Lazarillo, Hoffmann, ZERN, Gemäldegalerie, Bode

London, 11. Mai 2009, 21:48 | von Dique

Neulich kurz in Berlin gewesen, dort auf dem Flohmarkt endlich mal den Lazarillo von Tormes gekauft, welchen mir Paco immer wieder ans Herz gelegt hatte. Ich las ihn gleich auf der nächsten Kaffeehausbank in einem Zug, und er hat mir natürlich bestens gefallen.

Danach gleich noch von Hoffmann den »Meister Martin der Küfner und seine Gesellen« (was soll man auch sonst in Berlin machen?), auch sehr fein und die von uns neulich begonnene Liste der besten 100-Seiten-Bücher wächst. Wenn wir 100 beisammen haben, geben wir einen entsprechenden Kanon heraus. Goldschnitt, Lesebändchen, säurefreies Papier, gedruckt bei Alfred A. Knopf.

Dann zur Eröffnung in die ZERN Gallery, obwohl ich kaum noch was erkennen konnte, nach all der Leserei. Dort war auch Ingo Niermann, und ich erzählte ihm von der hier berichteten Drill/Vril-Verwechslung, er freute sich aber mehr über die Erinnerung an den Auftritt von Gilbert & George (ebenda). Gesa Johanna Roskamp erinnerte mich an Pontormo und das wurde mit Wohlwollen quittiert.

Am nächsten Tag in der Gemäldegalerie zur Rogier-van-der-Weyden-Ausstellung, danach die italienische Reproduktionsgrafik von Mantegna bis Caracci. »Gibt es zu der Ausstellung einen Katalog?« »Nein.« »Mist.«

Dann noch schnell ins Bode-Museum, um das Flaxman-Relief anzuschauen, ultraklein für die Größe, mit der es überall in diesem Berlin beworben wird, aber trotzdem sehr schön. Wobei das Schönste im Bode immer noch diese wunderschöne Dorothea-Terrakottafigur von Andrea della Robbia ist.

Diese altarmäßige Präsentation und diese schöne Figur, welche durch das Material so weich wirkt, sieht fast aus wie Holz und ist mal eine angenehme Abwechslung zu den sonst meist weiß-blauen glasierten Reliefs des della-Robbia-Clans.

Usw.

Die FAS vom 10. 5. 2009:
Motive sind verzichtbar

Paris, 10. Mai 2009, 14:55 | von Paco

Es ist einmal wieder Zeit für einen Sonntagszeitungs-Recap, den Umbl-Klassiker. Also saß ich heute morgen zweieinhalb Stunden im damals noch menschenleeren Jardin du Luxembourg und las alles genau durch.

Schon die sehr gute Teaser-Überschrift auf der Frontseite, »Taten deutscher Dichtung«, zog mich hinein ins Feuilleton (S. 25), auch wenn die Fakten um Frenzels komisches Dichtungsdatenwerk, die Herkunft der Autorin aus der Nazigermanistik usw., schon weithin bekannt sind.

Obwohl dieses J’accuse von Volker Weidermann also etwas spät kommt – zumal der Verlag verlauten ließ, dass es sozusagen bald eh keine Neuauflage mehr geben wird –, klingt diese Geschichte immer wieder aufs Neue unglaublich, haarsträubend, unerhört, unfassbar, unvorstellbar, unsäglich oder, wie Weidermann selber an zwei Stellen schreibt, skandalös.

Dann weiter, Stichwort: one of us. Nach Horst Tappert, Roger Willemsen und dem Umblätterer outet sich auch Daniel Kehlmann als Hamsun-Leser. Auf S. 29 gibt es einen Vorabdruck seines Nachworts zu einer Neuausgabe von »Hunger« (Überschrift: »Der Bruch«). Es ist ein sehr hervorragendes Nachwort, sehr zweckorientiert und pointiert, da wird die ganze Herrlichkeit des Hamsun einfach mal auf den Punkt gebracht:

»Genau das ist die epochale Entdeckung des Romanciers Knut Hamsun: Motive sind verzichtbar. Es ist nicht nötig, zu verstehen, warum Figuren sich so verhalten, wie sie es tun; (…).«

Ich erinnere in diesem Zusammenhang an die neulich (vor einem Jahr) hier von Dique zelebrierte Geigen-Szene aus den »Mysterien«.

