Archiv des Themenkreises ›Buchbuch‹


Im Halbschlaf

London, 1. Februar 2009, 13:21 | von Dique

London Symphony Orchestra, »Death and Transfiguration« von Richard Strauss, dirigiert von dem schweren und etwas bärigen Leif Segerstam, der mit seinem langen weißen Bart an die vielen Darwin-Poster erinnert, welche im Darwin-Jahr die Stadt schmücken.

Strauss schrieb dieses über den Tod sinnierende Stück in jungen Jahren, doch als er dann im hohen Alter von 85 im Sterben lag, sagte er zu seiner Schwiegertochter, dass sich der nun kommende Tod genauso anfühle, wie er ihn damals in »Tod und Verklärung« beschrieben hatte.

Das erinnert mich an die Prequiems von David Woodard, die den jeweiligen Sterbenden angemessen hinüber auf die andere Seite begleiten sollen. Wie man in einem Interview mit ihm lesen kann, entwirft er dazu auch fantastisch-gesamtkonzeptige Aufführungs­visionen.

Irgendwie könnte man Strauss‘ »Tod und Verklärung« als eine Art unbewusst geschriebenes persönliches Prequiem verstehen, auch wenn es im Vergleich zu Woodards Ideen sicher deutlich weniger malerisch daherkommt, und sicher ist das auch ein bisschen sehr weit hergeholt.

Jedenfalls fängt der Abend mahlerisch, hehe, an, mit dem Adagio aus Mahlers unvollendeter 10. Sinfonie. Ganze 9 hat er vollendet, und das liegt ja zumindest quantitativ im guten komponistischen Mittelfeld, aber an so was denke ich natürlich nicht. Erst als ich im Programmheft lese, dass Leif Segerstam ganze 215(!) Sinfonien komponierte, denke ich daran und ich frage mich, ob jemals alle wenigstens einmal irgend­wann gespielt werden oder gar schon wurden?

Und als ich mir Segerstam noch mal ansehe und an diese ungewöhnlich hohe Sinfonienanzahl denke, fällt mir meine morgendliche Lektüre beim Schweinsohr im Lisboa ein, »The Picture in the House« von HPL. Ein Mann betritt irgendwo in der Einsamkeit, bei einer Radtour, ein einsames Haus, welches ungeheuerlich altmodisch eingerichtet ist, wie aus einer anderen Zeit, aber sehr bescheiden:

»Most of the houses in this region I had found rich in relics of the past, but here the antiquity was curiously complete; for in all the room I could not discover a single article of definitely post revolutionary date. Had the furnishings been less humble, the place would have been a collector’s paradise.«

Im Regal entdeckt er dann aber ein paar recht antiquarisch-wertvolle Bücher, die nicht so recht zum Rest des Hauses passen wollen. Um hier nicht in die Tiefe zu gehen, schlussendlich hat das Haus doch noch einen Besitzer, der dann auch noch, wie man über Winkelzüge und Andeutungen erfährt, sein Leben sehr stark durch den Konsum von Menschenfleisch verlängern konnte, wie schaurig.

Jedenfalls sehe ich Segerstam nun in anderem Licht. Wenn er auch über 200 Jahre alt wäre, dann wäre die Zahl seiner Sinfonien schon weniger beeindruckend, ich denke daran, weil er physisch an den Alten in der HPL-Story erinnert, aber ich verwerfe diesen Gedanken schnell, denn die Konsequenz wäre ja selbst als Vermutung viel zu grausig, zumal Leif Segerstam ungeheuer gütlich und gemütlich erscheint, besonders, wenn er beim Applaus seine Arme ganz weit aufblättert, ganz so wie der vitruvianische Mann von Leonardo.

Aber diese Gedanken habe ich auch, weil ich mich gerade in einer Art leichten Müdigkeitsdeliriums befinde, in so einem halbwachen Zustand, in welchem sich Traum und Wirklichkeit fließend annähern. Und es geht weiter, im Anschluss an Mahlers Adagio gibt es nämlich noch vier Lieder von Strauss (Four Last Songs), gesungen von Christine Brewer.

