Archiv des Themenkreises ›Buchbuch‹


Der Eisenbahner Christian Kracht

Konstanz, 11. Dezember 2008, 18:00 | von Marcuccio

Ich kann es ja immer noch nicht glauben, aber angeblich macht die nächste Nummer der Zeitschrift »Loki« mit Christian Kracht auf. Irgend so ein Freak von den Schweizer Modellbahnfreunden scheint nämlich Krachts letzten Roman nachgebaut zu haben. Also die ganze Kulisse der Schweizerischen Sowjet-Republik (S.S.R.), mit Neu-Bern, Meiringen, beleuchtetem Réduit, e tutti quanti. Im selben Zusammenhang war irgendwo auch die Rede von einer Kracht-Lesung in der SWR-Sendung »Eisenbahn-Romantik«.

Also: Ist Kracht, unser Christian Kracht, in Wahrheit ein Fetisch-Künstler für die Szene? Haben wir da irgendwas verpasst? Der Umblätterer hat einmal nachgecheckt, was an den Gerüchten dran ist und wer denn da wie auf seine Kosten kommt:

Kracht für –

    – Modellbahnbauer
    – Streckenwärter
    – Bergbahnfahrer
    – Eisenbahn-Ethnografen
    – Anschlussreisende

*

Kracht für Modellbahnbauer

Man kann sagen, was man will, aber »Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten« ist durch und durch eisenbahnsemantisch codiert. Schon die Ausgangskonstellation: »Stell dir vor, Lenin hätte den Zug verpasst …« Und gleich auf den ersten Seiten wird klar, dass Kracht hier nicht einfach eine Gegenwelt, sondern ein Modellbau-Spektakel par excellence zelebriert:

»Der Weg zum Bahnhof schien jeden Morgen wie eine Theaterkulisse, erst ging es an mit Rauhreif überzogenen Wellblechhütten vorbei, dann kam ein Gatter, Bäume, immer wieder schwarze Vögel, die gerade so aufflatterten, als ziehe sie ein unsichtbarer Bühnenmeister an einem Bindfaden durch die Szenerie.« (S. 13)

Spielt da einer Hitchcock im H0-Maßstab? Auch später im Buch wirken die Häuser immer so, als ob »die jemand dort hingeschoben oder -gezogen hatte«. Und interessanterweise baut die S.S.R. nicht aus Glas & Stahl, sondern aus »Glas & Eisen, modern und vor allem mit menschlichen Zügen und Proportionen« (S. 26).

Schließlich wird klar, dass das hier alles Teil einer großen Vision für große Jungs ist, die sich zum Spielen am liebsten in ihren Hobbykeller (vulgo: Réduit) zurückziehen.

»Über den neuen Ring, Eidgenosse, (…) wird eine silberne Schienenbahn fahren, rund um die Uhr. Und am Steuer werden unsere zuverlässigen Bruder-Freunde sitzen, sie werden jedem Fahrgast salutieren.« (S. 27)

Salutierende Bruder-Freunde am Steuer? Schaut ganz so, als ob auch Krachts Modellbahnwelt den Beresina-Alarm kennt. Wie überhaupt so manche Elemente aus dem Film »Beresina oder die letzten Tage der Schweiz« die S.S.R.-Deko stellen: Sowohl die Wegzeiten-Beschilderung aus dem Réduit-Stollen wie auch die Jagdhütte hat Kracht – Modellbahnerehre! – filigran eingearbeitet. Vielleicht hätten sich Scheck und Kracht neulich – statt in einer Kaverne der Kölner Kanalisation – also auch gut unter den Kulissen des Hamburger MiWuLa gemacht.

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Kracht für Streckenwärter

Schon »Faserland« war – trotz HaFraBa – ganz schön eisenbahnig. Und zwar nicht nur in Form des berühmt-berüchtigten Bord-Bistros, an das jetzt alle denken, mit Recht denken. Da war vor allem auch das Ding mit der Eisenbahn-Hochbrücke, von der die Exkremente runterplumpsen, weil die Zugklos ja früher wirklich offen auf die Strecke entleerten. Was das für darunterliegende Häuser und Gärten bedeutet hat, lässt dieser YouTube-Clip erahnen.

Jedenfalls: Die Fahrt von Sylt nach Hamburg verbringt der Ich-Erzähler weitgehend auf der Zugtoilette, und da fällt ihm ein, mal gelesen zu haben, »daß sich irgendwelche Menschen bei Kassel immer beschwert haben, wenn der Zug über eine hohe Eisenbahnbrücke fuhr«. Klar: Exkremente, eklig, Beuys, Kassel – die Assoziationskette passt. Aber, liebe Eisenbahnfreunde, noch mal zum Mitschreiben: Da rattert der »Faserland«-Erzähler zwar hinter »Blindglas« (Kracht, der alte Fuchs!), aber doch wohl mit der Marschbahn über den Nord-Ostsee-Kanal und faselt was von irgendeiner hohen Eisenbahnbrücke bei Kassel!? Für einen Hagen von Ortloff muss diese Form von Streckenblindheit die gleiche »parsifalhafte Unwissenheit« haben wie für Martin Hielscher die Tatsache, dass der »Faserland«-Held Walther von der Vogelweide und Bernhard von Clairvaux als mittelalterliche Maler bezeichnet.

(Vgl. Martin Hielscher: Pop im Umerziehungslager. Der Weg des Christian Kracht. Ein Versuch. In: Johannes Pankau (Hg.): Pop Pop Populär. Popliteratur und Jugendkultur. Oldenburg: Aschenbeck & Isensee 2004, S. 105.)

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Kracht für Bergbahnfahrer

Eisenbahnsemantisch legt Krachts S.S.R. im Vergleich zu »Faserland« noch mal deutlich eins drauf, und zwar nicht nur wegen der »Kaliber-52-Krupp-Schienengeschütze« (S. 105). Das ganze Réduit ist im Grunde nichts anderes als eine bombastische Bahnanlage, »hunderttausend Werst unterirdische Schienen (…), soviel wie zweimal um den gesamten Erdball« (S. 60).

