Archiv des Themenkreises ›Die Zeit‹


Die großen Fritz-J.-Raddatz-Festwochen (Tag 7):
»Paul Wunderlich: Lithographien 1959–1973« (1974)

Berlin, 7. Dezember 2013, 08:10 | von Josik

Logo der Raddatz-Festwochen

(Vorwort zur Festwoche hier. Inhaltsübersicht hier.)

An den Paul-Wunderlich-Bildern, die in diesem Band präsentiert werden, fällt vor allem auf, wie sehr sie die heutige Popkultur bereits antizipiert haben. »Twilight, Blatt 3« heißt eine Lithografie (S. 113), und tatsächlich sieht die darauf abgebildete Frau so aus wie Kristen Stewart. Auf S. 140 berichtet Fritz J. Raddatz gar von »Batman«. Der von Raddatz beigesteuerte Essay trägt den Titel: »Vom Umschlag der Negation in Kunst; statt ins Positive« (S. 9ff.). Das Semikolon, Raddatz’ liebstes und unentbehrlichstes Satzzeichen, das er mindestens so dringend benötigt wie sein Buttermesser, ist hier also bereits im Titel anzutreffen; es gibt wohl keinen einzigen Raddatz-Text, der kein Semikolon enthält.

Außerdem erfahren wir in diesem Buch, was bisher die wenigsten wussten: dass Paul Wunderlich im Jahr 1951 eine »Dankspende des Deutschen Volkes« (S. 157) erhielt. Dieser Name war ein wenig unglücklich gewählt. Denn wie schrieb die »Zeit« Anfang der 50er-Jahre: »Der Bundespräsident distanzierte sich etwas ironisch von der irrtümlichen Auffassung, man wolle mit der Dankspende in erster Linie notleidenden deutschen Künstlern helfen.« In der nachfolgenden Dekade war von diesem Dank dann ohnehin nicht mehr viel zu spüren: »Als antiautoritäre Studenten«, schreibt Raddatz, »ihren Professor Wunderlich nicht nur verbal attackierten, sondern in seiner Privatwohnung spektakelten, legte er sofort seine Professur nieder – und porträtierte diese Studenten!« (S. 18) Denn Strafe muss sein.

Länge des Buches: < 30.000 Zeichen. – Ausgaben:

Paul Wunderlich: Lithographien 1959–1973. Text von Fritz J. Raddatz. Stuttgart: Belser Verlag 1974.

(Das Buch hat offiziell 157 Seiten, der Raddatz-Essay geht aber nur von Seite 9 bis 26, dann kommen x Bilder und dann kommen noch ein paar Raddatz’sche Annotationen zu den Bildern.)


Marcel Reich-Ranicki

Berlin, 12. Oktober 2013, 16:42 | von Josik

»Hunde in der Großstadt – quo vadis?«
(Zitat von www.hundelobby.de)

Die aktuelle ZEIT, Nr. 42, Seite 85, die Leserbriefecke! Unter der redaktionellen Notiz »Zum Tod vom (sic!) Marcel Reich-Ranicki« ist ein Schreiben von Brigitte Stöber-Harries abgedruckt, Autorin der Bücher »Ein Hund soll es sein«, »Hundesprache verstehen«, »Warum lässt mein Hund mich nicht aufs Sofa?«, »Mein Öko-Hund«, »Ein Welpe kommt ins Haus«, »Der Knigge für Hund und Halter« etc.