Sie trägt einen kupferfarbenen Mantel mit dunklen Zeichen darauf und ist eine sehr voluminöse Erscheinung mit recht großer blonder Frisur und in meinen zufallenden Augen ähnelt sie plötzlich dem babylonischen König Belshazzar, so wie ihn Rembrandt in einem seiner berühmtesten Gemälde darstellte. Das kommt mir wohl in den Sinn, weil ich am Morgen in der Babylon-Ausstellung im British Museum war.

Dort widmet man eine ganze Ecke dieser Geschichte und dort wird, wenn auch nur in Form einer Farbfotografie, auf das Rembrandt-Bild verwiesen. Belshazzar im güldenen Mantel, erschrocken auf die Zeichen an der Wand (»The writing is on the wall!«) deutend.

Daneben hängt dann, im Original und in all seiner Pracht, John Martins »Belshazzar’s Feast«, auch hier is the writing on the wall, wenn auch weiter weg, am Ende des Prachtsaals. Und ganz im Hintergrund, im Dunkel, der Turm zu Babel, im kegelförmigen Bruegel-Style.

Brian Sewell ist von Martins Arbeit in Öl nicht so besonders angetan, er nennt das Werk in seinem Babylon-Review eine »crude and ugly illustration«, aber dem muss man ja nicht folgen. Ich versuche jedenfalls meine crude and ugly Halbschlaf­assoziationen loszuwerden, auch wenn das nur durch einen kurzen Moment des Schlafs gelingt. Im zweiten Teil, nach der Pause, bin ich endlich wieder fit für »Death and Transfiguration«, meiner Hauptmotivation für den heutigen Besuch.


Die Handschellen-Odyssee:
Leo Perutz: »Zwischen neun und neun«

London, 27. Januar 2009, 12:34 | von Dique

Studenten sind oft begnadete Nebenfiguren, etwa Øien in Hamsuns »Mysterien« oder Charousek in Meyrinks »Golem«. In Leo Perutz’ Roman »Zwischen neun und neun« (1918) begegnen wir dem Studenten Stanislaus Demba dann aber in einer Hauptrolle. Es ist ein Wien-Roman, die Geschichte um ein kleines Verbrechen.

Vor drei Jahren hat Demba drei Bände aus der Bibliothek mitgehen lassen und beginnt diese nun in Geldnot an einen Trödler zu verscherbeln. Beim letzten Band, dem wertvollsten, riecht der Ankäufer Lunte und ruft die Polizei. Demba wird gestellt und kann dann zwar fliehen, ist dabei allerdings immer noch in Handschellen gekettet, bekommt diese in den kommenden 12 Stunden (zwischen neun und neun) auch nicht ab und streicht mit diesem misslichen Handicap durch die Stadt.

Dummerweise ist ihm gerade die Freundin ausgespannt worden, welche am folgenden Tag mit ihrem neuen Verehrer eine Reise nach Venedig antreten wird. Demba will sich nun selbst Geld besorgen, um im letzten Moment vielleicht doch noch an der Seite seiner Ex in die Lagunenstadt fahren zu können, und so beginnt seine mehrstündige Handschellen-Odyssee.

Aus diesem Roman sollte ursprünglich eine 12-teilige Serie entstehen, die den Namen »12« trägt und in 12 Episoden jeweils genau eine Stunde dieser Zeitspanne in Echtzeit nachzeichnet. Aber dann hatte niemand diese Idee. Umgesetzt wurde sie erst Jahrzehnte später in der Actionserie »24«.

Die weltweite Perutz-Rezeption wird außer bei Borges u. a. auch in den Filmen von Hitchcock sichtbar. Er insinuiert im Gespräch mit Truffaut jedenfalls, dass die Handschellen-Szene in »The Lodger« auf der Perutz-Vorlage basiert.

Aber mir geht es weniger um die Inhalte und die Aufnahme des Buchs, sondern um den Charakter Stanislaus Demba, besonders im Vergleich zu anderen Studententypen. Anders als die oben genannten ist Demba ein unfreundlicher, aufbrausender Choleriker voll spöttischer Menschenverachtung, dabei allerdings bizarr komisch und einfach sehr sympathisch in seiner Antiheldenrolle.

