Curb Your Enthusiasm: 7. Staffel, 2. Folge

Paris, 28. September 2009, 12:08 | von Paco

»Vehicular Fellatio«
(27. 9. 2009 · HBO)

»Curb« goes Slapstick. Am Anfang der Folge 7.02 brüllt LD beinahe zwei Minuten lang Zivilisationshass aus sich heraus, während er versucht, ein in Plastik verschweißtes Navi auszupacken. Auch sonst war die gestrige Folge vollgepackt mit Mythen des Alltags und wieder astrein, ohne lose Enden und trotzdem mit überraschenden Volten durcherzählt.

Das Problem mit den schwer zu öffnenden Plastikverpackungen liefert auch die Schlusspointe, denn das »X-Acto«-Messer, so eine skalpell­artige Heimwerkerklinge, die Larry zum Öffnen der Navi-Verpackung gekauft hat, ist selbst ebenfalls so unzugänglich eingeschweißt. Die Zeit zwischen Anfangs- und Schlussbild wird gefüllt mit Szenen um das Hauptthema »blowjobs in cars« (Larry: »Wow, how gentile!«).

Nebenbei wird noch Loretta endlich aus dem Haus getrieben, und zwar so: Larry sieht ein Interview mit der Ärztin Dr. Karen Trundle, Autorin von »Walking out on Cancer«, die Krebspatienten generell empfiehlt, ggf. ihre(n) »toxic spouse« zu verlassen. Larry erkennt sich wieder als impatient, obnoxious, petty, argumentative und obsessed over meaning­less details at the expense of a harmonious relationship. Nach einer nie­derschmetternden Erkenntnis in der vorhergehenden Folge (»You can’t break up with somebody who got cancer.«), schöpft er Hoffnung vereinbart einen Termin bei der Ärztin.

Das Paargespräch ist dann wieder ein Musterbeispiel an spätem Dadaismus (Larry ergeht sich in Pferdeschnaufen, einem Reklamesong, überhaupt assoziativen Äußerungen jeder Art). Er dreht also völlig frei, um dem toxischen Ehemann zu entsprechen, dem man laut Wunder­ärztin sofort verlassen soll.

Letztlich kommt es zwar anders als gedacht, aber Loretta samt Familie (außer Leon) ist erst mal weg. Das ist auch gut, denn außer dauernd »LD« zu sagen hatte Loretta in der neuen Staffel nicht viel zu tun. Diese Figur wurde da ein bisschen verschenkt, denn dass Loretta am Ende von Staffel 6 mal so richtig Susie in Grund und Boden geschrien hat, ließ auf mehr solche Catfights hoffen.

Ansonsten taucht auch Richard Lewis mit seiner raumgreifenden Gestik in dieser Folge wieder auf. Er hat auch wieder ein neues endgültiges Girlfriend dabei und wieder vermasselt LD mittelbar diese »most special relationship«.

Nicht nur als Storyscharnier fungiert eine zweieinhalbminütige Begegnung im Wartezimmer der Ärztin. Irgendein früherer Nachbar spricht Larry dort an, es kommt larry-untypisch sogar zu einer Umarmung. Der Nachbar hat um den Hals eine Sonnenbrille hängen, der während dem »super strong hug« die Gläser herausfallen, und Larry soll diese bezahlen. Während der anschließenden Diskussion grinst LD ein bisschen zu sehr, er kann den Spaß am Dialog nicht gut verstecken, na ja.

Unmittelbar vor der oben erwähnten Schlusspointe mit dem eingeschweißten Zuschneidemesser wird dann noch die Frage beantwortet: Does a blowjob in the car (while driving) affect the driving? Susie & Jeff sind jedenfalls mit dem Auto eine Böschung hinabgesegelt.

Wie auch immer, Lorettas Abgang macht den Weg frei für eine doppelte Reunion, zum einen die von Larry und Cheryl, zum anderen, nach elfeinhalb Jahren, die von Larry und den »Seinfeld«-Leuten. Ganz sicher keine Reunion um der Reunion willen für die gealterten Fans irgendeiner Show, sondern ein Story Arch sui generis. Nächsten Sonntag.

