Regionalzeitung (Teil 53)

Leipzig, 18. Januar 2013, 14:56 | von Paco

 
  261.   ist längst zum Publikumsrenner geworden

  262.   den er sich bis ins hohe Alter bewahrt hat

  263.   egal welcher Couleur

  264.   sorgten für einen rappelvollen Saal und lebhafte Diskussionen

  265.   rundum empfehlenswert
 

Vorwort zum laufenden Feuilletonjahr (1/2013)

Leipzig, 14. Januar 2013, 16:19 | von Paco

Helgoland

1. Die achten Maulwurfsfestspiele sind beendet. Die Feierlichkeiten rund um Volker Weidermanns Siegertext und die neun anderen Spitzenartikel aus den deutschsprachigen Feuilletons des Jahres 2012 dauerten die ganze Woche an (die semana santa des Umblätterers).

2. Bald folgt hier traditionell der Kinojahr-Überblick von San Andreas (Backlist: 2011, 2010, 2009, 2008, 2007).

3. Demnächst auch wieder mehr: Regionalzeitung, Vossianische Antonomasie, 100-Seiten-Bücher.

4. »Fantasie, auf Autobahn Autotür aufzureissen und Autor sanft rauszukippen« – (Quelle: Internet)

5. »Das Wehen der Luft, das Rieseln des Wassers, das Wachsen der Getreide, das Wogen des Meeres, das Grünen der Erde, das Glänzen des Himmels, das Schimmern der Gestirne.«

6. »Holtrop war dran. Fünf Sätze genügten: freue mich, gute Zusammenarbeit, Zukunft, los gehts.« (S. 188)
 

Die Ergebnisse der …
Feuilleton-Meisterschaft 2012

Leipzig, 8. Januar 2013, 04:25 | von Paco

Maulwurf’s in the house again! Heute zum *achten* Mal seit 2005. Der Goldene Maulwurf 2012:

Der Goldene Maulwurf

Die Nummer 1 herauszudiskutieren, war dieses Jahr nicht schwer, einhellig fiel die Wahl auf Volker Weidermanns endgültige Erledigung des herumdichtenden Grass.

Alles Weitere steht in den 10 Laudationes. Hier nun also die Autoren und Zeitungen der 10 angeblich™ besten Artikel aus den Feuilletons des Jahres 2012:

1. Volker Weidermann (FAS)
2. Jens-Christian Rabe (SZ)
3. Christian Thielemann u. a. (Zeit)
4. Olivier Guez (FAZ)
5. Ulrich Schmid (NZZ)
6. Mara Delius (Welt)
7. Kathrin Passig (SZ)
8. David Axmann (Wiener Zeitung)
9. Friederike Haupt (FAS)
10. Thomas Winkler (taz)

Auf der Seite mit den Jurybegründungen sind neben den Links stets auch die Seitenzahlen angegeben, wie immer waren natürlich die Printversionen der Artikel maßgeblich für die Entscheidungen der Jury.

Außerhalb der Top-3 gab es übrigens ziemliche Rangeleien. Handke zum Beispiel konnte letztlich wie so oft nicht genügend Stimmen auf sich vereinen, deshalb müssen wir ihm für den Feuilletonsatz des Jahres (»Ein Wortspiel pro Text ist erlaubt.«) separat gratulieren.

Hinweise auf feuilletonistische Supertexte des laufenden Jahres 2013 bitte an <umblaetterer ›@‹ mail ›.‹ ru>.

Bis nächstes Jahr,
Euer Consortium Feuilletonorum Insaniaeque
 

Gewinnerwartung

Leipzig, 7. Januar 2013, 07:25 | von Paco

Von dem Maulwerff

Nur schnell die Ankündigung: Morgen, traditionell am zweiten Dienstag des Jahres, ist es wieder soweit, zum *achten* Mal seit 2005. Ver­geben wird nunmehr:


Der Goldene Maulwurf 2012

für die 10 besten Feuilletontexte
des vergangenen Jahres.
 

Unsere Jahreswechseltagung fand diesmal in Hamburg statt, denn da ist es ja auch schön. Es wurde vielleicht ein bisschen zu arg diskutiert, aber die Stimmung innerhalb der Jury hat nun wieder ein ganzes Jahr Zeit, sich zu erholen, hehe.

Heute gibt es nur diese lapidare Erwartungsmeldung, keinen atmosphärischen Vorabtext wie in den letzten Jahren (2009, 2010, 2011), denn man müsste im Prinzip diese »Feuilletonismus«-Vorworte nahezu wortgleich wiederholen. Tenor: Ein super Jahr für das deutsch­sprachige Feuilleton, wie immer!

Hier noch unsere Backlist mit den Preisträgern der vergangenen Feuilletonjahre:

2005   (#1 Stephan Maus/SZ)
2006   (#1 Mariusz Szczygieł/DIE PRESSE)
2007   (#1 Renate Meinhof/SZ)
2008   (#1 Iris Radisch/DIE ZEIT)
2009   (#1 Maxim Biller/FAS)
2010   (#1 Christopher Schmidt/SZ)
2011   (#1 Marcus Jauer/FAZ)
2012   (#1 ???/???)

Morgen im Morgengrauen dann also die zehn besten Texte aus den Feuilletons des Jahres 2012. Hier.

