Archiv des Themenkreises ›Der Spiegel‹


Die Ergebnisse der …
Feuilleton-Meisterschaft 2021

München, 11. Januar 2022, 06:00 | von Josik

Wer hätte das gedacht, nach einer langjährigen Pause verleihen wir heute zum *dreizehnten* Mal seit 2005 den Goldenen Maulwurf, für den Feuilleton­jahrgang 2021:

Der 13. Goldene Maulwurf

Wie jedes Jahr war die Konkurrenz so stark wie seit Jahren nicht. Das deutschsprachige Feuilleton des gerade abgelaufenen Jahres 2021 war wieder voller Geistesblitze und Bramarbasse, es war voller Sturm und – auch nicht zu vergessen – voller Drang und es regnete herrlichste Artikel. Apropos Feuilleton und apropos deutschsprachig – wie schrieb Diedrich Diederichsen im Septemberheft des natürlich nicht mit dem »Münchner Merkur« zu verwechselnden Berliner »Merkur«:

»Anders als in den meisten Kulturen der Welt sind es nicht soziale Medien, universitäre Debatten oder offen politisch geführte Auseinandersetzungen, die das Medium der Deutschsprachigen und ihrer Streits ausmachen. Es ist das, was nur noch in ihrer Kultur einen hohen Wert und gesellschaftlichen Einfluss hat, das Feuilleton. In diesem haben bestimmte Männer das Sagen, die gern im Genre des Machtworts etwas zurechtrücken.«

Dieser letzte Satz stimmt wahrscheinlich, obwohl wir ihn natürlich für falsch halten. Aber dass Feuilleton, wie Diederichsen schreibt, ein Medium ist, wenigstens das ist zweifellos richtig. – – –

So oder so ähnlich klangen viele Jahre lang die Vorworte zum Goldenen Maulwurf. Der Golden Mole war ein Preis für die angeblich™ besten Feuilletontexte des Jahres, der immer am zweiten Januardienstag verliehen wurde, damals, als es noch Leute gab, die (nicht als Investoren, sondern am Kiosk) Zeitungen gekauft haben. Ja, und es ist nun über ein halbes Jahrzehnt her, dass wir zum ersten Mal zum letzten Mal den Goldenen Maulwurf verliehen haben. Und tatsächlich ist der Goldene Maulwurf Geschichte. Allerdings war es unabdingbar herauszufinden, welche Schreiberlinge diesen Preis gewonnen hätten, wenn es ihn noch gäbe.

Und daher sind jetzt alle extremst herzlich eingeladen, auf die Gewinnerlinge des Goldenen Maulwurfs 2021 zu klicken:

1. Clemens Setz (SZ)
2. Marlene Streeruwitz (Standard) / Benedict Neff (NZZ)
3. Fabian Wolff (Time) / Maxim Biller (Zeit)
4. Jérôme Buske (Jungle World)
5. Mareike Nieberding (SZ-Magazin)
6. Elfriede Jelinek (junge Welt) / Peter Handke (FAZ)
7. Gregor Dotzauer (Tagesspiegel)
8. Michael Maar/Sebastian Hammelehle/Claudia Voigt (Spiegel)
9. Erik Zielke (nd)
10. Peter Richter (SZ)

Besonders interessant ist ja, dass das Feuilleton des Jahres 2021 vor allem auch ein Feuilleton der Literat*innen war. Daraus kann man schließen, dass das Feuilleton und die Literatur mittlerweile die genau gleiche gesamtgesellschaft­liche Bedeutung haben, zwar nicht unbedingt im Diederichsen’schen Sinne, aber doch in irgendeinem anderen.

Übrigens war die Auswahl dieses Mal außerordentlich schwierig, da auf der Longlist einundfünfzig (51) Texte standen: Mit anderen Worten, nie zuvor war unsere Longlist so long.

So long,
Euer Consortium Feuilletonorum Insaniaeque

 

p.s. Diese ist die regulär 13. Ausgabe des Goldenen Maulwurfs. Die 12. Aus­gabe, unsere Preisverleihung für das Feuilletonjahr 2016, wurde leider Anfang Januar 2017 aus Zeitgründen gekippt. Wir haben die Ergebnisse aber (allerdings ohne Laudationes) im Oktober 2021 nachgereicht. Da die 2016er Preisverleihung nun gleichzeitig stattgefunden und nicht stattgefunden hat, wird sie von uns intern als Schrödingers Maulwurf bezeichnet. Na jedenfalls herzlichen Glückwunsch, Danilo Scholz, der demgemäß unser 12. Preisträger ist.

p.p.s. Die ausgebliebenen Preisverleihungen für die Jahre 2017 bis 2020 sind so zu erklären, dass wir eine längere Feuilletonpause eingelegt haben.