Der Umblätterer über andere »Curb«-Episoden:
Season 6: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10
Season 7: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10

Opéra de Paris

Paris, 25. September 2009, 09:37 | von Niwoabyl

Was man so vom Einstand des neuen Pariser Operndirektors Nicolas Joel hört, ist ja putzig, diese provenzalische (vulgo: provinzielle) »Mireille« im Palais Garnier, gute Güte! Das Bühnenbild soll auch eher an die breiten Kornfelder der Beauce erinnern als an die Provence, aber Hauptsache Provinz, hehe.

Beauce

Nicolas Joel ist ungefähr das Schlimmste, was der Pariser Oper pas­sieren konnte. Und dazu nach Gérard Mortier. Uuuuuh. Als ich kurz etwas zu der »Mireille« lesen wollte, habe ich einfach »mireille garnier« gegoogelt (es gab übrigens kaum eine wirkliche Mireille Garnier, ent­täuschend) und fand einen Verriss auf lemonde.fr. Und las: »On ne sache pas que Nicolas Joel …« – So! Für »Le Monde« schreiben Typen, die denken, tja, ein Konjunktiv in einem Hauptsatz sei mal wirklich wieder gut. Sie haben solche Regisseure verdient.

(Bildausschnitt: Wikimedia Commons)

Kaffeehaus des Monats (Teil 47)

sine loco, 24. September 2009, 22:29 | von Paco

Wenn du mal richtig Zeitung lesen willst:

Glacier Sanchez, Saint-Malo

Saint-Malo
Der Glacier Sanchez in der Rue de la Vieille Boucherie.

(Wer nach dem Zeitungskauf unentschlossen vor dem Maison de la Presse steht: Gleich gegenüber hat sich der Glacier Sanchez niedergelassen. Unbedingt den SUPER SANCHEZ kosten. Eine Einheit dieses Spezialangebotes besteht aus mehreren Kilogramm Eis, Crème Chantilly usw. und hat ungefähr genau denselben Nährwert wie ein ganzes Wildschwein, es ist also kein Zufall, dass der Eispalast sich in der Straße zur alten Metzgerei befindet. Man sollte die gekauften Zeitungen und Zeitschriften vorher lesen, denn nach dem Verzehr des SUPER SANCHEZ wird dafür keine Kraft mehr übrig sein.)
 

Curb Your Enthusiasm: 7. Staffel, 1. Folge

Paris, 23. September 2009, 01:14 | von Paco

»Funkhouser’s Crazy Sister«
(20. 9. 2009 · HBO)

Bisschen viel auf einmal: Viel zu viel Geschrei, und zwar bei jeder einzelnen Begegnung. Viel zu viele Regeldiskussionen gleich in den ersten zehn Minuten:

  • Bei welcher Temperatur soll man schlafen? (68, 75, 82 Grad Fahrenheit?)
  • Darf man sich von jemandem trennen, dem eventuell Krebs diagnostiziert wird?
  • Nur jede dreißigste Aprikose ist ›good‹.
  • Darf man nach einer Einladung den Gastgeber fragen, wer sonst noch zu der Party kommt?
  • Gelten Fische im Aquarium als Haustiere?
  • Darf man in einem fremden Haus einfach so an den Kühlschrank gehen?

Die korrekte Einhaltung einer Konvention (»y’know, if there’s anything I can do, you let me know«) brockt Larry dann sofort die Pflicht ein, Funkhousers Schwester Bam Bam mit einem Besuch auf andere Gedanken zu bringen. Sie ist gerade aus der Psychiatrie entlassen worden und immer noch ziemlich gaga.

