Regionalzeitung (Teil 18)

Leipzig, 27. März 2009, 08:23 | von Austin

 
  86.   stolz auf das Erreichte

  87.   ein breites Spektrum an Unterstützern

  88.   unterm Strich konnten sie das Niveau des Vorjahres

  89.   versprachen die Veranstalter

  90.   eine bunte Palette verschiedener
 

Well Ror’d, Wolf!

Paris, 25. März 2009, 07:37 | von Paco

Mitte Januar hat Martin Krumbholz für die NZZ einen Ror-Wolf-Prosaband aus dem letzten Jahr rezensiert, »Verschiedene Möglichkeiten, die Ruhe zu verlieren«, zusammengestellt von Brigitte Kronauer.

Demnächst folgt eine Rezension desselben Bandes in einer großen deutschen Literaturzeitschrift, deren Redaktion bei Gabriel eine bestimmt geartete Überschrift in Auftrag gegeben hat. Der entprechende Rezensent würde seine Besprechung in einer bestimmten Tonlage und einem genau beschriebenem Anspielungsrahmen verfassen bzw. habe dies schon getan.

Die Überschrift nun sollte auf jeden Fall generisch sein und tendenziell auch andere in den letzten fünf Jahren erschienene Bücher von Ror Wolf mit einbeziehen, die man aus Platzmangel leider nicht habe besprechen können.

Als Gabriel gestern kurz vorbeikam, zeigte er mir en passant seine »errechnete« Überschrift und erklärte mir den »Rechenweg«. Wir trafen uns in einem Café im 5ème, und ich habe nicht mehr alles behalten, es ging irgendwie um die von Ror Wolf vorgenommene Kontraktion von Lautheit, außerdem fielen Begriffe wie Subtilitäts­grad und Reziprozität. Im Moment der Erklärung leuchtete mir das jedenfalls alles ein, auch die Shakespeare-Anspielung machte mehr als Sinn, und beim Anblick der klar gegliederten Überschrift ist die Entstehungsgeschichte sowieso unwichtig:

Well Ror’d, Wolf!

Dieser Titel wird also demnächst eine Rezension einleiten und erfüllt sicher wieder den heiligen Zweck einer Überschrift, prägnanter und vollständiger zu sein als der ihr folgende Text (siehe auch: »Die Vermeesung der Kunst«).

Im Apsley House

London, 23. März 2009, 16:04 | von Dique

Wie von Paco anlässlich des »Lost«-Reviews schon angekündigt, waren wir am Sonntag im Apsley House. Wir erschienen 16 Uhr und wollten uns in einer Stunde schnell die Sammlung ansehen. Denn im Netz und auch auf einem Leaflet steht, dass die bis 17 Uhr aufhaben.

Als wir ankamen, sahen wir einen wütenden Besuchswilligen, der sich mit einer Angestellten in den Haaren lag und voller Rhetorik fragte, wie es denn sein kann, dass die schon schließen, obwohl überall steht, dass das Museum bis fünf offen wäre. Neben ihm stand ein Gentleman um die 60, extrem akkurat gekleidet, Marineblazer, Einstecktuch, eine sehr schöne Krawatte, Oxfordakzent. Wir gesellten uns dazu, gaben vor, extra aus Deutschland angereist zu sein, während der aufgebrachte jüngere Herr und der Gentleman die Dame vom Apsley House in der Mangel hatten. Es war eine fast klassische Good Cop, Bad Cop-Konstellation.

Der Beschwerdeführer wurde immer schärfer, »your apology is not worth a penny to me, where is the director, put him on the phone at once« usw. Und der Gentleman, »why don’t you let us have a quick look for half an hour, everybody is gone, give us one of your staff, we are only interested in the pictures«. Das ging eine Weile so, und dann hat uns die arme Managerin eine 15-Minuten-Tour angeboten, sozusagen eine Speed Tour ganz in unserem Sinn (cf. Madrid, cf. Rom).

Ein Museumswärter begleitete uns vier, wir sahen uns im Schnelldurchlauf die Bilder an, zwei Mal de Hooch übrigens, aber mir gefiel ähnlich wie in der Wallace Collection eigentlich der Nicolas Maes besser, abgesehen von anderen Genres, die haben dort – es ist ja das Wellington-Anwesen, und der First Duke focht in Spanien – ein paar spektakuläre Velázquez‘ und Riberas etc. und eines der besten (vielleicht das beste, wenn man von Arcimboldos Gemüseportrait absieht) Rudolf-II.-Portraits von Hans von Aachen, der in Köln geboren wurde und eigentlich Hans von Köln heißen müsste, egal, ein Kleinod am Rande und »Hauptsache, gut gemalt«, wie es Gerhard Richter neulich im Interview mit der SZ formulierte.

