Lost: 5. Staffel, 7. Folge

London, 14. März 2009, 19:32 | von Dique

Achtung! Spoiler!
Episode Title: »The Life and Death of Jeremy Bentham«
Episode Number: 5.07 (#92)
First Aired: February 25, 2009 (Wednesday)
Dt. Titel: »Leben und Tod des Jeremy Bentham« (EA 21. 5. 2009)
Umblätterers Episodenführer (Staffeln 4, 5 und 6)

Zeitreisen macht’s möglich, John Locke trifft Caesar! Wir kennen Letzteren schon vom Sehen, aus dem Flieger Nr. 316, der auf Befehl von Eloise Hawking die Oceanic Six zur Insel zurück­bringen sollte. Nach den ganzen Physikern und Philosophen bekommen wir nun einen der beliebtesten Diktatoren aller Zeiten vorgesetzt. Und langsam könnte beim Namedropping mal weniger mehr sein.

Diese Folge beginnt sehr dunkel: mit Caesar und Ilana, der anderen Neuen mit Hauptrollenpotenzial, in einer der verlassenen Dharma-Stationen auf der Nebeninsel. Weiter geht es am Strand, wo ein Mensch mit heruntergezogener Kapuze sitzt, umringt von Leuten. Es ist Nacht, im Hintergrund brennt ein Lagerfeuer, und Caesar nähert sich der Szenerie mit dem umringten Kapuziner.

Wieder so ein typischer »Lost«-Moment, wir sehen jemanden von hinten, ein bisschen zu gewollt versteckt, wir wissen noch nicht, wer es ist, ahnen es aber schon. Caesar stellt sich dem Unbekannten vor: »Hello, my name is Caesar, what’s yours?« Und dann gibt die Kamera den Mann unter der Kapuze frei: »My name is John Locke.« Allein dieser Dialog ist so wahnwitzig und gleichzeitig so gut und so schlecht, dass ich ihn noch mal aufschreiben muss:

–Hello, my name is Caesar, what’s yours?
–My name is John Locke.

Der Dialog könnte im selben Wortlaut auch in einer Irrenanstalt stattgefunden haben, hehe.

Aber genug der Späße, Locke lebt, das kommt nicht überraschend. Und mit dem lebendigen John Locke kommt diese Folge fast im klassischen Stil daher, sie widmet sich fast gänzlich einer Figur, in Vergangenheit, Zukunft und/oder Gegenwart. Es gibt noch stärkere Referenzen auf das Old-School-»Lost«, die erneute Bruchlandung auf der Insel, ein Flugzeugwrack am Strand, dieses Mal scheinbar noch fast intakt, die Suche nach Passagierlisten.

Dann wird uns nach und nach erzählt, wie es Locke nach dem Drehen des Glücksrads ergangen ist. Da er nun wieder glücklich auf der Insel angelangt ist, sehen wir ihn zur Einleitung in eine Mango beißen, und es ist nach eigenem Bekunden die beste Mango, die er je hatte. Vor dem Hintergrund, dass John »Lazarus« Locke gerade eine Auferstehung von den Toten hinter sich hat, ist das natürlich nur allzu verständlich, hehe.

Der Inselneuling Ilana will wissen, wer Locke jetzt gleich noch mal ist, da er nicht mit im Flugzeug gewesen sei, aber Locke weiß selber nicht so richtig, wie ihm geschah. Als sie ihn fragt, woran er sich erinnern kann, antwortet er: »You asked what I remembered. I remember dying.« Kurioserweise bricht die Konversation hier ab, Ilana entfernt sich nach dieser Aussage, vielleicht war sie ihr einfach etwas zu theatralisch.

Dann geht’s zurück in die Vergangenheit, wir sehen Locke wieder an dem papieren wirkenden Drehrad und hören noch einmal (schon wieder) den mittlerweile berühmten Dialogfetzen zwischen Locke und dieser Schimäre von Jacks Vater, Christian Shepard. Locke solle doch bitte seinen Sohn grüßen, worauf Locke konsterniert zurückfragt: »Who is your son?«

Und nun beginnt der Erklärungsteil. Locke liegt mit gebrochenem Bein in der Wüste, und auf ihn ist eine kleine Kamera gerichtet. Eine Horrorszene à la Hitchcocks »North by Northwest«, klarer Himmel, Tageslicht, weiter Blick, das Gegenteil einer dunklen, gruseligen Schreckensszenerie, würde da nicht plötzlich ein Flugzeug im Tiefflug Dünger über einem abwerfen, oder wäre da nicht, wie in diesem Falle, diese fiese kleine Kamera auf Locke gerichtet. So schmort er einen ganzen Tag vor sich hin, denn erst im Dunkel der Nacht wird er abgeholt und in einer »ER«-mäßigen Szene wieder zusammengeflickt.

