Regionalzeitung (Teil 46)
Leipzig, 29. Mai 2011, 19:05 | von Paco
226. der geneigte Leser
227. haben amerikanische Forscher herausgefunden
228. liegt ihr von Geburt an im Blut
229. gewohnt bissig
230. lernten sich kennen und lieben
226. der geneigte Leser
227. haben amerikanische Forscher herausgefunden
228. liegt ihr von Geburt an im Blut
229. gewohnt bissig
230. lernten sich kennen und lieben
»Attention, water pumps!« (U 96, Das Boot)
Steinlaus? Nie wieder. Ich kenne aber noch mindestens drei bisher unentdeckte U-Boote in der letzten Brockhaus-Enzyklopädie (21. Auflage), eins davon ist sogar auch lustig. Im schönen »Dramenlexikon des 18. Jahrhunderts«, 2001 bei C. H. Beck erschienen, bin ich jetzt auf noch eins gestoßen, nicht schlecht.
In der Wikipedia zum Beispiel geht das ja nicht mehr, Humor funktioniert nicht, wenn er in den Relevanzkriterien nicht vorgesehen ist. Manchmal überlebt so etwas dann eine Weile, am längsten bis jetzt sicher ANHs Artikel über Carl Johannes Verbeen. Aber auch da kam dann nach Jahren noch jemand und hat ihn in den Orkus geschossen (jetzt ist er hier).
Nun also zum »Dramenlexikon«. Da steht irgendwo zwischen Goethe, Gottsched, Lessing, Schiller auf Seite 236 ein Mensch namens:
(Friedwart) Konrad Kasimir Pfaiffenberger (1733–1805)
Ein fränkischer Internatslehrer, und geschrieben hat er eine dreiaktige Prosakomödie, die den Titel trägt: »Gottgetreu, oder die verhinderte Unthat«. Erschienen 1787, Datum der Uraufführung nicht bekannt.
Inhalt: »Das Fürstenpaar Albrecht und Adelheid regiert über Weitzenburg, wo die Ausstellung neu entdeckter Reliquien erwartet wird.« Diese wollen von fünf »unaufgeklärten Räubarabiern« entwendet werden, und nur einer stellt sich ihnen entgegen: der »verwahrloste Gottgetreu«! Es geht alles gut aus. Zur Belohnung erhält Gottgetreu »die Hand der Nichte«.
Künstlerisch gelungen ist die Komödie wohl nicht so richtig, trotz allem: »Didaktische Momente wie die auffallende Lichtmetaphorik stehen unmotiviert neben märchenhaft-exotischen, oft burlesken Elementen, wie zum Beispiel dem Bericht über eine Drachenjagd.« (@Foxi: Ist doch was für deine Drachenforschungen?)
Ich hab all das jedenfalls erst mal so hingenommen, aber das ging natürlich nicht. Name gegoogelt: kein Treffer (außer eben dem einen bei Google Books). Und das darf nicht so bleiben. Mit diesem Eintrag hier sind es jetzt schon zwei direkte Treffer. Freiheit für Friedwart Konrad Kasimir Pfaiffenberger, die Erforschung seines Werks hat gerade erst begonnen.
Nachtrag 27. 5.:
Vergessener Pfaiffenberger (holio.wordpress.com)
Was hatten sie diskutiert mit den Schlipsheinis von der Leitung. Die Fahrgeschäfte am Kai machen ja auch nicht dicht wegen bisschen Wind. Sie bestanden darauf: Ausschalten! Die rumänischen Schaler wollten aber vor dem Wochenende nicht unterbrechen, sondern fertig werden und dann heim zum Schnaps in die Karpaten oder gottweißwo. Kann man verstehen. Der Alte von den Rumänen bekniete ihn persönlich. Also hat er den Alimak doch noch eine halbe Stunde angelassen, damit die Bande hoch auf die Konstruktion konnte, um den letzten Beton zu machen. Jetzt hat er dieses weiche Gefühl im Steiß, das Gefühl vom frühen Morgen, wenn man die erste Platte oder den ersten Sack Gips im Rohbau die Treppe raufschafft. Weich von hinten die Beine runter und in den Magen hoch. Kreislauf. Atmen. Der Aufzug wurde von einer Bö erfasst und von hier oben sah es aus wie ein Jojo, das über die ganze Breite des Hafenpanoramas schwingt. Der Aufschlag war nicht zu hören. Oder er hörte ihn nicht. Er dachte an den Papierkram, der jetzt bis rüber nach Rumänien zu erledigen war.
