Archiv des Themenkreises ›100 Seiten‹


100-Seiten-Bücher – Teil 123
»Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland« (1949/2017)

München, 3. November 2018, 20:55 | von Josik

Kleinen Kindern und Deutschlernenden sollte man zum Deutschlernen nicht unbedingt das »Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland« in die Hand drücken. Denn sowohl in der Präambel als auch in Art. 1 Abs. 2 heißt es: »das Deutsche Volk«. Das Adjektiv ist großgeschrieben! Für diese Großschreibung kann man gewiss historische, ideologische und Pipapo-Gründe anführen, aber das ändert natürlich nichts daran, dass diese Schreibweise falsch ist. Adjektive werden im Deutschen nun mal kleingeschrieben.

Art. 7 Abs. 6 lautet: »Vorschulen bleiben aufgehoben.« Die betreffenden Gesetzeskommentare erklären, dass hiermit nicht jene Vorschulen gemeint sind, die wir alle besucht haben, sondern irgendwelche anderen Vorschulen. In Art. 12 Abs. 3 steht etwas für eine Demokratie so Selbstverständliches, dass man sich wundert, dass dies überhaupt aufgeschrieben wurde. Nämlich: »Zwangsarbeit ist […] verboten.« Sorry folks, das war natürlich ein Scherz. In Tat und Wahrheit steht in Art. 12 Abs. 3 selbstverständlich das genaue Gegenteil: »Zwangsarbeit ist […] zulässig.«

Art. 26. Abs. 1 legt fest: »Handlungen, die geeignet sind und in der Absicht vorgenommen werden, […] die Führung eines Angriffskrieges vorzubereiten, sind verfassungswidrig. Sie sind unter Strafe zu stellen.« Wie der Generalbundesanwalt festgestellt hat, ist »[n]ach dem eindeutigen Wortlaut der Vorschrift […] nur die Vorbereitung an einem Angriffskrieg und nicht der Angriffskrieg selbst strafbar«. Bei Angriffskriegen, die nicht vorbereitet wurden, kann man also beruhigt schlafen.

Meine Lieblingsworte im Grundgesetz sind: »Kauffahrteischiffe« (Art. 27), »Jagdscheine« (Art. 72 Abs. 3), »Sprengstoffrecht« (Art. 73 Abs. 1 Nr. 12), »Spielhallen« (Art. 74 Abs. 1 Nr. 11), »Bergarbeiterwohnungsbaurecht« (Art. 74 Abs. 1 Nr. 18), »Vergleichsstudien« (Art. 91d), »Machtvollkommenheit« (Art. 104 Abs. 2) und »Biersteuer« (Art. 106 Abs. 2 Nr. 4). In Art. 143b Abs. 2 stehen drei Begriffe, die freilich von ganz besonderer Wichtigkeit sein müssen, denn es sind die einzigen drei Worte im Grundgesetz, die in Versalien geschrieben sind. Es sind die Worte »POSTDIENST«, »TELEKOM« und abermals »POSTDIENST«.

Die Quatschwendung »Verbrechen gegen die Menschlichkeit« hat es leider auch ins Grundgesetz hineingeschafft, nämlich in Art. 96 Abs. 5 Nr. 2. Eigentlich sollte sich inzwischen ja herumgesprochen haben, dass es sich hier um einen etwas niedlichen false friend handelt und »crimes against humanity« korrekterweise mit »Verbrechen gegen die Menschheit« zu übersetzen ist. Hannah Arendt hat in »Eichmann in Jerusalem« (10. Aufl., Piper 2014, S. 398f., Hervorhebungen im Original) schon alles gesagt, was dazu zu sagen ist: »Das den Nürnberger Prozessen zugrunde liegende Londoner Statut hat […] die ›Verbrechen gegen die Menschheit‹ als ›unmenschliche Handlungen‹ definiert, woraus dann in der deutschen Übersetzung die bekannten ›Verbrechen gegen die Menschlichkeit‹ geworden sind – als hätten es die Nazis lediglich an ›Menschlichkeit‹ fehlen lassen, als sie Millionen in die Gaskammern schickten, wahrhaftig das Understatement des Jahrhunderts.«

Insgesamt liest sich das Grundgesetz in kürzester Zeit weg, vor allem dank der erfreulich vielen Leerzeilen zwischen den ganzen Artikeln. So ungefähr in der Mitte scheint das Grundgesetz kurz an Spannung zu verlieren und ein bisschen dröge zu werden, aber dieser Schein trügt. Beispielsweise in Art. 61 geht’s darum, dass das Bundesverfassungsgericht den Bundespräsidenten des Amtes für verlustig erklären kann. Es wäre doch bombe, wenn dieser Fall einmal IRL eintreten würde. Da könnten Tom Tykwer und seine Buddys dann auch gleich ne superste Serie draus machen: »Babylon Karlsruhe«.

