Archiv des Themenkreises ›100 Seiten‹


100-Seiten-Bücher – Teil 208
Charlotte Brontë: »Verdopolis – Glanz und Herrlichkeit« (1834/1991)

München, 24. August 2020, 10:55 | von Josik

Am 20. Februar 1834 beginnt die knapp 18-jährige Charlotte Brontë, in ein Heft eine Geschichte zu schreiben, die den Titel trägt: »Verdopolis – Glanz und Herrlichkeit oder Von den Schwierigkeiten, einen passenden Titel für eine mit Zeichnungen versehene Arbeit in sechs Kapiteln zu finden«. Genau einen Monat später, am 20. März 1834, sind in dem Heft 23 Seiten in winziger Handschrift vollgeschrieben, und diese Geschichte, die schließlich nur Teil eines Riesenzyklus ist, ist fertig.

Als Charlotte Brontë nach Brüssel reist, gibt sie das Heft, vermutlich 1842, ihrem Französischlehrer Constantin Heger. Wahrscheinlich ist Heger es, der dieses Heft, zusammen mit einigen anderen von Charlotte Brontës Geschichten, in Leder binden lässt, einfach weil die Story so superst ist und natürlich auch weil seine Schülerin weltberühmt wird, als sie 1847 den Roman »Jane Eyre« veröffentlicht. Charlotte Brontës Schwester Emily Brontë veröffentlicht ebenfalls 1847 ihren Roman »Sturmhöhe« und wird ebenfalls weltberühmt. Anne Brontë, die dritte der Brontë-Schwestern, veröffentlicht ebenfalls 1847 ihren Roman »Agnes Grey« und wird ebenfalls weltberühmt. Die Brontë Sisters haben auch noch einen Bruder namens Branwell, der ist aber egal.

Branwell und Emily sterben 1848, Anne stirbt 1849, Charlotte stirbt 1855. Das gebundene »Verdopolis«-Heft vermodert ein halbes Jahrhundert lang in Brüssel. Anfang der 1890er-Jahre entdeckt der Jurist Ernest Nys die gebundenen Manuskripte in einem Antiquariat in Brüssel. Er bietet sie dem British Museum für 25 £ an. Am 10. Oktober 1892 verkauft er sie an das British Museum. Nun vermodert das gebundene »Verdopolis«-Heft ein ganzes Jahrhundert lang in London. 1991 wird es zum ersten Mal veröffentlicht.

Also, wenn ihr möchtet, dass eine Geschichte, die ihr geschrieben habt, erst so 130, 140 Jahre nach euerm Tod veröffentlicht werden soll, dann hinterlasst sie am besten in einem Brüsseler Antiquariat.

Länge des Buches: ca. 210.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Charlotte Brontë: Verdopolis – Glanz und Herrlichkeit. Eine Geschichte aus der Glass Town Saga. Mit Faksimile-Illustrationen aus dem Manuskript und Originalzeichnungen von Charlotte Brontë. Übersetzt von Gudrun Weithaler. Einführung und Erläuterungen von Christine Alexander. Wien: Milena Verlag 1997. S. 1–140 (= 140 Textseiten).

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100-Seiten-Bücher – Teil 207
Amanda Michalopoulou: »Ich mach euch den Garaus« (1998–2001)

München, 23. August 2020, 10:15 | von Josik

In »Kuchen«, der vorletzten der hier versammelten sechs Geschichten, erinnert sich die Erzählerin, wie sie damals, als sie zwölf Jahre alt war, sich mit dem fünfzehnjährigen Petros unterhielt: »Wir unterhielten uns über Themen, an die ich mich nicht mehr erinnern kann. Auf jeden Fall über Musik. Über die Lehrer in der Schule. Über den Weltfrieden. Ein bisschen redeten wir auch über Fußball« (S. 64). Nun muss man fairerweise sagen, dass nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern auch Erwachsene schon über den Weltfrieden geredet haben. Der österreichische Autor Alfred Hermann Fried hat dafür im Jahr 1911 sogar den Friedensnobelpreis erhalten. Fried war ein enger Mitarbeiter von Bertha von Suttner, die bereits 1905 den Friedensnobelpreis erhalten hatte. Immer wieder mal wurde Friedensnobelpreisträger Fried von anderen Friedensbewegten der »Friedens-Fried« genannt. Der österrei­chische Autor Erich Fried, dem vielleicht nicht der Literaturnobelpreis, aber gewiss der Friedensnobelpreis gebührt hätte, hat ihn wohl nur deswegen nicht bekommen, weil es eben schon einen österreichischen Friedensnobelpreisträger namens Fried gab. Seltsamerweise ist niemand auf die Idee gekommen, Fried ersatzweise wenigstens den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels zu geben. Übrigens hätte ja auch Amelie Fried für ihre Bücher »Die StörenFrieds«, »Neues von den StörenFrieds« sowie »Das neue Buch der StörenFrieds« möglicherweise ebenfalls irgendeinen Preis verdient.

