Volker Hages Kehlmann-Artikel vor Gericht

Konstanz, 6. Februar 2009, 17:27 | von Marcuccio

Literaturkritiker kennen sich aus im Gerichtssaal: Sie sind Ankläger und Anwälte der Literatur, fällen Urteile und gelten schon mal als »Dorfrichter Adam der Literaturszene« (Jochen Hörisch über MRR).

Aber wie gut kennen sich Gerichte eigentlich in der Literaturkritik aus? Danach fragt dieser Tage komischerweise keiner. Der Rowohlt-Verlag verklagt den »Spiegel« wegen Missachtung der Sperrfrist bezüglich des neuen Kehlmann-Buchs – eine Vertraulichkeits­erklärung hatte alle Empfänger eines Vorabexemplars verpflichtet, keine Besprechung vor dem 16. Januar zu veröffentlichen.

Die Feuilletons berichteten, am scharf­sinnigsten vielleicht die »Welt«, die feststellte, dass der Streitwert sicher nicht der vollen Konventionalstrafe (250.000 Euro) entspricht, »weil sich die verhohlene ›Ruhm‹-Rezension als Porträt tarnt. Insofern wird das Gericht sich auch zur Trennschärfe zwischen journalistischen Genres äußern müssen«.

Wohl wahr. Hochrichterlich verhandelt werden wird und muss also, zu welchen Teilen Volker Hage mit seinem Artikel eine Rezension und zu welchen Teilen er ein Porträt verfasst hat. Damit hat das Gericht etwas zu klären, was nicht mal innerhalb der Literatur­berichterstattung selbst klar ist, denn die Grenzen zwischen Personality und echter Kritik sind ja seit Jahren eigentlich an vielen Stellen fließend. Auch eine spezifische Genre-Theorie der Literatur­berichterstattung existiert bislang nicht, es gibt so gut wie keine Fachliteratur zum Thema.

Das Pikante an der Sache: Ausgerechnet (der symbolisch angeklagte) Volker Hage könnte vom Gericht nun als Sachver­ständiger, als Gutachter seiner selbst herangezogen werden. Für den August ist bei Suhrkamp nämlich sein Kompendium über »das breite Spektrum journalistischer Beschäftigung mit Literatur« angekündigt.

Und egal wie das Urteil ausfällt, die schriftliche Urteils­begründung wird ein prima Plädoyer für Hages Buch über Literatur­journalismus sein – die »Tätigkeit, die sich keineswegs nur auf das Rezensieren von Büchern beschränkt, sondern zugleich Textformen wie Porträt, Interview, Glosse, Leitartikel, Debatten­beiträge oder Nachrufe umfaßt. Ein solcher Leitfaden – nicht zuletzt für Studenten und Journalistenschüler – hat bisher gefehlt.« (Kurzbeschreibung)

Wenn sich das Gericht zur Prüfung der täterlichen Genre-Tatsachen jetzt nicht sofort ein Vorabexemplar kommen lässt, dann weiß ich auch nicht.

Und was ist eigentlich mit der FAS? Immerhin erschien der große Kehlmann-Report (in der Nr. 2/2009 vom 11. Januar) ja auch vor dem Erstverkaufstag 16. 1. – was die Frage aufwirft, ob hier entweder eigene Sperrfristen galten oder ob es mit der Institution Erstverkaufstag sowieso nicht so weit her ist, wie Rowohlt behauptet. Das Thema Sperrfrist brodelt also weiter – siehe auch den PT-Essay von Ekkehard Knörer.

Lost: 5. Staffel, 3. Folge

London, 6. Februar 2009, 11:12 | von Dique

Achtung! Spoiler!
Episode Title: »Jughead«
Episode Number: 5.03 (#88)
First Aired: January 28, 2009 (Wednesday)
Deutscher Titel: »Die Bombe« (EA 23. 4. 2009)
Umblätterers Episodenführer (Staffeln 4, 5 und 6)

Es wurde ja schon in den ersten beiden Folgen amtlich, und Paco äußerte bereits unsere Zweifel an dieser narrativen Wende und dem langsam sichtbar werdenden Gesamtkonzept: »Lost«, das gute und schöne, ist nun eine Hardcore-Zeitreise-SciFi-Serie geworden.

In Folge 3 wird uns das nun noch einmal von Faraday persönlich klar und deutlich unter die Nase gerieben. Er und ein paar andere sind samt Insel im Jahr 1954 gelandet, dort findet sich eine Wasserstoffbombe (der titelgebende »Jughead«), und Faraday verklickert einer besorgten 1954erin angesichts dieser Bedrohung:

»50 years from now, this island is still here! (…) 50 years from now, me and my … me and my friends, that’s where we’re from, okay? And, here’s the key, everything’s fine! I’m not saying it’s perfectly fine, but there hasn’t been any atomic blast, all right?«

Diese Message enthält noch einmal die Quintessenz der Zeitreiserei in »Lost«, ausgesprochen von Faraday in Folge 1: »You cannot change anything. You can’t. Even if you tried to, it wouldn’t work.« Aber besser macht es das auch nicht.

Später in der Folge und immer noch im Jahr 1954 wird Locke den ewig gleichaltrigen Richard und die frühen Others treffen. Locke wird aus dieser Situation unfreiwillig durch einen lichtumkränzten Zeitsprung erlöst. Die Zeitreisegesellschaft steht plötzlich auf einer einsamen Wiese, auf der sich eben noch die Militärzelte der Others befanden. Hier wirkt auch die Tricktechnick überartifiziell. In diesem bitteren Moment wünscht man sich, noch mal in eine alte Staffel zurückzureisen, ohne diese Entwicklung erahnen zu können.

Aber wir wollen nicht so hart ins Gericht gehen, let’s face facts, also hin zum Anfang der Folge. Penny und Desmond bekommen ein Kind. Das passiert drei Jahre nachdem Desmond zusammen mit den Oceanic Six die Insel verlassen hat. Die 6 Außerinsularen bekommen wir in dieser Folge übrigens gar nicht zu Gesicht, und für Critik en séries funktioniert das auch sehr gut: »la série fonctionne parfaitement bien et même mieux sans la présence des Oceanic 6«. In der Off-the-Island-Handlung geht es also dieses Mal ausschließlich um Desmond und Penny.

Aber vor allem um Desmond, denn der hatte sich im Finale von Folge 1 in einem Traum daran erinnert, dass Faraday einst an die Tür vom Hatch klopfte. Desmond hatte in diesem gelben Schutzanzug geöffnet und Faraday ihn bekniet, dass er in der Zukunft seine, Faradays, Mutter finden müsse, in Oxford, um den Oceanics zu helfen. Er sagte das ohne Erklärung, mehr Zeit blieb nicht, denn auch hier kam dieser blöde Lichtstrahl, der die Zeit verschiebt.