Der Leserbrief setzt an wie ein sozialromantischer Roman aus den 1970er Jahren: »1959: Ubierweg 10 B, Hamburg-Niendorf, Neubaublocks mit Sozialwohnungen, 63 Quadratmeter groß. Meine Eltern hatten einen Berechtigungsschein für so eine Wohnung. Zweieinhalb Zimmer und ein kleiner Balkon! Und ich hatte endlich ein eigenes Zimmer.«

Er geht weiter wie eine Pearl-S.-Buck-Novelle: »Da meine Mutter eine patente Hausfrau war, suchte Frau Ranicki manchmal Rat bei ihr, oder wir halfen mit einem Haushaltsgerät oder einem Ei aus. (…) die Kenntnis der Natur oder praktisches Wissen waren nicht die Stärke der Ranickis.«

Und kulminiert schockartig in einer bitteren Anklage, die stilistisch einer aus der Feder von Émile Zola stammenden Flugschrift nicht nachsteht: »Als Reich-Ranicki dann kometenhaft Karriere machte, ließ er Fußvolk wie uns hinter sich. Meine Briefe an ihn blieben ohne Antwort. So hat es mich nicht gewundert, dass er in Mein Leben seine Zeit in Hamburg als eine ohne gute Sozialkontakte beschreibt. Da habe ich gelernt, dass wir uns gerne damit geschmückt haben, einen so berühmten Mann zu kennen, wir für ihn aber unbedeutend waren.«
 


Inferno in Florenz

Florenz, 30. Juli 2013, 17:59 | von Dique

Ijoma Mangold hat erkannt, warum Genrebücher immer so dick sein müssen: »In der Zeit, in der man eine Handke-Seite liest, hat man acht Dan-Brown-Seiten gelesen.« Folgt man dieser These und teilt die Seitenanzahl (für die deutsche Ausgabe sind das 688) durch 8, dann wird »Inferno« von Dan Brown zum gefühlten 100-Seiten-Buch, einem der kürzeren noch dazu.

Ich habe das nun selbst ausprobiert und kann die These bestätigen. Das Buch ist nicht mehr als 100 Seiten lang und das muss ja nicht schlecht sein. Wie Ijoma Mangold habe auch ich mich »von der ersten Seite an bestens amüsiert. Natürlich unter meinem Niveau, aber das ist nur eine Feststellung, kein Einwand.« Ich habe das Buch in Florenz gelesen, also quasi vor Ort, denn ca. 60% des Buches spielen dort.

Ich mache neuerdings Prozentangaben und gebe keine Seitenzahlen mehr an, wenn ich über Bücher rede, weil ich häufig auf dem Kindle lese. Die Vorzüge des Elektrobuchs sind besonders auf Reisen überenorm. Mit meinem Kindle-Outing riskiere ich allerdings Freundschaften und provoziere Missgunst. So wurde ich z. B. von Buchladenspezialist Richard Deiss sofort per E-Mail zusammen­gestaucht, als er davon Wind bekam, dass ich auf dem »Buchladenmörder« lese.

Die Pro-Argumente für das gedruckte Buch sind dabei selten überzeugend. Dass man sich mit dem E-Book in der Wildnis kein Feuer machen und sich damit auch nicht den Hintern abwischen kann, ist für mich nicht so richtig interessant, das habe ich noch nie gemusst. Als passionierter Badewannenleser ist für mich eher Wasserdichte ein Problem.

»Inferno« selbst ist jedenfalls in der Tat der absolute Fun. Die angebildungsbürgerlichte Reiseführerromantik macht extra Spaß, wenn man selbst gerade durch Florenz streicht und etwa unter dem Vasarikorridor langläuft, den Supersymbolist Robert Langdon gerade mit seiner jungen, intelligenten und hübschen Begleiterin Sienna Brooks durchquert. Ich las die Szene im berühmten Caffè Gilli in der Via Roma an und machte mich dann auf den Weg zur Chiesa di Santa Felicita, die direkt hinter der Ponte Vecchio liegt.

In der Kirche hängt Pontormos Meisterstück, die Deposizione dalla Croce. Wie alle Gemälde von Pontormo ist es wunderschön und wunderlich, die vielen Figuren sind ins Bild gequetscht, wirken wie reingedrängelt, für Hintergrund gibt es keinen Platz und die Farben, obgleich etwas verwaschen wirkend (das englische Adjektiv ›pale‹ erscheint passender), strahlen in hellblau, rosa und gelb. Leider sieht man das Bild nur durch Gitter und mich labert die ganze Zeit jemand an, der mich durch die Kirche führen möchte, er bleibt dabei freundlich und ich bleibe es auch.

