Archiv des Themenkreises ›Buchbuch‹


Von Biografien und Berberaffen

London, 7. April 2009, 00:42 | von Dique

Irgendwann hat sich Oliver Gehrs in seinem mittlerweile beerdigten Watchblog mit einem kleinen Seitenhieb über die kleinen Bildmono­grafien von Rowohlt lustig gemacht. Angeblich seien die für Leute gedacht, die zu faul sind, eine richtige echte Biografie zu lesen.

Das ist schon sehr lustig formuliert, aber die kleinen RoRoRo-Monos ersparen es einem so vor allem, sich durch 500 Seiten Kindheit und das Werden und Gedeihen von Eltern, Großeltern und dem Dackel der Familie zu wühlen.

Derartige inhaltliche Banalität von Biografien betrachtete auch Gómez Dávila als abschreckend, da nur nichtssagende Details und unbedeutender Tratsch ans Licht gezerrt würden. »So traurig wie eine Biografie«, soll er manchmal als Redewendung benutzt haben.

Bezüglich Kürze und Handlichkeit könnte man auch mal wieder die Lebensbeschreibungen von Giorgio Vasari preisen, besonders wenn es sich um die handlichen und für Paperbacks sogar recht schönen Ausgaben von Wagenbach handelt. Aber ganz gegenteilig sind diese gerade wegen der Anekdoten und wegen der Tratschigkeit des Autors so gut, denn hier werden oft eben diese zum Höhepunkt der kleinen Lebenserzählung.

Ganz besonders im Leben des Sodoma, welchen Vasari zum Anti-Renaissance-Ideal stilisiert, also zum Gegen-Raffael oder Gegen-Michelangelo. In den wenigen Fällen, in denen er Sodomas Werke positiv beurteilt, schreibt er es dem Zufall zu oder den Einflüssen anderer. Sodoma wird als fauler Dandy gezeichnet, der nach Lust und Laune und nur dann arbeitet, wenn das Geld stimmt, so trug er »Jacken aus Brokat, mit goldenem Stoff gesäumte Mäntel, reichver­zierte Hauben, Ketten und ähnlichen Firlefanz nach Art von Hofnarren und Bänkelsängern«.

Außerdem hielt er sich eine Vielzahl von Tieren, welche Vasari detailreich beschreibt. Auch er hatte wieder einen Berberaffen (ähnlich wie Rosso Fiorentino) und man sollte mal genauer untersuchen, warum Vasari bestimmten Künstlern, die er weniger schätzt, so gern einen Berberaffen unterjubelt. Im Text über Sodoma heißt es jedenfalls weiter:

»Außerdem bereitete es ihm Vergnügen, sich außergewöhnliche Haustiere unterschiedlichster Art zu halten, wie Dachse, Eichhörn­chen, Berberaffen, Meerkatzen, Zwergesel, Berberpferde für Wettrennen, kleine Pferde aus Elba, Eichelhäher, Zwerghühner, indische Turteltauben und andere solcher Tiere, derer er habhaft werden konnte. Neben all diesem Viehzeug besaß er insbesondere einen Raben, dem er so gut das Sprechen beigebracht hatte, dass dieser Giovan Antonio selbst zu sein schien. (…)

Diese abstruse Art zu leben, die Werke und Gemälde, bei denen er trotz allem manch Gutes hervorbrachte, machten ihn bei den Sienesen – das heißt beim Pöbel und dem niederen Volk, nicht bei den Edelleuten, die ihn von vornherein durchschauten – derart bekannt, dass viele ihn für einen großen Mann hielten.«

Wenn man mehr über Sodoma wissen möchte, sollte man also vielleicht lieber in einen Zoo gehen statt in ein Museum, denn in den großen Häusern dieser Welt gibt es sowieso nicht viel von ihm zu sehen.


Hebe Uhart: »Literaturzeitschrift«

Paris, 2. April 2009, 13:39 | von Paco

Liebe deutschsprachige Verlage!

Sie ist noch nicht ins Deutsche übersetzt, Hebe Uhart – argen­tinische Autorin, geb. 1936, zahlreiche Veröffentlichungen –, aber zumindest ihre Erzählungen wären es endlich mal wert. Ich habe gerade ihren neuen Band »Turistas« gelesen (Adriana Hidalgo 2008, 162 S.), zum Schluss gleich noch mal die darin enthaltene Erzählung »Revista literaria« (»Literaturzeitschrift«):

José, Marcos und vor allem Fernando sind nicht mehr einverstan­den. Mit der Alltäglichkeit des Lebens, der Welt, wie sie ist, der Erderwärmung und der Globalisierung. Sie wollen alles umschmeißen, sie wollen rebellieren wie noch nie jemand rebelliert hat. Und als Mittel zum Zweck gründen sie – eine Literaturzeitschrift. Natürlich eine, wie es sie noch nie vorher gegeben hat, eine, die mit allen Traditionen bricht.

