Grimmelshausen in der FAS

Paris, 21. April 2009, 07:53 | von Paco

Hä? Häää? Ist das der zweite Teil des am 27. Juni 2000 nur unvoll­ständig erfolgten Genom-Abdrucks in der FAZ? Endlich? Nein. Der komische Buchstabenbrei ist schönstes, frühstes, »sometimes very strange sounding« Neuhochdeutsch. Die FAS vom 5. April 2009 hat auf S. 31 des Feuilletons unter dem Titel »Die rothe Ruhr im Leib« eine ganze Seite Grimmelshausen abgedruckt.

Vor gerade ein paar Wochen hat Reich-Ranicki einer FAS-Leserin aus Wiesbaden versichert, dass er den Simplicissimus »nicht nur mit Gewinn, sondern auch mit Genuss« gelesen habe. Und diese Aussage hat dann vielleicht gleich den Takt für diese gelungene FAS-Kommandoaktion vorgegeben.

Es handelt sich bei dem Text um eine (leicht gekürzte) Kalender­geschichte aus dem Jahr 1675, die vor kurzem in einem Berliner Archiv entdeckt wurde. Sie ist gerade zusammen mit anderen simplicianischen Kalendertexten herausgegeben worden, aber die genauere Stellung innerhalb der Grimmelshausen-Forschung sei hier jetzt außen vor gelassen.

Inhaltlich geht es um eine sprichwörtliche Reise ans Ende der Nacht, in diesem Fall um den betrüblichen Weg in eine Vernunftehe hinein. Die Story setzt damit einen Kalendertext des Vorjahres fort (der offenbar nach wie vor verschollen ist).

Reichlich unbedarft, genau wie Célines Bardamu, lässt sich der simplicianische Ich-Erzähler in die Armee ziehen, nachdem ihn seine Tante vor die Wahl gestellt hat: reich heiraten oder zum Militär. Und leider hat der Simplicius auf der Liebe zum armen Lisel bestanden (wie romantisch) und muss nun den Soldatenrock überziehen.

Er beschreibt von einem geläuterten Standpunkt aus, wie ungeho­belt er sich der Zivilbevölkerung gegenüber verhält und wie ihn der Lohn für diese »kopffschütlens=würdige Helden=Thaten« bald ereilt, als sich die Truppe in der Gegend um Gerau am Rhein aufhält. »Mein Geltgen war fort«, jammert er, und es grassieren Fahnenflucht und Hunger, auch weil die Bauern aus der Umgegend samt Vieh vor den rüpelhaften Truppen geflohen sind.

Als eine Schar Reiter sich im Odenwaldgebiet aus den fortgetrie­benen Rinderherden bedienen will, wehrt sich eine Handvoll Bauern erfolgreich, obwohl sie in vielfacher Unterzahl sind. Der Erzähler wird dabei von einer Kugel getroffen und stopft die Wunde provi­sorisch mit Spinnweben. Er überlebt jedenfalls knapp, hat sich aber die »rote Ruhr« eingefangen und wird nur durch die Hilfe der rei­chen Madame von Daeldorp vor einer Schenkelamputation bewahrt.

Auf dem Krankenlager erkennt er schließlich seinen Fehler: dass er trotzig auf seiner Liebe zum armen Lisel bestanden hat. Und nach einer einfachen Kosten-/Nutzenrechnung (wie unromantisch) entscheidet er sich für die reiche Madame, obwohl ihm die Tante die Wahl nunmehr freigestellt hat. Lisel ist natürlich gnatzig, ebenso wie eine Handvoll Freier, die sich die Hand der reichen Daeldorp erhofft hatten.

Aber das macht dem Simplicius nichts aus, er hat auf gutbürger­liche Art und Weise ausgesorgt. Und schon nach einem Jahr wird ihm ein Junge geboren, und die Tante hat ihren Erben. Das Ganze ist so mit diesem naiven, hintergründigen Humor geschrieben wie der »Simplicissimus« und macht leicht süchtig, weß halb ich jetzo erstmalen eine Weill benöttigen werdt, biß ich auß dissem Lese=Moduss wider heraußen binn, hehe.

Vorwort zum laufenden Feuilletonjahr (2/2009)

London, 20. April 2009, 08:08 | von Paco

1. »Mehr Vorworte!« (Goethe) Nach dem von Ende Januar hier also Vorwort Nr. 2/2009.

2. Die Kommandoaktion des Jahres! Eine ganze Seite Grimmelshausen in der FAS. Morgen mehr an dieser Stelle.

3. »Ist doch schön hier: Kommst morgens rein, trinkst deinen Kaffee, blätterst in deinen zehn Zeitungen, schälst ein paar Kartoffeln.« (Charles Schumann im FAS-Interview, 29. 3.)

4. Demnächst: Teil 3 der Speed-Tour-Serie. Nach dem Prado und den Vatikanischen Museen nun der Louvre. Sébastien2000 (unser Speed Guide) hat mich gebeten, mit dem Bericht zu warten, bis er mit seiner letzten Louvre-Tour durch ist. Jetzt ist es soweit, Text folgt nächste Woche (oder später).

5. Zuschrift von Leser Franz: Er werde den Umblätterer nicht mehr lesen, wegen der ausufernden »Lost«-Reviews. Macht nichts, Leser Franz, und ich halte das für die genau richtige Konsequenz, schließlich bedienen wir hier nicht nach Wunsch.

6. Der beste 2009er Text der Blogosphäre so far: »Willy Reichert oder der letzte Grund« bei Wall of Time.

7. »Unsere Knie schienen uns nicht mehr zu tragen, wie das in Träumen manchmal passiert, wenn man von bärtigen Nachrich­tensprecherinnen verfolgt wird.« (Evelyn Waugh, »Befremdliche Völker, seltsame Sitten«)

8. »Gosford Park: Whodunnit mit alten Frauen.« (aus einer Inhaltsangabe)

9. End of Blog, nach 2 Jahren: tobias-schwartz.de – Ein Klassiker des Genres ›arbeitsbegleitendes Bloggen eines Kulturjournalisten‹. Immer herausragend und immer to the point.

10. Die große Coen-Brothers-Werkmonografie unseres very own San Andreas. Zum ersten Mal angekündigt Ende November 2008. Jetzt endlich bald richtig endgültig fertig. Demnächst hier.

Usw.