Als wir rauskamen, es war jetzt 16:30 Uhr, fuhr ein Taxi mit drei Japanern vor, welche entsetzt feststellen mussten, dass das Haus schon geschlossen war. »They may never see this collection«, sagte der Gentleman beim Verabschieden.

Lost: 5. Staffel, 9. Folge

London, 22. März 2009, 23:40 | von Paco

Achtung! Spoiler!
Episode Title: »Namaste«
Episode Number: 5.09 (#94)
First Aired: March 18, 2009 (Wednesday)
Deutscher Titel: »Namaste« (EA 4. 6. 2009)
Umblätterers Episodenführer (Staffeln 4, 5 und 6)

(Bevor wir gerade auf Sky1 die neue »Lost«-Folge gesehen haben, waren wir noch kurz im Apsley House, dazu später mehr von Dique.)

Narrativer Rücksprung hinein in den Flug 316. Wir wissen bereits, dass er ordnungsgemäß abgestürzt ist, aber noch nicht genau wie. Die Maschine befindet sich schon im Inselradius und wird augenscheinlich von einem Zeitflash erfasst, daher landen einige altgediente Insulaner (Jack, Kate, Hurley) in den Siebzigern; der Pilot, die Inselneulinge, aber auch Ben, Sun und Locke in der 2008er Gegenwart.

Und Sun hat es wirklich drauf und fragt Piloten-Frank: »What happened?« – »Ähm, wir sind abgestürzt, glaube ich.« Sagt er dann aber nicht, sondern verschnellert das Erzählen durch die Frage: »Where is everyone else?« Frank ist es dann auch, der als erster eine Ansprache an alle anwesenden Überlebenden hält, bla bla, aber Caesar wird sofort laut und macht seinerseits auf Princeps. Er trommelt die Leute zusammen und schlägt vor, die Gebäude und Tierkäfige in der Nähe zu untersuchen (zu sehen in Folge 5.07), und außerdem sei da drüben noch eine größere Insel zu sehen.

Vielleicht ist Frank nach dieser rhetorischen Niederlage eingeschnappt, jedenfalls folgt er Sun, die wiederum Ben in den Dschungel gefolgt ist. Ziel des altgedienten Others-Anführers sind ein paar versteckte Kanus, mit denen er auf die Hauptinsel übersetzen möchte. Die drei geben erst mal ein interessantes neues Team ab, überhaupt sind diese personellen Umgruppie­rungen ja stets ein Highlight der Serie. Auch wenn sich diese Gruppe erst mal wieder dezimiert: Frank warnt Sun vor Ben, aber das ist nicht richtig nötig, denn schon schlägt sie ihn hinterrücks mit einem Paddel den Schädel ein, und mehr sehen wir von ihm in dieser Folge nicht, jedenfalls nicht in der Gegenwart.

Frank und Sun erreichen die Hauptinsel in hoher Nacht und schlagen sich bis zum Dharmadorf durch, das mittlerweile zur Wüstung geworden ist. Dort tritt aus einem Haus Christschen Shephard heraus. Auf Suns dringende Frage, wo ihr Mann sei, zeigt ihr der irgendwie viel zu selbstverständlich auftauchende Jack-Vater ein Foto des 77er Dharma-Jahrgangs, bei dem sich auch Jin befand/befindet. Es folgt ein tradierter Settingwechsel-Effekt: Vom Foto wird ins Jahr 1977 zurückgesprungen, direkt zu dem Moment, in dem das Foto gemacht wurde. Und alle sagen: Namaste!

1977

Also: Willkommen im Jahr 1977! Tao von Critik en séries hat übrigens eine interessante These zur inneren Notwendigkeit des Rücksprungs in die Siebziger: « Pour le moment ça ressemble à un grand complot pour faire durer la série une saison supplémentaire. »

Dieser Folgenstrang beginnt mit der Begegnungsszene, die am Ende der letzten Folge so cliffhangermäßig geendet hat. Hurley greift sich nun Sawyer und umarmt ihn heftigst, woraufhin ihn der Südstaatenslanger freudig mit dem Sobrenombre »Kong« versieht.

Dann erfährt Jin, dass Sun mit im Absturzflug gewesen ist und macht sich auf die Socken zur Flame-Station: »If a plane landed on the Island, Radzinsky will know.« Dieser Radzinsky wurde schon mal kurz in Folge 2.23 erwähnt, er war vor Desmond mit im Hatch stationiert, wo er dann irgendwann Selbstmord begangen hat. 1977 lebt er aber noch, und Jin checkt jetzt bei ihm die Radar-Logs, findet jedoch nichts, stattdessen wird dem Überwachungssystem ein »14-J« gemeldet, ein Hostile, der in das Dharmagebiet eingedrungen ist.