Der dicke Jeff begleitet Larry und nutzt dann, als Larry kurz das Zimmer verlässt, die Lage aus, um sich unter ziemlichem Geschnaufe mit der meschuggenen Bam Bam zu vergnügen (»Fuck me, fat boy!«). Das ist erst mal etwas unglaubwürdig, weil Jeff normalerweise totale Bewe­gungslethargie ausstrahlt. Aber so wird das »empty gestures«-Thema noch einmal aufgegriffen. Nachdem die Funkhouser-Schwester nämlich kundgetan hat, dass sie sich langweile, hat Jeff so dahingesagt: »If there’s anything I can do …«. Larry, als er das erfährt:

»Jeeesus, you can’t make an empty gesture to a Funkhouser, he’ll take you up on it.«

Wie so oft steht im Mittelpunkt der Folge eine Dinnerparty, diesmal zu Hause bei Susan & Jeff. Durch Susans Schweigegelübde, was die Präsenz der weiteren Gäste angeht, kommt es zu einer explosiven Gästemischung, zu der dann auch Funkhouser und Bam Bam gehören. Die Szene zu Tisch ist gestisch sehr unterhaltsam, weil Jeff widerwillig die anzüglichen Signale von Bam Bam erwidert.

Leider platzt Bam Bam sehr bald mit ihrem Jeff-Abenteuer heraus, aber zum Glück für Jeff wird sie von allen für wahnsinnig gehalten. Leider müsste Bam Bam später zusammen mit Larry auch die Flucht eines Diebes bezeugen, der seit Tagen in der Nachbarschaft sein Unwesen treibt. Funkhouser hält sie jedoch wegen ihrer angeblichen Unzurechnungsfähigkeit davon ab.

Während Larry durch das Hin & Her aufgehalten wird, wandert der Doktor ins Haus, um Loretta die Ergebnisse der Biopsie zu bringen. Larrys ultimativer Untergang, denn sie erfährt nun, dass sie Krebs hat, bevor er mit ihr Schluss machen kann. »You can’t break up with somebody who got cancer«, hat Jeff vorher definiert (im Trainings­anzug vor dem zu reparierenden Fahrrad seiner Tochter sitzend: schönes Bild).

Die Blacks wohnen also immer noch in Larrys Haus, und das Familien-Happy-End der Vorgängerstaffel ist erwartungsgemäß umgeschlagen in Frust. Loretta kommandiert ihn, Auntie Rae spricht mit den Nachbarn, die Kinder löschen Larrys TiVo-Shows. Die Alternative scheint auf, als Larry zufällig auf Cheryl trifft (und auf Wanda, die Larry als »brotha« begrüßt, hehe). Die getrennten Eheleute schwelgen ein wenig, und Cheryl lässt ihn wissen, dass ihr Hauptproblem sein ständiges Zu-Hause-Sein war. Damals mit »Seinfeld« sei er schön außer Haus gewesen usw., und damit kündigt sich dann fast mit dem Holzhammer die bevorstehende Seinfeld-Reunion an.

Und noch nebenbei, der windige Arzt in dieser Folge ist wieder so ein typisch kafkaesker Arzt-Charakter, wie er in »Curb« öfters vorkommt. Die »Curb«-Ärzte sind immer irgendwie undurchsichtig und ablehnend. Sie gehen nie befriedigend auf Larrys Fragen ein und brummen ihm die schlimmsten Strafen auf, in dieser Folge eben quasi den Befehl, sich die nächsten vier Jahre intensiv um Loretta zu kümmern. »Aber ich kann doch mal Golf spielen gehen, oder?« – »Absolutely not, I don’t imagine you have time for that.« – »Once a week?« – »No times a week! You won’t have enough time for that!« – »What? Nine holes?« – »Zero holes, Mr. David! This is serious!« Usw.

Der Umblätterer über andere »Curb«-Episoden:
Season 6: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10
Season 7: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10

»24h Berlin« – Logdatei

Paris, 21. September 2009, 13:15 | von Paco

»24h Berlin«, gedreht am 5. September 2008, zwischen 6 Uhr früh und 6 Uhr früh (Umbl berichtete). Gesendet genau ein Jahr danach (ARTE, rbb). Das nicht hineingeschnittene Material der 80 Kamera­teams, über 700 Stunden, geht an die Deutsche Kinemathek. Insge­samt ein leicht größenwahnsinniges, am Ende trotzdem irgendwie gelungenes Projekt, das in 80 Jahren sicher KultTM sein wird, so wie heute der Amateurfilm »Menschen am Sonntag«.

