Archiv des Themenkreises ›Buchbuch‹


Über »Die Wohlgesinnten« (Teil 6):
Die Lermontow-Episode – Max Aue als Tourist

Leipzig, 16. November 2008, 09:02 | von Paco

Weil Aue nicht direkt an der Front eingesetzt wird und daher so etwas wie frei einteilbare Nachmittage hat, kann er sich in den eroberten Gebieten irgendwelche alten Kirchen und andere Sehenswürdigkeiten anschauen (etwa »eine prachtvolle kleine Kirche aus dem 11. Jahrhundert«; S. 172).

Für ihn stellt die SS also auch eine Art Tourismusgelegenheit dar, die ihm zur Pflege und zum Stimulans seiner klassischen Bildung dient.

Ein Beispiel dafür ist die Lermontow-Episode (S. 369-378). Zusammen mit dem Sprachwissenschaftler Dr. Voss macht er sich in der Gegend um Pjatigorsk auf den Weg zu den Lermontow-Stätten:

1. Museum und Bibliothek. Sie schauen sich Porträts von Lermontow und seinem Mörder Martynow an, außerdem den aus St. Petersburg herbeigeschafften Tisch, auf dem er angeblich »Ein Held unserer Zeit« (1840) geschrieben hat.

2. Der Prowal. Sie glauben sich zu erinnern, dass hier Petschorin der Vera begegnet ist.

3. Der weiße Obelisk, der an der Stelle errichtet wurde, an der Lermontow im Duell mit Martynow starb. »Wieder musste ich an Lermontow denken, der wenige Schritte von dort sterbend im Gras gelegen hatte, die Brust aufgerissen, wegen ein paar belangloser Worte über Martynows Kleidung.« (S. 375)

4. Der alte Friedhof, auf dem Lermontows Freunde ihn zunächst begraben hatten (Lermontows Überreste wurden später durch seine Großmutter mit nach Pensa genommen). Voss: »Wo Lermontow begraben lag, ist eine Stele.« (S. 376)

Man könnte diese Passagen tatsächlich zu einem Touristenführer zusammenfügen, dagegen steht natürlich das Umfeld, in dem Aue diese Sachen erlebt. Vor allem Aues romantische Gedanken an Lermontows Tod stehen in einem krassen Gegensatz zu den laufenden Massenerschießungen. Für derlei touristische Ausflüge überhaupt die Muße aufbringen zu können, als ob sonst nichts wäre, unterstreicht einmal mehr die Nähe zu Patrick Bateman.


Über »Die Wohlgesinnten« (Teil 5):
Ubychisch lernen mit Dr. Voss

Leipzig, 15. November 2008, 07:57 | von Paco

Aue wird durch Ohlendorf vom Sonderkommando 4a abgezogen und zur Einsatzgruppe D nach Simferopol geholt. Er soll die regionalen Umstände für das im Kaukasus zu installierende Besatzungssystem studieren (S. 290 ff.).

Im Zuge dessen lernt er Dr. Voss kennen, einen Sprachwissen­schaftler der Universität Berlin, der als Leutnant der Wehrmacht eingezogen wurde und hinter der Front seinen Forschungen nachgeht. Voss hält ihm einen konzisen Vortrag über die kaukasischen Sprachen:

»Sie wissen vermutlich, dass die Araber den Kaukasus schon im 10. Jahrhundert den Berg der Sprachen nannten. Und das vollkommen zu Recht. Es ist ein einzigartiges Phänomen. (…)« (S. 300)

« Vous savez certainement que les Arabes, dès le Xe siècle, appelaient le Caucase la Montagne des Langues. C’est tout à fait ça. Un phénomène unique. (…) » (p. 309)

Der Vortrag dauert ganze 10 Druckseiten. Voss interessiert u. a. das fast ausgestorbene Ubychisch, weil es ein Phonemsystem mit über 80 Konsonanten aufweist (S. 303). Er wartet nun darauf, dass die Wehrmacht weiter nach Osten vorstößt, damit er endlich seinen ubychischen Muttersprachler findet (nebenbei: der letzte Sprecher, Tevfik Esenç, starb 1992).

Voss verlacht zwar lauthals die Unwissenschaftlichkeit der NS-Rassentheorien (S. 421-428), trotzdem ersehnt er einen weiteren Vormarsch der Wehrmacht, der ihn in Reichweite seiner Untersuchungsgegenstände bringt.

Er freut sich also aus sozusagen wissenschaftlichen Gründen über die Siege der Armee: »Ich kann es nicht abwarten, dass wir Ordshonikidse einnehmen« (S. 379), bemerkt er einige Zeit später, weil er dann das Ossetische studieren kann, keine kaukasische, sondern eine indogermanische Sprache, die »einen sehr interessanten archaischen Charakter hat« (S. 380).