Ok, was sonst noch. Julia Encke überführt auf sehr schöne Weise Jan Fleischhauer einer von ihm unbemerkt begangenen mise en abîme (S. 26):

»Fleischhauers Grundvorwurf an die Linken ist das, was er die ›Erfindung des Opfers‹ nennt. Das Opfer, sagt er, stehe am Anfang aller linken Politik, als dessen Anwalt diese sich aufspiele. (…) Dass er in einer mise en abîme sein eigenes Vorgehen mit so bemer­kenswerter Präzision beschreibt, scheint ihm allerdings zu entgehen. Denn als nichts anderes stilisiert er sich ja die ganze Zeit: als Opfer jener linken Sozialisation, (…).«

Außerdem sei sein Buch »Unter Linken« langweilig wie nur was. Eine Umblätterung weiter, unter dem Kehlmann-Text, prangt dann eine drittel­seitige Verlagswerbung für den Fleischhauer, schön signalfarbig in Rot gehalten.

Ansonsten gibt es auch wieder einen instantanen Reich-Ranicki-Klassiker unter den von ihm beantworteten Sonntagsfragen (S. 27):

Welches der Kinder Thomas Manns war literarisch am begabtesten?
Bastian Nitzschke, Hünfeld

Golo.

Liebe Klaus-Mann-Fans (zum Beispiel), bitte schreibt jetzt Abbesteller-Leserbriefe voller Protest und Anklage, sie würden gut in unsere Sammlung passen, danke.

Usw.

Lost: 5. Staffel, 14. Folge

Paris, 6. Mai 2009, 22:20 | von Paco

Achtung! Spoiler!
Episode Title: »The Variable«
Episode Number: 5.14 (#99)
First Aired: April 29, 2009 (Wednesday)
Deutscher Titel: »Die Variable« (EA 9. 7. 2009)
Umblätterers Episodenführer (Staffeln 4, 5 und 6)

(Vorab: ABC feiert mit dieser Episode offiziell die 100. Folge »Lost«, meint damit aber die 100. produzierte TV-Stunde »Lost«. Wir sind wie viele ande­re mit unserer Zählung erst bei #99, da wir die zweistündige Folge 1.24, »Exodus, Part 2«, nur einfach zählen. *egal*)

2008

In der vorletzten Folge wurde Desmond von Ben angeschossen, und als diesmaligen Opener erleben wir eine »Emergency Room«-mäßige Krankenhaus-Sequenz mit Desmond auf einer Bahre, die hektisch durch einen Krankenhausgang gerollt wird. Dem verletzten Schotten wird ein Atemgerät aufs Gesicht gepresst, und ein paar Ärzte schreien so klischiert wie möglich irgendwelche Begriffe durch die Gegend.

Dann tritt Eloise Hawking in den Wartesaal, die Frau, die alle Lächer­lichkeiten der 5. Staffel so perfekt personifiziert. Wie ein Orakel ihrer selbst verkündet sie Penny nun, dass Daniel Faraday ihr Sohn sei, der wiederum Desmond nach L. A. geschickt habe, um sie zu finden und die Rückkehr der Oceanic Six zu organisieren. Ansonsten sind ihr ähnlich wie Ben mittlerweile die Zügel aus der Hand geglitten: »For the first time in a long time, I don’t know what’s going to happen next.« (Was für eine Wohltat, hoffentlich wird die Alte jetzt erträglicher, hehe.)

Die Szene im Spital funktioniert als Klammer für die gesamte Folge und wird erst am Ende wieder aufgenommen. Dann kreuzt schließlich auch Widmore auf und erkundigt sich so nach dem Neuesten. Dabei kommt heraus, dass Faraday nicht nur der Sohn von Eloise, sondern auch der von Widmore ist. Also ist Faraday der Halbbruder von Penny, der Schwager von Desmond usw. Dazu gibt es noch die Andeutung, dass der Physikus von seiner Mutter geopfert werden musste. Und das wird dann auch der Cliffhanger, doch dazu später.