 


Tag in Tula

Moskau, 21. März 2018, 22:54 | von Paco

Samstagmorgen, der Tag vor der Präsidentschaftswahl, und wir fuhren mit der Lastotschka nach Tula. Das dauert von Moskau aus nur zwei Stunden und schon ist man im gefährlichen Tula, denn es ist Eiszapfensaison und, anders als in Moskau, waren noch nicht alle Eiszapfen kontrolliert abgeschmolzen oder abgedroschen worden. An die Häuser waren A4-Zettel mit Warnungen geklebt: Achtung vor dem Eiszapfen! Zehn-Kilo-Eispickel hingen tropfend von maroden Dachrinnen und es war nur eine Frage der Zeit, bis.

Im Beloussow-Park fuhren wir eine Weile Ski, vielleicht die letzte ordentliche Skifahrt diesen Winter, und in der parkeigenen Brasserie »Pjotr Petrowitsch«, benannt nach dem Parkgründer, gab es dann lauter gute Sachen zur Erfrischung.

Um etwas Zeit zu überbrücken, gingen wir ins »Eremitage« geheißene Theater. Dort gab es einen Tschechow-Abend, und gerade, als wir verspätet hineinschneiten, begann die Aufführung der Zwei-Seiten-Erzählung »Datschniki«, die von ungebetenen Gästen handelt, und die von der Truppe irgendwie auf 20 Minuten gestreckt wurde.

Es war aber noch mehr los im Haus. In der Etage drüber gab es ein Jazzkonzert, und die Band stand vor einer frühneuzeitlichen Weltkarte, und zwar der doppelhemisphärischen von Claes Janszoon Visscher, Mitte 17. Jahrhundert, die durch den Jazz hindurch zu mir herüberschimmerte. Nach dem Konzert trat ich näher heran, die Weltkarte stellte sich als riesiges Puzzlespiel heraus, das irgendjemand erfolgreich zusammengesteckt und dann aufgeklebt, eingerahmt und mit Glasscheibe versehen hatte.

Dann wurde es Zeit, schließlich war Salsa Night in der »Stetschkin«-Bar, die benannt ist nach dem berühmten, in Tula ansässig gewesenen Waffenkonstrukteur Igor Jakowlewitsch Stetschkin. Wir trafen einige Leute, die uns unter anderem kopfschüttelnd erzählen hörten, dass wir »in diesem bescheuerten Theater« gewesen seien, aber uns hatte es dort ja gefallen.

Die Salsa Night selber kann man jetzt schlecht beschreiben, jedenfalls waren wir wie geplant um 3 Uhr morgens wieder am Bahnhof und nahmen den Zug zurück nach Moskau, und unterwegs las ich hot-off-the-presses die krasse Berghain-Story im aktuellen »Spiegel«: »Tod in Berlin«, unheimlich aufgeschrieben von Alexander Osang, bleibt erst mal im Hirn wie ein Fincher-Film.

In Moskau angekommen war alles beim Alten und wir schliefen in den späten Nachmittag hinein, um uns von dem Ausflug nach Tula zu erholen.
 


15 Stunden M.M.M.:
Medienkonsum zwischen Montréal und Moskau

Moskau, 19. August 2017, 15:05 | von Paco

Nun bin ich wieder zu Hause, von Tür zu Tür in 15 Stunden, da war genug Zeit, um zwischen einigen Powernaps verschiedenste Medien zu konsumieren.

Im 747er-Bus vom Hotel Bonaventure zum Aéroport Montréal-Trudeau las ich schnell noch den »Spiegel« Nr. 32 zu Ende, wofür in den beiden Wochen davor keine Zeit gewesen war. Check-in und Sicherheitskontrolle reichten dann genau, um die Sommersnippets von »Fest & Flauschig« zu hören, sind ja nicht so viele und jedes nur ein paar Minuten lang.

Kleiner Jumpcut ins Innere des Lufthansafliegers, wo vor dem Start ein Steward lieblos versucht, die FAZ und SZ vom Freitag zu verteilen, aber in ausgeklapptem Zustand riesenhafte Printprodukte will ja niemand mehr wirklich haben, niemand außer mir. Die FAZ war dann in 30 Minuten ausgelesen, Harald Schmidt war darin von Timo Frasch zum 60. gelobhudelt worden, mit einem Seitenhieb gegen Böhmermann und dessen angeblich nur »drittklassigen« Stand-up-Qualitäten, hehe.

Doch nun richtete sich meine Aufmerksamkeit auf den vor mir schwebenden Monitor mit den Medienangeboten der Lufthansa, und als erstes sah ich dort die ziemlich gute Krausser-Verfilmung »Einsamkeit und Sex und Mitleid«, Regie: Lars Montag, ein tiefer sexualkundlicher Blick in unsere breite Gegenwart, thematisch gespickt mit den typischen Krausser-Obsessionen. Nach einem Jahrzehnt extremer Krausser-Müdigkeit kam das eigentlich wieder mal ganz gut. Die Kamera hat mich ein wenig an »Finsterworld« erinnert mit ihrem Interesse an urdeutschen Dingen, einfach mal draufhalten auf das blau-plüschige Interieur eines ICE!