Doch der Krieg holt auch ihn ein. Voss will sich in einem Dorf nach einigen Feinheiten der kabardinischen Sprache erkundigen, wird dabei aber von einem Einheimischen angeschossen, mit dessen Tochter er sich offenbar eingelassen hatte (S. 443 ff.). In seinem Todeskampf murmelt er Unverständliches:

»Eine archaische Stimme, aus dem Dunkel der Zeit; doch falls es eine Sprache war, hatte sie keinerlei Bedeutung und drückte nichts aus als ihr eigenes Verschwinden.« (S. 446)

« Une voix ancienne, venue du fond des âges ; mais si c’était bien un langage, il ne disait rien, et n’exprimait que sa propre disparition. » (p. 459)


Über »Die Wohlgesinnten« (Teil 4):
Max Aue und Patrick Bateman

Leipzig, 14. November 2008, 08:03 | von Paco

Achtung: Ein Vergleich, keine Gleichsetzung! Max Aue ist kein unmittelbarer Vorläufer von Patrick Bateman. Trotzdem nennt ihn Stefan Mesch in seiner Besprechung bei literaturkritik.de nicht ohne Grund »Aryan Psycho«.

Die beiden Massenmörder Aue und Bateman sehen sich in einigen Punkten tatsächlich auffallend ähnlich: wenn sie sich etwa in ihrem Beschreibungs­wahn ergehen oder weiträumig mitgeschleppte Bildungselemente ausbreiten (bei dem einen ist das die klassische Bildung, bei dem anderen der Pop).

Natürlich erlebt Aue seine Taten in einer durch den Krieg brutalisierten Gesellschaft, während Bateman im New York der 1980er Jahre mordet. Aber Aue ist im Prinzip derselbe zum Zynismus neigende mörderische Nihilist wie Pat Bateman.

Das unterstreicht die Szene mit dem kleinen Mädchen, das während einer der Massenerschießungen in der Ukraine auf Aue zugelaufen kommt. Aue hält es kurz auf dem Arm, übergibt es dann aber einem SS-Mann:

»›Seien Sie lieb zu ihr‹, sagte ich völlig idiotisch zu ihm.« (S. 156)

« ‹ Sois gentil avec elle ›, lui dis-je assez stupidement. » (p. 163)

Daraufhin rennt er in den Wald, um seine Wut auf diese Situation zu dämpfen, während er hinter sich die Schüsse hört. Er verdrängt das Erlebnis in seiner ganz eigenen Art und Weise, nämlich indem er sich in seine Kindheit zurückdenkt. (Das ist übrigens die Szene, die Ariana Melamed, die Kritikerin der »Yedioth Ahronoth«, so furchtbar aufgeregt hat, dass sie das Buch in den nächsten Mülleimer beförderte.)

Ähnlich zynisch ist auch ein kleines Erlebnis in Stalingrad. Als Aue erfährt, dass der Oberfeldwebel Nišić gefallen ist, mit dem er noch kurz zuvor in einer vorgeschobenen kroatischen Stellung geredet hatte (bis S. 517), fragt er sich allen Ernstes, ob der tote Kroate wenigstens noch die Zigaretten rauchen konnte, die Aue ihm gegeben hatte (S. 525).

Aber es geht noch drastischer: »Es wehte ein schneidender Wind, mir war kalt, ich bedauerte, meinen Pullover nicht doch geholt zu haben«, vermeldet uns der frierende Aue, während er der Erschießung von 50.000 Juden beiwohnt (S. 178). Ihm ist die maximale Unangebrachtheit dieses Gedankens nicht bewusst, er kann die laufenden Ermordungen ohne Probleme von seinen eigenen Bedürfnissen trennen.

Ähnlich wie Bateman kann Aue seine menschlichen Regungen nicht kanalisieren. Aber es gibt sie: Trotz seiner SS-Uniform hilft er etwa in Lemberg einem Priester, einen sterbenden Juden auf das Kirchengelände zu tragen, um ihn vor einer Horde knüppelnder Ukrainer zu retten (S. 71-72). Dann befreit Aue auch schon mal einen verletzten Vogel, der sich in eine Isba verirrt hat (S. 160-161).

Dem Buch Geschmacklosigkeit vorwerfen zu können, ist ja Teil des schriftstellerischen Plans. Trotzdem erfüllen diese Szenen einen Zweck. Noch ein Beispiel:

»ich stellte mir diese schmucken Burschen und diese hübschen scheuen Mädchen im Gas vor, ein Gedanke, bei dem sich mir der Magen umdrehte« (S. 1102).

« j’imaginais ces garçons proprets ou ces jeunes filles au charme discret sous les gaz, pensées qui me soulevaient le cœur » (pp. 1127-1128).

Immerhin dreht sich ihm der Magen noch um, wie er sich überhaupt ständig übergeben muss. Und das ist auch der wichtigste Unterschied zum Selfmade-Massenmörder Bateman, der sich eben nicht kotzend durch »American Psycho« schleppt. Denn auch wenn Aue darüber klagt: Er hat nichts gegen diese regelmäßigen Magenkrämpfe, weil sie ihm scheinbar seine Normalität beweisen. Diese natürliche, menschliche Reaktion zeigt allerdings auch nichts weiter als dass er »kein blinder Technokrat (ist), sondern ein Edelnazi, der die Judenfrage gerne kühler, sachlicher und vor allem für das Deutsche Reich effizienter gelöst hätte« (Radisch).