Es sind, notabene, auch nicht irgendwelche Schienen im Réduit verlegt, sondern »die Schienenstränge einer Schmalspurbahn« (S. 100). Man fährt auf »Loren« durch lange Stollen und »mit eisernen Fahrstühlen, die wie Käfige an Stahlseilen befestigt waren, tiefe Schächte hinab« (S. 104).

Die Lieblingsszene aller Bergbahnfahrer ist natürlich die, wo der Aufzug steckenbleibt und ein junger Soldat (»es war ein Welscher«) so dermaßen Schiss hat, dass er dem schwarzen Kommissär blaue Flecken in den Arm kneift. Dass Welsche in dem Buch Rassisten sind, die ihrerseits dem Rassismus der Deutschschweizer ausgesetzt sind (»Die Welschen waren einfach nicht zu erziehen!«), ist eine Nebenstrecke des Romans und natürlich mal wieder Kracht, krachtiger geht’s nicht. Dass sich in steckengebliebenen Aufzügen zeigt, was ein echter Schweizer ist, findet wie Kracht übrigens auch Sibylle Berg, weswegen ihr NZZ-Text »In der Standseilbahn« ein ganz wunderbarer Stellenkommentar zu dieser Szene ist.

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Kracht für Eisenbahn-Ethnografen

Wie jede Fantasy spiegelt sich auch Krachts S.S.R. auf Schienen an Vorbildern aus der Wirklichkeit. NEAT-Feeling weht durch die »pneumatischen Tunnelbahnen, gigantische, sich in der von knisternder Elekrizität erhellten Dunkelheit kreuzende Netze. Von Basel bis Mailand in nur sieben Stunden.« (S. 27).

Zum zivilisatorischen Netz, das die Schweizer »mit manischer Effizienz« über Ostafrika legen, gehören neben – natürlich! – Eisenbahnstrecken (S. 76f.) auch »Militärakademien, um die Afrikaner zu Soldaten zu machen und damit den gerechten Krieg, der in der Heimat wütet, endlich zu gewinnen«.

Auf alle möglichen literarischen Matritzen des neuen Kracht-Buchs wurden und werden wir ja aufmerksam gemacht. Aber kein Hinweis, nirgends, auf Isolde Schaads »Knowhow am Kilimandscharo«. Wenn Krachts »Oktoberhaut« kein Pendant zu Schaads »Fitness-Bräune« ist, dann weiß ich auch nicht. Warum reagieren die Schweizer überhaupt so diskret auf das Buch? Oder nimmt man Kracht-Interviews (»Keine Satire«) neuerdings ernst?

*

Kracht für Anschlussreisende

Einen seiner Höhepunkte nimmt das Kracht’sche Eisenbahnepos, als sich der afrikanische Ich-Erzähler an die wohl wichtigste Station seiner Ausbildung erinnert: eine Manöverübung, »die uns nicht nur die Wetterverhältnisse in der Schweiz simulieren, sondern auch die Metaphysik unseres neuen Vaterlandes näherbringen sollte« (S. 61f.).

Es geht zum Kilimandscharo. Aber wie! Jeder, der schon mal (once in a lifetime!) den Klassiker aufs Jungfraujoch gefahren ist (also: mit dem ICE bis Interlaken, der BOB bis Wengen, der Wengernalpbahn bis zur Kleinen Scheidegg und von dort mit der Jungfraubahn), versteht, warum Kracht die Episode so und nicht anders schildert:

»Wir bestiegen für den ersten Teil der Strecke einen Zug (…).«

Dann ist Umsteigen angesagt:

»Aus den offenen Waggons des Eisenbahnzugs ausgeladen, hatten wir kaum am Rand der Gleise unter der afrikanischen Sonne ein wenig rasten können, als ein junger schweizerischer Korporal uns schon zu einem Nebengleis führte, auf dem eine Draisine stand. Hinauf!«

Kürzeste Umsteigezeiten und immer perfekter Anschluss. Ein Swiss Travel System wie es im Buche steht. Der immer näher rückende Gipfel des Kilimandscharo dient dann unter anderem dazu, schon mal so Dinge wie das Alpenglühen aushalten zu lernen. Dann ist Endstation in Schweizerisch-Afrika: »Die Draisine wurde am Bahnhof von Moschi ordentlich auf ein Abstellgleis gefahren«, und wo es helvetisch zugeht, darf eben auch dieses Ritual bahnpostlicher Infrastruktur nicht fehlen: »wir meldeten uns alsbald beim Stationskommandanten, lieferten den mitgebrachten Postsack aus dem Nyasaland ab«.

Fantastisch! Also, ich würde mal sagen, mehr Persiflage auf die Choreografie der Schweiz geht gar nicht.

*


Niklas Maak und Werner Spies (und Baudelaire)

Dresden, 10. Dezember 2008, 08:02 | von Paco

Immer noch in Dresden. Schon seit Donnerstag (4. 12.), weil es da im Lipsiusbau eine Sternstunde des Feuilletons gab: Niklas Maak unterhielt sich mit Werner Spies, offiziell über dessen 10-bändige Werkausgabe »Auge und Wort«. Vor Ort ging es aber gar nicht um die Bände, stattdessen wurde es ein Anekdotenspektakel, bei dem glücklicherweise Publikum zugelassen war.

Maak kam etwas später, Stau auf der Autobahn, ein Kleinlaster sei umgekippt, offenbar genau der, der die erste Ladung Backsteine für das Berliner Stadtschloss bringen sollte. Vielleicht ist das ganze Schloss-Projekt also doch wieder gefährdet, hehe.