Länge des Buches: ca. 170.000 Zeichen. – Ausgaben:

Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland. Textausgabe mit Stichwortregister. Stand: Juli 2017. Herausgeber: Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn. Redaktion: Dr. Birgitta Gruber-Corr, Dr. Miriam Shabafrouz. S. 3–144 (= 142 Textseiten).

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100-Seiten-Bücher – Teil 122
Albert Camus: »Der Fall« (1956)

München, 15. Oktober 2018, 02:01 | von Josik

Dieser superste Roman von Albert Camus besteht aus einem einzigen Laberflash, was der Ich-Erzähler oder Ich-Laberer auch ganz offen zugibt: »[I]ch schwatze Ihnen die Ohren voll«, sagt er gleich eingangs auf Seite 13. Und schon auf Seite 20 habe ich angefangen, den Übersetzer zu googeln, denn da steht: »[D]ie Habsucht […] hat mich immer gelächert

Auf Seite 89 steht: »Von diesem Gedanken zu dem Schlug, ich rufe die Gottheit nach Maßgabe meiner Unwissenheit an, war es nur ein kleiner Schritt.« Ich hatte kurz darüber nachgedacht, was das bedeuten soll. Von diesem Gedanken zu dem Schluss, dass es sich hier einfach um einen Druckfehler handelt, war es nur ein kleiner Schritt.

Auf Seite 104 liest man: »Aus seinem von mehrtägigen Bartstoppeln bedeckten Gesicht blickten verstörte Augen, auf seinem nackten Oberkörper perlte der Schweiß, seine Finger trommelten leise auf seine hervortretenden Rippen.« Man darf natürlich nicht glauben, dass Camus sich an der Stelle mit den »mehrtägigen Bartstoppeln« einen
Stilmittelscherz à la »fünfköpfiger Familienvater« erlaubt hätte (Enallage genannt), vielmehr heißt es im Original ganz unverfänglich: »avec sa barbe de plusieurs jours«.

So was kann natürlich immer mal passieren und ist nicht schlimm. Ansonsten denke ich, dass man durch die genannten Beispiele insgesamt einen guten Eindruck vom Inhalt des Buches gewonnen hat.

Länge des Buches: ca. 208.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Albert Camus: Der Fall. Roman. Aus dem Französischen von Guido G. Meister. Reinbek: Rowohlt 2017. S. 3–121 (= 119 Textseiten).

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100-Seiten-Bücher – Teil 121
Simone de Beauvoir: »Mißverständnisse an der Moskwa« (1965/1992)

München, 21. Juni 2018, 14:12 | von Josik

So geht diese superste kleine Erzählung los: »Sie blickte von ihrem Buch auf. Wie langweilig, diese alte Leier über die Unzulänglichkeit, zu kommunizieren! Wenn einem was daran liegt, schafft man es schon recht und schlecht. Nicht mit jedem, zugegeben, aber mit zwei oder drei Personen.«

Die zwei Hauptpersonen hier heißen Nicole und André und sind ein französisches Intellektuellenpaar Anfang sechzig, man muss sich beim Lesen also wirklich krass anstrengen, in diesen beiden Personen zwei fiktionale literarische Figuren zu sehen und nicht ein Abziehbild von de Beauvoir und Sartre, und wem das gelingt, congrats!

Nicole und André reisen in die Sowjetunion, es handelt sich mithin um Science-Fiction, denn die Reise findet ausdrücklich erst im Jahre 1966 statt, de Beauvoir hat diese Erzählung aber bereits im Jahre 1965 verfasst. Mit Mascha fahren Nicole und André dann ein bisschen im Land herum, nach Wladimir, nach Leningrad, nach Pskow usw.