Es ist aber nur Sayid, der also auch in die Vergangenheit gebeamt wurde und immer noch seine Handschellen trägt. Weil dieser Radzinsky mit unterwegs ist, fällt das fröhliche Wiedersehen zwischen Jin und Sayid etwas unfröhlich aus. Radzinsky würde ihn am liebsten gleich umlegen, er vermutet hinter Sayid einen besonders schlimmen Spion der Hostiles. Dann taucht Sawyer alias LaFleur auf und nimmt Sayid mit, gegen Radzinskys Protest.

Um die aufgesammelten Oceanic Three in den Dharma-Korpus zu integrieren, schleust Sawyer Jack, Kate und Hurley zu den neuen Dharma-Rekruten, die gerade per U-Boot eingetroffen sind. Im Dharma-Dorf gibt es dann auch erst mal eine überbordende Welcome-Party für die Neuen. Danach sucht Jack nach Sawyer/LaFleur, Phil weist ihm den Weg und kuckt ganz misstrauisch. Die Haustür wird Jack dann von Juliet geöffnet, sie umarmen sich, obwohl »we’re not supposed to know each other«. Sicher wird Philly das aus irgendeinem Winkel beobachtet haben.

Quoi qu’il en soit, jedenfalls lebt Sawyer jetzt voll seinen sicheren Posten aus. Vorher hatte er gegenüber Juliet schon sein konservatives Manifest verkündet: »I gotta find a way to bring ’em in before somebody else finds ’em and they screw up everything we got here.« Bei Jacks Besuch begegnen wir nun wieder dem Kernthema von »Lost«: sich ändernden, sich invertierenden Machtverhältnissen. Das Thema wurde wieder mal in einen wirklich schön geschriebenen Schlussdialog gepackt:

JACK: So where do we go from here?
SAWYER: I’m working on it.
JACK: Really? Because it looked to me like you were reading a book.
SAWYER: I heard once Winston Churchill read a book every night, even during the Blitz. He said it made him think better. It’s how I like to run things. I think. I’m sure that doesn’t mean that much to you, because back when you were calling the shots, you pretty much just reacted. See, you didn’t think, Jack, and as I recall, a lot of people ended up dead.
JACK: I got us off the island.
SAWYER: But here you are, right back where you started. So I’m gonna go back to reading my book, and I’m gonna think, because that’s how I saved your ass today. And that’s how I’m gonna save Sayid’s tomorrow. All you gotta do is go home and get a good night’s rest. Let me do what I do. (Lässt Jack zur Tür hinaus.) Now ain’t that a relief?
JACK: Yeah.

Es gibt noch einen zweiten Schlussdialog. Ein lieber kleiner Junge bringt Sayid ein Sandwich in die Zelle:

DER JUNGE: Are you a hostile?
SAYID: Do you think I am?
DER JUNGE: What’s your name?
SAYID: Sayid. What’s yours?
DER JUNGE: I’m Ben.
SAYID: It’s nice to meet you, Ben.

Der kleine Benny und spätere Anführer der Hostiles/Others ist also schon damals von dieser Truppe fasziniert. Das letzte Mal haben wir den Teenie-Ben in der Ben-centric episode 3.20 gesehen. In derselben Folge, als etwas erwachsenerer Ben, hat er dann auch sein Massaker an den Dharmas begangen. Daran hat Hurley etwas besorgt erinnert, als er und die anderen von Sawyer zum Dorf gebracht wurden: »You do realize those dudes get wiped out, right?« Aber gut, das liegt von 1977 aus gesehen noch ein paar Jahrzehnte in der Ferne.

Ach ja, mittendrin gibt es eine kleine Szene zwischen Juliet und Amy. Die Neumutter und Horace wollen ihren Spross Ethan nennen, was für ein Fehler, jetzt wird er keine 30 Jahre später leider von Charlie (in Folge 1.15) erschossen werden.

»Travels with Vasari« (BBC4)

Paris, 20. März 2009, 10:24 | von Paco

Neulich gab es wieder so eine kunsthistorische BBC-Doku, diesmal ein 2-teiliges Vasari-Special von Andrew Graham-Dixon (»Travels with Vasari«, 26. 11./3. 12. 2008 auf BBC4). Es geht hier noch unterkomplexer zu als zum Beispiel bei Hughes‘ Caravaggio-Doku von 1975, aber das ist auch ganz genau gut zu.