Über »Die Wohlgesinnten« (Teil 3):
Max Aues Lektüren: Ernst Jünger, E. R. Burroughs

Leipzig, 13. November 2008, 07:09 | von Paco

Aue interessiert sich als guter dt.-frz. Bildungsbürger natürlich nicht nur für mittelalterliche Kirchen in den eroberten Gebieten im Osten. Er lässt uns auch an seinen Lektüren teilnehmen, vergangenen wie aktuellen. Für die direkten Intertextualitäten hatte Littell auch einige gute Ideen.

Aues Zwischenspiel in Paris, bei dem er sich im Umfeld der Zeitschrift »Je suis partout« bewegt und mit Céline Konzerte besucht, wirkt irgendwie noch zu beflissen untergebracht. Gelungen sind aber die pointierten Erwähnungen von Ernst Jünger und E. R. Burroughs.

Ernst Jünger

Die Kurzbegegnung mit Jünger findet Ende November 1942 statt. Aue soll in Woroschilowsk eine Frau Dr. Weseloh abholen, eine Linguistin, die zufällig zusammen mit dem berühmten Autor angereist kommt. (In dessen »Kaukasischen Aufzeichnungen« – Eintrag vom 24. 11. 1942 – ist von ihr natürlich nicht die Rede.) Littell lässt die Weseloh von Jünger schwärmen und berichtet:

»(…); sie [Jünger und Weseloh] hatten sich über persische Epigraphen unterhalten, und Jünger hatte ihr zu ihrer Gelehrsamkeit gratuliert.« (S. 435)

« (…) ; ils avaient parlé d’épigraphes persanes et Jünger l’avait félicitée sur son érudition. » (p. 447)

Diese lustige Episode ist auch deshalb so gut, weil Littell nicht übertreibt, obwohl es sicher möglich gewesen wäre, die Begegnung mit Jünger für einen kurzen grellen Effekt zu exploiten. Littell hat die Szene auch tatsächlich so vorbereitet, dass man jeden Moment mit einer Kolportage rechnet, aber dann bleibt es doch beim Namedropping, denn Jünger wird schnell von einer Gruppe Wehrmachtsoffizieren aus Aues Blickfeld gezogen.

Er versucht später noch einmal, den Autor, dessen »Arbeiter« einiges zu seinem Weltbild beigetragen haben dürfte, zu treffen. Das schlägt jedoch abermals fehl, und irgendwann ist Aue die Lust auf ein Tête-à-tête vergangen (S. 452).

Jüngers Name taucht noch einmal auf, als sich Aue in Pommern, im Haus seines Schwagers Berndt Üxküll aufhält, der mit Jünger korrespondiert. (Aue weist aber darauf hin, dass er seine Erinnerungen an diese Zeit wahrscheinlich nicht wahrheitsgetreu wiedergeben kann.) Jedenfalls habe Jünger ihm, Üxküll, »durch die Blume« zu verstehen gegeben, dass es kurz vor dem Kriegsende wirklich keinen Sinn mehr habe, Hitler noch umzubringen, denn (Üxkülls Formulierung):

»(…); dieser Kelch muss bis zur bitteren Neige geleert werden. Nur so kann etwas Neues beginnen.« (S. 1217)

« (…) ; il faut boire le calice jusqu’à la lie. C’est le seul moyen pour que quelque chose de nouveau puisse commencer. » (p. 1245)

Die in Widerstandskreisen kursierende Schrift »Der Friede« wird noch kurz erwähnt, und das ist es dann mit Ernst Jünger in den »Wohlgesinnten«. Auf einer tieferen Textebene hat er natürlich trotzdem seine Spuren hinterlassen (vgl. etwa Schirrmachers Bemerkung zum Romanbeginn: »Seid ihr überhaupt sicher, dass der Krieg vorbei ist?«).

E. R. Burroughs als SS-Visionär

»Ich hatte auch wieder zu lesen begonnen.« (S. 1148)

« Je m’étais aussi remis à lire. » (p. 1175)

Aue hatte aus Antibes einige Jugendbücher mitgenommen, darunter E. R. Burroughs’ Marsabenteuer. Er liest den amerikanischen SciFi-Autor nun ganz neu als »unbekannten Ahnherren völkischen Gedankenguts« (S. 1149) und sieht Burroughs’ Beschreibungen der Marsbesiedelung »als Vorbild für tiefgreifende soziale Reformen, die die SS nach dem Kriege ins Auge fassen muß« (ebd.).