Faradays Kindheit und Karriere

Diese Faraday-centric episode inszeniert den Zeitreise-Wissenschaftler so ein bisschen als Hanno Buddenbrock für Arme. Seine Mutter unter­bricht ihn in ganz jungen Jahren beim glückseligen Pianospiel. Sie fragt ihn, ob er wisse, was destiny sei. Äh, nein, sagt er. Die richtige Antwort lautet: »Destiny means that, if one has a special gift, then it must be nurtured.« Und das wird Faradays Trauma, etwas zaunpfahlartig in diesen vorausdeutenden Dialog gepresst:

FARADAY: But I want to keep playing the piano. I can do both. I can make time.
ELOISE: If only you could.

Später sehen wir ihn an der Uni wieder, nach seinem Abschluss als »youngest doctorate that ever graduated from Oxford«. Er schleppt eine Theresa an, Freundin und Forschungsassistentin, doch seine Mom will lieber mit ihm allein lunchen. Als sie dann beieinander sitzen, macht sie aber gleich die Biege, kurz nachdem sie gehört hat, dass Daniel für seine Forschungen 1,5 Mio. Pfund zur Verfügung gestellt wurden, von einem Industriellen namens – Charles Widmore.

Als nächstes betrachten wir die Spätfolgen des Faraday’schen Traumas: Er ist depressiv, heult die ganze Zeit und hat Erinnerungs­probleme. Irgendwann nach dem Absturz des Oceanic-Fluges 815 sieht er rein zufällig eine Fernsehsendung über die Bergung des (von Widmore gefakten) Oceanic-Flugzeugwracks. In diesem Moment taucht zufällig Widmore selber bei ihm auf, um ihn für die Kommando-Tour auf die Insel zu gewinnen. Widmore lockt ihn damit, dass er von der Insel geheilt werde, Eloise damit, dass es sie mit Stolz erfüllen würde, wenn er Widmore zusage.

1977

MILES: What the hell are you doing back here, Dan? Once you left for Ann Arbor, I figured you’d gotten rich, invented the DVD or something.

Faraday ist seit dem Ende der letzten Folge also in der 1977er Hand­lung angekommen, nachdem er nach Folge 5.08 zunächst spurlos verschwunden war. Er lässt sich von Miles zu Jack bringen. Dieser darf einige Suggestivfragen beantworten, damit Faraday ihn dann belehrt: Entgegen den Behauptungen seiner Mutter Eloise sei die Rückkehr zur Insel gar kein unausweichliches Schicksal gewesen, ätsch. »I got some bad news for you, Jack. You don’t belong here at all. She was wrong.«

Nach dieser Verkündung macht sich Faraday auf den Weg zur Orchid-Station. Die Szene aus 5.01 wird wiederholt, in der sich Faraday und Dr. Chang in der Nähe des Energiefeldes begegnen. Und dann (aaaaahh!) kommt der Unsatz aller Unsätze, gesprochen von Faraday: »I’m from the future.«

Und Chang lacht sich nicht kaputt darüber, sondern kuckt Faraday weiter ernst an. Dann will der kittelbewehrte Dharma-Wissenschaftler abhauen, doch Faraday bekniet ihn weiter. Um ihn auf den Ernst der Lage aufmerksam zu machen, spoilert er ihn sogar mit der Info voll, dass Miles sein Sohn sei (was ja nun wirklich obvious ist: »A Chinese man named Miles – the same name as your baby – shows up with me from the future. You really think this is all coincidence?«) Miles seiner­seits streitet das dann ab, Faraday argumentiert weiter auf verlore­nem Posten.

Schauplatz-Wechsel. Endlich ist auch Sawyer, der es sich in den 70ern so schön bequem gemacht hatte, zu der Erkenntnis gelangt, dass es an der Zeit sei, dem Dharma-Dorf den Rücken zu kehren. Ganz weg von der Insel oder bloß rein in den Dschungel, das ist die Frage. Zufällig taucht dann Faraday auf und verklickert allen, dass er die Hostiles finden muss, allen voran seine Mom, denn die sei »the only person on this island who can get us back to where we belong«. Sawyer, der ewige Wortspielheld, erwidert Richtung Faraday: »Your mother is an Other?«

Und wie so oft, wenn es handlungsmäßig voran zu gehen scheint, bilden sich zwei Lager. Das ist ein narratives Kontinuum bei »Lost« und auch eine der Stärken der Serie. Sawyer, Juliet, Miles und Hurley wollen jedenfalls nicht mit zu den Others und entscheiden sich, zurück zum Beach zu ziehen, »right where we started«.