Als nächstes holte ich die letzten beiden »Twin Peaks«-Folgen nach, 3×13 und 3×14, und empfand dabei wieder das große, große Glück, dass es diese neue »Twin Peaks«-Staffel gibt: »Coffee for the great Dougie Jones!«

Dann war der »Spiegel« Nr. 33/2017 dran, denn bei der Zwischenlandung in Frankfurt würde schon die neue Ausgabe erhältlich sein, also sollte die alte noch verarztet sein, bevor der Atlantik überquert war. Und … done! Doch wie nun weiter, vielleicht noch ein Film? Ich entschied mich für »Guardians of the Galaxy Vol. 2« und habe es nicht bereut.

In Frankfurt dann der angekündigte »Spiegel«-Kauf, Nr. 34/2017, für €4,90! Ich las als erstes das Interview mit Frauke Petry und Kurbjuweits Hommage an Lobo Antunes und dessen Übersetzerin Maralde Meyer-Minnemann, schön sind da auch die Abschnitte zum periphrastischen Infinitiv. Nun jedoch widmete ich mich endlich voller Lesedrang dem Stück über den Flughafenmoloch BER: »Made in Germany«. Und na ja, »BER«, das ultimative Airportdesaster – will man nach einem halben Jahrzehnt voller lahmer BER-Witze (pars pro toto »Der Postillon«: »Neue Zeitform Futur III eingeführt, um Gespräche über Flughafen BER zu ermöglichen«) wirklich noch was darüber lesen? Aber ja und unbedingt, und zwar wenn es im »Spiegel« steht »und mit 20 Seiten so lang ist wie kaum eine SPIEGEL-Geschichte zuvor«.

Bitte lest alle diesen Artikel, er ist supergut, auch wenn ich eine widersprüchliche Stelle gefunden habe, die mich sicher noch lange beschäftigen wird. Und zwar steht in der Hausmitteilung auf Seite 9, dass die »Spiegel«-Leute »sieben Monate lang für ihre Recherchen benötigten«, und dann habe aber laut Seite 66 »[e]in Team von SPIEGEL-Redakteuren […] acht Monate lang recherchiert«. Was stimmt nun? Sieben oder acht?

Hoch über Weißrussland war der neuste »Spiegel« schließlich ausgelesen, aber ich hatte noch die Season-Premiere-Folge der fünften und letzten Staffel von »Episodes« im Gepäck, und die schaute ich auch noch an, sehr gut, wie immer, Tamsin Greig, Stephen Mangan und Matt »How you doin’?« LeBlanc. In einem offenen Browserfenster wartete auch noch das Interview, das Michele d’Angelo vom »Freitag« mit Ellen Kositza geführt hat, und ich war jedenfalls dermaßen im Leserausch, dass ich auch noch alle anderen geöffneten Browserfenster runterlas, meist Artikel von »heise online« und »Ars Technica«, die da seit Wochen herumlagen.

Aber noch mal zum »Spiegel«. Alle sagen ja immer: Der Spiegel, Der Spiegel. Wer lese den denn noch. Der habe doch an Bedeutung usw. verloren. Aber ich sage euch: Ich lese den noch, und habe seit schätzungsweise 2004 keine einzige Ausgabe verpasst. Ich wäre auch bereit, mich dazu einmal interviewen zu lassen, um über meine Gefühle beim wöchentlichen Lesen dieses herrlichen alten Wurschtblattes zu sprechen, denn es ist schon immer wieder eine hübsche Achterbahnfahrt, Motion Sickness inklusive, aber man muss doch den »Spiegel« lesen, denke ich immer, und ich bin damit auch nicht ganz allein, wenn ihr mal an Diques unfassbare »Spiegel«-Eloge denkt, die seinen gerade erschienenen Feuilletonband »Abenteuer im Kaffeehaus« beschließt: Diese Eloge ist, natürlich unter gänzlich anderen Voraussetzungen, der würdige Nachfolger von Enzensbergers »Die Sprache des Spiegel«, und Zeit wurde es, denn das Enzensberger-Ding ist ja schon 1957 erschienen, aber wie auch immer, ich bin jetzt wieder zu Hause in Moskau und sah grad vor ein paar Minuten noch, wie unten in der Metro Kurskaja, beim Übergang zur blauen Linie, wie dort ein Mitarbeiter in Monteurskluft ein wuchtiges Reliefbild mit dem Stationsnamen putzte, doch nun, Jetlag und so, werde ich eine Runde schlafen, »sieben, acht / gute Nacht«.
 


Die Interviewkrise

Moskau, 29. Juni 2016, 12:09 | von Paco

Gerade finden viele missglückte Interviews statt. Ein paar Beispiele. Zum Erscheinen der deutschen Übersetzung seines Sammelbandes »Distant Reading« hat »Spiegel Online« ein Interview mit Franco Moretti geführt. Der Satz mit dem »aktuellsten heißen Scheiß« klingt wie Bento meets VICE gone awry. Auch inhaltlich ist es etwas dürftig, wenn nämlich Andreas »Fahrstuhl« Bernard den Band in der FAS als »das interessanteste literaturtheoretische Buch, das seit vielen Jahren erschienen ist«, zelebriert und im SPON-Interview der technische Stand von vor tausend Jahren abgefeiert wird. Dazu Arne: »Aha. Franco Moretti macht also Named Entity Recognition, Sentiment Analysis und CSV-Dateien mit Locationdata«.