Bis gleich,
Consortium Feuilletonorum Insaniaeque

 
(Bild: Gesners »Thierbuch« von 1606; Public Domain)

»Financial Times Deutschland«-Hymne

Berlin, 29. Dezember 2012, 16:45 | von Josik

Zwei Tage vor ihrem Ende hat die FTD noch mal einen echten Scoop gelandet. Hatte Roland Kaiser nämlich noch im Jahr 2005 deshalb öffentlich gesungen, »damit Schröder Kanzler bleibt« (SPON), und hatte Schröder damals unmittelbar darauf die Wahl verloren, so erklärte der beliebte Schlagersänger nun im FTD-Interview nicht nur, dass er 2013 auch für Peer Steinbrück kampfsingen wolle, sondern es blieb ihm, Roland Kaiser, auch vorbehalten, diese historische, aber in der Fülle der Nachrichten irgendwie untergegangene Botschaft zu übermitteln: »Gerhard Schröder posthum zu negieren, das wäre falsch.«

Als ich mich am Abend des 7. Dezember aufmachte, von Göttingen nach Witten zu fahren, war der ICE 534 enorm verspätet und ich konnte in Hannover den geplanten Anschluss-IC 2444 nicht mehr erwischen. Sowohl in sämtlichen Göttinger als auch in sämtlichen Hannoveraner Bahnhofskiosks war die letzte Ausgabe der FTD mit dem genialen Titel »Final Times Deutschland« ratzfatz ausverkauft. Aber das Glück war mir hold! Im ICE 552, mit dem zu fahren ich genötigt war, hatte nämlich irgendjemand die »Final Times Deutschland« liegenlassen, und so las ich sie gleich von der ersten bis zur letzten Zeile zwei Mal durch, nur die überflüssige Quatschbeilage »Interim-Management« ignorierte ich. Besonders begeisterte mich natürlich, dass auf der vierzehntletzten Seite ein Bericht aus Witten zu lesen war!

Ganze zwei Mal las ich die FTD deswegen, weil ich nach der ersten beendeten Gesamtlektüre dachte, ich hätte irgendwo einen Beitrag von Willy Theobald übersehen. Aber nein! Es war unfassbar: Während z. B. Ines Zöttl allein auf der drittletzten Seite gleich mit zwei Beiträgen vertreten war (wobei ihr Nachname einmal für das internationale Publikum Zoettl und einmal für das deutschsprachige Publikum Zöttl geschrieben wurde), war Willy Theobald mit keinem einzigen Beitrag vertreten! Dass auf der einundzwanzigstletzten Seite ein für das menschliche Auge kaum sichtbares Willy-Theobald-Foto (im Format 1,5 cm × ca. 1,65 cm) abgebildet war, konnte da wohl schwerlich entschädigen.

Um Willy Theobald angemessen würdigen zu können, muss man vielleicht beherzigen, was Jörg Sundermeier neulich in der »Jungle World« schrieb: »Die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers, die schlagartig alle erkennen ließ, wie schlecht es um die globalen ökonomischen Verhältnisse bestellt ist, traf die Redaktion der FTD genauso überraschend wie zum Beispiel die Redaktion der Glocke, eine Regionalzeitung im Münsterländischen.« Nun kann man sicherlich darüber streiten, ob man jene Teile, für die die FTD berühmt war, wirklich in der Pfeife rauchen konnte und ob Gruner + Jahr deshalb genau das auch getan hat.

Jedenfalls: Jener Teil, der einen wirklich unersetzlichen Verlust bedeutet, ist natürlich das von Willy Theobald verantwortete geprägte und in geradezu barocker Manier »Out of Office« titulierte Feuilleton. Zwar würden wir selbstverständlich jeder Zeitung, die eingestampft wird, ob ihres jeweiligen Feuilletons mehr oder weniger hinterhertrauern. Im Fall der »Financial Times Deutschland« ist es uns damit allerdings wirklich ernst. Ein Team, das über mehr als eine Dekade hinweg in einer durchgehend defizitären Wirtschaftszeitung regelmäßig eine ganze Seite nach Lust und Laune mit kulturellem Schnickschnack vollkleistern kann, und zwar ohne indirekt von Inseraten für Sachbuch- oder Belletristiktitel abhängig zu sein, ein solches Team hat beinahe alles richtig gemacht, was man im Berufsleben überhaupt nur richtig machen kann. Was man im prädigitalen Zeitalter oft über die FAZ sagen hörte: nämlich dass man idealerweise das Feuilleton separat abonnieren können sollte – das traf auf »Out of Office« ja noch viel mehr zu.

