Babettes Fest. Aus dem Englischen übersetzt von W. E. Süskind. Zürich: Manesse 1989. S. 3–85 (= 84 Textseiten).

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100-Seiten-Bücher – Teil 156
Samanta Schweblin: »Das Gift« (2014)

München, 1. Juni 2019, 23:51 | von Josik

Nina ist die Tochter der im Sterben liegenden Amanda, David ist der Sohn von Carla und außerdem ist er ein Mensch mit Transmigrationshinter­grund. Dieser Roman spielt irgendwo in der Pampa, da dauert es Stunden, bis mal Ärzte kommen, wenn man sie braucht. Und David braucht wirklich dringend Hilfe, denn er hat sich vergiftet und wird wohl in Kürze sterben. Statt stundenlang auf ärztliche Hilfe zu warten, bringt Carla ihn deshalb lieber zur Frau vom Grünen Haus. Die Frau vom Grünen Haus ist Expertin für Transmigration: »Wenn man für Davids Geist rechtzeitig einen anderen Körper fände, verschwände damit auch ein Teil der Vergiftung. Denn wenn die Vergiftung auf zwei Körper verteilt ist, besteht die Chance, sie zu überleben. Es gibt zwar keine Garantie dafür, aber manchmal klappt es« (S. 25). Im Straßenbild sieht die Leserschaft vor ihrem geistigen Auge schon förmlich die Plakate der Transmigrationsgegner vor sich: »Transmigration tötet!« Und die Slogans der anderen: »Gleiche Rechte für Transmigranten!« Usw.

Die Frau vom Grünen Haus jedenfalls »meinte auch, dass die Transmigration Folgen hat. In einem Körper ist kein Platz für einen zweifachen Geist, und es gibt auch keinen Körper ohne Geist. Die Transmigration würde also Davids Geist in einen gesunden Körper bringen, aber es käme auch ein unbekannter Geist in den kranken Körper. Etwas von beiden verbleibt jeweils in dem anderen« (S. 27). Die ganze Story ist extremst superst, wenn auch aus rein rationalistischer Perspektive vielleicht ein bisschen whack. Auf dem Umschlag des Buches steht unter dem Foto der Autorin: »Samanta Schweblin, geboren 1978 in Buenos Aires, […] lebt inzwischen in Berlin.« Danke, Merkel!

Länge des Buches: ca. 160.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Samanta Schweblin: Das Gift. Roman. Aus dem Spanischen von Marianne Gareis. Berlin: Suhrkamp 2015. S. 3–127 (= 125 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)