Die Gespräche zwischen André und Mascha drehen sich meist um Politik, um die Chinesen und so, dabei werden sehr authentische und zeitlos gültige Dialoge gehalten: »›Wie sieht dieses Jahr die Lage im Kulturbereich aus?‹ ›Wie immer, wir kämpfen‹ […]. ›Und ihr gewinnt?‹ ›Manchmal.‹«

Eines Abends saufen sich im Restaurant Baku alle ein bisschen dezent zu, und nachdem sie ausgeschlafen haben, kommt es zum Showdown: André sagt nämlich, dass sie ja nun zehn Tage länger als ursprünglich geplant in Moskau bleiben, Nicole aber ist außer sich, dass er mir ihr nicht darüber geredet hat. André hingegen ist sich tausendprozentig sicher, dass sie die Zehntageverlängerung gemeinschaftlich ausgemacht haben, nach dem kleinen Besäufnis im Baku. Nicole hinwiederum ist sich tausendprozentig sicher, dass er mit ihr darüber nicht geredet hat.

So schaukelt sich das ganze also krass hoch, Nicole zischt ab und säuft ein bisschen dezent weiter, es ist überhaupt sehr herrlich, wie dezent in dieser Erzählung in Mengen gesoffen wird, und es wird einem sehr gut das Gefühl vermittelt, dass man eigentlich erst dann intellektuell sein kann, wenn man ein bisschen dezent zugesoffen ist.

Nicole bekommt mittlerweile echte Hassattacken auf André, und André denkt den unfassbaren Satz: »[S]ie hat mich nie in Liebe geliebt«, und man wünscht den beiden so sehr, dass sie wieder zusammenkommen, dass sie sich wieder vertragen, dass sie sich wieder versöhnen. Ob sie das am Ende tun? Es wird spannend, bleiben Sie dran!

Länge des Buches: ca. 150.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Simone de Beauvoir: Mißverständnisse an der Moskwa. Eine Erzählung. Deutsch von Judith Klein. Mit einem Nachwort von Judith Klein. Reinbek: Rowohlt 1996. S. 3–82 (= 80 Textseiten).

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100-Seiten-Bücher – Teil 120
Camillo Boito: »Sehnsucht« (1883)

Düsseldorf, 5. August 2017, 18:45 | von Luisa

Der Originaltitel lautet »Senso«, also nicht »Sehnsucht«, denn die Contessa Livia aus Trient schmachtet nicht, sondern nimmt und liebt mit allen Sinnen, wie man sagte, als das Buch erschien (1883), und natürlich liebt sie nicht ihren Ehemann, sondern einen schlanken österreichischen Leutnant in weißer Uniform, weil Oberitalien 1866, als das alles passierte, noch habsburgisch war. Der Untertitel: »Das geheime Tagebuch der Contessa Livia« erklärt, dass die Contessa die ganze Affäre selber aufgeschrieben hat, was sie schon anfangs mit diesem gelungenen Satz zusammenfasst: »Ich bedurfte der Liebe.«

Der Liebste heißt Remigio und ist »feig« und »pervers«, wie die Contessa klar erkennt, aber gerade das usw. Livia ist auf Hochzeitsreise in Venedig und erfrischt sich im Canale Grande in einem speziellen Damenbad, Sirena geheißen, als Remigio unter dem Lattenzaun her in ihre Kabine schwimmt usw., und »nie war ich so gesund und fröhlich und zufrieden mit mir«, stellt sie hinterher fest, aber so kann es naturgemäß nicht bleiben.

Als Visconti 1954 »Senso« verfilmte, hat er die Planschszene weggelassen, weil sein Film eine ganz andere Livia zeigt, eine empfindsame, und Remigio heißt da nicht Remigio, sondern Franz und mit Nachnamen Mahler, aber die Musik ist trotzdem von Bruckner. Und während die Novelle bloß »eine kleine Geschichte« erzählt, wie Bodo Kirchhoff einst im »Spiegel« meinte (trotzdem »eines der Bücher meines Lebens«), ist der Film Großes Kino, also Breitwand, Farbe, zwei Stunden lang und eben komplett Visconti. Dass er zu Recht »Sehnsucht« heißt, liegt an den Kleidern, die Alida Valli trägt, an den bodenlangen Schleppröcken und dem schönsten Nachthemd ever, entworfen von Piero Tosi, der hier für den »Gattopardo« üben durfte und immer noch lebt, und Dank sei ihm.