Weiteres Beispiel. Gerade hat im Palais de Tokyo eine Ausstellung mit Fotos von Houellebecq eröffnet. Und der Dichterfotograf erklärt im »Spiegel«-Interview seine Bilder (Ausg. 25/2016, S. 122–127). Das tut richtig dolle weh. Zum Eröffnungsbild der Ausstellung, das »einen dunklen Wolkenhimmel über der Stadt« zeigt, sagt Höllebeck: »Der Himmel hängt voller Versprechen und Gefahren.« Díos mío, Houellebecq ist als Mehrfachbegabung noch peinlicher als James Franco, hugh! (An dieser Stelle noch mal der Hinweis auf das ultimative James-Franco-Debunking im »stern«. Katharina Link, übernehmen Sie!)

Kleine Interviewkrise also. Dazu passt auch der von Olli Schulz in »Fest & Flauschig« 6 vorgebrachte Interviewhass, Zitat (nach ca. 1:01h): »Ich les mir keine Kackinterviews durch, wo [jemand] mal ne witzige Antwort auf ne uninspirierte Frage gibt, weil Interviews sind scheißelangweilig, […]. Meinst du, ich les mir noch ein Benjamin-von-Stuckrad-Barre- oder ein Ronja-von-Rönne-[Interview durch]!«

Daher jetzt Interviewpause, mindestens eine Woche. In der Zwischenzeit als Ersatzleistung: imaginäre Interviews! Jochen Schmidt schrieb vor fast genau zehn Jahren in der »taz«: »Eine Nobelpreisrede von Beckett wäre schlicht undenkbar, genau wie ein Spiegel-Gespräch mit Kafka.« Und das stelle ich mir jetzt vor. Volker Weidermann interviewt den großen Prager Obersekretär im nächsten »Spiegel«: »Herr Kafka, in Ihrem letzten Romanfragment behandeln Sie die Unerreichbarkeit eines Gebäudes, in diesem Fall eines Schlosses.« – Kafka: »Na ja.« Usw. usw.
 


Durch den neuen »Spiegel« fegt ein kalter Wind

München, 21. Februar 2016, 13:17 | von Josik

Die Metapher der Woche, auf die man sich für die Ausgabe 8/2016 inner­redaktionell geeinigt hat, ist diesmal auf den Seiten 96 und 129 zu bestaunen:

»Vom Maidan, dem Platz der Unabhängigkeit, steigt die Straße steil an und führt zum Präsidentenpalast. Über ihr Pflaster fegt ein kalter Wind, so kalt wie im Februar vor zwei Jahren, als das Blut in den Ritzen zwischen den Steinen versickerte.«

Moritz Gathmann: »Die Enttäuschten«, S. 96

»Zwei Wochen vorher in Moskau. Kalter Wind fegt durch die Straßen, als sich Nadja Tolokonnikowa noch einmal für ein paar Stunden in den Moskauer Untergrund begibt.«

Tobias Rapp, Matthias Schepp: »Anti-Putin-Superstar«, S. 129
 


Die Ergebnisse der …
Feuilleton-Meisterschaft 2015

Buenos Aires, 12. Januar 2016, 14:10 | von Paco

»I told you last time it was the last time.«
(Michael Dudikoff, »American Ninja 4«)

Lo and behold! Nach der runden 10. Verleihung unseres Feuilletonpreises »Goldener Maulwurf« im letzten Jahr sollte ja eigentlich Schluss sein. Aber wie bei abgelaufenen britischen Staffeln oder Serien auch immer noch so eine Weihnachtsfolge nachkommt, gibt es hier noch einen 11. Goldenen Maulwurf, und zwar mit allem üblichen Tsching­de­ras­sa­bum! Die Wahrheit ist aber, dass das deutschsprachige Feuilleton des abgelaufenen Jahres 2015 wieder so skandalös gut war, eben immer noch das beste der Welt, dass wir nicht umhin kamen, wieder unseren Goldpokal springen zu lassen. Und der wurde diesmal sogar charakterstark redesignt und sieht so aus (tausend Dank an Ruth!):

Der 11. Goldene Maulwurf

Nicht nur, weil in Buenos Aires grad Hochsommer ist, herrschte wieder allerbeste Laune bei den Jurysitzungen. Und diesmal war die Bestimmung des Gewinners oder der Gewinnerin des 11. und endgültig letzten Maulwurfsgoldes intern auch nicht so umstritten wie in den Jahren zuvor. Nun: Der Gewinner und letzte Preisträger ist: Fabian Wolff. *tsching­de­ras­sa­bumbumbum* Sein zur Jahresmitte auf »ZEIT Online« erschienener Artikel »Oh, Tolstoi ist im Fernsehen« über und gegen den TV-Serien-Hype des Bildungsbürgertums ist ein solcher Wahnsinnshammertext.