*
Aus dem Regen flüchten wir in den etwas größeren Buchladen auf der Pacific Avenue in Santa Cruz, nicht in den weiter unten, der den schönen Grabbeltisch »What is Santa Cruz Reading?« hat, sondern wir gehen zu »Logos«.
Aus parallelem Heimweh hatte mich letztens dort ein Kochbuch interessiert, in dem eine Exilitalienerin aus dem nahegelegenen Oakland eine Gaumenhommage an ›ihr‹ Kalabrien schreibt, wie man abgezogene Tomaten einweckt etc. Auch heute hoffe ich auf derartige Fünde.
Ich habe einen Benn-Band dabei, »Sämtliche Erzählungen« (Rowohlt), runtergekommenes Exemplar mit sich von allein abfriemelndem Zellophan, dem untrüglichen Zeichen der Bücher der Nachkriegsjahrzehnte. Trotzdem bleibe ich noch auf der Trittmatte von »Logos« in der Hoffnung stehen, dass der Cashier mich als Buchmitbringer wahrnimmt.
Denn »Logos« hat neben Verlagsfrischem nicht nur eine nette Sammlung vertonten Wortes, womöglich um in schamvoller Ehrerbietung Heideggers der Tiefenetymologie des Ladentitels (»Sammeln«, »Rede«, »Wort«) nachzukommen, sondern ebenfalls Bücher für den Zweitbesitz.
Während ich mich wie zufällig von der Matte aus zum »Bargain Books«-Stelltisch neige, erwarte ich daher in sozialfühliger amerikanischer Manier, dass der Nick–Cave-scheitlige Kassentyp den leicht herausgeschobenen Benn unter meinem Arm sieht und ihn als bereits beim Zutreten zu mir gehörig zählt.
Unter meinem so gestellten Blick dorthin öffnet sich aber plötzlich eine Möglichkeit, das Manöver unbedingt gewinnbringend zu vollenden, denn ich sehe »Les Planches courbes« von Yves Bonnefoy, immerhin in der »Bilingual Edition« für $5.98, und stecke es neben Benn an meine Seite. Bonnefoy taugt leicht als Pfand dafür, später beim Kauf auf jeden Fall mit dem »Logos«-Kassenwärter in eine seinerseits willkommene Interaktion zu gelangen. Den Benn könnte ich wie beiläufig dann mit »already mine« ausweisen.
Einer meiner Schuhe ist innen nass, und draußen regnet es immer noch, ich setze mich also wartend auf einen Einräumhocker in »Used Lit. Crit.« und lese eben Benns »Weinhaus Wolf«. Da unten finde ich aber dann bei »Intl.« zwischen »Portuguese« und »Russian« wie handverlesen den Debris deutschsprachiger Exilbibliotheken: Die Jahrgänge 1983 bis 1988 von »Kakteen und andere Sukkulenten«, dem »monatlich erscheinenden Organ der Deutschen Kakteen-Gesellschaft; der Gesellschaft Österreichischer Kakteenfreunde; der Schweizerischen Kakteen-Gesellschaft«; auf dem Brett darüber sogar das komplementäre Kakteenkompendium.
Weiterhin lockt unter den nicht einmal drei Dutzend Bänden: »Attis, seine Mythen und sein Kult«, die Dissertation des späteren Mitherausgebers der »Hessischen Blätter für Volkskunde«, Hugo Hepding, verlegt bei der J. Ricker’schen Verlagsbuchhandlung (Alfred Töpelmann) GIESZEN im Original von 1903 (die anbetrachts der frisch gefüllten Stempelkarte des Harvard-Exemplars offenbar ungebrochen ein Standardwerk ist).
Es gibt auch Kanon im »Logos«, einen Insel-Goethe und Leder-Rilke, aber, recht verwunderlich, sogar den leinenen Band 1 der großen gelbschnittigen Löwener Husserl-Ausgabe »Cartesianische Meditationen und Pariser Vorträge« von 1950. Für $14 ein Topf Gold, denke ich und packe ihn zu Bonnefoy und Benn.