Vor dem großen Aufbruch findet sich noch Zeit für ein kleines Zwischen­spiel: Faraday spricht zu einem rotblonden Mädchen auf einer Schaukel. Es ist Charlotte, seine demnächst große Liebe. Er will sie warnen und sie auffordern, samt ihrer Mommy mit dem nächsten U-Boot die Insel zu verlassen. Er widerspricht sich damit selbst, seinem bisher ubiquitären Slogan »whatever happened, happened«. Jetzt heißt die Devise: »I didn’t think I could change things. But maybe I can.« Diese Aussage kommt nicht gerade gut motiviert daher, ein weiteres Indiz für die Beliebigkeit, mit der unserem schönen »Lost« dieses bescheuerte Zeitreise-Thema aufgebürdet wurde.

Aber egal, viel Zeit zum Reflektieren bleibt nicht, denn Radzinsky trifft ein und fragt die Aufbrechenden (Kate, Jack, Faraday), was da los sei. Eine wilde Schießerei setzt ein (endlich mal wieder Action), Faraday wird verwundet. Mit Ach und mit Krach entfliehen die Drei im hellblauen Dharma-Jeep. Radzinsky und seine Mannen ziehen indessen weiter zu LaFleur/Sawyer und entdecken dort den gefesselten und geknebelten Phil. Sieht schlecht aus für Sawyer & Juliet, aber dieser Handlungs­strang bricht hier erst mal ab, to be continued in der nächsten Folge.

Bei einer Rast im Dschungel hält Faraday dann eine Rede, in der er einen gut Teil des magischen Realismus der ersten drei Staffeln auf eine plausible »chain of events« zurückführt: In ein paar Stunden werde man bei der Swan-Station auf ein riesiges Energiefeld (»a massive pocket of energy«) stoßen, und deshalb werde der Hatch gebaut, und deshalb habe der Button gepusht werden müssen. Desmond werde ihn dann eines Tages vergessen zu betätigen, im September 2004, was zum bekannten Flugzeug-Crash führen werde. Und all das »is gonna start happening this afternoon. But – we can change that.«

Weil er von seinen artigen Zuhörern Jack und Kate nicht unterbrochen wird, ereifert sich Faraday immer weiter und ergeht sich dann Paolo-Coelho-haft in einer esoterischen Menschlichkeitssuada: »I forgot about the variables. Do you know what the variables in these equations are, Jack? Us. We’re the variables. People. We think. We reason. We make choices. We have free will. We can change our destiny.« So billig wird also die vormalige Direktive »whatever happened, happened« endgültig widerlegt. Und endlos gähnt das Murmeltier.

Faraday will nun das Energiefeld unter der Swan zerstören, und zwar mit der Jughead-Wasserstoffbombe aus Folge 5.03. Dann werde der Oceanic-Flug 815 auch nicht crashen, sondern vielmehr sanft in Los Angeles landen. Und »Lost« hätte es nie gegeben.

Der Plan wird jedoch erst mal volle Kanne durchkreuzt, denn als sich Faraday im Lager der Hostiles mit Waffengewalt Zugang zu seiner Mutter verschaffen will, wird er hinterrücks angeschossen – von seiner Mutter. Japsend, mit dem Tode ringend, versucht er ein letztes klärendes Gespräch mit ihr:

FARADAY: Eloise. You knew. You always knew. You knew this was gonna happen. You sent me here anyway.
ELOISE: Who are you?
FARADAY: I’m your son.

Bitte was? Das ist doch so ein abgrundtief schlechter Seifenopern-Satz, wenn irgendein neuer Charakter mit dem Presslufthammer ins Drehbuch geschrieben wurde, »I’m your son«. Nach dem vorhin gehörten Unsatz »I’m from the future« ist das dann gleich Faradays zweites Stil-Verbrechen. Mal sehen, was noch kommt, hehe.