Er setzt ein Memorandum für den Reichsführer auf, in dem er die Vorbildrolle der grünen Marsianer für die SS-Elite beschreibt. Und Himmler beantwortet Aues Schreiben sogar:

Mein lieber Dr. Aue!
Mit lebhaftem Interesse habe ich Ihre Darlegungen gelesen. (…) Ich frage mich allerdings, ob Deutschland, selbst nach diesem Krieg, bereit sein wird, so tiefsinnige und notwendige Gedanken zu akzeptieren. (…) Wie dem auch sei, es wird mir ein Vergnügen sein, mit Ihnen nach Ihrer Genesung eingehender über diese Pläne und diesen visionären Autor zu diskutieren.
(S. 1151)

Très cher Doktor Aue !
J’ai lu avec un vif intérêt votre exposé. (…) Je me demande si l’Allemagne, même après la guerre, sera prête à accepter des idées aussi profondes et nécessaires. (…) Quoi qu’il en soit, lorsque vous serez guéri, je serai heureux de discuter avec vous plus en détail de ces projets et de cet auteur visionnaire.
(p. 1177)

Himmler als Burroughs-Liebhaber! Auch diese abstruse und nicht unlustige Szene kann man wieder der Hauptthese des Romans zuschlagen: Wenn sowieso jeder unter denselben schrecklichen Bedingungen die gleichen schrecklichen Dinge getan hätte, dann hätte auch E. R. Burroughs einen guten völkischen Vordenker abgegeben.


Über »Die Wohlgesinnten« (Teil 2):
Mandelbrod und seine SS-Hetären

Leipzig, 12. November 2008, 08:19 | von Paco

»Sie waren Industrielle, aber ihre genaue Stellung war schwer zu definieren.« (S. 627)

« C’étaient des industriels, mais leur position exacte serait malaisée à définir. » (p. 641)

Die Szenen um den völlig verfetteten Rasseideologen Mandelbrod und seinen Sozius, den gebürtigen Engländer Leland, ergänzen zwar vor allem die Erklärungsmuster des Holocaust bzw. die »trüben rassepsychologischen Niederungen des Romans« (vgl. u. a. Mandelbrods Beweisführung, so muss man das wohl nennen, anhand eines Romans von Disraeli auf S. 637-638), verpassen dem Buch aber auch einen Schuss Slapstick und ein wenig Situations­komik. Mandelbrod scheint sich nie aus seinem Sessel zu erheben und sondert dauernd derbe Körpergerüche ab. Himmlers Posener Rede wohnt er auf einer eigenen »sperrigen Plattform« bei (S. 942).

Die beiden Moguln hatten Aues Mutter nach dem ungeklärten Verschwinden von Aues Vater in den Zwanzigerjahren geholfen. Auch Aue wurde Objekt dieser Strippenzieherei, als er 1934 nach Deutschland übersiedelte, sich in Kiel immatrikulierte und schließlich in die SS eintrat (S. 627). Er überlässt sich dieser schaurigen Variante einer Turmgesellschaft à la »Wilhelm Meister«, die einerseits für seine Karriere sorgt, ihn aber auch für die eigenen politischen Ziele einzuspannen versucht.

Mandelbrod ist teilweise eine recht wohlfeil wirkende Blofeld-Anspielung. Er hat ständig Katzen um sich und wird von blonden, hochgewachsenen SS-Hetären umsorgt. Diese sollen und wollen ständig von Aue begattet werden (z. B. auf S. 927), was dieser jedoch immer ablehnt. Aues Homosexualität hat also auch die Funktion, dass eben keine »Nazi Sexploitation« aus dem Buch wird.

Mindestens eine der Hetären ist in Latein und Deutsch promoviert (S. 944), mit einer anderen unterhält sich Aue über Heidegger (S. 988). Die drei, denen Aue persönlich begegnet, tragen übrigens die Namen Hilde, Hedwig und Heide – die Rufnamen dreier Goebbels-Töchter. Der Grund für diese Parallelisierung ist nicht ganz klar, sie wird aber am Ende noch verdeutlicht: Während des Kampfes um Berlin erschießen sich die drei Nazi-Amazonen in Mandelbrods Büro; Aue findet aber außerdem noch »drei weitere Frauen«, die tot herumliegen (S. 1352). Das entspricht dann den sechs etwa zur selben Zeit getöteten Goebbels-Kindern. Warum auch immer.

Überhaupt fällt das Ende der Subgeschichte um Mandelbrod und seinen Kompagnon äußerst kläglich aus. Im Angesicht des Triumphs der Roten Armee wechseln beide umstandslos zu den Russen, die sie freudig aufzunehmen bereit sind.

»Der Führer ist gescheitert«, sagte Leland kalt. »Doch der ontologische Krieg, den er begonnen hat, ist noch nicht vorbei. Wer außer Stalin könnte die Arbeit vollenden?« (S. 1353)

« Le Führer a échoué, prononça froidement Leland. Mais la guerre ontologique qu’il a commencée n’est pas terminée. Qui d’autre que Staline pourrait achever le travail ? » (p. 1385)

Das findet sogar Aue abgefahren und sucht schnell das Weite. Durch diese holzhammerartige Wendung werden die beiden unheimlichen Masterminds vollends zu Comicfiguren degradiert.