Die anderen Texte sind natürlich auch Gold (und wie immer angeblich nicht gerankt, hehe), hier also die vollständigen Feuilleton-Charts mit den 10 besten Artikeln aus den Feuilletons des Jahres 2015:

1. Fabian Wolff (Zeit)
2. Katharina Link (stern)
3. Katja Lange-Müller (SZ-Magazin)
4. Jan Böhmermann / Andreas Rosenfelder (Facebook / Welt)
5. Regina von Flemming (Russkij Pioner)
6. Peer Schmitt (junge Welt)
7. Clemens Setz (SZ)
8. Andreas Platthaus (FAZ)
9. Botho Strauß (Spiegel)
10. Stephan Hebel (FR)

Ihr könnt auch gleich auf die ganze Seite mit den Laudationes klicken. (Die Schlussredaktion lag bei Josik und mir.)

Und nun ist es also endgültig vorbei mit den goldgewandeten Maulwürfen, jippie! Anlässlich des Feuilletonjahrs 2005 nahm der Golden Mole mit einem Stephan seinen Anfang (der Siegertext von damals ist immer noch superst zu lesen). Und nun nimmt er mit einem Stephan sein Ende, Kreis geschlossen. Demnächst kommt noch ein bisschen mehr Feuilletonstatistik nach.

Para siempre jamás,
Paco
im Auftrag des
–Consortii Feuilletonorum Insaniaeque–
 


»Spiegel« lesen in Detroit

Detroit, 29. Dezember 2015, 23:04 | von Dique

Vor vielen Jahren gab es den »Spiegel« erst am Montagmorgen zu kaufen. Irgendwann gab es ihn dann an Bahnhofskiosken schon am Sonntagabend, jedoch erst ab genau 20 Uhr. Deshalb konnte man manchmal sonntags um 19:45 Uhr Reisende und/oder Wahnsinnige (im Zweifelsfall sich selbst) dabei beobachten, wie sie um eine Ausgabe bettelten.

Denn meist lagen die Stapel schon hinter dem Verkaufspersonal bereit, die aber vor 20:00:00 Uhr noch kein Exemplar aushändigen durften. »Mein Zug fährt um 19:55 Uhr«, hieß es dann, »und ich würde auf der Fahrt so gern den neuen ›Spiegel‹ lesen!« Trotz dieser mittleren bis hohen Beweggründe waren diese Versuche zwar aussichtslos, aber zukunftsträchtig!

Denn in ausgesuchten Städten gab es den »Spiegel« dann bald schon am Sonntag um die Mittagszeit. Seit Wolfgang Büchners Intermezzo als Chefredakteur haben wir uns nun an den Samstags-»Spiegel« gewöhnt (also die, die ihn noch lesen, hehe). Jemand hat gerade errechnet, dass es bei dem aktuellen Tempo der Vorverlegung nur noch ca. 13,4 Jahre dauert, bis der »Spiegel«, nach Freitag, Donnerstag etc., wieder am Montag erscheint.

Ich erwähne den »Spiegel«, weil ich noch irgendwo vor der Abreise einen gekauft habe und seit ein paar Tagen mit mir herumtrage. Wir sind in einem Toyota Prius unterwegs. Der Prius macht beim Anlassen keinerlei Geräusch und ist das wahrscheinlich kleinste Auto hier in der Detroit Area. Bei »Hertz« am Flughafen habe ich sofort für den Prius votiert, weil Larry David in »Curb« immer einen fährt und damit immer so hochzufrieden ist. Später fragen uns tatsächlich noch Einheimische über unsere mögliche Verbindung nach L.A.

Nun, der »Spiegel« ist voller spannender Artikel und scheint mal wieder richtig gut zu sein, fristet aber ein einsames Dasein im Handschuhfach. Im Flieger las ich nur das Editorial an, sah dann einen Film und schlief ein. Ich hab ihn aber immer dabei, auch jetzt, wenn ich ins Detroit Institute of Arts gehe.

Das DIA hat eine Spitzensammlung, die wohl kaum jemand zu Gesicht bekommt. Um das majestätische, weiß strahlende Gebäude herum ist es dystopisch leer, man sieht niemanden auf der Straße an diesem Samstagnachmittag (dem Tag, an dem in Deutschland gerade der neue »Spiegel« erscheinen muss).

Jegliche Geschäftstätigkeit und überhaupt jedwede Bewegung liegt brach. Ab und an sieht man dann doch mal einen Penner mit Hoodiekapuze über dem Kopf und in einen dicken Parka gehüllt umherschlurfen, und mir friert beim Aussteigen aus dem Prius fast ein Ohr ab, so eisig pfeift der Wind. Eine verschlossene Chase Manhattan Bank mit pompösem Art-Déco-Portico schmort still vor sich hin, die Woodward Avenue, die von Detroit weit nach Michigan hineinstößt und am Museum vorbeiführt, ist aufgerissen und überall sind Absperrungen, durch die ich mich schlängeln muss, nur in der Ferne sieht man das berühmte Renaissance Center in den Himmel ragen, die einzige Stelle in Downtown, die noch atmet.