Wir folgen dann Desmond bei seiner Suche und seinem Entschluss, auf die Insel zurückzukehren. Er muss es tun, er kann nicht anders, und das ist der alte Desmond, auch wenn er in Oxford mit einer ziemlich beknackten Sonnenbrille aufläuft und so aussieht, als wolle er unbedingt auf das Cover einer alten Bon-Jovi-Platte. Aber egal, das ist der Desmond mit einem Ziel, unaufhaltsam.

Doch so ähnlich hat er Penny schon einmal verlassen, auch da war es dieser karthatische Sturm und Drang, und ebenso unaufhaltsam muss er nun seinen Idealen folgen. Als Penny eingewendet hatte, dass es doch nur ein Traum gewesen sei, und fragte, warum das jetzt nach drei Jahren noch nötig sei, antwortete er diabolisch und mit der Kamera auf Close-up: »It wasn’t a dream, Pen, it was a memory!«

Solche Szenen gehören immer noch zu den Stärken der Serie, auch wenn diese wieder ein bisschen mit Schicksalhaftigkeit überzeichnet daherkommt. Die darin liegende Tragik ist aber spannend, denn wie Schillers »Taucher« fordert Desmond nun zum zweiten Mal sein Abenteuerglück heraus, und diesmal ist alles doch ein bisschen anders, denn die beiden haben ja einen kleinen Sohn.

Kurioserweise heißt eben dieser Sohn Charlie. Man fragt sich warum, heißt doch der Unsympath Widmore, Pennys Vater, auch Charles, und beide halten sich vor dem alten Stiesel ja versteckt, warum also geben sie ihrem Sohn seinen Namen. Allerdings entpuppt sich die Namensgebung dann doch eher als Hommage an Charlie, Rockmusiker-Charlie, welcher in der Looking-Glass-Station ertrinken musste. An den sich opfernden Charlie, dessen Ende Desmond immer wieder verzweifelt prophezeite und der dann in dem Moment starb, in dem Penny und Desmond zum ersten Mal wieder Kontakt aufgenommen hatten.

Zu Beginn jeder Staffel gibt es neue Figuren. In der 2. waren es die Überlebenden aus dem Heck, neben Ana Lucia natürlich der fabelhafte Mr. Eko. In der 3. waren es die sogenannten Others (warum werden die eigentlich immer noch Others genannt, jetzt wo sie eigentlich allen bekannt sein sollten; haben die keinen eigenen, anderen, other, hehe, Namen?). In der 4. Staffel waren es dann die Soldaten vom Freighter. Und nun, ganz Zeitreise, lernen wir zum Beispiel den jungen Charles Widmore kennen, welcher von John Locke im 1954er Others-Camp mit einem wissend grinsenden »Nice to meet you!« gegrüßt wird.

Und noch ein neues Pferd gibt es im Stall, eines, wie ich hörte, das für so einige auch als einziger Grund zum Weiterkucken ausreichen würde: Ellie. Wie aus dem Nichts taucht sie aus dem Inseldschungel auf, im Military-Chic, mit britischem Akzent und bösem Jungfernblick. Das mag alles ziemlich abgedroschen sein, aber das sind die verspielten Urmomente der Serie, und die sind immer noch sehr gut und sehr packend. Also ein bisschen back to the roots, Ur-»Lost«: Eine Dschungelszene, Gefahr droht, und plötzlich ist da wer, in diesem Fall jene Ellie, auf dem Kopf ein Aushilfs-Timoschenko-Flechtwerk.

Zur Abkühlung zurück in die Zukunft, aber ehrlicherweise ist es ziemlich egal, wie, wann und wo wir auf dem Zeitstrahl eingeklinkt werden. Wir sind mit Desmond in Oxford, und sein Besuch fällt etwas billig aus: Einen Faraday hat es dort angeblich nie gegeben (er wird totgeschwiegen), sein altes Büro ist mit einem billigen »Danger!«-Hinweis abgesperrt, einem verplombten Schloss, welches Desmond einfach aufknackt, und drinnen sieht er das alte Equipment, unter Planen versteckt.

Der neugierige Des wird dann aber vom Hausmeister gestellt, der ihm erzählt, dass er nicht der erste sei, der sich für Faradays Experimente (»to send rats‘ brains back in time«) interessiert. Er solle nun abhauen und seinen Kumpels erzählen, hier sei nur »rubbish left behind by a madman«. Außerdem wird erwähnt, dass Faraday irgendeinem »poor girl« etwas angetan hat. Desmond sucht sie auf, eine bettlägerige Theresa, die durch Faradays Experimente irgendwie zeitreisegeschädigt zu sein scheint.

Jedenfalls kann Desmond nicht wie verlangt Faradays Mutter ausfindig machen und sucht daher seinen ungeliebten Schwiegervater Widmore auf, der Faradays Experimente finanziert hat. Dort gibt es wieder eine kleine, nette Freakigkeit zu entdecken, nein, nicht die Türme des Barbican Centre, in dem ich erst letzte Woche das LSO »Death and Transfiguration« habe spielen sehen, sondern ein großes und breites »NAMASTE«, das in den oberen Bereich des abstrakten Gemäldes in Widmores Büro geschmiert ist.

NAMASTE! So wurden Ben und sein Vater, der es dann nur zum Workman brachte, bei ihrer Ankunft auf der Insel begrüßt. Namaste. Desmond erfährt nun von Widmore, dass Faradays Mutter in Los Angeles ist (was für ein Zufall, da sind auch die Oceanic Six), und er bekommt sogar ihre Adresse. Widmore warnt ihn auch, dass er sich und das Leben seiner Tochter Penny aufs Spiel setze. Desmond will daraufhin seine Idee begraben (wohl nicht wirklich), aber die einsichtige Penny weiß, dass es ihm keine Ruhe lassen wird, und will ihn begleiten. Ok, das wäre beschlossen.

Auf der Insel geht es derweil heiß her. Wie gesagt, wir hängen auf Kerbe 1954 auf dem Zeitstrahl und erleben die Begegnungen mehrerer versprengter Gruppen: Zunächst werden Faraday, Miles und Charlotte von Ellie und zwei anderen in Militäroutfit gefangen genommen. Sie werden ins Camp geführt und treffen dort Richard, welcher etwas von Angriffen von US-Soldaten erzählt und der oben erwähnten Atombombe, von welcher kurioserweise auch Faraday schon zu wissen vorgibt.

Er lässt sich von Ellie, Gewehr im Anschlag, dorthin führen. Die Bombe hängt in einer Holzvorrichtung und passt ganz wunderbar zum tiefen Inselgrün. Faraday stellt fest, dass die Bombe ein Leck hat und demzufolge Gefahr im Verzug ist. Faraday ist allein mit Ellie, welche ihn at gunpoint hält, doch dann tauchen Sawyer und Juliet auf und gewinnen die Oberhand.