Länge des Buches: > 115.000 Zeichen. – Ausgaben:

Camillo Boito: Sehnsucht. Das geheime Tagebuch der Contessa Livia. Novelle. Aus dem Italienischen von Bettina Kienlechner. Mit einem Nachwort von Ursula März. München: dtv 2017. S. 5–83 (= 79 Textseiten).

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100-Seiten-Bücher – Teil 119
Hennie Raché: »Liebe« (1901)

Moskau, 31. August 2016, 09:04 | von Paco

Ich kam auf Hennie Raché durch das 1928 erschienene Buch »Die Frühvollendeten« von Guido K. Brand. Darin lauter Biografien von jung dahingegangenen Dichter*innen, und Hennie Raché gehört mit zum Ensemble, gestorben 1906 mit nur 29 Jahren. Ich fand ihre Buchtitel irgendwie ganz selbstevident, von »Nocturno. Pathologische Liebesgeschichten« über »Das Gasthaus zum deutschen Michel. Roman« hin zu »Töff-Töff. Lustspiel in einem Akt (für 1 Herrn und 2 Damen)«.

Ihr Tod liegt zeitlich leider kurz vor dem Start des Sammelauftrags unserer Nationalbibliothek (1912), daher sind diese Bände nicht zentral zu greifen. Meist gibt es auch nur eine einzige Uni-Bibliothek, die überhaupt ein Exemplar vorrätig hat, und da muss man sich dann melden. Frisch digitalisiert ist ihr Kurzroman »Liebe« von 1901 (nach dem Exemplar der Uni-Bibliothek Augsburg). Der basalste und überzeugendste Titel überhaupt, zusammen mit dem schönen Namen der Autorin könnte das heute noch ein Bestseller werden.

»Liebe« ist ein blitzschnell lesbarer Hundertseiter, nicht wirklich raffiniert geschriebene Literatur, aber das muss ja kein Nachteil sein. Die Story spielt in Hamburg: Ludwig Schmidhammer hat dasselbe Problem wie Michail Gorbatschow, nämlich ein Feuermal am Kopf, allerdings verschärft gegenüber Michael Sergejewitsch, nämlich quer übers Gesicht. Deshalb, glaubt er, mag ihm niemand echte Liebe entgegenbringen, und das nimmt ihn sehr mit. Er ist nun 35 Jahre und lernt Leonore Welti kennen, genannt Lea. Die ist 25 und quirlig mit Hang zum Pferdestehlen: »Ich thue ja trotzdem immer, was ich will, – auf jede Gefahr hin«!

Lea ist materiell ebenso gut aufgestellt wie Ludwig, und es gibt also offenbar keinen anderen Grund für ihr Zusammenkommen (plus Heirat) als wahre Liebe. Diese wird über Dutzende Seiten immer wieder neu diskutiert, denn Ludwig ist pathologisch misstrauisch, sein Wehklagen ist von Anfang an nicht so leicht erträglich. Aber Hennie Raché strebt schon nach dem Höchsten und lässt zu diesem Zweck wieder mal den Tod als Beweis für die Echtheit einer Liebe auftreten, das Buch endet mit einer Anspielung auf Heines »Asra«-Gedicht.

Länge des Buches: 116.500 Zeichen. – Ausgaben:

Hennie Raché: Liebe. Roman. Leipzig: Müller-Mann 1901. S. 1–119. (= 119 Textseiten) (online)

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100-Seiten-Bücher – Teil 118
César Aira: »Der kleine buddhistische Mönch« (2005)

Moskau, 29. August 2016, 21:36 | von Paco

Buch aufschlagen und schon sind wir in Korea. Ein kleiner (wirklich sehr, sehr kleiner) buddhistischer Mönch hat sich autodidaktisch mit westlicher Kultur vollgepumpt (Sprachen gelernt; Shakespeare, Balzac, Kafka gelesen) und möchte nun irgendwie in den fernen Westen rübermachen. Wie gut, dass er zufällig auf ein französisches Touristenpaar trifft. Es handelt sich um den freiberuflichen Fotografen Napoléon Chirac und seine Ehefrau Jacqueline Bloodymary, die sich als Künstlerin auf den Entwurf von Teppichmustern festgelegt hat.