Das Gute an dem Gespräch war, dass es eben nicht um Frage und Antwort ging. Sie hauten sich die Taschen voll, im allerherr­lichsten Sinn. Spies hatte von Begegnungen mit Picasso erzählt, als Parallelaktion sprach dann Maak noch einmal über seinen Besuch bei Cy Twombly in dessen Festung aus mehreren zusammen­gewachsenen Häusern über der Küstenstadt Gaeta. Vor knapp 4 Jahren hatte er dieses Ereignis bereits schriftlich für die FAS rekapituliert (23. 1. 2005), damals allerdings noch in der unpersönlichen »wir«-Form. Die Nacherzählung legendärer Feuilleton-Artikel durch den Autor selbst ist ganz sicher der nächste große Erschließungskomplex im Zuge der aktuellen Blog-/Vlog-Offensive der FAZ.

Was sonst noch geschah:

Spies über Kahnweiler, der ihn immer vor Max Ernst gewarnt hatte.

Spies über den alten Picasso, der mal einen Kreis für ihn malte, als Beweis seiner Zurechnungsfähigkeit.

Spies über Breton & Co. und wie sie Sigmund Freud falsch verstanden.

Spies über Beckett, wie dieser einmal am Hölderlinturm Hölderlin rezitierte (die Köpfe des Publikums legten sich träumerisch schräg).

Spies über das hinter ihm hängende Gursky-Foto, das er mit Altdorfers »Alexanderschlacht« verglich, sicher die bleibendste Aussage an diesem Abend.

Und dann bezeichneten sich beide noch gegenseitig als Lieblingskollegen bei der FAZ, so also ist das.

Ich torkelte mit Millek aus dem steinsichtigen Kellergewölbe, und noch völlig frankophilisiert feierten wir, kitschig wie der rezitierende Beckett am Hölderlinturm, mit völlig unhaltbaren Argumenten verschiedene Baudelaire-Phrasen, bis sie uns zum Halse rauskamen.

Auf einmal wurde uns klar, was für ein schlechter Dichter Baudelaire doch war, zum Beispiel die Idee, Albatrosse als »vastes oiseaux de mer« zu bezeichnen. Was sollen denn »vastes oiseaux« sein? Warum nicht einfach »grands«? Ein missglückter Poetisierungs­versuch par excellence. Und so ging es weiter.

Das fiel mir gerade wieder ein, und es war natürlich grober Unsinn, was wir da zum Thema aufgeblasene Lyrik verbrochen haben. Natürlich ersetzt Baudelaire nicht »grands« durch »vastes«, sondern verschiebt das normalerweise auf »mer« bezogene Attribut und bezieht es auf »oiseaux«. Die »mer« ist mächtig »vaste«, ergo sind es auch die Vögel.

Überhaupt ist die französische »mer« im Allgemeinen dergestalt »vaste«, dass der französische Strindberg-Übersetzer es für nötig gehalten hat, den eher schlichten Titel »I Havsbandet« mit »Au bord de la vaste mer« zu übertragen. Es ist schließlich nicht von irgendeiner Pfütze die Rede, sondern von der vâââste mer.

Ob das abgedroschene Bild bei Baudelaire durch die Erkenntnis des selber auch reichlich abgedroschenen Tricks irgend besser wird, keine Ahnung. Wäre vielleicht eine gute Publikumsfrage für Werner Spies gewesen. Stattdessen hatte nämlich ein beschwingter Heimatmensch lieber gefragt: »Herr Spies, wie sehen Sie Dresden heute?«

Usw.


Die Wahrheit über Joachim Lottmann

Dresden, 8. Dezember 2008, 10:30 | von Paco

Die sicherste Weise, einen Stammplatz in der Literaturgeschichte abzukriegen, ist, sich mit allen Mitteln unumkehrbar mit dem Namen des größten lebenden Dichters aller Zeiten zu verknüpfen. Früher schrieb man irgendeinen belanglosen Brief an Goethe – dann wird man noch hunderte Jahre später mindestens in einer Regestausgabe namentlich erwähnt. Und, anderes Beispiel, Karl Ludwig Sand hat Kotzebue ermordet – das reicht immer noch für jedes mittlere literaturgeschichtliche Kompendium. Usw.

Und Joachim Lottmann hat als Erster überhaupt erkannt, dass Rainald Goetz, zumindest in den Jahren 2001 bis 2006, in denen er durch Nichtveröffentlichung hervortrat (ein performativer Akt, der unbedingt zum Œuvre zu rechnen ist), der Goethe unserer Zeit war. Schon vorher hatte Lottmann kaum einen Text geschrieben, ohne Goetz zu erwähnen, und das setzte er systematisch fort (zuletzt hier, hier, hier). Es hat ganz sicher funktioniert: Keine Literaturgeschichte wird je über Goetz sprechen können, ohne »Die Goetz-Rezeption bei Joachim Lottmann« unerwähnt zu lassen.

Doch dann passierte etwas. Unabhängig davon war Lottmann so eine Art guter Schriftsteller geworden, einige sagen sogar: sehr guter. Dabei hatte ihn die »Literarische Welt« ihren Lesern noch im Jahr 2003 als »Jürgen Lottmann« vorgestellt (und sich dafür entschuldigt). Die Namensvariante scheint sich allerdings langsam durchzusetzen (DeutschlandRadio Berlin, literaturkritik.de, Tivoli-Blog und noch mal die »Welt«) und zur Popularität des Autors beizutragen.

Denn spätestens seit 2004, 2005 oder 2006 wird Lottmann – vorerst noch in nicht-öffentlichen Gremien – der Klassikerstatus zugesprochen. Und Goetz musste das mitbekommen haben. Nachdem er Lottmann in »Abfall für alle« (1998/99) nur kurz und relativ negativ erwähnt hatte, kam er nun in seinem Vanity-Fair-Projekt »Klage« (2007/08) mehrfach auf ihn zu sprechen. Jedes Lottmann-Kapitel in jeder durchschnittlichen Literaturgeschichte wird nun umgekehrt auch Goetz mit nennen müssen, als Teilnehmer an der »Frühgeschichte der Lottmann-Rezeption in Europa«.