Über »Die Wohlgesinnten« (Teil 1):
»Kein Jahrhundertbuch«, aber »groß und kalt«

Leipzig, 11. November 2008, 07:06 | von Paco

Bis jetzt hat die Rezensionsschiene der Rezeption den Roman »Die Wohlgesinnten« von Jonathan Littell immer nur als Ganzes betrachtet. Der Umblätterer widmet sich nun einigen Einzel­aspekten, denn das Buch enthält neben einigen grandios miss­lungenen Subgeschichten auch einige gelungene, interessante. Davor aber noch einige Pensées zum Status des Werks:

Die Fraktion, die das ganze Buch für einen schrottigen Literatur­versuch hält, der besser nicht veröffentlicht worden wäre, hat durchaus diskutable Punkte hervorgebracht (meine Lieblings­rezension in diesem Zusammenhang stammt von Iris Radisch).

Aber die von Jorge Semprún angeführte Gutfinde-Fraktion hat ebenfalls ihre Gründe, auch wenn sie oft ein bisschen zuviel gefeiert hat, wie man an Semprúns Diktum sehen kann, mit dem der Berlin Verlag die deutschsprachige Ausgabe bewirbt: »Es [das Buch] ist das Ereignis unserer Jahrhunderthälfte.« (In der deutschsprachigen Diskussion wird diese Fraktion übrigens vom »Buchversteher« Klaus Theweleit angeführt.)

Hinsichtlich des literarischen Rangs der »Wohlgesinnten« hat Frank Schirrmacher in seiner Werkeinführung eine deutlich zurückgenommene Formulierung gefunden: »Es ist dies kein ›Krieg und Frieden‹, es ist, was sein literarisches Gelingen angeht, kein Jahrhundertbuch. Aber groß ist es dennoch. Groß und kalt.«

Obwohl damit der Vorabdruck des Romanbeginns in der Print-FAZ angekündigt wurde, ist diese Einschätzung nicht wirklich ein kontraproduktiver Knockout, da Schirrmacher mit dem Ansatz ›umstrittenes Buch‹ auch ganz geschickt den Diskurs in den neu gegründeten Reading Room (now Lesesaal) hinübergeleitet hat.

Diese eingeschränkte, aber anzuerkennende Größe, die sich eben auch und vor allem auf den Umfang bezieht, also die hohe Anzahl von Buchstaben und Seiten, hatte dazu geführt, dass Gallimard die Manuskripteinschickung 2006 umstandslos druckte und dass dem Buch im selben Jahr der Prix Goncourt zugesprochen wurde.

Der französische Literaturbetrieb ist bekanntlich seit gut 100 Jahren darauf geeicht, ein bestimmtes massives Fehlurteil nicht zu wiederholen. Mitschuldig an dieser psychologischen Disposition ist André Gide, der kurz vor dem Ersten Weltkrieg Prousts »Recherche« für seine »Nouvelle Revue française« (aus der später die Éditions Gallimard hervorgingen) mit Pauken und Trompeten abgelehnt hatte (»un mondain amateur«!) und dies später als größten Fehler seines Lebens bereute.

Proust rechtfertigte sich später im letzten Band der »Recherche«, indem er schrieb, er sei nicht der »fouilleur de détails« (Detailversessene), für den man ihn hielte, sondern dass er im Schreiben »les grandes lois« suchte, die »großen Gesetze«, die auch Littell beschreiben will, indem er sich ebenfalls für die Ausbreitung von Details entscheidet, allerdings ganz anderen als Proust.

Wie auch immer. Über den ermüdend konservativen Stil des Buchs muss man nicht diskutieren. Dass Littell im ersten Brief an seine Übersetzer auch noch anmerkt, er habe da jetzt »die Tempora der französischen Verben in der großen Tradition Flauberts« eingesetzt, signalisiert eine peinliche Bildungsbürgerlichkeit und ist eine schreckliche Bestätigung der stilistischen Einfallslosigkeit Littells.

Der einzige gestalterische Eingriff ist die Beibehaltung einiger deutschsprachiger Vokabeln im französischen Original. Sicherlich nicht mehr als ein billiger Effekt (»cria l‘Aufseherin«, »pour la Heimat«, »le Häftlingskrankenbau« usw.), aber die Fremdheit bestimmter Wörter unterstreicht die Fremdheit der Gedanken, die Aue vor uns ausbreitet – ein angenehmer Schlag ins Gesicht, der in der deutschen Übersetzung leider ausfallen muss.

(Die Übersetzung von Hainer Kober ist übrigens sehr gut. Er hat aus dem Roman ein deutsches Buch gemacht, dessen fremdsprachliche Herkunft man beim Lesen nie unbeabsichtigt heraushört.)

Noch eine Bemerkung zur Makrostruktur: Gegen Ende des Romans, als sich Max Aue im Haus seines Schwagers Üxküll aufhält, hat er eine melancholische Eingebung:

»Ich sagte mir: Ich würde so gerne Klavier spielen können, so gerne noch einmal Bach hören, bevor ich sterbe.« (S. 1213)

« Je me disais : J’aurais tant voulu savoir jouer du piano, je voudrais tant entendre encore une fois du Bach, avant du mourir. » (p. 1241)

Das erfüllt er sich dann eben über 30 Jahre später mit der Niederschrift seiner Memoiren, die der Roman »Die Wohlgesinnten« darstellt. Er zwängt sie in das Korsett einer Bach’schen Suite mit der Abfolge Toccata – Allemandes I et II – Courante – Sarabande – Menuet (en rondeaux) – Air – Gigue.

