Vossianische Antonomasie (Teil 26)

Leipzig, 17. Dezember 2012, 16:33 | von Paco

 

  1. der tschechische Kafka
  2. der Diderot der Pizzaschachtel
  3. der Marquis Posa des deutschen Mittelstandes
  4. die Angela Merkel unter den Gazetten
  5. die Ute-Henriette Ohoven der Weltstädte

Mit Dank an @jhaentzschel.

 

»Weltmüller« für alle

Leipzig, 12. Dezember 2012, 01:28 | von Paco

Nun hat sich endlich ein Anlass gefunden! Am 5. Januar 2013 feiern ein paar Leute 60 Jahre »Warten auf Godot« on stage. Und da feiern wir mit und schicken den berühmtesten Godot-Darsteller aller Zeiten mit einer Creative Commons-Lizenz ins Netz:

Weltmüller Einzelausgabe Dezember 2012 (Cover)
Free Download   (Alternativlink)

(PDF, 33 S., 326 kB)

Inhalt: Es sollte die Inszenierung des Jahres werden, Samuel Becketts »Warten auf Godot« am Hamburger Schauspielhaus. Die Rolle des im Stück gar nicht auftretenden Godot wurde mit der öster­reichischen Schauspielerlegende Johannes Weltmüller besetzt. Die Premiere am vorvergan­genen Freitag endete im Tumult.

Ach so, wer kurz vor Weihnachten noch günstig in funkelndes Gold anlegen will: Der gleichnamige Band ist im April 2012 bei SuKuLTuR erschienen und enthält neben der Titelgeschichte die Reportagen »Leipzig Augustus­platz« und »Die Rosenmadonna« (124 Seiten, 14 Euro, ISBN 978-3-941592-32-2). Das Buch kann direkt beim Verlag oder über Amazon bestellt werden.
 

Helmut Lottmann

Göttingen, 10. Dezember 2012, 13:52 | von Josik

Als ich neulich bei Lanz zu Gast war, genauer gesagt bei Cron & Lanz in der Weender Straße, und voller Begeisterung im »Freitag« herumlas und dann plötzlich auf diese wunderbare Rezension von Helmut Lethens Buch »Suche nach dem Handorakel« stieß, marschierte ich nach beendigter Rezensionslektüre sofort nach quasi nebenan in die berühmte altehrwürdige Buchhandlung Deuerlich, die allerdings ein paar Tage zuvor in eine Hugendubel-Filiale umgewandelt worden war, und fragte nach dem Lethen-Buch, das dort aber nicht vorrätig war, weswegen ich also wieder hinauseilte und spontan beschloss, vor Ort nach dem Lethen’schen Handorakel zu fragen, ein paar Straßen weiter, direkt in dem Verlag, in welchem es erschienen ist, so dass ich also Richtung Geiststraße lief, dort bei Wallstein einfach mal klingelte, prompt summte der Türsummer, niemand stellte irgendwelche Fragen durch die Gegensprechanlage, ich hurtete also die Treppe hinauf, vorbei an einem riesigen Schild, auf dem, wenn ich das richtig gesehen habe, lauter outgesourcte Göttinger Augenärzte verzeichnet sind, und fragte dann freundlichst nach dem Lethen’schen Handorakel, ich sei durch die wunderherrliche Rezension im »Freitag« auf dieses Buch aufmerksam geworden, hätte es aber bei Deuerlich bzw. Hugendubel nicht auftreiben können und würde es sehr gerne kaufen, und keine halbe Stunde später war ich schon wieder zuhause und las drauflos und schrieb mir einen Satz nach dem anderen heraus, weil ich es gar nicht fassen konnte, wie man in einem so schmalen Band so wunder­sam leichtfüßig die jahrzehntelange Geschichte von Leuten, die mal links waren, Revue passieren lassen kann, Lethen schreibt ja gleich eingangs, dass er dieses Buch in nur zwei Wochen verfasst habe, irgendwo an der Ostsee, er bibliografiert im Vorwort seine kompletten zwei Bücherkoffer, die er an die Ostsee mitgenommen habe, doch wie stockte mir der Atem als ich in dieser Bücherliste zwischen den größten Namen der Theorie-, Kultur- und Geistesgeschichte, zwischen Theodor W. Adorno und Jakob von Uexküll, zwischen Walter Benjamin, Hans Blumenberg, Hans Magnus Enzensberger, Alexander Kluge, Gerd Koenen, Reinhart Koselleck, Siegfried Kracauer und Helmuth Plessner plötzlich auch auf diese Angabe stieß:

»Joachim Lottmann, Hundert Tage Alkohol, Wien 2012.« (S. 9)

Es ist dies die wohl unerwartetste Joachim-Lottmann-Erwähnung in der Geschichte der Menschheit!