Die Sammlung des DIA wurde 2013 mal auf 900 Millionen USD unterschätzt, denn man überlegte tatsächlich, die Sammlung zu verkaufen, nachdem Detroit in die Pleite geschlittert war. Das Museum hat z. B. einen der besten Bauern-Brueghels, den »Hochzeitstanz«, allein der Wert dieses Bildes liegt bei ca. 900 Millionen oder so. Außerdem hat es einen Caravaggio, den ich gerade bestaune und von dem ich mir gerade vorstelle, dass er echt ist.

Es ist eines der Gemälde, mit dem von Caravaggio oft porträtierten Modell, Fillide Melandroni. Fillide fand den Weg in Caravaggios Pinsel auch bei der unglaublichen »Judith mit dem Kopf des Holofernes«, die heute in Rom im Palazzo Barberini hängt. Vielleicht war es sogar sie, für die Caravaggio 1606 in Rom Ranuccio Tomassoni ermordete, aber wer weiß das schon so genau, Insinuationen im Stil eines Kunstkrimis von Dan Brown oder Helmut Krausser.

Aber das große Highlight im DIA ist der Diego Rivera Court, in dem man von den berüüühmten »Detroit Industry Murals« umringt wird. Oben, unten, monumental und überall, Rivera. Das ist wie mit der Suppe vom »Seinfeld«-Soup-Nazi, nach dem ersten Kosten muss man sich zunächst mal kurz hinsetzen. Wie soll man das beschreiben, ein Satz fällt mir ein, den Frau Prof. Dr. Daniela Hammer-Tugendhat sehr häufig verwendet: »Das muss man wirklich sehen, das kann man sich sonst nicht vorstellen«, oder so ähnlich, zum Beispiel auch irgendwo in der Vorlesung zur »französischen Kathedralkunst der Gotik«, aber auch in der Folge zu Caravaggio und Velázquez und eben auch sonst noch ein paarmal.

Ok, nach dem Museum bin ich noch mit meinem alten Freund Tropical-Heat-Barthel verabredet, den es vor ein paar Jahren überraschenderweise hierher verschlagen hat. Ich hole ihn zu Hause ab und er kann wie alle anderen auch nicht fassen, dass ich hier mit einem Prius rumfahre. Was machen wir nun, wir fahren in die nächstgelegene Mall und gehen zu Starbucks. Als wir wieder draußen auf dem Parkplatz sind, passiert etwas, fast eine Art Zäsur. Wir laufen nämlich zum Prius, der mittlerweile zwischen zwei monströsen Ford F-150 SuperCrew Cabs steht, bei denen er ganz locker auf die Ladefläche passen würde.

Und nun: Wir steigen ein, ich will Tropical-Heat-Barthel zurück zu seiner Familie fahren und dort vielleicht noch ein bisschen mit allen reden, eine Einladung zum Abendessen wurde bereits ausgesprochen. Wir sitzen, ich will gerade die Fahrertür ins Auto ziehen – da fällt mir ein, dass ich den »Spiegel« im Starbucks vergessen habe.

Und was jetzt so in meinem Kopf losgeht: 10 Jahre, 20 Jahre, 25 Jahre »Spiegel«-Lektüre, Augstein und Aust, nicht namentlich gekennzeichnete Riesenartikel, die Achterbahnfahrt des Kulturteils, diese komische Leserbriefauswahl immer, der ganz und gar behämmerte »Hohlspiegel« usw. usw., all das kam mir plötzlich so unfassbar vor. Ich muss natürlich zurück in die Mall und den »Spiegel« holen, das Papier, das Objekt, heute später am Abend oder morgen oder in zwei Wochen würde ich diese glänzenden Seiten in Händen halten und »Spiegel« lesen, unterwegs, in der Bahn, im Café, im großen Irgendwo. Aber man kann die Artikel ja auch im Netz lesen, irgendjemand schickt auch immer mal einen PDF-Auszug vorbei usw., und will ich jetzt der Typ sein, der in diese dann ja doch irgendwie schreckliche Mall zurück geht, um einen liegengelassenen Print-»Spiegel« zu holen?

Hin- und hergerissen, es ist wirklich auch kognitiv anstrengend, ich forme schon Sätze, »äh, ich muss leider noch mal kurz in den Starbucks«, was insgesamt locker viereinhalb Minuten dauern würde, und der Freund hier allein im Auto, eingequetscht zwischen zwei Ford-Supertankern, die ihm das Licht rauben, vielleicht insgesamt trotzdem kein Problem, keine große Sache, viereinhalb Minuten, aber so ein sinnloses Detachment kann ja auch einen ganzen Abend verderben. Print-»Spiegel«! Wohin ziehst du mich, / Fülle meines Herzens, / Print-»Spiegel«! / Welche Wälder, welche Klüfte / Durchstreif ich mit fremdem Mut! Eine Horaz-Nachdichtung von Novalis, so was fällt mir jetzt ein, und ich weiß nicht, was ich tun soll, ich muss dich holen gehen, ich muss, natürlich, und ich werde.
 