Da beschreibt er doch seinen Rivalen Georg Weiner im Streit um seine Geliebte, welche ihn eigentlich schon verlassen hat, herablassend, im Gespräch mit einer Freundin, wie folgt:

»Dieser Mandrill hat doch eigentlich einen ganz menschenähnlichen Gang. Weißt du, nicht aus Gehässigkeit, sondern ich war wirklich erstaunt, dass er so gut aufrecht gehen konnte, und dachte mir, das muss ihm doch große Mühe machen, warum plagt er sich so und geht nicht einfach auf allen vieren?«

Außerdem ist sein äffisch wirkender Kontrahent ein Mensch, der kein Kinn hat, und Demba hat das gleiche an dem Trödler beobachtet, welcher ihn dann an die Polizei ausliefern wird, und entwickelt die folgende Theorie über die Kinnlosen:

»Manchen Menschen fehlt das Kinn. Das Gesicht geht unter dem Mund gleich in den Hals über. Sie sehen aus wie Hühner. Auch der Weiner gehört zu diesen Menschen. Sie tragen entweder Vollbart, dann sieht man es weniger, oder, wenn sie glattrasiert sind, dann sehen sie stupid aus. Ich glaube, das ist ein Atavismus. Zwischen der zweiten und der dritten Eiszeit sollen die Menschen so ausgesehen haben. – Nein, das ist kein Witz, ich hab’ das wirklich einmal in einem Aufsatz über den prähistorischen Menschen gelesen. Mir sind Leute ohne Kinn zuwider. Und wie ich den Alten anschau’, kommt mir der verrückte Gedanke, dass vielleicht ein Geheimbund aller dieser Kinnlosen besteht gegen die übrige Welt, dass sie zusammenstehen, und dass vielleicht der alte Trödler mit dem Georg Weiner im Einverständnis ist und mir nur eine Bagatelle für das Buch zahlen wird, damit ich nicht mit der Sonja nach Italien fahren kann.«

Die 12 Stunden mit dem handgeschellten Stanislaus Demba sind jedenfalls wahre Freuden. Aber die 24, welche ich letzthin an die erste Staffel der gleichnamigen Serie verschwendet habe, waren auch nicht zu verachten.


Mit Schirm, Charme und Scheck

Konstanz, 19. Januar 2009, 14:04 | von Marcuccio

Wahlsonntag, 18 Uhr, in der Buchhandlung Osiander. Die erste Hochrechnung aus Hessen ist hier ganz weit weg. Stattdessen große Koalition für Denis Scheck: Lehrerinnen mit Notizblöcken aus Olivenholz. Der Edeka-Geschäftsführer von gegenüber. Studentenpärchen. Und am Eingang ungefähr 150 Regenschirme ohne Garderobe.

Der Mann, der die »Spiegel«-Bestsellerliste zur Show mit der Mülltonne machte, ist da. Und will sich bei Osiander Konschdanz (er sagt natürlich: Konschdanz) ein bisschen von dem Geld wiederholen, das er als Student seinerzeit bei Osiander Tübingen gelassen hat. Lacher im badischen Publikum, das heute (Filialeröffnung) mal ganz auf Kosten der Schwaben da ist.

Dann ein Lob auf die hiesigen Seelen, mit dem er aber auch schon zur Sache kommt, denn vor zu vielen Büchern (90.000 Neuerscheinungen pro Jahr, huch!) fürchtet sich Scheck, bitteschön, »genauso wenig wie vor zu vielen Auslagen einer Bäckerei«. Es folgt: Für TV-Seher eine volle VHS-Kassette »Druckfrisch«. Für Radio-Hörer ein gelungenes Solo zur DLF-Sendung »Bestes und Allerletztes«.

19:40 Uhr. Die ersten Leute wollen heim zur »Tagesschau«. Scheck schalkt durch die letzten Bücher. Im Obergeschoss werden die Häppchen gerichtet. Die Schirme (von oben betrachtet wie ein schlecht genagelter Günther Uecker) warten mit ihren feinen Unterschieden, bis der Wein alle ist.