Sie erscheint mir inzwischen aber eigentlich ganz konsequent, denn Sätze wie die folgenden könnten ja auch von Lottmann sein, tatsäch­lich aber stammen sie samt und sonders aus dem Lethen’schen Handorakel:

»[A]ls ich ihn im Oktober 1989, auf der Bettkante des Hotels Sussex in San Francisco sitzend, nachdem ich in der Sendung Good Morning America vom Fall der Mauer erfahren hatte, anrief, um ihm zur prognostischen Kraft seiner stereotypen Nervsätze zu gratulieren, keuchte er, atemlos wie alle, ›Wahnsinn‹«. (S. 32)

Und so geht es immer weiter im Lottmann-Sound, oder wie man in Zukunft wohl sagen muss, im Lethen-Sound:

»Mutter kam atemlos ins Hotel: Die Haut der schwarzen GIs färbe gar nicht auf deren Unterwäsche ab!« (S. 102)

»300 Zuhörer hielten den Atem an; das war virtuos. Stille im Saal – 1961!« (S. 54)

»[D]er Mensch ist von Natur aus künstlich! Großes Aufatmen.« (S. 117)

Eine Lethen-Szene, die eigentlich ebenfalls eine Lottmann-Szene ist:

»Die Darstellung des Sechstagekriegs in der BILD-Zeitung erzeugte eine Wende zu einer antiisraelischen Haltung, die uns – atemlos und ungläubig vor dem Kiosk die Schlagzeilen beratend – überrascht hat.« (S. 17)

Noch faszinierender:

»Wir gewöhnten uns an den Jansenismus beim Espresso« (S. 126).

Oder:

»Die Geographiestudenten trugen ausnahmslos Knickerbockerhosen.« (S. 53)

Doch dass in diesem Traktat nicht nur funky Knickerbockerhosen geschildert werden, ersieht man aus der folgenden, natürlich ebenfalls lottmannartigen Personenbeschreibung:

»Karl Pestalozzi, der berühmte, baumlange, kluge und milde Mann, aber immer in Hochwasserhosen« (S. 99).

Am allerallerbesten, hammermäßigsten und wohl auch zeitgemäßesten und aktuellsten ist aber natürlich diese unübertrefflich grandiose Darstellung:

»Nun herrschte atemlose Stille. Der Beamte des Verfassungsschutzes kannte die komplexe Systemtheorie von Niklas Luhmann.« (S. 19)

 

100-Seiten-Bücher – Teil 43
Elfriede Jelinek: »bukolit« (1979)

Göttingen, 7. Dezember 2012, 00:30 | von Josik

Elfriede Jelinek hat das Sekundärdrama erfunden, sie hat das Parasitärdrama erfunden, sie hat den Privatroman erfunden und sie hat schon in sehr jungen Jahren den Hörroman erfunden. So nämlich nennt sich »bukolit« im Untertitel, jenes Buch, das noch mit ca. einem Dutzend seitenfüllender Illustrationen von Robert Zeppel-Sperl versehen ist.

Im Klappentext der im Berlin Verlag erschienenen Ausgabe wird »bukolit« Jelineks »erster« Roman genannt – das ist wohl als Rant gegen den Rowohlt Verlag zu verstehen, dem Jelinek dieses Buch schon Ende der Sechziger zur Veröffentlichung angeboten hatte. Rowohlt hat dann vorher aber doch lieber »wir sind lockvögel baby!« gedruckt.

So kam es zu der kuriosen Situation, dass »bukolit« erst mit etwa einer Dekade Verspätung erschien, als Jelinek die dort praktizierte Schreibweise schon längst aufgegeben hatte: »bukolit wieder jetzt wickenkühles eigelb setzte pumpend bukolita an die lippen glaubte doch nicht wie jeder würde dasz sie flasche sei oder wuszte dies lange schon & wollte bukolita gewaltsam verändern aus lebens stellungen reißen nun.« (S. 34) Das ist nun wirklich kein besonders toller Satz, aber so schrieb man eben damals.

In ihrem Buch »Elfriede Jelinek. Eine Einführung in das Werk« erklärt die renommierte Jelinek-Exegetin Bärbel Lücke (bekannt geworden durch drei YouTube-Videos, in denen sie von einem Computer interviewt wird: 123): »bukolit [kann] auch Hitler sein und Lumumba.« (S. 21) Und das stimmt dann wahrscheinlich sogar!