Besuch bei Bohrer

Oxford, 13. Juni 2015, 10:12 | von Cetrois

Das Feuilleton: eine Vergangenheitsform. In Hessen, in Frankfurt sei es bis vor kurzem beheimatet gewesen, schrieb letzte Woche das »Zeit Magazin«, schrieb gestern Dirk Schümer in der »Welt«. Es gibt aber auch noch Orte, wo man das Feuilleton alive and well finden kann. Orte, an denen man unvermittelt ins Feuilleton eintreten kann wie Harry Potter auf Gleis 9 3/4:

Man schlendert in London die South Lambeth Road hinunter. Und ist sofort auf der Hut vor den berüchtigten Straßengangs von Stockwell. Von denen ist aber so früh am Morgen noch nichts zu sehen – stattdessen verfolgt mich bloß ein altes Männlein auf einem klapprigen Mountainbike mit viel zu niedrigem Sattel.

Als wolle es den provinziellen Deutschen verhöhnen, der den Interview­termin nicht durch Ärger mit der Verkehrspolizei gefährden will und deshalb pflichtschuldig an jeder roten Ampel stehen bleibt, fährt es stets quer über jede Kreuzung, bleibt dann auf halber Strecke kurz stehen, dreht sich um und reckt die Faust gen Himmel: »You see, I’m not afraid! You see that!«

So geht das einige Straßenblocks lang, mein Begleiter auf dem Fahrrad umkreist mich wie ein harmloser Hai. Schließlich biege ich um die Ecke und da steht unvermittelt der schwarze Golf IV in der Einfahrt, das deutscheste Auto der Welt, das aber durch das gelbe Nummernschild sogleich etwas unheimlich Weltläufiges, Vornehmes bekommt.
 


Jakob Augsteins Baukasten

Berlin, 11. Juni 2015, 13:03 | von Josik

 
(Artikelupdate um 20:36 Uhr, siehe unten.)
 

Für die Workshopteilnehmer und sowieso auch für die Fans veröffentlichen wir heute unser A2-Poster A1-Poster »Jakob Augsteins Baukasten« (PDF, 166 kB; gesetzt mit LaTeX, Quellcode auf Anfrage):

Jakob Augsteins Baukasten (Poster, Vorschau)

Wir setzen damit auch die entsprechende Berichterstattung fort, die bisher so verlief:

Wir mussten für das Poster zuletzt von A3- auf A2-Format A1-Format umschwenken, denn es sind zwei drei neue Texte dazugekommen, die Augsteins Baukastenprinzip noch mal neu illustrieren. Die wie immer wertungsfreie Analyse hat dann auch gleich einige Dinge zutage gefördert. Nehmen wir mal das Wort »Beleidung« (statt »Beleidigung«) im Vorwort zum gerade erschienenen Schirrmacher-Sammelband »Ungeheuerliche Neuigkeiten«. Dieser Tippfehler könnte eventuell anzeigen, dass Augstein nicht einfach copy&paste mit seinen alten Texten macht, sondern die Sachen offenbar tatsächlich alle noch mal neu auf Grundlage vorhandener Fixierungen seiner Gedanken zusammenstellt, und das ist doch schon mal interessant.

Aber gut, hier noch mal die genauen Quellenangaben zu den sechs sieben der Analyse zugrunde liegenden Augstein-Texten:

  • Jakob Augstein: Ein Mann ohne Komplex. In: Die Zeit, 2. 3. 2006, S. 59. [link]
  • Jakob Augstein: Frank Schirrmacher – Der Aufreger. In: Stephan Weichert / Christian Zabel (Hrsg.): Die Alpha-Journalisten. Deutschlands Wortführer im Porträt. Köln: Herbert von Halem Verlag 2007, S. 324–330. [link]
  • Jakob Augstein: Mein Hirn gehört mir. In: Welt am Sonntag, 7. 2. 2010, S. 55. [link]
  • Jakob Augstein: Wir töten, was wir lieben. In: der Freitag, 16. 8. 2012, S. 3. [link]
  • Jakob Augstein: »Es gibt keinen anderen wie ihn«. In: Der Spiegel, 16. 6. 2014, S. 114–115. [link]
  • Jakob Augstein: Vorwort. In: Frank Schirrmacher: Ungeheuerliche Neuigkeiten. Texte aus den Jahren 1990 bis 2014. Herausgegeben von Jakob Augstein. München: Blessing Verlag 2015, S. 9–14. [link]
  • Jakob Augstein: Alpha und Ende. In: Der Spiegel, 6. 6. 2015, S. 17. [link]

Soderla, nach dem Ende unserer Raddatz-Berichterstattung nun also auch endlich das Ende unserer Augstein-Berichterstattung, macht’s gut.