Doch dabei bleibt es nicht. In diesen Wochen und Monaten, wir alle spüren es, ist einer dieser schwer erklärbaren literaturgeschicht­lichen Synergieeffekte am Werk.

Goethe und Schiller. Grass und Walser. Goetz und Lottmann.


»Der Cortez«

London, 30. November 2008, 23:42 | von Dique

San Andreas lässt uns immer noch warten auf die erste weblogtaugliche Werkmonografie der Coen-Brüder. Also weiter mit den Überbrückungstexten, heute geht es um Leo Perutz, gerade gelesen, den ersten Roman, »Die dritte Kugel« (1915). Wenn man Tucholsky und der Blogosphäre glaubt, ist es ein »hübsches« und »nettes« Buch, zudem ist es auch noch, soviel nehme ich vorweg, ein wunderbares Buch.

Es passt fast schon wieder in die Alternate-History-Richtung, wenn auch nicht ganz. Es geht um ein paar Deutsche, welche schon vor Cortez im Aztekenland herumlungern. Sie werden vom Wildgrafen zu Grumbach geführt und balgen sich da mit den Konquistadoren. Sehr bizarr, wie diese Deutschen dort auf einer Bergkuppe verschanzt von Cortez belagert werden. Allein die Namen der deutschen Bauern, denn es sind Bauern, die mit dem Grumbach von Deutschland in die Neue Welt gezogen sind, haben einen wunderbaren Klang: Mathias Hundt, Peter Dillkraut, Stephan Eberlein, Melchior Jäcklein und noch einige mehr.

Historisch gesehen ist es der letzte Rastplatz der Eroberer vor dem Einmarsch in Tenochtitlán, der von Wasser umgebenen Hauptstadt der Azteken. Und just hier hat Perutz den Grumbach hingestellt, welcher den Spaniern das Leben schwer macht und das nicht mal wegen irgendwelchem Gold. Das Ganze hat auch eine magische Ebene, nicht nur weil der Grumbach in seiner Hütte den Teufel heraufbeschwört. Borges war übrigens auch Perutz-Fan oder hat ihn zumindest gelesen.

Perutz wählt eine historisierende Sprache, schreibt zum Beispiel ständig von Arkebusen statt Gewehren, und die Personen werden immer mit Artikel geführt, also »der Cortez« oder »der d’Olio« und natürlich »der Grumbach«. Das liest sich dann so:

»Thonges hol deine Klotzgeigen! Lienhard, sollst blasen auf deiner Sackpfeif‘, ich will dazu die Trommel schlagen. Jetzt springt und werft die Beine in die Höh‘, dass euch das Stroh aus den Stiefeln fliegt!« Und der Grumbach fand einen dicken Prügel in einem Winkel der Stuben, mit dem begann er wild auf einen von den tönernen Weinkrügen loszuschlagen, als hätt‘ er eine Trommel zwischen den Beinen.

Das ist alles sehr, sehr gut und, wie gesagt, wunderbar.

Erst kürzlich las ich die Rowohlt-Mono über den Cortés. Der hatte ja eine indianische Übersetzerin, welche auch seine Geliebte war, La Malinche, die eigentlich Malintzin geheißen hat. Bei Perutz kommt sie leider nicht vor, aber es gibt eine ähnliche Figur, eine junge Indianerin, Dalila, welche von Grumbach mitgeführt wird, allerdings nicht zum Dolmetschen, und wie man erfährt, kann der Grumbach die Sprache einigermaßen, denn er befindet sich schon seit zwei Jahren bei den Azteken.

Ohne die Hilfe der Malinche hätte Cortez sicher niemals die Stämme gegeneinander ausspielen können. Angeblich haben einige Indianer den Cortés sogar ›Captain Malintzin‹ genannt. La Malinche gebar dem Cortés übrigens einen Sohn, heiratete aber irgendwann einen anderen Spanier aus seiner Mannschaft und ward nie mehr gesehen.

Es bleibt spannend.


Journalistische Interpunktion:
Kleist-Sätze und Satz-Kleister

Konstanz, 22. November 2008, 10:01 | von Marcuccio

Ein seit jeher praktischer RSS-Feed ist ja der so genannte »Blick in die Zeitschriften«. Neulich (FAZ vom 4. 11.) blickte Thomas Gross da in die Zeitschrift »Deutsche Sprache«, seine Überschrift:

Lesernähe. Durch Brüche!
Das sogenannte »parataktische« Schreiben nimmt zu.

Ich als Aficionado aller Leser-Blatt-Bindungen natürlich sofort angeteast … Mein Leserbriefgedächtnis schlug ein paar Purzelbäume, und dann war er wieder da, der legendäre Leserbrief »zur Grammatik in der FAS« (26. 6. 2005):

»Es fällt mir unangenehm auf. Daß in mehr und mehr Artikeln. Auch Ihres Blattes. Keine korrekten Sätze. Stehen, mit Subjekt, Prädikat, Objekt. Sondern Punkte. Regellos gesetzt werden. Ein Kniefall. Vor der Reklamesprache. Jetzt aber. Punkt!«

Keine Ahnung, ob Britt-Marie Schuster dieses formvollendete Traktat kannte. Auf jeden Fall hat sie – und darauf wies Gross‘ FAZ-Artikel hin – eben diese interessante Studie verfasst: Sie hat am Bsp. von »Spiegel«, »Zeit« & »stern« mal lingistisch untersucht, was Printjournalisten so alles anstellen, um Nebensätze zu vermeiden. Die gliedern ihre Sätze nämlich anders als früher, zum Beispiel so:

»Sie hat es geschafft, doch noch: Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland – die erste Frau, die nach oben durchgekommen ist.« (stern 48/2006, S. 29)