Länge des Buches: ca. 100.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Amanda Michalopoulou: Ich mach euch den Garaus. Aus dem Griechischen übersetzt von Birgit Hildebrand. Stuttgart: Edition Solitude 2002. S. 3–76 (= 74 Textseiten).

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100-Seiten-Bücher – Teil 206
Gudrun Pausewang: »Wetten, daß Goethe den Wahnsinn verböte« (1992)

München, 22. August 2020, 15:20 | von Josik

Dieses Buch trägt unbestreitbar den besten Buchtitel aller Zeiten. Doch damit nicht genug der Superlative. Außerdem enthält dieses Buch im Innenteil nämlich auch noch das beste Gedicht aller Zeiten. Es lautet: »Wird im Akkord getötet, dann hat sich’s ausgegoethet!« (S. 68 und S. 70)

Länge des Buches: ca. 100.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Gudrun Pausewang: Wetten, daß Goethe den Wahnsinn verböte. Eine Erzählung gegen den Krieg. Ravensburg: Otto Maier Verlag 1992. S. 3–91 (= 89 Textseiten).

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100-Seiten-Bücher – Teil 205
Bertha von Suttner: »Franzl und Mirzl« (1905)

München, 21. August 2020, 10:05 | von Josik

Hier erzählt die hochwohlgeborene lustige, weißhaarige Tante Seraphine (genannt Mirzl) ihren Nichten und ihrem Neffen die ebenso wahre wie aufregende Geschichte, was sie u. a. mit dem Franzl Hubinger alles erlebt hat. »Du woaßt nit«, sagt Franzl über Mirzl, »wia’s mer ins Herz g’wachsen is, dös Blitzmädel, dös von den Grazien so reich beschenkte Wesen!« (S. 21) Aber ach, es geschehen allerhand Dinge, bis alles gut wird, und als die Tante einmal stockt, weil sie gerade berichtet hat, wie sie aus dem Fenster gesprungen und auf Mehlsäcke hinaufgeplumpst ist, fragen die Nichten und der Neffe: »Du schweigst, Tante? Ist die Geschichte aus? Warst du tot?« (S. 63) Aber keine Sorge, Leute, diese unfassbar witzige Geschichte geht danach noch weiter!

Länge des Buches: ca. 120.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Bertha von Suttner: Franzl und Mirzl. In: Bertha von Suttner: Franzl und Mirzl. – Langeweile. – Ermenegildens Flucht. Erzählte Lustspiele. Mit Bildnis und Faksimile der Dichterin. Leipzig: Max Hesses Verlag. O. J. [1905]. S. 3–82 (= 80 Textseiten).

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100-Seiten-Bücher – Teil 204
Hermynia zur Mühlen: »Eine Flasche Parfum« (1947)