Länge des Buches: ca. 114.000 Zeichen. – Ausgaben:

Elfriede Jelinek: bukolit. Hörroman. Mit Bildern von Robert Zeppel-Sperl. Hrsg. von Vintilă Ivănceanu. Wien: Rhombus-Verlag 1979. S. 1–90 (= 90 Textseiten).

Elfriede Jelinek: bukolit. Hörroman. Mit Bildern von Robert Zeppel-Sperl. Berlin: Berliner Taschenbuch-Verlag 2005. S. 3–90 (= 88 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

Handke-Landschaften in Karlsruhe:
Kling, Chaville, klingelingeling

Konstanz, 4. Dezember 2012, 19:00 | von Marcuccio

Die Feuilletons hatten sich zum Soundcheck verabredet:

Tilman Krause (Welt): »Diese Bilder muss man hören.«

Andreas Kilb (FAS): »Er hat der Landschaft einen Klang gegeben.«

Volker Bauermeister (Badische Zeitung): »Selbst Ziegen sieht er tanzen.«

Willibald Sauerländer (SZ): »… in einer behutsamen, man möchte sagen kammermusikalischen Ausstellung.«

Heute zog dann sogar noch die NZZ nach und berichtet über Camille Corot »mit seinen klangvoll nachhallenden Landschaften«.

Karlsruhe zeigt ja gerade die erste Retrospektive hierzulande. Ich war in der Ausstellung und habe außer zwei vollverkabelten Rentnern im Audioguide-Synchronrundgang jetzt eher wenig Sound im Wortsinn erlebt. Die Hörstation mit den Melodien von Gluck war nämlich dauerbesetzt, wahrscheinlich weil schon zu viele Kritiker geschrieben haben: »intensiv schaut man wohl nur, wenn man sich gleichzeitig dem Hören hingibt«.

Hörverhindert schlug ich mich dann auf die Seite von Sauerländer (SZ): »Corot hat die Stille, den Frieden, die Einsamkeit der französischen Provinzlandschaft entdeckt«. Das klang für mich plötzlich nur noch nach Peter Handke, zumal ein Corot-Bild »La Petite Chaville« heißt: Chaville neben Corots Heimat Ville-d’Avray war 1825 petite.

Sigrid Löffler gab mal zu Protokoll, Handke lebe vor den Toren von Paris ja wirklich »so bukolisch, wie es sich Handke-Verächter zur Bestätigung ihrer hämischsten Ressentiments nur vorstellen können« (vgl. ihre Rezension zur »Niemandsbucht« 1994). Ja, wie konsequent, dass in der Gegend der Corot-Bäume und Bäche heute Handkes »Felsenbienen« summen. Und mit Handkes Blick auf »Birken, die sich als erstes belaubt haben«, landet man unweigerlich bei der Frage, die Andreas Kilb vor diesem Corot-Bild stellt: »Wer weiß, wovon die Waldwege träumen?«

Es kann kulturtopografisch nur eine Antwort geben: Durch diese hohle Gasse muss er kommen. Hiesige Pilze soll er sammeln. Vor dem Lärm der Laubbläser-Nachbarn soll er hierher fliehen. Davon träumen die Waldwege bei Corot. Die Karlsruher Ausstellung ist so gesehen auch ein grandioser Versuch über den stillen Ort.
 

Anlässlich der FAS vom 2. Dezember 2012:
Die extrem tolle deutsche Zeitungslandschaft

Chemnitz, 3. Dezember 2012, 00:16 | von Paco

Gegen 15 Uhr erwachte ich endlich aus tiefem Schlaf und hatte sofort extreme Lust darauf, die FAS zu lesen. Eine Stunde später saß ich im Michaelis und tat genau das. Das heutige Feuilleton war wieder mal gehobenste Spitzenklasse. Das fängt schon bei den Kolumnen an. Tobias Rüther (in Absprache mit Angus T. Jones) über »Two and a Half Men«: »Die Show ist wirklich der letzte Dreck.« Und Johanna Adorján mit einer erfahrungsgesättigten These zu Fahrradhelmen: »Beim Anblick von Fahrradfahrern, die einen Helm aufhaben, ergreift mich mittlerweile die nackte Angst. Sie ist nicht angeboren, sondern in zahlreichen Zweikampfsituationen qualvoll erlernt. Wer, sagen wir, älter als zwölf Jahre ist und sich zum Fahrradfahren einen Helm aufsetzt, fährt nämlich unfassbar schlecht Fahrrad. Ist so.«