Lost: 5. Staffel, 13. Folge

London, 19. April 2009, 23:32 | von Paco

Achtung! Spoiler!
Episode Title: »Some Like It Hoth«
Episode Number: 5.13 (#98)
First Aired: April 15, 2009 (Wednesday)
Deutscher Titel: »Das Imperium schlägt zurück« (EA 2. 7. 2009)
Umblätterers Episodenführer (Staffeln 4, 5 und 6)

Miles ist der Sohn von Dr. Pierre Chang, dem Arztkittelträger aus den Dharma-Lehrvideos. Soweit der komplette Inhalt dieser Folge. Um den Platz hier zu füllen aber doch noch ein paar Détails:

Miles‘ Jugend und Vollendung

Die Flashbacks beginnen im Jahr 1985. Eine Mutter will eine Wohnung mieten, und während sie mit dem Vermieter schwatzt, entdeckt ihr kleiner Sohn Miles eine Leiche. Und zwar durch irgendeinen telepa­thischen Vorgang, der ihn die letzten Gedanken von Toten spüren (nicht: hören) lässt. Aber das wissen wir schon aus früheren Fol­gen, dass Miles so ein Mischcharakter aus »Heroes« (ability!) und »Pushing Daisies« (Totenkommunikation!) ist.

Miles‘ Vater ist schon damals »out of the picture«, und diese Aussage der Mutter lässt erahnen, dass die »Lost«-Autoren hier wieder eine ihrer Vatervieh-Storys aus dem Hut zaubern – die ein ganz eigenes, immer interessant bis spannendes »Lost«-Untergenre bilden (Johns Vater, Kates Vater, Suns Vater, Bens Vater, Pennys Vater usw. usw.).

Später besucht ein hochgegelter und durchgepiercter Miles seine Mutter am Sterbebett, wo sie ihre Aussage präzisiert: »Your father kicked us out when you were just a baby. He didn’t want anything to do with us.«

In den Rückblenden sehen wir Miles dann hauptberuflich als Medium arbeiten, mit Hang zur Scharlatanerie. Zum Beispiel übermittelt er einem Mr. Gray (Dean Norris alias Hank aus »Breaking Bad«!) zunächst die angebliche Nachricht seines toten Sohnes, »that he loved him«. Später revidiert er das und gibt zu, dass er gar nicht fähig ist, mit seinem Sohn »zu sprechen«. Eine Stellvertretertat, da Miles seinem eigenen Vater nicht mehr sagen kann: »If you needed your son to know that you loved him, you should’ve told him when he was still alive.«

Zwischendrin wird Miles von Naomi abgegriffen, der in Widmores Diensten stehenden Fallschirmspringerin, die dann leider kurz nach ihrer Landung auf der Insel von Locke ermordet werden wird. Sie soll Miles für die Bootstour zur Insel gewinnen. Der lehnt erst ab, zeigt dann seine Fähigkeiten (Naomi: »Your audition!«) und kann bei den angebotenen $1.6 Mio. nicht nein sagen.

Kurz darauf wird er in einem Kommandounternehmen von einer »A-Team«-ähnlichen Gang in einen Van gezogen. Ein Kerl namens Bram rät ihm dort davon ab, sich auf Widmores Frachter einzuschiffen. Es ist derselbe Typ, der in der Gegenwartshandlung mit Ilana und den anderen vom Flug 316 auf der Nebeninsel abgestürzt ist. Er wiederholt gegenüber Miles auch die (für uns noch unbeantworte­te) Codewort-Frage, die Ilana in der letzten Folge Chopper-Frank gestellt hat: »What lies in the shadow of the statue?« Jedenfalls will Miles nicht für die andere Seite kämpfen, da seine finanziellen Forderungen nicht erfüllt werden, und schon wird er aus dem Van geschmissen.

Auf der Insel (1977)

Im Hauptgeschehen auf der Insel (im 1977er Handlungsstrang) wird Miles von Horace in den Circle of Trust aufgenommen, weil er jemanden braucht, der von Radzinsky ein ominöses »package« (vulgo: eine Leiche) abholt. Hurley, mit dem sich Miles später auf den Weg zur Orchid-Station macht, bekommt trotz Geheimhaltungsorder Wind davon. In der unnachahmlich einfältigen Hurley-Sprache: »Duuude, there’s a body bag back here. There’s a body in it.«

Miles soll die abgeholte Leiche zu Dr. Pierre Chang bringen, seinem Vater, und der ist dann gar nicht einverstanden mit dem Wissens­transfer in Richtung Hurley. Er nutzt dann aber die beiden VW-Bus-Ankömmlinge als Mitfahrgelegenheit, taut während der Fahrt etwas auf und erzählt von seinem 3 Monate alten Sohn, der in etwas älterer Form gerade neben ihm sitzt, ohne dass ihm das klar wäre.

Chang lässt sich an einer Baustelle absetzen, und Hurleys Blick erstarrt plötzlich: Hier wird der Hatch gebaut. Und gerade wird in die Luke die Seriennummer eingemeißelt – die sechs »Lost«-Zahlen, mit denen Hurley auch zum Lottomillionär (und Allround-Pechvogel) geworden ist.

Während der Weiterfahrt gibt es noch einen ziemlichen Geek-Moment. Miles zerrt Hurley seine Kladde aus der Hand und liest gegen dessen Willen eine Passage vor. Es handelt sich um ein paar Skizzen zu »The Empire Strikes Back«, denn, so Hurleys Erklärung:

»It’s 1977, right? So Star Wars just came out. And pretty soon George Lucas is gonna be looking for a sequel. I’ve seen Empire like 200 times, so I figured I’d make life easier and send him the script, with a couple of improvements.«

So eine Idee hätte sonst eigentlich nur der Seinfeld-Nachbar Kramer haben können, und dem hätte man diese auch ohne Probleme abgenommen, Hurley jedenfalls nicht. Glücklicherweise dürfte er auf der Insel aber keinen hauptamtlichen Briefkasten finden, sodass das Skript in der Vergangenheit versauert sein dürfte, hehe. Zum oben erwähnten Vater-Thema passt aber, dass Hurley noch mal mit (auf far too lustig getrimmten) eigenen Worten die Luke/Darth Vader-Story wiedergibt.

Grundkurs Ägyptische Sprachgeschichte

Bens Vater Roger ist untröstlich, statt neulich dem Flirt mit Kate streitet er nun mit ihr. Er vermutet, dass sie etwas über den Verbleib seines Sohnes wissen könnte. Später erwischt er Reinigungsmeister Jack beim Tafelputzen in einem Klassenraum (»Dharma Students Make Learning Fun!«). Auf der Tafel stehen ein paar kitschige Hieroglyphen und, noch mal für alle, folgende Eckdaten:

Old Egyptian
2600 BC to 2000 BC
Tripling ideograms, phonograms, and determinatives

Middle Egyptian
2000 BC to 1300 BC
Classic stage of language

Late Egyptian
1300 BC to 700 BC
From synthetic to analytic language

Vielen Dank für die Infos! Die werden dann aber von Jack ordnungs­gemäß abgewischt. Nachdem er damit fertig ist, verbürgt er sich bei Bens Vater für Kate. Später berichtet er Juliet und Sawyer von den Vorfällen. Der Security-Chef der Dharmas wird kurz darauf auch noch von Phil angesprochen, der mit einem Security-Tape wedelt. Phil gibt zu verstehen, dass er weiß, dass es Sawyer war, der Ben zu den Others gebracht hat. Und deshalb wird der potenzielle Geheimnisverräter erst mal ausgeknockt.

