Archiv des Themenkreises ›Jungle World‹


Die Ergebnisse der …
Feuilleton-Meisterschaft 2021

München, 11. Januar 2022, 06:00 | von Josik

Wer hätte das gedacht, nach einer langjährigen Pause verleihen wir heute zum *dreizehnten* Mal seit 2005 den Goldenen Maulwurf, für den Feuilleton­jahrgang 2021:

Der 13. Goldene Maulwurf

Wie jedes Jahr war die Konkurrenz so stark wie seit Jahren nicht. Das deutschsprachige Feuilleton des gerade abgelaufenen Jahres 2021 war wieder voller Geistesblitze und Bramarbasse, es war voller Sturm und – auch nicht zu vergessen – voller Drang und es regnete herrlichste Artikel. Apropos Feuilleton und apropos deutschsprachig – wie schrieb Diedrich Diederichsen im Septemberheft des natürlich nicht mit dem »Münchner Merkur« zu verwechselnden Berliner »Merkur«:

»Anders als in den meisten Kulturen der Welt sind es nicht soziale Medien, universitäre Debatten oder offen politisch geführte Auseinandersetzungen, die das Medium der Deutschsprachigen und ihrer Streits ausmachen. Es ist das, was nur noch in ihrer Kultur einen hohen Wert und gesellschaftlichen Einfluss hat, das Feuilleton. In diesem haben bestimmte Männer das Sagen, die gern im Genre des Machtworts etwas zurechtrücken.«

Dieser letzte Satz stimmt wahrscheinlich, obwohl wir ihn natürlich für falsch halten. Aber dass Feuilleton, wie Diederichsen schreibt, ein Medium ist, wenigstens das ist zweifellos richtig. – – –

So oder so ähnlich klangen viele Jahre lang die Vorworte zum Goldenen Maulwurf. Der Golden Mole war ein Preis für die angeblich™ besten Feuilletontexte des Jahres, der immer am zweiten Januardienstag verliehen wurde, damals, als es noch Leute gab, die (nicht als Investoren, sondern am Kiosk) Zeitungen gekauft haben. Ja, und es ist nun über ein halbes Jahrzehnt her, dass wir zum ersten Mal zum letzten Mal den Goldenen Maulwurf verliehen haben. Und tatsächlich ist der Goldene Maulwurf Geschichte. Allerdings war es unabdingbar herauszufinden, welche Schreiberlinge diesen Preis gewonnen hätten, wenn es ihn noch gäbe.

Und daher sind jetzt alle extremst herzlich eingeladen, auf die Gewinnerlinge des Goldenen Maulwurfs 2021 zu klicken:

1. Clemens Setz (SZ)
2. Marlene Streeruwitz (Standard) / Benedict Neff (NZZ)
3. Fabian Wolff (Time) / Maxim Biller (Zeit)
4. Jérôme Buske (Jungle World)
5. Mareike Nieberding (SZ-Magazin)
6. Elfriede Jelinek (junge Welt) / Peter Handke (FAZ)
7. Gregor Dotzauer (Tagesspiegel)
8. Michael Maar/Sebastian Hammelehle/Claudia Voigt (Spiegel)
9. Erik Zielke (nd)
10. Peter Richter (SZ)

Besonders interessant ist ja, dass das Feuilleton des Jahres 2021 vor allem auch ein Feuilleton der Literat*innen war. Daraus kann man schließen, dass das Feuilleton und die Literatur mittlerweile die genau gleiche gesamtgesellschaft­liche Bedeutung haben, zwar nicht unbedingt im Diederichsen’schen Sinne, aber doch in irgendeinem anderen.

Übrigens war die Auswahl dieses Mal außerordentlich schwierig, da auf der Longlist einundfünfzig (51) Texte standen: Mit anderen Worten, nie zuvor war unsere Longlist so long.

So long,
Euer Consortium Feuilletonorum Insaniaeque

 

p.s. Diese ist die regulär 13. Ausgabe des Goldenen Maulwurfs. Die 12. Aus­gabe, unsere Preisverleihung für das Feuilletonjahr 2016, wurde leider Anfang Januar 2017 aus Zeitgründen gekippt. Wir haben die Ergebnisse aber (allerdings ohne Laudationes) im Oktober 2021 nachgereicht. Da die 2016er Preisverleihung nun gleichzeitig stattgefunden und nicht stattgefunden hat, wird sie von uns intern als Schrödingers Maulwurf bezeichnet. Na jedenfalls herzlichen Glückwunsch, Danilo Scholz, der demgemäß unser 12. Preisträger ist.

p.p.s. Die ausgebliebenen Preisverleihungen für die Jahre 2017 bis 2020 sind so zu erklären, dass wir eine längere Feuilletonpause eingelegt haben.