Ein allerdings schlimmes Makel dieser 24 Filmstunden sind die seifigen Off-Texte, die manchmal schwer auszuhalten sind. Wer spricht da, wer klotzt da seine ewigen Weisheiten raus? Die Texte sind ein sehr oft missglückter Mix aus Lexikonbrei, ambitionierter Lakonie, T-Shirt-Parole, steriler Pointe und einer Prise »leider kein Einzelfall«. Beispiele folgen in den hier geloggten Passagen:

Guttenberg nach dem Interview über die McCain-Nominierung: »Hat der Starbucks schon offen, ey!« (6:12)

Thomas de Maizière (am Telefon): »Und Afghanistan-Konzept is okay?« (7:39)

Information zur halben Stunde: Jeden Tag sterben in Berlin 84 Menschen (9:30).

Daniel Barenboim mit einer Havanna im Auto auf dem Weg zur Staatsoper, zitiert Churchill über den Sport (10:02).

Ständig taucht Oliver Gehrs in den Zwischentiteln auf, ein Porträt mit Motorradhelm, er wird aber leider nicht als Protagonist gefeaturt.

Werner Sonne bereitet im ARD-Hauptstadtstudio einen Nachruf auf Helmut Schmidt vor, 10:43.

Diese ewige Infodrescherei: In Berlin leben 3,4 Mio. Menschen bei 6 Mio. Ratten (11:00).

Der France-2-Korrespondent versucht Erich/Eric/Erisch (Honecker) richtig auszusprechen (11:14), er will sich dessen Atombunker ansehen, der demnächst versiegelt wird.

Die Kammerjäger stoßen bei der Suche nach einem Geruchsherd auf einen Erhängten im Heizungsraum, kurzer Schreck um 12:06.

Off-Text zum Weghören: »Über Berlin kamen der Döner Kebab und die Currywurst nach Deutschland. Wie jedes Nahrungsmittel werden sie zu Brei zerkaut und wandern durch die Speiseröhre hinab in den Magen.« (12:37)

»Im wuuunderschööönen Monat Maiii, …« – Barenboim am Piano, Villazón singt, 13:35.

Off-Text: »Im Zug finden über 300 Menschen Platz. Jeder von ihnen ist zusammengesetzt aus 65 Prozent Sauerstoff, 18 Prozent Kohlenstoff, 10 Prozent Wasserstoff, 3 Prozent Stickstoff, 1,5 Prozent Kalzium und einem Prozent Phosphor. Über den Sitz der Seele und ihre Zusammensetzung ist nichts bekannt.« (14:23) Äh, aha?

Leslie Bomba im Callcenter, zum x-ten Mal: »Ham‘ Sie schon mal über ’ne Zahnzusatzversicherung nachgedacht?« (15:36)

Beim Schamanen (16:33): »Element Erde im Norden, ich bitte dich um Unterstützung bei dieser Reinigung.« – »Die Ausbildung zum Schamanen kostete ihn 250 Euro im Monat.« (16:44)

Galerie Eigen+Art, 16:56, neue Werke von Uwe Kowski werden ausgestellt.

18:22 beim Holocaust-Denkmal, 18:24 Speed Dating in Charlottenburg, 18:30 landet in Tegel »das erste Flugzeug direkt aus Peking«, 18:59 Abendgebet des heroinsüchtigen Mario Krüger.

Raunender Off-Text, anlässlich der Ruinen des Palastes der Republik: »Geschichte steht nicht still. Sie ist ein blutiges Spiel. Wem sie einst wohlgesonnen war, den lässt sie heute fallen.« (20:08) Tendenziell ein T-Shirt-Text ambitionierter Abiturienten.

Weitere Off-Text-Banalität: »Die Presse berichtet über den amerikanischen Wahlkampf. John McCain oder Barack Obama. Beide hoffen auf den Sieg, aber nur einer wird gewinnen.«

Sehr geil, wie die Callcenterin Leslia Bomba erzählt, dass sie mal 5 Stunden mit ihrem Freund (genau:) telefoniert hat, bis er dann endlich ihr Freund wurde (21:24).

