Regionalzeitung (Teil 15)

Leipzig, 1. März 2009, 12:08 | von Austin

 
  71.   es tut sich was im Hause Sowieso

  72.   schlug auch kritische Töne an

  73.   gaben sich keine Blöße

  74.   haben ein neues Album im Gepäck *

  75.   ließen nichts anbrennen
 

* Thx to Markus Reinhold!

Dissertationen von Feuilletonisten (Teil 1):
Peter Richter über den Plattenbau

Paris, 27. Februar 2009, 10:56 | von Paco

Ich habe jetzt endlich mal die hochinteressante 2006er Dissertation des FAS-Schriftstellers Peter Richter zuende gelesen:

»Der Plattenbau als Krisengebiet. Die architektonische und politische Transformation industriell errichteter Wohnge­bäude aus der DDR am Beispiel der Stadt Leinefelde«

Es geht im weitesten Sinne um Kunstgeschichte, Richter nimmt sich mit dem DDR-Plattenbau und seiner Behandlung nach der Wieder­vereinigung ein Richter-typisches Thema vor. Vielleicht kam ihm im Zuge der medialen Berichterstattung über die preisgekrönte Umge­staltung von Leinefelde-Süd die Idee zu der Arbeit. Sie liest sich jedenfalls trotz Times New Roman mit 12 pt und 1,5er Zeilenab­stand gut weg.

Die Arbeit liegt als PDF komplett auf dem Server der SUB, inkl. Abbildungen, aber man sollte sowieso lieber gleich selbst mal nach Leinefelde fahren, schon der Kritiker Kaye Geipel hatte 2001 über­schwänglich ausgerufen: »Architekten, kommt nach Leinefelde und seht euch diese Sanierung an.« Und außerdem liegt die Stadt direkt an der Kulturautobahn A38.

Im allgemeinen Teil (zwei Drittel der Arbeit) beginnt Richter mit einer kleinen Kulturgeschichte des industriellen Wohnungsbaus, im speziellen des Plattenbaus in Deutschland seit den 1920er Jahren (Martin Wagner, Ernst May). Insofern macht die von ihm erwähnte Deutung der DDR-Plattenbauten als »Exzess der Moderne« (S. 7) auch Sinn.

Nach kurzen Abschnitten über Entwicklungen im NS (Ernst Neuferts »Hausbaumaschine«) und der Bundesrepublik folgt ein genauer Abriss der Geschichte der Plattenbauweise in der DDR seit den 1950er Jahren, in der auch die zeitgenössischen Diskussionen (etwa die Monotonie-Debatte) mit abgebildet werden. Die DDR-Neubauten und ihre Anordnung zu Großsiedlungen sollte die Heranbildung der sozialistischen Gesellschaft forcieren und repräsentieren, und damit war es dann 1989 vorbei und die Stigmatisierung begann, die Richter mit sehr schönen Zitaten nachzeichnet (S. 62-74).

Ebenso lesenswert ist das darauf folgende Kapitel über die nach 1990 einsetzenden, sich teils widersprechenden staatlichen Aufwertungsmaßnahmen. Viele Häuser sollten damals etwa im Schnellschussverfahren »durch esoterische Farbmanöver« (S. 189) individualisiert werden. Nach dem für einige vielleicht überraschen­den Kapitel »Plattenbau und Denkmalschutz« und dem Einbezug der Arbeit in die Diskussion um die »shrinking cities« bringt Richter einige Beispiele für die Auseinandersetzung der bildenden Kunst mit dem Thema Plattenbauten, etwa Erik Schmidts crossmediale Inszenierung seiner Berliner Plattenbauwohnung am Platz der Vereinten Nationen. Auch sehr gut ist der Hinweis auf das Plattenbau-Quartett von Cornelius Mangold.

Im letzten Drittel widmet sich Richter dann dem Umbau von Leinefelde im nördlichen Thüringen. In der Stadt wurde ab 1961 eine große Baumwollspinnerei installiert, die dafür nachkommenden Arbeiter sollten in Plattenbauten untergebracht werden. So wurde südlich der Altstadt Neubau um Neubau hochgezogen, die Einwohnerzahl der Stadt wuchs bis zur Wende von ca. 2.500 auf über 16.500 an. 90 Prozent der Bevölkerung wohnte in Platten­bauten. Nach dem üblichen Hin und Her der Nachwendejahre lag 1995 ein städtebaulicher Rahmenplan vor. Zu seiner Umsetzung gab es im Jahr darauf einen Architekturwettbewerb, der nach Lösungs­vorschlägen für das Physikerquartier und das Dichterviertel verlangte. Am Ende wurden zwei Architekten ausgewählt: Stefan Forster fielen die Dichter zu, Muck Petzet die Physiker.