Geweckt wird er von Charles Widmore, der an seinem Bett hockt: »John! John, wake up!« Und er erzählt ihm dann gleich von seinem Kampf gegen Ben. Wieder eine schöne Propagandaszene, denn es ist immer noch nicht klar, wer hier der Gute, wer der Böse ist. Widmore scheint nicht in alle Inselgeheimnisse eingeweiht zu sein, jedenfalls zeigt er sich etwas überrascht, dass John genauso aussieht wie vor etlichen Jahrzehnten, als der damals noch 17-jährige Others-Jüngling Widmore ihm kurz auf der Insel begegnet ist. Für den Zeitreisenden John sind seitdem jedenfalls nur 4 Tage vergangen.

Widmores weitere Ausführungen dienen glücklicherweise zum Handlungsprogress, so wie in der vorhergehenden Folge die ziemlich lächerliche Rede von Eloise Hawking, die, das muss man immer mal wieder erwähnen, ja Faradays Mutter ist, hehe. »That’s the exit«, sagt Widmore über den Ort in der tunesischen Wüste, an dem Locke nach seinem Rendezvous mit dem blinkenden Drehrad wieder aufgetaucht ist. Dieser Ausgang muss in 4.09 auch Bens Ankunftspunkt gewesen sein, bevor er kurz entschlossen zwei Einheimische platt gemacht hat. Damals hatte Widmore aber noch keine Kamera installiert.

John gesteht gegenüber Widmore nicht sofort, dass er die anderen zurück auf die Insel holen will und ist überrascht, als ihm Widmore dafür dann seine uneingeschränkte Hilfe anbietet. Und zwar darum: »Because there’s a war coming, John. And if you’re not back on the Island when that happens, the wrong side is going to win.«

Da Locke ja offiziell gar nicht mehr am Leben ist, überreicht ihm Widmore einen Pass auf den Namen: Jeremy Bentham. Er thematisiert dann zum ersten Mal immanent die ambitionierte Namensgebung der »Lost«-Autoren: »He was a British philosopher. Your parents had a sense of humor when they named you, so why can’t I?« Berechtigte Frage.

Kurz darauf verbricht Widmore ein weiteres schlimm-schönes Zitat: »The island needs you, John. It has for a long time.« Die Warum-Frage wird dann mit einem Zirkelschluss beantwortet: »Because you are.« Der ultimativen Sterbeprognose von Richard Alpert wird von Widmore widersprochen, vielleicht muss Locke also gar nicht sterben, vielleicht war das nur ein Bluff, ein Test.

Nun sucht Locke nacheinander alle entkommenen Losties auf, angefangen bei Sayid, den er beim Dachdecken in der Dominikanischen Republik erwischt, wo er ein ganz passables Spanisch spricht. Für seine Rückholaktionen wurde Locke übrigens ein Assistent zur Verfügung gestellt, Matthew Abaddon, welcher sehr stark an den berühmten Haitian aus »Heroes« erinnert.

Die nächste Station ist New York City, wo Locke auf den mittlerweile baumhoch gewachsenen Walt trifft. Es gibt nur eine kurze Unterhaltung, einen quick catch-up, versetzt mit etwas Esoterik, denn Walt hat ein paar Mal komisch von Locke geträumt. Er fragt noch schnell nach seinem Vater, den er seit 3 Jahren nicht gesehen hat.

Dann zieht es Locke zu seiner Ex-Geliebten, Helen, doch der Haitian präsentiert ihm nach zunächst vagen Aussagen über ihren Verbleib nur noch ihr Grab. Nach einer Diskussion über den Sinn des Lebens blockt der Haitian irgendwann mit einem Zitat aus »Eastern Promises« ab: »I am just your driver!« (allerdings ohne Viggo Mortensens berühmten Nachsatz »I go left, I go right«), und es geht dann auch Eastern-Promises-mäßig weiter, der Haitian wird erschossen, und Locke will im angeschossenen Auto fliehen, kracht irgendwo dagegen und erwacht im Krankenhaus, behandelnder Arzt: Jack.

Dann gibt es in der Irrenanstalt in Santa Rosa noch ein Intermezzo mit Hurley. Er hält Locke zuerst für eine unwirkliche Traumgestalt und will ihm nicht glauben, dass er real ist. Aber dann fragt er ein paar Bystanders: »Am I talking to a dude in a wheelchair right now?« Und in der Tat macht er genau das, schockierend für ihn, und Lust, auf die Insel zurückzukommen, hat er auch nicht. Auch Kate lehnt dankend ab.