Das fernwehgetriebene Mönchlein kann berechtigte Hoffnung hegen, denn die drei sind ein gutes Team und unterhalten sich angenehm über dies und das. Dabei versucht der Kleine seinen freudigen Zuhörern die Magie seines koreanischen Heimatlandes zu erklären. Chirac möchte schließlich von einem geeigneten Ort eines seiner 360°-Panorama-Fotos machen. Die Reise geht also per Bahn zu einer buddhistischen Tempelanlage, wo der Fotograf sein Equipment aufbaut und loslegt. Am Ende kommt aber raus, dass ihr Minimönch nur der Prototyp einer 3D-Projektion ist und das Touristenpaar unbemerkt in eine Parallelwelt entführt hat. Doch Rettung ist nah, ein Wagen der französischen Botschaft holt die beiden gerade noch rechtzeitig aus dem Schlamassel ab.

Im Rahmen dieser Kernerzählung geht es sonst noch auf höchstem Diskursniveau um folgende Dinge: die Natur von Witz und Humor, das Wesen des Tourismus, den (koreanischen) Ursprung von SpongeBob, die kinderleichten Regeln der koreanischen Sprache, eine große schwarze Hündin namens Glühwürmchen, das Drama des Verheiratetseins. Das Buch endet damit, dass der Mönch durch einen dunklen Wald zu seinem heimischen Fernseher flüchtet, um eine Sondersendung über die endlich gelungene millimetergenaue Lokalisierung der Klitoris zu schauen. Und da kann man nur hoffen, dass der kleine Pfiffikus das schafft, aber es sieht nicht gut aus, denn er rennt sich zwar die Seele aus dem Leib, aber »der Wald schüttete weiter seine endlosen, dunklen Weiten über ihn«.

Länge des Buches: > 115.000 Zeichen. – Ausgaben:

César Aira: Der kleine buddhistische Mönch. Novelle. Hrsg. und übers. aus dem Span. von Klaus Laabs. Berlin: Matthes & Seitz 2015. S. 3–95. (= 93 Textseiten)

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100-Seiten-Bücher – Teil 117
César Aira: »Der Beweis« (1992)

Buenos Aires, 15. Januar 2016, 16:06 | von Paco

In diesem Buch geht es um: den ultimativen Liebesbeweis, ausgeführt als Splatterorgie in einem »Disco«-Supermarkt in Flores, Stadtteil von Buenos Aires, zu Ende der Achtzigerjahre. Doch zunächst spaziert die übergewichtige und 16-jährige Marcia die 15 Cuadras von Caballito aus (also etwa der Subte-Station Primera Junta) die Avenida Rivadavia entlang zur Plaza Flores. Dort wird sie von zwei Punks aufgerissen, »zwei in Schwarz gekleideten jungen Mädchen (…) mit blassen Kindergesichtern«. Die eine heißt Mao und hat sich angeblich spontan in Marcia verliebt, die andere heißt Lenin. Insgesamt ist das also wieder eine dieser typischen Genderüberraschungen bei Aira.

»¿Querés coger?« lautet Maos Eingangsfrage an die vorbeispazierende Marcia (im Erstdruck war das zweite Verb noch teilzensiert, hier die Fußnote 10), und das ist gleichzeitig der erste Satz der Erzählung und unerwarteterweise auch der Beginn eines schönen Gesprächs über die riesengroßen Themen, das Leben, die Liebe. Das frisch zusammengestellte Teenagertriumvirat betritt als Zwischenstation eine Fastfoodkette (»Pumper Nic«, gibt’s heute nicht mehr), wo neben den philosophischen Diskussionen auch ein paar Angestellte angebrüllt werden, »scheiß Missgeburt« und so, wozu ist man schließlich Punk. Und dann geht’s eben in den »Disco«-Supermarkt, die Kette gibt’s heute noch, eine Filiale ist drei Querstraßen von der Plaza Flores entfernt und also eventuell Schauplatz dessen, was dann geschieht.