Die erfolgreiche Umgestaltung von Leinefelde wurde nicht ohne Grund mit Preisen überhäuft, und so fallen Richters detailreiche Beschreibungen vor allem von Petzets Arbeit dann auch fast schwärmerisch aus. Dass Forster und Petzet äußerst gegensätz­liche Ansätze haben (Rückbezug auf die Gartenstadt bzw. auf die »sozialistischeren Traditionen der Moderne«), interpretiert Richter dann gegen Ende seiner Dissertation als Vorteil. Beide Archi­tekten haben einen Antagonismus geschaffen, »der den Stadt­umbau von Leinefelde als Möglichkeitsraum ausreizt und den Ort geradezu im Sinne einer Bauausstellung zur Modellstadt macht«.

Soweit zum Inhalt, also absolute Empfehlung für ein paar Nachmittagsstunden.

Lost: 5. Staffel, 5. Folge

London, 25. Februar 2009, 12:16 | von Dique

Achtung! Spoiler!
Episode Title: »This Place Is Death«
Episode Number: 5.05 (#90)
First Aired: February 11, 2009 (Wednesday)
Deutscher Titel: »Dieser Ort ist der Tod« (EA 7. 5. 2009)
Umblätterers Episodenführer (Staffeln 4, 5 und 6)

»You wanna shoot me, then shoot me, but let’s get on with it! What’s it gonna be?«

Das klingt zwar ziemlich nach Jack Bauer, diesen Satz hören wir aber von Benjamin Linus in der »Lost«-Folge 5.05, während im Sun mit einer Pistole bedroht. Ben hat leider etwas verloren in dieser Staffel, nachdem seine Einführung in Staffel 2 und sein im Rückblick erzählter Aufstieg zum Anführer der Others zu den Höhepunkten der ganzen Serie geworden sind.

Jetzt trägt er immer diese schwarzen Klamotten und hat etwas von einem mystischen Großstadtritter. Diese Akzentsetzung ist ziemlich verfehlt, denn Ben war als Insel-Ben schon einnehmend und unheimlich genug, und es passte sehr gut, dass er immer eher sonnig und ein bisschen bieder gekleidet war, helle Chinos, gestreiftes Hemd etc. In seiner schwarzen Kluft erinnert er an die nach großem Start zu Masken erstarrten Helden aus »Heroes«.

Kick-off zu Folge 5 ist ein Meeting mit fast allen Oceanic Six minus Hurley plus Ben. Sun fehlt erst noch, beobachtet die Szene aber aus dem Auto und platzt dann mit einer Waffe in die Runde. Sie will sich an Ben rächen, weil er angeblich Jin auf dem Gewissen habe. Aber Ben pariert in alter Manier (hätte er nur nicht diese blöden schwarzen Klamotten an!). Mit seinem leichten, sonoren Vibrato in der Stimme sagt er, behauptet er, dass Jin nicht tot sei, und wir wissen ja seit der letzten Folge, dass das zur Abwechslung auch mal stimmt. »Jin is still alive, and I can prove it.«

Zwischenzeitlich schickt uns die Regie auf die Insel, und man muss ja hier nicht mehr nach dem ›Wo‹ auf der Insel fragen, sondern nach dem ›Wann‹. Im Anschluss an den Cliffhanger der Vorgängerfolge erfahren wir und erfährt Jin von der pausbäckigen, noch jungen Danielle Rousseau, dass es gerade 1988 ist.

Was die Franzosen eigentlich auf der Insel wollen, bleibt unklar, aber sie haben großes Interesse am Radio Tower, zu welchem sie Jin nun geleitet. Rousseau ist hochschwanger, ihre Tochter Alex ist also gerade im Anmarsch, und wir sehen sie mit dem Kindsvater scherzen und darüber streiten, ob es denn nun ein Junge oder Mädchen werden würde: « Elle m’a juste donné un petit coup de pied. » « Elle ? » « Elle ! »

Rein ästhetisch gefallen mir die Inselszenen besser als die dunklen L. A.-Settings oder andere Flashforward-Off-Island-Szenarios. Das dichte Grün, das Dschungelige verkörpert einfach den Style der Serie am besten, und in dieser Szene marschiert dann ganz klassisch und old-school eine Gruppe Menschen durch den Wald, jetzt also die Franzosen samt Jin.

Und dann taucht endlich mal wieder das Black Smoke Monster auf. Eine der Französinnen, Nadine, wird als vermisst gemeldet, es folgen großes Geschrei und Grunzgeräusche, und dann klatscht die verschwundene Nadine tot vom Baum. Jin hatte auf die Nachfrage »What is that?« irgendwann einfach entgeistert »Monster!« geantwortet, und nun taucht es auch schon höchstpersönlich auf, und in solchen Momenten ruft dann irgendeiner »Ruuuuuuunn!«, in diesem Falle eben Jin, und Chaos bricht aus.