Ich schaue mir dann doch den Rest der Kirche an, ohne den freundlichen Führer, und treffe stattdessen neben dem Altar auf eine Führerin. Sie weist mich auf eine Kapelle hin, die man nur einmal die Woche, also heute, sehen kann. Diese ist mit den feinsten gotischen Fresken bemalt und gehörte früher zu einem Nonnenkloster, welches sich im Hof befand. Die Frau ist unüberhörbar Amerikanerin, sie trägt ein Namensschild, ihr Vorname ist Gretchen. Sie ist schon ziemlich alt und versteht schlecht, sie fragt bei allem, was ich sage, mehrfach nach und ich sage und frage dann einfach weniger und überlasse ihr das Reden.

Als Gretchen erfährt, dass ich Deutscher bin, erzählt sie, dass Mussolini für den Florenz-Besuch von Hitler in der Mitte des Vasarikorridors drei Fenster eingelassen hat, damit sie aus dem Korridor einen guten Blick auf den Arno hätten.

Aber noch mal kurz zurück zum Buch. Dan Brown schreibt einfach den klassischen Pageturner. Nach jeder fünften Seite gibt es einen Cliffhanger, der einen rasend schnell durch das Buch schießen lässt. Inhaltlich ist es die übliche Brown’sche Schnitzeljagd, Langdon löst ein Rätsel nach dem anderen, die Lösung führt dann immer direkt zur nächsten Sehenswürdigkeit. Eine Weile macht das Spaß. Irgendwann wird es natürlich langweilig, aber gut, es sind ja nur ca. 100 Seiten.
 


Nekrologstricher und Nekrologdealer

Hamburg, 24. Februar 2013, 14:41 | von Josik

Irgendwann während des morgendlichen Arbeitsessens im wunderbaren Café Leonar – ich hatte selbstverständlich das Josefstädter Frühstück bestellt – kam, wie so oft in diesen Tagen, die Rede auf den Papst, und ich hörte zum ersten Mal die denkwürdige These, dass Joseph Ratzinger, anders als etwa Karol Wojtyła, gar nicht genug Charisma besessen habe, als dass er jemals einen Attentatsversuch hätte befürchten müssen.

Unmittelbar nach diesem Arbeitsfrühstück raste ich los zum S-Bahnhof Stadthausbrücke, aber leider war der Akku meines Handys alle und so konnte ich Dique nicht darüber in Kenntnis setzen, dass ich, der sich sonst niemals verspätet, mich etwas verspäten würde. Dique wartete schon am Ausgang Neuer Wall und wir eilten zu dieser hervorragenden Pelmeni-Butze (deren Namen ich leider vergessen habe), um dort das Mittagessen einzunehmen und weiter über John F. Kennedys Charisma zu diskutieren sowie über die Tatsache, dass nun allerorten Nachrufe auf Ratzinger zu lesen waren, die sich nicht Nachrufe nennen durften.

Wir beschlossen, die Diskussion im herrlichen Café Paris fortzuführen, und waren uns einig, dass das Allerunsäglichste und Nervigste, was man im Internet überhaupt zu lesen bekommt, dieser verdammte Satz nach jeder einzelnen Eilmeldung ist: »In Kürze mehr auf SPIEGEL ONLINE.« Als Leser möchte man ja immer sämtliche Informationen sofort abrufbereit haben, und entsprechend müssen die Redaktionen gegenüber sämtlichen überhaupt denkbaren Eventualitäten jederzeit gewappnet sein. Zwar wünscht niemand, dass Ratzinger sterben wird, aber was, wenn es eben doch einmal irgendwann passieren sollte?