Den Jungs gefällt zum Beispiel die Biografie von Gauguin, der alles hinter sich gelassen und sich nach Tahiti aufgemacht hat. Sie selbst haben allerdings schon Schwierigkeiten damit, ihre regel­mäßigen Treffen von einem Rentner-Café in ein anderes, ihrer Peer-Group entsprechendes Kaffeehaus zu verlegen. Der unbekümmerte Größenwahn literarischer Anfänger führt dann zu so etwas wie der schlimmsten aller denkbaren Schülerzeitungen. Es werden Einsen­dungen von jungen Leuten aus dem Umland von Buenos Aires zitiert und diskutiert, dass einem vor Lachen der sprichwörtliche Döner aus der Hand fällt. Beispiel:

Danach lasen sie eine Art Essay, er begann so: »Als Cortázar starb, füllte sich der Himmel mit Schmetterlingen, heißt es.«

»Gefällt mir, dieser Essay«, sagte Fernando. »Macht Eindruck.«

Marcos sagte: »Man könnte den Satz aber auch umdrehen: ›An einem Tag, an dem der Himmel voller Schmetterlinge war, starb Cortázar.‹«

Fernando war dagegen: »So ist der Satz doch völlig wertlos. Mein Gott!«

Irgendwann wird die frisch erschienene Zeitschrift öffentlich präsentiert. Es gibt ein offenes Mikro, das jedem Redewilligen zur Verfügung steht, und die meisten kommen auch nur deswegen. Am Ende verkaufen sie zwei Exemplare à 2,50 Pesos. Fernando fährt wutentbrannt von der Innenstadt in seinen Vorort zurück und verbrennt seine Restexemplare. Er will jetzt, nachdem er wegen der verknöcherten Uni-Strukturen sein Studium im ersten Jahr abgebrochen hat, doch wieder damit anfangen. Ende.

Eine andere Geschichte in dem Band handelt von »Stephan in Buenos Aires«, geschrieben im Ausländer-Spanisch eines Deutschen. Uhart hält die Deutschen sowieso für so ziemlich die wunderlichsten Wesen auf Erden, wie sie in einem Interview zugab. Also noch ein Grund, endlich spricht es mal jemand aus!

Im Herbst 2010 ist Argentinien Gastland auf der Frankfurter Buchmesse. Liebe deutschsprachige Verlage, reißt euch um Hebe Uhart! Um diese Erzählungen gehört ein deutscher Buchumschlag!

Mit freundlichen Grüßen,

Frank Fischer
Consortium Feuilletonorum Insaniaeque


Mit Fritz J. Raddatz in der Kunsthalle Emden:
»In gewisser Weise hängt da der Stern«

Emden, 30. März 2009, 07:46 | von Marcuccio

Schade eigentlich, dass es den Henri-Nannen-Kunstexpress nicht mehr gibt. So verschlug es uns mit dem ganz privaten Navi nach Norden, und von Norden nach Emden. Hier, und dieser Gag fehlt wirklich nirgends, befindet sich die Kunst exakt »Hinter dem Rah­men 13«.

Eine Gruppe aus Groningen steht im Foyer, mit einer Reiseleitung Marke Sylvie van der Vaart, da schließen wir uns doch glatt an:

»In 1986 liet Henri Nannen, oprichter van het beroemde weekblad Stern, in zijn geboorteplaats Emden een museum bouwen voor zijn verzameling twintigste-eeuwse kunst. Zijn passie voor het verza­melen van kunst heeft tot een omvangrijke collectie met een geheel eigen karakter geleid. Nannens verzameling en tentoon­stellingen trekken kunstliefhebbers uit binnen- en buitenland naar de Kunsthalle in Emden.«

Leider scheint Sylvie van Emden dann doch nur die Website der Kunsthalle auf Niederländisch auswendig gelernt zu haben. Nicht ohne unsere blauen Franz-Marc-Pferdchen, die Eintrittskarte, hochzuzeigen, galoppieren wir noch mal geschwind raus und holen unseren eigenen Führer aus dem Spind: Fritz J. Raddatz! Der hat mit seinem Buch »Unruhestifter« so eine Art inoffiziellen Rundgang zur Kunsthalle Emden verfasst, drei herrlich böse Seiten (S. 173 ff.) über den Kunstsammler Henri Nannen.