Schon in der letzten Folge, direkt nach der Attacke mit den brennenden Pfeilen, waren Juliet, Saywer und schließlich Locke einer anderen Others-Truppe begegnet. Durch Lockes überraschendes Auftauchen hatten sie die Oberhand behalten und zwei Gefangene gemacht, welche sich allerdings wenig kooperativ zeigten und zeigen.

Sie unterhalten sich dann auch noch relativ munter auf Lateinisch, und da spricht Juliet einfach mal mit, auch in Lateinisch, denn anscheinend ist das große Latinum bei den Others eine Voraussetzung zum Beitritt, und Juliet ist bzw. war bzw. wird ja, wie verwirrend, auch eine Other. Das Latein hat natürlich trotz klassischen Einschlags (›c‹ als [k] gesprochen usw.) einen derben englischen Akzent und erinnert damit etwas an den Song »Momento Mori« von Mike Skinner:

Mementow morrei, mementow morrei
It’s latin and it says we must all die

Weil sich der eine Other (Cunningham) auf ein Gespräch mit Juliet einlässt, bricht ihm sein gestrenger Kamerad so aus der kalten Hinterhand heraus das Genick und flieht in den Dschungel. Später erfahren wir dann, wie gesagt, dass es sich bei dem Mörder um den jungen Charles Widmore handelt. Und dann eine herrliche Szene: Locke hat die Chance, auf den Fliehenden zu schießen, aber er setzt das Gewehr ab und antwortet auf Sawyers entrüstete Frage, warum er es denn nicht getan habe: »Because he’s one of my people.« Denn Locke wird ja ein paar Jahrzehnte später der Chef der Others, und diese Stellung verpflichtet, auch während einer Zeitreise.

Locke muss übrigens dringend mit Richard sprechen, da er ihm sagen muss, wie man von der Insel herunterkommt, aber das sei »privileged information«, und bevor sie warm werden und überein kommen, sind wir wieder am Anfang dieses Textes: Das Camp verschwindet im Lichtschein, übrig bleiben nur noch Locke, Juliet, Miles, Sawyer, Faraday und Charlotte (man könnte sie die Island Six nennen).

Locke ist wegen der verpassten Chance völlig verstört und schaut sich auf der leeren Wiese um, auf der sich eben noch das Camp der Others befand. Hoffentlich sind die 6 zeitlich nicht am Sankt-Nimmerleins-Tag gelandet! Charlotte jedenfalls bricht unter Nasenbluten zusammen, und hier endet Folge 3 der 5. Staffel.

Endlich fertig: Das Kinojahr 2008

Hamburg, 4. Februar 2009, 01:53 | von San Andreas

Kinojahr 2008 Einklinker Bevor sie verjährt: Hier ist unsere Übersicht über die bemerkenswertesten Beiträge des vergangenen Film­jahres. Eine Phänomenologie vom Klassiker bis zum Reinfall. Wie im letzten Jahr keine Bestenliste per se, denn Qualität bleibt weiterhin unmessbar. Filme statt­dessen, die erstens gut und zweitens wichtig waren, die gesehen und geliebt, diskutiert und interpretiert wurden.

Eine Anzahl von Filmen allerdings bewegte sich unter dem Radar: Sie waren vielleicht gut, haben es aus verschiedenen Gründen aber nicht geschafft, wichtig zu werden. Ihnen schenkt unsere Übersicht ebenso Aufmerksamkeit wie jenen Filmen, die wichtig sein sollten und wollten, sich aber als leider nicht gut herausstellten.

Die Liste speist sich ausschließlich aus Filmen, die im Jahr 2008 ins deutsche Kino kamen. Zur ausführlichen Fassung geht es hier bzw. direkt über die einzelnen Titel:

5 Sterne
»There Will Be Blood« (Paul Thomas Anderson)
»No Country for Old Men« (Ethan & Joel Coen)
»The Dark Knight« (Christopher Nolan)

4einhalb Sterne
»Waltz with Bashir« (Ari Folman)
»WALL·E« (Andrew Stanton)
»Into The Wild« (Sean Penn)
»In Bruges« (Martin McDonagh)
»The Kite Runner« (Marc Forster)
»Earth« (Alastair Fothergill, Mark Linfield)
»Cloverfield« (Matt Reeves)
»Paranoid Park« (Gus Van Sant)
»El Orfanato« (Juan Antonio Bayona)
»Control« (Anton Corbijn)

4 Sterne
»Der Baader Meinhof Komplex« (Uli Edel)
»Hellboy II: The Golden Army« (Guillermo del Toro)
»Gomorra« (Matteo Garrone)
»Juno« (Jason Reitman)
»Before the Devil Knows You’re Dead« (Sidney Lumet)
»Blindness« (Fernando Meirelles)
»Indiana Jones and the Kingdom of …« (Steven Spielberg)
»In the Valley of Elah« (Paul Haggis)
»Iron Man« (Jon Favreau)
»Funny Games U.S.« (Michael Haneke)
»Things We Lost in the Fire« (Susanne Bier)
»The Savages« (Tamara Jenkins)
»Half Nelson« (Ryan Fleck)

3einhalb Sterne
»Le Scaphandre et le Papillon« (Julian Schnabel)
»Happy-Go-Lucky« (Mike Leigh)
»Die Welle« (Dennis Gansel)
»Burn After Reading« (Ethan & Joel Coen)
»The Mist« (Frank Darabont)
»Body of Lies« (Ridley Scott)
»The Darjeeling Limited« (Wes Anderson)
»Obsluhoval jsem anglického krále« (Jirí Menzel)
»Once« (John Carney)

Enttäuschung
»The Happening« (Night M. Shyamalan)
»The Day The Earth Stood Still« (Scott Derrickson)
»Youth Without Youth« (Francis Ford Coppola)
»Love in the Time of Cholera« (Mike Newell)
»10,000 BC« (Roland Emmerich)

Im Halbschlaf

London, 1. Februar 2009, 13:21 | von Dique

London Symphony Orchestra, »Death and Transfiguration« von Richard Strauss, dirigiert von dem schweren und etwas bärigen Leif Segerstam, der mit seinem langen weißen Bart an die vielen Darwin-Poster erinnert, welche im Darwin-Jahr die Stadt schmücken.

Strauss schrieb dieses über den Tod sinnierende Stück in jungen Jahren, doch als er dann im hohen Alter von 85 im Sterben lag, sagte er zu seiner Schwiegertochter, dass sich der nun kommende Tod genauso anfühle, wie er ihn damals in »Tod und Verklärung« beschrieben hatte.

Das erinnert mich an die Prequiems von David Woodard, die den jeweiligen Sterbenden angemessen hinüber auf die andere Seite begleiten sollen. Wie man in einem Interview mit ihm lesen kann, entwirft er dazu auch fantastisch-gesamtkonzeptige Aufführungs­visionen.