Seine Biografie hatten alle Redaktionen bekanntlich längst eingetütet gehabt, und entgegen der Meinung mancherer Meckerer und Moserer ist es in Tat und Wahrheit eben überhaupt nicht pietätlos, darüber zu sprechen. Spätestens seit wir Andrej Kurkows grandiosen Roman »Picknick auf dem Eis« gelesen haben, ist ja uns allen der Beruf des auf absolut alles topvorbereiteten Nekrologredakteurs sogar ein bisschen ans Herz gewachsen. Jedenfalls überlegten wir jetzt im zauberhaften Café Paris, welcher lebende Deutsche eigentlich Charisma besitze. Uns fiel nur ein einziger ein, und auch nach sehr langem Nachdenken blieb es bei diesem einen: Helmut Schmidt natürlich.

Wir fragten uns, ob die »Zeit« für den Fall des Falles vielleicht schon eine Sonderausgabe vorbereitet habe, die dann noch am gleichen Tag in Druck gehen wird, und Dique meinte, wir könnten doch einfach zum »Zeit«-Redaktionsgebäude laufen, das sei ganz in der Nähe, und dort den Pförtner fragen. Wo, wenn nicht dort, würde man darüber Gewissheit erlangen können? Ich hatte einige Bedenken und wollte eigentlich nicht persönlich dort aufkreuzen, sondern lieber anrufen, aber dann erinnerte ich mich wieder daran, dass ja mein Akku alle war. Wir zahlten also und sprinteten zum Speersort 1, doch welche Überraschung! – es gab am Eingang überhaupt keinen Pförtner.

Wir stiegen in den Aufzug, ins Ungewisse, eine junge Frau hechtete noch im letzten Moment zu uns herein und fragte: »Wissen Sie, wo man zum Bewerbungsgespräch für ZEIT Reisen hin muss?« Dique und ich sagten unisono: »Dritter Stock«, und hofften insgeheim, dass das auch stimmte. Wir stiegen dort dann gemeinsam mit der jungen Frau aus, ließen ihr aber den Vortritt, ihr wurde von zwei Empfangsdamen der Weg gewiesen. Schließlich fragten wir die beiden Rezeptionistinnen, wer aus der Redaktion für Nekrologe zuständig sei.

Überraschenderweise fragte eine der Damen mit einer absoluten Selbstverständlichkeit, d. h. ohne das leiseste Erstaunen in der Stimme und ohne jegliche Verwunderung – tja, aber was genau sie nun fragte, da gehen meine und Diques Erinnerungen auseinander. Ich meine ge­hört zu haben: »Wollen Sie sich anbieten?« Dique hingegen meint gehört zu haben: »Wollen Sie was anbieten?«

Sich anbieten bedeutete, dass wir offenbar für seriöse freie Journalisten gehalten wurden, die sich für feste Stellen in der Nachrufabteilung bewerben. Etwas anbieten bedeutete, dass wir offenbar für seriöse freie Journalisten gehalten wurden, die einen, wenn nicht sogar mehrere ganz konkrete hochaktuelle selbstverfasste Nachrufe schon in der Tasche hatten und die in der Redaktion vorbeibringen wollten.

Der Unterschied zwischen sich anbieten und was anbieten wäre also in etwa der Unterschied zwischen Nekrologstrichern und Nekrolog­dealern. Ich halte allerdings meine Version für die wahrscheinlichere, denn wie wir aus dem Aufzug wussten, wären wir ja nicht die einzigen gewesen, die sich an diesem Tag beworben hätten. Das Gespräch mit den Empfangsdamen endete jedenfalls so, dass uns zwei Telefon­nummern auf ein gelbes Post-it geschrieben wurden: eine Nummer für Nachrufe im Politikteil, die andere für Nachrufe im Feuilleton.