Die Bratwurst in der Literatur:
»Niemals mit Senf«

Zürich, 31. Dezember 2008, 10:20 | von Marcuccio

Noch ein kleiner literaturgeschichtlicher Nachtrag kurz vor Jahresende. Hanns-Josef Ortheil hat sich in seinem immer noch aktuellen Roman »Das Verlangen nach Liebe« (2007) als Kurator einer exquisiten Sonderausstellung im Bratwurstmuseum empfohlen, und Rainer Moritz unterstützt ihn in der NZZ (23. 1. 2008):

»Selten dürfte in der Weltliteratur derart genüsslich der Verzehr von St. Galler Bratwürsten nebst Bürli beschrieben worden sein«.

Die Szene im O-Ton: Ortheils Ich-Erzähler Johannes besucht den Grillstand am Zürcher Bellevue (S. 25):

»Als ich den Platz erreichte, erkannte ich einen schmalen, zum Teil überdachten Grillstand, der in einer Häuserlücke untergebracht war, diesen Grillstand kannte ich, ja genau, hier gab es diese unvergleichlichen Bratwürste, wie hießen sie doch gleich, diese leicht gedrungenen Würste mit einer hellen, porenlosen, milchig wirkenden Füllung von Kalb- und Schweinefleisch. Wegen ihres intensiven und für Bratwürste ganz raren Eigengeschmacks aß man sie niemals mit Senf, sondern mit dunkelbraunen, knusprigen Bürli, die ebenfalls eine Köstlichkeit waren und in nichts mehr erinnerten, was man im Deutschen als Brötchen bezeichnete. Bürli waren nämlich innen flockig, porös und weich wie gewisse Pilz-Schwämme, außen aber überzogen von einer hier und da aufgeplatzten Kruste mit einer ganz unmerklich dunklen Lasur. Eine solche Bratwurst und ein solches Bürli, dazu ein kaltes Glas Bier – das war genau richtig (…).«

Irgendwann wird es also sicher Zeit, Elisabeth Frenzels »Motive der Weltliteratur« um die Bratwurst zu erweitern.


Wildes Gefecht

Zürich, 29. Dezember 2008, 16:03 | von Paco

In Dresden haben zum Jahresende alle erleichtert ihre Uwe-Tellkamp-Schinken ins Bücherregal des Vergessens gestellt, das Lesezeichen irgendwo zwischen Seite 30 und 40. Das Jahr 2008 geht zu Ende, niemand muss mehr Tellkamp lesen.

Ansonsten hat wirklich jeder, den ich kenne, zu Weihnachten die Marx-DVDs von Alexander Kluge geschenkt bekommen oder diese verschenkt. Die Gabentische müssen in diesem Jahr also in diesem etwas krank aussehenden Suhrkamp-Orange geleuchtet haben.

Und dann gab es im Dezember noch eine der besten Überschriften des Jahres, in der SZ natürlich (Ausgabe vom 16. 12.). Es ging um das Römer-Schlachtfeld aus der Commodus-Zeit, das bei Kalefeld im Kreis Northeim entdeckt wurde und eigentlich gar nicht hätte da sein dürfen. In der SZ war der Artikel von Harald Eggebrecht so überschrieben:

»Ein wildes Gefecht an der A7«

Das ist so hervorragend gut wie es ahistorischen Benennungen oft eben sind. Wenn etwa Hannibal durch Frankreich Richtung Alpen zieht. Oder wenn der Museumsmann von Lützen sagt: »Das protestantische Heer stand südlich der B87.«

Wie auch immer. Hier beim Umblätterer geht es ab jetzt um unser Hauptprodukt, die Jahresendliste, den Feuilleton-Reader mit den »angeblich zehn besten Feuilletonartikeln des Jahres«, wie es der Perlentaucher wahrheitsgemäß formulierte. (Hier die Top-10 der Jahre 2005, 2006, 2007, demnächst dann die für 2008.)