München, 20. August 2020, 10:00 | von Josik

Manche russische Romanciers haben ihren dicken Schinken ja ein Personenverzeichnis vorangestellt, damit man bei den zahllosen Figuren, die auf den nachfolgenden tausend Seiten herumschwirren, nicht den Überblick verliert und, sobald man sich fragt, wer jetzt gleich noch mal wer ist, einfach kurz nachschlagen kann. Dem kleinen humoristischen Roman »Eine Flasche Parfum« von Hermynia zur Mühlen ist kein Personenverzeichnis vorangestellt, was bei einem so kurzen Buch vielleicht auch ein bisschen prätentiös wäre, aber es empfiehlt sich trotzdem, ein Blatt Papier (really, es muss nicht gleich ein Whiteboard sein) und einen Stift bereitzuhalten und während der Lektüre selber ein Personenverzeichnis anzufertigen, denn dieses Buch spielt in einer prototypischen Kleinstadt, da kennt natürlich jeder jeden, jede jede und jede jeden, und die spielen hier auch allesamt mit. Das Parfum, das bei den Leuten in dieser Kleinstadt solche Verwicklungen auslöst, ist übrigens kein Eau de Cologne, denn wie es hier so treffend heißt: »Eau de Cologne ist höchstens ein Waschmittel« (S. 33). Und absolut superst ist, wie die Personen in diesem Buch gezeichnet werden – etwa Frieda, um nur eines von vielen möglichen Beispielen herauszugreifen: »Frieda hob die Hände hoch und erstarrte. In dieser Stellung glich sie einer rundlichen, etwas kleinen Statue des Schmerzes, geschaffen von einem extrem modernen Bildhauer« (S. 37). Hehe!

Länge des Buches: ca. 150.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Hermynia zur Mühlen: Eine Flasche Parfum. Ein kleiner humoristischer Roman. Wien: Schönbrunn Verlag 1947. S. 3–126 (= 124 Textseiten).

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100-Seiten-Bücher – Teil 203
Bessie Head: »Die Schatzsammlerin« (1977)

München, 19. August 2020, 09:56 | von Josik

Das wohl weiseste Wort, das jemals gesprochen wurde, stammt bekanntlich von Stephan Remmler und lautet: »Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei«. Bestätigt wird dies auch in »Life«, der fünften der dreizehn in diesem Buch versammelten kurzen Erzählungen von Bessie Head: Die Frauen im Dorf, heißt es dort, »stellten sich Geld nie als eine uferlose Quelle ohne Ende vor; es hatte immer ein Ende« (S. 54). Tja, und leider hat nicht nur Geld ein Ende, sondern natürlich auch dieses Buch, nämlich schon auf Seite 135. Aber kurz vor Schluss gibt es noch die Titelgeschichte, die man nicht anders nennen kann als ein unvergleich­liches literarisches Meisterinwerk – und ich verspreche, dass Dikeledi, die Frau, um die es hier geht, euch total sympathisch sein wird, obwohl das, was sie getan hat, eigentlich schon ein bissi bestialisch ist.

Länge des Buches: ca. 230.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Bessie Head: Die Schatzsammlerin. Erzählungen. Aus dem Englischen von Uta Goridis, Evelin Petzold, Ursel Reinecke und Ingrid Westerhoff. Berlin:
Orlanda Frauenverlag 1988. S. 3–135 (= 133 Textseiten).

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100-Seiten-Bücher – Teil 202
Sata Ineko: »scharlachrot« (1936)

München, 18. August 2020, 15:15 | von Josik

Also, Leute, wenn ihr in einer festen Zweierbeziehung lebt und beide schriftstellerisch tätig seid, dann werdet ihr euch in Akiko und Kōsuke, den beiden Hauptfiguren dieses supersten japanischen Romans, bestimmt wiedererkennen. Ihr könnt hier dann noch mal nachlesen, wie schwierig es für euch ist, eine gleichberechtigte Beziehung zu führen, und was für anstrengende und komplizierte Menschen ihr seid. Und ganz ehrlich, am besten für alle Beteiligten wäre es sowieso, wenn ihr euch einfach trennen würdet.

Länge des Buches: ca. 230.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Sata Ineko: scharlachrot. Aus dem Japanischen von Hilaria Gössmann. München: Iudicium Verlag 1990. S. 9–130 (= 122 Textseiten).

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100-Seiten-Bücher – Teil 201
Friedo Lampe: »Septembergewitter« (1937)

Zu Hause, 27. Mai 2020, 21:47 | von Paco

Schwüler Septembernachmittag, man sitzt draußen im Bürgerpark vor dem Schweizerhaus und trinkt »Bier und Kaffee und Ananasbowle«, dies das, und »da kann es wohl sein, daß man plötzlich an diesen schrecklichen Mord denken muß, der da vor zwei Tagen im Bürgerpark bei der Borkenhütte (…) verübt worden war«. Dieser Mord wird nun aber nicht als großer Kriminalfall ausgewalkt und ist denkbar beiläufig in die Story gewebt.