Das Rauchmonster schnappt sich dann einen der Frenchmen und schleift ihn durch den Dschungel. Der Arm, an dem ihn die anderen viribus unitis festhalten, wird irgendwann abgerissen, das Smoke Monster zieht den Rest des Körpers in seinen Bau (so muss man diese Tempelloch wohl bezeichnen). Auf dem templigen Mauerwerk befinden sich übrigens ein paar Hieroglyphen, die Hoffnung wächst, dass wir endlich mehr über den vierzehigen Statuenrest erfahren werden, für viele der einzige Grund, überhaupt noch einzuschalten, hehe.

Jin hält Rousseau übrigens aus dem Geschehen heraus und wird dann plötzlich weitergebeamt, um ein paar Zeiteinheiten nach vorn, denn er stolpert über den leicht angerotteten Armrest. Später findet er das Strandcamp der Restfranzosen, allerdings liegen da schon zwei Leichen. Er wohnt einer Szene bei, bei der Danielle ihren Freund und Kindsvater umschießen will. Und zwar weil ursprünglich er sie ohne Angabe von Gründen umlegen möchte. Irgendein Brainwashing muss mit ihnen im Monstererdloch geschehen sein. Als Rousseau auch auf ihn anlegt, wird Jin passenderweise auf dem Zeitstrahl weiter geschickt, aber wenigstens wissen wir jetzt, warum Rousseau in Folge 1.09 so allein und meschugge gewesen ist, als die Losties ihr zum ersten Mal begegnen.

In der neuen Zeitspur trifft Jin auf Sawyer und den ganzen Rest, also Juliet, Charlotte, Faraday, Miles. Und auf Locke, der sich mit allen zur Orchid Station begeben will. Er gedenkt den Spuk der Zeitsprünge da zu beenden, wo er begonnen hat. Zu dieser Theorie gibt es dann später einen kurzen Monolog von Faraday (»it does make empirical sense«), welcher auch ein bisschen abgebaut hat. War er anfänglich noch der charmante, abgefahrene Wissenschaftler, ist er inzwischen zu einem lahmen Dr. Allwissend verkommen, der auch in seiner speziellen Art zu sprechen leichte Nervtendenzen hat.

Dann werden sie von einem Doppelflash ereilt – die Zeitflashes mehren sich also und damit die Anweisungen an die Schauspieler, sich wie wild in der Lichtflut zu krümmen und danach eventuell Nasenbluten zu bekommen. Charlotte jedenfalls haut das wieder um, sie spricht dann wie ein Medium: »Don’t let them bring her back. This place is death.« Soweit der Episodentitel. Und mit »her« könnte sie direkt Sun meinen, denn Locke hat Jin gerade vermittelt, dass er versucht, die Oceanic Six auf die Insel zurückzuholen, einschließlich Sun, doch Jin ist davon nicht gerade angetan: »Bring Sun back? Why you bring her back?« Locke erwidert darauf mit einer seiner typischen raunenden Nicht-Erklärungen: »Because she never should have left.«

Es folgen weitere kryptische Phrasen aus Charlottes Mund: »Look for the well! You’ll find it at the well!« (Und eigentlich könnte sie als ganz generelle Hilfestellung gleich noch hinzufügen: »Follow the white rabbit!«) Der Marsch zur Orchid wird fortgesetzt, dabei wird Charlotte zusammen mit Faraday zurückgelassen, und in trauter Zweisamkeit gibt es dann ihre einfache mündliche Beichte, dass sie als Kind schon mal auf der Insel war. Ein gruseliger Mann habe ihr damals erzählt, dass sie nicht auf die Insel zurückkehren dürfe, weil sie sonst sterben werde. »Daniel, I think that man was you.«

Also wieder eine rätselhafte Volte, wobei wir aber schon wissen, dass Faraday auf der Insel war, als die Dharma-Stationen gebaut wurde, erinnern wir uns an die herrlichen Szenen mit »Dr. Marvin Candle« in der ersten Folge der 5. Staffel.

Die Lockianer haben inzwischen die Orchid erreicht, die aber nach einem weitern Blitzdings verschwunden, dafür aber der von Charlotte angekündigte Brunnen aufgetaucht ist.

Locke seilt sich in den Brunnen hinab, aber vorher gibt er Jin noch sein Versprechen, dass er Sun von seiner Rückholaktion ausschließt und ihn ihr gegenüber für tot erklären will. Als Beweis für sein Ableben übergibt Jin seinen Ehering an Locke. Der wird dann später, am Ende der Folge in L. A., von Ben lustigerweise genau fürs Gegenteil instrumentalisiert: um Sun zu zeigen, dass Jin noch lebt und es sich lohnt, mit zur Insel zurückzukehren.

