Archiv des Themenkreises ›Buchbuch‹


Notizen:
Helmut Krausser: Tagebücher Januar 01—März 03

Paris, 3. Juni 2009, 15:22 | von Paco

»Bei den von dir markierten Stellen
Wusste man nie, warum sie’s war’n«

(Jens Friebe)

In einem Antiquariat im 5ème habe ich letzte Woche Helmut Kraussers Tagebuch des Oktober 1997 (belleville 1998, nummeriertes Exemplar Nr. 356) entdeckt, fand das sehr schön und habe es gleich mitgenom­men, 4,50 Euro.

Darin lagen überraschenderweise zwei doppelt ineinander gefaltete A4-Blätter, billiges Druckerpapier, auf dem jemand (ein Kritiker? ein Fan? ein Student?) ein paar Inhaltsangaben zu anderen Krausser-Tagebüchern aufgelistet hat (Arial-Schrift, ca. 12 Punkt, Schriftbild schon etwas verblichen). Es handelt sich um die Diarien vom Januar 2001, Februar 2002 und März 2003. Notizen zum Oktober 1997 selbst sind nicht dabei.

Die in den Aufzeichnungen wiedergegebenen Zitate (ruppig aus ihren Kontexten gerissen, aber wenigstens meist mit – von mir nicht überprüften – Seitenangaben versehen) wurden vielleicht alle aus einem bestimmten Blickwinkel heraus gesammelt. Auch wenn es sich also nur um eine subjektive Auswahl handelt, blitzt beim Lesen oft genug die bonmotische Kraft und Ironiefähigkeit (hehe, vgl. dann die Notiz zum 12. März 2003) des Tagebuchautors Krausser durch.

Ich fand die Listenlektüre jedenfalls sehr super, und die sofort auf­brandende Frage: »Wer bitte hat sich solche Notizen gemacht?« ließ mich nicht mehr los. Ich habe die Blätter heute alle abgeschrieben und gebe deren Inhalt hier ab morgen wieder, ohne Gewähr für deren korrekte Wiedergabe. Alles sollte aber so transkribiert werden, wie ich es auf den Blättern gefunden habe. Ich kann die Krausser-Zitate leider gerade nicht in den entsprechenden Tagebüchern selbst nachprüfen, weil ich sie nicht vor Ort habe. Mir kryptisch oder unverständlich erscheinende Stellen habe ich as is mit abgeschrieben. Ansonsten habe ich im Januar ’01 und im März ’03 zwei Passagen ausgelassen, ohne dafür jetzt hier im Einzelnen die Gründe angeben zu wollen.

Außerdem weggelassen habe ich »Kap[itel?]«-Angaben, die an einigen Stellen handschriftlich angebracht worden sind. Meist in Bezug auf Tage, in denen Krausser über Filme geschrieben zu haben scheint. Vielleicht handelt es sich bei den Aufzeichnungen also um eine Materialsammlung zum Thema »Krausser und der Film« o. ä.

Inhalt (ab morgen)

Januar (Tagebuch des Januar 2001)
Februar (Tagebuch des Februar 2002)
März (Tagebuch des März 2003)

 


Das Kleiderproblem

London, 28. Mai 2009, 13:56 | von Dique

»Auch zur Polizei hatte Irrsigler ja nur gehen wollen, weil ihm mit dem Beruf als Polizist das Kleiderproblem als gelöst erschien.«

Einen Uniformberuf wählen, um das Kleiderproblem zu lösen, was für ein Ansatz! Irrsigler ist eine Figur aus »Alte Meister« von Thomas Bern­hard, ein Museumswärter im Wiener KHM. Diese Art livrierter Mitarbei­ter ist überhaupt spannend (also natürlich völlig unspannend), jetzt mal ganz allgemein, diese Leute, die da den lieben langen Tag neben diesen Bildern stehen, auf Stühlen neben Türen sitzen oder langsam durch ein paar Museumsräume schleichen.