Als Cliffhanger reicht das aber dann doch nicht, und deshalb taucht am Ende endlich Faraday wieder auf. Er entsteigt dem Dharma-U-Boot und grüßt: »Hey, Miles. Long time no see.«

Lost: 5. Staffel, 12. Folge

London, 13. April 2009, 18:53 | von Paco

Achtung! Spoiler!
Episode Title: »Dead Is Dead«
Episode Number: 5.12 (#97)
First Aired: April 8, 2009 (Wednesday)
Deutscher Titel: »Tot ist tot« (EA 25. 6. 2009)
Umblätterers Episodenführer (Staffeln 4, 5 und 6)

Es wird immer schwieriger, »Lost« ohne sich steigernden Ingrimm zu sehen, denn der mythologische Unterbau der Serie wird leider in einer schrecklichen Weise konkretisiert und dadurch wie befürchtet mit bekloppten Erklärungen und billigen Effekten profanisiert. In dieser Folge etwa leistet das Machttalent Ben Abbitte beim Rauchmonster, und diese Szene ist als Konkretum einfach nicht ohne Lachanfälle durchzustehen.

Dass sich Ben nach einigen taktischen Fehlern und seiner Abkehr von der Insel mit einem immer deutlicher werdenden Machtverlust konfrontiert sieht, ist dabei trotzdem ein schönes Sujet, insofern soll uns diese für »Lost«-Verhältnisse handwerklich ziemlich dürftig umgesetzte Szene nicht allzu sehr ablenken.

Ben vs. Widmore

Neben den Abenteuern von Ben und Locke gibt es diesmal auch einige zeitliche Rücksprünge, die alle die Entstehung und die Folgen des Konflikts zwischen Ben und Widmore thematisieren. Als Richard den kleinen verwundeten Ben (im Anschluss an die letzte Folge) zu den Others bringt, auf dass er »von der Insel geheilt« werde, ist Widmore auch gar nicht einverstanden, als ob er ahnen würde, was folgt.

Einige Jahre später bekommt der mittlerweile erwachsene Ben zusammen mit dem nun im Teenie-Alter befindlichen Ethan den Auftrag, die verwilderte Rousseau zu töten. Sie lassen sie jedoch leben und nehmen ihr stattdessen ihr Kind weg, die kleine Alex. Mit ihrer Überführung ins Others-Biwak ist Widmore wieder nicht einverstanden, aber Ben setzt sich durch und zieht Alex als seine Tochter groß.

Ein weiterer Zeitsprung zeigt uns dann den Abschied Widmores von der Insel. Er hat offenbar selbst seine Verbannung vorgeschlagen, nachdem er gegen »die Regeln« verstoßen und mit einer Nicht-Insulanerin ein Kind (nämlich Penny) gezeugt hat. Was soll das denn für ein Grund sein! Siehe Tao bei Critik en séries: « Je m’attendais à du spectaculaire, à une vraie trahison. Il n’en est rien. »

Und dann wird endlich noch eine viel zu lange offen gebliebene Frage beantwortet: Wieso kam Ben eigentlich damals (gerade noch rechtzeitig) mit blutig gehauener Visage in den Flug 316 gestürmt? Hier die Nacherzählung: Unmittelbar vor dem Einchecken ruft Ben bei Widmore an und teilt ihm mit, dass er dessen Tochter Penny killen werde, als Rache für die Ermordung von Alex. Als er zur Tat schreiten will, wird er von Desmond aufgehalten und schießt diesen erst mal nieder. Dann verkündet er Penny wie in einem schlechten Krimi, warum er sie jetzt erschießen werde. Er hält jedoch inne, als Charlie, Pennys und Desmonds Sohn, aufs Deck springt. Big mistake, denn sofort wird er vom nicht erfolgreich erschossenen Desmond angefallen, der ihm ordentlich die Fresse poliert und ins Wasser wirft. So also war das.

Ben und Locke on tour

Als Cliffhanger der Vorgängerfolge saß der wiedererweckte Locke an Bens Krankenbett, diese Szene wird jetzt fortgesetzt. Wie neulich schon anhand einer Reproduktion von Caravaggios »Ungläubigem Thomas« spricht Ben zunächst über den Unterschied zwischen believing und seeing. Als er genug gestaunt hat über Lockes Auferstehung eröffnet er seine weiteren Pläne (Achtung, es wird albern!): Er will sich in dieser Folge vom Black Smoke Monster richten lassen (»I came back to the Island […] to be judged.«). Aha, natürlich, wer verstünde das nicht, hehe. Ganz nebenbei spricht Locke übrigens noch kurz seine Ermordung durch Ben an:

LOCKE: Well, Ben, I was hoping that you and I could talk about the elephant in the room.
BEN: I assume you’re referring to the fact that I killed you.
LOCKE: Yeah.

Nicht schlecht, dieser trocken-humoristisch runtergesprochene Dialog. Ben entschuldigt sich jedenfalls nicht für seine Tat und erklärt nur, dass er »im Interesse der Insel« (na klar) gehandelt habe, und das habe doch nun bestens funktioniert, da alle Inselflüchtigen zurück seien. Locke ist dann auch nicht nachtragend und verkündet, dass er Ben begleiten werde.

Gerade wollen sie sich auf den Weg machen, da werden sie von Caesar gestoppt. Nachdem er über mehrere Folgen hinweg als Anführer in spe inszeniert wurde (»I’m calling the shots here!«), wird er nun einfach von Ben umgeknallt – wieder so ein herrlicher »Lost«-Moment, mit dem man nicht gerechnet hatte (hoffentlich ist Caesar jetzt auch mausetot, bei »Lost« ist ja inzwischen alles möglich). Später werden sich Ilana und die anderen bewaffnen, eine weitere Partei formiert sich und wird in die Aktion eingreifen, die Spannung steigt.

Die sich anschließende idyllische Bootstour von Ben und Locke endet an einem Steg der Hauptinsel. Zwischendurch gibt es noch einen schönen Ben-Satz; angesprochen auf sein letzthinniges Verletzungspech meint er:

»I’ve found sometimes that friends can be significantly more dangerous than enemies.«

Und dann sind sie schon im verlassenen Dharmadorf und sehen Licht in Bens ehemaligem Haus. Sie stoßen dort auf Sun und Chopper-Frank, die dort planlos herumzuwarten scheinen, weil die Geistererscheinung namens Christian Shephard ihnen so befohlen hat.