Ein weiterer Zeitsprung folgt, Locke stürzt in die Tiefe, der Brunnen ist verschwunden, oben ragt nur noch ein Seil aus der Erde. In einem Höhlengang findet sich Locke mit gebrochenem Bein wieder und stößt auf Jacks eigentlich ja mausetoten Vater, der ja damals schon in Jacobs Hütte stellvertretend für diesen gesprochen und den Auftrag zum Moving der Insel gegeben hatte (Folge 4.11).

Der alte Shephard bestätigt Locke, dass er die Oceanic Six zurück holen soll, aber auch, dass er dafür wird sterben müssen. Und Locke will sich gerne opfern, selbstlos wie John Maynard oder wie Clint Eastwood in »Gran Torino«. Märtyrer-John hinkt dann zu diesem alten Drehrad, das wieder so billig aussieht wie eine Stummfilmkulisse. Unsere willing suspension of disbelief wird also wie bei Bens Drehaktion am Ende von Staffel 4 wieder auf eine harte Probe gestellt.

In L. A. kommt es derweil zum großen Treffen bei Faradays Mutter, die ja zu allem Überfluss auch noch Hawking heißt, ein Treppenwitz der Physikgeschichte. Auch Desmond (Hume!) stößt zu diesem Stelldichein, durch ihn erfahren wir auch erst, dass es sich um das Haus von Faradays Mutter handelt. Die Folge endet mit diabolischer Musik, einem Zoom auf Frau Hawking, Faradays Mutter, hehe, und einem »Alright, let’s get started.«

Im Grand Palais

Paris, 23. Februar 2009, 17:02 | von Paco

Als »musée éphémère« wurde die Besichtigung im Grand Palais im Figaro bezeichnet. Das kann man noch etwas genauer formulieren: Sehr sehr sehr ephemer war dieses kurzlebige Museum. Nur für eine zweieinhalb Tage lange Besichtigung wurde die Sammlung YSL/Bergé aufgebaut. Im Moment und noch die folgenden Tage werden die Einzelstücke vor Ort versteigert.

Fast das beste am Kurzmuseum ist der Opener, der im Zentrum zwischen den beiden Ausstellungsflügeln mit je 6 Salons steht: der etwas trotzig dreinblickende Marmor-Minotaurus. Wer sich für Werke und nicht für den Geschmack von Yves Saint Laurent interessiert (»Warum haben die beiden dieses Bild gekauft?«), ist ansonsten in 5 Minuten durch den Rest des Areals gerauscht.

Es gibt ein paar römische Torsi, ein paar schöne Ingres-Zeichnungen, ein paar gemalte Géricault-Kinder (und überhaupt kein einziges Géricault-Pferd!), zerbrochene Instrumente von Gris und Picasso, einen wirklich schönen Januskopf aus dem Primaticcio-Umfeld, zweimal Klee von 1932, das relativ gut gemalte (hehe) »Bord de rivière« vom Zöllner (I’m going out on a limb here, aber es sieht aus wie ein Christian Schad ohne Menschen), viel von James Ensor (davon ein herausragendes Bild).

Im Salon Augsbourg geht einem der Geschmack der Sammler zum ersten Mal richtig auf die Nerven, die Anhäufung von goldenen Tellern und Gefäßen wirkt wie eine besonders gelungene Kitsch-Installation von Jeff Koons.

Doch gleich im nächsten Raum, dem Salon Frans Hals, das Highlight des Umblätterers: ein Pieter de Hooch. Und zwar die »Jeune femme nourrissant son perroquet«, taxiert auf 200-300.000 Euro, ein Schnäppchen für dieses Meisterwerk.

Auch sehr interessant hinsichtlich unserer forthcoming Studie:

Kuck, was kommt von draußen rein. – Die Öffnungs­grade von Türen und Fenstern auf den Gemälden von Pieter de Hooch. In:

Denn auf dem Gemälde ist zwar das nur knapp zu sehende Fenster untypischerweise verschlossen, und es gibt auch keine von Menschen benutzbare Tür. Dafür aber steht die Tür des Käfigs sperrangelweit offen, nach Messungen vor dem Original (etwas erschwert wegen der runden Form des Käfigs) ungefähr genau 90°. Diese offene Tür zum Papageienreich ist eine ganz hervorragende thematische Sublimierung im Spätwerk von de Hooch.

Mal sehen, wohin das Gemälde wegverkauft wird. Hoffentlich an ein schönes Museum mit schönem Museumscafé.