Na ja, und die Jugend der Kleinstadt bildet Kinderbanden mit Blutritzen als Aufnahmeritual, geht ansonsten fröhlich baden und löst ihre eigenen Fälle. Und zwar jagt sie den gelbhaarigen ›Drachen-Emil‹ und ertappt ihn auf frischer Tat, wie er wieder die Drachenschnur unbescholten spielender Mädchen kappen will. Der Drachen überlebt diesmal und fällt erst später einem Unwetter zum Opfer.

Ein perfekter Hundertseiter, schnell hangelt sich das Auge durch die kurzen Abschnitte, die meist einen Perspektivwechsel mit sich bringen. Die Natur wird durch einen adjektivischen Leuchtfilter gejagt (golddämmernde Stuben, grünbemooste Najadenfiguren, sanftblauer Himmel). Menschliche Handlungen werden oft erst geheimnisvoll angedeutet, und dann schnappen sich eben die Kinder nach dem Abendbrot ihren toten Drachen »und waren schon zwischen den Büschen verschwunden«, um ihn ein paar Seiten später mit einer feierlichen Rede zu bestatten.

Gerahmt übrigens werden die Geschehnisse von der Ballonfahrt des Mr. Pencock und seiner Tochter Mary. Sie sehen von oben das anonyme Städtchen, und das Städtchen sieht hoch im Himmel den anonymen Ballon. Die Erzählrichtung ist vertikal.

Länge des Buches: ca. 1xx.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Friedo Lampe: Septembergewitter. Göttingen: Wallstein 2001. S. 3–125 (= 123 Textseiten).

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100-Seiten-Bücher – Teil 200
Nicolas Darvas: »How I Made $2,000,000 in the Stock Market« (1960)

Hamburg, 22. Februar 2020, 15:20 | von Dique

»Even though the book was well written, the message was too simple and can be expressed in four of five sentences. While everyone know these rules, none bother to follow them.«

– irgendjemand auf goodreads.com

Nicolas Darvas war eigentlich Tänzer und in den 50ern wohl auch sehr berühmt für seine Bühnenperformances. Als er für einen seiner Auftritte in Kanada mal Aktien anstatt eines Honorars in Cash bekam, war er schnell hooked und konnte seitdem nicht mehr von der Spekulation an der Börse lassen.

In der Glanzzeit seiner Tanzkarriere reiste Darvas ständig um die Welt, Europa, Amerika, Asien. Auf seinen Reisen und neben seinen Auftritten arbeitete er sich regelmäßig durch den Börsendienst Barron’s und versuchte heiße Investmentkandidaten zu identifizieren. Heute wäre es kein Problem, sich überall auf der Welt mit den aktuellen Börsenkursen zu versorgen und dann auch direkt online zu traden. In den 50ern war das aber nicht so einfach und ein Trade noch recht teuer, im Vergleich zu 4,99 Schlaffies beim Wald-und-Wiesen-Onlinebroker um die Ecke.

Darvas lässt sich also damals an seine Auftrittsorte regelmäßig Telegramme von seinem Broker schicken, enthaltend die letzten Kursen bestimmter Aktien, die er unter Beobachtung hatte, und machte seine Trades dann per Telegramm oder Telefon.

In seinem Buch beschreibt er Schritt für Schritt seine wunderbare Transformation vom Newbie, der jedem heißen Tipp auf den Leim geht, zum Mastertrader, der sich von allem nutzlosen Buzz abschottet und eigenständig und systematisch handelt. Er macht so ziemlich alle Fehler, die man machen kann, wenn man einmal anfängt, Aktien zu kaufen. Doch anders als das durchschnittliche Anlegerwürstchen analysiert er seine Fehler bis ins letzte Detail und macht dann den nächsten Fehler, richtet sich wieder auf und macht weiter, bis er, wenn man so will, den Code geknackt hat.

Darvas entwickelte sein eigenes Trendfolgesystem und beschreibt gleichzeitig, in der vielleicht noch essenzielleren Erkenntnis, ziemlich genau die Traderpersona, die fast alle der von Jack D. Schwager befragten Trader aus seiner »Market Wizard«-Reihe aufweisen. Kurz: Break-Outs kaufen, Gewinne laufen lassen und Verluste kurz abschneiden und dabei sehr diszipliniert sein. Mehr ist es eigentlich nicht, wenn es denn wirklich so einfach wäre.