Regionalzeitung (Teil 20)

Leipzig, 1. Mai 2009, 20:04 | von Austin

 
  96.   beherrschte sein Handwerk perfekt

  97.   eine beeindruckende Show auf die Bühne zauberte

  98.   konnte nicht mithalten

  99.   klingt erst mal nach schwerer Kost

  100.   mit einem lachenden und einem weinenden Auge
 

Kaffeehaus des Monats (Teil 44)

sine loco, 30. April 2009, 07:24 | von Guest Star

(Gastbeitrag von Benjamin Stein)

Wenn du mal richtig Zeitung lesen willst:

Jazzbar Vogler, München

München
Das Vogler in der Rumfordstraße 17.

(Kein Café-Haus, sondern eine Jazz-Bar. Umblättern kann man
dort dennoch in Seelenruhe, und zwar 1 Stunde lang von der
Lokalöffnung um 19:30 Uhr bis 20:30 Uhr, wenn der Live-Jazz
beginnt. – Unbedingt den Mail-Rundbrief des Inhabers Thomas
Vogler abonnieren, den er regelmäßig verschickt, um Freunde
des Lokals über das Programm und die unerhörten Ereignisse
zu unterrichten, die sich im Voglers gelegentlich zutragen.)

Das Feuilleton schwänzt den Walser-Wandertag

Konstanz, 27. April 2009, 14:06 | von Marcuccio

Was dem Dique seine RoRoRo-Monografien, sind mir ja die Suhrkamp-Prachtbände »Sein Leben in Bildern und Texten«. Okay, sie passen eher auf Tische als in Taschen, und hinein kommt auch nur, wer zwingend altgedienter Suhrkamp-Backlist-Autor ist: Also Hesse. Brecht. Und natürlich Walser, Robert, nicht (mehr) Martin.

Doch schon mit diesen wenigen Großkalibern haben sich mir ganze Ikonografien deutscher Literaturgeschichte ins Gehirn gefräst: Hesse mit Strohhut und Gartenfeuer, Brecht auf Frischs Letzibad-Baustelle in Zürich – und eben Robert Walser mit Schirm und Hut am Rand der langen, leeren Straße.

Es ist DAS Bild des Spaziergängers Robert Walser, oder muss man sagen: des von seinem Vormund zum Spazierengehen abgeholten Anstalts-Insassen Robert Walser? Das Foto, aufgenommen von Carl Seelig am 23. April 1939, wurde dieser Tage 70 Jahre alt. Aber was macht das sonst so jubiläumsgeile Feuilleton? Es schwänzt diesen Wandertag.

Dabei war es doch ein großer Tag: »Wir machen den Weg Herisau–Wil, ständig plaudernd, in dreieinhalb Stunden«, schreibt Seelig, und weiter: »Er läßt sich auch ohne Widerstand fotografieren. Ich bin baff. Es macht ihn glücklich und lustig, daß wir die 26 Kilometer so schnell hinter uns gebracht haben, nur mit einem Vermouth als ›Benzin‹.«

Und naja, in Wil wurde natürlich, wie immer bei solchen Gelegen­heiten, noch zünftig eingekehrt: »Wir essen ›Im Hof‹, haben gewaltigen Hunger und kehren nachher von einer Wirtschaft zur anderen ein. Im ganzen waren es fünf.« So halb stolz, halb betreten konnte es nur ein Carl Seelig protokollieren, wahlweise auch mit Speisenfolge, Rotweinsorten, Walsers Worten zu den Serviertöchtern.

Solange »Der Vormund und sein Dichter« nicht endlich mal wieder gesendet wird, bleibt »Robert Walser. Sein Leben in Bildern und Texten« die einzige Alternative zum Nachwandern durch Text und Bild, herausgegeben und gestaltet von dem wie immer unermüd­lichen Bernhard Echte.

Schöner lesen

Konstanz, 25. April 2009, 09:01 | von Marcuccio

Unter der Hand entwickelt sich die taz zur führenden Zeitung für die Berichterstattung von und zu Lesungen. Immerhin war es auch ein Artikel der taz, der mich anno 2004 zu meinem ersten »Tropen«-Buch verführte.

Weiter war es die taz, die Walsers Krawatten-Kampagne unter die Lupe nahm, und auch gestern war es wieder die taz, die mit gleich zwei Genrestücken aus der Welt des gelesenen Buchs bestach. Programmatischer Titel: »Die Fans und die Kritiker«.