Manche wissen dann auch ganz gut über die hauseigene Sammlung Bescheid. Nach all den Jahren haben sie sich einen Wissensschatz angeeignet, immer wieder Führungen gesehen, Diskussionen haus­eigener Experten vor den Bildern vielleicht auch, vielleicht auch ein bisschen selbst etwas angelesen, sie besitzen aber normalerweise keinerlei Referenzwissen.

Mir passierte das neulich im Hampton Court. Der Wärter, der eben noch eine tolle Story über eines der Bilder erzählte – er kam ungefragt, nachdem er uns sehr lange vor einem bestimmten Bild stehen sah –, hatte überhaupt keine Peilung von ähnlichen Bildern aus der National Gallery zum Beispiel, obwohl das so offensichtlich war, besonders nachdem er derart passioniert über jenes eine Bild im Hampton Court gesprochen hatte.

Bei dem Bild handelt es sich übrigens um das Vollportrait einer jungen, wohl schwangeren Frau. Man geht mittlerweile davon aus, dass es sich um Elisabeth I. handelt, welche zu dieser Zeit gerade unehelich schwanger war, und der Sohn sei kein anderer als Francis Bacon. Das Bild ist ein Schlossdachbodenfund, es schlummerte dort quasi Jahr­hunderte und es gibt dazu keinerlei Dokumentation, but that’s a different story.

Die Figur des Irrsigler ist jedenfalls ein sehr gutes Abbild dieses zu­meist im älteren Semester befindlichen uniformierten Museumsperso­nals. Tja, und wir haben in unseren Jobs oder Funktionen immer noch das Kleiderproblem, so geil, das Kleiderproblem.


Montaigne, übersetzt aus dem Japanischen

Paris, 20. Mai 2009, 02:14 | von Paco

Montaigne, ca. 1578 (Quelle: Wikimedia Commons)Heute endlich mal wieder den Zeitungs- und Magazin-Stapel verarztet. Im »Nouvel Obser­vateur« von vor 2 Wochen (7. Mai) fand ich (auf S. 107) einen kurzen Artikel über zwei neue Montaigne-Übersetzungen – ins Französische. (« Montaigne traduit du japonais »)

Der Artikel kreist um die Frage, ob Montaignes Essais (die ersten Bände erschienen 1580) nicht in einer Art Fremdsprache geschrieben seien. Michel Onfray, der eines der beiden frisch erschienenen Bücher bevorwortet hat, diagnostiziert gar (im Ton von Dr. House, wie der »Nouvel Obs« schreibt), dass Montaignes Französisch nachgerade zu den toten Sprachen gehöre. Montaigne braucht Botox!, schreit es also aus dem Text, bevor dann natürlich die obligatorische Kritik an einer solchen Unternehmung folgt (Tenor: Was soll das, bitte schön???).

Die erste geupdatete Version (von André Lanly, bei Gallimard) hatte nun langweiligerweise den Urtext als Vorlage, der sprachlich einfach modernisiert wurde. Bei der zweiten Version (Pascal Hervieu, bei Flammarion) handelt es sich dann aber technisch gesehen um eine echte Übersetzung. Als Vorlage für die Neufassungen zweier ausge­wählter Kapitel der Essais (»De l’expérience« und »Sur des vers de Virgile«) diente die Übersetzung ins Japanische.

Übersetzungsspiele mit maschinellen Translatoren wie Babel Fish sind immer gut für einen Scherz zwischendurch. Im vorliegenden Fall FRA–JAP–FRA hat sich aber ein menschlicher Übersetzer mehrere hundert Seiten vorgenommen, damit sich durch das Prinzip ›Stille Post‹ die blumige Schwerfälligkeit des Originals verflüchtige. Diese Übersetzung der Übersetzung bleibt jedoch als typisch romantische Potenzierung trotzdem vor allem ein luxuriöses Spiel.

In einem ähnlichen Fall hatte man jedenfalls schlagendere Gründe: Als 1823 zwei Franzosen die 1805 erschienene, von Goethe angefertigte Diderot-Übersetzung »Rameaus Neffe« in die Originalsprache rück­übertrugen, taten sie dies, weil das französische Originalmanuskript nicht lokalisierbar war (wurde erst 1891 gefunden).