Dieses Jahr war ein sehr gutes Jahr, die Ausbeute ist unvorhersehbar riesig gewesen. Wir warten jetzt noch die Silvesterausgaben ab und zerfetzen uns dann sicher wieder wildes-gefecht-mäßig über das Ranking, von dem wir öffentlich immer behaupten, dass es in der Liste gar keine Rolle spielt.


Felsgrottenmadonna, ick hör dir trapsen

London, 19. Dezember 2008, 11:35 | von Dique

Ich lese gerade den Ausstellungskatalog der leider von mir verpassten ArcimboldoAusstellung in Wien (und Paris). Sehr, sehr, sehr schöner Katalog, und Arcimboldo ist so much more than the famous composite heads (immer mit dazu sagen, ein wichtiger Satz, um sich Bourdieu-mäßig abzugrenzen).

Er hat auch sehr, sehr schöne Tierzeichnungen gemacht, fast so fein wie Hoffmann, dem er vielleicht sogar begegnet ist am sogenannten Hofe Rudolfs II. Es gibt von ihm Studien von Wildschweinen, Vögeln, Reptilien, aber auch Kostümentwürfe und Kurioses wie z. B. eine study of a featherless three-footed chicken.

Wobei er eher von Leonardo beeinflusst war, und der hat ja eh alles gezeichnet, was nicht bei drei auf den Bäumen war, mal ein schöner Prollspruch in einem solchen Zusammenhang, hehe. Arcimboldo stammte eben aus Milan, und dort war Leonardo ja auch über 10 Jahre bei den Sforza beschäftigt und versprühte seinen Rieseneinfluss auf die Milaneser Maler.

Einer davon ist Bernardino Luini, der wohl sogar direkt mit ihm gearbeitet hat. Auf den ganz besonders steht übrigens San Andreas, der einzigartige Filmkritiker des Umblätterers, seit er mal The Virgin and Child in a Landscape in der Wallace Collection gesehen hat.

Luini malt eindeutig Leonardo-Augen, und genau da ist seine Herkunft extremst und superst deutlich sichtbar. In Berlin würde man sachlich bemerken: »Felsgrottenmadonna, ick hör dir trapsen«, und das nicht erst seit Dan Brown. Aber das hatten wir ja neulich schon mal in einem größeren Kreis diskutiert, wo auch irgendjemand Ahnung zu haben schien und das alles abstritt.


Noch mal die Buddenbrooks zur Finanzkrise:
»Die mißtrauischen Banken«

Konstanz, 18. Dezember 2008, 13:22 | von Marcuccio

Schon neulich hatte Thomas Buddenbrook im Rückblick auf das Wort des Jahres (»Finanzkrise«) den treffendsten Kommentar parat (»Wenn alles schon wieder abwärts geht …«).

Damals ging es um die Arbeitslosenzahlen, die trotz angesagter wirtschaftlicher Totalapokalpyse weiter auf irgendein Rekordtief gesunken waren. Hier jetzt noch eine Passage gleich vom Anfang des Romans (S. 22, Fischer Taschenbuchausgabe von 1996):

»Tja, traurig«, sagte der Makler Grätjens; »wenn man bedenkt, welcher Wahnsinn den Ruin herbeiführte … Wenn Dietrich Ratenkamp damals nicht diesen Geelmaak zum Kompagnon genommen hätte! Ich habe, weiß Gott, die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, als der anfing zu wirtschaften. Ich weiß es aus bester Quelle, meine Herrschaften, wie greulich der hinter Ratenkamps Rücken spekuliert und Wechsel hier und Accepte dort auf den Namen der Firma gegeben hat … Schließlich war es aus … Da waren die Banken mißtrauisch, da fehlte die Deckung … Sie haben keine Vorstellung …«

Für die B’s ist die Welt auf diesen ersten Buchseiten noch heil, sie sind grad in die Mengstraße eingezogen. Und doch gibt der genuis loci dieser Immobilie »dieser ehemals so glänzenden Familie, die das Haus erbaut und bewohnt hatte und die verarmt, herunterge­kommen, davongezogen war …« schon den weiteren Verlauf vor.