Die Interpunktion (»:«, »–«) übernimmt den Part, Satzteile zusammenzuhalten ohne sie syntaktisch unterzuordnen. Sie funktioniert also wie ein Nebensatz-Vermeidungsmechanismus, ein Satzkleister, der syntaktische Abhängigkeiten durch Gedanken­striche, Doppelpunkte usw. nivelliert. Für Gross haben die so instrumentalisierten Satzzeichen aber auch noch eine andere Wirkung:

»Sie rhythmisieren, heben etwas hervor, beziehen es auf ungewohnte Art auf andere Satzglieder und unterstützen den Dialog mit dem Leser, den der Text eröffnet.«

In diesem Sinne hat auch Gross alles richtig gemacht. Er eröffnete seinen FAZ-Beitrag nämlich gleich mal mit einem Zitat von Kleist (»Die heilige Cäcilie oder die Gewalt der Musik«):

»Auf die Antwort der jungen Klosterschwester: ja! sie erinnere sich davon gehört zu haben, und es pflege seitdem, wenn man es nicht brauche, im Zimmer der hochwürdigsten Frau zu liegen: stand, lebhaft erschüttert, die Frau auf, und stellte sich, von mancherlei Gedanken durchkreuzt, vor den Pult.«

Und hier ist exzessive Interpunktion natürlich nichts anderes als jener Kunstgriff, der Kleists Prosa so herrlich dramatisiert. Mit ihrer Dynamisierung von Schriftsprache haben Kleist-Sätze und moderne Medientexte mehr gemeinsam als man gemeinhin denkt.


Nach dem Krieg

London, 21. November 2008, 13:22 | von Dique

Keiner hatte mehr damit gerechnet, aber Pacos »Aspects of Die Wohlgesinnten« hat jetzt nach 10 Teilen doch noch ein Ende gefunden. Passend dazu lese ich gerade endlich Dicks »The Man in the High Castle«, und da gibt es ja das alternative history book (»The Grasshopper Lies Heavy«) im alternative history book, in dem jemand beschreibt, wie die Welt wäre, wenn denn die Deutschen nicht den Krieg gewonnen hätten. Darauf sagt dann irgendein Ami (Wyndam-Matson) zu seiner Freundin, die von dem Buch begeistert ist:

No strategy on earth could have
defeated Erwin Rommel.

Doch eigentlich inspirierte mich zur Lektüre des Buches der letzte Roman von Christian Kracht, denn das Reduit ist ja wohl das High Castle der High Castles.

Den immer noch aktuellen »Spiegel« (47/2008) habe ich auch noch gelesen, gleich zuerst die Titelstory über die Weltkrise. Das Gute ist, dass dieser Titel das beste Zeichen dafür ist, dass die Krise bald vorbei ist. Denn auf den großen Ausbruch von Ebola warte ich auch schon seit Anfang der 90er, und nach den damaligen »Spiegel«-Artikeln zu urteilen, war es nur eine Frage von Monaten, hehe, also bleibt dieses Mal hoffentlich auch der richtig große Crash, der noch kommt, aus.

Dann habe ich diese Woche tatsächlich noch ein paar Fantômas-Filme gekuckt, aber lange hält man das nicht aus.

Dann noch den neuen Bond. Daniel Craig ist der schlechteste Bond ever, der Beckham-Bond oder einfach Proll-Bond, ohne Witz, ohne Charme und ohne Bond, der ganze Film erscheint wie ein ultra-schlechter Teil der »Bourne«-Reihe. Da sind auch noch die letzten Bond-Elemente herausgewaschen worden.

Dann war ich eben noch in der neuen Ausstellung der National Gallery, »Renaissance Faces: Van Eyck to Titian«. Das ist ein bisschen ein Nepp, weil zwei Drittel der Bilder eh in der NG hängen, aber wie schreibt Brian Sewell richtig in seiner ES-Kolumne:

no matter how many times we have all paused to examine Holbein’s Ambassadors and Jan Van Eyck’s Mr and Mrs Arnolfini with Fido at their Feet, we shall still find something in them.

Natürlich gibt es auch ein paar neue Stücke zu sehen, einen ganz neuen Pontormo zum Beispiel, sehr schönes Ding und schaffte es auf das Cover des aktuellen »Burlington Magazines«. Und dann noch, wenn auch nicht neu, mal wieder das vermeintliche Eyck-Selbstportrait mit rotem Turban. Der Turban ist einfach mal der Wahnsinn, das Bild hängt ja auch offiziell in der NG, und ich kenne es ganz gut, aber heute habe ich einfach diesen Turban gefeiert.

Dann noch »Headlong« von Michael Frayn zu Ende gelesen und für gut befunden, die letzten 400 Seiten des 400-seitigen Buches las ich nahezu in einem Rutsch. Ein Roman über einen Typen, der einen Bruegel findet oder vielleicht auch nicht, jedenfalls tief in das Thema eindringt, und damit bekommt diese Fiktion einen breiten sachbuchigen Hintergrund über niederländische Malerei und natürlich Bruegel im Besonderen.

Das Buch ordnet sich wunderbar ein zwischen Philip Moulds »Sleepers« und Jonathan Harrs »The Lost Painting«, den beiden anderen großen Büchern über die Lust am Finden verschollener Altmeistergemälde.

Usw.


Über »Die Wohlgesinnten« (Teil 10 und Schluss):
Der Muttermord und der erste Satz des Romans

Leipzig, 20. November 2008, 07:50 | von Paco

»Die Wohlgesinnten« beschreiben insgesamt eine Verschiebung des Verdrängungsphänomens bezüglich des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust. Max Aue verdrängt eben nicht den Holocaust, seine Verstrickung, seine Verantwortlichkeit. Die erinnert und rechtfertigt er sehr dezidiert. Was er verdrängt, ist etwas anderes: seine Familientragödie, die nicht unmittelbar mit dem Kriegsgeschehen zu tun hat.