Quoi qu’il en soit, vielleicht ist es alsdann auch einfach mal an der Zeit, irgendwelche deutschen Klassiker aus einer exotischen Sprache rückzuüber­setzen. Gryphius? Grimmelshausen? Oder einfach mal Kant? Oder, wenn wir mit Montaigne im 16. Jahrhundert bleiben: Vielleicht über­setzt einfach mal jemand die Lutherbibel zurück ins Althebräische bzw. Altgriechische?

(Bildquelle: Wikimedia Commons)


Dique — Das Interview

Paris, 18. Mai 2009, 12:00 | von Paco

Auf Wall of Time ist heute in der Reihe »Time traveler’s wisdom« ein großes Interview mit Le Dique erschienen, der hier beim Umblätterer vor allem für pindarische Sprünge und bisher nicht existierende Zusammenhänge zuständig ist. Hier zwei Auszüge aus dem Gespräch:

Zur Wirkungsgeschichte der Slayer-Platte »Reign in Blood«:

»Ich denke, wenn Stefan Zweig das noch erlebt hätte, hätte er bei Insel noch eine seiner Sternstunden der Menschheit dazu veröffentlicht.«

Zur Überwindung des Zeitlochs beim Zähneputzen:

»Ja, das Zähneputzen sollte man ja mindestens drei Minuten tun und je nach Schriftsatz kann man in dieser Zeit ungefähr ein bis zwei Buchseiten konsumieren. Ich brauche aber für die Dentalpflege etwas mehr Zeit, weil ich vor dem Bürsten noch die Zahnzwischenräume reinige, mittlerweile nicht mehr mit Zahnseide, dazu braucht man ja zwei Hände und kann kein Buch halten, sondern mit diesen kleinen borstigen Reinigungsstäbchen, und schaffe also in dieser Zeit einen längeren Artikel oder einige Buchseiten

Das Gespräch gibt es auch als entzückend schön gesetztes PDF-Handout.

Dique zur Einführung:

The Best Newsagent (05/2007)
Der beste Investment-Essay aller Zeiten (09/2007)
Die FAS und die Tauben (01/2008)
Der letzte »Economist« (09/2008)
Der Vagina-Katalog (01/2009)
Im Halbschlaf (02/2009)
Im Apsley House (03/2009)

Usw.


Lazarillo, Hoffmann, ZERN, Gemäldegalerie, Bode

London, 11. Mai 2009, 21:48 | von Dique

Neulich kurz in Berlin gewesen, dort auf dem Flohmarkt endlich mal den Lazarillo von Tormes gekauft, welchen mir Paco immer wieder ans Herz gelegt hatte. Ich las ihn gleich auf der nächsten Kaffeehausbank in einem Zug, und er hat mir natürlich bestens gefallen.

Danach gleich noch von Hoffmann den »Meister Martin der Küfner und seine Gesellen« (was soll man auch sonst in Berlin machen?), auch sehr fein und die von uns neulich begonnene Liste der besten 100-Seiten-Bücher wächst. Wenn wir 100 beisammen haben, geben wir einen entsprechenden Kanon heraus. Goldschnitt, Lesebändchen, säurefreies Papier, gedruckt bei Alfred A. Knopf.

Dann zur Eröffnung in die ZERN Gallery, obwohl ich kaum noch was erkennen konnte, nach all der Leserei. Dort war auch Ingo Niermann, und ich erzählte ihm von der hier berichteten Drill/Vril-Verwechslung, er freute sich aber mehr über die Erinnerung an den Auftritt von Gilbert & George (ebenda). Gesa Johanna Roskamp erinnerte mich an Pontormo und das wurde mit Wohlwollen quittiert.