Ein Foto wird herumgezeigt, die Dharma-Familie von 1977, Hurley, Kate und Jack sind darauf mit zu sehen. Dieser ganze zeitreisige Mummenschanz geht Frank auf den Wecker, er fordert Realismus: »Sun, please, let’s just go back to the plane, see if I can fix the radio, and maybe we can get some help!« Bei seiner Rückkehr wird er dann von Ilana brutal mit dem Gewehrkolben niedergestreckt, Erinnerungen an das Ende von Tarantinos »Death Proof« werden wach.

Insgesamt wirkt die ganze Begegnungsszene in Bens altem Haus unheimlich hölzern, wie ein Treffen von Leuten, die eigentlich nicht zusammentreffen wollten und sollten. Die Darstellerin der Sun spielt wieder ultraschlecht, ihren ganzen Ben-Hass scheint sie komplett vergessen zu haben, aus der toughen Managerin ist auf einmal wieder dieses leichtgläubige Luftwesen geworden.

Dann der Klassiker: Ben schiebt einen Bücherschrank zur Seite und entert einen hinter einer Kleiderstange versteckten Höhlengang. Dort lässt er irgendwelches Schmutzwasser ablaufen, um den Monsterrauch von seinem Beichtvorhaben zu verständigen (whatever).

John Locke verkörpert wie immer sehr überzeugend sein Erleuchtet­sein, diesmal noch gestärkt durch seine Lazarus-Erfahrung. Er spielt dieses Feeling nun gegenüber Ben aus, und nun ist es Ben, der Fragen stellen muss, weil er die Geschehnisse nicht mehr kontrollieren kann.

Locke führt ihn zum Tempel. In einem diesigen Indiana-Jones-Setup schwingt Ben noch schnell eine Rede über seine Schuld am Tod von Alex und fällt dann eine Etage tiefer. Er läuft mit der Fackel in der Hand auf eine Art Altar zu (der übliche ägyptisierende Zinnober: Hieroglyphen, Anubis etc.).

Auftritt das Black Smoke Monster, dazu die üblichen Klapper­schlangengeräusche. Im Rauch sieht Ben ein paar Szenen aus der Vergangenheit, dieser Effekt wirkt überholt wie entsprechende Szenen aus den Bibelverfilmungen der 50er-Jahre. Überhaupt hat diese ganze schreckliche Szene sogar fast das Zeug, die Aura der Figur Ben anzukratzen.

Ben verliert seine allegorischen Qualitäten, er steht da wie ein kleiner Versageridiot, der Abbitte bei einem Bündel Rauch leistet. Nach einer Weile erscheint ihm seine tote Tochter Alex in voller Pracht, packt ihn am Schlafittchen und trotz ihm das Versprechen ab, von nun an jeden Befehl John Lockes zu befolgen. Ende.

Lost: 5. Staffel, 11. Folge

London, 11. April 2009, 17:35 | von Dique

Achtung! Spoiler!
Episode Title: »Whatever Happened, Happened«
Episode Number: 5.11 (#96)
First Aired: April 1, 2009 (Wednesday)
Deutscher Titel: »Zurück in die Zukunft« (EA 18. 6. 2009)
Umblätterers Episodenführer (Staffeln 4, 5 und 6)

»Whatever happened, happened« heißt diese Folge, und diese Phrase ist durchaus auch als knappe Beschreibung des gesamten Zeitreisequarks in »Lost« akzeptierbar. Diese Floskel wurde auch schon des Öfteren von Faraday in Anschlag gebracht, es sei demnach völlig unmöglich, etwas in der Vergangenheit zu richten, auf dass sich die Zukunft ändere, whatever happened, happened.

Die ganzen SciFi-Umstände werden diesmal in einem lustigen Dialog zwischen Hurley und Miles diskutiert, und diese skurrile audience education hat tausendmal mehr Charme als das schwer zu ertragende Geschwätz von Eloise Hawking. Einfach schon deshalb, weil Hurleys Überlegungen auf populärkulturellem Wissen basieren und sich vor allem aus den »Back to the Future«-Filmen speisen. (Vgl. »From Dusk Till Dawn«, wenn sich Harvey Keitel in der Vampirhölle erkundigt: »Has anybody here read a real book about vampires, or are we just remembering what a movie said?«)

HURLEY: »Okay, answer me this. If all this already happened to me, then why don’t I remember any of it?«
MILES: »Because once Ben turned that wheel, time isn’t a straight line for us anymore. Our experiences in the past and the future occurred before these experiences right now.«
HURLEY: »Say that again.«
MILES (zieht seine Knarre und will sie Hurley geben): »Shoot me, please. Please!«
HURLEY: »Aha! I can’t shoot you because if you die in 1977 then you’ll never come back to the island on the freighter 30 years from now.«
MILES: »I can die because I’ve already come to the island on the freighter. Any of us can die because this is our present.«
HURLEY: »But you said Ben couldn’t die because he still has to grow up and become the leader of the others.«
MILES: »Because this is his past.«
HURLEY: »Like when we first captured Ben, and Sayid, like, tortured him, then why wouldn’t he remember getting shot by that same guy when he was a kid?«
MILES: »Huh. I hadn’t thought of that.«
HURLEY: »Huh.«

Dieser Dialog war mal ein gelungenes, weil lustiges Ablenkungs­manöver von den Konkreta des bescheuerten Zeitreise-Überbaus. Und nach dieser Vorwegnahme nun zum Anfang der Episode:

Der von Sayid niedergestreckte Jin wird von einem Dharma-Funkspruch geweckt, während ein paar Metern entfernt von ihm der 1977er Ben liegt, schwer verletzt, weil in der letzten Folge angeschossen von Sayid. Der kleine Racker mit Kassenbrille lebt also noch, was auch viel einfacher ist fürs Drehbuch, denn jetzt muss nicht noch ein albernes Zusatzkonzept her, um den Ben des 21. Jahrhunderts wieder zum Leben zu erwecken.

Im Dharmadorf herrscht derweil Geschäftigkeit, man befürchtet einen Angriff der Hostiles a. k. a. The Others. Der wirklich extrem unansehnliche und unsympathische Horace erteilt Befehle. Bei all dem Trubel bleibt aber Zeit für einen Kurzflirt zwischen Kate und Roger Linus, dem nicht minder unsympathischen Vater von Klein-Ben. Doch siehe da, aus dem Vatervieh wird für einige Momente ein Mensch.