»Nannen führte mich zwar durch das Museum, aber erzählte ausschließlich, wie günstig er dieses Bild und wie teuer er jenes erworben habe, bei wem, durch wen und wie teuer es jetzt sei, … dass das Museum 6,5 und alles zusammen 13,8 Millionen gekostet habe. Dreizehnkommaacht war ohnehin jedes dreizehnkommaachte Wort, warum sagt er nicht dreizehn oder vierzehn?«

Raddatz, genervt, notiert »zumeist zweite und dritte Qualität, kaum ein Spitzenbild und: nur diese deutsche Kunst, der ewige Nolde, der ewige Barlach, dazwischen diese Modersohns und noch Namen­loseren – Altmeppen und Scharl und wenn eine Beckmann-Quappi, dann eben doch nicht die Quappi.«

Yeah, Kunstführer, die einem erzählen, was die Sammlung, die man gerade schaut, alles nicht zu bieten hat. Vielleicht überhaupt noch eine Marktlücke.

Die Holländer, aber ohne Sylvie van Groningen, laufen uns wieder über den Weg. Wir schlagen uns seitwärts und landen direkt vor unserer gerahmten Eintrittskarte. Museen aller Ligen anhand ihrer Art von Eintrittskarten analysieren, das wäre doch noch mal ein echter Job für die Museumsphilatelie. Die hätte auch (interdiszi­plinärer Ansatz!) herauszufinden, warum es im Museumscafé, das wirklich »Henri’s« heißt, original Topfenstrudel gibt. Zum Nachtisch lesen wir den Rest vom Raddatz-Rundgang:

»… kein Max Ernst oder Magritte oder Dalí, nicht mal Oelze – das Raffinierte in der Kunst liegt diesem Mann nicht. Er hat eben doch einen ›Musikdampfer‹ gesteuert, in gewisser Weise hängt da der STERN – auf den er allen Ernstes stolz ist … – noch einmal an den Wänden; es hat etwas Brüllendes.«

Großer Brüller jetzt auch im Henri’s. Die Holländer (immer noch ohne Sylvie) sind in der Kantine angekommen. Ein Guus-Hiddink-Double macht obszöne Grimassen, keiner weiß warum.


Feuilleton-Früherziehung

Konstanz, 13. März 2009, 09:00 | von Marcuccio

Wer hätte das gedacht? Eine Maulwurfsfabel für Kinder ab 4 erklärt uns, was ein Feuilleton-Fan ist (und indirekt auch, was der Um­blätterer ist): »Maula und der Mondvogel« (2000), von Cornelia Hausherr und Fabienne Boldt.

Die Maulwürfin Maula Molte lebt unter Tage (Halbwelt, natürlich) – und wie! Verdächtig viele Übereinstim­mungen zu unserer Party im Zeichen des Golden Mole:

1. Maula sichtet, Maula sammelt. Maula hortet ihre Schätze. Maula betreibt in ihrem Bau ein unterirdisches Lager. Sie sortiert Müll und Preziosen, »wühlt sich unter einen Bogen Papier«, auf dass es »raschelt und knistert«. (Maula muss Zeitungleserin sein!)

2. Maula mag nicht alles. Aber was sie mag, das feiert sie: »Voll Freude klatscht Maula in die Hände.« (Begeisterungsfähigkeit als Voraussetzung)

3. Maula ist geschäftig: sie bügelt, raspelt, locht und presst all das, was sie gefunden hat, zu »handlichen Barren«. (Na bitteschön, sie bloggt.)

4. »Einmal im Jahr leert Maula ihre Regale.« Dann schnürt sie »die Barren zu dicken Packen« (Best of Feuilleton?) »und verteilt sie an ihre weitläufige Verwandtschaft. Ob ihre Tanten, Nichten und Neffen damit etwas anfangen können, interessiert Maula Molte nicht. Hauptsache, sie hat wieder Platz.« (Kennt also auch Maula so was wie einen Frühjahrsputz?)

5. Maula hegt einen besonderen Happen in ihrer prall gefüllten Vorratskammer: ein Insektenkokon, aus dem eines Tages ein Nachtfalter namens Mondvogel schlüpft. Für Maula viel zu schön zum bloßen Fressen.

6. Maula wird Mondvogels größter Fan: »Sie bringt ihm das Graben bei, er lehrt sie fliegen – oder versucht es zumindest.«

7. Mondvogel wird Maulas Muse und ist im übrigen all das, was auch gutes Feuilleton ist:

Unberechenbar:
»Übermütig wechselt Mondvogel mehrmals die Richtung«.