Etwas früher in der Folge hat Locke zu seinem Haitian-ähnlichen Gehilfen gesagt: »I only need to convince one. And if I can do that, the rest will come.« Ist das sein Plan mit dem Selbstmord, er springt über die Klinge, um diesen einen zu überzeugen, also Jack, den pragmatischen Leichtgläubigen? Aber ich greife schon wieder etwas vor bzw. zurück, denn wir wissen ja schon, was kommt und kennen den verzweifelten bärtigen Jack vom Ende der 3. Staffel.

In einer langen Szene schreitet John zur Tat, behutsam bereitet er sich vor. Als er seinen Kopf dann endlich in die Schlinge legt, erscheint Ben und verwickelt den Todesmutigen in einen mephistophelischen Dialog. Locke erinnert dabei an den grüblerischen Christus in Scorseses »Last Temptation of Christ« und lässt sich retten. Ben ist aber auch ein rhetorischer Teufels­kerl: »John, you have no idea how important you are! Let me help you!«

Doch dann endlich wieder mal ein Knalleffekt à la Ben: Nachdem John den Namen ›Eloise Hawking‹ erwähnt hat, erwürgt Ben den armen Locke in einer ziemlichen Übersprungshandlung mit dem Kabelband. Da ist er wieder, der skrupellose Ben, der sich ohne zu zögern die Hände schmutzig macht, was auch immer der Grund dafür gewesen sein mag.

Vielleicht räumt er hier auf einer ganz oberflächlichen Ebene einfach den Nebenbuhler aus dem Weg. Aber es ist wohl reiner Pragmatis­mus und nicht fehlende Zuneigung. Bevor er geht, schickt er seinem Opfer noch einen netten Abschiedsgruß hinterher: »I’m gonna miss you, John. I really will.«

Soweit der Rückblick auf Lockes Werdegang. Im Rahmen der Inselhandlung lässt sich Locke gegenüber Caesar dann ein bisschen über seine Vergangenheit aus, ohne groß Details zu erwähnen. Im Gegenzug erzählt ihm Caesar von den Mysterien an Bord des später abgestürzten Flugzeugs. Der Dicke mit dem Lockenhaar, also Hurley, sei zum Beispiel einfach so verschwunden, als das Flugzeug anfing sich wild zu schütteln.

Der Pilot, also der ehemalige Chopper-Flieger Frank, ist zwar offenbar ordnungsgemäß mit abgestürzt, sei dann aber samt Passagierliste in den Busch gerannt. Und dann erzählt Caesar von den Verletzten, und John will gleich hin, und dort liegt jemand auf einer Liege, eingerollt, wieder der »Lost«-typische Spannungsaufbau, nicht zu sehen, bis ihn dann endlich die Kamera ins Visier nimmt. Es ist Ben, wieder eher in hellerer Inselkleidung, also kein schwarzer Düsterlook mehr, und Caesar fragt Locke: »You know him?« – »Yeah, he’s the man who killed me.«

Die Folge endet also mit einem Paradebeispiel für ein Epimenides-Paradoxon, was nicht so originell und auch ein bisschen lächerlich ist, aber es gibt schlechtere Schlusseffekte.

Feuilleton-Früherziehung

Konstanz, 13. März 2009, 09:00 | von Marcuccio

Wer hätte das gedacht? Eine Maulwurfsfabel für Kinder ab 4 erklärt uns, was ein Feuilleton-Fan ist (und indirekt auch, was der Um­blätterer ist): »Maula und der Mondvogel« (2000), von Cornelia Hausherr und Fabienne Boldt.

Die Maulwürfin Maula Molte lebt unter Tage (Halbwelt, natürlich) – und wie! Verdächtig viele Übereinstim­mungen zu unserer Party im Zeichen des Golden Mole:

1. Maula sichtet, Maula sammelt. Maula hortet ihre Schätze. Maula betreibt in ihrem Bau ein unterirdisches Lager. Sie sortiert Müll und Preziosen, »wühlt sich unter einen Bogen Papier«, auf dass es »raschelt und knistert«. (Maula muss Zeitungleserin sein!)

2. Maula mag nicht alles. Aber was sie mag, das feiert sie: »Voll Freude klatscht Maula in die Hände.« (Begeisterungsfähigkeit als Voraussetzung)

3. Maula ist geschäftig: sie bügelt, raspelt, locht und presst all das, was sie gefunden hat, zu »handlichen Barren«. (Na bitteschön, sie bloggt.)

4. »Einmal im Jahr leert Maula ihre Regale.« Dann schnürt sie »die Barren zu dicken Packen« (Best of Feuilleton?) »und verteilt sie an ihre weitläufige Verwandtschaft. Ob ihre Tanten, Nichten und Neffen damit etwas anfangen können, interessiert Maula Molte nicht. Hauptsache, sie hat wieder Platz.« (Kennt also auch Maula so was wie einen Frühjahrsputz?)