 


Feuilletonismus 2010

Leipzig, 10. Januar 2011, 00:15 | von Paco

The Golden MoleIn wenigen Stunden, am Dienstagmorgen, 11. Januar 2011, kürt Der Umblätterer zum sechsten Mal seit 2005 die zehn besten Texte aus den Feuilletons des vergan­genen Jahres (a.k.a. Der Goldene Maulwurf 2010).

Die (interne) Longlist war diesmal 49 Artikel lang. Das entspricht also pro Woche knapp einem Artikel, der unseren sicher fragwürdigen Kriterien irgendwie entsprochen hat, hehe. Danke, German Feuilleton!

Öfters hört man ja mal jemanden sagen: »DIE ZEIT ist wieder besser geworden.« Oder: »Die SZ ist wieder besser geworden.« Usw. usw. Solche Aussagen sind natürlich einer selektiven Wahrnehmung ge­schuldet (Probeabo?), denn die erwähnten Zeitungen waren ja nie schlecht, und noch immer gilt, was wir hier letztes Jahr behauptet haben (und was schönerweise auch das Grimme-Institut in die Begründung für unsere Nominierung übernommen hat): Wir haben es immer noch und immer wieder mit dem besten Feuilleton aller Zeiten zu tun.

Unser Kriterium ist ja, siehe hier, die Kaffeehausfähigkeit eines Zeitungsartikels. Es geht aber immer auch um den Zusammenhang Zeitung, um die etwaige Schönheit einer einzelnen formvollendeten Feuilletonseite. Es war ein großer Moment des Feuilletonjahres 2010, als Rainald Goetz am 8. April bei Harald Schmidt saß und eine Seite des FAZ-Feuilletons hochhielt, links ein Hettche-Artikel, rechts ein Bild, und dazu die Worte sprach: »Ich finde, das schaut einfach super aus irgendwie.« (YouTube, bei Min. 1:25)

Es gab im letzten Jahr überraschende Coups wie den Plagiatstext von, ähm, Durs Grünbein in der FAZ (nur echt mit den doppelten Anfüh­rungszeichen) und den Recap des Bachmann-Wettlesens von Airen in der FAS. Überhaupt gab es viel Meta-Polterei zum Literatur- und Rezensionsbetrieb (z. B. Jörg Sundermeier in der »Jungle World«, Sibylle Lewitscharoff in der »Welt«, Arno Widmann in der FR, Martin Hielscher und Helmut Böttiger in der SZ). Und es gab ein sagenhaftes Nicht-Interview, das Johanna Adorján mit Reich-Ranicki geführt und das offenbar immer noch so viele Fans hat, dass einige von ihnen uns Mails schickten und verlangten vorschlugen, es in die Top Ten aufzunehmen.

Das war jetzt ein kurzer Rückblick nur auf die Literaturberichterstat­tung des letzten Jahres. Das Feuilleton, dieser »nicht enden wollende Gegenwartsroman mit all seinen literarischen Glanzpunkten und inhalt­lichen Schrecklichkeiten«, war natürlich viel reicher. In ein paar Stunden dann, wie gesagt, mehr.

Hier noch schnell unsere Backlist, die Preisträger der vergangenen Feuilletonjahre:

2005
*   2006   *
*       2007       *
*   2008   *
2009

Bis Dienstag im Morgengrauen,
Consortium Feuilletonorum Insaniaeque
 


Hulk. Smash. David. Smash. Citizen Kane.

Rom, 14. Juni 2008, 10:37 | von Dique

Zur Abwechslung mal den »Guardian«. Ob man den lesen darf verraten wir ein anderes Mal. Gerade im Palazzo Doria Pamphilj, und ich bin deutlich schneller fertig als San Andreas, denn der hat auf meine Empfehlung hin den Audio Guide genommen, welcher vom aktuellen Prinzen Jonathan Doria Pamphilj in exzellentem Englisch gesprochen wird. Da gibt es neben der angenehmen Stimme auch ein paar kleine Palazzofamilienanekdoten und damit hebt er sich ein bisschen vom üblichen Audio-Guide-Einheitsbrei ab.