Von flüchtiger Schönheit:
»Die Flecken auf Mondvogels Flügeln leuchten silbern auf.«

Affizierend:
»Mit flatterndem Herzen läuft ihm Maula Molte hinterher.«

Arrogant:
»Mondvogel fliegt schon hoch über ihr. Er hat den Flügelschlag eines anderen Nachtfalters gehört.«

Und manchmal kryptisch:
Mondvogel »flüstert Maula Molte ein paar Worte zu, die sie aber nicht versteht.« Bevor Maula begreift, ist Mondvogel weg. Aber unter ihrem Fuss kitzelt schon das nächste Kokon, das sie in ihren Bau schleppen und bewundern kann.

Und damit Ende Gelände. Das Ganze kreidefein gezeichnet. Selbst die typografische Aufbereitung, für manche das große »Manko des Buches«, begeistert als Reminiszenz an das Bleiwüsten-Feuilleton vergangener Tage.


Das anti-minimalistische Manifest

Paris, 12. März 2009, 08:01 | von Dique

Nach dreieinhalb Stunden de Chirico und ein bisschen Museums­kaffee spazieren Paco und ich gerade am Grand Palais vorbei und sprechen natürlich noch einmal über die kürzlich hier präsentierte und versteigerte Kunstsammlung von YSL. Paco kann es immer noch nicht fassen, dass der de Hooch nicht weggegangen ist, der sicher in restaurationsbedürftigem Zustand, aber eben ein subtiles Meisterwerk ist, also wie kann das sein, für nicht einmal 300.000 Euro.

Ich selbst konnte mir das Spektakel in Paris nicht ansehen, aber ein kleiner Teil der Sammlung wurde einige Wochen vorher bei Christie’s in London gezeigt. Man widmete YSL einen großzügigen Raum während der Vorbesichtigung der Post-War & Contemporary Art Sales im Februar.

Der YSL-Raum bildete eine kleine feine Insel inmitten der neuen und neueren Kunst und war für mich das eigentliche Highlight. Jedes Jahr im Februar spaziere ich hier zwischen hellgrün schimmernden Impressionisten, weichen Bleistiftzeichnungen von Klimt und Schiele auf bräunlichem Papier und dem kühlen Acryl zeitgenössischer Künstler umher, aber selten bin ich gerührt (wie unfair, gab es doch einen wundervollen Modigliani zu sehen und ein kleines dieser wie abgeschliffen wirkenden abstrakten Bilder von Gerhard Richter, hehe).

Normalerweise werden hier bei Christie’s in diesem heute YSL gewidmeten Raum bei den Frühjahrs-Sales die Surrealisten ausgestellt. Vor ein paar Jahren wurde man wie durch einen kleinen dunklen Gang ins Innere geschleust. Durch ein kleines Loch konnte man schon mal in den Raum sehen, ein kleiner surrealistischer Vorgeschmack also.

Dieses Mal nun YSL, und am meisten faszinierte das Gesamt­kunstwerk des Raumes, diese breite Mischung der Epochen und Stile. Gemälde von Frans Hals und Géricault, manieristische Bronzen nach Giambologna, vollgepfropfte Vitrinen, in denen neben Silberzeug auch diese schräge Parfumflasche »Belle haleine – Eau de voilette« von Duchamp stand, welche ganze 11+ Millionen Dollar einspielte, und in einer Ecke eine wunderschöne, hauchzarte Bleistiftzeichnung von Ingres.

An der Stirnseite des Raumes hing ein riesiges tapetegewordenes Foto des Originalsetups vieler der Objekte. Mich erinnerte dieses Bild sofort an eines der neuen Highlights des Verlages Umberto Allemandi, einen Bildband, der ganz schnell zum Tophit unter den Coffee Table Books geworden ist oder zumindest werden sollte, »The Anti-Minimalist House«.

Das Buch ist in Rubriken unterteilt und versammelt Fotos von Massimo Listri, ergänzt durch kurze Kommentare. Es ist nicht nur ein wunderschönes Buch in diesem typischen dezenten Mintgrün der Allemandi-Bildbände, es versammelt auch die besten Beispiele häuslicher Überfrachtung. Besonders empfehlenswert ist der Teil über die Bibliotheken, in dem zum Beispiel die Bibliothek des Ham House in London fotografiert wurde.

Usw. usw.