Vorderhand geht es natürlich um Vasari als Wegbereiter der Kunstgeschichte, als Autor der 1550 bzw. 1568 erschienenen »Vite«, aber auch ein wenig um den Maler und Architekten Vasari. Die Tour beginnt in Arezzo, wo Graham-Dixon zu einem Vasari-Selbstbildnis sagt: »Hey, Giorgio!« Der herrliche G.-D. ist so schön emotionally involved und begeistert, es ist eine wahre Freude. Für einen Kunsthistoriker spricht er ein ziemlich abenteuer­liches Italienisch, aber er nimmt’s mit einem lachenden Auge, spielt auf Understatement und ist mit dieser komischen Art von Begeisterung unterwegs.

Und man sieht viel, er reist durch ganz Italy, ist überwiegend aber natürlich in Florenz, das er »a Renaissance New York« nennt. Zur Einschätzung von Vasaris künstlerischer Produktion nutzt er eine weitere fürs moderne Publikum gedachte Vergleichsziehung: »He could almost be described as a kind of Andy Warhol of his time because he was a pioneer of studio mass production employing a factory of apprentices to help him carry out his major commissions.«

Am Ende des 1. Teils bekommen wir sogar einen Blick in den berühmten Vasari-Korridor geschenkt, in den man ja nicht so ohne Weiteres hineinkommt. G.-D. nun wird von einer »less than talkative lady called Rita« hingeführt und scherzt munter drauf los. Er bleibt vor einem wirklich ziemlich ungewöhn­lichen Selbstbildnis von Nicolas van Houbraken stehen: Der Maler schaut klein und verdruckst aus dem halbdunklen Zentrum eines übergroßen Blumenkranzes heraus. Und Graham-Dixon sieht sich das belustigt an und imitiert einen grabenden Maulwurf: »Hello, let me out, I’m a still-life painter!«

Auch sonst bekommen wir ein paar seltene Einblicke. In der St. Giovanni Evangelista in Parma steht ein Gerüst für eine laufende Restaurierung, und da können wir auch noch schnell mit rauf. Und dann darf G.-D. auch noch allein in die Sixtinische Kapelle hinein, in der wir uns neulich zum Abschluss unserer Speed-Tour durch die Vatikanischen Museen schnell durch die üblichen Menschenmassen schlagen mussten, um in der Zeit zu bleiben.

Regionalzeitung (Teil 17)

Leipzig, 19. März 2009, 10:05 | von Austin

 
  81.   auch für 2009 haben sie bereits einiges in petto

  82.   war der erste Gratulant

  83.   der Saal tobte

  84.   bei einem schönen Stück Kuchen

  85.   erreichten uns zahlreiche Zuschriften
 

Mit Dank an K. F. für die gesamte 17. Lieferung.

Die FAS vom 15. 3. 2009:
Der Satz von Voltaire

Paris, 18. März 2009, 11:35 | von Paco

Bis heute lief der Salon du Livre (Gastland: das schöne Mexiko), daher hatte ich bis jetzt noch keine Zeit für die FAS. Ich hatte am Sonntag nur schnell das hervorragende Porträt über Alfred Neven DuMont gelesen, geschrieben von Franz Josef Görtz (S. 59). Es war zu Recht auf der Frontseite der FAS verlinkt, sonst wäre es vielleicht an mir vorbeigegangen, denn anders als Denis Scheck lese ich nicht zuerst den Gesellschafts-Teil, wo kommen wir denn da hin!

Höhere Wesen befahlen: Gómez Dávila abwatschen! Und genau das macht dann Peter Richter gleich am Anfang seines Sigmar-Polke-Artikels (S. 28), in dem es dann aber hauptsächlich um eine mehretappige S.-P.-Ausstellung in Hamburg geht (mit den »Kleinbürger«-Gouachen aus den Siebzigern).

In der MRR-Rubrik diesmal u. a. diese Frage:

Es interessiert mich die Frage sehr, was Bernhard hinter all seinen Werken wirklich sagen wollte?

Diese Formulierung ist einfach so so so herrlich, jede Antwort darauf kann nur schlechter ausfallen. Überhaupt könnte man in Zukunft nur noch die Fragen an MRR abdrucken, keine Antworten mehr, also à la »Der Freund« und seiner unvergessenen Rubrik »Briefe, die wir noch nicht beantwortet haben«.