»Le Figaro« du 20 février 2009:
Das futuristische Manifest / Der Verkauf des Jahrhunderts

Paris, 20. Februar 2009, 16:31 | von Paco

»Tu peux pas acheter le Figaro aujourd’hui ! Impossible !«, schrie mich Niwoabyl an. »Juste parce que ce scheiß Marinetti a pondu son scheiß paragraphe futuriste il y a 100 ans !«

»Deux secondes, gars ! C’est toi qui t’es enquillé la BILD-Zeitung quand Horst Tappert a crevé.«

Ainsi me suis-je rendu au Luxembourg tôt ce matin et me suis acheté le Fig. Die Marinetti-Artikel standen alle schon gestern drin, auf einer Doppelseite der »littéraire«-Beilage:

Jacques de Saint-Victor: Que devons-nous au futurisme ?
Maurizio Serra: Poésie et politique
Jean Clair: Marinetti, le chauffard de l’art

In der heutigen Ausgabe dann gar nichts Futuristisches, dafür der Werbe-Hinweis gleich auf Seite 1, rechts unten, dass es am Abend im Fernsehen ein Gespräch mit Pierre Bergé geben werde, dem Lebens- und Sammlungspartner von YSL, der »intime et authentique« über seine Kindheit usw., über seine 50 Jahre mit YSL und natürlich die Gründe für den Verkauf der Sammlung sprechen will, den »vente du siècle«, wie es dann hinten im, na ja, Feuilleton-Teil »Le Figaro et vous.« heißt. Dort ist auch ein gezeichneter und teilkolorierter Übersichtsplan (PDF) zu finden, der auf die morgen beginnende Christie’s-Präsentation im Grand Palais vorbereitet.

Futuristen haben YSL und Bergé ja nicht so extrem gesammelt (hehe), aber die Gründe für den Verkauf interessieren mich sehr, schließlich hätte man damit ein schönes neues Musée Yves Saint Laurent komplett bestücken können, endlich mal eines, in dem es alles durcheinander gibt, von Polsterbänken mit Leopardenfell über Picassos bis hin zu, sagen wir mal, wertvollen güldenen Strumpf­haltern. Auch ein Pieter de Hooch ist mit dabei, und das alles wird jetzt in alle Winde verstreut.

Morgen mehr.

Lost: 5. Staffel, 4. Folge

Paris, 18. Februar 2009, 23:35 | von Paco

Achtung! Spoiler!
Episode Title: »The Little Prince«
Episode Number: 5.04 (#89)
First Aired: February 4, 2009 (Wednesday)
Deutscher Titel: »Der kleine Prinz« (EA 30. 4. 2009)
Umblätterers Episodenführer (Staffeln 4, 5 und 6)

Es ist Nacht, wir sind auf Pennys Boot, kurz nach der Rettung der Helikopterfraktion, aus deren Reihen sich später auch die Oceanic Six rekrutieren. Jack und Kate unterhalten sich. Was wird aus Aaron, fragt sich Kate, und will ihn der Öffentlichkeit als leiblichen Sohn verkaufen. Claire habe ihn sowieso zur Adoption freigeben wollen, erklärt sie, wohl um sich vor ihrem eigenen Gewissen zu legitimieren.

Es folgt ein ziemlich unerträglicher Dialog, der seine Nähe zu schlechten Soap-Opera-Scripts nicht verbergen kann. »Are you with me?«, fragt Jack, fast so schön theatralisch wie damals Caesar fragte: »Titus Pullo, are you with me!« Und Pullo antwortete damals, vor 2.000 fiktiven Jahren: »Yes, YES, Sir!« Kate sagt dann hier und heute aber im furchtbarsten Liebesschnulzenton: »I’ve always been with you.« Da ist es fast an der Zeit, das TV-Set auszuklinken.

Aber gut, blicken wir nach Los Angeles. Sun kriegt einen Stapel Überwachungsfotos geliefert: Ben und der bärtige Jack beim Beladen eines Wagens. Außerdem wird ihr eine Pistole geliefert, traditionell versteckt unter ein paar Pralinen. Und die überforderte Sun-Schauspielerin wirkt wieder nicht echt dabei, wenn sie ihr hasserfülltes Gesicht aufsetzen soll. Sie bekommt einfach den narrativen Twist ihrer Figur nicht hin, das wird von Mal zu Mal offensichtlicher und, wie Tao bei Critik en séries schreibt, »la voir en méchante est totalement grotesque. Ça aurait pu être intéressant mais je n’arrive pas à la trouver crédible une seule seconde.«

Ansonsten überschlagen sich im Off-Island-Plot die Ereignisse (was ganz praktisch ist, denn Ben wurden neulich nur 70 Stunden Zeit gegeben). Jack überwacht die Rekonvaleszenz von Sayid, der aus der Doppelfolge 5.01/5.02 immer noch Mengen von Pferde-Tranquillizer im Blut hat. Als Sayid allein ist, wird er kurz noch von einem Auftragsschergen attackiert, kann diesen aber mit seiner eigenen Munition ruhigstellen. Hurley hat sich inzwischen in Polizeigewahrsam begeben, um sich gemäß Sayids Anweisung Bens Machtbereich zu entziehen. Ben selbst kuckt dann irgendwann in Sayids Krankenhaus vorbei.