Das soll dann ganz grob einige Zäsuren im Fortgang der verschiedenen Kriegs-Aventiuren betonen, löst das stilistische Problem des Buches freilich überhaupt nicht.


New Yorks verschwundene Buchläden
und ein Besuch bei Sokrates

New York, 5. November 2008, 00:07 | von Dique

Georg Baselitz besitzt eine der besten Sammlungen manieristischer Druckgrafik, und über diese Sammlung gibt es das wunderschöne Buch »La Bella Maniera«, in welchem mir besonders die Stiche von Jacques Bellange ins Auge fallen.

Bellange ist ein Spätmanierist der Schule von Fontainebleau, und man weiß fast nichts über ihn. Seine Gemälde sind fast gänzlich zerstört, doch gibt es ca. 50 Stiche und einige Zeichnungen. Leichtschwebende figürliche Überlängungen, und das ist keine Kopiererei wie so häufig bei den späten Fontainebleau-Malern, sondern Handschrift und Erfindungsreichtum.

Bei bookfinder.com fand ich dann einen Ausstellungskatalog, »The Etchings of Jacques Bellange«, und weil der Laden in New York residiert, wollte ich also persönlich vorbeigehen, um das Stück zu erwerben.

Aber 1 University Place ist ein Apartment House, und da steht nichts von »Design Books«, wie der Laden heißen sollte. Ich habe natürlich auch die Telefonnummer nicht mitgenommen und stehe dumm da, frage aber trotzdem den Doorman und irgendeinen semi-uniformierten Delivery Man, ob sie vielleicht eine Ahnung haben.

Der Doorman hat keinen Schimmer, doch der Delivery Man sagt, dass die hier vor ca. 8 Jahren einen Laden gehabt hätten, »you’re eight years late, man«, sagt er und setzt nach einer kurzen Pause hinzu: »But if you want a book, why don’t you go to Barnes & Noble?« – »I’m not here because I want a book, you moron!«, sage ich dann aber nicht.

Wahrscheinlich operiert Design Books nur noch online. Aber weil wir einmal da sind, gehen wir gleich zur nächsten Adresse, denn hier im Umkreis der NY University gibt es einige interessante Buchläden. Über »12th Street Books« habe ich zum Beispiel noch gelesen, und tatsächlich gibt es unter der Adresse einen Laden, oder wenigstens die Überreste eines solchen, denn an der baumelnden Sonnenblende steht mit Sprühfarbe, dass sie nach Brooklyn umgezogen sind. Was für ein Tag.

Ein paar Straßen weiter dann die Rettung, »Strand Bookstore«. Motto dieses Ladens: »18 Miles of Books«, und genau so sieht es hier auch aus. Stunden später fällt uns ein, dass wir eigentlich endlich mal ins Metropolitan Museum of Art wollen, und wir lassen die Büchermeilen zurück, jeder ein paar Bändchen unterm Arm, wenn auch nicht den Bellange-Katalog.

Das Met schließt schon 17:30 Uhr, also haben wir keine Zeit für lange Lunches, und deshalb gibt es nur einen Oh Henry! Candy Bar, exakt den gleichen, den Sue Ellen Mischke, »the braless wonder«, in der Seinfeld-Episode »The Caddy« (7. Staffel, 12. Folge) in Jerrys Wohnung hinterlässt, also das Einwickelpapier, welches dann Jerry verrät, woraufhin folgender Dialog beginnt:

Kramer: I see. Yes. Little Miss Candy Bar paid a visit, didn’t she?
Jerry: Kramer, it is not what you think.
Kramer: Ahhhhh! I know what I think. I think you’re gaga over this dame. She’s twisted you around her little finger, and now, you’re willing to sell me, and Elaine, and whoever else you have to, right down the river.
Jerry: And what about you! Tryin‘ to bilk an innocent bystander out of a family fortune, built on sweat and toil, manufacturing quality Oh Henry! candy bars, for honest, hard-working Americans!
Kramer: You’re just out for sex!
Jerry: You’re just out for money!
Kramer and Jerry (together): Ahhhhh!

Die erdnussigen Riegel schmecken übrigens super, besser als Snickers, und als ich zu San Andi sage, dass ich mir davon einen Koffer mitnehmen werde, sagt er, dass ich dann auf komische Fragen der Zollbeamten sagen kann: »This is my Oh Henry! Candy Bar Fortune«, hehe.

Im Met rennen wir dann so schnell es geht zum »Sokrates«-Bild von David. Wir wünschten, Sébastien2000 wäre bei uns, der beste aller Speed Guides, oder dass wir wenigstens diese hässlichen, aber bequemen MBT-Schuhe tragen würden, die wir in Rom getestet haben. Im Zuge der Finanzkrise hat aber auch Sébastien2000 zu kämpfen, wie er per E-Mail mitteilt, macht er im Augenblick deutlich weniger Touren.