Wenn diese Würdigung hier, die schon seit ungefähr zwei Jahren geplant war, nun zu spät kommt und sich wie ein Nachruf liest, ist das einerseits natürlich entsetzlich und furchtbar, war andererseits aber auch irgendwie unvermeidlich. Denn mit uns und der FTD ging es quasi zu wie beim Hasen und beim Igel: Immer wenn wir eine Zusammenfassung des genialen Schaffens der »Out of Office«-Redaktion liefern wollten, hatte die schon wieder ein neues geniales Stück rausgehauen, so dass wir mit dem Sammeln und Hinterherhecheln gar nicht fertig wurden. (Der Vergleich ist aber eigentlich ziemlicher – mit Harry G. Frankfurt gesprochen: – Bullshit, weil in diesem Fall ja nun nicht der Hase, sondern der Igel tot ist.) Vielleicht aber haben wir untereinander in den vergangenen Jahren auch einfach nur, ohne es immer groß zu notieren, zu viel über die »Out of Office«-Bewertungsskala gequatscht. Denn jedes Buch wurde am Ende der jeweiligen Rezension noch auf einer Skala von 1 bis 5 Punkten bewertet.

Zum Beispiel diskutierten wir stundenlang erbittert über die Frage, warum das Buch »Vier Äpfel« von David Wagner, das innerhalb etwa eines Monats schließlich gleich zwei Mal rezensiert wurde, das eine Mal 4 von 5 Punkten erhielt, das andere Mal aber nur 3 von 5 Punkten. Steckte da ein interner Machtkampf der Redaktion dahinter? (Das war meine Vermutung.) Oder war das Ausweis einer liberalen Grundhaltung? (Paco.) Oder eine semiotische Revolution? (Montúfar.) Oder ein Versehen? (Finanzfachmann Dique.) Für ein Versehen sprach immerhin, dass zum Beispiel Adolf Muschgs Roman »Löwenstern«, welcher ebenfalls zwei Mal – diesmal im Abstand von etwa anderthalb Monaten – rezensiert wurde, vollkommen einheitlich und übereinstimmend beide Male zwei Punkte erhielt.

Übrigens muss man sich darüber im klaren sein, dass das »Out of Office«-Team sich einen seiner grandiosen Hauptspäße daraus gemacht hat, immer neu zu verhandeln, ob auf der besagten Skala 5 oder aber ob 1 nun der niedrigste Punkt war bzw. umgekehrt: ob 1 oder aber ob 5 nun der höchste Punkt war. Das musste die Leserschaft eben von Fall zu Fall selber herausfinden. Gab es nur 2 oder 4 oder gar (horribile dictu!) 3 Punkte, so war damit unendlicher Spielraum gelassen für bisweilen boshaft-satirische, bisweilen luzid-verunklarende Formulierungen. Ich zitiere mal zu Demonstrations­zwecken zwei Rezensionen in voller Länge:

»Nachtprinzessin« von Sabine Thiesler

Ein Thriller über die Vereinigung von Eros und Thanatos, wie der Klappentext vollmundig verspricht? Weit gefehlt. Die Prinzessin ist ein homosexueller, narzisstischer Mittvierziger mit krankhafter Mutterliebe, übersteigerter Geltungssucht und genug Liquidität, um sich einen ausschweifenden Lebensstil zu leisten. Als die Mutter einen Schlaganfall erleidet, mordet er das erste Mal. Zu dem als Koch überforderten Sohn kommen noch eine alleinerziehende Kommissarin samt pubertierender Tochter und ein von seiner Frau dominierter Carabiniere: Thiesler zieht sämtliche küchenpsychologischen Klischees heran, wirft alles in einen Topf, rührt kräftig durch – vergisst aber die nötige Würze. Die Fahndung, die Psyche des Täters – alles bleibt oberflächlich und unmotiviert, sodass man das Buch am Ende enttäuscht zur Seite legt.

Von Anna Tschackert

Nachtprinzessin
Autor: Sabine Thiesler | Heyne | 576 S. | 19,99 Euro
FTD-Bewertung: 5 von 5 Punkten

Und:

»Weltliteratur für Eilige« von Henrik Lange

Zum Thema »Fachwissen für Dünnbrettbohrer« gibt es nicht nur tonnenweise Bücher, Fernsehsendungen und DVDs, sondern sogar Volkshochschulkurse. Menschen jedoch, die sich als profunde Bücherwürmer ausgeben wollen, sollten um dieses schmale Bändchen – auch wenn es auf knapp 180 Seiten fast 100 Literaturklassiker vorstellt – einen großen Bogen machen. Am originellsten ist an »Weltliteratur für Eilige« noch der Untertitel »Und am Ende sind sie alle tot«. Auf jeweils einer Seite mit drei Comiczeichnungen und ebenso vielen Sätzen werden Belletristikevergreens von »Der Tod in Venedig« bis »American Psycho« vorgestellt. Leider sind diese Inhaltsangaben so kryptisch, dass man damit noch nicht einmal vor einem einigermaßen belesenen Hund (siehe Thomas Pynchon) als Literaturfachmann auftreten kann.