Dass es da in Politik und Feuilleton also allem Anschein nach zwei verschiedene Nachrufabteilungen gibt, macht die Sache nun freilich erst recht vertrackt und eine Auflösung unserer Frage eigentlich unmöglich, denn wir können ja nicht wissen, ob Helmut Schmidt nach Einschätzung der »Zeit«-Redaktion mehr für die politischen Ämter, die er einmal innehatte, zu würdigen ist oder mehr für seine Weltweisheit.
 


Die Ergebnisse der …
Feuilleton-Meisterschaft 2012

Leipzig, 8. Januar 2013, 04:25 | von Paco

Maulwurf’s in the house again! Heute zum *achten* Mal seit 2005. Der Goldene Maulwurf 2012:

Der Goldene Maulwurf

Die Nummer 1 herauszudiskutieren, war dieses Jahr nicht schwer, einhellig fiel die Wahl auf Volker Weidermanns endgültige Erledigung des herumdichtenden Grass.

Alles Weitere steht in den 10 Laudationes. Hier nun also die Autoren und Zeitungen der 10 angeblich™ besten Artikel aus den Feuilletons des Jahres 2012:

1. Volker Weidermann (FAS)
2. Jens-Christian Rabe (SZ)
3. Christian Thielemann u. a. (Zeit)
4. Olivier Guez (FAZ)
5. Ulrich Schmid (NZZ)
6. Mara Delius (Welt)
7. Kathrin Passig (SZ)
8. David Axmann (Wiener Zeitung)
9. Friederike Haupt (FAS)
10. Thomas Winkler (taz)

Auf der Seite mit den Jurybegründungen sind neben den Links stets auch die Seitenzahlen angegeben, wie immer waren natürlich die Printversionen der Artikel maßgeblich für die Entscheidungen der Jury.

Außerhalb der Top-3 gab es übrigens ziemliche Rangeleien. Handke zum Beispiel konnte letztlich wie so oft nicht genügend Stimmen auf sich vereinen, deshalb müssen wir ihm für den Feuilletonsatz des Jahres (»Ein Wortspiel pro Text ist erlaubt.«) separat gratulieren.

Hinweise auf feuilletonistische Supertexte des laufenden Jahres 2013 bitte an <umblaetterer ›@‹ mail ›.‹ ru>.

Bis nächstes Jahr,
Euer Consortium Feuilletonorum Insaniaeque
 


Anlässlich der FAS vom 2. Dezember 2012:
Die extrem tolle deutsche Zeitungslandschaft

Chemnitz, 3. Dezember 2012, 00:16 | von Paco

Gegen 15 Uhr erwachte ich endlich aus tiefem Schlaf und hatte sofort extreme Lust darauf, die FAS zu lesen. Eine Stunde später saß ich im Michaelis und tat genau das. Das heutige Feuilleton war wieder mal gehobenste Spitzenklasse. Das fängt schon bei den Kolumnen an. Tobias Rüther (in Absprache mit Angus T. Jones) über »Two and a Half Men«: »Die Show ist wirklich der letzte Dreck.« Und Johanna Adorján mit einer erfahrungsgesättigten These zu Fahrradhelmen: »Beim Anblick von Fahrradfahrern, die einen Helm aufhaben, ergreift mich mittlerweile die nackte Angst. Sie ist nicht angeboren, sondern in zahlreichen Zweikampfsituationen qualvoll erlernt. Wer, sagen wir, älter als zwölf Jahre ist und sich zum Fahrradfahren einen Helm aufsetzt, fährt nämlich unfassbar schlecht Fahrrad. Ist so.«

Dabei dachte ich zunächst, ich hätte die falsche Zeitung und das falsche Jahrzehnt erwischt, denn in der Fußzeile der Feuilleton-Frontpage stand etwas von »Call of Duty 2«, das ja aber schon zu Weihnachten 2005 erschienen war. Es handelte sich aber eindeutig um die heutige Ausgabe, 2. Dezember 2012, also dachte ich als nächstes: ein Retro-Review? Warum nicht! Warum nicht einfach mal Bücher, Filme, Ego-Shooter besprechen, die schon vor sieben Jahren erschienen sind: sehr gute Idee! Dann ging es aber im Artikel selber natürlich um »CoD: Black Ops 2«, was der Beauftragte für die Gestaltung der Ankündigungsfußzeilen vergessen hatte zu erwähnen.