5. Maula hegt einen besonderen Happen in ihrer prall gefüllten Vorratskammer: ein Insektenkokon, aus dem eines Tages ein Nachtfalter namens Mondvogel schlüpft. Für Maula viel zu schön zum bloßen Fressen.

6. Maula wird Mondvogels größter Fan: »Sie bringt ihm das Graben bei, er lehrt sie fliegen – oder versucht es zumindest.«

7. Mondvogel wird Maulas Muse und ist im übrigen all das, was auch gutes Feuilleton ist:

Unberechenbar:
»Übermütig wechselt Mondvogel mehrmals die Richtung«.

Von flüchtiger Schönheit:
»Die Flecken auf Mondvogels Flügeln leuchten silbern auf.«

Affizierend:
»Mit flatterndem Herzen läuft ihm Maula Molte hinterher.«

Arrogant:
»Mondvogel fliegt schon hoch über ihr. Er hat den Flügelschlag eines anderen Nachtfalters gehört.«

Und manchmal kryptisch:
Mondvogel »flüstert Maula Molte ein paar Worte zu, die sie aber nicht versteht.« Bevor Maula begreift, ist Mondvogel weg. Aber unter ihrem Fuss kitzelt schon das nächste Kokon, das sie in ihren Bau schleppen und bewundern kann.

Und damit Ende Gelände. Das Ganze kreidefein gezeichnet. Selbst die typografische Aufbereitung, für manche das große »Manko des Buches«, begeistert als Reminiszenz an das Bleiwüsten-Feuilleton vergangener Tage.

Das anti-minimalistische Manifest

Paris, 12. März 2009, 08:01 | von Dique

Nach dreieinhalb Stunden de Chirico und ein bisschen Museums­kaffee spazieren Paco und ich gerade am Grand Palais vorbei und sprechen natürlich noch einmal über die kürzlich hier präsentierte und versteigerte Kunstsammlung von YSL. Paco kann es immer noch nicht fassen, dass der de Hooch nicht weggegangen ist, der sicher in restaurationsbedürftigem Zustand, aber eben ein subtiles Meisterwerk ist, also wie kann das sein, für nicht einmal 300.000 Euro.

Ich selbst konnte mir das Spektakel in Paris nicht ansehen, aber ein kleiner Teil der Sammlung wurde einige Wochen vorher bei Christie’s in London gezeigt. Man widmete YSL einen großzügigen Raum während der Vorbesichtigung der Post-War & Contemporary Art Sales im Februar.

Der YSL-Raum bildete eine kleine feine Insel inmitten der neuen und neueren Kunst und war für mich das eigentliche Highlight. Jedes Jahr im Februar spaziere ich hier zwischen hellgrün schimmernden Impressionisten, weichen Bleistiftzeichnungen von Klimt und Schiele auf bräunlichem Papier und dem kühlen Acryl zeitgenössischer Künstler umher, aber selten bin ich gerührt (wie unfair, gab es doch einen wundervollen Modigliani zu sehen und ein kleines dieser wie abgeschliffen wirkenden abstrakten Bilder von Gerhard Richter, hehe).

Normalerweise werden hier bei Christie’s in diesem heute YSL gewidmeten Raum bei den Frühjahrs-Sales die Surrealisten ausgestellt. Vor ein paar Jahren wurde man wie durch einen kleinen dunklen Gang ins Innere geschleust. Durch ein kleines Loch konnte man schon mal in den Raum sehen, ein kleiner surrealistischer Vorgeschmack also.

Dieses Mal nun YSL, und am meisten faszinierte das Gesamt­kunstwerk des Raumes, diese breite Mischung der Epochen und Stile. Gemälde von Frans Hals und Géricault, manieristische Bronzen nach Giambologna, vollgepfropfte Vitrinen, in denen neben Silberzeug auch diese schräge Parfumflasche »Belle haleine – Eau de voilette« von Duchamp stand, welche ganze 11+ Millionen Dollar einspielte, und in einer Ecke eine wunderschöne, hauchzarte Bleistiftzeichnung von Ingres.

An der Stirnseite des Raumes hing ein riesiges tapetegewordenes Foto des Originalsetups vieler der Objekte. Mich erinnerte dieses Bild sofort an eines der neuen Highlights des Verlages Umberto Allemandi, einen Bildband, der ganz schnell zum Tophit unter den Coffee Table Books geworden ist oder zumindest werden sollte, »The Anti-Minimalist House«.

Das Buch ist in Rubriken unterteilt und versammelt Fotos von Massimo Listri, ergänzt durch kurze Kommentare. Es ist nicht nur ein wunderschönes Buch in diesem typischen dezenten Mintgrün der Allemandi-Bildbände, es versammelt auch die besten Beispiele häuslicher Überfrachtung. Besonders empfehlenswert ist der Teil über die Bibliotheken, in dem zum Beispiel die Bibliothek des Ham House in London fotografiert wurde.