Gekauft habe ich letztlich dann noch den ’67-Klassiker »Hegel im Kontext« (»Wer Hegel verstehen will, der ist noch immer mit sich allein.«) und eine ›beriebene‹ »Publikumsbeschimpfung«, der in zittrig zartem Blei erläuternd »insult!« auf dem Titelbogen notiert ist. Beide edition suhrkamp in grün und angesichts der am Orte beheimateten linken Reformuni aus den 60ern (»das Bielefeld im Golden State«), beide von derselben germanophilen Revolutionärin der Neuen Welt angelegt (fraglich, ob die UCSC-Hegelianer Fluch oder Segen für den »Logos« sind).
Wegen der schön übersättigten Farben blättere ich noch mal durch die Sukkulentendrucke und kehre dann zurück zu Nick Cave, zahle und winke einvernehmlich und vielsagend mit meinem Benn. Es hat zwar aufgehört zu regnen, aber draußen drückt mir eine nasse Trottoirdelle gleich wieder Wasser durch die Sohle, und während wir einige Blocks später im gefüllten Hipstercafé »Pergolesi« ankommen, stößt es mir aus dem »Weinhaus Wolf« auf:
»Individualitäten! Orgasmus zu seiner Stunde, später Weihwasser, auch Teilnahme an Festen. Berufsgruppen! Besteigen nachmittags einen Zug, Geschäftsreise, Geschmack von Rauch, etwas Kühle im Coupé, Landschaft streicht vorüber, Dämmerung –, Tage und Existenzen! Parallele: schuldlos geschiedene Blondine, Mann Syndikus, jetzt Broterwerb ausgenossene Gattin.
Gespenster! Leere! Gliedloses Gewoge! Cäsarisch am Schlips: rotkariert, nicht Punkte; Eigenblust im Römer: Obstsaft, keinen Federweißen! Reize, Gewohnheiten, Verstimmungen der Höchstfall von Besonderheiten! Fruchtwerdendes, anlagemäßiges Müssen nie.«
Usw.
Richard Deiss ist leidenschaftlicher Zahlenfresser, Sammler und Books-on-Demand-Fanatiker. 20 seiner Bücher sind dort bereits erschienen, darunter Sammlungen von Städte-, Stadtteil- und Gebäudebeinamen. Ein weiteres Faible sind Buchladentouren, bei einer haben wir ihn letzten August begleitet (Teil 1, Teil 2, Teil 3). Nach diesem Wochenende zeigte sein Pedometer 222.222 Schritte an, wie er uns später per E-Mail mitteilte. Als Richard von unserem Kanon hundertseitiger Bücher erfuhr, fing er sofort zu lesen an.
Der Umblätterer: Richard, du hast jetzt einfach mal so ein paar Dutzend 100-Seiten-Bücher gelesen.
Deiss: Ja, ich bin ja Geograph, lese meistens nur Sachbücher und habe leider nicht Literatur studiert, bin also ein bisschen hinterher mit der Literaturlektüre, da nehme ich als Listenfan solche Kanonsachen immer ganz gern als Anlass, Bildungslücken abzubauen.
In den Weihnachtsferien habe ich Fritz J. Raddatz’ »Tagebücher 1982–2001« gelesen, was mein Interesse für Literatur geweckt hat, und ich habe mich daran erinnert, dass Raddatz damals diese ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher herausgegeben hatte. Dieser blaue Suhrkamp-Band war in den 1980er Jahren meine Kanon-Bibel. Ich kam bis zum 25. Buch, und mich reute es in späteren Jahren immer, dass ich nicht weitergemacht hatte.
Da ich mit den Raddatz-Tagebüchern am 1. Januar durch war und diese Lektüre wie gesagt sehr anregend war, kam es zum Neujahrsvorsatz, in diesem Jahr pro Woche zwei Bücher zu lesen, also nicht nur Hundertseiter, auch längere Bücher, aber das Pensum ist natürlich mit ein paar kurzen Texten dazwischen viel realistischer. 27 Hundertseiter aus eurem 100-Seiten-Kanon habe ich inzwischen durch, also um die 2.700 Seiten (plus 13 Bücher des Kanons, die ich schon vorher gelesen hatte). Deshalb schaue ich immer wieder auf eure Liste, ein Schatzkästlein der Literatur, das mich einen Edelstein nach dem anderen entdecken lässt.
Der Umblätterer: Zum Beispiel?