Etwas später scheint uns dann die Brasserie Flo als Ambiente recht geeignet, um hundert Jahre nach Marinetti endlich mal das anti-minimalistische Manifest nachzuliefern. Wir bestellen natürlich Côte de Bœuf, ein ganzes Kilo zartestes Fleisch aus der Rinderhoch­rippe, einen Cut, den es in unserem schönen Heimatland leider nicht gibt. Vergangenen November hatte ich im Les Halles in New York den gleichen Cut, vom amerikanischen Rind, aber ähnlich zuberei­tet, das wurde dort dann als American Beef French Style beworben.

Heute dann einfach French Beef French Style, und nach einem Kilo Fleisch und Kartoffelgratin, denn mit dem serviert das Flo das Côte de Bœuf, fällt uns nichts mehr ein, gar nichts.


Der Schatten und die Kunstgeschichte:
Giorgio de Chirico im Musée d’Art moderne

Paris, 11. März 2009, 07:25 | von Paco

Das absolut Hervorragende an der Ausstellung ist natürlich, dass man hier den ganzen de Chirico bekommt, sowohl den der metaphysischen als auch den der späteren vulgärklassizistischen Bilder. De Chirico hat sich in den 1920er Jahren langsam zur Tradition zurückgeübt, teils mit ziemlich gewollten Kopien von Renaissancegemälden, wofür ihn dann die Surrealisten ausgebuht haben. Eines seiner »Autoportraits nus« aus den 40ern erinnert übrigens sogar fast an einen diesbezüglichen Nachfolger de Chiricos, an den hervorragenden Kitschnorweger Odd Nerdrum.

Peter Richter schrieb neulich in seinem Madrid-Artikel und anlässlich der dortigen »La Sombra«-Ausstellung darüber, »wie wenig sich die Kunsthistoriker mit dem Schatten auseinandersetzen mochten. Mit Studien zum Licht könnte man dagegen Bibliothek füllen.« (FAS, 22. 2. 2009, S. 24) De Chirico war einer der bestrebtesten Schattenmaler (auch in Madrid kommen sie nicht ohne ihn aus), und so ist die Pariser Ausstellung naturgemäß ebenfalls eine ziemliche Shadows-Ausstellung geworden, und de Chirico liefert das Hammerzitat gleich selber mit:

»Sur la terre, il y a bien plus d’énigmes dans l’ombre d’un homme qui marche au soleil que dans toutes les religions passées, présentes et futures.«

In! Your! Face! De Chiricos gesammelte Schatten finden sich vor allem auf den verschiedenen Varianten des »Place d’Italie«-Stoffes. Und ansonsten scheinen auch die gemalten Eierköpfe ein ganz eigenes Kontinuum zu bilden, und da kann man dann einen schönen Querverweis zu Brâncuşi ziehen, und der zugehörige Aufsatz würde dann eben »Eierköpfe in den Œuvres von …« heißen und in irgendeinem Sammelband erscheinen.

Wir waren dreieinhalb Stunden im Musée d’Art moderne de la Ville de Paris, soweit der vollständige Name, gewesen. Draußen schien die Sonne sehr chiriquesque und erzeugte streng fixierte Schatten am Rive Droite. Wir saßen im Museumscafé und unterhielten uns über die am besten geschriebenen Bücher, die nur 100 Seiten haben, »Der Fürst«, »Lazarillo de Tormes«, »Candide«, »Ecce homo« und noch ein paar andere.

Usw.


Autorenbranding 2.0:
Der Buchhändler Hanns-Josef Ortheil

Konstanz, 6. März 2009, 01:17 | von Marcuccio

Ich weiß, ich wollte nie mehr 2.0 sagen. Aber für Hanns-Josef Ortheil muss ich noch einmal eine Ausnahme machen.

HJO will in seinen beiden Wohnorten, in Stuttgart und Wissen an der Sieg, eigene Buchhandlungen eröffnen. Besondere Buchhand­lungen, denn gemäß Statuten wird/soll nur das in den Läden käuflich zu erwerben sein, was von HJO eigens zum Kaufen und Lesen ausgewählt wurde:

Andere Bücher gibt es in dieser Buchhandlung nicht, sie können auch nicht bestellt werden.

Für eine Branche, die sonst schon Angst hat, einen vor dem Erstverkaufstag nachgefragten Kehlmann nicht bedienen zu können, klingt das ziemlich radikal. Letztlich setzt HJO aber auch nur fort, was andere längst vormachen, MRR packt bekanntlich jeden Kanon-Koffer mit seinem Konterfei ein.