Regionalzeitungsprosa aus dem Off: »21:36 Uhr, in 24 Minuten wird das Pergamonmuseum geschlossen, dann geht das Licht aus über den Schätzen des Altertums.«

Die Galerie Eigen+Art schließt (21:45), alle gehen essen.

Um 21:59 kommt endlich heraus, warum der Tegel-Protagonist lebenslänglich einsitzt: Er hat eine Bekannte erwürgt (die Herauszögerung dieser Info über mehrere Stunden ist eines der wenigen dramaturgischen Elemente).

Die Sufis im Wedding schaukeln sich in Trance, 22:58. Gloria Viagra ist fast fertig verwandelt für seinen Auftritt, 22:59. »Jeder siebte Berliner ist dem gleichen Geschlecht zugeneigt.« (23:35) Der Taxifahrer nimmt einen Bundeswehrkoch mit, 00:10. Aus dem Off wird Goethes »Ein Gleiches« zitiert, um 00:23, warum auch immer, irgendwelches Vanitas-Zeugs halt, darauf ist ja das ganze Projekt getrimmt.

Paul van Dyk spricht über Sushi, 00:42. PvD viel angenehmer, sympathischer, klüger als Ricardo Villalobos.

Um 01:00 ein Spezial von Rosa von Praunheim, bis 01:06. Prank Call bei der Telefonseelsorgerin, 02:11. Ali Haydar und seine Kumpels streichen schon die Segel, um 3 ist er zu Hause. Ziemliche Material-Durststrecke, minutenlange Schreie aus einem Geburtszimmer, langatmige Straßenszenen.

Um 05:42 wird es schon wieder hell. Eigen+Art-Lybke nimmt um 05:49 den Zug zurück nach Leipzig.

In der letzten Stunde werden sonst vor allem die ausführlichen Credits gebracht, dürfte einer der längsten Abspänne der Filmgeschichte sein, also wenigstens noch ein Superlativ.

(Alle hier weggelassenen Sachen stehen in der Kritik von Christiane Peitz, Tagesspiegel vom 2. 9. 2009.)

Kaffeehaus des Monats (Teil 46)

sine loco, 20. September 2009, 10:50 | von Dique

Wenn du mal richtig Zeitung lesen willst:

Bar Antille, Neapel (streng anti-touristisches Fotoshooting)

Neapel
Die Bar Antille in der Via Agostino Depretis.

(Die Pizzeria Da Michele gibt es schon seit 1870 und man bekommt dort nur zwei Sorten Pizza, Margherita und Marinara. Der Laden ist bekannt wie ein bunter Hund, aber die Pizza ist es wert, dafür eine Nummer zu ziehen und wie ein Depp mit all den anderen Japanern auf der Straße zu warten, bis in dem klinisch hell beleuchteten und furchtbar schlecht eingerichteten Laden ein Platz frei wird. Die Bar Antille ist nur einen kleinen Fußweg entfernt, und hier darf man endlich wieder Mensch sein. Außer einem Amtsblattäquivalent gibt es aber keinen Lesestoff, Zeitung bitte selber mitbringen.)
 

Die 10 besten US-Serien 2008/09, Platz 1:
Dexter (3. Staffel, Showtime)

Paris, 18. September 2009, 12:23 | von Paco

(Übersicht: Alle 10 besprochenen Serien. – Vorwort: Besuch im Serienland.)