Für die »Medien«-Seite hat Andreas Rosenfelder ein Interview mit Peter Scholl-L’Amour geführt (S. 37). Nachdem der alte Kämpe neulich in den »3 nach 9« wegen eines blutigen argumentatorischen Anfängerfehlers sehr leiden musste (»Ich wurde in die Falle gelockt«), darf er hier wieder mal anhand von geschickt zugeworfenen Stichworten seine Biografie runtererzählen, wie immer sehr gut zu lesen.

Highlight dieses Feuilletons war ein Henning-Ritter-Artikel (S. 36). Kat Menschik hat diesen mit einem dreigesichtigen Rosa-Luxemburg-Porträt verziert, daher dachte ich zuerst, es handele sich um einen Vorabdruck aus Dietmar Daths im Juni erscheinender R.-L.-Biografie. Es ging dann aber um einige Implikationen des Satzes von der Freiheit der Andersdenkenden, der so ähnlich auch von Voltaire überliefert ist bzw. eben gerade nicht.

Ritter weist noch mal darauf hin, dass Peter Gay darauf hingewiesen hat, dass der Voltaire zugeschriebene Satz aus dem Voltaire-Buch einer amerikanischen Hausfrau stammt, die darin sozusagen in Figurenrede Voltaires Position zusammenfassen wollte. (Recap, dort steht: »›I disapprove of what you say, but I will defend to the death your right to say it,‹ was his attitude now.« [cf. WP])

Und ach ja, in der Handke-Rezension von Michael Martens gibt es noch diese schöne Formulierung: »Schon vor langer Zeit reisten deutsche Dichter, die meisten heute unbekannt, bis zur Ungooglebar­keit, …« (S. 32).

Usw.

Die Raupe Bundesrepublik

Konstanz, 17. März 2009, 19:37 | von Marcuccio

Haben Kinderbuch-Exegesen gerade Konjunktur? Erst Maula und der Mondvogel: die Parabel auf das Feuilleton und seinen größten Fan, den UMBL. Und jetzt die »Kleine Raupe Nimmersatt« als Gleichnis auf die Geschichte der BRD. Diese Lesart liefert Florian Illies im Feuilleton-Aufmacher der aktuellen »Zeit« (»Jahrgang 1929«, Nr. 12/2009, S. 45). Für Illies erzählt die Kleine Raupe Nimmersatt von Eric Carle

»im Kern nicht weniger als die Geschichte der Bundesrepublik. Sie beginnt in kalter Mondnacht, auf einem kahlen Blatt – die Bilder­buchversion der Stunde null. Dann frisst sich die nimmersatte Raupe durch die Torten und Würste des Wirtschaftswunders, vor Selbsthass und Völlegefühl rettet sie dann die Öko-Bewegung. Mit den grünen Blättern im Bauch kann sie sich selbstvergessen ver­puppen (späte achtziger Jahre), um dann, Wiedervereinigung, als schöner Schmetterling neugeboren zu werden. ›In dem Buch‹, so sagte Carle einmal, ›steckt die Hoffnungsbotschaft: Ich kann auch groß werden.‹ Man könnte auch sagen: Die Raupe Nimmersatt – oder ›Du bist Deutschland‹.«

Carle ist übrigens Jahrgang 1929, Illies‘ ganzer Artikel geht über den Jahrgang 1929 und die Frage, wie er »das geistige und kulturelle Nachkriegsdeutschland auf einzigartige Weise geprägt hat«. Als Raupe geprägt hat. Illies stützt diese These auch durch »James Last, Jahrgang 1929, der tatkäftig mithalf, die Raupe Bundes­republik in einen sanften Klangteppich wie in einen Kokon einzu­wickeln«. So wurde die alte BRD auf »wundersame Weise impräg­niert gegen jede Unbill der Wirklichkeit«.

Mehr Raupenhermeneutik ist leider nicht – wann spinnt Illies seine herrlichen entwicklungsbiologischen Erkenntnisse zum Adultsta­dium der BRD weiter, wann verpuppt er diesen »Zeit«-Artikel zu einem Buch? »Generation Raupe« könnte der nächste Bestseller sein.

Watchmen, Låt den rätte komma in, Revanche

Hamburg, 16. März 2009, 15:19 | von San Andreas

Vor Monaten schon hatte der Umblätterer geargwöhnt, ob die »Watchmen«-Verfilmung ihrer Vorlage das Wasser würde reichen können. Ob Zack Snyder, Schöpfer der Schlachteplatte »300«, der Komplexität der Graphic Novel habhaft werden könne, an der die Herren Gilliam und Greengrass schon gescheitert waren. Ob der Film es fertig bringen würde, sowohl den haushohen Ansprüchen kritischer Fans zu genügen als auch unbedarften Kinogängern zu gefallen. Ob er vielleicht sogar Cineasten zu entzücken vermögen würde.