Am nächsten Tag in der Gemäldegalerie zur Rogier-van-der-Weyden-Ausstellung, danach die italienische Reproduktionsgrafik von Mantegna bis Caracci. »Gibt es zu der Ausstellung einen Katalog?« »Nein.« »Mist.«

Dann noch schnell ins Bode-Museum, um das Flaxman-Relief anzuschauen, ultraklein für die Größe, mit der es überall in diesem Berlin beworben wird, aber trotzdem sehr schön. Wobei das Schönste im Bode immer noch diese wunderschöne Dorothea-Terrakottafigur von Andrea della Robbia ist.

Diese altarmäßige Präsentation und diese schöne Figur, welche durch das Material so weich wirkt, sieht fast aus wie Holz und ist mal eine angenehme Abwechslung zu den sonst meist weiß-blauen glasierten Reliefs des della-Robbia-Clans.

Usw.


Das Feuilleton schwänzt den Walser-Wandertag

Konstanz, 27. April 2009, 14:06 | von Marcuccio

Was dem Dique seine RoRoRo-Monografien, sind mir ja die Suhrkamp-Prachtbände »Sein Leben in Bildern und Texten«. Okay, sie passen eher auf Tische als in Taschen, und hinein kommt auch nur, wer zwingend altgedienter Suhrkamp-Backlist-Autor ist: Also Hesse. Brecht. Und natürlich Walser, Robert, nicht (mehr) Martin.

Doch schon mit diesen wenigen Großkalibern haben sich mir ganze Ikonografien deutscher Literaturgeschichte ins Gehirn gefräst: Hesse mit Strohhut und Gartenfeuer, Brecht auf Frischs Letzibad-Baustelle in Zürich – und eben Robert Walser mit Schirm und Hut am Rand der langen, leeren Straße.

Es ist DAS Bild des Spaziergängers Robert Walser, oder muss man sagen: des von seinem Vormund zum Spazierengehen abgeholten Anstalts-Insassen Robert Walser? Das Foto, aufgenommen von Carl Seelig am 23. April 1939, wurde dieser Tage 70 Jahre alt. Aber was macht das sonst so jubiläumsgeile Feuilleton? Es schwänzt diesen Wandertag.

Dabei war es doch ein großer Tag: »Wir machen den Weg Herisau–Wil, ständig plaudernd, in dreieinhalb Stunden«, schreibt Seelig, und weiter: »Er läßt sich auch ohne Widerstand fotografieren. Ich bin baff. Es macht ihn glücklich und lustig, daß wir die 26 Kilometer so schnell hinter uns gebracht haben, nur mit einem Vermouth als ›Benzin‹.«

Und naja, in Wil wurde natürlich, wie immer bei solchen Gelegen­heiten, noch zünftig eingekehrt: »Wir essen ›Im Hof‹, haben gewaltigen Hunger und kehren nachher von einer Wirtschaft zur anderen ein. Im ganzen waren es fünf.« So halb stolz, halb betreten konnte es nur ein Carl Seelig protokollieren, wahlweise auch mit Speisenfolge, Rotweinsorten, Walsers Worten zu den Serviertöchtern.

Solange »Der Vormund und sein Dichter« nicht endlich mal wieder gesendet wird, bleibt »Robert Walser. Sein Leben in Bildern und Texten« die einzige Alternative zum Nachwandern durch Text und Bild, herausgegeben und gestaltet von dem wie immer unermüd­lichen Bernhard Echte.


Schöner lesen

Konstanz, 25. April 2009, 09:01 | von Marcuccio

Unter der Hand entwickelt sich die taz zur führenden Zeitung für die Berichterstattung von und zu Lesungen. Immerhin war es auch ein Artikel der taz, der mich anno 2004 zu meinem ersten »Tropen«-Buch verführte.

Weiter war es die taz, die Walsers Krawatten-Kampagne unter die Lupe nahm, und auch gestern war es wieder die taz, die mit gleich zwei Genrestücken aus der Welt des gelesenen Buchs bestach. Programmatischer Titel: »Die Fans und die Kritiker«.