»Life is good«, sagt Dexter am Anfang der Staffel. Doch dann verstößt der selbsternannte Serienkiller im Geiste Robin Hoods gegen seine Regel, nur unverbesserliche Mörder aus dem Weg zu räumen. In Notwehr tötet er statt seines eigentlichen Ziels jemand anderen und versucht das hilflos vor sich selbst zu rechtfertigen: »He’s gotta be guilty of something. Aren’t we all?«

Sein versehentliches Opfer war Oscar Prado, der jüngere Bruder des prominenten Bezirksstaatsanwalts Miguel Prado, in dem Dexter delikaterweise einen Gleichgesinnten findet. Zum Glück für Dexter hält Miguel einen anderen für den Mörder seines Bruders, und dass Dexter diesen Anderen auch gleich killt, zieht Miguel auf seine Seite, der augenscheinlich Geschmack an gerechten Morden findet. Er darf sogar bei einer der nächsten Tötungszeremonien dabei sein, und als der von ihnen gerichtete Missetäter fragt: »Who are you?«, antwortet er theatralisch: »We’re justice.«

Bald aber geht der neue Abmurkspartner zu weit. Er will eine Anwältin töten, die sich auch für Schuldige einsetzt und sie erfolgreich verteidigt und daher Miguels klinischem Gerechtigkeitssinn ein Dorn im Auge ist. Er schreitet dann auch wirklich zur Tat, verstößt also gegen Dexters Restmoralkodex und bringt ihn dadurch gegen sich auf.

Als Racheengel ist Dexter endlich wieder in seinem Element: »Today I feel something real.« Ab Folge 9 ist dann auch klar, dass Dexters neuer Busenfreund Miguel selbst dran glauben wird. Das Finale, das Taktieren beider Kontrahenten, ist dann das spannendste der gesamten Seriensaison.

Ansonsten wurde wieder diese verlockend morbide Florida-Farbigkeit in Szene gesetzt, die wie eh und je bereits mit diesem Hochglanz-Intro beginnt, in dem wir Dexter so überästhetisiert Fleisch braten sehen, und das wirkt immer noch so schauerlich wie in der ersten Staffel. Zu den Makabritäten der 3. Staffel gehören die erwachenden Vater- und Familiengefühle unseres Lieblings-Serienmörders. Rita ist schwanger, und in dieser Situation schafft es das kalte Stück Fleisch namens Dexter sogar, ihr einen Antrag zu machen, bei dem er alle proposing-Klischees amerikanischer Schnulzenfilme abruft, was am Ende her­vorragend komisch ist (»My life has always felt like an unanswered question …«, Folge 4).

Um zum Schluss noch einen Kommentator vom letzten Jahr zu zitieren, denn Recht hat er: »Kaum eine Serie (ever!) hat so viel Atmosphäre, ein so heikles Thema und schafft es absolut nichts falsch zu machen.«

Die 10 besten US-Serien 2008/09, Platz 2:
Lost (5. Staffel, ABC)

Paris, 17. September 2009, 14:15 | von Paco

(Übersicht: Alle 10 besprochenen Serien. – Vorwort: Besuch im Serienland.)

Die 17 Folgen der insgesamt vorletzten Staffel von »Lost« haben wir hier schon umständlich und langatmig auseinandergelegt (1+2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12, 13, 14, 15, 16+17). Noch mal in Kurzform:

Das Unvermeidliche ist geschehen: Es wird ein bisschen viel Hardcore-SciFi-Zeitreise-Erklärungskram nachgeschoben, um die Insel-Ereignisse zu plausibilisieren. Das ändert die Serie doch sehr, und in späteren Jahren wird man die 6 Lost-Staffeln sicher als Diptychon ansehen: die ersten 3 Staffeln als TV-Erzähl-Revolution mit den legendären Flash­backs, die letzten 3 Staffeln als zusammengestückeltes SciFi-Brimborium.

Die 5. Staffel leistet sich zwei hauptsächliche Erzählstränge, von denen einer in der Gegenwart, der andere in den Siebzigerjahren spielt. Die Oceanic Six gelangen auf die Insel zurück, werden aber durch grelle Flashs eine Weile durch die Zeit gebeamt, bis einige von ihnen in den 70ern festhängen und ein Teil der OthersDharma Initiative werden.