Die Antwort auf diese Fragen ist schlicht, und sie lautet: Ja. »Watchmen« ist ein ausladendes (163 Min.), kompromissloses (FSK 16) Comic-Epos geworden, das seinen Anspruch zu guten Teilen einlöst und sich dem Zeitgeist nicht über Gebühr anbiedert. Das Material bekommt kein Update verpasst wie etwa den dadurch zugrunde gerichteten »The Day the Earth Stood Still«, sondern verströmt konsequent den Vibe der Achtzigerjahre – komplett mit Kaltem Krieg, furchtbaren Frisuren und »Neunundneunzig Luftballons«.

Die Geschichte verbiegt diese Nostalgie freilich in Richtung einer alternate history, in der abgesägte Superhelden eine Verschwörung weltbewegenden Ausmaßes aufdecken, deren Urheber je nach Standpunkt als pragmatischer Retter oder als zynischer Macht­spieler gesehen werden kann.

Ambivalenzen dieser Art verzwickmühlen das Geschehen, und auch sonst bürstet der Film angenehm gegen den Strich. Er drängt einem ausgemachte Kotzbrocken als Identifikationsfiguren auf, schwelgt in ausgedehnten Flashbacks und traumartigen Dialogen. Gut, da kopiert der Film einfach mal die Vorlage, aber das ist sein Glück. Alan Moores Ergüsse sind zwar sperrig, gar unbequem – aber eben gut.

Auch visuell verlässt sich der Film auf die Vorarbeit des Originals. Die Panels von Dave Gibbons strotzten vor Details, ihre Abfolge vermittelte den Eindruck von Kamerabewegungen, bündelte Handlungsstränge in raffinierten Parallelmontagen. All das packt der Film mit hohem Aufwand in bewegte Bilder – wahnsinnig originell ist das kaum, hat aber trotzdem seinen Reiz.

Snyders Akribie verrät seine Leidenschaft, und auch wenn er vereinzelt dramatische Momente durch allzu harte Effekte versemmelt – seine Figuren entwickeln Charakter, ebenso wie der Film in seiner Gänze. Er wird nicht den ideologischen Einfluss haben wie seinerzeit die papierne Ausgabe (deren Gewicht sich längst in der Kinowelt niedergeschlagen hat), aber was filmische Umsetzungen von Comic-Großtaten angeht, muss man wohl sagen: This is as good as it gets.

*

Ähnliches kann man sagen über »Låt den rätte komma in« (nach Morrisseys »Let the Right One Slip In«, dt. Titel »So finster die Nacht«), den Vampirfilm, der still und heimlich aus der Kälte Schwedens gekommen war und ohne Vorwarnung das Genre umgekrempelt hat. Vierzig Preise hat er eingeheimst, vereinzelt läuft er noch in den Kinos.

Dem Vernehmen nach ist es Zufall, dass der Film gerade in Zeiten einer regelrechten Vampir-Hochkonjunktur erscheint. Aber während die »Underworld«-Saga mit einem unrühmlichen Prequel aufwartet, »30 Days of Night« im dunklen Alaska ein unausgegorenes Gemetzel ausrichtet und »Twilight« Vampir-Klischees in einer Girlie-Soap verwurstet, kommt »Låt den rätte komma in« gänzlich originell daher.

Allerdings trägt der Film diesen Anspruch nicht vor sich her; er beeindruckt weder über clevere Stilisierung oder radikale Neuerungen – vielmehr über Auslassung. Keine Karpatenschlösser, keine uralten Clans und Fehden, kein Knoblauch und keine Holzpflöcke.

Auch die sonst gern genommenen sexuellen Konnotationen des Leben raubenden Kusses fallen weg, denn es sind rein freund­schaftliche Bande, die Eli, unsere 12-jährige, bewusst androgyn gehaltene Vampirfigur, mit dem Nachbarsjungen flicht. Diese kindlich-unschuldige Perspektive verleiht dem Film eine Poesie, die inmitten des profansten aller Settings – einer dunkel-kalten Neubausiedlung – eine eigentümliche Wirkung entfaltet.

Ab und an müssen allerdings lebende Menschen angezapft werden, das bringt das Vampirdasein nun mal mit sich. Aber auch hier hält die Regie das Splatter-Potenzial im Zaum, dosiert sparsam und unaufgeregt. Und wenn sich dann doch in einer schockierenden Eruption von Gewalt offenbart, wie weit Eli für den neuen Freund zu gehen bereit ist, dann passiert das an einem Ort, wo schon immer der beste Horror stattfand: im Kopf des Zuschauers.