HJO als Flagship-Store

Wenn mit HJO nun erstmals ein richtig gediegener Autor seinen Marken-Shop eröffnet, lässt das eigentlich nur die ganzheitliche Assoziation von Buch und Tuch zu, die sein Kollege Hans-Ulrich Treichel im »Börsenblatt« postete:

Werter Kollege!
Von Herzen alles Gute für Ihr Projekt!
Führen Sie auch zufällig senfgelbe Hosen?

Herzlichst

Ihr
Ulli

Ich aber sage: Wenn HJO es wirklich ernst meint, dann wird er neben der Hosenabteilung vor allem auch im Gastro-Konzept neue Maßstäbe setzen – und hoffentlich keine weitere Buchhandlung mit Espresso-Bar eröffnen. Vielmehr sollte der Kalbsbratwurst-Erzähler Ortheil vielleicht die erste Buchhandlung mit Grilltheke einrichten. Das dazugehörige Event sehe ich buchstäblich schon auf der Kreidetafel vor mir (und für sowas kommen die Leute, die sonst Bodo Kirchhoff am Gardasee besuchen, auch nach Wissen an der Sieg!):

Heute

12–13 Uhr
Hanns-Josef Ortheil grillt die Wurst zu und aus
seinem Buch »Das Verlangen nach Liebe«.
In senfgelber Hose, versteht sich.


Dissertationen von Feuilletonisten (Teil 1):
Peter Richter über den Plattenbau

Paris, 27. Februar 2009, 10:56 | von Paco

Ich habe jetzt endlich mal die hochinteressante 2006er Dissertation des FAS-Schriftstellers Peter Richter zuende gelesen:

»Der Plattenbau als Krisengebiet. Die architektonische und politische Transformation industriell errichteter Wohnge­bäude aus der DDR am Beispiel der Stadt Leinefelde«

Es geht im weitesten Sinne um Kunstgeschichte, Richter nimmt sich mit dem DDR-Plattenbau und seiner Behandlung nach der Wieder­vereinigung ein Richter-typisches Thema vor. Vielleicht kam ihm im Zuge der medialen Berichterstattung über die preisgekrönte Umge­staltung von Leinefelde-Süd die Idee zu der Arbeit. Sie liest sich jedenfalls trotz Times New Roman mit 12 pt und 1,5er Zeilenab­stand gut weg.

Die Arbeit liegt als PDF komplett auf dem Server der SUB, inkl. Abbildungen, aber man sollte sowieso lieber gleich selbst mal nach Leinefelde fahren, schon der Kritiker Kaye Geipel hatte 2001 über­schwänglich ausgerufen: »Architekten, kommt nach Leinefelde und seht euch diese Sanierung an.« Und außerdem liegt die Stadt direkt an der Kulturautobahn A38.

Im allgemeinen Teil (zwei Drittel der Arbeit) beginnt Richter mit einer kleinen Kulturgeschichte des industriellen Wohnungsbaus, im speziellen des Plattenbaus in Deutschland seit den 1920er Jahren (Martin Wagner, Ernst May). Insofern macht die von ihm erwähnte Deutung der DDR-Plattenbauten als »Exzess der Moderne« (S. 7) auch Sinn.

Nach kurzen Abschnitten über Entwicklungen im NS (Ernst Neuferts »Hausbaumaschine«) und der Bundesrepublik folgt ein genauer Abriss der Geschichte der Plattenbauweise in der DDR seit den 1950er Jahren, in der auch die zeitgenössischen Diskussionen (etwa die Monotonie-Debatte) mit abgebildet werden. Die DDR-Neubauten und ihre Anordnung zu Großsiedlungen sollte die Heranbildung der sozialistischen Gesellschaft forcieren und repräsentieren, und damit war es dann 1989 vorbei und die Stigmatisierung begann, die Richter mit sehr schönen Zitaten nachzeichnet (S. 62-74).

Ebenso lesenswert ist das darauf folgende Kapitel über die nach 1990 einsetzenden, sich teils widersprechenden staatlichen Aufwertungsmaßnahmen. Viele Häuser sollten damals etwa im Schnellschussverfahren »durch esoterische Farbmanöver« (S. 189) individualisiert werden. Nach dem für einige vielleicht überraschen­den Kapitel »Plattenbau und Denkmalschutz« und dem Einbezug der Arbeit in die Diskussion um die »shrinking cities« bringt Richter einige Beispiele für die Auseinandersetzung der bildenden Kunst mit dem Thema Plattenbauten, etwa Erik Schmidts crossmediale Inszenierung seiner Berliner Plattenbauwohnung am Platz der Vereinten Nationen. Auch sehr gut ist der Hinweis auf das Plattenbau-Quartett von Cornelius Mangold.