Ich warte also im Buchladen der Galerie neben einer gelangweilt dreinschauenden Spanierin ohne Lesematerial und beschäftige mich mit dem »Guardian«-Kulturteil. Peter Bradshaw schreibt über die neuste Verfilmung des Hulk und für eine gute Kritik braucht man ja bekanntlich nicht zwangsläufig einen guten Film. Umgekehrt läuft es oft besser.

»Hulk. Smash!« Yes. Hulk. Smash. Yes. Smash. Big Hulk smash. Smash cars. Buildings. Army tanks. Hulk not just smash. Hulk also go rarrr! Then smash again. Smash important, obviously.

So geht der Text los, so geht er weiter und so kommt er zum brillanten Ende. Und ich frage mich, ob Peter Bradshaw vielleicht heimlich »Jungle World« liest. Im dortigen Heuteblog gab es Ende März einen Kurzreview von Maik Söhler zu »Gran Turismo 5«, welcher sich so anliest:

Brum, bruuuum, brm, brm, quieeetsch, schepper, bruuuuuum, brm, brm, bruuum, knack, bruuuum, quietsch, zosch. 5000 Credits. Neues Auto. Neue Strecke. Bruum, bruuuum, knack, schepper, bruuum, bruuuuum, brm, brm, zadong. Scheiß Kiesbett. Bruuum, bruuuuuum, brm, brm, endlich im Ziel.

Aber bleiben wir im Hulk-Text, denn der ist schon ein bisschen ausgereifter als die kleine Spaßattacke der Jungle World. Da werden zum Beispiel wichtige Analysen zur Physiognomie des Hulk geliefert:

Film co-written by star. Edward Norton. Norton in it. Norton write it. Norton not need gamma-radiation poisoning to get big head. Thing is: Hulk head weirdly small. Compared with rest of big green body. Hulk not scary. Hulk look like Shrek. Wait. Critic have … second thought. Hulk look like Shrek when Shrek turn handsome, in Shrek 2. Like Gordon Brown.

Und bei dieser Exegese über die Größe von Hulks Kopf denke ich an den David von Michelangelo, denn dessen Kopf halte ich für viel zu groß. Erst vor zwei Wochen stand ich mit San Andreas (dem Filmkritiker des Umblätterers, hehe) vor der riesigen Marmorstatue in der Galleria dell’Accademia und wunderte mich erneut über dessen großen Kopf und seine recht überdimensionierten Hände.

Tatsächlich fragte ich damals San Andreas, wieso es nach der Verfilmung von Ang Lee nun schon wieder einen »Hulk« im Kino gibt? Der Film von Ang Lee sei wohl zu kopflastig gewesen, heißt es. Deshalb waren die Fans enttäuscht, und deswegen gibt es jetzt wieder einen Hulk Classic. Yes. Hulk smash. Yes. Smash. Big Hulk smash. Natürlich konnte Bradshaw diesen Kontext nicht umgehen:

Critic remember Ang Lee version. Ang Lee version slagged off. Yet rubbish new Hulk film make that look like Citizen Kane. Critic exit cinema miffed. Film take away two hours of critic’s life. Critic not get time back. Ever. Rarrrrr.

Ein bisschen dankbarer könnte er allerdings sein, denn ohne den grünhäutigen Schotter hätten wir nicht diesen Lesespaß gehabt. Ich gebe den Text spontan an meine wartende Nachbarin weiter. This is so funny, read this, sage ich. Etwas zögerlich nimmt sie die Zeitung, starrt eine Weile auf den Text und sagt: »What mean ›smash‹?«


Darf man das lesen? (Teil 10: »Jungle World«)

Leipzig, 18. März 2008, 12:37 | von Paco

Ja. Und das kann man ruhig mal mit Vorsatz machen (2,90 Euro), nicht nur zufällig per Google-Suchtermen oder Buchmesse-Freiexemplaren. Aber bitte wirklich nur das Feuilleton, das seit kurzem übrigens wieder »Dschungel« heißt, und das ist doch mal eine treffliche Metapher.