Die Rezension von Gregor Quack ist jedenfalls hervorragend, und zwar weil er gleichzeitig die momentane Unmöglichkeit mitkommuni­ziert, über einen so bombastisch inszenierten Ego-Shooter überhaupt urteilen zu können. Die Videospielbranche bräuchte genau jetzt einen IT-Lessing, der analog zur »Hamburgischen Dramaturgie« erst mal rausfindet, wie man über so eine ästhetische Revolution überhaupt angemessen schreiben kann: »Es gehört eigentlich zu den Aufgaben der Kulturkritik, hierfür das passende ästhetische Besteck zu schmieden. Und wir fangen auch damit an. Versprochen.«

Dann schreibt noch Volker Weidermann über 70 Jahre Peter Handke. Erst mal vermerkt er seine Freude darüber, dass Handkes »Jugosla­wien-Phase« vorbei sei und er nun wieder leise, filigrane Bücher wie den »Versuch über den Stillen Ort« schreibe. (Wobei sich ja mit wachsendem zeitlichen Abstand komischerweise irgendwie der Eindruck verstärkt, dass Handke das Scharmützel gegen die Jugoslawien- und Serbienfeinde damals haushoch gewonnen hat.) Anhand des frisch erschienenen Briefwechsels zwischen Handke und Unseld macht Weidermann übrigens die interessante Beobachtung, dass sich Unseld bei der Korrespondenz mit seinen Autoren (Koeppen, Frisch, Bernhard usw.) so lange runterputzen lässt, »bis es ihm irgendwann einmal reicht. Und zwar, so mein Eindruck – reichte es Unseld bei jedem seiner Autoren, die allesamt ihm gegenüber das Sozialverhalten von ungefähr Fünfjährigen an den Tag legten – genau einmal. Einmal im Leben schimpft er zurück.« Diese seltenen Unseld’schen Rückschimpf­briefe sollten unbedingt in einer bibliophilen Einzeledition erscheinen!

Im Medienressort ist noch ein Interview von Harald Staun mit Christoph Amend und Timm Klotzek zu lesen. Es geht da um die jeweils nächste Ausgabe des »Zeit«- und des »SZ«-Magazins, die nämlich beide das Titelthema »Konkurrenz« haben werden, und warum auch nicht.

Als ich fertig war mit Minztee, Stachelbeerbaiser und FAS, traf ich mich noch mit ein paar Leuten auf dem Weihnachtsmarkt. Irgendjemand berichtete, dass er nun endlich das Thielemann-Interview in der »Zeit« von neulich gelesen habe. Sofort zitierten alle ihre Lieblings­stellen, denn dieses Interview ist wohl das Feuilletonereignis des Jahres gewesen, so so geil, es ist wirklich immer noch nicht zu fassen, dass dieser Text gewordene Feuilletontraum tatsächlich gedruckt in einer Zeitung gestanden hat.

Als ich später nach Hause schlenderte, fiel mir ein, wie extrem toll es doch derzeit um die deutsche Zeitungs- und Zeitschriftenlandschaft bestellt ist, und als ich dann zu Hause war, rief Dique an und fragte, ob ich den genialen »Spiegel« von morgen schon gelesen habe. Hatte ich da noch nicht, habe ich inzwischen aber nachgeholt: wunderbar!
 