Insgesamt greift das Drehbuch oft auf bewährte Muster zurück, die wichtigsten »Lost«-Themen werden wieder glänzend inszeniert, zum Beispiel die stetigen Umbildungen der einzelnen Gruppen, bei denen die Freund/Feind-Entscheidungen immer wieder neu getroffen werden. Ein weiteres klassisches Thema, der plötzliche Machtverlust einzelner Figuren, wird am Beispiel Ben so stark ausexerziert, dass der ehema­lige Kopf der Others fast unkenntlich wird und stark an Interessantheit einbüßt. Sein Tiefpunkt ist sicher die Szene in Folge 12, in der er dem Black Smoke Monster gegenübertritt. Er verliert dabei all seine allego­rischen Qualitäten, er steht da wie ein kleiner Versageridiot, der Abbitte bei einem Bündel Rauch leistet.

Bens Macht und seine Stellung als Others-Boss gehen über an einen wiederauferstandenen Locke, der aber andererseits gleichzeitig auch noch tot im Sarg liegt. Vieles ist noch unerklärt, aber wenigstens ha­ben wir jetzt mal die vierzehige Riesenstatue im unzerstörten Zustand gesehen. In der finalen Doppelfolge taucht zudem endlich der leib­haftige Jacob (sprich: Dschejkäpp) auf, wird aber sofort Opfer eines offenbar jahrtausendealten Machtkampfs. Damit stößt das Drehbuch in ganz neue Dimensionen vor, die einen mystischen Overhead produ­zieren, der eine hanebüchene Schlussstaffel ankündigen könnte. Könnte!

Die 10 besten US-Serien 2008/09, Platz 3:
Breaking Bad (2. Staffel, amc)

Paris, 16. September 2009, 12:09 | von Paco

(Übersicht: Alle 10 besprochenen Serien. – Vorwort: Besuch im Serienland.)

Die ausgedehnten Aufnahmen des provinziellen New Mexico sind das Gegenprogramm zu den Hochglanzactionserien, die an East oder West Coast spielen. Schon die Eröffnungssequenz jeder Folge strahlt eine beispiellose erzählerische Gelassenheit aus. Meist ruht die Kamera auf einem menschenleeren Setting, wir sehen die schimmernde Wüsten­sonne im Outback um Albuquerque oder einen Swimmingpool, mit irgendeinem irritierenden Detail, ein paar Patronenhülsen, einem auf der Stelle hüpfenden Lowrider oder einem auf der Wasseroberfläche schwimmenden Plüschteddy. Und dann wird eine Folge lang ganz ruhig erzählt, wie es dazu kam.

Bisher war es immer recht entzückend, einem Chemielehrer dabei zuzusehen, wie er versucht kriminell zu werden. Die Parteinahme für einen lungenkrebskranken Vater, der Vorsorge für seine Familie treffen will, fiel in der 1. Staffel nicht schwer. Doch in der Folgestaffel lädt sich Walt nun eine geballte Ladung echte Schuld auf.

Zunächst wird ihm und seinem Ex-Schüler und Komplizen Jesse noch die Aufgabe abgenommen, ihren Gegenspieler Tuco aus dem Weg zu räumen. Das übernimmt Walts Schwager Hank, der unangenehm prollige Drogenpolizist, der immerhin durch Panikattacken von seinem allzu gefeierten Abschuss des Großdealers eingeholt wird.

Tuco war Walts und Jesses Absatzgarantie, und da er nicht mehr da ist, müssen sie nun selbst Tuco sein. Jessie spannt seine Slacker-Freunde ein und muss so den Tod von einem von ihnen verantworten (Folge 11 – der Mörder: ein zu Dealer-Konkurrenten gehörendes Kind auf einem BMX-Rad, »The Wire« lässt grüßen).

Eine herausragende Einzelszene gab es am Anfang von Folge 8, eine fünf Minuten lang herausgezögerte Festnahme, bei der ein Undercover-Polizist einen Freund Jesses schließlich dazu überredet, ihm Crystal Meth zu verkaufen. In derselben Folge kommt auch Saul hinzu, ein Hallodri-Anwalt, der den Festgenommenen wieder herausboxt, dafür aber sein Stück vom Drugbiz-Kuchen haben will.