Von Willy Theobald

Weltliteratur für Eilige
Autor: Henrik Lange | Droemer/Knaur | 186 S. | 7,95 Euro
FTD-Bewertung: 5 von 5 Punkten

Zwei vernichtende Kritiken – und beide Male 5 von 5 Punkten! Man versteht, warum Willy Theobald in seiner von Hellmuth Karasek bezweitgutachteten Dissertation den wunderbar pikaresken Satz schrieb: »Man hat dem Feuilleton (…) immer wieder den Vorwurf des Feuilletonismus gemacht«. Trotzdem gilt aber, dass in der Regel fünf Punkte das Höchste, also das Beste waren. Doch wenn Willy Theobald Martin Walsers »Über Rechtfertigung, eine Versuchung« immerhin 4 von 5 Punkten gab, dann las sich das wieder so:

Vom Holocaust über den Vietnamkrieg bis zur DKP: Walser hat fast überall mit der Schreibmaschine gerasselt, nimmt aber trotzdem das Privileg des ewigen Zweifels für sich in Anspruch. (…) Munter schwadroniert er vom Ablasshandel und dem Schweizer Theologieprofessor Karl Barth – schade, dass er Mario Barth ausgelassen hat – über Max Weber und »Tonio Kröger« bis hin zu Zarathustra. Trotzdem bleibt man am Schluss ratlos: Wenn jede Rechtfertigung ohne »religiöse« Basis zur Rechthaberei verkommt – an welchen Gott oder welche Götzen sollen wir denn nun glauben? Und eine ontologische Letztbegründung scheint Walser mit seiner semiphilosophischen Postwurfsendung sowieso nicht im Sinn zu haben.

Willy Theobald! Unter seiner gefühlten Ägide ist es auch gelungen, Thоr Kunkеl für die Mitarbeit zu gewinnen, der in »Out of Office« fleißig Rezensio­nen publizierte. Er war für die ganz großen Namen und für die ganz großen Werke zuständig, ich nenne hier nur Jean-Jacques Rousseaus »Träumereien eines einsam Schweifenden« (5 von 5 Punkten), León Bloys Erzählband »Blutschweiß« (5 von 5 Punkten), Michael Knokes »Das Tal des Grauens« (5 von 5 Punkten), Guido Rоhms »Blutschnеise« (5 von 5 Punkten), Leander Sukovs »Warten auf Ahab« (5 von 5 Punkten) oder Thomas Steinfelds »Der Sprachverführer« (2 von 5 Punkten). (Apropos Thоr Kunkеl, hat sich eigentlich schon mal jemand um das himmelschreiende Plagiat gekümmert, das der »Guardian« damals an Volker Weidermann begangen hat? FAS, 1.2.2004: »Es sollte eines der Bücher dieser Saison werden. Mit allem, was einen schönen, großen Publikumserfolg zu garantieren scheint: Sex, sehr viel Sex. Nazis, sehr viele Nazis (…) und ein großes romantisches Finale.« – The Guardian, 12.2.2004: »(…) until last week, few in Germany’s literary world doubted that Thоr Kunkеl’s latest novel, Final Stage, was going to be anything but a rip-roaring success. The novel had all the right ingredients – sex, a lot of sex, Nazis, more Nazis, and a spectacular romantic finale.« Aber das nur nebenbei.)

Vermutlich würden sich »sensible Literaturkritiker wie Marcel Reich-Ranicki« (Willy Theobald) an einem solchen Punktesystem stören. Wenn man aber gar nicht weiß, was die Punkte bedeuten, ist dieses System natürlich als herrliche intellektuelle Spielerei leicht zu rechtfertigen. Dankenswerterweise konnte Willy Theobald auch seine Emphase in der Regel seitengenau verorten: So war er beispielsweise von Andreas Bernards »Vorn« (5 von 5 Punkten) »ab der dritten Seite schwer begeistert«, wohingegen über Philip Roths »Die Demütigung« (4 von 5 Punkten) zu lesen stand: »Dass dieses Buch ein kleines Meisterwerk ist, merkt man erst auf der letzten Seite«, was, wenn man’s genau bedenkt, ja das absolute Gegenteil einer Empfehlung ist.

Ein gewisses Muster ließ sich in »Out of Office« auch immer dann erkennen, wenn von Schauspielern verfasste Bücher rezensiert wurden. So hieß es über »Zehn. Stories«: »Literatur ist ein heikles Feld. Vor allem Schauspieler ernten schnell Häme und Spott, wenn ihre ersten Schritte auf fremdem Terrain zu profan, zu schwülstig oder zu gestelzt erscheinen. Doch Franka Potente bewegt sich mit ihren Kurzgeschichten auf sicheren Wegen«. Und z. B. die »Mittelreich«-Rezension begann folgendermaßen: »Wenn Schauspieler Bücher schreiben, kann es schnell peinlich werden. Diese Gefahr besteht bei Josef Bierbichler nicht.« Trotzdem erhielt Josef Bierbichler überraschenderweise nur 4 von 5 Punkten, wohingegen Franka Potente 5 von 5 Punkten erhielt. Aber das kann ja, wie gesagt, alles mögliche bedeuten.

Bisweilen ersetzte ein einziger Satz aus einer Willy-Theobald-Kritik die Lektüre des Gesamtwerks des rezensierten Autors, zum Beispiel des Gesamtwerks von Nicholson Baker: »Um nicht auf jeder Seite die Wörter Penis, Vagina und Geschlechtsverkehr einzusetzen, benutzte der Autor jede Menge Vulgärbezeichnungen wie ›Schwanz‹, ›Muschi‹ oder ›Ficken‹, schreckte aber auch nicht vor ziemlich merkwürdigen Formulierungen wie ›pochender Höllenhund‹, ›siedender Bienenstock‹, oder ›united Parcel‹ zurück.« Nicht immer aber war der »Out of Office«-Humor so leicht zu durchschauen. Schrieb Alphonse Daudet wirklich ein so grottiges Französisch? Das müsste man mal überprüfen. Oder warum sonst hieß es über Julian Barnes, dass er »auch französische Literatur wie zum Beispiel von Gustave Flaubert und Alphonse Daudet ins Französische übersetzt«? Und warum wurde in der Kritik zu dem Roman »Die Tiere von Paris« (3 von 5 Punkten) diese sonderbare Einschränkung formuliert: »Margit Schreiner ist mit einigen österreichischen Literaturpreisen ausgezeichnet worden – doch der Zugang zu diesem Buch fällt nicht leicht«?