Sokrates sitzt auf dem Bett, und einer seiner Schüler reicht ihm den Schierlingsbecher. Der Becherüberreicher und auch die anderen Schüler befinden sich in dramatischen Posen der Fassungslosigkeit. Angeblich soll Sokrates am Vorabend seines Todes noch Gedichte verfasst haben. Auf die Frage eines Schülers, wie er denn zu diesem Zeitpunkt anfangen könne, Gedichte zu schreiben, obwohl er das vorher noch nie getan habe, antwortete der weise Mann: »Wann soll ich es denn sonst machen«, oder so ähnlich. (Anekdote)

Ansonsten gibt es im Met irgendwie alles, ein Rausch, mehrere dieser frühen Caravaggios mit lüsternen Knaben, die er für den frivol-dekadenten Kardinal del Monte (für die Betonung des Namens bitte die Hughes-Doku kucken) anfertigte, und gleich fünf (von denen wir nur vier sehen) der 36 oder 37 bekannten Vermeer-Bilder.

Wir haben uns zeitlich völlig vertan, und weil wir hier und heute eh nicht mehr viel reißen können, verziehen wir uns auf die Dach­terrasse, auf der wir von einem dieser erzhässlichen Jeff-Koons-Ballonhunde begrüßt werden, dafür gibt es aber eine schöne Aussicht über den Central Park.

Und wenn ich endlich einen iPod hätte, würde ich jetzt »How fortunate the man with none« von Dead Can Dance hören, in dem Brendan Perry folgende Strophe singt:

You heard of honest Socrates
The man who never lied
They weren’t so grateful as you’d think
Instead the rulers fixed to have him tried
And handed him the poisoned drink
How honest was the people’s noble son
The world however didn’t wait
But soon observed what followed on
It’s honesty that brought him to that state
How fortunate the man with none

Abendessen in China Town, im Wo Hop, welches im Zagat (ohne den geht San Andreas nirgendwo mehr rein) als »the basement from hell« angekündigt wird, und außerdem wird eine Brücke zu Woody-Allen-Filmen geschlagen, die ich nicht verstehe, anyway, »the food is excellent«, steht auch im Zagat und stimmt, besonders die Fried Dumplings.


Babylon, BBQ und ein Éclair

New York, 2. November 2008, 05:07 | von Dique

Ankunft JFK. Fast eine Stunde an der Passkontrolle, Lektüre »Persian Fire« von Tom Holland:

»Immigrants, whether slaves and exiles or mercenaries and merchants, thronged the streets of Babylon – history’s first truly multicultural city. Even after the loss of her independence to Cyrus, she had remained the Near East’s supreme melting-pot, her streets filled with a thousand different tongues, the roaring of exotic animals and the flashing of strange birds …«

Dann endlich mit dem AirTrain nach Howard Beach und von dort mit der Metro nach Manhattan, dort treffe ich San Andreas an 42nd Street Ecke 8th Avenue. Gleich weiter in die Pharmacy auf der anderen Straßenseite, um mit Paracetamol versetzten Hustensaft gegen die anklingende Erkältung zu kaufen. Leider gibt es mein bevorzugtes All-in-One von Beechams nicht und ich beginne mich mit einem vergleichbaren Produkt zu kurieren.

Wir gehen dann ins Daisy May’s zum Abendessen, laut dem Zagat (den schleppt San Andreas tatsächlich mit sich rum) das beste BBQ in New York. Sehr einfacher Order-at-the-Counter-Laden, Pappteller und Plastikbesteck, und wir unterhalten uns über »The Graduate«, weil uns das Besteck daran erinnert, wie Ben (Dustin Hoffmann) vom Mann seiner zukünftigen Affäre, Mrs. Robinson, zur Seite genommen wird und dieser zu ihm sagt: »I want to say one word to you. Just one word.« Und nachdem Ben versichert hat, dass er zuhört, sagt er: »Plastics.«

Es gibt dann Ribs, Beef Brisket und vier Side Dishes (Sweet Potato Mash, Creamy Spinach, Dirty Cajun Rice und Corn with Cheese). Die Ribs sind in der Tat ausgezeichnet, das Brisket kommt unerwartet in sehr kleinen Stücken, und wir fragen uns, ob wir vielleicht falsch bestellt haben.

In der New York Times schrieb neulich Holland Cotter in seinem Artikel »A Banquet of World Art, 30 Years in the Making« über den scheidenden Met-Kurator Philippe de Montebello und eine Ausstellung von 300 Werken, die unter seiner Ägide eingekauft wurden, 300 von 84,000(!), die er in dieser Zeit absegnete:

»The 300 objects in the show represent a tiny fraction, and a madly eclectic one. Chinese scrolls, Greek vessels, Oceanic effigies and an 18th-century American pickle holder share the spotlight, with no object privileged as better – grander, rarer, prettier – than any other. This is a wonder-cabinet situation, an exercise in proprietorial pride, an unabashed, if surprisingly low-key, display of fabulousness.«

Darauf freuen wir uns dann morgen, jetzt noch schnell irgendwo in der Nähe auf Kaffee und Éclair und ab ins Bett.