Der Supermarkt ist ja (wie auch die Fastfoodkette) ein postmoderner Normalfall, in Airas Hundertseiter wandelt sich der universale Einkaufsort in ein postreligiöses Inferno. Ich weiß nicht, ob die aktuelle Supermarktforschung (Supermarktblog?) das Buch kennt. Aber genau wie David Wagners »Vier Äpfel« sollte es einen angestammten Platz in den noch auszurufenden Literary Supermarket Studies finden. Bevor der Splatter beginnt – die Plünderung der Kassen, der grauslige Mord an einigen der 400 anwesenden Kunden und Angestellten, einige schön zu lesenden Explosionen – ertönt der Schlachtruf des Teenager: »Este supermercado ha sido tomado por el Comando del Amor.« Am Ende fliehen sie mit Beute und bewiesener Liebe hinaus in die Nacht von Flores, wo sie, wenn sie nicht gestorben sind, auch heute noch irgendwo sein müssen, Marcia, Mao und Lenin.

Länge des Buches: > 115.000 Zeichen. – Ausgaben:

César Aira: Der Beweis. Berlin: Matthes & Seitz 2015. S. 3–95 (= 93 Textseiten).

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100-Seiten-Bücher – Teil 116
César Aira: »Wie ich Nonne wurde« (1993)

Göttingen, 5. Dezember 2015, 18:08 | von Paco

Rosa beginnt das Buch und rosa wird es enden. Thematisch ist es ziemlich gelungen, denn es geht um den unbändigen Hass auf Erdbeereis und die Kurzzeit- sowie Langzeitfolgen dieses Hasses. Aira spielt in seiner Novelle mal wieder selber mit, diesmal als sechsjähriges Mädchen im Körper eines sechsjährigen Jungen. Das Wort ›Nonne‹ kommt außer im ersten Satz der Novelle überhaupt nicht mehr vor. Also muss man von der ›monja‹ = ›Nonne‹ aus dem Originaltitel wohl die Silben umkehren, wie das auch schon vorgeschlagen wurde, kuckt mal in Fußnote 17 in diesem PDF. Und auch ›jamón‹ = ›Schinken‹ ist ja rosa, rosa wie Erdbeereis, und das ist doch wirklich mal eine ziemlich unerwartete gedankliche Verschränkung zweier rosafarbener Lebensmittel! Zumal die Protagonistin Aira eben auch irgendwie als Schinken enden wird. Eine weitere mögliche Übersetzung des Titels wäre daher gewesen: »Wie ich Kenschin« wurde, aber wie klingt denn das, und der Aira-Übersetzer Klaus Laabs, hier wie immer in Hochform, hat es natürlich auch bei der »Nonne« belassen. Auf Laabs kann man übrigens mal richtig schön neidisch sein, denn er darf gerade für die »Bibliothek César Aira« von Matthes & Seitz Berlin einen ganzen Schwung Aira-Bücher übersetzen, das Nonne-Schinken-Buch ist gleich als Nr. 1 in dieser Reihe erschienen, eine gute Wahl.

Länge des Buches: ca. 143.000 Zeichen (span.). – Ausgaben:

César Aira: Wie ich Nonne wurde. Berlin: Matthes & Seitz 2015. S. 3–126 (= 124 Textseiten).

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100-Seiten-Bücher – Teil 115
Botho Strauß: »Herkunft« (2014)

Düsseldorf, 5. Januar 2015, 14:50 | von Luisa

Gleich die ersten Sätze handeln vom Vater, der an seinem Schreibtisch sitzt und schreibt, im zweiten Absatz wird dann gesagt, wie und was er schreibt: »ein ausgefeiltes, zuweilen etwas überschmücktes Deutsch«. Ungefähr klar, was das heißt, aber da mir das zweite Adjektiv noch nie begegnet war, hab ich es mal nachgeschlagen.

Sofort wurde ich mit einem Sehnsuchtsgedicht von Immermann verbunden, in dem ein Jüngling mit einem Mädel auf einer Magerwiese sitzt, welche ihm dann später ganz verwandelt und von »Blüthen-Dolden stattlich überschmückt« im Traum erscheint. Es sind einfach viele Dolden und bedeutet nicht, dass der Schmuck übertrieben wäre. Das illustrieren erst die nächsten Beispiele, die von überschmückten Weihnachtsbäumen handeln und von überschmückten Frauen, die niemand ernst nimmt, wenn sie mehr als fünf Schmuckstücke tragen. Also klar negativ konnotiert, und auf Vater Strauß bezogen heißt das, dass sein Stil ein bisschen zweifelhaft war und der Sohn einem anderen Ideal folgt.