Dabei dachte ich zunächst, ich hätte die falsche Zeitung und das falsche Jahrzehnt erwischt, denn in der Fußzeile der Feuilleton-Frontpage stand etwas von »Call of Duty 2«, das ja aber schon zu Weihnachten 2005 erschienen war. Es handelte sich aber eindeutig um die heutige Ausgabe, 2. Dezember 2012, also dachte ich als nächstes: ein Retro-Review? Warum nicht! Warum nicht einfach mal Bücher, Filme, Ego-Shooter besprechen, die schon vor sieben Jahren erschienen sind: sehr gute Idee! Dann ging es aber im Artikel selber natürlich um »CoD: Black Ops 2«, was der Beauftragte für die Gestaltung der Ankündigungsfußzeilen vergessen hatte zu erwähnen.

Die Rezension von Gregor Quack ist jedenfalls hervorragend, und zwar weil er gleichzeitig die momentane Unmöglichkeit mitkommuni­ziert, über einen so bombastisch inszenierten Ego-Shooter überhaupt urteilen zu können. Die Videospielbranche bräuchte genau jetzt einen IT-Lessing, der analog zur »Hamburgischen Dramaturgie« erst mal rausfindet, wie man über so eine ästhetische Revolution überhaupt angemessen schreiben kann: »Es gehört eigentlich zu den Aufgaben der Kulturkritik, hierfür das passende ästhetische Besteck zu schmieden. Und wir fangen auch damit an. Versprochen.«

Dann schreibt noch Volker Weidermann über 70 Jahre Peter Handke. Erst mal vermerkt er seine Freude darüber, dass Handkes »Jugosla­wien-Phase« vorbei sei und er nun wieder leise, filigrane Bücher wie den »Versuch über den Stillen Ort« schreibe. (Wobei sich ja mit wachsendem zeitlichen Abstand komischerweise irgendwie der Eindruck verstärkt, dass Handke das Scharmützel gegen die Jugoslawien- und Serbienfeinde damals haushoch gewonnen hat.) Anhand des frisch erschienenen Briefwechsels zwischen Handke und Unseld macht Weidermann übrigens die interessante Beobachtung, dass sich Unseld bei der Korrespondenz mit seinen Autoren (Koeppen, Frisch, Bernhard usw.) so lange runterputzen lässt, »bis es ihm irgendwann einmal reicht. Und zwar, so mein Eindruck – reichte es Unseld bei jedem seiner Autoren, die allesamt ihm gegenüber das Sozialverhalten von ungefähr Fünfjährigen an den Tag legten – genau einmal. Einmal im Leben schimpft er zurück.« Diese seltenen Unseld’schen Rückschimpf­briefe sollten unbedingt in einer bibliophilen Einzeledition erscheinen!

Im Medienressort ist noch ein Interview von Harald Staun mit Christoph Amend und Timm Klotzek zu lesen. Es geht da um die jeweils nächste Ausgabe des »Zeit«- und des »SZ«-Magazins, die nämlich beide das Titelthema »Konkurrenz« haben werden, und warum auch nicht.

Als ich fertig war mit Minztee, Stachelbeerbaiser und FAS, traf ich mich noch mit ein paar Leuten auf dem Weihnachtsmarkt. Irgendjemand berichtete, dass er nun endlich das Thielemann-Interview in der »Zeit« von neulich gelesen habe. Sofort zitierten alle ihre Lieblings­stellen, denn dieses Interview ist wohl das Feuilletonereignis des Jahres gewesen, so so geil, es ist wirklich immer noch nicht zu fassen, dass dieser Text gewordene Feuilletontraum tatsächlich gedruckt in einer Zeitung gestanden hat.

Als ich später nach Hause schlenderte, fiel mir ein, wie extrem toll es doch derzeit um die deutsche Zeitungs- und Zeitschriftenlandschaft bestellt ist, und als ich dann zu Hause war, rief Dique an und fragte, ob ich den genialen »Spiegel« von morgen schon gelesen habe. Hatte ich da noch nicht, habe ich inzwischen aber nachgeholt: wunderbar!
 

Kaffeehaus des Monats (Teil 73)

sine loco, 1. Dezember 2012, 09:18 | von Dique

Wenn du mal richtig Zeitung lesen willst:

Pudding, Carrer de Pau Claris, Barcelona (foto oficial)

Barcelona
Das »Pudding« im Carrer de Pau Claris.