Irgendwie könnte man Strauss‘ »Tod und Verklärung« als eine Art unbewusst geschriebenes persönliches Prequiem verstehen, auch wenn es im Vergleich zu Woodards Ideen sicher deutlich weniger malerisch daherkommt, und sicher ist das auch ein bisschen sehr weit hergeholt.

Jedenfalls fängt der Abend mahlerisch, hehe, an, mit dem Adagio aus Mahlers unvollendeter 10. Sinfonie. Ganze 9 hat er vollendet, und das liegt ja zumindest quantitativ im guten komponistischen Mittelfeld, aber an so was denke ich natürlich nicht. Erst als ich im Programmheft lese, dass Leif Segerstam ganze 215(!) Sinfonien komponierte, denke ich daran und ich frage mich, ob jemals alle wenigstens einmal irgend­wann gespielt werden oder gar schon wurden?

Und als ich mir Segerstam noch mal ansehe und an diese ungewöhnlich hohe Sinfonienanzahl denke, fällt mir meine morgendliche Lektüre beim Schweinsohr im Lisboa ein, »The Picture in the House« von HPL. Ein Mann betritt irgendwo in der Einsamkeit, bei einer Radtour, ein einsames Haus, welches ungeheuerlich altmodisch eingerichtet ist, wie aus einer anderen Zeit, aber sehr bescheiden:

»Most of the houses in this region I had found rich in relics of the past, but here the antiquity was curiously complete; for in all the room I could not discover a single article of definitely post revolutionary date. Had the furnishings been less humble, the place would have been a collector’s paradise.«

Im Regal entdeckt er dann aber ein paar recht antiquarisch-wertvolle Bücher, die nicht so recht zum Rest des Hauses passen wollen. Um hier nicht in die Tiefe zu gehen, schlussendlich hat das Haus doch noch einen Besitzer, der dann auch noch, wie man über Winkelzüge und Andeutungen erfährt, sein Leben sehr stark durch den Konsum von Menschenfleisch verlängern konnte, wie schaurig.

Jedenfalls sehe ich Segerstam nun in anderem Licht. Wenn er auch über 200 Jahre alt wäre, dann wäre die Zahl seiner Sinfonien schon weniger beeindruckend, ich denke daran, weil er physisch an den Alten in der HPL-Story erinnert, aber ich verwerfe diesen Gedanken schnell, denn die Konsequenz wäre ja selbst als Vermutung viel zu grausig, zumal Leif Segerstam ungeheuer gütlich und gemütlich erscheint, besonders, wenn er beim Applaus seine Arme ganz weit aufblättert, ganz so wie der vitruvianische Mann von Leonardo.

Aber diese Gedanken habe ich auch, weil ich mich gerade in einer Art leichten Müdigkeitsdeliriums befinde, in so einem halbwachen Zustand, in welchem sich Traum und Wirklichkeit fließend annähern. Und es geht weiter, im Anschluss an Mahlers Adagio gibt es nämlich noch vier Lieder von Strauss (Four Last Songs), gesungen von Christine Brewer.

Sie trägt einen kupferfarbenen Mantel mit dunklen Zeichen darauf und ist eine sehr voluminöse Erscheinung mit recht großer blonder Frisur und in meinen zufallenden Augen ähnelt sie plötzlich dem babylonischen König Belshazzar, so wie ihn Rembrandt in einem seiner berühmtesten Gemälde darstellte. Das kommt mir wohl in den Sinn, weil ich am Morgen in der Babylon-Ausstellung im British Museum war.

Dort widmet man eine ganze Ecke dieser Geschichte und dort wird, wenn auch nur in Form einer Farbfotografie, auf das Rembrandt-Bild verwiesen. Belshazzar im güldenen Mantel, erschrocken auf die Zeichen an der Wand (»The writing is on the wall!«) deutend.

Daneben hängt dann, im Original und in all seiner Pracht, John Martins »Belshazzar’s Feast«, auch hier is the writing on the wall, wenn auch weiter weg, am Ende des Prachtsaals. Und ganz im Hintergrund, im Dunkel, der Turm zu Babel, im kegelförmigen Bruegel-Style.

Brian Sewell ist von Martins Arbeit in Öl nicht so besonders angetan, er nennt das Werk in seinem Babylon-Review eine »crude and ugly illustration«, aber dem muss man ja nicht folgen. Ich versuche jedenfalls meine crude and ugly Halbschlaf­assoziationen loszuwerden, auch wenn das nur durch einen kurzen Moment des Schlafs gelingt. Im zweiten Teil, nach der Pause, bin ich endlich wieder fit für »Death and Transfiguration«, meiner Hauptmotivation für den heutigen Besuch.

Lost: 5. Staffel, 1. und 2. Folge

London, 30. Januar 2009, 12:00 | von Paco

Achtung! Spoiler!
Episode Title: »Because You Left« / »The Lie«
Episode Number: 5.01+02 (#86+#87)
First Aired: January 21, 2009 (Wednesday)
Dt. Titel: »Weil du gegangen bist« / »Die Lüge« (EA 9./16. 4. 2009)
Umblätterers Episodenführer (Staffeln 4, 5 und 6)

Also doch. Jetzt wird aus der magisch-realistischen Superserie ziemlicher Hardcore-SciFi-Zeitreise-Erklärungskram.

»Previously on Lost …«, heißt es wieder, endlich wieder, nach wiederum 8 Monaten Sendepause. Dique und ich haben hier schon alle Folgen der 4. Staffel gerecappt und werden das auch mit Staffel 5 tun, »we’ll be your constant«, wie es in der Lostpedia heißt.

Und mit »The Constant« sind wir gleich beim Thema, denn seit der gleichnamigen Folge (4.05) geht die Angst um, dass sich das ganze herrliche »Lost« in nichts als SciFi-Klischees auflöst.

Die ersten 3 Staffeln waren durch die Flashbacks ein Meisterwerk der differenzierten Darstellung von Figurenpsychologien. In Staf­fel 4 sind die Autoren dann eschatologisch geworden, alles läuft nun auf ein bestimmtes Ende, höchstwahrscheinlich auf irgendeine dann doch noch knapp abgewendete Apokalypse hinaus. Entweder soll nur die Insel vernichtet werden oder, dem Impetus der letzten Folgen nach zu urteilen, gleich der ganze Planet.

Die ersten 3 Folgen der 4. Staffel waren an Ideenphylle und Rasanz nicht zu überbieten. Auch der erzählerische Twist, die Einführung von Flashforwards, war eigentlich eine spannende Idee, auch weil »Lost« jetzt nicht auf eine beliebige Verlängerung hin ausgelegt ist wie so viele andere Serien.