Wie man zumindest in die sichere Nähe eines der bedeutendsten deutschen Literaturpreise kommt, dafür jedenfalls hat Willy Theobald einmal einen goldenen Tipp gegeben, nämlich als er Wilhelm Genazinos »Wenn wir Tiere wären« (5 von 5 Punkten) rezensierte: »Irgendwie entsteht immer der Eindruck, der Autor wandere durch einen Zoo – der eigentlich das real existierende Leben ist – und wundere sich pausenlos über die merkwürdigen Tiere, denen er dort begegnet. Dass es Genazino damit auch auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat, versteht sich von selbst.«

Eine der großartigsten Taten, die die »Financial Timеs Deutschland« vollbracht hat, war aber, dass sie eine sensationelle Parodie auf das Günter-Grass-Gedicht (man kann ja inzwischen praktischerweise im Singular von dem Günter-Grass-Gedicht sprechen, ganz so als ob er in seinem Leben nix anderes geschrieben hätte) als Leitartikel abdruckte. Wer den noch nicht gelesen hat, sollte das möglichst sofort tun, denn in der münsterländischen »Glocke« stand, dass der Webauftritt der FTD »voraussichtlich noch bis zur Jahreswende erhalten« bleibt, also nur noch wenig mehr als zwei Tage. Und wer noch nicht der FTD-Empfehlung, das sagenhafte Wenzel-Hablik-Museum in Itzehoe zu besuchen, gefolgt ist, sollte auch das allerschleunigstens nachholen! Übrigens liegt in einigen Kiosken, nachdem ja aufgrund der großen Nachfrage 30.000 Exemplare nachgedruckt wurden, die »Final Times Deutschland« noch immer aus – das nur zur Info für diejenigen, die sie noch nicht haben oder die noch auf der Suche sind nach einem tollen Neujahrsgeschenk.
 

100-Seiten-Bücher – Teil 45
Peter Hacks: »Zur Romantik« (2001)

Berlin, 28. Dezember 2012, 09:03 | von Josik

Ganz nebenbei erfährt, wer im Biologieunterricht nicht aufgepasst hat, in diesem Buch Erstaunliches über das Sexualleben von See-Elefanten (S. 37f.). Gleich auf der ersten Seite aber legt Peter Hacks los mit einem Zitat aus dem »Spiegel« vom 5. April 1999, also jener Ausgabe, die das berühmte Interview enthielt, in welchem Sandra Bullock sagte: »Ich habe das Surfen aufgegeben. Die Entwicklung der virtuellen Welt hat mich wirklich erschreckt. Da draußen geht es zu wie im Wilden Westen.«

Mein Lieblingssatz in Hacks‘ Romantikbuch ist allerdings der mittlere der folgenden drei Sätze: »Aber auch Johnston hatte Vorgänger in der Kleistforschung. Ich erwähne die Namen. Es sind Reinhold Steig und August Fournier.« (S. 55) Natürlich hätte der Satz »Ich erwähne die Namen« ebensogut weggelassen werden können. Aber gerade das ist ja wahrscheinlich das Tolle an Hacks: dass er diesen Satz nicht weglässt, sondern uns seiner Offenbarungen teilhaftig werden lässt. Eine mir völlig unverständliche Aversion hegt Hacks jedoch gegen den schönen Namen Leberecht und verhunzt ihn sowohl im Falle Karl Immermanns (S. 40) als auch im Falle des Generalfeldmar­schalls von Blücher (S. 69) auf eine ganz entsetzliche Weise.

Das formvollendete Deutsch, das Peter Hacks zu schreiben pflegte, wurde schon oft gelobt. Ein Hacks indes bedarf des Lobes nicht, deshalb wäre es falsch, ihn mit noch mehr Lob zu überhäufen. Vielmehr ist es nun an der Zeit, den nächsten Schritt zu tun und Peter-Hacks-Sätze als Musterbeispiele in Stilfibeln aufzunehmen. Da man aus Platzgründen leider nicht alle Peter-Hacks-Sätze wird nehmen können, wird man auswählen müssen. Ich rate zu diesen beiden: »Später wird es so hergehn, daß […] Hardenberg einen hohen Rang bei den Illuminaten bekleiden wird, während vom Freiherrn vom Stein zu sagen sein wird, daß sein Assistent Carl Wilhelm Koppe […] den Tugendbund […] formen wird.« (S. 64) Und: »Das Buch ist ein sowohl schwul als sadistischer Porno.« (S. 13)

Länge des Buches: > 115.000 Zeichen. – Ausgaben:

Peter Hacks: Zur Romantik. Hamburg: Konkret Literatur Verlag 2001.