(Aus verschiedenen logistischen Gründen musste ich mich letzte Woche mehrfach in diesem schönen Familienkaffeehaus mit dem eher komischen Namen »Pudding« aufhalten. Von der Decke hängen Ausdellungen eines rot-weiß gestreiften Ballons, die mit lauter kleinen Lampen durchsetzt sind. Den Kaffee con leche gibt es aus Sammeltassen und so bekam ich jeden Tag eine andere, bevorzugte aber die schöne weite rote vom ersten Tag. Das Kaffeehaus ist noch kein Jahr alt und erinnert mich an Heintje und seine Oma, denn die Bedienung ist extrem lieb und nett. Trotzdem, hehe, gibt es hier den »Economist«, den ich dann über drei Tage verteilt komplett durchgelesen habe. An meinem letzten Tag gab es noch ein Ereignis, eine Frau führte einen Herrn im Anzug an einer Hundeleine durch die Straßen und am »Pudding« vorbei und ließ ihn an Passanten schnüffeln. Ich habe es selbst nicht gesehen, ich habe ja den »Eco­nomist« gelesen, aber der freundlichste der Kellner war ganz aus dem Häuschen und wiederholte immer wieder begeistert die Worte perro und hombre, den Rest verstand ich nicht, denn ich spreche kaum Spanisch.)
 

(Foto: wepudding.com – Moltes gràcies, Kamela!)
 

John Wayne

Düsseldorf, 28. November 2012, 23:36 | von Luisa

Gestern kaufte ich ein kleines blaues Buch, das aussah wie ein Taschenkalender. »Wunderhorn Almanach Träume« stand darauf. Schon das Vorsatzpapier gefiel mir, es zeigte als Muster viele Male das Logo des Wunderhorn-Verlags, welches ja das schönste deutsche Verlagslogo überhaupt ist.

Zuhause fing ich dann an zu blättern und sah, dass das Kalendarium nicht das nächste Jahr abbildet, sondern ein »immerwährendes« ist, was ich natürlich sehr gut fand. Was spielt es für eine Rolle, ob, sagen wir, der 31. Januar auf einen Dienstag oder Freitag fällt. Die Haupt­sache ist doch, dass es ihn überhaupt gibt.

So folgen auf den Kalenderseiten einander bloß die Nummern der Tage, begleitet vom Namen einer Dichterin oder eines Dichters, die/der an diesem Tag geboren wurde. Ich habe natürlich gleich nachgekuckt, ob Goethe drinsteht und tatsächlich, da steht er, ganz korrekt. Und wer hat mit mir Geburtstag? Und wer mit Jan und Daniel und Charlotte usw.? Schließlich blätterte ich das ganze Kalendarium von Anfang an durch. Jeder Tag hat seine(n) Dichter(in), das ist doch irgendwie beruhigend.

Unter dem 26. Mai aber steht da »John Wayne 1907«. Ein Zeitgenosse von Faulkner und Hemingway also, ein wenig bekannter Lyriker vielleicht. Und wann genau wurde noch mal sein Namensvetter, der berühmte John Wayne geboren?

Später grübelte ich, was wohl dem Duke diesen Auftritt in einem so anmutigen, verwunschenen Büchlein verschafft hatte. Schrieb er seine Träume auf? Hatte er überhaupt welche? War es das schicksals­schwere »Der Tag wird kommen« aus »The Searchers«? Oder eher die Drohung »Ich werde aus der Bibel lesen«?

Aber nein. Man muss nur das Verlagslogo ansehen. Da reitet der Knabe und schwenkt das Wunderhorn. Sein Pferd galoppiert, sein Umhang flattert. Kavallerie.
 

100-Seiten-Bücher – Teil 42
Daniel Kehlmann/Sebastian Kleinschmidt: »Requiem für einen Hund. Ein Gespräch« (2008)

Göttingen, 16. November 2012, 14:33 | von Josik

Gleich auf der ersten Seite teilt Daniel Kehlmann dem Interviewer Sebastian Kleinschmidt via E-Mail mit, dass sein Hund Nuschki, bei dem ein fortgeschrittener Lebertumor diagnostiziert worden sei, nun habe eingeschläfert werden müssen. Das erinnerte mich an unseren wun­derbaren alten Kater Robert Schmusil, der zuerst an Niereninsuffizienz litt, später eine Diabetes hatte und schließlich einen Darmtumor, »daher haben wir dann, auf Rat aller Ärzte, der Euthanasie zuge­stimmt« (S. 7).