Auf der Ebene des Textes wird nicht ganz explizit, dass Max nun tatsächlich seine Mutter und Moreau, ihren neuen Ehemann, umgebracht hat. Das liegt daran, dass sich der Ich-Erzähler zum entscheidenden Zeitpunkt in einem Delirium der Verdrängung befindet.

Wer aber soll sonst der Mörder gewesen sein? Schon diese rhetorische Frage genügt unter Umständen zur Begründung. Aber auch eine genaue Textbetrachtung lässt keinen Zweifel übrig.

Nachdem er in Paris in einem Spiegel das Gesicht seiner Mutter imaginiert, der »läufigen Hündin« (S. 720), beschließt Aue, sie und ihren neuen Mann in Antibes zu besuchen:

»Mein panisches, kopfloses Denken hatte sich in den altbekannten heimtückischen Mörder verwandelt; (…). Schließlich ließ sich ein Gedanke fassen: Ich betrachtete ihn mit Abscheu, aber da kein anderer seinen Platz einnehmen wollte, musste ich ihm schließlich sein Recht zugestehen.« (S. 720)

« Ma pensée emballée, affolée, s’était muée en vieil assassin sournois ; (…). Enfin, une pensée se laissa saisir : je la contemplai avec dégoût, mais comme aucune autre ne voulait venir prendre sa place, je dus bien lui accorder son dû. » (pp. 735-736)

Welcher »Gedanke« das ist, wird schnell klar. Dabei wird er in Antibes willkommen geheißen, und obwohl er seine Animositäten sorgfältig pflegt, scheint es zunächst ein ganz normaler Besuch zu werden.

Nachdem Aue allerdings aus einem seltsamen Schlaf erwacht (S. 740), findet er seine Mutter und Moreau tot auf. Er rätselt, wer der Mörder sein könnte, verdrängt dabei aber, dass alles, wirklich alles dafür spricht, dass er es selber gewesen ist, der »altbekannte heimtückische Mörder«. Unmittelbar vor der Tat hatte Aue seinen Aufenthalt in Antibes rekapituliert, seinen Erinnerungsfilm an die familiäre Leidenszeit,

»und ich sagte mir, dass ich gesehen hätte, weswegen ich gekommen sei, auch wenn ich nicht genau sagen konnte, was das war; ich dachte schon an Abreise.« (S. 739)

« et je me dis que j’avais vu ce que j’étais venu voir, même si je ne savais toujours pas ce que c’était ; déjà, je songeais à partir. » (p. 755)

Er war also gekommen, um seine Mutter und Moreau zu sehen, das Defizit des verlorenen Vaters, den Verrat der Mutter zu spüren und dann zur Tat zu schreiten. Littell zelebriert hier überdeutlich den Bezug zur Orestie, deren Strukturvorbild er ja ständig betont hat.

Nachdem Aue den Tatort so schnell wie möglich wieder verlassen hat, wird er irgendwann von den beiden Kriminalkommissaren Clemens und Weser aufgesucht (deren Namen sich Littell aus Klemperers »LTI« entliehen hat, siehe Wikipedia), die ihn nun bis zum Romanende verfolgen werden.

Sie treiben ihren Verdächtigen mit immer neuen Fakten allmählich in die Enge, auch wenn Himmler persönlich die Untersuchungen zwischenzeitlich unterbindet, da Aue »rassisch unbedenklich«, des Muttermordes unfähig sei (S. 1053). Trotzdem lassen die »beiden Bulldoggen Clemens und Weser« nicht von ihm ab. Sie folgen ihm sogar bis nach Budapest (S. 1118-1120) und Pommern.

Einige Rezensenten setzen die beiden Polizisten schon mit den »Wohlgesinnten« des Titels gleich, aber so einfach ist es sicher nicht. Denn was bedeutet es dann, dass die beiden penetranten Ermittler am Ende des Romans tot sind? Aue beendet seine Niederschrift ja nicht als Erlöster, im Gegenteil.

»Wie es gewesen ist«

Als die Russen schon das Zentrum Berlins erreicht haben, wird Aue von Clemens und Weser in einem überfüllten U-Bahn-Schacht gestellt. Trotz der sich überschlagenden Kriegsereignisse haben sie scheinbar nichts anderes zu tun als Aue zu überführen: »Wir wollen Gerechtigkeit«, sagen sie. »Wir erzählen dir jetzt, wie es gewesen ist« (S. 1344) – « On va te raconter comment ça s’est passé » (p. 1377).

Aue habe Moreau mit Axthieben getötet, unter den Augen der Zwillinge, dann oben seine Mutter erwürgt. Der Wortlaut der Ankündigung – »wie es gewesen ist« – entspricht dem Romananfang und bietet eine Alternative zu Aues Version. Indem dieser aber auf seiner Version beharrt, muss der Akzent beim ersten Satz des Romans auf dem »mich« liegen (Christian Berkel zum Beispiel betont es nicht so):

»Ihr Menschenbrüder, lasst mich euch erzählen, wie es gewesen ist.«

« Frères humains ; laissez-moi vous raconter comment ça s’est passé. »

Und noch ein drittes Mal ertönt dieser Wortlaut, in Himmlers 2. Posener Rede (6. 10. 1943). Der Reichsführer-SS erzählt vor den Gauleitern einmalig ohne Tarnvokabeln von der Judenvernichtung, um »auch über diese Frage einmal ganz offen zu sprechen und zu sagen, wie es gewesen ist« (S. 930). Um sie alle daran zu erinnern, dass sie mitschuldig sind, um sie letztgültig zu motivieren, diesen Krieg doch noch zu gewinnen.

Littell hat diese historisch belegte Passage übrigens nicht mit dem »comment ça s’est passé« übersetzt, sondern so: »(…) pour vous dire comment sont les choses« (p. 951).