Zunächst Judith Luig über Jonathan Franzen: Na gut, der zu Anfang gezogene Vergleich »Die Lesung … beginnt wie ein Pop­konzert« ist ein Topos, von dem sich das Lesungsrezensionswesen langsam ruhig mal emanzipieren könnte – sollte! Aber der Schluss ist schon richtig, richtig gut, weil eben einfach wirklich Pop, und zwar ohne Konzert: »Fast hat man das Gefühl, man sei selbst ein bisschen lebendiger geworden, weil man ihn an diesem Abend erlebt hat.«

Dann »Alles über Alice« – Wiebke Porombka über Judith Hermann, deren »Gespenster«, wiewohl 2007 noch mal im Kino, auch schon wieder 6 Jahre her sind: »Sechs Jahre … in Literaturbetriebs­kreisen eine halbe Ewigkeit.« Jetzt, endlich bald, kommt das neue Buch, und deswegen, so Porombka plausibel, war’s auch »rappelvoll«, und zwar mit namhaften Kritikern:

»fast wäre es hier und da zu kleinen Handgreiflichkeiten gekommen, weil diejenigen, die nur noch auf den improvisierten Gartenstühlen, halb zwischen Gang, Bar und Tür geklemmt sitzen konnten, sich der freien Sicht auf die lang entbehrte Autorin beraubt sahen.«

Herrlich. Und ungemein treffend, witzig und richtig Judith Hermanns seit Stuckrad-Barres »Livealbum« ja auch nicht mehr so oft gelesene Bemerkung, sie müsse sich »für solche Gespräche erst wieder ein bisschen konditionieren«. Trainingsauftakt, erstes Testspiel für die jetzt anstehende »Alice«-Saison: 18 Spieltage gegen den gleichen Gegner (»Ist das autobiografisch?«), und Judith Hermann sucht noch nach ihrer Form. Das werde, will ich heute um 20:05 Uhr im DLF unbedingt nachhören.


Curb Your Michelangelo

London, 24. April 2009, 08:00 | von Dique

Das »Jen Cafe« kann nur dem Namen nach Kaffeehaus des Monats werden, es gibt jedenfalls keinen Kaffee. Es ist eine kleine chinesische Snackbar und hat sehr gute Beijing Dumplings. Dort sitze ich und lese eines dieser weißen Phaidon-Bücher, über Michelangelo, und neben mir sitzt ein amerikanisches Pärchen.

Ob ich denn wisse, dass Michelangelo auch Gedichte geschrieben habe, fragt mich der Mann, als er sieht, was ich lese. Später sagt er noch, dass er immer, wenn er in London ist, auf ein paar Dumplings ins Jen Cafe gehe, schon seit Jahren. Und noch später unterhalten wir uns kurz über »Curb Your Enthusiasm«, weil irgendetwas »Curb« war, ich habe nur vergessen, was. Ich rede sehr gern mit Amerikanern, weil wirklich alle Seinfeld kennen und zumeist auch »Curb Your Enthusiasm«. Mit Detailkenntnis, da muss man nichts erklären.

»Michelangelo, Bildhauer in Rom«, so unterschrieb er häufig seine Korrespondenz. Außerdem schrieb er Sonette, und manchmal war er ein Spaßvogel. Die kleine rororo-Bio (die ältere von Heinrich Koch, nicht die neuere von Daniel Kupper) bringt folgenden Auszug aus einem Brief an seinen Vater. Michelangelo ist in Bologna, wo die Pest tobt, und anscheinend hat ihm der Vater vorher brieflich einige altkluge Belehrungen über die Krankheit zukommen lassen, woraufhin er jetzt antwortet:

»Du schreibst mir von einem gewissen Arzt, Deinem Freund, der Dir gesagt hat, daß die Pest eine böse Krankheit und tödlich sei. Es ist mir wertvoll, das zu erfahren; denn hier grassiert sie stark, und diese Bologneser sind noch nicht dahinter gekommen, daß man daran sterben kann. Deshalb wäre es gut, wenn er hierher käme, denn sicherlich kann er sie durch seine Erfahrungen belehren. Das wäre für sie bestimmt äußerst nützlich.«

Usw.