Baguettiana

Göttingen, 5. November 2012, 12:27 | von Josik

Ich höre hier in Göttingen mit wachsender Begeisterung den Sender NDR Info, es gibt da immer wieder Staumeldungen aus Fallingbostel, einer Stadt, die ich bisher nur aus einem Arnold-Stadler-Roman kannte, und wenn es keine Staumeldungen aus Fallingbostel gibt, dann wird darüber berichtet, dass sich in Fallingbostel ein Chemieunfall oder dergleichen ereignet hat. Zwischendrin hört man auf NDR Info auch mal ein Interview mit Ruprecht Polenz oder einen Bericht über Toni Kroos, aber das sind offenkundige Versehen, denn gleich nach solchen Intermezzi geht es wieder weiter mit den neuesten Nachrichten aus Fallingbostel und der Gegend um Fallingbostel herum.

Während also im Hintergrund das Radio lief, blätterte ich so ein biss­chen in ein paar alten ZEIT-Magazinen und anderen ZEIT-Druckerzeug­nissen, die meine Zimmerwirtin immer auf dem Küchentisch deponiert. Plötzlich aber war ich wie vom Donner gerührt, denn in einer Rezension in ZEIT-Literatur stieß ich auf folgenden vielleicht besten ersten Satz, der jemals geschrieben wurde und der in diesem Fall von Ijoma Mangold stammt:

»Gleich auf der ersten Seite kauft Sperber, der Protagonist in Anne Webers neuem Roman Tal der Herrlichkeiten, in einer Bäckerei in der Bretagne ein Baguette.«

Was für ein herrlicher Einstieg! Was für eine herrliche Klimax! Was für eine herrliche Alliteration! Bäckerei, Bretagne, Baguette. Und man kann Gott nur danken, dass die Geschichte nicht in der Provence spielt. Eigentlich fällt in dieser Reihe die Bäckerei ja etwas aus dem Rahmen, stilechter wäre vielleicht eine Boulangerie gewesen? Aber sei’s drum, hier in dieser bretonischen Baguettebibel geht es medias in res, mitten hinein in den Baguettekauf, und ich habe die Rezension gar nicht mehr weitergelesen, sondern mir stattdessen sofort das Buch herunter­geladen.

Ich machte mich gleich an die Lektüre, ich hörte auch schon gar nicht mehr hin auf die Staumeldungen aus Fallingbostel, so toll ist das Buch, und ich kann es jedem nur sehr empfehlen, meiner und Ijoma Mangolds Euphorie voll zu vertrauen und endlich wieder mal ein Anne-Weber-Buch zu lesen.
 


Der Koffer

Leipzig, 16. August 2012, 13:45 | von Paco

Man kann doch so ein regelmäßiges 65537-Eck einfach mal konstruie­ren, muss sich Johann Gustav Hermes gedacht haben. Am 4. November 1879 legte er los. Zehn Jahre später war er dann soweit. Er ließ einen passenden Koffer anfertigen, verstaute das Papierkonvolut darin und gab das Ganze an die Universität Göttingen, wo es bis heute aufbe­wahrt wird.

Ich glaube, es war im Sommersemester 1998, als ich zum ersten Mal von diesem sagenumwobenen Göttinger Koffer hörte. Herbert Kästner hat kurz von ihm erzählt, in seinen Vorlesungen im alten Seminar­gebäude der Uni Leipzig. Seitdem bin ich diesem Mysterium immer mal wieder begegnet, und immer klang die zugehörige Anekdote ein bisschen anders.

Neulich lief ich dann Herbert Kästner, der übrigens gerade auch eine Bibliografie der Insel-Bücherei herausgegeben hat, wieder über den Weg. Nebenbei kamen wir auf den Koffer zu sprechen, und da ich ein paar Tage später sowieso in Göttingen war, verabredete ich mich am Mathematischen Institut in der Bunsenstraße mit den Proff. Brüdern und Schick, die den Koffer ausnahmsweise mal wieder hervorholten.

Die ganze Geschichte steht in der heute erschienenen Ausgabe der »Zeit«, Seite 33. Die auratischen Fotos stammen von Christian Malsch.