Peter Hacks: Zur Romantik. In: Ders.: Die Massgaben der Kunst III. Hacks Werke, Band 15. Berlin: Eulenspiegel-Verlag 2003. S. 5–107 (= 103 Text­seiten).

Peter Hacks: Zur Romantik. Berlin: Eulenspiegel-Verlag 2008. (Zitatgrundlage für oben. Diese Ausgabe erschien zeitlich parallel und seitengleich auch im Konkret Literatur Verlag.)

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

100-Seiten-Bücher – Teil 44
Christian Reuter: »Schelmuffsky«
(Erste Fassung 1696)

Berlin, 22. Dezember 2012, 12:44 | von Josik

Schelmuffskys Curiose und Sehr gefährliche Reißebeschreibung zu Wasser und Land führt ihn von seinem Geburtsort Schelmerode über Hamburg, Altona, Stockholm, Amsterdam, Indien, England, die spanische See und St. Malo wieder zurück über London und die Hamburger Vorstadt nach Schelmerode. Schelmerode ist zwar laut Wikipedia zusammen mit Hunrode, Rumerode, Mackenrode, Auf dem Rode, Schwickschwende und Thunrichsberg eine der Wüstungen, aus denen die Gemeinde Birkenfelde hervorging, mit Schelmuffskys Schelmerode hat das aber eigentlich nichts zu tun.

Es ging auch schon gut los mit Schelmuffsky, dem braven Kerl, denn bei seiner Geburt spielte eine Ratte die Hauptrolle. Dass Oskar Matzeraths Geburt, die ja auch irgendwie seltsam war, mit Schelmuffsky zu tun hat, das hat Grass selber oft erklärt. Allerdings scheint diese Erklärung ein bloßes Vertuschungsmanöver zu sein, wenn es nach der vor ein paar Monaten im Meinungsmedium der Freitag geäußerten Meinung geht, dass der Anfang der Blechtrommel nicht etwa, wie Grass vorgibt, vom ewigen Studenten Christian Reuter inspiriert sei, sondern vielmehr das Plagiat einer Geschichte der später im Kino von Hannelore Elsner verkörperten Gisela Elsner darstelle. »Müssen wir nun mit einer neuen Plagiats-Affaire rechnen?«, heißt es in besagtem Artikel. Gemessen am bisherigen öffentlichen Echo auf die Enthüllung: eher nicht.

Doch wie dem auch sei, ich jedenfalls habe aus meiner etwas zu umfangreich geratenen Privatbibliothek inzwischen über 1.200 Bände verkauft, den hinreißenden Schelmuffsky aber behalte ich natürlich!

Länge des Buches: um die 115.000 Zeichen (?) (erste Fassung, nur 1. Teil erhalten), 259.000 Zeichen (zweite Fassung 1696/97, inkl. dem 2. Teil). – Ausgaben:

Christian Reuter: Schelmuffsky Curiose und Sehr gefährliche Reiße­beschreibung zu Wasser und Land. Gedruckt zu St. Malo. Anno 1696. (120 Textseiten laut Zarnckes Christian-Reuter-Monografie, Leipzig: Hirzel 1884, S. 591. Das einzige erhaltene Exemplar der ersten Fassung liegt in Gotha.)

Christian Reuter: Schelmuffsky. Abdruck der ersten Fassung 1696. Halle/S.: Niemeyer 1885. S. 1–57 (= 57 Textseiten).

Christian Reuter: Schelmuffsky Curiose und Sehr gefährliche Reißebeschreibung zu Wasser und Land. Gedruckt zu St. Malo. Anno 1696. In: Christian Reuter: Schelmuffsky. Abdruck der Erstausgaben 1696[A/B]. 1697. Zweite, verbesserte Auflage hrsg. von Peter von Polenz. Tübingen: Niemeyer 1956. S. 121–174 (= 54 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

Strandlektüre

Jena, 21. Dezember 2012, 08:51 | von Montúfar

Meine Strandlektüre in diesem Jahr war Madame de Staëls »Über Deutschland«, und ich kann sagen, dass dieses Buch als Strandbuch völlig ungeeignet ist. Denn schon an Tag zwei meines Urlaubs löste sich in der salzig-sandigen Meeresbrise die Leimung meiner Paper­backausgabe. Ich hatte von nun an sehr darauf zu achten, dass besagte Brise mir nicht die hellsichtigen Betrachtungen Frau Staëls davontrug.

Da war zum Beispiel zu lesen: Die deutsche »Überlegenheit besteht in der Unabhängigkeit des Geistes, in der Liebe zur Zurückgezogenheit, in einer eigentümlichen Originalität.« Ich blickte über meinen Interpretationssache gewordenen Buchrand auf meine Landsleute hier an der Playa del Inglés und konnte nicht anders als dieser trefflichen Beobachtung vollkommen beipflichten. Doch weil die Form nun einmal den Inhalt von Literatur mitbestimmt, war ich gezwungen, meine Strandlektüre abzubrechen, die Meerluft setzte dem Buch zu arg zu.