Lektüreliste:
Aira, Waugh, da Vinci

London, 22. April 2009, 08:09 | von Dique

Gerade César Aira beendet, »Humboldts Schatten«. Eine waschechte Novelle, die inhaltlich stark an Kehlmann und seine »Vermessung der Welt« erinnert (und auch zwei Jahre vor ihr auf deutsch erschienen ist). Die Konstellationen entsprechen sich deutlich: Dort Humboldt als großer Checker mit Bonpland als Schattengänger, ähnlich hier das Verhältnis zwischen Rugendas und Krause. Rugendas befindet sich im Fahrwasser der ersten großen Brasilienmaler aus dem Gefolge des Moritz von Nassau, Frans Post und Albert Eckhout, aber das erwähnen weder Aira noch Ottmar Ette im gelehrten Nachwort.

Außerdem gelesen: Evelyn Waughs Bericht aus Abessinien, »Befremdliche Völker, seltsame Sitten«. Er war dort bei der Krönungsfeier von Haile Selassie, und das ist schon sehr stark. Waugh gibt sich immer dezent distanziert gegenüber all den irren Dingen. Definitiv eine der Christian-Kracht-Quellen für seine Reisenummern. Die Ausgabe der »Anderen Bibliothek« ist auch sehr schön, grüner Samt mit blauen Tupfen.

Und hatte ich schon von »A Handful of Dust« berichtet? Auch von Waugh, der Titel natürlich ein Zitat aus »The Waste Land«. Das Buch selbst ein britisches upper/middle-class-drama, welches dann aber im Dschungel Brasiliens endet: Der sehr passive Protagonist, Anthony Last, hat sich von seiner Frau betrügen lassen und sich auf der Suche nach Sinn mit dem schrägen Scharlatan, Dr. Messinger, auf eine Brasilien-Expedition begeben.

Er hängt dann in einem Indianerdorf in Brasilien fest, der Mitreisende Dr. Messinger ist umgekommen, und Tony überlebt mehr oder weniger durch Zufall, weil er auf einen Indianerstamm stößt. Dieser befindet sich unter der Führung des mysteriösen Mr. Todd, welcher einige Colonel-Kurtz-Anleihen aufweist. Der immer sehr höfliche und ruhige Mr. Todd lässt Tony nicht mehr weg, denn er braucht ihn, damit er ihm Dickens vorliest, denn er selbst kann nicht lesen.

Irgendwann entdeckt Tony das Grab seines Vorgängers, welcher im Dschungel verstarb, und so fristet er als Vorleser sein Dasein bis ans Ende seiner Tage. Das erinnert auch wieder ein bisschen an Kracht, das Ende von »1979«, hier bei Waugh ist es zwar kein Umerziehungslager, aber irgendwie auch eine Art lebenslängliche Lagerhaft.

Außerdem las ich die RoRoRo-Bio zu da Vinci, und die war wirklich gut, von Kenneth Clark geschrieben, sehr guter Mann anscheinend. Da Vinci auch edel, nichts fertig gemacht, alles angefangen, Dandy und Eigenbrötler, ein hervorragender Typ, vor allem im Vergleich zu diesen Idealtypen, zu denen Michelangelo zählt, aber eigentlich auch nicht wirklich, vielleicht gegenüber dem Typus Alles-Gelinger à la Rubens.

Las das Buch eigentlich nur als Anwärmer, bevor ich mich mehr auf den da-Vinci-Umkreis in Mailand stürze, Luini und Boltraffio, welche mir sehr gut gefallen, indem sie dieses weiche Lächeln der Leonardo-Madonnen kopieren wollen und dabei aber ihre eigenen Quirks aufweisen. Clark bürstet beide und auch den Rest des da-Vinci-Umfeldes gnadenlos ab, nicht mal zweite Reihe seien die alle, aber gut, das würde ich auch erst mal so hinschreiben.