Zunächst Judith Luig über Jonathan Franzen: Na gut, der zu Anfang gezogene Vergleich »Die Lesung … beginnt wie ein Pop­konzert« ist ein Topos, von dem sich das Lesungsrezensionswesen langsam ruhig mal emanzipieren könnte – sollte! Aber der Schluss ist schon richtig, richtig gut, weil eben einfach wirklich Pop, und zwar ohne Konzert: »Fast hat man das Gefühl, man sei selbst ein bisschen lebendiger geworden, weil man ihn an diesem Abend erlebt hat.«

Dann »Alles über Alice« – Wiebke Porombka über Judith Hermann, deren »Gespenster«, wiewohl 2007 noch mal im Kino, auch schon wieder 6 Jahre her sind: »Sechs Jahre … in Literaturbetriebs­kreisen eine halbe Ewigkeit.« Jetzt, endlich bald, kommt das neue Buch, und deswegen, so Porombka plausibel, war’s auch »rappelvoll«, und zwar mit namhaften Kritikern:

»fast wäre es hier und da zu kleinen Handgreiflichkeiten gekommen, weil diejenigen, die nur noch auf den improvisierten Gartenstühlen, halb zwischen Gang, Bar und Tür geklemmt sitzen konnten, sich der freien Sicht auf die lang entbehrte Autorin beraubt sahen.«

Herrlich. Und ungemein treffend, witzig und richtig Judith Hermanns seit Stuckrad-Barres »Livealbum« ja auch nicht mehr so oft gelesene Bemerkung, sie müsse sich »für solche Gespräche erst wieder ein bisschen konditionieren«. Trainingsauftakt, erstes Testspiel für die jetzt anstehende »Alice«-Saison: 18 Spieltage gegen den gleichen Gegner (»Ist das autobiografisch?«), und Judith Hermann sucht noch nach ihrer Form. Das werde, will ich heute um 20:05 Uhr im DLF unbedingt nachhören.

Curb Your Michelangelo

London, 24. April 2009, 08:00 | von Dique

Das »Jen Cafe« kann nur dem Namen nach Kaffeehaus des Monats werden, es gibt jedenfalls keinen Kaffee. Es ist eine kleine chinesische Snackbar und hat sehr gute Beijing Dumplings. Dort sitze ich und lese eines dieser weißen Phaidon-Bücher, über Michelangelo, und neben mir sitzt ein amerikanisches Pärchen.

Ob ich denn wisse, dass Michelangelo auch Gedichte geschrieben habe, fragt mich der Mann, als er sieht, was ich lese. Später sagt er noch, dass er immer, wenn er in London ist, auf ein paar Dumplings ins Jen Cafe gehe, schon seit Jahren. Und noch später unterhalten wir uns kurz über »Curb Your Enthusiasm«, weil irgendetwas »Curb« war, ich habe nur vergessen, was. Ich rede sehr gern mit Amerikanern, weil wirklich alle Seinfeld kennen und zumeist auch »Curb Your Enthusiasm«. Mit Detailkenntnis, da muss man nichts erklären.

»Michelangelo, Bildhauer in Rom«, so unterschrieb er häufig seine Korrespondenz. Außerdem schrieb er Sonette, und manchmal war er ein Spaßvogel. Die kleine rororo-Bio (die ältere von Heinrich Koch, nicht die neuere von Daniel Kupper) bringt folgenden Auszug aus einem Brief an seinen Vater. Michelangelo ist in Bologna, wo die Pest tobt, und anscheinend hat ihm der Vater vorher brieflich einige altkluge Belehrungen über die Krankheit zukommen lassen, woraufhin er jetzt antwortet:

»Du schreibst mir von einem gewissen Arzt, Deinem Freund, der Dir gesagt hat, daß die Pest eine böse Krankheit und tödlich sei. Es ist mir wertvoll, das zu erfahren; denn hier grassiert sie stark, und diese Bologneser sind noch nicht dahinter gekommen, daß man daran sterben kann. Deshalb wäre es gut, wenn er hierher käme, denn sicherlich kann er sie durch seine Erfahrungen belehren. Das wäre für sie bestimmt äußerst nützlich.«

Usw.

Kaffeehaus des Monats (Teil 43)

sine loco, 24. April 2009, 00:25 | von Dique

Wenn du mal richtig Zeitung lesen willst:

Jen Cafe, London

London
Das Jen Cafe, 4–8 Newport Place.