Bevor der L.-A.-Plot kulminiert, bekommt Kate noch ein Stück Nebenhandlung zugeschustert. Sie besucht diesen Anwalt Mr. Norton, der für seinen unbekannten Klienten den »exchange of custody« in Sachen Aaron herbeiführen will: »You’re going to lose the boy.« Kate will nun herausfinden, wer der ominöse Klient ist und verfolgt Mr. Norton, nachdem Jack zu ihr gestoßen ist.

Tatsächlich fährt Norton zu einem Klienten – es ist Claires Mutter, die ja mit Jacks Vater die kleine Claire gezeugt hatte. Diese Auflösung löst eigentlich ein Versprechen vom Anfang der Folge ein, als im »Previously«-Teil die Szene mit Claires Mutter und Jack aus 4.12 wiederholt wurde. Das denkt man zumindest, aber dann weiß Carole Littleton plötzlich von nix, auch nicht von ihrem Enkel Aaron. Es handelt sich also um eine dieser immer weiter getriebenen Offensichtlichkeiten, die sich dann aber in einem Story-Stoß vor den Kopf entladen und so den Spannungsbogen erweitern, wie man das aus guten und auch schlechten Krimis kennt.

Stattdessen ist Norton dann lustigerweise auch Bens Lawyer, und Ben gibt zu, dass er ihn auf Kate angesetzt hat, wahrscheinlich um sie zu konditionieren. Dann wird Kate zu einem Treffen mit Sayid und Ben gebracht. Jack erklärt ihr alles, und zwar dass sie »help everybody we left behind« wollen. Sun ist auch noch da, in der Ferne, und beobachtet mit all ihrem schlecht gespielten Hass ihren Erzfeind Ben. Sie hat auch Aaron mit dabei, natürlich, und damit wären alle 6 außer Hurley in place.

Auf der Insel …

… wird zeitlich immer noch fleißig hin und her geschüttelt. Juliet und Faraday kümmern sich um die kollabierte Charlotte. Locke erklärt Sawyer, dass er zur Orchid-Station ziehen will, weil von dort der ganze Zeitreise-Zinnober ausging. Sein Endziel ist natürlich das Zurückholen der Oceanic Six. Er hat sich auch inzwischen damit abgefunden, dass er dafür kurz sterben müssen wird. Jetzt fragt sich nur noch, wie das geschieht. Jedenfalls wird es bald soweit sein, denn seine temporäre Leiche ist ja in dem Erzählstrang außerhalb der Insel schon längst in L. A. angelangt.

Während die Locke-Truppe zur Orchid pilgert, wird der Flak-Scheinwerfer beim Hatch eingeschaltet. Wir wissen also, »wann« sich die Losties gerade befinden: in der Nacht, in der Boone gestorben ist (Folge 1.19):

LOCKE: Light came on, shot up into the sky. At the time, I thought it meant something.
SAWYER: Did it?
LOCKE: No. It was just a light.

Dann entdeckt Sawyer noch eine schöne Szene aus der Vergangenheit: Kate hilft Claire bei der Geburt ihres Sohnes (Folge 1.20). Und dann wird er auch schon weitergebeamt. Ansonsten unterhält er sich nachgerade verständnisinnig mit Juliet, das ist dann doch gut zurechtgeschrieben, und zusammen mit Jack und Kate haben wir ein schönes, relativ komplexes Beziehungsviereck (ich will das jetzt aber nicht gleich mit den »Wahlverwandtschaften« vergleichen, hehe).

Als sie im neuen Zeitabschnitt das Camp wiederfinden, ist das Dharma-Bier leider alle. Auch das Zodiac-Schlachboot ist weg, dafür steht aber ein Kanu herum, in das zufällig alle 6 hineinpassen. Das Kanu könnte von »other others« sein, vermutet Sawyer, sehr lustig. Kaum haben sie das Boot entwendet und paddeln durch den Ozean, wird von hinten auf sie geschossen. Glücklicherweise trifft wieder ein Zeitflash ein, und überhaupt wird mit dem Stilmittel ›Zeitflash‹ ziemlich verschwenderisch umgegangen.