Das ist wieder der für »Lost« so typische Facettenwechsel, das Vatermonster erklärt, dass es auch gern ein guter Vater geworden wäre usw., was ziemlich unglaubwürdig wirkt, wenn man bedenkt, mit welcher Lust der olle Dharma-Hausmeister seinen Sohn gezüchtigt hat. Doch dann platzt Jin in die Szene, mit eben diesem Sohn auf dem Arm, und im Wechselbad der Gefühle steht da ein ernsthaft besorgter Vater, der betroffen ruft: »That’s my kid!«

Die Flashbackprotagonistin dieser Folge ist Kate. Um sie zirkelt sich auch der größte Teil der Inselgeschichte, sie kontempliert ihr verhauenes Leben, ihre Zerrissenheit, die sich auch und vor allem im Spannungsfeld zwischen Sawyer und Jack abspielt, und damit kommt auch ihre Nebenbuhlerin Juliet ins Spiel und im Off-Island-Teil natürlich ihr angenommener Sohn Aaron.

Nach ihrer Rückkehr von der Insel freundet sich Kate außerdem mit Sawyers Ex-Freundin Cassidy an, der Frau, die Sawyer in der Folge »The Long Con« (2.13) so verarscht hat und die dann die Mutter von dessen Tochter Clementine geworden ist. Die beiden Sawyer-Ex-Geliebten kennen sich schon aus Folge 3.15, als Kate der mittlerweiligen Trickbetrügerin Cassidy vor der Polizei aushalf. Nun im Flashforward dürfen sie sich sogar richtig gut verstehen, es gibt da lupenreinen Girl Talk zu bestaunen.

Später bringt Kate den kleinen Aaron zu seiner rechtmäßigen Großmutter, der Mutter von Claire, Carole Littleton, der sie, um Verständnis ringend, die ganze Sache erläutert. (Damit ist auch die Frage geklärt, wo eigentlich Aaron abgeblieben ist, während sich die Oceanix Six samt Kate zurück zur Insel begeben haben.) Überhaupt ist Kate letzthin auf Freundlichkeit gebürstet, in der 1977er Inselwelt versteht sie sich mittlerweile auch mit ihrer Nebenbuhlerin Juliet glänzend.

Nebenbei, ich kann es immer noch nicht fassen, dass Juliet jahrelang in einer dieser Dharma-Spießerbuden zusammen mit dem Dharma-Oberspießer Sawyer/LaFleur zusammen gelebt und selige Pasta-mit-Dharmawein-Abende abgefeiert hat. Dass sich die Freude über das Wiedersehen mit ihren vormaligen Inselbekannt­schaften in engen Grenzen hält, wird sie gegen Ende der Folge Jack vor den Latz knallen: »We didn’t need saving! We’ve been fine for three years!«

Der Doc übrigens macht inzwischen eine Sinnkrise durch. Wie in Staffel 3, als es um Bens Wirbelsäulentumor ging, hängt Bens Leben nun von Jack ab. Anders als damals scheint der hippokratische Eid für Jack seinen Reiz verloren zu haben, vor allem in Anbetracht der Tatsache, was aus Ben mal werden wird. Jack hat einfach keinen Bock mehr und argumentiert mittlerweile so wie sein Esoterik-Kumpel Locke:

»You know, when we were here before, I spent all of my time trying to fix things. But did you ever think that maybe the island just wants to fix things itself? And maybe I was just getting in the way?«

Weil Jack diesmal also nicht als »Retter willkommen erscheinen« will, um kurz mal mit Schiller zu sprechen, scheint es nur einen Ausweg zu geben. Young Ben muss zu den Hostiles gebracht werden, zu Richard Alpert und seinen Mannen.

Und obwohl Ben zusammen mit den Others noch die gesamte Dharma-Crew ausrotten wird etc. scheinen irgendwie fast alle den späteren Inseldiktator jetzt retten zu wollen, als ob sie Stephen Frys Alternative-History-Reißer »Making History« gelesen haben (darin wird durch eine Zeitreise Hitlers Geburt verhindert, die Menschheitsgeschichte bekommt dadurch aber unerwarteterweise eine noch drastischere Wendung zum Schrecklichen ab).

Jedenfalls schlägt Juliet vor, Klein-Ben zu den Others zu bringen. Als Summe ihrer Flashbacks will Kate das dann allein durchziehen, sie will dieses Kind retten, sie belädt einen dieser hellblauen VW-Busse und macht sich auf den Weg.

Okay, was noch? Die von uns hier in die Nähe der Goethe’schen »Wahlverwandtschaften« gerückte Viererbeziehung zwischen Jack, Kate, Sawyer und Juliet, wird schön in Szene gesetzt. Juliet passt Jack an der Dusche ab und fragt ihn, den Tränen nahe, warum zur Hölle er zurückgekommen ist. Währenddessen treffen Kate und Sawyer am Sonarzaun aufeinander, um von dort aus den siechenden Ben zu den Others zu bringen. Unterwegs erzählt Kate noch ein paar Storys von Sawyers Tochter Clementine und yada yada yada.

Diese Gesprächsidylle wird jedoch jäh unterbrochen, Gewehre klicken, »do not move!«, die Hostiles sind da und finden das Eindringen in ihr Gebiet gar nicht lustig. Die Eindringlinge samt dem Ben-Kind werden abgeführt, bis aus dem sonnigen Inselgrün der niemals alternde Richard Alpert auftaucht. Er übernimmt Ben, aber nur unter Auflagen:

»If I take him, he’s not ever gonna be the same again. (…) What I mean is that he’ll forget this ever happened and that his innoncence will be gone. He will always be one of us. You still want me to take him?«

Die Schwere dieser Entscheidung wird allerseits mit ein paar bedeutsamen Blicken unterstrichen. Und dann zieht Richard ab und bringt Ben in diesen komischen Dharma-Tempel.

Mit einem längst fälligen Blick voraus endet die Folge dann: Wir sehen plötzlich Locke am Bett des ebenfalls verletzten Zukunfts-Ben (Paddelattacke von Sun!), und er sagt in dessen erstauntes erwachendes Gesicht hinein: »Hello Ben, welcome back to the land of the living!«

Regionalzeitung (Teil 19)

Leipzig, 9. April 2009, 10:57 | von Austin

 
  91.   ein buntes Kulturprogramm

  92.   schlüpfte in die Rolle

  93.   stimmte die Gäste auf den Abend ein

  94.   entpuppte sich als

  95.   gaben alle ihr Bestes
 

Von Biografien und Berberaffen

London, 7. April 2009, 00:42 | von Dique

Irgendwann hat sich Oliver Gehrs in seinem mittlerweile beerdigten Watchblog mit einem kleinen Seitenhieb über die kleinen Bildmono­grafien von Rowohlt lustig gemacht. Angeblich seien die für Leute gedacht, die zu faul sind, eine richtige echte Biografie zu lesen.