Knigge und die Filmpiraterie

Konstanz, 1. November 2008, 17:41 | von Marcuccio

Manche meinen ja, das »Baader-Meinhof-Ärgernis«

»fängt schon mit dem Vorspann an. Dort wird man als zahlender Kunde erstmal wieder eingeschüchtert und mit Gefängnis bedroht, weil man ja theoretisch diesen Superdupi Film abfilmen und im Internet anbieten könnte. (…) Das ist genauso frech wie diese nicht vorspulbaren Spots auf Kauf-DVDs, in denen mehrere Jahre Knast angedroht werden, wenn man diese DVD jemals auch nur im Ansatz kopieren sollte. Als zahlender Kunde muss ich mich erstmal einschüchtern lassen?«

Nein, und deswegen kann man schon mal festhalten: Diese Angriffsrhetorik gehört zu den nervigsten neueren Film-Paratexten überhaupt.

Ginge der Pirateriehinweis nicht auch anders? Höflicher, stilvoller, umgänglicher? Vielleicht so wie gestern, im Kino.

Noch läuft die Eiswerbung. Dann geht das Licht wieder an, damit auch alle im Hellen auf den Eisverkäufer warten können. Jede Minute Verspätung ein Eis weniger, sage ich immer.

Neben mir kramt Palma ihre neueste Errungenschaft raus. Adolph Freiherr von Knigge: »Über den Umgang mit Menschen«.

»Eure Cover-Version unseres Libro del Cortegiano. Aus einem italienischen Epochenwerk für den Adel wurde eine deutsche Stilfibel für das Bürgertum.«

(Woher kennt sie eigentlich das Wort Stilfibel? Egal.)

Ich halte dagegen, dass zwischen Castiglione und Knigge immerhin 260 Jahre und eine Aufklärung liegen. Trotzdem: irgendwie ein Missverständnis, dass Knigge zum Knigge für Tischregeln und Kleiderkonventionen verkam … Übrigens sagt Palma tatsächlich »Njiddsche«. Wie eine Mischung aus »Gnocchi« und »Dittsche«.

Der Eisverkäufer ist im Saal (endlich!). Während tatsächlich noch was gekauft wird, flüstert mir Palma den Knigge ein. Über den Umgang mit Frauen. Über den Umgang mit Juden. Mit Geistlichen. Mit Gelehrten, Künstlern und Kaufleuten. Mit Fürsten, Vornehmen und Reichen. Mit Bauern, mit Tieren, mit »sich selbst« … und – das scheint gerade jetzt, wo das Licht runterdimmt und der Film endlich losgeht, angebracht: Über den Umgang mit Raubkopierern:

»Einige meiner Schriften sind in Wien und Leipzig nachgedruckt worden; sollte einer von der berüchtigten Zunft etwa auch auf dies Büchelchen eine korsarische Unternehmung von der Art wagen wollen, so dient demselben die Nachricht, daß alle Vorkehrungen getroffen sind, den Schaden eines solchen Diebstahls auf den Räuber fallen zu machen.«

Der Witz ist, dass Adolph Freiherr von Knigge das vor 220 Jahren schrieb (»Hannover, im Jänner 1788«). Am besten wir Kinogänger machen jetzt auch eine korsarische Unternehmung und projizieren den Satz mit unserem Handy-Beamer so lange an die Kinoleinwand, bis die Branche spannendere Urheberrechtshinweise textet.


Thomas Buddenbrook zur Finanzkrise:
»Wenn alles schon wieder abwärts geht …«

Konstanz, 30. Oktober 2008, 22:31 | von Marcuccio

20 Jahre später als Daniel Kehlmann lese ich dann auch endlich mal die »Buddenbrooks«, halb inspiriert von Kehlmanns Rede, halb getrieben von Panik, den Buddenbrooks womöglich alsbald unvorbereitet im deutschen Fernsehfilm-Kino zu begegnen.

Und es ist jetzt natürlich Zufall (oder doch Fügung? nein, einfach nur banal!), dass ich just heute auf Seite 431 angelangt bin: Das ist gut die Mitte in der Fischer-Taschenbuchausgabe von November 1996 (812.-836. Tausend) und zugleich der Punkt, wo Tom Buddenbrook eigentlich alles hat: einen Stammhalter, einen Posten im Senat, ein neues Haus. Allein …

»Ich weiß, daß oft die äußeren, sichtbarlichen und greifbaren Zeichen und Symbole des Glückes und Aufstieges erst erscheinen, wenn in Wahrheit alles schon wieder abwärts geht. Diese äußeren Zeichen brauchen Zeit, anzukommen, wie das Licht eines solchen Sternes dort oben, von dem wir nicht wissen, ob er nicht schon im Erlöschen begriffen, nicht schon erloschen ist, wenn er am hellsten strahlt …«

Was Tom da zu seiner Schwester Tony sagt, lässt nicht nur weiter großepische Niedergangsdiagnostik (»Verfall einer Familie«) erwarten. Es liest sich irgendwie auch wie eine Miszelle zu den rekordniedrigen Arbeitslosenzahlen inmitten der globalen Finanzkrise.