Deiss: Begonnen habe ich mit Melvilles »Bartleby«, das hat mich gleich umgehauen. Und ich hatte die Hoffnung, dass sich unter den ausstehenden 100-Seiten-Büchern noch weitere »Bartlebys« finden. Beeindruckt hat mich dann auch »Leutnant Burda« von Ferdinand von Saar. Ich kannte den Autor vorher gar nicht. Der Text liegt gerade ausgedruckt auf meinem Schreibtisch, und immer, wenn ich draufschaue, spricht die Schlüssigkeit der Geschichte mich gleich wieder an, sie ist stimmig erzählt und sehr spannend bis zu ihrem tragischen Schluss.
Der Umblätterer: Du hast den Text zum Lesen ausgedruckt, aus dem Internet?
Deiss: Ja, viele eurer Hundertseiter sind ja online, im Projekt Gutenberg oder bei zeno.org.
Der Umblätterer: Sind das dann zuverlässige Textversionen, oder gibt es da reihenweise Tipp- und OCR-Fehler?
Deiss: Soweit ich es beurteilen kann, ist die Qualität okay, Tipp- oder Scanfehler sind mir bisher eigentlich keine aufgefallen. Ich versuche natürlich trotzdem, möglichst viele der Hundertseiter in traditionellen Buchläden, die es ja weiterhin geben sollte, zu kaufen.
Der Umblätterer: Was ist dir sonst noch in Erinnerung?
Deiss: Nach »Bartleby« habe ich »Unterm Birnbaum« gelesen, auch das unglaublich spannend, und dann Aitmatows »Dshamilja« und Schnitzlers »Traumnovelle«. Alles tolle Bücher. Bei »Dshamilja« setzt Aragon in seinem Vorwort die Latte so hoch, dass man anfangs fast enttäuscht ist, doch das Buch nimmt einen dann doch mit.
Der Umblätterer: Zu welchen Gelegenheiten liest du die Bücher eigentlich so?
Deiss: »Dshamilja« zum Beispiel habe ich an einem Bahnwochenende gelesen. Ich habe an einem Tag Buchläden in drei Städten besichtigt (Trier, Saarbrücken und Ludwigshafen) und hatte ursprünglich kein anderes Buch dabei, da war es zusätzlich spannend, immer noch zu schauen, wo ich für die Bahnfahrt dazwischen schnell noch eines der Kurzbücher auftreiben konnte, denn andere Bücher mochte ich damals gar nicht lesen.
Leider landete ich dann immer in den Thalia-Filialen irgendwelcher Einkaufszentren, die alle gleich aussahen, aber dort hatten sie wenigstens einige der Hundertseiter von eurer Liste im Regal. Die Bücher hatten dann auch gerade die richtige Länge für die Fahrabschnitte zwischen den Städten. Allerdings förderte der Griff ins Kanon-Schatzkästlein auch ein paar dröge Brocken zu Tage.
Der Umblätterer: Welche denn?
Deiss: Zum Beispiel Fontanes »Grete Minde«. Da hatte ich mehr erwartet nach eurer vollmundigen Empfehlung. Schon der Anfang: Zwei Kinder sprechen herzig über Vöglein und Nestlein, es fiel mir schwer, da weiterzulesen. »Unterm Birnbaum« war viel spannender. »Grete Minde« dagegen ist eine heulsusig dahinplätschernde, für mich wenig spannende Geschichte, der am Schluss ein dramatisches Fanal aufgepfropft wird. Würde ich aus dem Kanon eher streichen, ein Fontane reicht.
Der Umblätterer: Und was noch?
Deiss: Auf jeden Fall die Sachbücher. Immer wieder ärgere ich mich bei der Lektüre, wenn ich eine spannende Geschichte erwarte und doch nur ein literaturbezogenes Sachbuch in der Hand halte. Ich würde die Liste auf genau 100 Titel begrenzen und die Sachbücher in eine eigene Liste übertragen und diese dann wiederum auf 100 ergänzen.
Der eben erwähnte ZEIT-Kanon mit 100 belletristischen Titeln wurde dann etwas später um eine Sammlung mit 100 Sachbüchern ergänzt, sehr lobenswert und auch von Raddatz herausgegeben. Bei den Sachbüchern kam ich allerdings auch nicht sehr weit, die lesen sich teilweise mühsamer als Belletristik, auch hier würde eine Liste der kurzen Werke helfen, deshalb bin ich froh, dass ich mit der Liste der Kurzwerke weitermachen kann.
Der Umblätterer: »Grete Minde« wird auf keinen Fall gestrichen, hehe.