Das ist schon sehr lustig formuliert, aber die kleinen RoRoRo-Monos ersparen es einem so vor allem, sich durch 500 Seiten Kindheit und das Werden und Gedeihen von Eltern, Großeltern und dem Dackel der Familie zu wühlen.

Derartige inhaltliche Banalität von Biografien betrachtete auch Gómez Dávila als abschreckend, da nur nichtssagende Details und unbedeutender Tratsch ans Licht gezerrt würden. »So traurig wie eine Biografie«, soll er manchmal als Redewendung benutzt haben.

Bezüglich Kürze und Handlichkeit könnte man auch mal wieder die Lebensbeschreibungen von Giorgio Vasari preisen, besonders wenn es sich um die handlichen und für Paperbacks sogar recht schönen Ausgaben von Wagenbach handelt. Aber ganz gegenteilig sind diese gerade wegen der Anekdoten und wegen der Tratschigkeit des Autors so gut, denn hier werden oft eben diese zum Höhepunkt der kleinen Lebenserzählung.

Ganz besonders im Leben des Sodoma, welchen Vasari zum Anti-Renaissance-Ideal stilisiert, also zum Gegen-Raffael oder Gegen-Michelangelo. In den wenigen Fällen, in denen er Sodomas Werke positiv beurteilt, schreibt er es dem Zufall zu oder den Einflüssen anderer. Sodoma wird als fauler Dandy gezeichnet, der nach Lust und Laune und nur dann arbeitet, wenn das Geld stimmt, so trug er »Jacken aus Brokat, mit goldenem Stoff gesäumte Mäntel, reichver­zierte Hauben, Ketten und ähnlichen Firlefanz nach Art von Hofnarren und Bänkelsängern«.

Außerdem hielt er sich eine Vielzahl von Tieren, welche Vasari detailreich beschreibt. Auch er hatte wieder einen Berberaffen (ähnlich wie Rosso Fiorentino) und man sollte mal genauer untersuchen, warum Vasari bestimmten Künstlern, die er weniger schätzt, so gern einen Berberaffen unterjubelt. Im Text über Sodoma heißt es jedenfalls weiter:

»Außerdem bereitete es ihm Vergnügen, sich außergewöhnliche Haustiere unterschiedlichster Art zu halten, wie Dachse, Eichhörn­chen, Berberaffen, Meerkatzen, Zwergesel, Berberpferde für Wettrennen, kleine Pferde aus Elba, Eichelhäher, Zwerghühner, indische Turteltauben und andere solcher Tiere, derer er habhaft werden konnte. Neben all diesem Viehzeug besaß er insbesondere einen Raben, dem er so gut das Sprechen beigebracht hatte, dass dieser Giovan Antonio selbst zu sein schien. (…)

Diese abstruse Art zu leben, die Werke und Gemälde, bei denen er trotz allem manch Gutes hervorbrachte, machten ihn bei den Sienesen – das heißt beim Pöbel und dem niederen Volk, nicht bei den Edelleuten, die ihn von vornherein durchschauten – derart bekannt, dass viele ihn für einen großen Mann hielten.«

Wenn man mehr über Sodoma wissen möchte, sollte man also vielleicht lieber in einen Zoo gehen statt in ein Museum, denn in den großen Häusern dieser Welt gibt es sowieso nicht viel von ihm zu sehen.

Lost: 5. Staffel, 10. Folge

Paris, 4. April 2009, 16:50 | von Paco

Achtung! Spoiler!
Episode Title: »He’s Our You«
Episode Number: 5.10 (#95)
First Aired: March 25, 2009 (Wednesday)
Deutscher Titel: »Deswegen bin ich hier« (EA 11. 6. 2009)
Umblätterers Episodenführer (Staffeln 4, 5 und 6)

Eine Sayid-Folge reinsten Wassers bzw. reinsten vergossenen Blutes, fast klassisch werden in den verschiedenen Flashbacks die Erlebnisse des irakischen Killerbuben weitererzählt. Nur ist inzwischen so viel geschehen, dass der Rücksprung in eine einzige zeitliche Ebene der Vergangenheit nicht mehr ausreicht. Es sind mindestens vier Ebenen, die in dieser doch eher langweiligen Folge beleuchtet werden, am Ende dann aber zu einem wirklich großartigen Schlusseffekt führen:

Ebene 1 (Kindheit in Tikrit, 70er-Jahre)

Ein leicht klischiertes Intro mit Vorausdeutungspotenzial versetzt uns in die Kindheit von Klein-Sayid. Sein älterer Bruder wird vom Vater beauftragt, ein Huhn abzuschlachten, und weil der sich nicht traut, bricht stellvertretend Sayid dem wehrlosen Federvieh das Genick. Sein Name fällt er ganz zum Schluss, obwohl man von Anfang an weiß, worauf die Szene hinausläuft, aber wir sollen wieder mal bass erstaunt erst hinterher erkennen, dass Sayid der brutale Hühnermörder gewesen ist.

Trotz dieser lahmen Art der Spannungserzeugung strotzt diese Szene vor Urwüchsigkeit, sie wirkt, so einen Vergleich kann man ja ruhig einmal anstellen, mindestens so urwüchsig wie die Schlacht­hofmotivik in Döblins »Berlin – Alexanderplatz« oder ähnliche Sachen, der Mensch als brutales Raubtier etc. etc.

Ebene 2 (Sayid als Bens Scherge, Ende 2005–2007)

Sayid hat als Bens gutgläubiger Scherge eine Reihe von Auftrags­morden ausgeführt, die jeweils Leute aus Widmores Umfeld betrafen. Diesmal gibt es wieder etwas »Lost«-Tourismus, wir werden Zeuge, wie Sayid in Moskau einen Mann namens Andropov kaltblütig erschießt. Er übermittelt Ben die Vollzugsnachricht in einer verkitschten Hinterhofszene, in der Ben als 40er- oder 50er-Jahre-Agenten-Kopie auftritt, mit schwarzem Mantel, schwarzen Handschuhen, schwarzem Hut.

Die Szene wirkt wie »Der dritte Mann« in billig, hehe. In diesem Ambiente verkündet Ben auch das Ende der Zusammenarbeit: »Andropov was the last one. You’ve taken care of everyone who posed a threat to your friends.« Und Sayid weiß vor lauter Schreck nicht, was er jetzt mit seiner Zeit anfangen soll. Irgendwann muss er sich dann in die Dominikanische Republik zurückgezogen haben, um der gemeinnützigen Organisation »Construyendo Nuestro Mundo« beim Häuserbau zu helfen.