Im letzten Jahr hat die Wochenzeitung ihr zehnjähriges Jubiläum gefeiert, und Ivo Bozic hatte damals mal schön aufgeschrieben, wie es dazu kam, dass es plötzlich die Jungle World gab. (Nach einem redaktionsinternen Streit beim alten FDJ-Tageblatt »junge Welt« wurde sie ursprünglich als Streikzeitung gegründet.) Zusammen mit der Tatsache, dass die Independentzeitung mehr als 30 Herausgeber hat, ist das doch der abgefahrenste Gründungsmythos seit dem One-Man-Relaunch der »Fackel« im Jahre 1912.

Immer empfehlenswert waren die Literaturkritiken von Jörg Sundermeier (exemplarisch sein Aufsatz über die Veränderungen auf dem Buchmarkt) sowie die populär-germanistischen Artikel von Jan Süselbeck.

Immer wieder gab es auch überraschende outgesourcte Texte, z. B. den von Dietmar Dath über die popkulturellen Implikationen des Analverkehrs oder das vorabgedruckte Grünbein-Kapitel aus Steffen Jacobs’ »Lyrik-TÜV«. Legendär ist auch die Tagebuch-Fortsetzungsreihe von Detlef Kuhlbrodt in 1, 2, 3, 4, 5 Teilen (Februar/März 2002), da kann man immer mal wieder reinlesen.

Eine Augenweide, aber das nur nebenbei, ist auch das cleane Design der Homepage jungle-world.com mit der schönsten Druckansicht aller Onlineauftritte deutschsprachiger Zeitungen.

Usw.


Die Vermeesung der Kunst

Leipzig, 22. Februar 2008, 06:02 | von Paco

Gabriel ist zurück. Der Überschriftenerfinder. Er war in den Fußstapfen von Harald Schmidt und Juan Moreno auf einer Weltreise, »um gewisse Studien zu vervollständigen«, wie er selber sagt. So habe er endlich den tieferen Zusammenhang (den es eigentlich nicht gibt) zwischen dem französischen ›c’est‹ und dem hebräischen ›זה‹ verstanden, die ja komischerweise intersprachlich eine ungefähre Homophonie bei ungefähr deckungsgleicher Semantik verbindet. Solche Erkenntnisse seien für einen Headliner Gold wert.

Anyway. Jetzt müsse er wieder ein bisschen Geld verdienen, daher kurz wieder Leipzig. Und sein neuestes Werk sei die Überschrift zu einem kritischen Artikel über Jonathan Meese und dessen Einfluss auf die Kunst und den Betrieb. Eine nicht näher genannte Hochleistungszeitung hatte angefragt. Den Namen des Artikelschreibers kenne er, wie immer, nicht. Und das hier sei also jetzt die Headline, an der er eine ganze Woche intensiv gearbeitet habe:

Die Vermeesung der Kunst

Gabriel hat dafür 3.500 Dollar eingestrichen, allegedly. Warum er in Dollar bezahlt wird für eine deutsche Überschrift, diese Frage fällt mir erst jetzt ein. Warum er so viel Geld für nur 4 Wörter bekommt, das frage ich dagegen nicht mehr. Von dieser Überschrift werden alle reden, mindestens eine Woche lang. Sie wird den Text, dem sie vorsteht, unerheblich machen.

Eine gute Feuilleton-Überschrift mache man nicht so nebenbei. Es gebe zwar auch in diesem Métier Anfängerglück, aber wenn die »Jungle World« für ihre Titelzeile mal eben den Layouter ein bisschen brainstormen lässt, das sei doch wohl so wie beim Schuster ein Walnussbrot kaufen: In seltenen Fällen hat der alte Schuhklopper vielleicht zufällig eins da, aber dann wird es sicher nach Schuhcreme und siechendem Leder riechen und nicht nach Walnuss und frisch gebackenem Teig.

Warum die »Vermeesungs«-Überschrift so gut ist, vielleicht die beste des Jahres, auf jeden Fall ihr Geld wert?