Im letzten Drittel widmet sich Richter dann dem Umbau von Leinefelde im nördlichen Thüringen. In der Stadt wurde ab 1961 eine große Baumwollspinnerei installiert, die dafür nachkommenden Arbeiter sollten in Plattenbauten untergebracht werden. So wurde südlich der Altstadt Neubau um Neubau hochgezogen, die Einwohnerzahl der Stadt wuchs bis zur Wende von ca. 2.500 auf über 16.500 an. 90 Prozent der Bevölkerung wohnte in Platten­bauten. Nach dem üblichen Hin und Her der Nachwendejahre lag 1995 ein städtebaulicher Rahmenplan vor. Zu seiner Umsetzung gab es im Jahr darauf einen Architekturwettbewerb, der nach Lösungs­vorschlägen für das Physikerquartier und das Dichterviertel verlangte. Am Ende wurden zwei Architekten ausgewählt: Stefan Forster fielen die Dichter zu, Muck Petzet die Physiker.

Die erfolgreiche Umgestaltung von Leinefelde wurde nicht ohne Grund mit Preisen überhäuft, und so fallen Richters detailreiche Beschreibungen vor allem von Petzets Arbeit dann auch fast schwärmerisch aus. Dass Forster und Petzet äußerst gegensätz­liche Ansätze haben (Rückbezug auf die Gartenstadt bzw. auf die »sozialistischeren Traditionen der Moderne«), interpretiert Richter dann gegen Ende seiner Dissertation als Vorteil. Beide Archi­tekten haben einen Antagonismus geschaffen, »der den Stadt­umbau von Leinefelde als Möglichkeitsraum ausreizt und den Ort geradezu im Sinne einer Bauausstellung zur Modellstadt macht«.

Soweit zum Inhalt, also absolute Empfehlung für ein paar Nachmittagsstunden.


Neues vom Autor:
»Lazarillo de Tormes«

Paris, 15. Februar 2009, 15:05 | von Paco

La vida de Lazarillo de Tormes y de sus fortunas y adversidades (Cover)Ist schon eine Weile her, aber immer noch aktuell. Die spanische Literaturwissen­schaft­lerin Rosa Navarro Durán hat im Jahr 2003, nach einem knappen halben Jahr­tau­send, auf ihre ganz eigene Art und Weise den anonymen Verfasser des frühen Picaroromans »Lazarillo de Tormes« letztgültig ermittelt. Es handelt sich zufällig um ihren Lieblingsforschungs­gegen­stand, den Humanisten Alfonso de Valdés.

Oft sind die philologischen Fachzeitschriften das bessere Feuilleton. Aus dieser Ecke kam neulich auch der etwas verspätete Bericht von dieser literaturwissenschaftlichen Farce, verfasst vom Romanisten Hanno Ehrlicher für die vorletzte Ausgabe (Nr. 46, 2008) der kleinen und feinen Online-Zeitschrift »Philologie im Netz« (PhiN).

Es kann nicht gut um das spanische Literatursystem bestellt sein, wenn es Navarro Durán gelingt, ihre an keiner Stelle sauber begründete Behauptung durchzusetzen und mehrere Neueditionen des »Lazarillo«-Textes mit dezidierter Verfasserangabe zu publizieren. Mit einem Seitenblick auf Bourdieus »Homo academicus« beschreibt Ehrlicher den »Transfer des Symbolkapitals eine kanonisierten Textes auf ›ihren‹ Autor«, zum letztlich ökonomischen Nutzen der Hispanistin und der mit ihr verbündeten Verlage.

Die als sicher verkaufte Autorschaft schlägt so auch auf den Kanon durch. In der digitalen »Biblioteca Miguel de Cervantes« ist der Text nun zum Beispiel zweimal vorhanden, einmal ohne, einmal mit Verfasserangabe.

Ehrlicher plädiert für die Erhaltung des Anonymats, auch um der Mehrdeutigkeit des Textes zu entsprechen und die Interpretations­möglichkeiten nicht künstlich zu beschränken. Neben frühen Kritikern der ostentativ vorgebrachten Valdés-These wie Valentín Pérez Venzalá (in Espéculo Nº 27, 2004) führt er auch die spanischsprachige Wikipedia an, die sich neutral zu Navarro Duráns Thesen verhält:

»In diesem speziellen Fall entspricht die von Laienphilologen hergestellte Netzöffentlichkeit von Wikipedia durchaus den Standards der von Habermas idealtypisch konstruierten vernunftbasierten Struktur der bürgerlichen Öffentlichkeit, besser jedenfalls als die monologische Nutzung des Internets durch die Fachphilologen.«