Wenigstens scheint sich das hohe Risiko diesmal auch bezahlt zu machen: Walt kann für über $1.2 Mio. Crystal verkaufen. Als ihn Jesses neue Freundin jedoch erpressen will, weiß er auf die Schnelle nicht, was er machen soll. Als Cliffhanger von Folge 12 sieht er, wie die Kleine nach einem Drogenrausch an ihrer eigenen Kotze erstickt. Wird er ihr helfen? In der Finalfolge erfahren wir, dass er das nicht getan hat. Ein erzählerischer Stoß vor den Kopf, denn aus dem niedlichen Chemielehrer ist der Mörder an einem Teenager geworden.

Gleichzeitig setzt Walt damit einen gekonnt spartanisch auserzählten Schmetterlingseffekt in Gang, denn der Vater der Toten, ein Fluglotse, begeht in seiner Trauer einen Fehler, der zum Zusammenstoß zweier Flugzeuge führt.

Die 10 besten US-Serien 2008/09, Platz 4:
Desperate Housewives (5. Staffel, ABC)

Paris, 15. September 2009, 12:03 | von Paco

(Übersicht: Alle 10 besprochenen Serien. – Vorwort: Besuch im Serienland.)

Der Sprung in eine fünf Jahre spätere Zukunft war der Clou des Finales von Staffel 4. Durch den umfassenden Relaunch wird nun vor allem das Happy End der Susan-&-Mike-Geschichte wieder aufgehoben, um erzählerischem Stillstand vorzubeugen. Ansonsten haben Gaby & Carlos jetzt auf einmal zwei dicke kleine Problemtöchterchen, und Edie kommt mit einem neuen Ehemann hereingeschneit, dem wutkranken und rachsüchtigen Dave, der diesmal die Rolle des bösen Eindringlings in die Wisteria Lane übernimmt.

Und Dave (Neal McDonough) macht das sehr gut. Er intrigiert in aller Ruhe gegen Mike, den er für den Unfalltod seiner Frau und Tochter verantwortlich macht, der letztlich auch Mike und Susan auseinander­getrieben hat. So verursacht Dave u. a. das große Feuer in Folge 8, einen Handlungsknall, der an den Amoklauf im Einkaufszentrum in Folge 3.07 erinnert.

In Folge 20 kommt es zu einem Twist, der sich schon lange vorher angekündigt hat: Susan gesteht Dave, dass sie damals gefahren ist, dass also sie es war, die den tödlichen Unfall verursacht hat. Das etwas gekünstelt dramatische Finale mit Dave geht natürlich gut aus für das Stammensemble. An einer anderen Stelle wird mit Edie freilich eine der Housewives aus der Serie geschrieben, indem sie durch Orsons Schuld von einem Stromkabel getroffen wird (Folge 18).

Auch wenn sich die Dave-Story etwas langatmig über die 24 Folgen zieht, die 5. Staffel ist wieder voll mit exzellenten Miniaturen. Schön zum Beispiel, wie Mrs. McCluskey eine kleine Mrs.-Marple-Geschichte spendiert kriegt: Misstrauisch beobachtet sie Dave und spioniert ein wenig (und treibt mit dem Anruf bei seinem alten Arzt auch die Handlung voran).

Ein weiterer wunderbarer Erzählreigen eröffnet sich in Folge 13. Als der nachbarschaftliche Hausmeister Eli plötzlich stirbt, erinnern sich die Housewives in judith-hermann-haften Kleinsterzählungen an ihre Bekanntschaft mit ihm.

In der Doppelfolge des Staffelfinales werden dann schnell noch ein paar neue erzählerische Gleise verlegt: Tom will weiter seine Midlife-Crisis kompensieren und diesmal zurück aufs College, um Chinesisch zu studieren, Lynette ist schwanger (Zwillinge, again), Gaby & Carlos kriegen eine neue Mitbewohnerin, Bree und Susans Ex-Mann Carl make out, und am Ende heiratet Mike, wenn auch noch nicht klar ist, wen. Ein bisschen hat man das Gefühl, es könnte ewig so weitergehen.