Mit seinem eigenen »Break-Out-Trendfolgesystem«, beruhend auf sogenannten Darvas-Boxen, machte er dann innerhalb weniger Jahre aus einem kleinen fünfstelligen Betrag über 2 Millionen Dollar. Es herrscht ein kleiner »Streit« in der Investmentwelt, ob er denn nun wirklich die besagten 2 Millionen machte oder nicht, aber zumindest konnte er nachweisen, dass er aus wenig sehr viel Geld machen konnte und das in relativ kurzer Zeit.

Dürfte ich auf eine einsame Insel nur 10 Investmentbücher mitnehmen, »How I Made …« wäre eines davon.

Länge des Buches: ca. ???.??? Zeichen. – Ausgaben:

Nicolas Darvas: How I Made $2,000,000 in the Stock Market. [Miami]: BN Publishing 2008. S. 3–133 (= 131 Textseiten).

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100-Seiten-Bücher – Teil 199
Uwe Timm: »Freitisch« (2011)

Hamburg, 20. Dezember 2019, 15:23 | von Dique

Ein Buch über Arno-Schmidt-Fans und am Ende kommt es sogar zum Showdown mit dem »Meister« (im Buch reden sie tatsächlich immer von »Arno«, das ist auch nicht so schön) und darauf muss man gar nicht allzu lange warten, denn es ist ja ein kurzes Buch.

Ich war sofort neugierig geworden, als mir jemand beim gemeinsamen Mittagessen von dem Buch erzählte. Es war jemand, der in einem Buchklub ist, oder einem Lesezirkel, wo dann also jedes Mitglied ein Buch liest bzw. alle das gleiche, aber für sich, und dann trifft man sich und spricht darüber. Ich hielt es nicht für möglich, mal jemanden kennenzulernen, der tatsächlich Mitglied von so einem Buchklub oder Lesezirkel ist und nun endlich konnte ich all die vielen Fragen stellen, die sich über die Jahre zu dem Thema bei mir angesammelt hatten.

Was mich neben Schmidt und der Schmidt-Fan-Idee an dem Buch reizte, war der »Freitisch« als solches, eine Art Essenssponsoring für Studenten, die dadurch kostenlos an bestimmten Orten wie Bürgerhäusern oder Wirtschaften mit Mahlzeiten versorgt werden, finanziert von Stiftungen, Organisationen, Firmen.

Gibt’s heute wohl eher nicht mehr, aber an einem solchen Freitisch beginnt die Handlung, denn dort treffen sich einige Studenten, von denen einer großer Arno-Schmidt-Fan ist. Er fixt die anderen an und dann sind sie eben alle mehr oder weniger Fans von »Arno«.

Nachdem der Freitisch aufgelöst wird, verlieren sich die Studenten aus den Augen. Nach vielen, vielen Jahren treffen sich zwei davon zufällig wieder, in Anklam, of all places. Das ist aber wohl gar nicht so verwunderlich, sondern ganz pfiffig so angelegt, denn die feine, kleine Novelle spielt generell in der Provinz, zunächst in München, dann Anklam und schließlich in Bargfeld, am und kurz auch im Haus von Arno Schmidt.

Der letzte Teil ist der versöhnlichste, ein sehr schönes Finale, das ein bisschen über die Lesezeit hinwegtröstet. Diese mag zwar kurz sein wie üblich in dieser Hunderseitenreihe, aber zwischen Freitisch und Showdown in Bargfeld muss man ziemlich viel 68er-Herumonkeln über sich ergehen lassen, in Anklam, in einem Straßencafé. Der eine ist Lehrer, hat sich in den Osten Deutschlands zurückgezogen, lebt also ein bisschen wie Schmidt, der andere quirliger Geschäftsmann auf der Durchreise, Yin und Yang vom allerfeinsten.

Länge des Buches: ca. ???.??? Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Uwe Timm: Freitisch. Novelle. Vom Autor neu durchgesehene Ausgabe. München: Dt. Taschenbuch-Verlag 2012. S. ??–?? (= ??? Textseiten).

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