Am Set der Dharma-Filme

Die erste Folge dieses initialen Doppelfolgenschlags beginnt scheinbar in einer Normalweltszenerie: Ehebett, Kind schreit und kriegt die Flasche, eine LP wird aufgelegt, jemand rasiert sich und geht zur Arbeit – aber wir sind dann doch nicht in einem Condo an der Ostküste, sondern auf der Insel – der promovierte Dharma-Mensch Pierre Chang, den wir aus den Dharma-Orientierungsvideos schon unter anderen Namen kennen, dreht hier eben diese Videos, diesmal das für die Arrow-Station. Die Szene spielt also in der Vergangenheit.

Chang wird dann schnell von einem Vorarbeiter zur Orchid-Station geholt. Dort gibt es nämlich eine undurchbohrbare Wand, obwohl die Schallmessungen zeigen, dass sich dahinter ein Raum befindet, in dem so ein Drehrad angebracht ist (an dem Ben dann auch drehen wird, um die Insel zu moven). Chang befiehlt, die Wand ganz zu lassen, da sich dahinter ein Energiepolster ungekannten Ausmaßes befinde. Alles klar, okay.

Jedenfalls sei es damit endlich möglich, die Zeit zu manipulieren, erklärt er bierernst, und der Vorarbeiter erwiedert dankbarerweise: »Ok, so, what, we’re gonna go back and kill Hitler?« Das ist doch mal eine gute Antwort, aber Chang bleibt ernst und erzählt was von Regeln, die nicht gebrochen werden können. Zeitreisen sind also eine Energiefrage, das ist die banale Quintessenz, und mal sehen, was dieser schlecht ausgedachte Proto-SciFi-Scheiß der Serie noch antun wird.

Faraday war übrigens undercover mit dabei, hatte sich aber vor Chang (und auch erst vor uns) den Helm ins Gesicht gezogen. Und genau dieses »Lost«-Stilmittel beginnt wegen massivem Missbrauchs langsam zu nerven: Viel zu oft werden uns Personen präsentiert, die nur von hinten zu sehen oder an den Schultern abgeschnitten sind, jedenfalls so, dass wir erst mal nicht erkennen, wer das ist. Und dann müssen wir diesem Inkognito folgen, bis uns nach einer gefühlten Ewigkeit endlich das Gesicht präsentiert wird.

Das war z. B. bei Michaels Rückkehr als »Kevin Johnson« so, das war eben bei Faraday in der Orchid so, das war beim Auftakt dieser Folge mit Dr. Chang so, und auch die 2. Folge wird so beginnen (da ist es Chopper-Frank, der auf Pennys Boot Bier holen geht). Die schöpferische Kraft der Autoren geht wohl zur Neige, wenn anders keine Spannung mehr erzeugt werden kann.

Die weggebeamte Insel

Nachdem Ben zum Ende von Staffel 4 die Insel weggebeamt (»moved«) hat, wird sie offenbar unkontrolliert auf der Zeitachse hin- und hergeschmissen. Die auf dem Eiland verbliebenen Losties bleiben dabei so alt wie sie sind, reisen aber mit, und entdecken so den noch intakten Hatch. (Wer jetzt zeitreist, die Losties oder die Insel, wird allerdings offengehalten.) Etwas später klopft Faraday an die Hatch-Haustür und wird von dem früheren Desmond im Raumanzug mit der Knarre bedroht. (Vor dem nächsten Flash schafft er es noch, ihm zu sagen: »I need you to go there [= Oxford University] and find my mother. Her name is –«.)

Überhaupt scheint statt Ben jetzt Faraday der Hauptgeheimnis­träger zu sein, denn er hat eine Ahnung, was mit der zeitreisenden Insel vor sich geht. Nur hält er damit traditionell hinterm Berg und muss erst von Sawyer gewatscht werden, um etwas Informationsmaterial herauszurücken.

Locke, kaum von Ben zum Anführer der Others erkoren, ist durch die Zeitflashs (ganz klischeehaft ein weißes Wegbeam-Licht) schnell wieder auf sich allein gestellt. In der Inselvergangenheit beobachtet er, wie das Drogenschmugglerflugzeug mit den Virgin-Mary-Figuren, das er und Boone in 1.19 entdeckt hatten, in den entsprechenden Baum kracht. Er will nachsehen, ob noch jemand lebt, als er plötzlich aus der Ferne angeschossen wird.

Der Schütze ist der damals noch lebende Ethan, der ja ursprünglich von Ben als Others-IM bei den Losties installiert worden war, bevor ihm Charlie in Folge 1.15 den Garaus machte. Locke entkommt, how convenient, durch einen weiteren plötzlichen Zeit-Flash. Des Nachts kommt dann der ewig gleich alt aussehende Richard (vgl. 4.03, 4.11) mit einem Erste-Hilfe-Koffer. Es entspinnt sich einer dieser bescheuerten Zeitreise-Dialoge:

Locke: How did you know there was a bullet in my leg, Richard?
Richard: Because you told me there was, John.
Locke: No, no, no, I didn’t.
Richard: Well, you will.

Ist das noch schlecht? Oder schon ultraschlecht? Jedenfalls vermittelt Richard auch ein paar Essentials: Die einzige Möglichkeit, die Insel zu retten, ist die Rückkehr der Oceanic Six. Und erreicht werden soll das mit einem unkonventionellen Mittel: »You’re gonna have to die, John.« (Okay.)

Außerhalb der Insel

Die Parole »Zurück zur Insel!« hatte Jack schon im allerersten Flashforward am Ende der 3. Staffel ausgegeben. Und darauf wird es wohl in den nächsten Folgen hinauslaufen, was die Handlung außerhalb der Insel angeht. Daher wollen Ben und Jack den gramgebeugten Hurley aus der Irrenanstalt holen, eine versteckte Hommage an das »A-Team« (dort wurde Murdock, der Präriepilot, zu Beginn jeder Folge immer aus der Anstalt gelotst). Aber dann ist Hurley schon mit Sayid unterwegs, Sayid fraggt ein paar Bösewichter, allerdings wird Hurley dann für den Mörder gehalten und zur Fahndung ausgeschrieben.

Was sonst noch? Aaron spricht! Das »ödeste TV-Serien-Kind ever« (Dique in 4.10) ist also doch keine Puppe!!! Ein Anwalt, der für eine noch unbekannte Macht tätig ist, will DNA-Proben von Kate und Aaron einfordern, woraufhin Kate sich mit dem Jungen in die Spur macht. Und die ach-so-toughe Sun trifft noch mal Widmore und möchte mit ihm einem gemeinsamen Interesse nachgehen, nämlich »to kill Benjamin Linus«.