Wie dem auch sei: Im dreimaligen »Wie es gewesen ist« laufen Aues persönliche Familientragödie und der Holocaust zusammen. Es summiert sich zu jenem »ganzen Gewicht der Vergangenheit« (S. 1358), das Aue von den Wohlgesinnten bis zu seinem eigenen Tod hinterhergeschleppt wird.


Über »Die Wohlgesinnten« (Teil 9):
Stalingrad

Leipzig, 19. November 2008, 08:55 | von Paco

Bei der Konferenz, in der über das Schicksal der Bergjuden entschieden wird (S. 453-466), hat Aue nicht energisch genug den Standpunkt der SS vertreten, meint Oberführer Bierkamp. Unter anderem deshalb wird er nach Stalingrad versetzt, wo das Feldpolizeiwesen um einen SD-Offizier gebeten hat.

Zwischen zwei Windböen erkannte ich ein Schild: STALINGRAD – ZUTRITT VERBOTEN – LEBENSGEFAHR. Ich wandte mich an meinen Nachbarn: »Ist das ein Witz?« Er warf mir einen rüden Blick zu: »Nein. Warum?« (S. 492)

Entre deux bourrasques j’aperçus un panneau : STALINGRAD – ENTRÉE INTERDITE – DANGER DE MORT. Je me tournai vers mon voisin : « C’est une blague ? » Il me regarda d’un air éteint : « Non. Pourquoi ? » (p. 504)

Im Kessel trifft er auf Thomas, der quietschfidel ist:

»Hier ist es sehr gut, vom miesen Fraß abgesehen. Und hinterher gibt’s Beförderungen, Auszeichnungen, e tutti quanti.« (S. 497)
»Stalingrad bot interessante Möglichkeiten.« (S. 498)

« C’est très bien, ici, à part le rata. Après, ça sera promotions, décorations, e tutti quanti. » (p. 509)
« Stalingrad offrait des possibilités interessantes. » (p. 511)

Nach einem kriegstouristischen Ausflug zu vorgeschobenen Stellungen (Begegnung mit dem kroatischen Oberfeldwebel Nišić) und einem weltanschaulichen Gespräch mit einem gefangenen Politkommissar wird Aue angeschossen und deliriert vor sich hin (in einer der quälendsten Passagen des Buches). Was wirklich passiert ist, erfahren wir erst nach dutzenden Seiten, als er auf S. 605/606 in einem Krankenhaus des Deutschen Roten Kreuzes in Hohenlychen erwacht.

Für seinen dreimonatigen Genesungsurlaub begibt er sich im Februar 1943 ins Berliner Hotel Eden (S. 618). Dort wird Anfang März direkt unter ihm eine laute überdrehte Party gefeiert, die Aue nicht mit seinen Stalingrad-Erlebnissen in Einklang bringen kann. Hier erlebt er einmal den unbeabsichtigten Zynismus anderer, und seine spontane Reaktion ist die: Er will die Partyleute sofort alle umbringen.

Doch dann weist er sie doch nur auf ihre Taktlosigkeit hin. Die Party wird auch sofort abgebrochen – aber das reicht Aue am Ende auch wieder nicht:

»Mein Vorgehen erschien mir wie eine Inszenierung, ausgelöst durch ein dunkles echtes Gefühl, dann aber durch eine konventionelle, zur Schau getragene Wut entstellt und verfälscht.« (S. 626)

« (…) : mon action m’apparaissait comme une mise en scène, mue par un sentiment vrai et obscur, mais ensuite faussée, déviée en une rage de parade, conventionnelle. » (p. 640)

Dieses nicht genau fassbare »echte Gefühl« interessiert Aue. Zu einem späteren Zeitpunkt wird er anders reagieren. Während er in den letzten Kriegstagen kurz an den Berliner Untergangs-Partys teilnimmt, läuft er seinem Lover Mihai über den Weg, der ihm in aller Öffentlichkeit Avancen macht, woraufhin ihn Aue auf der Toilette mit einem Schrubber tötet (S. 1321-1322).

Ihm ist es letztlich aber längst egal, wie er auf irgendetwas reagiert. Für ihn gibt es so oder so keine Rettung, auch wenn er den Krieg überlebt.


Über »Die Wohlgesinnten« (Teil 8):
Freundschaft mit Thomas Hauser

Leipzig, 18. November 2008, 08:00 | von Paco

(Spoilerwarnung! Wer gerade dabei ist, das Buch zu lesen, sollte sich diesen Beitrag aufsparen. Hier wird ein gut Teil der Schlusspointe verraten.)

Ein wichtiger roter Faden durch das Buch ist Aues Freundschaft zu Thomas Hauser. Die beiden lernen sich kennen, nachdem Aue am Schwulentreff im Berliner Tiergarten aufgegriffen worden ist (S. 103). Aus irgendwelchen Gründen wird er nun von Thomas protegiert, der ihm vorschlägt, in den SD einzutreten, um die Sache aus der Welt zu schaffen.

»Und so entschloss ich mich, den Arsch noch voller Sperma, in den Sicherheitsdienst einzutreten.« (S. 107)

« Et c’est ainsi, le cul encore plein de sperme, que je me résolus à entrer au Sicherheitsdienst. » (p. 113)

Auch später kümmert sich Thomas um Aue, etwa indem er dafür sorgt, dass er noch als einer der letzten aus Stalingrad ausgeflogen wird.

Es kann durchaus sein, dass Aue wegen seiner Fähigkeiten als Jurist von Thomas protegiert und für den SD angeworben wird, gepaart mit spontanen freundschaftlichen Gefühlen. Vor allem aber hat Thomas ihn in der Hand: Er weiß, wo Aue festgenommen wurde und wegen welchen Verdachts.

Er spricht das allerdings nie an. Und so hat er in Aue also einen Verbündeten gesucht und gefunden, der zwar einen intellektuellen Umgang auf Augenhöhe darstellt, ihm aber dennoch nicht in die Quere kommen wird, auf der Karriereleiter nicht und auch nicht beim Buhlen um Frauen, wie sich in späteren Episoden zeigen wird.