*

»Revanche« hieß der österreichische Oscar-Kandidat dieses Jahr, und obwohl sein Aufhänger eine oft gesehene Thriller-Prämisse ist, entpuppt sich der Film als angenehmes Korrektiv zu sattsam bekannten Formelkino. Unaufdringlich rollt die Geschichte an, treibt sich in schmuddeligen Wiener Seitenstraßen herum und pirscht sich heran an Alex, still verzweifelnder Handlanger im Rotlichtmilieu.

Der als Befreiungsschlag gedachte Banküberfall geht nicht gut aus, alle Pläne sind auf einmal nutzlos, und die drängende Frage lautet: Wer ist schuld? Opfer- und Täterrollen sind nicht ganz klar, Affekt und Bedacht ringen um die Vorderhand. Der Film macht Ahnungs­lose zu Mitwissern, lässt sie zwischenmenschlich anbandeln und schaut, was passiert.

Da hat sich die Handlung bereits aus der Stadt in die abgewetzte Idylle eines Bauernhofes zurückgezogen, dort kann der kauzige Großvater auch Hilfe gebrauchen. Und wenn Alex die zehnte Charge Holz mühsam beherrscht verhackstückt, erinnert man sich an den Titel des Films und fragt sich: Will there be blood?

Lost: 5. Staffel, 8. Folge

Paris, 15. März 2009, 22:32 | von Paco

Achtung! Spoiler!
Episode Title: »LaFleur«
Episode Number: 5.08 (#93)
First Aired: March 4, 2009 (Wednesday)
Deutscher Titel: »LaFleur« (EA 28. 5. 2009)
Umblätterers Episodenführer (Staffeln 4, 5 und 6)

Jaaaaa! Endlich!!! Die Statue!!!!! Die mit den vierzehigen Riesenfüßen!!!!!!! Sie ist nur von hinten zu sehen und nur aus der Ferne und nur ganz kurz, eine Art Koloss von Rhodos mit ägyptisierenden Einschlägen. Sind die Zeitreisen also doch zu was gut, hehe. Ansonsten geht es in dieser Folge aus der Sicht der Inselverbliebenen um die drei Jahre, die die Oceanic Six fern der Insel verbracht haben. Sie wurden nach dem Kurzaufenthalt in archaischer Zeit ins Jahr 1974 zurückgebeamt, wo sie den damaligen Dharmas begegnen, mit denen sie bis 1977 auf der Insel leben.

1974

Es geht zunächst weiter da weiter, wo die vorvorletzte Folge geendet hat, diesmal nicht unterirdisch mit Locke, sondern ober­irdisch mit den übrigen. Sawyer sieht nach dem Zeitsprung nur noch das Seil, an dem sich John abgeseilt hatte, im Boden stecken. Jetzt brüllt er »no! no! no!«, als ob Locke sein bester Kumpel gewesen ist. Dann sehen sie kurz die Vierzehen-Statue, werden aber auf dem Zeitstrahl gleich weitergeschossen, da Locke in seiner Unterirdischkeit am Inselrad dreht.

Mit offenbar gutem Ausgang: »I think it’s over«, sagt Juliet. Alles ist wieder super in Ordnung, scheint’s, Locke hat’s gerissen. Nun wollen die Inselverbliebenen warten, bis Locke zurückkehrt, »as long as it takes«. Sie finden Faraday, allerdings ohne Charlotte, denn »she’s gone … she’s dead«. Der Physikus ist etwas weinerlich ob des Verlustes, bestätigt aber, dass es mit den Zeitsprüngen jetzt vorbei ist. »Wherever we are now, whenever we are now, we’re here for good.«

Auf dem Weg zum Strand werden sie dann Zeugen einer Gewalt­szene und entschließen sich rasch zu handeln. Sawyer und Juliet erschießen, in Notwehr, zwei unbekannte Typen, die eine um ihr Leben schreiende Frau gefesselt hatten und diese offenbar hinrichten wollten, genau wie ihren bereits hingestreckten Husband. Die auf diese Weise Gerettete ist Amy, der wir 3 Jahre später wieder begegnen werden.

Sie schlägt vor, die beiden getöteten Spitzbuben zu begraben, »we have to, the truce!« Dann marschieren alle von dannen, bis sie den Sonarzaun erreichen. Amy gibt dann vor, den Mechanismus zu deaktivieren und überschreitet die Linie. Als die anderen ihr nachkommen, fallen sie jedoch ausnahmslos in Ohnmacht, geplanterweise.