Dort war Sayid in Folge 5.07 bereits von Locke aufgesucht worden, in dieser Folge (einige Zeit nach dem Andropov-Mord) kreuzt nun Ben als zweiter Besucher auf. Mit feinster Lügenpropaganda schafft er, was Locke nicht geschafft hatte, nämlich Sayid da wegzu­locken, schließlich muss er mit zur Insel zurück. Locke sei von Leuten umgebracht worden, die es nun auch auf Sayid und den Rest der Inselflüchtigen abgesehen haben. Und da Sayid ja gar nichts anderes könne als Killen (siehe die Anfangsepisode mit dem armen Huhn), soll er sich und die anderen Losties jetzt mal schützen und den für Lockes Tod verantwortlichen Killer um die Ecke bringen:

BEN: It’s in your nature, it’s what you are. You’re a killer, Sayid.
SAYID: I am not what you think I am. I don’t like killing.
BEN: Well, then I apologize. I was mistaken about you.

Ebene 3 (Sayid und die Kopfgeldjägerin, Anfang 2008)

In einer Bar trifft Sayid auf Ilana, und zwar nach dem gemeinsamen Losties-Treffen in Folge 5.05, bei dem Sayid klugerweise schnell das Weite gesucht hat, bevor Eloise Hawking in der nächsten Folge ihre leicht lächerliche Erklärungs-Suada vom Stapel ließ. Jedenfalls scheint ihn Ilana verführen zu wollen, aber dann, später, mitten beim Making-out, tritt sie ihm volle Kanne ins Gesicht und hält ihn at gunpoint. Sie verklickert ihm, dass sie ihn nach Guam bringen soll, auf dass er dort von der Familie des von ihm hingerichteten Seychellen-Golfers aus Folge 4.03 zur Rechenschaft gezogen werde. Später sehen wir die beiden, Kopfgeldjägerin und Auftragsmörder, noch mal zusammen im Flug 316, wir alle wissen, dass sie nach dem Absturz zeitlich ziemlich verschiedene Wege gehen werden.

Ebene 4 (Sayid als Gefangener der Dharmas, 1977)

Im Moment wirkt es komischerweise so, als ob die Handlung im Jahr 1977 die Gegenwart sei. Für die dorthin gebeamten Losties ist sie es ja gewissermaßen auch. Es ist sicher auch nur eine Frage der Zeit, bis die zwei Erzählfäden, die nach dem erneuten Crash auf der Insel entstanden sind, wieder zusammenfinden. (Der irgendwohin entschwundene Faraday wird dabei sicher irgendeine Rolle spielen, werden sehen.)

Sayid war ja in der letzten Folge, handgeschellt wie Stanislaus Demba in dem Perutz-Roman »Zwischen neun und neun«, durch die Gegend geirrt, und nun spielen diese Handschellen endlich auch mal ihren Vorteil aus. Dharma-Horace denkt nämlich, dass Sayid von seinen vermeintlich eigenen Leuten, den Others (damals noch als Hostiles bekannt), verstoßen wurde.

Sawyer würde Sayid am liebsten mit einer kleinen Lüge in den Dharma-Korpus integrieren. Denn der konservativ gewordene Haus-und-Herd-Sawyer hat sich in den 70ern ein Leben aufgebaut, »and a pretty good one«, das will er sich nicht von Sayid zu Schanden machen lassen. Sayid aber willigt in Sawyers Plan nicht ein.

Nachdem Sayid wiederholt mit keinem der Dharmas reden wollte, wird er zum Dharma-Folterer Oldham gebracht. Also: Folterer trifft Folterer, oder, wie Sawyer es gegenüber Sayid erklärt: »He’s our you.« Ein guter Satz, von Sawyer diesmal ganz ohne seine übliche Ironie dargebracht, und gleich auch der Titel dieser Episode.

Dann wird es wieder etwas lächerlich, Sayid wird mit Gewalt eine Art Wahrheitsserum verabreicht, das als gezuckerter Deus-ex-machina fungieren soll. Und Sayid sagt denn auch die Wahrheit, die ganze »Lost«-Wahrheit, er plaudert alles aus, was er über die Dharma-Stationen weiß, auch über die damals noch nicht gebauten. Es muss also so aussehen, als ob er hier als Spion unterwegs ist. Aber dann sagt er fast den coolsten Satz der Folge: »I’m from the future!«

Dabei wird er von Katatonien geschüttelt und lacht das Lachen eines Wahnsinnigen. Laut den Statistikern der Lostpedia ist das nach viereinhalb Jahren »Lost« überhaupt erst das dritte Mal, dass wir Sayid lachen sehen.

Hinterher kommt es zu einer Kampfabstimmung, bei der sich alle Entscheidungsträger für Sayids Hinrichtung aussprechen, letztlich auch Sawyer, der Sayid im Anschluss aber immerhin noch einmal zur Flucht verhelfen möchte. Der will sich jedoch gar nicht helfen lassen, er nimmt seine Situation vielleicht als Schicksal hin, und dieses Schicksal ist: der kleine Ben Linus. Und der Darsteller des jungen Nickelbrillenträgers spielt einfach sensationell, er spielt die einzigartige Mischung aus Souveränität und Skrupellosigkeit des späteren Ben schon mit.

Klein-Ben ist es dann auch, von dem sich Sayid befreien lässt, während Dharmaville durch einen brennenden Dharma-Kleinbus abgelenkt wird. Bei ihrer Flucht begegnen sie Jin, der von Sayid umgehauen wird, weil er Sawyer/LaFleur benachrichtigen will.

Und dann folgt eine große, wirklich ganz unerwartete Szene:

SAYID: You were right about me.
DER JUNGE BEN: What?
SAYID: I am a killer.

Und Sayid schießt eiskalt den kleinen niedlichen Ben nieder, zack! Der kann natürlich nicht wirklich so einfach in der Vergangenheit sterben, und schon die nächste Folge heißt auch: »Whatever happened, happened«, das alte Mantra von Faraday, insofern wird der Kleine schon irgendwie überleben.

Hebe Uhart: »Literaturzeitschrift«

Paris, 2. April 2009, 13:39 | von Paco

Liebe deutschsprachige Verlage!

Sie ist noch nicht ins Deutsche übersetzt, Hebe Uhart – argen­tinische Autorin, geb. 1936, zahlreiche Veröffentlichungen –, aber zumindest ihre Erzählungen wären es endlich mal wert. Ich habe gerade ihren neuen Band »Turistas« gelesen (Adriana Hidalgo 2008, 162 S.), zum Schluss gleich noch mal die darin enthaltene Erzählung »Revista literaria« (»Literaturzeitschrift«):

José, Marcos und vor allem Fernando sind nicht mehr einverstan­den. Mit der Alltäglichkeit des Lebens, der Welt, wie sie ist, der Erderwärmung und der Globalisierung. Sie wollen alles umschmeißen, sie wollen rebellieren wie noch nie jemand rebelliert hat. Und als Mittel zum Zweck gründen sie – eine Literaturzeitschrift. Natürlich eine, wie es sie noch nie vorher gegeben hat, eine, die mit allen Traditionen bricht.