(Das Jen Cafe kann nur dem Namen nach Kaffeehaus
des Monats werden, es gibt jedenfalls keinen Kaffee.
Es ist eine kleine chinesische Snackbar und hat sehr
gute Beijing Dumplings. Dort sitze ich und lese eines
dieser weißen Phaidon-Bücher, über Michelangelo, …)

Lektüreliste:
Aira, Waugh, da Vinci

London, 22. April 2009, 08:09 | von Dique

Gerade César Aira beendet, »Humboldts Schatten«. Eine waschechte Novelle, die inhaltlich stark an Kehlmann und seine »Vermessung der Welt« erinnert (und auch zwei Jahre vor ihr auf deutsch erschienen ist). Die Konstellationen entsprechen sich deutlich: Dort Humboldt als großer Checker mit Bonpland als Schattengänger, ähnlich hier das Verhältnis zwischen Rugendas und Krause. Rugendas befindet sich im Fahrwasser der ersten großen Brasilienmaler aus dem Gefolge des Moritz von Nassau, Frans Post und Albert Eckhout, aber das erwähnen weder Aira noch Ottmar Ette im gelehrten Nachwort.

Außerdem gelesen: Evelyn Waughs Bericht aus Abessinien, »Befremdliche Völker, seltsame Sitten«. Er war dort bei der Krönungsfeier von Haile Selassie, und das ist schon sehr stark. Waugh gibt sich immer dezent distanziert gegenüber all den irren Dingen. Definitiv eine der Christian-Kracht-Quellen für seine Reisenummern. Die Ausgabe der »Anderen Bibliothek« ist auch sehr schön, grüner Samt mit blauen Tupfen.

Und hatte ich schon von »A Handful of Dust« berichtet? Auch von Waugh, der Titel natürlich ein Zitat aus »The Waste Land«. Das Buch selbst ein britisches upper/middle-class-drama, welches dann aber im Dschungel Brasiliens endet: Der sehr passive Protagonist, Anthony Last, hat sich von seiner Frau betrügen lassen und sich auf der Suche nach Sinn mit dem schrägen Scharlatan, Dr. Messinger, auf eine Brasilien-Expedition begeben.

Er hängt dann in einem Indianerdorf in Brasilien fest, der Mitreisende Dr. Messinger ist umgekommen, und Tony überlebt mehr oder weniger durch Zufall, weil er auf einen Indianerstamm stößt. Dieser befindet sich unter der Führung des mysteriösen Mr. Todd, welcher einige Colonel-Kurtz-Anleihen aufweist. Der immer sehr höfliche und ruhige Mr. Todd lässt Tony nicht mehr weg, denn er braucht ihn, damit er ihm Dickens vorliest, denn er selbst kann nicht lesen.

Irgendwann entdeckt Tony das Grab seines Vorgängers, welcher im Dschungel verstarb, und so fristet er als Vorleser sein Dasein bis ans Ende seiner Tage. Das erinnert auch wieder ein bisschen an Kracht, das Ende von »1979«, hier bei Waugh ist es zwar kein Umerziehungslager, aber irgendwie auch eine Art lebenslängliche Lagerhaft.

Außerdem las ich die RoRoRo-Bio zu da Vinci, und die war wirklich gut, von Kenneth Clark geschrieben, sehr guter Mann anscheinend. Da Vinci auch edel, nichts fertig gemacht, alles angefangen, Dandy und Eigenbrötler, ein hervorragender Typ, vor allem im Vergleich zu diesen Idealtypen, zu denen Michelangelo zählt, aber eigentlich auch nicht wirklich, vielleicht gegenüber dem Typus Alles-Gelinger à la Rubens.

Las das Buch eigentlich nur als Anwärmer, bevor ich mich mehr auf den da-Vinci-Umkreis in Mailand stürze, Luini und Boltraffio, welche mir sehr gut gefallen, indem sie dieses weiche Lächeln der Leonardo-Madonnen kopieren wollen und dabei aber ihre eigenen Quirks aufweisen. Clark bürstet beide und auch den Rest des da-Vinci-Umfeldes gnadenlos ab, nicht mal zweite Reihe seien die alle, aber gut, das würde ich auch erst mal so hinschreiben.