Und noch schnell Folge 2 …

… damit wir nicht den narrativen Anschluss verlieren: Neil tritt auf, einer der bisher im Hintergrund gebliebenen Oceanic-815-Survivors – und natürlich war er in Staffel 2 nur eingeführt worden, damit er jetzt, ohne Konsequenzen für die Handlung, schön effektvoll sterben kann (wie Doc Arzt in 1.24, Nikki und Paulo in 2.14 usw.). Der arme Kerl wird von einem der brennenden Pfeile gekillt, die aus heiterem Himmel über die am Strand weilenden Losties regnen. Die Hauptcharaktere können fliehen, Juliet und Sawyer werden aber später von drei unbekannten Typen gestellt, und der eine herrscht sie mit britischem Akzent an: »What are you doing on our island!« Die Szene findet eventuell in der Vergangenheit statt. Locke, der sich im selben Timeslot befindet, rettet die beiden dann übrigens.

Nachdem die Insel verschwunden und die Heli-Besatzung sich in Pennys Boot gerettet hat (in 4.13/4.14), kommt es dort zur großen Verschwörung der Oceanic Six. Sie beschließen zu lügen. Das ist besonders Hurley unangenehm, später wird er seiner Mutter alles beichten, und zwar in einem Rundown aller »Lost«-Staffeln, der so herrlich runtererzählt wird, dass er hier ganz zitiert werden muss:

Okay, see, we did crash, but it was on this crazy island. And we waited for rescue, and there wasn’t any rescue. And there was a smoke monster, and then there were other people on the island. We called them the Others, and they started attacking us. And we found some hatches, and there was a button you had to push every 108 minutes or, well, I was never really clear on that. But the Others didn’t have anything to do with the hatches. That was the Dharma Initiative. They’re all dead, the Others killed them, and now they’re trying to kill us. And then we teamed up with the Others because some worse people were coming on a freighter. Desmond’s girlfriend’s father sent them to kill us. So we stole their helicopter and we flew it to their freighter, but it blew up. And we couldn’t go back to the island because it disappeared, so then we crashed into the ocean, and we floated there for a while until a boat came and picked us up. And by then there were six of us. That part was true. … But the rest of the people who were on the plane? They’re still on that island.

Super, »Lost for Dummies« könnte man das nennen. Und seine Mom blickt ihren Gaga-Sohn zwar etwas besorgt an, sagt aber: »I believe you. I don’t understand you, but I believe you.« Immerhin. Wobei zum Beispiel Critik en séries vermutet, dass sie nicht dichthalten wird: »Elle a la tête d’une espionne ou une traître potentielle.« Und ach ja, vor diesem Monolog darf Hurley noch den delirierenden Sayid durch die Gegend fahren und hat dabei eine Ana-Lucia-Halluzination. Die von Sayid Michael gekillte Cop-Medusa belehrt ihn ein bisschen und richtet ihm schöne Grüße von Libby aus.

Was noch? Sun und Kate treffen sich in einem Hotelzimmer. Sun erinnert Kate noch mal daran, dass sie schuld ist an Jins Tod, weil sie ihn damals nicht wie versprochen vom Frachter in den Heli geholt hat. Aber egal, sagt Sun, war vielleicht besser so, denn sonst wären sie vielleicht alle draufgegangen »instead of just my husband«. Das ist mit leichter Bitterkeit formuliert. Subtext oder nicht? Wir werden sehen.

Und dann noch Ben. Er spült Jacks Pillen in die Kanalisation und ermahnt ihn dann: »Find yourself a suitcase. If there’s anything in this life you want, pack it in there. Because you’re never coming back.« Um Lockes wahrscheinlich nur temporär toten Körper sicher zu verwahren, bringt ihn Ben zu einer weißblonden Fleischerin namens Jill. Dann will er Hurley dem Zugriff der Polizei entziehen, der ist aber gewarnt und gibt lieber zu, ein ziemlicher Mörder zu sein, woraufhin er abgeführt wird, aus Bens Machtbereich heraus.

Das scheint aber nicht so gut zu sein, weil Ben nur noch 70 Stun­den hat, um die Oceanic Six zu versammeln. Das erfährt er von dieser Madame Hawking (gute Güte, wieder eine dieser billigen Namensanspielungen, die sicher irgendwas bedeuten soll), bei der Desmond in 3.08 einen Ring gekauft hat. Falls es Ben nicht gelingt, dann: »God help us all.«

Soweit der Recap zu den Folgen 1 und 2, und wenn das so weiter geht mit dem klischierten Timetravelling, dann braucht »Lost« tatsäch­lich Hilfe von oben, von ganz oben, hehe.

Der Umblätterer 2009:
Vorwort des Herausgebers

London, 29. Januar 2009, 21:40 | von Paco

Maulwurfshügel 2009

1. Nachdem Dique, Marcuccio und unser geheimnisvoller Neuzugang Niwoabyl hier in den letzten Tagen einen Text nach dem anderen rausgeschossen haben, …

2. Danke für die mannigfachen Nachfragen: San Andis groß angekündigte Werkmonografie der Coen-Brüder kommt – demnächst. Vorher aber die Kinoschau 2008, so wie letztes Jahr.

3. Nach der Ankunft unseres lorbeerumkränzten Goldenen Maulwurfs 2008 greifen nun die Tiermetaphern um sich: Der Perlentaucher macht sich nicht etwa im Ozean auf die Suche nach neuer Perlenbeute. Sondern »im Ententeich«.

4. »Und wann kommt eigentlich die erste Doktorarbeit Über den Autounfall im Werk von Christian Petzold?« (courtesy of Wall of Time)

5. »Lost« – Season 5. Sie hat vor einer Woche begonnen und wird von Dique und mir wie Staffel 4 erzähltheoretisch und kultur­historisch (mindestens, hehe!) verhandelt werden, der Recap zur Doppelfolge 5.01/5.02 kommt morgen. (»When am I?« – Locke)

6. Ansonsten sammeln wir hier weiter die besten und schlechtesten Feuilleton-Artikel des laufenden Jahres, und schon in knapp 11,5 Monaten wird das Consortium Feuilletonorum Insaniaeque den Goldenen Maulwurf 2009 vergeben.

7. Bereits nominiert ist zum Beispiel das herrliche Bloggespräch zwischen Chris/F!XMBR und Jakob Augstein über deaktiviertes JavaScript und die Zukunft des in einer Woche gerelaunchten »Freitag« (Teil 1, Teil 2).

Usw.

En lisant la FAS du 25 janvier 2009

Leipzig, 28. Januar 2009, 18:20 | von Niwoabyl

Quelle admirable masse de papier ! Mes bras s’engourdissent déjà du doux fardeau qu’ils tâchent de maintenir à la hauteur (olym­pienne) de mon regard avide. Les francfortois (berlinois !) sont gens bien fortunés, de se farcir chaque dimanche un pareil canard !