Den Jungs gefällt zum Beispiel die Biografie von Gauguin, der alles hinter sich gelassen und sich nach Tahiti aufgemacht hat. Sie selbst haben allerdings schon Schwierigkeiten damit, ihre regel­mäßigen Treffen von einem Rentner-Café in ein anderes, ihrer Peer-Group entsprechendes Kaffeehaus zu verlegen. Der unbekümmerte Größenwahn literarischer Anfänger führt dann zu so etwas wie der schlimmsten aller denkbaren Schülerzeitungen. Es werden Einsen­dungen von jungen Leuten aus dem Umland von Buenos Aires zitiert und diskutiert, dass einem vor Lachen der sprichwörtliche Döner aus der Hand fällt. Beispiel:

Danach lasen sie eine Art Essay, er begann so: »Als Cortázar starb, füllte sich der Himmel mit Schmetterlingen, heißt es.«

»Gefällt mir, dieser Essay«, sagte Fernando. »Macht Eindruck.«

Marcos sagte: »Man könnte den Satz aber auch umdrehen: ›An einem Tag, an dem der Himmel voller Schmetterlinge war, starb Cortázar.‹«

Fernando war dagegen: »So ist der Satz doch völlig wertlos. Mein Gott!«

Irgendwann wird die frisch erschienene Zeitschrift öffentlich präsentiert. Es gibt ein offenes Mikro, das jedem Redewilligen zur Verfügung steht, und die meisten kommen auch nur deswegen. Am Ende verkaufen sie zwei Exemplare à 2,50 Pesos. Fernando fährt wutentbrannt von der Innenstadt in seinen Vorort zurück und verbrennt seine Restexemplare. Er will jetzt, nachdem er wegen der verknöcherten Uni-Strukturen sein Studium im ersten Jahr abgebrochen hat, doch wieder damit anfangen. Ende.

Eine andere Geschichte in dem Band handelt von »Stephan in Buenos Aires«, geschrieben im Ausländer-Spanisch eines Deutschen. Uhart hält die Deutschen sowieso für so ziemlich die wunderlichsten Wesen auf Erden, wie sie in einem Interview zugab. Also noch ein Grund, endlich spricht es mal jemand aus!

Im Herbst 2010 ist Argentinien Gastland auf der Frankfurter Buchmesse. Liebe deutschsprachige Verlage, reißt euch um Hebe Uhart! Um diese Erzählungen gehört ein deutscher Buchumschlag!

Mit freundlichen Grüßen,

Frank Fischer
Consortium Feuilletonorum Insaniaeque

Mit Fritz J. Raddatz in der Kunsthalle Emden:
»In gewisser Weise hängt da der Stern«

Emden, 30. März 2009, 07:46 | von Marcuccio

Schade eigentlich, dass es den Henri-Nannen-Kunstexpress nicht mehr gibt. So verschlug es uns mit dem ganz privaten Navi nach Norden, und von Norden nach Emden. Hier, und dieser Gag fehlt wirklich nirgends, befindet sich die Kunst exakt »Hinter dem Rah­men 13«.

Eine Gruppe aus Groningen steht im Foyer, mit einer Reiseleitung Marke Sylvie van der Vaart, da schließen wir uns doch glatt an:

»In 1986 liet Henri Nannen, oprichter van het beroemde weekblad Stern, in zijn geboorteplaats Emden een museum bouwen voor zijn verzameling twintigste-eeuwse kunst. Zijn passie voor het verza­melen van kunst heeft tot een omvangrijke collectie met een geheel eigen karakter geleid. Nannens verzameling en tentoon­stellingen trekken kunstliefhebbers uit binnen- en buitenland naar de Kunsthalle in Emden.«

Leider scheint Sylvie van Emden dann doch nur die Website der Kunsthalle auf Niederländisch auswendig gelernt zu haben. Nicht ohne unsere blauen Franz-Marc-Pferdchen, die Eintrittskarte, hochzuzeigen, galoppieren wir noch mal geschwind raus und holen unseren eigenen Führer aus dem Spind: Fritz J. Raddatz! Der hat mit seinem Buch »Unruhestifter« so eine Art inoffiziellen Rundgang zur Kunsthalle Emden verfasst, drei herrlich böse Seiten (S. 173 ff.) über den Kunstsammler Henri Nannen.

»Nannen führte mich zwar durch das Museum, aber erzählte ausschließlich, wie günstig er dieses Bild und wie teuer er jenes erworben habe, bei wem, durch wen und wie teuer es jetzt sei, … dass das Museum 6,5 und alles zusammen 13,8 Millionen gekostet habe. Dreizehnkommaacht war ohnehin jedes dreizehnkommaachte Wort, warum sagt er nicht dreizehn oder vierzehn?«

Raddatz, genervt, notiert »zumeist zweite und dritte Qualität, kaum ein Spitzenbild und: nur diese deutsche Kunst, der ewige Nolde, der ewige Barlach, dazwischen diese Modersohns und noch Namen­loseren – Altmeppen und Scharl und wenn eine Beckmann-Quappi, dann eben doch nicht die Quappi.«

Yeah, Kunstführer, die einem erzählen, was die Sammlung, die man gerade schaut, alles nicht zu bieten hat. Vielleicht überhaupt noch eine Marktlücke.

Die Holländer, aber ohne Sylvie van Groningen, laufen uns wieder über den Weg. Wir schlagen uns seitwärts und landen direkt vor unserer gerahmten Eintrittskarte. Museen aller Ligen anhand ihrer Art von Eintrittskarten analysieren, das wäre doch noch mal ein echter Job für die Museumsphilatelie. Die hätte auch (interdiszi­plinärer Ansatz!) herauszufinden, warum es im Museumscafé, das wirklich »Henri’s« heißt, original Topfenstrudel gibt. Zum Nachtisch lesen wir den Rest vom Raddatz-Rundgang:

»… kein Max Ernst oder Magritte oder Dalí, nicht mal Oelze – das Raffinierte in der Kunst liegt diesem Mann nicht. Er hat eben doch einen ›Musikdampfer‹ gesteuert, in gewisser Weise hängt da der STERN – auf den er allen Ernstes stolz ist … – noch einmal an den Wänden; es hat etwas Brüllendes.«

Großer Brüller jetzt auch im Henri’s. Die Holländer (immer noch ohne Sylvie) sind in der Kantine angekommen. Ein Guus-Hiddink-Double macht obszöne Grimassen, keiner weiß warum.