Deiss: Schön übrigens, dass einer der ersten eurer Vorstellungstexte gleich Chamissos wirklich »wundersame Geschichte« ist, die habe ich jetzt erst am Freitag gelesen, ein wahrer Edelstein von Geschichte. Am Samstag dann noch Hemingways »Der alte Mann und das Meer«, ein wunderbares Buch, jetzt sind es, wie gesagt, mit den bereits früher gelesenen 38 aus der Liste, und ich möchte dieses Jahr noch auf 50 oder 60 kommen.
Der Umblätterer: Wie liegst du im Plan?
Deiss: Es sieht gut aus. Ich will ja nicht nur Kurzbücher lesen, aber weil ich mich in letzter Zeit darauf konzentriert habe und zum Beispiel zwischendrin dieses leseintensive Bahnwochenende hatte, bin ich meinen Leseplänen voraus, falle aber im Moment wieder ein bisschen zurück, da die Arbeitswoche hektisch ist. Zumindest den Klabund will ich aber bis morgen noch lesen, sind ja nur 45 Seiten.
Der Umblätterer: Wieder ausgedruckt?
Deiss: Ja, von Wikisource aus auf A4 ausgedruckt, da werden aus den 100 Seiten eben 45, die Textmenge bleibt natürlich hoffentlich die Gleiche. Aber vielleicht liest man schneller, wenn man im Hinterkopf die Zahl 45 hat und denkt, dass das ja nicht so viel ist.
Der Umblätterer: Kannst du vielleicht kurz erklären, was ein Hundertseitenbuch ist, in Abgrenzung zu anderen Textmengen?
Deiss: Also für mich ist es nur wichtig, dass es kurz ist, damit ich mit meinem 100-Bücher-Projekt vorankomme, die Abgrenzung auf eurer Liste habt ihr ja selbst definiert, ich glaube es sind Bücher mit zwischen 50.000 und 150.000 Zeichen oder so ähnlich.
Der Umblätterer: Das Maß ist 100.000 bis 225.000, durch lange Experimente bestimmt, unter Zuhilfenahme einiger Arno-Schmidt-Formeln! Was wirst du tun, wenn du hundert Hundertseiter gelesen hast?
Deiss: Durch die Liste bin ich zum Schnitzler-Fan geworden. Letzte Woche habe ich »Leutnant Gustl« gelesen, das war wieder mal großartig. Ich möchte unbedingt alle seine Werke lesen. Wenn ich damit fertig bin, möchte ich die 100 wichtigsten/besten Reisebücher lesen. Eine entsprechende Liste habe ich bereits erstellt und vor fünf Jahren auch schon mit dem Lesen angefangen, kam allerdings auch da erst bis Buch 25. Der Grund war, dass ich zu diesem Zeitpunkt begann selbst Bücher zu schreiben und keine Zeit mehr hatte. Da ich mein eigenes Veröffentlichungsprogramm Ende 2010 abgerundet habe, kann es mit dem Lesen wieder weitergehen, aber wie gesagt, im Jahr 2011 habe die Kurzbücher Vorrang.
Der Umblätterer: Welche drei Titel von der Liste fallen dir jetzt gerade spontan noch ein?
Deiss: Ok, also Stifters »Abdias«, ganz nett zu lesen, aber irgendwie fehlt der Spannungsbogen. Flex’ »Der Wanderer zwischen beiden Welten« …
Der Umblätterer: Flex, was? Wer hat den denn auf die Liste gesetzt! Ach so, ja, das war irgendwie als Ausgleich zu Christa Wolfs »Kein Ort. Nirgends« gedacht, wenn wir uns recht erinnern.
Deiss: Also wieso, ich fand Flex beeindruckend sprach- und bilderstark. Und »Frühstück bei Tiffany« hab ich auch noch lebhaft in Erinnerung, viel besser als der Film und im englischen Originaltext mit tollen Ausdrücken (»I’m the top banana of the shock department«). Aber was rede ich hier lang und breit herum, statt des Interviews hätte ich jetzt eigentlich schon wieder fünf Seiten lesen können.
Ende des Gesprächs. Inzwischen hat uns Richard wissen lassen, dass er nun auch mit »Tonio Kröger« durch sei. Habe ihn trotz unserer ausdrücklichen Empfehlung wenig angesprochen, die Erzählung. Er stelle sie auf eine Stufe mit »Grete Minde«. Ansonsten werde er nächste Woche seinen 1000. Buchladen besuchen und habe sich dafür den »25books« in Berlin ausgesucht. Warten wir also auf neues Zahlenmaterial vom Pedometer.