Es folgt eine ziemlich gute Schlussszene: Ein Rettungsboot voll mit Franzosen findet und rettet den schiffbrüchigen Jin. Am nächsten Morgen erreichen sie den Inselstrand. Mit einem stark geröteten Gesicht wird Jin von einem der Frenchmen investigativ befragt, antwortet aber nur halbherzig und vage.

Dann gesellt sich eine nette und hochschwangere Französin zu ihm und stellt sich als Dannielle vor, Dannielle Rousseau. Noch hat sie ein fröhliches Pfannkuchengesicht, das wird sich in ihren nächsten Inseljahren allerdings bekanntlich ändern, und am Ende geht sie auch noch drauf (Folge 4.08), schade.

Dass der jetzige Zeitreiseschritt in Rousseaus Vergangenheit mit Jins Wiederauftauchen verknüpft wird, ist erst mal gelungen. Ein paar lose Story-Enden werden so auf interessante Weise verknüpft. Die vielen Rekurse auf Szenen aus der 1. Staffel lassen außerdem vermuten, dass es für den Gesamtplot am Ende doch noch einen eleganten Masterplan gibt. Vielleicht artet »Lost« nach dem leicht nervigen Staffelbeginn also doch nicht in SciFi-Erklärungskram aus.

Neues vom Autor:
»Lazarillo de Tormes«

Paris, 15. Februar 2009, 15:05 | von Paco

La vida de Lazarillo de Tormes y de sus fortunas y adversidades (Cover)Ist schon eine Weile her, aber immer noch aktuell. Die spanische Literaturwissen­schaft­lerin Rosa Navarro Durán hat im Jahr 2003, nach einem knappen halben Jahr­tau­send, auf ihre ganz eigene Art und Weise den anonymen Verfasser des frühen Picaroromans »Lazarillo de Tormes« letztgültig ermittelt. Es handelt sich zufällig um ihren Lieblingsforschungs­gegen­stand, den Humanisten Alfonso de Valdés.

Oft sind die philologischen Fachzeitschriften das bessere Feuilleton. Aus dieser Ecke kam neulich auch der etwas verspätete Bericht von dieser literaturwissenschaftlichen Farce, verfasst vom Romanisten Hanno Ehrlicher für die vorletzte Ausgabe (Nr. 46, 2008) der kleinen und feinen Online-Zeitschrift »Philologie im Netz« (PhiN).

Es kann nicht gut um das spanische Literatursystem bestellt sein, wenn es Navarro Durán gelingt, ihre an keiner Stelle sauber begründete Behauptung durchzusetzen und mehrere Neueditionen des »Lazarillo«-Textes mit dezidierter Verfasserangabe zu publizieren. Mit einem Seitenblick auf Bourdieus »Homo academicus« beschreibt Ehrlicher den »Transfer des Symbolkapitals eine kanonisierten Textes auf ›ihren‹ Autor«, zum letztlich ökonomischen Nutzen der Hispanistin und der mit ihr verbündeten Verlage.

Die als sicher verkaufte Autorschaft schlägt so auch auf den Kanon durch. In der digitalen »Biblioteca Miguel de Cervantes« ist der Text nun zum Beispiel zweimal vorhanden, einmal ohne, einmal mit Verfasserangabe.

Ehrlicher plädiert für die Erhaltung des Anonymats, auch um der Mehrdeutigkeit des Textes zu entsprechen und die Interpretations­möglichkeiten nicht künstlich zu beschränken. Neben frühen Kritikern der ostentativ vorgebrachten Valdés-These wie Valentín Pérez Venzalá (in Espéculo Nº 27, 2004) führt er auch die spanischsprachige Wikipedia an, die sich neutral zu Navarro Duráns Thesen verhält:

»In diesem speziellen Fall entspricht die von Laienphilologen hergestellte Netzöffentlichkeit von Wikipedia durchaus den Standards der von Habermas idealtypisch konstruierten vernunftbasierten Struktur der bürgerlichen Öffentlichkeit, besser jedenfalls als die monologische Nutzung des Internets durch die Fachphilologen.«

Auch die Neuübersetzung von Hartmut Köhler, die 2006 in einer zweisprachigen Ausgabe als Reclam-Heft Nr. 18481 erschienen ist, besteht weiterhin auf dem anonymen Verfasser. Köhler nennt den Flussgeborenen im Titel übrigens: »Klein Lazarus vom Tormes«, das klingt dann noch ein wenig pikaresker als die bisherigen Varianten, die ohne eingedeutschtes Diminutivum auskamen. Er erwähnt außerdem noch mal, dass der vorgebliche Autor Valdés schon 1532 gestorben, der »Lazarillo« aber erst 1554 erschienen ist. Die bisher angenommene Entstehungs­zeit müsste also en passant auch noch um zwei Jahrzehnte vorverlegt werden.