Usw. usw.

Etwas später scheint uns dann die Brasserie Flo als Ambiente recht geeignet, um hundert Jahre nach Marinetti endlich mal das anti-minimalistische Manifest nachzuliefern. Wir bestellen natürlich Côte de Bœuf, ein ganzes Kilo zartestes Fleisch aus der Rinderhoch­rippe, einen Cut, den es in unserem schönen Heimatland leider nicht gibt. Vergangenen November hatte ich im Les Halles in New York den gleichen Cut, vom amerikanischen Rind, aber ähnlich zuberei­tet, das wurde dort dann als American Beef French Style beworben.

Heute dann einfach French Beef French Style, und nach einem Kilo Fleisch und Kartoffelgratin, denn mit dem serviert das Flo das Côte de Bœuf, fällt uns nichts mehr ein, gar nichts.

Der Schatten und die Kunstgeschichte:
Giorgio de Chirico im Musée d’Art moderne

Paris, 11. März 2009, 07:25 | von Paco

Das absolut Hervorragende an der Ausstellung ist natürlich, dass man hier den ganzen de Chirico bekommt, sowohl den der metaphysischen als auch den der späteren vulgärklassizistischen Bilder. De Chirico hat sich in den 1920er Jahren langsam zur Tradition zurückgeübt, teils mit ziemlich gewollten Kopien von Renaissancegemälden, wofür ihn dann die Surrealisten ausgebuht haben. Eines seiner »Autoportraits nus« aus den 40ern erinnert übrigens sogar fast an einen diesbezüglichen Nachfolger de Chiricos, an den hervorragenden Kitschnorweger Odd Nerdrum.

Peter Richter schrieb neulich in seinem Madrid-Artikel und anlässlich der dortigen »La Sombra«-Ausstellung darüber, »wie wenig sich die Kunsthistoriker mit dem Schatten auseinandersetzen mochten. Mit Studien zum Licht könnte man dagegen Bibliothek füllen.« (FAS, 22. 2. 2009, S. 24) De Chirico war einer der bestrebtesten Schattenmaler (auch in Madrid kommen sie nicht ohne ihn aus), und so ist die Pariser Ausstellung naturgemäß ebenfalls eine ziemliche Shadows-Ausstellung geworden, und de Chirico liefert das Hammerzitat gleich selber mit:

»Sur la terre, il y a bien plus d’énigmes dans l’ombre d’un homme qui marche au soleil que dans toutes les religions passées, présentes et futures.«

In! Your! Face! De Chiricos gesammelte Schatten finden sich vor allem auf den verschiedenen Varianten des »Place d’Italie«-Stoffes. Und ansonsten scheinen auch die gemalten Eierköpfe ein ganz eigenes Kontinuum zu bilden, und da kann man dann einen schönen Querverweis zu Brâncuşi ziehen, und der zugehörige Aufsatz würde dann eben »Eierköpfe in den Œuvres von …« heißen und in irgendeinem Sammelband erscheinen.

Wir waren dreieinhalb Stunden im Musée d’Art moderne de la Ville de Paris, soweit der vollständige Name, gewesen. Draußen schien die Sonne sehr chiriquesque und erzeugte streng fixierte Schatten am Rive Droite. Wir saßen im Museumscafé und unterhielten uns über die am besten geschriebenen Bücher, die nur 100 Seiten haben, »Der Fürst«, »Lazarillo de Tormes«, »Candide«, »Ecce homo« und noch ein paar andere.

Usw.

Regionalzeitung (Teil 16)

Leipzig, 10. März 2009, 11:45 | von Austin

 
  76.   wen das Reisefieber packt

  77.   die jungen Leute sind schwer auf Zack

  78.   denn davon haben alle was

  79.   ließen sich in der Region nicht genügend Sponsoren finden

  80.   zufriedene Gesichter
 

Das JDD und die FAS vom 8. 3. 2009:
Entrümpelungsaktion in Sachen Kanon

Paris, 8. März 2009, 18:38 | von Paco

Die Sonntagszeitung »Journal du Dimanche« erscheint seit heute (bzw. dann eben gestern) schon am Samstagmittag mit einer »Première Édition«, um die potenzielle JDD-Lesezeit am Wochenende zu erhöhen (cf. Nouvel Obs).

In der heutigen regulären Ausgabe wurde dann schon berichtet, wie gestern ein paar jeunes femmes in signalroter Kleidung und im Style von Jean Seberg aus Godards »À bout de souffle« die Samstagsversion der Sonntagszeitung abgesetzt haben, nach eigenen Angaben landesweit 50.000 Stück.