Seine E-Mail beendet Kehlmann mit den Worten: »Ganz herzliche Grüße / Ihres Daniel Kehlmann«, und das ist doch erstaunlich, dass, wo jeder andere Mensch schreiben würde: »Ganz herzliche Grüße / Ihr Soundso«, Kehlmann hier eben nicht »Ihr« schreibt, sondern »Ihres«, aber, so würde Iris Radisch sagen: »Wozu ist man Dichter.«

Später geht es in dem Buch auch noch um Katzen, zunächst aber eben um Hunde, und dabei brennt Kehlmann ein solches Feuerwerk an Maximen und Reflexionen ab, dass man getrost etwa 85% aller in diesem Buch enthaltenen Sätze noch mal als eigenes Aphorismen­bändchen herausbringen könnte. Zum Beispiel sagt er auf S. 15 über Hund und Mensch: »die beiden Spezies gingen den Weg gemeinsam«, oder dann auf S. 21: »Hund und Mensch sind einen langen Weg gemeinsam gegangen«.

Auch muss ich gestehen, dass ich einiges an der »Vermessung der Welt« überhaupt erst bei der Lektüre des Requiembuchs begriffen habe, etwa wenn Kehlmann erklärt: »Goethe tritt zweimal auf (…), und beide Male sind es komische Stellen« (S. 76). Ansonsten geht es in diesem Gespräch noch um Hegel, Heidegger, Gott usw.

Länge des Buches: ca. 137.000 Zeichen. – Ausgaben:

Daniel Kehlmann/Sebastian Kleinschmidt: Requiem für einen Hund. Ein Gespräch. Berlin: Matthes & Seitz 2008.

Daniel Kehlmann/Sebastian Kleinschmidt: Requiem für einen Hund. Ein Gespräch. Reinbek: Rowohlt-Taschenbuch-Verlag 2010.

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

Baguettiana

Göttingen, 5. November 2012, 12:27 | von Josik

Ich höre hier in Göttingen mit wachsender Begeisterung den Sender NDR Info, es gibt da immer wieder Staumeldungen aus Fallingbostel, einer Stadt, die ich bisher nur aus einem Arnold-Stadler-Roman kannte, und wenn es keine Staumeldungen aus Fallingbostel gibt, dann wird darüber berichtet, dass sich in Fallingbostel ein Chemieunfall oder dergleichen ereignet hat. Zwischendrin hört man auf NDR Info auch mal ein Interview mit Ruprecht Polenz oder einen Bericht über Toni Kroos, aber das sind offenkundige Versehen, denn gleich nach solchen Intermezzi geht es wieder weiter mit den neuesten Nachrichten aus Fallingbostel und der Gegend um Fallingbostel herum.

Während also im Hintergrund das Radio lief, blätterte ich so ein biss­chen in ein paar alten ZEIT-Magazinen und anderen ZEIT-Druckerzeug­nissen, die meine Zimmerwirtin immer auf dem Küchentisch deponiert. Plötzlich aber war ich wie vom Donner gerührt, denn in einer Rezension in ZEIT-Literatur stieß ich auf folgenden vielleicht besten ersten Satz, der jemals geschrieben wurde und der in diesem Fall von Ijoma Mangold stammt:

»Gleich auf der ersten Seite kauft Sperber, der Protagonist in Anne Webers neuem Roman Tal der Herrlichkeiten, in einer Bäckerei in der Bretagne ein Baguette.«

Was für ein herrlicher Einstieg! Was für eine herrliche Klimax! Was für eine herrliche Alliteration! Bäckerei, Bretagne, Baguette. Und man kann Gott nur danken, dass die Geschichte nicht in der Provence spielt. Eigentlich fällt in dieser Reihe die Bäckerei ja etwas aus dem Rahmen, stilechter wäre vielleicht eine Boulangerie gewesen? Aber sei’s drum, hier in dieser bretonischen Baguettebibel geht es medias in res, mitten hinein in den Baguettekauf, und ich habe die Rezension gar nicht mehr weitergelesen, sondern mir stattdessen sofort das Buch herunter­geladen.

Ich machte mich gleich an die Lektüre, ich hörte auch schon gar nicht mehr hin auf die Staumeldungen aus Fallingbostel, so toll ist das Buch, und ich kann es jedem nur sehr empfehlen, meiner und Ijoma Mangolds Euphorie voll zu vertrauen und endlich wieder mal ein Anne-Weber-Buch zu lesen.