Ernst A. Grandits
Robert A. Heinlein
Ijoma A. Mangold
Frank A. Meyer
George A. Romero
Moritz A. Sachs
Cecil B. DeMille
Johannes B. Kerner
Robert B. Pippin
Isaac B. Singer
Joachim C. Fest
Michael C. Hall
Nicolae C. Ionescu
John C. Reilly
John D. Rockefeller
Franklin D. Roosevelt
Adele E. Goldberg
Alfred E. Neumann
Dieter E. Zimmer
Donald F. Duck
John F. Kennedy
Harry G. Frankfurt
Heinz G. Konsalik
Marcus H. Rosenmüller
Mary J. Blige
Michael J. Fox
Alfred J. Kwak
Fritz J. Raddatz
Clemens J. Setz
Philip K. Dick
Ursula K. Le Guin
Joanne K. Rowling
Hermann L. Gremliza
Samuel L. Jackson
Henryk M. Broder
Pierre M. Krause
Roger O. Thornhill
Reinhard P. Gruber
Horst P. Horst
Samuel P. Huntington
Johannes R. Becher
Douglas R. Hofstadter
William S. Burroughs
Harry S. Truman
James T. Kirk
Moritz v. Uslar
Theodor W. Adorno
George W. Bush
Christian Y. Schmidt
Martin Z. Schröder
Ich gehe am liebsten am frühen Nachmittag ins Kino, da ist es immer so schön ruhig. Wenn der Film dann vorbei ist, bin ich stets angenehm erfreut, dass ich noch den ganzen Abend vor mir und scheinbar schon so viel erlebt habe.
Werner Herzog: »Cave of Forgotten Dreams«
Am Samstag sind wir zur Nachmittagsvorstellung ins Gate Cinema in Notting Hill gegangen, um uns »Cave of Forgotten Dreams« anzusehen, den neuen Hit von Werner Herzog. Es wird ein dreifacher Abstieg an diesem sonnigen Tag, in die Dunkelheit des Kinos, in die Tiefe der Höhle und in die plastische 3D-Welt. Als vierte Dimension sollte ich vielleicht noch die eigenartig einzigartige Welt erwähnen, die das sonore Englisch erzeugt, in dem Werner Herzog seine Filme kommentiert.
An der Kasse fragt man uns, ob wir unsere eigenen 3D-Brillen dabeihaben oder für zusätzliche 70 pence welche kaufen werden. Die Frage kommt mit einer Selbstverständlichkeit daher, dass ich mich beinahe schäme, jetzt hier eine der 3D-Brillen erwerben zu müssen, statt gleich mein eigenes cooles Teil aus der Tasche ziehen zu können. Wegen des billigen Preises halte ich den Obolus zuerst für eine Miete, aber die Brillen gehen tatsächlich in unseren Besitz über. Beim nächsten Mal werde ich also lässig nicken können, wenn jemand mein 3D-Brillen-Besitztum abfragt.
Im Film selbst gibt es dann neben der irren Landschaft im Tal der Ardèche die über 30.000 Jahre alten Kunstwerke zu sehen. Sie haben die vergangenen Jahrtausende in der zugeschütteten Chauvet-Höhle überlebt und sind erst vor ein paar Jahren wieder entdeckt worden, und Besucher haben normalerweise keinen Zutritt. Als ich die ersten Bilder an den Wänden erblicke, klar und scharf und in 3D, denke ich sofort an einen Fake, einen Hoax, einen Scherz, denn Qualität und Zustand der uralten Malereien sind atemberaubend.
Im Film wird deshalb auch gleich erklärt, dass die Echtheit in wissenschaftlich redlicher Weise eindeutig nachgewiesen worden ist, dank der Mineralschichten, die über den Zeichnungen gewachsen sind. An einer Wand hat einer der Künstler seine Handabdrücke hinterlassen, die müssten jetzt nur noch mit der Fingerprint-Datei des FBI abgeglichen werden, um vollkommene Sicherheit zu erlangen.
Ansonsten sieht man meist Pferde, Höhlenbären und Bisons, manche haben ganz futuristisch acht Beine, um Bewegung zu suggerieren, ganz so wie das später auch Giacomo Balla mit seinem vielbeinigen Hund versucht hat. Neben der Kunst an den Wänden gibt es in den Höhlengängen weiteres perfektes 3D-Material. Zugestaubte Totenschädel von Höhlenbären liegen auf dem Boden herum, und Tropfsteine bilden bezaubernde Formationen. Dazu dudelt die im positiven Sinne einlullende Stimme von Werner Herzog.