Das wäre doch auch eine Idee für die FAS. Wenn sie bereits Samstagmittag erschiene (also nur Stunden nach der Samstags-FAZ), könnte man den gesamten »Sport«-Teil mit den noch nicht stattgefunden habenden Bundesliga-Spielen in zusätzliche Hardcore-Feuilleton-Seiten umwidmen, hehe.

Ansonsten hatte das Journal du Dimanche mit dem ersten Rachida-Dati-Interview nach ihrer geheimnisumwitterten Schwangerschaft so eine Art Scoop (S. 2 u. 3), passend zum Frauentag. Sonst ist das JDD natürlich kein Vergleich zur FAS. In der Kulturabteilung geht es fast nur um Kinofilme, auf der Seite mit den Rezensionen wird dann noch Lanzmanns Autobio besprochen (»Le Lièvre de Patagonie«, Gallimard).

Daher schnell weiter zur FAS, deren Feuilleton diesmal mit 17 absichtsvollen Verrissen von weltliterarischen Klassikern munitioniert ist, laut Vorwort eine Entrümpelungsaktion in Sachen Kanon. Keine einzige Neuerscheinung anlässlich der bevorstehenden Buchmesse wird besprochen, und auch wenn die Messespezial­feuilletons nicht immer wirklich gut sind (siehe »Der 18. März 2007 und seine Folgen«), dieses hier ist Spitzenklasse.

Untenstehend nun sozusagen die Regestausgabe aller 17 Verrisse. Das Défilé der 17 Autoren ergibt auch gleichzeitig eine brauchbare Dramatis personae des FAS-Feuilletons:

Albert Camus: Der Mythos des Sisyphos

»ein Text für Typen, die die heroische Pose brauchen« (Nils Minkmar)

Bernhard Schlink: Der Vorleser

»Ein Buch wie eine Kotztüte. Man weiß, was kommt.« (Patrick Bahners, kompletter Text)

Gabriel García Márquez: Hundert Jahre Einsamkeit

»dieser Amazonas von Vornamen und Nachnamen und Rängen« (Tobias Rüther)

Wolfgang Borchert: Draußen vor der Tür

»das alles hat etwas von einem ganz frühen Drehbuch der ›Nackten Kanone‹« (Volker Weidermann)

Gotthold Ephraim Lessing: Nathan der Weise

»›Nathan‹ ist zu viel des Guten« (Hans Ulrich Gumbrecht)

Vladimir Nabokov: Lolita

»Halt die Klappe, Humbert Humbert!« (Claudius Seidl)

Alexander Mitscherlich: Die Unwirtlichkeit unserer Städte. Anstiftung zum Unfrieden / Wolf Jobst Siedler: Die gemordete Stadt

zu Mitscherlich: »das Problem an Mitscherlichs Buch (sind) seine Anhänger« / zu Siedler: »nur eine Klage, dass man Betontürme baute, wo einmal Villen standen« (Niklas Maak)

Heinrich Mann: Die Jugend + Die Vollendung des Königs Henri Quatre

»überall sprießen Gräten aus der Konstruktion, spreizen sich wichtigtuerisch die gleichen künstlich verknappten Drechselsätze« (Eleonore Büning)

Joseph von Eichendorff: Ahnung und Gegenwart

»dreihundert Seiten fadester Eskapismus« (Dirk Schümer)

Thomas Mann: Wälsungenblut

»Warum nicht gleich Peter Hacks lesen? Warum nicht lieber ›Lost‹ gucken?« (Maxim Biller)

Hans Jonas: Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation

»vertraute ethische Formeln, die jedoch … naiv erscheinen müssen« (Henning Ritter)

James Joyce: Dubliner

»Geschichten wie eine sechsspurig ausgebaute Autobahn, auf der plötzlich der Asphalt endet.« (Anne Zielke)

Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt

»Figuren, die mehr schrullig als lebendig gezeichnet sind und die man kaum anzuhusten wagt, aus Angst, diese Pappkameraden könnten hintüberkippen« (Tilman Spreckelsen)

Hermann Hesse: Steppenwolf

»gehört zu den sicher humorlosesten Büchern der Literatur­geschichte. Gerade da, wo es vom Lachen handelt. Und nicht mal das ist ein Witz.« (Julia Encke, kompletter Text)

Aldous Huxley: Schöne neue Welt

»abstoßend uninteressante Selbstfindung (eines) eindimensionalen Grübelspießers« (Dietmar Dath)

Elias Canetti: Die Blendung

»ein von sich selbst besoffenes, von seiner eigenen grenzenlosen Misanthropie berauschtes Romanmonstrum« (Andreas Kilb)

Tom Wolfe: Fegefeuer der Eitelkeiten

»Realismus allein ergibt … nicht automatisch Literatur.« (Harald Staun)

Autorenbranding 2.0:
Der Buchhändler Hanns-Josef Ortheil

Konstanz, 6. März 2009, 01:17 | von Marcuccio

Ich weiß, ich wollte nie mehr 2.0 sagen. Aber für Hanns-Josef Ortheil muss ich noch einmal eine Ausnahme machen.