Als Aue am Ende im zertrümmerten Berlin doch noch von einem der ihn verfolgenden Polizeikommissare (Clemens) final gestellt wird, ist es wieder Thomas, der ihn rettet (S. 1357). Doch der wahre Showdown kommt danach: Aue erschlägt seinen Freund Thomas hinterrücks mit einer Eisenstange. Er tauscht seine Uniformjacke mit der von Thomas, um in den Besitz der Papiere eines französi­schen Fremdarbeiters zu gelangen und sich so eine Basis für ein Leben nach dem Krieg zu schaffen.

Der Sinn dieser Tat erschließt sich nicht so ganz, da ihn Thomas vorher ausdrücklich darum gebeten hatte, sich selber auch eine französische Verkleidung zu besorgen (S. 1325-1326). Warum also?
»Das Buch endet wie ein Splatter-Movie, angemessen grob-trivial«, schreibt Theweleit. Und mit dem Freundesmord will Aue die Erinnyen vielleicht extra anspornen.


Über »Die Wohlgesinnten« (Teil 7):
Hitler als Vaterersatz, Rabbi, Nasenbesitzer

Leipzig, 17. November 2008, 07:32 | von Paco

Hitler ist im Roman natürlich eine immer irgendwie präsente Größe, auch wenn er nur an drei Stellen direkt auftaucht: als Vaterersatz, als Rabbi, als Nasenbesitzer.

Als Vaterersatz

Aue erinnert sich einmal an den Sommer 1930, an sein erstes Live-Erlebnis mit Hitler. Dieser hielt damals eine Rede, und sagte

»genau die Dinge, die mein Vater gesagt hätte, wenn er da gewesen wäre; wenn er noch da gewesen wäre, hätte er sicherlich auf dem Podium gestanden, als einer der Vertrauten dieses Mannes, einer seiner ersten Gefährten, vielleicht hätte er sich sogar, wer weiß, falls es das Schicksal gewollt hätte, an seiner Stelle befunden.« (S. 651)

« les choses que mon père aurait dites, s’il avait été présent ; s’il avait encore été là, il se serait certainement trouvé sur l’estrade, un des proches de cet homme, un de ses premiers compagnons, il aurait même pu, si tel avait été son sort, qui sait, se trouver à sa place. » (p. 666)

Interessant ist die Frage, wie die Rolle Hitlers als Ersatz für Aues verschwundenen Vater mit dem Biss in die große Führernase zusammenpasst (siehe unten).

Als Rabbi

Im März 1943 wohnt Aue einer Rede Hitlers im Zeughaus bei. Er wird währenddessen von Halluzinationen heimgesucht: Er sieht den Führer mit allen Attribute eines Rabbiners (S. 652-657). Aue schiebt dieses Erlebnis auf die Kugel, die ihm in Stalingrad durch seinen Kopf geschossen wurde:

»(…) hatte sie mir tatsächlich ein drittes Auge geöffnet, eines, das durch die Undurchdringlichkeit der Dinge sah?« (S. 657)

« (…) m’avait-elle réellement ouvert un troisième œil, celui qui voit à travers l’opacité des choses ? » (p. 671)

Aues gestörte Wahrnehmung liefert ein weiteres Beispiel für ein Leitmotiv des Buches, die Frage nach dem letztlich ausschlag­gebenden Grund für den Holocaust: Im Roman wird an mehreren Stellen und von verschiedenen Figuren eine zu starke Ähnlichkeits­beziehung zwischen Juden und Deutschen behauptet, die dann bei letzteren zu einem Vernichtungswillen ausgeartet sei. (Iris Radisch nennt diese Passagen die »trüben rassepsycholo­gischen Niederungen des Romans«. Das Thema interessiert besonders auch Klaus Theweleit, siehe dessen FAS-Artikel »Die jüdischen Zwillinge«.)

Als Nasenbesitzer

Gegen Ende des Romans soll Aue mit einigen anderen eine Auszeichnung erhalten, die ihnen vom Führer persönlich überreicht wird. Als Aue den zitternden Tattergreis näherkommen sieht, kann er nicht anders:

»Je näher der Führer kam (…), desto mehr richtete sich meine Aufmerksamkeit auf seine Nase. Ich hatte noch nie bemerkt, wie groß und unproportioniert diese Nase war.« (S. 1337)

« Au fur et à mesure que le Führer se rapprochait de moi – (…) – mon attention se fixait sur son nez. Je n’avais jamais remarqué à quel point ce nez était large et mal proportionné. » (p. 1369)

Das korrespondiert mit einer Bemerkung Albert Speers in den »Spandauer Tagebüchern«, der Vermutung, dass Hitler mit seinem ungewöhnlich abgehackten Schnauzer vor allem von der großen Nase ablenken wollte, die Aue jetzt so skandalös findet und in die er dann mit aller Kraft beißt.

Diese Tat ist vulgärfreudianisch ja recht schnell zu deuten. In der französischen Originalausgabe war noch von einem Kneifen (nicht einem Biss) in die Führernase die Rede – laut Littells zweitem Brief an seine Übersetzer eine Konzession an seinen Lektor, die in den Folgeauflagen und -ausgaben aber wieder zurückgenommen und durch den Nasenbiss ersetzt werden solle: »eine Geste, wie sie sehen, von einer ganz anderen Tragweite und entschieden anderen Bedeutung«.

So kurz vor dem Untergang ist das natürlich kein Attentat auf Hitlers Leben mehr. Der Biss hat einen deutlich libidinösen und kannibalistischen Charakter und erinnert an die ursprünglichste Form der Objekteinverleibung während der oralen Phase (Hitlers Gesicht als Mutterbrust). In dieser Szene kulminiert der ganze psychoanalytische Subtext des Buches.