Sie lebt vor allem natürlich von der parodierenden Anspielung auf Daniel Kehlmann und seinen bestsellerischen Gauß/Humboldt-Roman »Die Vermessung der Welt«. Eine derartige klangbasierte Parodie könne aber jeder verbrechen, so Gabriel. Wenn sie dann aussagemäßig nicht zum parodierten Gegenstand passe, bleibe sie aber ein Kalauer, »das schlimmste Verbrechen der Semantik«. So sei es übrigens bei den meisten Überschriften, dadurch werde jede Langzeitwirkung zerstört.

Gabriel rechnet die Wirkung von Überschriften ja immer aus, ich weiß aber immer noch nicht, was genau er damit meint.

Seine »Vermeesung« werde wie alle Hit-Überschriften erst durch all die Nebeneffekte wirklich tiefgängig. Allein die Ersetzung der ›Welt‹ durch die ›Kunst‹ sei ein Volltreffer. Dann gebe es noch solche Faktoren wie den, dass ›Meese‹ und ›-mess-‹ auch an das griechische ›μέσος‹ (›mesos‹) erinnern, zu dt. ›mittig‹, ›Mittel-‹. Es ruft also den Terminus Meso-Mäßigkeit auf den Plan, so wie einige Leute ›Meso-Amerika‹ für ›Mittelamerika‹ sagen. Die Assoziation ›Meese-Mäßigkeit‹ stelle sich dann schnell ein, und diese Hervorhebung der Vermittelmäßigkeitung (whoa!) sei auch genau die von der Zeitung nachgefragte Tendenz des Artikels, den ja irgendein Kunsthistoriker bzw. Kunstkritiker schreibt bzw. schreiben wird.

Freilich entspräche das Meso-Wort letztlich eher dieser explodierend-bunten »Spiegel Online«-Wortspiel-Ästhetik. Aber eben nicht nur. Und ob die Meso-Anspielung überhaupt gleich jemand mitbekomme, das sei nicht die Frage. Über eine gute Überschrift könne man eben länger nachdenken als über ganze Celan-Gedichtbände. Und die Meso-Mäßigkeit bestimmter Kunstwerke und einer bestimmten Künstlergeneration werde ja eh vom Artikelschreiber thematisch bespielt, insofern gebe es da kein verschossenes Pulver.

Eine gute Feuilleton-Überschrift, sagt Gabriel, muss den kompletten dazugehörigen Artikel ersetzen können. Sie muss der Artikel sein. Und das schafft diese Headline, hier also noch mal der sozusagen komplette Artikel zu Jonathan Meese, seiner Kunst und deren Einfluss auf all die mediokren Strömungen im kontemporären Kunstbetrieb:

Die Vermeesung der Kunst


Ein Meisterwerk der Überschriftenkunst

Leipzig, 21. August 2007, 15:20 | von Paco

Im »ZEITmagazin LEBEN« vom letzten Donnerstag gab es eine Seite über die offiziellen Slogans der Bundesländer. Der berüchtigte Baden-Württemberg-Slogan war natürlich auch mit dabei:

»Wir können alles. Außer Hochdeutsch.«

Die »Zeit«-Leute kommentierten: »Den Spruch dachte sich die Agentur Scholz & Friends aus und bot ihn zunächst Sachsen an, das ihn nicht wollte«. So weit, so anekdotig und so lustig. Der Slogan erinnerte mich aber an eine andere Sache:

In den internen Release Charts der Headliner-Szene war in diesem Jahr eine Überschrift besonders lange oben. Die stammte aus der »taz«, was ab und zu vorkommt, denn für die »tageszeitung« arbeiten die Pro-Headlinerz von morgen.

Trotzdem war Gabriel in – für seine Verhältnisse – heller Aufregung, als er in der Ausgabe vom 16. April den genialen Titel zu dem Aufmacher las, der von Oettingers fehlgriffiger Filbinger-Rede berichtete:

»Ich kann alles. Außer Geschichte«

Gabriel fiel der sprichwörtliche Döner aus der Hand. Ein Meisterwerk sei das. Das sehe nicht nach Redaktionsarbeit aus.

Ich sage bei solchen Feststellungen zwar immer: Da kann doch jeder mal drauf kommen, da kann doch mal ein Kreativblitz in die unterbesetzte Redaktion reinsegeln usw.

Aber Gabi entgegnet dann, dass das nicht geht, dass man sowas nicht zufällig hinbekommt, dass eine gut gemachte Überschrift aus mehr besteht als aus einer Haha-Pointe, dass sie vielschichtig ist, dass sie mehr sagt, als der Artikel darunter und den Artikel im Prinzip überflüssig macht usw. usw.