HJO will in seinen beiden Wohnorten, in Stuttgart und Wissen an der Sieg, eigene Buchhandlungen eröffnen. Besondere Buchhand­lungen, denn gemäß Statuten wird/soll nur das in den Läden käuflich zu erwerben sein, was von HJO eigens zum Kaufen und Lesen ausgewählt wurde:

Andere Bücher gibt es in dieser Buchhandlung nicht, sie können auch nicht bestellt werden.

Für eine Branche, die sonst schon Angst hat, einen vor dem Erstverkaufstag nachgefragten Kehlmann nicht bedienen zu können, klingt das ziemlich radikal. Letztlich setzt HJO aber auch nur fort, was andere längst vormachen, MRR packt bekanntlich jeden Kanon-Koffer mit seinem Konterfei ein.

HJO als Flagship-Store

Wenn mit HJO nun erstmals ein richtig gediegener Autor seinen Marken-Shop eröffnet, lässt das eigentlich nur die ganzheitliche Assoziation von Buch und Tuch zu, die sein Kollege Hans-Ulrich Treichel im »Börsenblatt« postete:

Werter Kollege!
Von Herzen alles Gute für Ihr Projekt!
Führen Sie auch zufällig senfgelbe Hosen?

Herzlichst

Ihr
Ulli

Ich aber sage: Wenn HJO es wirklich ernst meint, dann wird er neben der Hosenabteilung vor allem auch im Gastro-Konzept neue Maßstäbe setzen – und hoffentlich keine weitere Buchhandlung mit Espresso-Bar eröffnen. Vielmehr sollte der Kalbsbratwurst-Erzähler Ortheil vielleicht die erste Buchhandlung mit Grilltheke einrichten. Das dazugehörige Event sehe ich buchstäblich schon auf der Kreidetafel vor mir (und für sowas kommen die Leute, die sonst Bodo Kirchhoff am Gardasee besuchen, auch nach Wissen an der Sieg!):

Heute

12–13 Uhr
Hanns-Josef Ortheil grillt die Wurst zu und aus
seinem Buch »Das Verlangen nach Liebe«.
In senfgelber Hose, versteht sich.

Endlich verstehen:
Das Inhaltsverzeichnis des »Spiegel«

Konstanz, 4. März 2009, 22:12 | von Marcuccio

Nach welchem Prinzip rubriziert sich eigentlich der Inhalt in unser aller Nachrichtenmagazin? Oder anders gefragt: Was ist »Rund­funkfreiheit«: ein Kulturgut oder ein Medienrecht? Sonderbarer­weise hat der »Spiegel« dieser Woche (10/2009) den wichtigen Beitrag mit der herrlichen (wenn auch nur recycelten) Überschrift »Mainz bleibt meins« (S. 144 ff.) nämlich nicht als »Medien«-Thema gebracht, sondern in die »Kultur« gesteckt. Obwohl der Teaser-Text ja durchaus aufs »Medien«-Ressort schließen ließ, wo der Artikel über die ZDF-Personalie auch besser platziert gewesen wäre. Das Ganze lässt mindestens vier Interpretationen zu:

1. Der »Spiegel« feiert Fasnacht nach, aber den Aprilscherz vor. »Mainz bleibt meins« wäre dann (ähnlich wie der Basler Morgestraich) ein verspäteter Karnevalsbeitrag und als journalistisches »Brauchtum« im weitesten Sinne, natürlich, Kultur.

2. Die Rundfunkfreiheit ist ein so bedrohtes Kulturgut, dass sie jetzt tatsächlich am besten per Kulturkampf gegen den Parteien-Proporz verteidigt wird (in diesem Sinne ja auch Schirrmachers Feuilleton-Aufmacher neulich in der FAS).

3. Man brauchte im Kulturteil noch einen Aufmacher, und im Medien-Ressort hatte man schon Mathias Döpfner. Unwahrscheinlich! Denn in schlechteren »Spiegel«-Wochen haben es auch schon drei Kultur-Seiten Tracey Emin zum Aufmacher geschafft. Und wer sagt eigentlich, dass der Medien-Teil nicht mehr als einen ordentlichen Artikel haben darf.