Et cette couverture, cette couverture ! Où Helmut Schmidt tend (en effigie pur métal) à Müntefering une paluche énorme et grandiose sous les yeux bienveillants de l’Ayatollah Khomeyni.

FAS couverture (détail)

Le souffle déjà coupé, je m’apprête à franchir le seuil du sanctuaire où se révèlent les méandres (Windungen) du Zeitgeist (esprit du temps, pour autant que ça veuille dire quelque chose).

Oh ! Ah ! Mais ce sont d’autres « tronches amies » (Michel Audiard) qui me saluent gracieusement page 28 ! Le Houellebecq, le Houellebecq, plus baveux et relentifère que jamais, et surtout, surtout, ce bon Véhache, « ein Autor, mit dem ich mich in meiner Eigenschaft als Vollbartträger ganz besonders verbunden fühle » (Jules Ferry). Voilà pour nous consoler des âneries électronicolâtres et jeunistes des pages 13 et 23, héhé.

Pour le reste, bah, das Jahr (l’année) 1959 et son « Weltniveau »
(Hans Caius Enzenshügler), une actrice vous parle de ses rides, et il y a un nouveau musée de la bagnole à Stuttgart. Okay. Pas trop d’une semaine pour digérer ça. À dimanche prochain, chers amis lecteurs, « chers amis français » (Iris Radisch), à dimanche prochain !

Die Handschellen-Odyssee:
Leo Perutz: »Zwischen neun und neun«

London, 27. Januar 2009, 12:34 | von Dique

Studenten sind oft begnadete Nebenfiguren, etwa Øien in Hamsuns »Mysterien« oder Charousek in Meyrinks »Golem«. In Leo Perutz’ Roman »Zwischen neun und neun« (1918) begegnen wir dem Studenten Stanislaus Demba dann aber in einer Hauptrolle. Es ist ein Wien-Roman, die Geschichte um ein kleines Verbrechen.

Vor drei Jahren hat Demba drei Bände aus der Bibliothek mitgehen lassen und beginnt diese nun in Geldnot an einen Trödler zu verscherbeln. Beim letzten Band, dem wertvollsten, riecht der Ankäufer Lunte und ruft die Polizei. Demba wird gestellt und kann dann zwar fliehen, ist dabei allerdings immer noch in Handschellen gekettet, bekommt diese in den kommenden 12 Stunden (zwischen neun und neun) auch nicht ab und streicht mit diesem misslichen Handicap durch die Stadt.

Dummerweise ist ihm gerade die Freundin ausgespannt worden, welche am folgenden Tag mit ihrem neuen Verehrer eine Reise nach Venedig antreten wird. Demba will sich nun selbst Geld besorgen, um im letzten Moment vielleicht doch noch an der Seite seiner Ex in die Lagunenstadt fahren zu können, und so beginnt seine mehrstündige Handschellen-Odyssee.

Aus diesem Roman sollte ursprünglich eine 12-teilige Serie entstehen, die den Namen »12« trägt und in 12 Episoden jeweils genau eine Stunde dieser Zeitspanne in Echtzeit nachzeichnet. Aber dann hatte niemand diese Idee. Umgesetzt wurde sie erst Jahrzehnte später in der Actionserie »24«.

Die weltweite Perutz-Rezeption wird außer bei Borges u. a. auch in den Filmen von Hitchcock sichtbar. Er insinuiert im Gespräch mit Truffaut jedenfalls, dass die Handschellen-Szene in »The Lodger« auf der Perutz-Vorlage basiert.

Aber mir geht es weniger um die Inhalte und die Aufnahme des Buchs, sondern um den Charakter Stanislaus Demba, besonders im Vergleich zu anderen Studententypen. Anders als die oben genannten ist Demba ein unfreundlicher, aufbrausender Choleriker voll spöttischer Menschenverachtung, dabei allerdings bizarr komisch und einfach sehr sympathisch in seiner Antiheldenrolle.

Da beschreibt er doch seinen Rivalen Georg Weiner im Streit um seine Geliebte, welche ihn eigentlich schon verlassen hat, herablassend, im Gespräch mit einer Freundin, wie folgt:

»Dieser Mandrill hat doch eigentlich einen ganz menschenähnlichen Gang. Weißt du, nicht aus Gehässigkeit, sondern ich war wirklich erstaunt, dass er so gut aufrecht gehen konnte, und dachte mir, das muss ihm doch große Mühe machen, warum plagt er sich so und geht nicht einfach auf allen vieren?«

Außerdem ist sein äffisch wirkender Kontrahent ein Mensch, der kein Kinn hat, und Demba hat das gleiche an dem Trödler beobachtet, welcher ihn dann an die Polizei ausliefern wird, und entwickelt die folgende Theorie über die Kinnlosen:

»Manchen Menschen fehlt das Kinn. Das Gesicht geht unter dem Mund gleich in den Hals über. Sie sehen aus wie Hühner. Auch der Weiner gehört zu diesen Menschen. Sie tragen entweder Vollbart, dann sieht man es weniger, oder, wenn sie glattrasiert sind, dann sehen sie stupid aus. Ich glaube, das ist ein Atavismus. Zwischen der zweiten und der dritten Eiszeit sollen die Menschen so ausgesehen haben. – Nein, das ist kein Witz, ich hab’ das wirklich einmal in einem Aufsatz über den prähistorischen Menschen gelesen. Mir sind Leute ohne Kinn zuwider. Und wie ich den Alten anschau’, kommt mir der verrückte Gedanke, dass vielleicht ein Geheimbund aller dieser Kinnlosen besteht gegen die übrige Welt, dass sie zusammenstehen, und dass vielleicht der alte Trödler mit dem Georg Weiner im Einverständnis ist und mir nur eine Bagatelle für das Buch zahlen wird, damit ich nicht mit der Sonja nach Italien fahren kann.«

Die 12 Stunden mit dem handgeschellten Stanislaus Demba sind jedenfalls wahre Freuden. Aber die 24, welche ich letzthin an die erste Staffel der gleichnamigen Serie verschwendet habe, waren auch nicht zu verachten.

»The Antiques Rogue Show«

London, 24. Januar 2009, 12:12 | von Dique

Bei uns heißt es »Kunst und Krempel«, und das Äquivalent bei der BBC nennt sich »Antiques Roadshow«. An diesen Titel wiederum lehnt sich dann die am 4. Januar ausgestrahlte »Antiques Rogue Show« an, eine dieser sehr gut gemachten BBC-Docufictions, welche sich oft weltweit verkaufen like hot buns.

Es geht um Shaun Greenhalgh, einen britischen Künstler, der sich aber vor allem als Fälscher einen Namen machte. Passt also sehr gut zum zweitbesten Feuilleton-Artikel 2008, die »Spiegel«-Story von Jörg Diehl und Ralf Hoppe, die sich auch um die Frage drehte, was denn ein fanatischer Künstler macht, wenn er seine Werke nicht verkaufen kann.