Nach dem Film begeben wir uns aus der Quasihöhle in Notting Hill wieder an die Sonne. Es ist noch nicht zu spät für einen Kurzbesuch im wie üblich vollkommen unaufgeräumten »Lisboa« in der Goldborne Road. Trotz intensiven Sonnenscheins lastet noch die Höhlenerfahrung auf meiner Seele, und gedankenversunken suche ich in den Zuckerformationen meines frischen Palmiers nach den Skelettresten von Höhlenbären.
Wim Wenders: »Pina«
Begeistert vom 3D-Erlebnis am Samstag und angefixt von der Kinowerbung müssen wir am Sonntag gleich in den nächsten 3D-Film gehen. Auch dieser stammt von einem »alten deutschen Regiehelden«, wie San Andreas später in einer E-Mail an mich schreiben wird, aber um ehrlich zu sein hat mir außer dem »Untergang« kein Film von Wim Wenders jemals gefallen, hehe.
Auch die Worte Pina Bausch und Tanz erzeugen bei mir eigentlich ignorantes Schulterzucken und die Erinnerung an einen bestimmten Typ Frau. Der Kinotrailer für »Pina«, der tags zuvor vor dem Werner-Herzog-Film gelaufen ist, hat mich allerdings sofort überzeugt. Dieses Mal gehen wir ins Curzon Chelsea und haben unsere neuen 3D-Brillen dabei, die eigentlich sogar ziemlich schick aussehen, wie Wayfarers, aber eben aus sehr billigem schwarzen Plastik gemacht sind. Zuerst hatten wir sie vergessen, ich bin extra noch mal nach Hause gerannt, sie zu holen.
Nun kaufe ich die Eintrittskarten, und gleich werde ich sagen können, dass ich natürlich meine eigene Brille dabei habe. Allerdings wird die entsprechende Frage gar nicht gestellt, und ich muss erfahren, dass wir im Kino ein spezielles Modell bekommen werden. Man habe eine eigene Technologie, jeder Zuschauer bekomme dafür eine Leihbrille, denn die 70-pence-Teile funktionieren hier wohl nicht.
Die Curzon-Brillen sind schwer und klobig und sehen aus wie Schweißerbrillen. Sie lohnen sich von der ersten Minute an. Zunächst werden reichlich Ausschnitte aus einer »Sacre du Printemps«-Choreografie von Pina Bausch gezeigt. Eine Bühne wird mit Erde vollgeschüttet, man sieht das im Zeitraffer, durch den 3D-Effekt spürt man das Gewicht der Erde und ist gleich ganz tief drin, und dann beginnen Musik und Tanz, erst langsam, aber bald schon tobt auf dem frisch bestellten Acker das organisierte Chaos.
Ich habe ungeheure Lust, jetzt einfach dieses eine Stück komplett sehen zu wollen, aber irgendwann wird dann zum nächsten Stück gejumpcuttet, dann zur nächsten Choreografie usw. Dazwischen O-Töne der Tänzer des Ensembles über Pina. Der ganze Film ist ein ziemlicher Rausch, wie tags zuvor der Höhlenbesuch mit Werner Herzog.
Als der Film zu Ende ist und wir das Kino verlassen, scheint noch immer die Sonne. Wir sind noch benommen von der Vorstellung, und es wird geschwiegen. Da unsere 70-pence-3D-Brillen abgedunkelt sind, benutzen wir sie nun einfach als Sonnenbrillen und schlendern die Kings Road hinunter, und ich freue mich, dass wir noch den ganzen Abend vor uns, aber schon so viel erlebt haben.
Manchmal ist ein langes Gedicht einfach nur ein langes Gedicht. Der amerikanische Präriepoet Dave Morice (Künstlername: »Dr. Alphabet«) hat so eines geschrieben, es ist 10.000 Seiten lang, und es ist per einstweiliger Behauptung tatsächlich: das längste der Welt.
Ich habe darüber im Feuilleton der »Financial Times Deutschland« gelesen, auf der Seite für basiskulturelle Berichterstattung, die dort »Out of Office« heißt, das ist also tatsächlich die Bezeichnung für das Feuilleton der FTD, und das ist auf jeden Fall besser als kompromisslerische Rubriknamen wie »Kultur« oder, noch grausiger: »Kultur & Medien«.