Das Anonymat wird übrigens auch von den Bibliotheken geschätzt, denn dann müssen sie ihre »Lazarillo«-Ausgaben nicht dauernd umsortieren, wenn wieder mal eine andere Autorvermutung hoch im Kurs steht.

(Bildausschnitt: Wikimedia Commons)

Who’s Who

Konstanz, 13. Februar 2009, 12:47 | von Marcuccio

Ich verwechsle auch nach jahrelanger FAZ/FAS-Lektüre gern noch mal Michael Althen (Film) mit Michael Hanfeld (Fernsehen), und manchmal sogar Peter Körte und Tobias Rüther, weil die irgendwie immer über ähnliche Sachen schreiben. Keine Verwechslungsgefahr dagegen bei Nils Minkmar und Niklas Maak (früher notorische Verwirrung wegen ihrer Kürzel »mink« und »nma«). Von Anfang an keine Verwechslungen bei Seidl, Weidermann, Adorján, Richter.

Für Hardcore-Leser und Einsteiger:
Klammern als Offline-Links im Feuilleton

Konstanz, 10. Februar 2009, 09:34 | von Marcuccio

Natürlich steht auch dieses Jahr wieder ein Frühjahrsputz an.

Noch haben wir Winter, aber ist ja egal. Ich entsorge trotzdem schon mal eine einsame Schallplatten-und-Phono-Seite (FAZ vom 23. Februar 2008). Warum ich die überhaupt aufgehoben habe? Weiß ich eigentlich auch nicht mehr. Das heißt, doch, da war dieser Artikel: Jürgen Kesting über Julia Fischer. Kein Fräulein-Geigenwunder à la Vanessa Mae, nein: »Fast ohne den Rückenwind des modischen Starmarketings hat sich Julia Fischer im Oberhaus der Geiger etabliert.«

Aber, erst jetzt sehe ich klar, das eigentlich Bestechende an diesem Artikel waren ja die Klammern. In gerade mal zwei Sätzen setzt Kesting vier der berühmten Offline-Links in die Backlist dieser Zeitung:

Demnach machte Julia Fischer »Furore […] beim Frankfurter Neujahrskonzert (F.A.Z. vom 3. Januar).« Weiterhin »versteht sich, dass die ersten Plattenveröffentlichungen Fischers mit romantischen russischen Virtuosenkonzerten (F.A.Z. vom 16. Oktober 2004) und Bach-Partiten (F.A.Z. vom 24. September 2005) auf ebenso große Zustimmung trafen wie die der Konzerte Wolfgang Amadeus Mozarts (F.A.Z. vom 16. Oktober 2006). Nun hat sie diesen Zyklus abgeschlossen mit der Sinfonia Concertante KV 364, dem Concertone für zwei Violinen in C-Dur und dem Rondo C-Dur KV 373.«

Schon klar, exaktes Musikfeuilleton geht wahrscheinlich nur als sprichwörtliches Köchelverzeichnis. Nur: Für alle Herrenreiter, die jetzt nicht einfach mal ins Online-Archiv klicken, gibt’s an dieser klammerträchtigen Stelle ja eigentlich nur zwei Möglichkeiten:

Entweder sie tragen jetzt im Ärmelschoner die gesammelten letzten vier FAZ-Jahrgänge ins Landschaftszimmer. Oder aber sie haben die Karriere von Julia Fischer sowieso schon privat abgeheftet. Und gleichen allenfalls noch mal ab, ob Jürgen Kesting auch ordentlich ›verklammert‹ – sonst Leserbrief, Kategorie 4, spätestens beim nächsten Relaunch.

Doch nichts gegen die Klammer als solche! Ein herrliches Dingsymbol für den jeweiligen Feuilleton-Thread, den es bis hierher schon zu verfolgen gab. Einsteigen (zu was auch immer) kann man (wann auch) immer. Das Feuilleton bleibt, das Feuilleton wartet.

FAS kürt Helden der Arbeit

Konstanz, 9. Februar 2009, 16:02 | von Marcuccio

Und das sind sie:

    Der »Festivaldirektorsdarsteller«

  • (Claudius Seidl über Dieter Kosslick, S. 29)
    Der »Blech-Borromini«

  • (Peter Richter über Chris Bangle, den neuen
    Ex-Chefdesigner von BMW, S. 30, vgl. hier)
    Der (»von den ahnungslosen Mainstream-Medien« als solcher
    anerkannte)
    »inoffizielle Bloggerpressesprecher«

  • (Harald Staun über Sascha Lobo, S. 31)