Die Regionalzeitung der Buddenbrooks

Konstanz, 17. Dezember 2008, 15:36 | von Marcuccio

Das Schimpfen auf die lokalen Lübecker »Anzeigen« ist ein sehr kleines, aber feines von 1000 Motiven in den »Buddenbrooks«.

Auf S. 126 (in der Fischer-Taschenbuchausgabe von 1996) ist Tony Buddenbrook zur Sommerfrische in Travemünde. Zu Gast bei den Schwarzkopfs gibt’s Scheibenhonig zum Frühstück – und einen Plausch mit Morten, dem Sohn des Hauses:

(…) Tony, indem sie auf die Zeitung deutete:
»Steht etwas Neues drin?«
Der junge Schwarzkopf lachte und schüttelte mit spöttischem Mitleid den Kopf.
»Ach nein … Was soll wohl darin drinstehen? … Wissen Sie, diese städtischen Anzeigen sind ein klägliches Blättchen!«
»Oh? … Aber Papa und Mama haben sie immer gehalten?«
»Ja, nun!« sagte er und wurde rot … »Ich lese sie ja auch, wie Sie sehen, weil eben nichts Anderes zur Hand ist. Aber daß der Großhändler Konsul So und so seine silberne Hochzeit zu feiern gedenkt, ist nicht allzu erschütternd … Ja – ja! Sie lachen … Aber Sie sollten mal andere Blätter lesen, die Königsberger Hartungsche Zeitung … oder die Rheinische Zeitung … da würden Sie etwas Anderes finden!«

Bekanntlich ist Tony von Morten Schwarzkopf ganz angetan. Er bleibt aber bis zum Ende der Buddenbrooks ihre unerfüllte Liebe. Und so wird sie nach diesem einen Frühstück nicht nur für immer den Scheibenhonig vom Lande loben (erstmals S. 120). Auch Mortens markige Worte zu den Anzeigen leben in ihr fort: Jahrzehnte später, im Gespräch zwischen Tom und Tony, taucht das Motiv mit expliziten Versatzstücken wieder auf.

»Schwach, sehr schwach, diese ›Anzeigen‹«, sagte er.
»Mir fällt jedesmal dabei ein, was Großvater von faden und konsistenzlosen Gerichten sagte: Es schmeckt, als ob man die Zunge zum Fenster hinaushängt … In drei langweiligen Minuten ist man mit dem Ganzen fertig. Es steht einfach gar nichts darin …«
»Ja, Gott weiß es, das darfst du getrost wiederholen, Tom!« sagte Frau Permaneder, indem sie ihre Arbeit sinken ließ und an dem Klemmer vorbei auf ihren Bruder sah … »Was soll auch wohl darin stehen? Ich habe es von jeher gesagt, schon als ganz junges, dummes Ding. Diese städtischen Anzeigen sind ein klägliches Blättchen! Ich lese sie ja auch, gewiß, weil eben meistens nichts anderes zur Hand ist … Aber daß der Großhändler Konsul So und so seine silberne Hochzeit zu feiern gedenkt, finde ich meinesteils nicht allzu erschütternd. Man sollte andere Blätter lesen, die Königsberger Hartungsche Zeitung oder die Rheinische Zeitung.« (S. 617)


Don’t Be Such a Tourist

London, 14. Dezember 2008, 20:14 | von Dique

Letzten Sonntag wie immer die FAS gekauft und dann nicht ein Stück davon gelesen, weil ich »Brideshead Revisited« von Evelyn Waugh nicht aus der Hand legen konnte.

Ein mindestens wundervolles Buch, und Waugh schreibt einfach superst. Es geht um eine Jungen-/Männer-Freundschaft in Oxford, der eine aus einer noblen Familie und der andere einfach nur normal wohlhabend. Es spielt Anfang 19.20. Jahrhundert und beschreibt den langsamen Verfall der Upperclass-Familie des einen Burschen. Es gibt aber verschiedene Zeitebenen und handelt in aller Welt, es ist also kein lahmes Oxford-Burschen-Drama.