In der Jubiläumsausgabe der »Jungle World« neulich hat Thomas Blum davon erzählt, wie in der dortigen Redaktion die Titel-Schlagzeilen entstehen, nämlich beim haltlosen Brainstormen mit dem Layouter (Gabriel kopfschüttelnd: »Mit dem Layouter!«).

Blum konzediert dann, dass sie auf diese Art und Weise »hie und da auch übers Ziel hinaus … hmm … geschossen« seien, und das sei auch kein Wunder, meinte Gabi: »So arbeitet man nicht.«

Wenigstens lachte er danach ein wenig, und ich weiß auch, dass er die neue »Jungle World« immer am Ersterscheinungstag durchsieht, wohl irgendwie fasziniert von den Kraut-und-Rüben-Betitelungen der Dschungelkrieger.


Wozu ist man Dichter

Leipzig, 8. Juni 2007, 20:53 | von Paco

Sehr gut! Die »Jungle World« hat gestern im Dossier das Grünbein-Kapitel aus Steffen Jacobs‘ »Lyrik-TÜV« abgedruckt:

»Der Götterliebling. Durs Grünbein gilt als bedeutendster deutschsprachiger Dichter. Prüft man jedoch seine Lyrik, kommt man zu einem anderen Ergebnis: pubertäre Sprachklingeleien, Bildungshuberei, verknäulte Syntax, geschwollene Rede.«

Ein sicherer Kandidat für die 2007er Liste. Ein langer Text, der überraschenderweise mit einigen Zitaten aus Amazon-Leserrezensionen beginnt (freilich ein allzu leichtes Opfer für Kritik, aber eben auch ein Quell steter Freude, insofern okay), bevor mit schlagenden Beispielen Grünbeins Poetik recht schön zerlegt wird.

Als ich bei Gabriel vor Jahren eines der in »Sinn und Form« abgedruckten Gedichte aus »Nach den Satiren« entdeckte, fand ich die historisierende Emphase noch ziemlich interessant: »Beim Schlachten im Zirkus, wenn die Hirnschalen krachten,« usw. Warum dieser erste Eindruck aber schnell enttäuscht wurde, beschreibt Steffen Jacobs anlässlich einiger Zeilen des Gedichts »Club of Rome«:

»Erneut setzt Grünbein auf das einverständige Kopfnicken humanistisch vorgebildeter Menschen, denen ein paar nostalgische Reminiszenzen wichtiger sind als ein eigenständiger Gedanke. Auch sonst stört, dass den Dingen immer die nächstbeste Bildungsassoziation angeheftet wird, so als säße man im Auffrischungskurs ›Römische Geschichte I‹. Wo die Alpen sogleich an Hannibals Elefanten denken lassen, stellt sich zu Rom unweigerlich die Katakomben-Assoziation ein.«

Das ist doch mal schön festgestellt. Ebenso gut trifft es Helmut Kraussers Anekdote mit der Gedichtmappe, die Grünbein angeblich bei Lesungen dabei hat und auf der in güldenen Lettern stehen soll: »Unveröffentlichtes«.

Das derzeitige allgemeine Unbehagen an Poesie hat sicher auch mit der Stellung von Grünbein zu tun, dem von Gustav Seibt gekürten »Götterliebling« (hehe). Zu welchen Effekten diese Zuschreibung beim Dichter selbst geführt hat, lässt sich schön an einer der komischsten Stellen der Gegenwartsliteratur zeigen. Zitat aus Grünbeins Tagebuch »Das erste Jahr. Berliner Aufzeichnungen«. Es geht um die Geburt seiner Tochter:

»Unvergeßlich der Augenblick, als im geöffneten Muttermund sich ein erster Ausschnitt des kleinen Schädels zeigte, mein Frohlocken beim Anblick des dunklen Kopfhaars, fein gesträhnt wie auf den Bildern des Botticelli.« (S. 131)

Legendär ist die Bestürzung von Hellmuth Karasek über diese Passage (in der letzten LQ-Sendung am 14. 12. 2001). Botticelli. Des Botticelli. Darunter macht es Grünbein nicht mehr.

»Wozu ist man Dichter«, stellte Iris Radisch damals belustigt fest.