 
<Update when="20:36 Uhr">
Siehe da, wir haben grad beim Zitatecheck noch weitere Legoteilchen gefunden, nämlich in Augsteins Schirrmacher-Artikel aus der »Welt am Sonntag« vom 7. Februar 2010. Es ist für uns etwas peinlich, dass uns das jetzt erst auffällt, denn wir hatten diesen Text damals, anlässlich der Verleihung des 6. Goldenen Maulwurfs, zu einem der Top-Ten-Artikel des Feuilletonjahres 2010 gekürt, und der Artikel ist ja auch nach wie vor sehr gut zu lesen. Jedenfalls, wir mussten in unser Poster nun eine weitere Spalte einziehen und das Format noch mal, von A2 auf A1, vergrößern. Das PDF ist also nun aktualisiert.
</Update>
 


Neues von Jakob Augsteins Schirrmacher-Porträt

Berlin, 7. September 2014, 18:15 | von Josik

Hm, jetzt ist Jakob Augstein bzw. »der Freitag« unserer Bitte immer noch nicht nachgekommen, machen wir also weiter.

Zwar schwirrt Augsteins Schirrmacher-Porträt mittlerweile wieder im Google-Cache herum und so offenbart sich also der ganze Dilettantismus dieser Löschaktion bei freitag.de aufs Neue. Aber wir würden wirklich gern mal erklärt bekommen, wie die Arbeitsabläufe bei einem oh-so-netzaffinen Medium sein müssen, damit so was 1.) passiert und 2.) dann noch in dieser denkbar dilettantischsten Weise weitergeht.

Und es geht weiter.

Solange also Augsteins Schirrmacher-Porträt nicht wieder auf freitag.de zu lesen ist, sehen wir uns genötigt, die Mitglieder der »Freitag«-Community und andere Leute weiterhin mit Jakob Augsteins bewährter Schirrmacher-Porträtierkunst vertraut zu machen – oder doch wenigstens mit jenen Stellen, die ein übereifriger Deletionist nicht so mühelos sperren kann. Hier also schon mal zwei neue Passagen:

*

»Immer mal wieder drängt sich Schirrmacher der öffentlichen Debatte auf, treibt sie in seine Richtung. Das war so, als er im Jahr 2000 auf sechs Seiten den Quellcode der DNS in seinem Feuilleton abdruckte, als unlesbaren Text des Lebens, vollkommen sinnlos und unendlich bedeutungsvoll. Ein dramatischer und anarchischer Akt […].«

(Jakob Augstein: Frank Schirrmacher – Der Aufreger.
In: Stephan Weichert / Christian Zabel (Hg.):
Die Alpha-Journalisten. Deutschlands Wortführer im
Porträt. Köln: Herbert von Halem Verlag 2007, S. 325)

»Als er auf sechs Seiten seines Feuilletons einen Teil der DNA-Sequenz abdruckte, da war das damals zugleich vollkommen sinnlos und unendlich bedeutungsvoll. Ein dramatischer und anarchischer Akt.«

(Jakob Augstein im »Spiegel« vom 16. Juni 2014, S. 115)

*

»Das vorige Buch hatte das Altern der Gesellschaft behandelt und war das zweiterfolgreichste Sachbuch des Jahres 2004 […]. Im Erscheinungsjahr 2004 des Methusalem-Buches war er allen Ernstes fünfmal der ›Gewinner des Tages‹ der Bild-Zeitung […]. In der Bild-zeitungstauglich gemachten Kurzfassung seines Methusalem-Buches hatte er geschrieben: ›Wie oft berichten Menschen von der Plötzlichkeit, mit der das Alter sie wach rüttelt. Ungläubig schlägt man die Augen auf – und plötzlich ist man alt!‹ Das ist keine zufällige Formulierung […]. ›Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt‹ – der Kafka-Bewunderer Schirrmacher hat in seinen Texten mehr als einmal diesen berühmten ersten Satz aus der Verwandlung zitiert. Am Grund liegt da das problematisch gewordene Selbstbewusstsein.«

(Jakob Augstein: Frank Schirrmacher – Der Aufreger.
In: Stephan Weichert / Christian Zabel (Hg.):
Die Alpha-Journalisten. Deutschlands Wortführer im
Porträt. Köln: Herbert von Halem Verlag 2007, S. 325–329)

»›Das Methusalem-Komplott‹, sein erster Bestseller, war im Jahr 2004 der zweitbestverkaufte Sachbuchtitel […]. Im Erscheinungsjahr des ›Methusalem-Komplotts‹ war er fünfmal der ›Gewinner des Tages‹ der Bild-Zeitung […]. Im Jahr 2004 schrieb er in der Bild-Zeitungs-tauglich gemachten Kurzfassung seines ›Methusalem‹-Buches: ›Wie oft berichten Menschen von der Plötzlichkeit, mit der das Alter sie wachrüttelt. Ungläubig schlägt man die Augen auf – und plötzlich ist man alt!‹ Das ist für Schirrmacher, der über den Schriftsteller Franz Kafka promoviert hatte, keine zufällige Formulierung. Kafkas ›Verwandlung‹ beginnt mit den Worten: ›Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.‹ Hier ist es wieder, Schirrmachers Thema […], das problematisch gewordene Selbstbewusstsein […].«

(Jakob Augstein im »Spiegel« vom 16. Juni 2014, S. 114f.)