Auch die Neuübersetzung von Hartmut Köhler, die 2006 in einer zweisprachigen Ausgabe als Reclam-Heft Nr. 18481 erschienen ist, besteht weiterhin auf dem anonymen Verfasser. Köhler nennt den Flussgeborenen im Titel übrigens: »Klein Lazarus vom Tormes«, das klingt dann noch ein wenig pikaresker als die bisherigen Varianten, die ohne eingedeutschtes Diminutivum auskamen. Er erwähnt außerdem noch mal, dass der vorgebliche Autor Valdés schon 1532 gestorben, der »Lazarillo« aber erst 1554 erschienen ist. Die bisher angenommene Entstehungs­zeit müsste also en passant auch noch um zwei Jahrzehnte vorverlegt werden.

Das Anonymat wird übrigens auch von den Bibliotheken geschätzt, denn dann müssen sie ihre »Lazarillo«-Ausgaben nicht dauernd umsortieren, wenn wieder mal eine andere Autorvermutung hoch im Kurs steht.

(Bildausschnitt: Wikimedia Commons)


Volker Hages Kehlmann-Artikel vor Gericht

Konstanz, 6. Februar 2009, 17:27 | von Marcuccio

Literaturkritiker kennen sich aus im Gerichtssaal: Sie sind Ankläger und Anwälte der Literatur, fällen Urteile und gelten schon mal als »Dorfrichter Adam der Literaturszene« (Jochen Hörisch über MRR).

Aber wie gut kennen sich Gerichte eigentlich in der Literaturkritik aus? Danach fragt dieser Tage komischerweise keiner. Der Rowohlt-Verlag verklagt den »Spiegel« wegen Missachtung der Sperrfrist bezüglich des neuen Kehlmann-Buchs – eine Vertraulichkeits­erklärung hatte alle Empfänger eines Vorabexemplars verpflichtet, keine Besprechung vor dem 16. Januar zu veröffentlichen.

Die Feuilletons berichteten, am scharf­sinnigsten vielleicht die »Welt«, die feststellte, dass der Streitwert sicher nicht der vollen Konventionalstrafe (250.000 Euro) entspricht, »weil sich die verhohlene ›Ruhm‹-Rezension als Porträt tarnt. Insofern wird das Gericht sich auch zur Trennschärfe zwischen journalistischen Genres äußern müssen«.

Wohl wahr. Hochrichterlich verhandelt werden wird und muss also, zu welchen Teilen Volker Hage mit seinem Artikel eine Rezension und zu welchen Teilen er ein Porträt verfasst hat. Damit hat das Gericht etwas zu klären, was nicht mal innerhalb der Literatur­berichterstattung selbst klar ist, denn die Grenzen zwischen Personality und echter Kritik sind ja seit Jahren eigentlich an vielen Stellen fließend. Auch eine spezifische Genre-Theorie der Literatur­berichterstattung existiert bislang nicht, es gibt so gut wie keine Fachliteratur zum Thema.

Das Pikante an der Sache: Ausgerechnet (der symbolisch angeklagte) Volker Hage könnte vom Gericht nun als Sachver­ständiger, als Gutachter seiner selbst herangezogen werden. Für den August ist bei Suhrkamp nämlich sein Kompendium über »das breite Spektrum journalistischer Beschäftigung mit Literatur« angekündigt.

Und egal wie das Urteil ausfällt, die schriftliche Urteils­begründung wird ein prima Plädoyer für Hages Buch über Literatur­journalismus sein – die »Tätigkeit, die sich keineswegs nur auf das Rezensieren von Büchern beschränkt, sondern zugleich Textformen wie Porträt, Interview, Glosse, Leitartikel, Debatten­beiträge oder Nachrufe umfaßt. Ein solcher Leitfaden – nicht zuletzt für Studenten und Journalistenschüler – hat bisher gefehlt.« (Kurzbeschreibung)

Wenn sich das Gericht zur Prüfung der täterlichen Genre-Tatsachen jetzt nicht sofort ein Vorabexemplar kommen lässt, dann weiß ich auch nicht.

Und was ist eigentlich mit der FAS? Immerhin erschien der große Kehlmann-Report (in der Nr. 2/2009 vom 11. Januar) ja auch vor dem Erstverkaufstag 16. 1. – was die Frage aufwirft, ob hier entweder eigene Sperrfristen galten oder ob es mit der Institution Erstverkaufstag sowieso nicht so weit her ist, wie Rowohlt behauptet. Das Thema Sperrfrist brodelt also weiter – siehe auch den PT-Essay von Ekkehard Knörer.