Dann wacht Sawyer auf und wird von Horace interviewt. Dieser ist nicht undankbar für die Rettung Amys, möchte aber, dass die Frischlinge so schnell wie möglich mit dem (damals noch nicht von Locke zerstörten) U-Boot nach Tahiti verbracht werden. Sawyer hat ihm derweil vorgeflunkert, sein Name sei LaFleur (später zu den anderen: »It’s Creole, I had to improvise!«) und er sei Kommandant eines Bergungsschiffs gewesen, dass in einen Sturm geraten und gekentert sei.

Irgendwann taucht Richard Alpert auf, die von Sawyer und Juliet erledigten Unsympathen waren also Others. Deswegen ist jetzt die Waffenruhe zwischen den Others und den Dharmas in Gefahr. Sawyer entwickelt Leader-Qualitäten und erzählt Alpert die ganze »Lost«-Story. Richard spricht nur auf das an, was für ihn nicht in der Zukunft liegt.

Juliet will übrigens die Gelegenheit ergreifen und in 2 Wochen mit dem U-Boot die Insel verlassen, obwohl es, verdammt noch mal, fucking 1974 ist: »It’s not a reason not to go«, sagt sie erst, steht dann aber davon ab, wir sehen sie auch im »Three Years Later«-Teil der Handlung wieder:

1977

Der 1977er Erzählstrang dieser Folge beginnt mit zwei Dharma-Angestellten plus Konkubine in einer Überwachungsstation (einer davon ist Patrick Fischler, der bei den »Mad Men« sehr bravourös den unerträglich sarkastischen Komiker Jimmy Barrett spielt). Im Gespräch werden Eisbären und ihre Käfige erwähnt, somit wird also auch dieses magische Element (Folge 1.02!) profanisiert, es wird sich also bei den polaren Raubtieren um Mitbringsel zu Testzwecken gehandelt haben, wie langweilig.

Plötzlich zeigt einer der Überwachungsmonitore ein Problem an: Horace Goodspeed wirft in der Nähe des Sonarzaunes volltrunken mit Dynamit um sich. Die Dharmas holen ihren Chef, einen Typen namens LaFleur, und tadaaa: Es ist Sawyer, der irgendwie jetzt laut seinem Dharma-Anzug »Head of Security« ist und so eine kassengestellige Beamtenbrille trägt. Das ist eine ziemlich waghalsige Drehbuchentscheidung, durch diesen Figurentwist wird die Figur Sawyer ganz schön angekratzt, also hoffen wir, dass diese Nebenstory nicht nur zur Lückenfüllerei dient.

Der besoffen im Gras liegende Horace, der später beim Massenmord an den Dharmas mit umkommen wird, haben wir zuletzt u. a. in 4.11 mit den Augen von Locke als magische Erscheinung gesehen. Er wird jetzt von den anderen eingesammelt und offenbart sich später: Er habe sich aus Eifersucht zugesoffen, weil seine Amy immer noch dieses Ankh-Kreuz aufbewahrt, eine Erinnerung an ihren vor 3 Jahren von den Others getöteten Mann Paul. Amy hat inzwischen übrigens mit Juliets Hilfe per Kaiserschnitt ihr Baby entbunden. Sicher handelt es sich dabei um einen schon bekannten Main Character, die Vermutungen sind zahlreich: Jacob? Ethan? Desmond? Karl? Irgend jemand vom Flight 815?

Das wichtigste Ergebnis der 3 bei den Others verbrachten Jahre ist aber die Beziehung von Juliet und Sawyer. Sie sind jetzt ein Paar, ihr »I love you« wird von seinem »I love you, too« erwidert. Sawyer riecht sogar ganz klischeehaft an einer frisch gepflückten Blume (hence the name: LaFleur), die er mit nach Haus bringt, wo Juliet schön Pasta gekocht und eine Flasche Dharma-Rotwein bereitgestellt hat.

Der Link zu Goethes »Wahlverwandtschaften« war neulich also doch gar nicht so abwegig. Das Beziehungsviereck Jack–Kate–Sawyer–Juliet entspricht ungefähr dem von Goethes Roman, auch darin gruppieren sich die Beziehungen vierer Liebender in ähnlicher Weise um. Ok, wo ich hier Goethe-Vergleiche ziehe, fühlt sich Tao von Critik en séries bei seinem Recap der Folge eher an »Melrose Place« erinnert, hehe.

Wie auch immer, zum Ausklang wird die gerade gesehene Folge handlungstechnisch noch mit der vorletzten Folge zusammen­getackert: Sawyer trifft in Küstennähe auf Jack, Kate, Hurley und Jin. Ein Blickekonzert, niemand spricht, Ende.