Andererseits hat Botho Strauß nicht den Ruf der Magerwiese, eher würden die Kritiker ihm wohl den Doldenreichtum bescheinigen. Also: wie der Vater, so der Sohn, ein Gefängnisspruch, den der Sohn aber im Verlauf von 90 Seiten komplett ins Positive wendet (»Welche Liebe ist größer als die Liebe dessen, der wiederholt?«), und so dürfte er nichts dagegen haben, wenn auch seine Prosa für »zuweilen etwas« überschmückt gehalten wird.

Andererseits las er als Kind regelmäßig die bekannten Heftchen, Akim, Tarzan, Sigurd usw., sozusagen Magerliteratur. Von Donald-Duck-Heften ist nicht die Rede, aber da gibt es eine Geschichte, in der Donald als Immobilienmakler auftritt und einem reichen Kunden eine Villa schmackhaft machen will. Nach den Windverhältnissen befragt, antwortet er: »Zuweilen ein Gesäusel im Gezweig«, ein schönes Beispiel für »zuweilen« und überschmückt. Goethe und Schiller – Botho Strauß und Erika Fuchs.

Länge des Buches: > 115.000 Zeichen. – Ausgaben:

Botho Strauß: Herkunft. München: Hanser 2014.

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100-Seiten-Bücher – Teil 114
César Aira: »Parménides« (2006)

Göttingen, 3. Januar 2015, 14:26 | von Paco

Vom echten vorsokratischen Parmenides ist nur seine Schrift »Über die Natur« fragmentarisch überliefert. Das sind (zum Beispiel in der Reclam­übersetzung) nur einige wenige Seiten Text. Die noch kürzere tl;dr-Fassung geht so: »Was ist, ist; was nicht ist, ist nicht.«

Der weltbeste Hundertseitenautor César Aira hat diese real existierende Schrift als Ergebnis genommen und sich die Vorgeschichte zusammen­gedacht. Das Schreibprogramm findet sich auch im Buch wieder: »Lo más que se puede hacer es reconstruir el pensamiento a partir de los hechos posteriores, siempre y cuando los hechos hayan quedado registrados.« (p. 114)

Bei Aira wohnt Parmenides immer noch in Elea im heutigen Kampanien, ist aber vor allem ein reicher, einflussreicher Adabei mit wenig Zeit und Muße. Und als Adabei will er auch mal ein Buch schreiben und sucht nach einem jungen Autor, der das für ihn erledigen kann. Zufällig fällt die Wahl auf Perinola. Es kommt zu wöchentlichen Treffen. Perinola versucht anfangs herauszubekommen, wovon ›das Buch‹ eigentlich handeln soll. Aber mehr als »Von der Natur!« kriegt er nicht aus seinem Auftraggeber heraus. Oder doch: Er solle einfach über »cualquier cosa« (»egal was«) schreiben.

Ansonsten verliert sich Parmenides bei den Treffen in endlosen Monologen, vom ›Buch‹ und dem gewünschten Inhalt redet er nie. Die paar Hexameter, die ihm Perinola mal als Probe reicht, scheint er nicht gelesen zu haben. Aber die Treffen gehen jahrelang weiter, und Perinola wird gut dafür bezahlt. Einer der vielen schönen Gegensätze: Als schreibender Autor hat er vorher schlecht verdient. Als nicht schreibender Autor hat er nun ein gutes Auskommen für sich und seine Frau und Kinder.

Obwohl ihm der Nichtfortgang des Buchprojekts also gut bekommt, packt ihn eines Tages doch die Schreibwut. Ähnlich wie in »Varamo« beschreibt Aira, wie sich aus den Umständen und der einzigen konkreten Vorgabe, »irgendwas« zu schreiben, die verschiedenen Passagen des späteren Meisterwerks wie von selbst ergeben.

Das Ende dieser herrlichen »historia triste y fatal del escritor Perinola« ist hochsymbolisch und findet in der Taverne »Afrodita« statt.

Länge des Buches: > 115.000 Zeichen. – Ausgaben:

César Aira: Parménides. Buenos Aires: Mondadori 2006. S. 5–125 (= 121 Textseiten).

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