Hans-Jürgen Kuhl jedenfalls ging den direkten Weg und fälschte Geld. Greenhalgh dagegen fälschte Kunst und machte diese dann erst zu Geld. Während Kuhl irgendwann mal ein Teil des etablierten Kunstbetriebs war, Warhol persönlich traf usw., fristete Greenhalgh ein eher bizarres Dasein, welches er auch nicht änderte, nachdem er einige Stücke aus seiner Fälscherwerkstatt zu Geld gemacht hatte.

Sein Leben lang wohnte er mit Eltern und Tante in einer Sozialwohnung in Bolton bei Manchester und kam selten da heraus. Aber in seiner Gartenlaube fälschte er Kunstwerke aller Art. Sein größter Hit war die Amarna Princess, eine angeblich über 3.000 Jahre alte ägyptische Figur aus der Amarna-Periode.

Shaun studierte die wenigen vorhandenen Kunstwerke dieser Zeit sehr genau. Er besorgte sich dann Alabaster aus Ägypten, den er überwiegend mit Baumarktwerkzeugen bearbeitete. Den Alterungseffekt erreichte er mit einem Sud aus Tee und Chicken-Shit. Auch unser großer deutscher Fälscher, Konrad Kujau, tauchte die Seiten zumindest in Tee, um seine Hitlertagebücher alt aussehen zu lassen.

Alt sahen dann jedenfalls die Experten aus, die mit ihrer Begeisterung das lokale Museum anstachelten, die Alabaster-Prinzessin für 440.000 Pfund zu kaufen. Um abzusichern, dass dieses bedeutende Kunstwerk nicht das Land verlässt und natürlich auch, um einen Knüller im eher provinziellen Museumsprogramm zu haben.

Neben der Kunstfertigkeit des fälschenden Künstlers war besonders der Verkaufs-Style bemerkenswert. Hier trat der betagte Vater Greenhalgh in Aktion. Er besorgte einen alten Auktionskatalog aus dem späten 19. Jahrhundert, in dem zwei ägyptische Statuen angeboten wurden, welche aus dem Nachlass eines Earls stammten. Er behauptete dann einfach, dass sein Großvater eine davon gekauft hat und sich diese seitdem im Familienbesitz befindet.

Hier funktionieren die gespielten Szenen der Doku besonders gut. Eine Kunstexpertin besucht Mutter und Vater Greenhalgh zu Hause, und während die alte Greenhalgh so tut, als würde sie auf dem Dachboden nach diesem alten Auktionskatalog kramen, nervt ihr Mann die Expertin mit langweiligen Geschichten aus seinem Leben, aus seiner Jugend, vom Krieg, und die Arme macht mit all ihrer britischen Höflichkeit eine gute Miene. Die reine Zermürbungstaktik, denn der Katalog liegt natürlich im Nebenzimmer bereit und muss nicht erst noch auf dem Dachboden zufällig gefunden werden.

Der Trick geht jedenfalls auf. Der Katalog und ein bisschen gefälschte Familienkorrespondenz helfen bei der Bescheinigung der Echtheit. Insgesamt 17 Jahre verhökern die Greenhalghs fröhlich und erfolgreich die vom Sohn gefälschte Kunst. Immer wieder geht der unscheinbare Alte zu Auktionshäusern und Händlern und bietet seine Familienstücke an und fragt ganz unschuldig, »whether they are worth a couple of quid?«

Kurioserweise bleiben sie bei allem Erfolg auf dem Teppich, wohnen weiter gedrängt in ihrer Sozialwohnung, haben aber eine halbe Million Pfund auf dem Konto. Erst als sie dem britischen Museum drei assyrische Reliefs anbieten, auf denen sich einige Schreibfehler in die Keilschrift geschlichen haben, fliegt der Schwindel auf. Shaun sitzt jetzt für vier Jahre und acht Monate im Gefängnis, aber »it could have been much worse«, wie die Doku gleich am Anfang feststellt, und zwar unter Verweis auf das Schicksal von van Gogh.

Pflicht und Kür im Gedenkfeuilleton

Konstanz, 22. Januar 2009, 15:25 | von Marcuccio

Frankfurt, wir haben ein Problem. Die Kalenderfeuilleton-Novelle. Seit dem 5. Januar werden die Geburtstagsartikel einer FAZ-Woche immer montags auf der Feuilleton-Rückseite gebündelt, Todesnachrichten und andere wichtige Jubiläen bleiben weiterhin tagesaktuell vorn bei den Kollegen im Frontoffice.

Und gleich zum Auftakt dieser Patzer:

»Herwig Birg, dem großen Warner vor den Folgen der geburtenarmen und darum überalterten Gesellschaft, ist von uns gestern zum sechzigsten Geburtstag gratuliert worden. Er beging jedoch seinen siebzigsten. Wir bedauern den Fehler.« (FAZ vom 6. Januar)

Bürokratieabbau geht anders. Mag sich die FAS schon mal zwei Tage vor Inkrafttreten der neuen Jubiläumsartikel-Verwaltungs­richtlinie bei der FAZ gedacht haben und zeigte uns allen, wie es geht:

»So wird 2009 gewesen sein«
(FAS Nr. 1/2009 vom 4. Januar, S. 23)

Das war die Seite mit dem riesenroten Fake-»Spiegel«-Cover von der herrlichen Kat Menschik: eine zum Entkorken bereite Rotkäppchen-Sektflasche, darunter die Titel-Schlagzeile, die uns dieses Jahr in abgewandelter Form sicher noch blüht:

»Die Besser-Ossis. 20 Jahre nach dem Mauerfall:
Wo die Ossis die Nase vorn haben«

Im vorangehenden, echten »Spiegel« (Nr. 1/2009) stand ja diese Prosit-Mauerfall-Story (von und mit Matthias Matussek, S. 38-41), im Inhalt unter dem Rubrum

»Unternehmen: Die Sektkellerei Rotkäppchen
startet ins Jubiläumsjahr des Mauerfalls«

Außerdem enthielt dieses Heft das ominöse Nachrichten-Horoskop (»Was läuft 2009«). Bei der FAS muss man all das zusammenge­dacht haben, und statt der Jubiläumsartikel-Pflicht der FAZ gab es die Kür:

»Die wichtigsten Jubiläen des Jahres und wie
die Medien darauf reagieren werden«

Eine witzig-kreative Meta-Parade auf den Berichterstattungswahn zu runden Anlässen. Lauter Preziosen waren das, Thea Dorn als Running Gag und auch sonst viele feine Ideen, auf die der Umblätterer dann vielleicht mal unterm Jahr zurückkommen wird: »Aus Frankfurt nun die FAS-Jubiläumsvorhersage für morgen Mittwoch, den 500. Krönungstag von Heinrich VIII.«

Usw.