Französische Literatur hat es eben in Deutschland noch nie einfach gehabt. Das zeigte sich erst neulich wieder in einem SZ-Artikel (Ausgabe vom 13. November 2012, S. 11), in dem sich Joseph Hani­mann fragt, warum in der zeitgenössischen französischen Literatur vor allem der Erste Weltkrieg immer noch eine so große Rolle spielt. Dass das hierzulande verwundert, liegt auf der Hand. Schließlich schrieb schon Madame de Staël: »Wer sich in Deutschland nicht mit dem Universum befaßt, hat nichts zu tun.«

In der meerfernen Vorweihnachtszeit konnte ich dieses Buch nun problemlos weiterlesen.
 

Kracht, Horzon, Danto

Jena, 19. Dezember 2012, 15:47 | von Montúfar

Als ich gerade Christian Krachts »Imperium« zu Ende gelesen hatte, sah ich in der Danksagung, dass da Rafael Horzon erwähnt wurde. Der hatte ja vor zwei Jahren den Roman »Das Weisse Buch« herausge­bracht, in dem eine Figur namens Rafael Horzon im Berlin der 1990er-Jahre allerlei genialen Unfug anstellt.

Horzon fährt nicht nur eine Zeitlang Pakete aus, zusammen mit einer Figur namens Christian Kracht. Er wird auch Möbeldesigner. Bei der Eröffnungsfeier zu seinem neuen Laden »MOEBEL HORZON«, in dem nur ein einziges Möbelstück, das seit kurzem von Peaches besungene Regal »Modern«, angeboten wird, passiert folgendes:

»Ist das hier eigentlich eine Art Performance?«, fragte mich misstrauisch ein schmächtiger Student, wobei er sich umständlich die Nase putzte. »Und diese Regale, die erinnern mich an diesen Bildhauer … Donald …« »Duck?«, fragte ich arglos. »Und dieses ganze Geschäft, in dem nur ein einziges Regal steht«, fuhr der Student fort, »das ist doch kein richtiges Geschäft! Das ist doch …« »Wissen Sie was«, sagte ich zu ihm und legte ihm väterlich die Hand auf die Schulter, »es gibt ja nun keine objektiven Kriterien dafür, was Kunst ist und was nicht. Und deshalb ist natürlich alles, was ein Mensch zu Kunst erklärt, auch tatsächlich Kunst. Aber genauso gut ist alles, was ein Mensch nicht zu Kunst erklärt, keine Kunst. Und wenn ich diesen Möbelladen nun nicht zu Kunst erkläre, sondern zu einem Möbelladen, dann ist er natürlich auch keine Kunst, sondern ein Möbelladen.«

Damit spielt der Ich-Erzähler Horzon natürlich auf die heute immer noch wirkmächtige Kunsttheorie Arthur C. Dantos an. Verknappend formu­liert, behauptet Danto, dass ein Gegenstand dann zum Kunstwerk wird, wenn ein kunstgeschichtlich beschlagener Kritiker diesen Gegen­stand zu Kunst erklärt. Horzon folgert daraus, dass man dann auch jeden Gegenstand zu dem erklären kann, was er ist, zum Gegenstand.

Das Ergebnis ist ein Roman, in dem eine Figur einerseits Alltagsgegen­stände zu Kunst macht und in dem zitierten Beispiel performance­ähnliche Veranstaltungen zu Nicht-Kunst. Gleichzeitig unterläuft der Text demonstrativ seine Fiktionalität und betont sowieso, dass man es mit der Frage, was Kunst ist, nicht so ernst nehmen sollte. Damit dreht er die kunsttheoretische Schraube, die Danto mit seinen Überlegungen festzurren wollte, um die entscheidende Drehung weiter, die das Gewinde überschnappen und Dantos Theorie ins Leere laufen lässt. Und das alles nicht in Form einer Theorie, sondern als sprachliches Kunstwerk. Sehr gut.
 

Neue Projekte

Hamburg, 18. Dezember 2012, 09:02 | von Dique

Nach hundert gelesenen 100-Seiten-Büchern und dem tausendsten besuchten Buchladen hat Richard Deiss längst neue Projekte in Angriff genommen. Im Rahmen unserer Richard-Deiss-Berichterstattung bringen wir hier kurz eine Auswahl bereits abgeschlossener und noch in Durchführung befindlicher Projekte. Deiss bleibt seinem Motto treu, sich als Geograf großflächig-oberflächlich zu bewegen und nicht zu sehr mit Tiefenschürfungen aufzuhalten (»Sonst wäre ich ja Geologe geworden.«).

Abgeschlossene Projekte:

  • 1.000 Buchläden besichtigt (die Geschäfte wurden mit dem eigens dafür entwickelten Buchladometer gezählt; der tausendste besuchte Laden war »25books« in Berlin)
  • 1.000 Exemplare seines Buchladen-Buchs verkauft
  • 100 Hundertseiter gelesen (obwohl er hierbei getrickst hat: nur 60 der Bücher stammten von unserer Liste, den Rest hat er mit Comicbüchern aufgefüllt, die er dann aber fast alle an einem einzigen Wochenende gelesen hat: »Ich dachte nur noch in Sprechblasen.«)
  • 100 Bootstouren absolviert (die letzte fand kürzlich in Wilhelmshaven statt)
  • 1.000 Bahnhöfe besichtigt (bereits letztes Jahr abgeschlossen)
  • 1.000 Städte besucht (auch letztes Jahr abgeschlossen)
  • 100 Reisebuchläden besucht (Anfang 2012 abgeschlossen)