4. Nicht die Sparten, sondern die Spalten sortieren den »Spiegel«. Genauer gesagt: Die Spalten im Inhaltsverzeichnis bestimmen die Ressort-Bestückung im »Spiegel«. Denn die zweite Außenbahn des Inhaltsverzeichnisses, oben rechts, soll vermutlich immer rotbalkig, also mit einem neuen Ressort beginnen. Ressort-Enjambements über den Seitenumbruch sind nicht vorgesehen, und auf der linken Außenbahn ganz unten scheint es diese Woche ganz so, als sei bei den »Medien« layouttechnisch schlicht kein Platz mehr gewesen.

Wahrscheinlich ist die willkürlich scheinende Themen-Rubrizierung aber einfach pure Avantgarde, hehe.

Lost: 5. Staffel, 6. Folge

Paris, 3. März 2009, 22:40 | von Paco

Achtung! Spoiler!
Episode Title: »316«
Episode Number: 5.06 (#91)
First Aired: February 18, 2009 (Wednesday)
Deutscher Titel: »316« (EA 14. 5. 2009)
Umblätterers Episodenführer (Staffeln 4, 5 und 6)

Jacks plötzlich aufgerissenen Augen, Jack im Anzug, auf dem Dschungelboden liegend. So ist »Lost« vor viereinhalb Jahren gestartet, und mit dieser Anspielung auf den Serienbeginn hebt diese 6. Folge der 5. Staffel an. Die Eröffnungsszene wird schnell weitererzählt: Jack springt einen idyllischen Wasserfall hinunter in eine Art Lagune, um Hurley zu retten und dann auch die bewusstlos herumliegende Kate, der er beim Erwachen bestätigt: »We’re back!«

(Kate hat also auch überlebt, leider, wie Tao von Critik en Séries findet: « on m’a même fait une fausse joie en nous faisant croire que Kate était morte. Ça aurait été tellement bien, mais on ne nous donnera pas cette satisfaction. Pire, si elle meurt, on pourra toujours la ressusciter. » – Well roared, lion!)

Und dann folgt der textliche Hinweis: »46 Hours Earlier«. Das Stilmittel der Vorwegnahme wird hier gut eingesetzt, am Ende wird sich die Anfangsszene wiederholen, dann mit einer kleinen Erweiterung. Die Inselstory um Locke und die anderen wird in dieser Folge nicht behandelt, aber ab jetzt ist die Serie ja eh wieder inselzentriert.

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Mit Pierre Bourdieu in Algerien

Konstanz, 2. März 2009, 14:10 | von Marcuccio

Oben Kaschmir, unten Sneakers: Die aparte Französin (gewiss keine Kolonialherrin) hat sich ein wenig in Rage geredet. Aus ihrer unverdächtigen Wortmeldung entwickelt sich gerade eine kleine (aber ob ihres Akzents doch noch gern gehörte) Suada: Warum der französische Kolonialismus in Afrika besser gewesen sei als der britische (ihr Sohn zur Zeit in Kenia) usw. usf.

Doch so harsch wie Madame jetzt von einer Hiesigen auf gut alemannisch gestoppt wird: »Entschuldigung, wir sind nicht wegen IHREM Vortrag hier, wir würden gern weiter dem jungen Mann zuhören.« Der junge Mann, das sehen wir ihm an, sortiert gerade im Kopf, was aus dieser Szene zum Thema Habitus zu sortieren ist. Und wir halten fest:

Pierre Bourdieus Algerien-Fotos in Konstanz – da begegnen sich sozusagen gleich zwei französische Ex-Besatzungszonen auf einmal.

Images d’Algerie. Une affinité élective

Bourdieus fotografische Feldforschung zeigt Zeugnisse der Entwurzelung: Was im alten Europa über Jahrhunderte, Generationen und Epochen Zeit hatte – im Algerien des Algerienkriegs geschieht es irgendwie alles gleichzeitig und gleichzeitig nicht. Zivilisatorischer Zeitraffer.

Die Bilder (allesamt um 1960) dokumentieren aber auch den Blick eines Wissenschaftlers, der während seiner Algerien-Jahre als Soldat, später Dozent ein persönliches Re-Modeling durchmacht: vom Philosophen zum Ethnologen zum Soziologen. Mein Lieblingsobjekt der Fotoserie deshalb die Straßenecke in Blida. Bourdieu hat sich einfach mal neben das Café d’Orient gestellt und ein paar Stunden lang feine Unterschiede geknipst. Von »Totalverhüllung« über »oben Bettlaken, unten nackte Beine« bis »Kopftuch – was ist das?« alles dabei. Auch bei den Mannen: Vom in der Work-Life-Ballance des Westens sichtlich verlorenen Kabylen bis zum zukünftigen Vater eines Zinedine Zidane alles dabei.

References:
taz (Patrick Eiden)
Auswahl der Bilder bei camera-austria.at [PDF]