Ok, lange Rede und extremst kurzer Sinn, eigentlich wollte ich nur meine Freude über dieses Zitat teilen:

»Oh, Charles, don’t be such a tourist.«

Das sagt Sebastian, als Charles bei seinem ersten Besuch auf Brideshead Castle wissen will, ob irgendein Dach der Familienkapelle zur gleichen Zeit wie das Gebäude erbaut wurde.

Mir passierte noch ein kleines Verhör-Malheur à la »Der weiße Neger Wumbaba«. Es gibt nämlich »Brideshead Revisited« als BBC-Serie (von 1981) und ich schaute mal in die erste Folge rein. Das sah alles sehr gut aus, Jeremy Irons spielt Charles Ryder, und auch Anthony Andrews als Sebastian Flyte scheint gut getroffen. Ich hielt es nur nicht lange durch, weil die Dialoge und auch der Off-Kommentar direkt dem Buch folgen, es also mehr oder weniger eine Bebilderung des gerade Gelesenen für mich bedeutete.

Jedenfalls dachte ich irgendwie, dass die nicht Brides–head sagen, sondern Bride–shead, und ich habe das einfach mal geglaubt. Bis ich dann später ein paar Leute traf, die gerade vom Christie’s Preview kamen. Sie hatten sich den 36-karätigen Blauen Wittelsbacher angesehen, der dort zur Versteigerung anstand.

Ich erntete jedenfalls ungläubige Lacher, als ich behauptete, dass es Bride–shead heißt und nicht Brides–head, und das war peinlich, zumal ich erst neulich mehrfach »Vril« verstanden hatte, wo doch einfach von »Drill« die Rede war.

Der Blaue Wittelsbacher kam dann ein paar Tage später unter den Hammer, für ca. 16 Millionen Pfund, das beste Ergebnis für einen Naturstein ever, und ich hoffe, wenigstens das stimmt jetzt so wie von mir behauptet.

Heute Morgen habe ich dann natürlich wieder die FAS gekauft, und auch diesmal wird sie wohl nicht so richtig gelesen werden können, denn die Konkurrenz ist auch heute gut, ich lese gerade endlich mal Lottmanns »Zombie Nation«, wegen dessen steigender literaturhistorischer Bedeutung.


Moritz Baßler und der Schoko-Igel

Konstanz, 13. Dezember 2008, 09:00 | von Marcuccio

Dass Kracht seine S.S.R. als grandiose Spielzeug- und Modelleisenbahn-Kulisse aufbaut, ist das eine. Das andere ist der Schoko-Igel auf S. 46! Der ist natürlich ganz große Deko in Krachts Suisse en miniature.

Ich habe mich, nun ja, tierisch gefreut, dass wenigstens Moritz Baßler das Utensil in seiner Kracht-Besprechung für die letzte »Literaturen« erwähnte. Unter anderem wegen Baßler kann und soll man ja mindestens immer dann, wenn ein neues Kracht-Buch erscheint, mal in die »Literaturen« schauen. Baßler spricht von einem »Roman für Spurensucher«, der eine akribische Lektüre lohnt:

»Viele Anspielungen (…) sind wahrscheinlich nur für Schweizer zu decodieren.«

Und als wollte er genau das beweisen, nennt er im nächsten Satz »die Schoko-Igel aus ›Es geschah am hellichten Tag‹«. Aber versteht sich der eine Igel, den der einbeinige Soldat an den Kommissär verkauft, nicht vielmehr als Reminiszenz an die Expo 1964 in Lausanne?

Damals präsentierte sich die wehrhafte Schweiz als Nation, die sich im Ernstfall nach innen zusammenrollt wie ein Igel. Was für ein Symbol für den Mythos Réduit!

Dass das Einigeln als Verteidigungsstrategie im wirklichen militärischen Klammergriff mindestens so zusammengeschmolzen wäre wie ein Schokoladen-Igel in der Hand, ist natürlich so »niedlich« wie das gleichnamige Klischee, das von den Schoggi-Beuteln der Migros bis zur Swissminiatur in Melide schweizweit verkauft wird.

Dass die Verteidigung der Schweiz zudem auf Black Power setzt, macht den Kracht-Schoko-Igel zur zartesten Versuchung, seit es Cover-Versionen literarischer Symbole gibt.