Noch in Durchführung:

  • 1.000 Kirchen besichtigen (aktueller Stand ist 954; auch die Kirchen werden mit einem eigenen Apparat gezählt, dem Kirch-o-meter; der finale Besuch soll dem Petersdom gelten)
  • 100 Leuten begegnen, über die es eine Wikipedia-Seite gibt (zuletzt Udo Lindenberg auf der Durchreise in Hamburg, ganz klassisch im Hotel »Atlantic«)
  • 1.000 Städte in Deutschland besichtigen (»Dann kann man wirklich sagen, das Land zu kennen!«)
  • 1.000 Bahnhofsbücher verkaufen (aktueller Stand ist 851)
  • 1.000 Bücher verschenken (Stand 785; zur Beschleunigung der Zielerreichung erwägt Deiss, die 100er-Kassette der SuKuLTuR-Lesebändchen zu plündern und einzeln zu verteilen
  • 1.000 Skulpturen besichtigen (»Das Skulpturenziel ist ganz gut, hier kann man bis zu Dutzende bei einem einzigen Spaziergang sehen.«)

Nach Erreichung der genannten 1.000er-Ziele soll es erst einmal keine weiteren geben. Deiss möchte sich dann auf 100er-Ziele konzentrieren und z. B. 100 Stadtmodelle besuchen. Als neues Langfristziel hat er gerade auch ausgerufen, insgesamt 100 Bücher schreiben zu wollen (aktueller Stand: 23). Weitere 100er-Ziele geistern in seinem Kopf herum, haben aber noch nicht den Status der Spruchreife erlangt. Jedenfalls ist die Quelle für neue abenteuerliche Projektideen noch nicht versiegt.

Eigentlich sollte das hier nur eine kurze Sammlung der Sammelsiege und Sammelziele werden. Dann haben wir aber doch noch die offensichtliche Frage gestellt, und hier ist die Antwort:

»Eigentlich hat alles im Jahr 2003 angefangen, als ich zu einer Weihnachtsfeier ein Quiz mit 20 Fragen mitbrachte. Das hat einem Kollegen so gut gefallen, dass ich für ihn im Januar 2004 ein weiteres Quiz gemacht habe, diesmal speziell mit geografischen Fragen. Die hatte er dann sogar alle richtig beantwortet, und in der Woche darauf gab es wieder ein Quiz. So habe ich dann jede Woche ein neues Quiz mit 20 Fragen erstellt, und am Ende des Jahres waren es 1.000 geografische Quizfragen, aus denen später meine ersten Bücher entstanden.

Das brachte mich auf die Idee, jedes Jahr ein Millenniumsziel erreichen zu wollen. 2005 arbeitete ich an Holzpuzzles mit Regionen von Ländern als Puzzlesteinen und sägte 1.000 Regionen aus. 2006 kaufte ich dann eine Buttonmaschine und produzierte 1.000 Buttons, v. a. zu den Namensgebern von EU-Bildungsprogrammen wie Erasmus, Leonardo und Comenius.

Von der Puzzlesägerei habe ich immer noch eine Staublunge und von der Buttonpresserei trage ich Wundmale an den Händen. Einmal presste ich manuell 100 Eurydike-Buttons für eine Konferenz an einem Abend. 2007 kam dann die Idee, 1.000 Beinamen zu sammeln, woraus dann die sieben Beinamen-Bücher wurden. Damit kam auch das Ziel auf, 1.000 Bücher zu verkaufen.

Eigentlich wollte ich in meinem Leben einhundert 1.000er-Ziele erreichen, bin davon aber inzwischen wieder abgekommen. Doch als ich irgendwann feststellte, dass ich schon 750 Buchläden besichtigt hatte, kam wieder ein 1.000er-Ziel in Sicht. Letztes Jahr war dann der Höhepunkt der 1.000er-Manie und ich denke fast mit Grausen an den letzten Sommer zurück, denn kaum hatte ich den tausendsten Buchladen besucht, war ich bald am Bahnhofssammeln (einmal waren es zwölf Bahnhöfe am Tag). Als auch da der tausendste erreicht war, kam das Städtesammeln (acht Städte im Rheinland an einem Tag), und dann musste auch noch die tausendste Bahnhofsanekdote geschrieben werden und zwischendurch wollte ich auch noch 100 Bücher im Jahr lesen.«

Man sieht leicht: Ein Ende unserer Richard-Deiss-Berichterstattung ist nicht absehbar. Während übrigens dieser Bericht hier schlussredaktio­niert wurde, ist das 1.000-Buchelemente-Buch fertig geworden, das unter dem Titel »Plattenbau-Proust und Detroit-Dickens« wie immer bei BoD lieferbar ist. Es enthält u. a. 200 Schriftstellerbeinamen, 100 Zitate und 100 Witze zu Büchern und eine Liste mit den 100 schönsten Buchläden Europas, insgesamt eben 1.000 Informationselemente. Das Buch befindet sich aber in ständiger Überarbeitung und kann, nach Aussage des Autors, im jetzigen Zustand nicht empfohlen werden.