Aber zurück zum 10.000-Seiten-Gedicht. Im FTD-Artikel wird natürlich vor allem die superlative Größenordnung des Werks diskutiert. Dabei hat der Redakteur vor lauter Zahlenmaterial sogar vergessen, den Titel des Gedichts anzugeben. Er lautet wahrscheinlich, so genau weiß ich das auch nicht: »City Poetry Marathon«.
In der weltweiten Berichterstattung darüber geht es eigentlich auch nie um dessen Inhalt. Was steht auf den 10.000 Seiten? Das ist offenbar auf sympathische Weise nicht das Wichtigste, also genau wie bei den Romanbollwerken von Proust, Joyce, Foster Wallace usw.
Das Gedicht wurde übrigens live geschrieben, unter den Augen der Öffentlichkeit, an den 100 Tagen zwischen dem Unabhängigkeitstag und Halloween 2010, in der Main Library der University of Iowa. Dort wurde dann auch ein Exemplar gebunden, und es ist schon eine große Kunst, das Buch sachgemäß aufzuschlagen und zum Beispiel mal zu kucken, was so auf Seite 7.437 steht (siehe das Bild hier).
Ansonsten liegt das Dichtwerk auch komplett in herunterladbaren Word-Dateien vor. Ich bin gerade auf Seite 82 des 1. Bandes. Es geht dort um den unbändigen Hass auf Vokale, der unter Aliens üblich zu sein scheint:
When you write 10,000 pages, you’ve got to go beyond the world
and borrow things from aliens who land here and whisper
»Write a poem that doesn’t have any vowels in it.«
I ask »Why?«
They reply, »We hate vowels.«
Vowel hatred is
not common on
earth.
Und ohne Vokale wäre der Dichter auch nicht auf 10.000 Seiten gekommen.
221. lebt und arbeitet in
222. wie durch ein Wunder
223. sagte er mit Nachdruck
224. wagte den Sprung in die Selbstständigkeit
225. war schon immer ihre große Leidenschaft
Ja, ein »27 Club« (Hendrix! Joplin! Cobain!) ließe sich auch für die deutsche Literatur aufstellen, mit ebenso großem Berüchtigtkeitsgrad (Günther! Hölty! Trakl!).
Jedenfalls habe ich neulich wieder mal Guido K. Brands sehr spezielle Literaturgeschichte »Die Frühvollendeten« von 1928 aufgeschlagen. Dann diskutierte ich beim Abendessen noch eine Weile mit Ben, und schnell war eine Übersicht fertig mit den (sagen wir mal:) 20 berühmtesten deutschsprachigen Autoren, die keine 30 Jahre alt geworden sind.
In Klammern steht das jeweilige Sterbealter, und geordnet sind die Leute nach der Größe ihrer Wikipedia-Artikel, das fiel mir als sehr heutiges Relevanzmaß ein, hehe. Unangefochten: Borchert! Sein Artikel ist mehr als doppelt so lang wie der des zweitplatzierten Novalis. Hinter dieser Art des Rankings lauert aber auch ein veritabler Skandal:
Denn Theodor »Hurra!« Körner hängt den groooßen Georg Büchner mühelos ab, so sieht es nämlich aus in der Wikipedia. Der Körner-Artikel ist aber auch deshalb so lang, weil ein überambitionierter Lokalhistoriker(?) alle möglichen Körner-Denkmäler dort eingetragen hat. Wäre mal eine Idee für Wolfgang Büscher, die alle abzuwandern.
Aber hier nun die 20 unter 30:
- Wolfgang Borchert (26)
- Novalis (28)
- Theodor Körner (21)
- Georg Heym (24)
- Georg Büchner (23)
- Georg Trakl (27)
- Karoline von Günderrode (26)
- Hertha Kräftner (23)
- Wilhelm Hauff (24)
- Johann Christian Günther (27)
- Wilhelm Waiblinger (25)
- Gerrit Engelke (27)
- Ludwig Hölty (27)
- Wilhelm Heinrich Wackenroder (24)
- Hermann Conradi (27)
- Elisabeth Kulmann (17)
- Walter Calé (22)
- Fritz Stavenhagen (29)
- Sibylla Schwarz (17)
- Alfred Lichtenstein (25)