Artikel über den Hermes-Koffer aus der ZEIT

Corrigendum:

Folgende Fehler / die sich im Dru- / cken eingeschlichen / beliebe der / geneigte Leser ohnbeschwehrt / zu verbessern.

  • Im Text fehlen drei Wörter, es muss natürlich heißen: »(…), dass ein regelmäßiges n-Eck mit primer Eckenzahl genau dann nur mit Zirkel und Lineal konstruierbar ist, (…)“ – Online ist der Fehler korrigiert. Dank an T. D., J. D., W. L., R. H.

Und noch ein paar Kontextlinks:


 


Warum schwieg Grass?

Berlin, 14. Juni 2012, 00:35 | von Josik

Heute ist der 14. Juni 2012. Ein ganz besonderes Jubiläum gilt es da abzufeiern, denn auf den Tag genau heute vor fünf Jahren erschien in der »Zeit« Nr. 25/2007 ein grandioses, sich über mehrere Seiten erstreckendes Interview mit den Dioskuren Günter Grass und Martin Walser.

Dieses Interview schlug riesengroße Wellen, zum Beispiel erinnere ich mich noch genau, wie ich damals in einer Kneipe in der Karl-Kunger-Straße in Treptow mich stundenlang mit dem ehemaligen Nachrichten­chef von Radio Energy und mit einem Claire-Waldoff-Experten darüber stritt, ob diese listige Frage, die Iris Radisch und Christof Siemes an Grass und Walser richteten, eigentlich berechtigt oder unberechtigt war:

»Aber haben Sie nicht als Schriftsteller das Problem, dass Sie immer klüger und reflektierter werden und es deshalb immer schwieriger wird, etwas Neues zu schreiben?«

Jedenfalls kann man dieses höchst vergnügliche Gespräch, das in die Annalen der Grass-Walser-Interviews eingegangen ist, gar nicht oft genug lesen, der Umblätterer proudly presents deshalb noch mal die besten Auszüge:

»DIE ZEIT: Wie fanden Sie die Rede, Herr Grass?

Martin Walser: Ich weiß noch genau …

DIE ZEIT: Die heftige Reaktion der Öffentlichkeit auf die Nachricht, dass Günter Grass in der Waffen-SS war, ist auch auf Enttäuschung zurückzuführen. Niemand kritisiert Sie dafür, dass Sie erst jetzt ein Buch darüber schreiben. Aber es gab auch immer den Bürger Grass, der in Reden und Essays Stellung bezogen hat – auch in Dingen, die die eigene Biografie betrafen. Warum ging das hier nicht?

Martin Walser: Er war doch immer …

DIE ZEIT: Aber noch mal: Warum konnte das nur literarisch mitgeteilt werden?

Martin Walser: Heilandsack …

DIE ZEIT: Was ist an der Frage, warum Sie erst nach über sechzig Jahren über Ihre Wochen bei der Waffen-SS sprechen, so verwerflich? Ihre Antwort muss man respektieren, aber dasselbe gilt für die Frage.

Martin Walser: Man wollte sich …

DIE ZEIT: Was ist Ihr Schreibantrieb, Herr Grass?

Martin Walser: Günter hat immer geschrieben, weil …«

 


Aktuelle Roaming-Tarife der deutschen Presse

Krakau, 10. Mai 2012, 22:24 | von Marcuccio

Heute: Polen. Bei Empik (Kraków, Rynek Główny 5) im Angebot:

  • die FAS für 17 Zł / 4,20 €
  • die WamS für 19 Zł / 4,60 €
  • die »Zeit« vom Donnerstag letzter Woche: 25,50 Zł / 6,20 €
  • der »Spiegel« vom Montag dieser Woche: 29 Zł / 7,10 €

Immerhin: Die Sonntagszeitungen werden hier endlich mal wie Wochenzeitungen behandelt und bleiben die ganze Woche im Regal.

Viele Grüße,
Marek