Grimmelshausen in der FAS

Paris, 21. April 2009, 07:53 | von Paco

Hä? Häää? Ist das der zweite Teil des am 27. Juni 2000 nur unvoll­ständig erfolgten Genom-Abdrucks in der FAZ? Endlich? Nein. Der komische Buchstabenbrei ist schönstes, frühstes, »sometimes very strange sounding« Neuhochdeutsch. Die FAS vom 5. April 2009 hat auf S. 31 des Feuilletons unter dem Titel »Die rothe Ruhr im Leib« eine ganze Seite Grimmelshausen abgedruckt.

Vor gerade ein paar Wochen hat Reich-Ranicki einer FAS-Leserin aus Wiesbaden versichert, dass er den Simplicissimus »nicht nur mit Gewinn, sondern auch mit Genuss« gelesen habe. Und diese Aussage hat dann vielleicht gleich den Takt für diese gelungene FAS-Kommandoaktion vorgegeben.

Es handelt sich bei dem Text um eine (leicht gekürzte) Kalender­geschichte aus dem Jahr 1675, die vor kurzem in einem Berliner Archiv entdeckt wurde. Sie ist gerade zusammen mit anderen simplicianischen Kalendertexten herausgegeben worden, aber die genauere Stellung innerhalb der Grimmelshausen-Forschung sei hier jetzt außen vor gelassen.

Inhaltlich geht es um eine sprichwörtliche Reise ans Ende der Nacht, in diesem Fall um den betrüblichen Weg in eine Vernunftehe hinein. Die Story setzt damit einen Kalendertext des Vorjahres fort (der offenbar nach wie vor verschollen ist).

Reichlich unbedarft, genau wie Célines Bardamu, lässt sich der simplicianische Ich-Erzähler in die Armee ziehen, nachdem ihn seine Tante vor die Wahl gestellt hat: reich heiraten oder zum Militär. Und leider hat der Simplicius auf der Liebe zum armen Lisel bestanden (wie romantisch) und muss nun den Soldatenrock überziehen.

Er beschreibt von einem geläuterten Standpunkt aus, wie ungeho­belt er sich der Zivilbevölkerung gegenüber verhält und wie ihn der Lohn für diese »kopffschütlens=würdige Helden=Thaten« bald ereilt, als sich die Truppe in der Gegend um Gerau am Rhein aufhält. »Mein Geltgen war fort«, jammert er, und es grassieren Fahnenflucht und Hunger, auch weil die Bauern aus der Umgegend samt Vieh vor den rüpelhaften Truppen geflohen sind.

Als eine Schar Reiter sich im Odenwaldgebiet aus den fortgetrie­benen Rinderherden bedienen will, wehrt sich eine Handvoll Bauern erfolgreich, obwohl sie in vielfacher Unterzahl sind. Der Erzähler wird dabei von einer Kugel getroffen und stopft die Wunde provi­sorisch mit Spinnweben. Er überlebt jedenfalls knapp, hat sich aber die »rote Ruhr« eingefangen und wird nur durch die Hilfe der rei­chen Madame von Daeldorp vor einer Schenkelamputation bewahrt.

Auf dem Krankenlager erkennt er schließlich seinen Fehler: dass er trotzig auf seiner Liebe zum armen Lisel bestanden hat. Und nach einer einfachen Kosten-/Nutzenrechnung (wie unromantisch) entscheidet er sich für die reiche Madame, obwohl ihm die Tante die Wahl nunmehr freigestellt hat. Lisel ist natürlich gnatzig, ebenso wie eine Handvoll Freier, die sich die Hand der reichen Daeldorp erhofft hatten.

Aber das macht dem Simplicius nichts aus, er hat auf gutbürger­liche Art und Weise ausgesorgt. Und schon nach einem Jahr wird ihm ein Junge geboren, und die Tante hat ihren Erben. Das Ganze ist so mit diesem naiven, hintergründigen Humor geschrieben wie der »Simplicissimus« und macht leicht süchtig, weß halb ich jetzo erstmalen eine Weill benöttigen werdt, biß ich auß dissem Lese=Moduss wider heraußen binn, hehe.