Archiv des Themenkreises ›Buchbuch‹


Carl Seelig und Robert Walser auf Badetour

Konstanz, 24. Juli 2009, 06:43 | von Marcuccio

Solange ein Carl Seelig tatsächlich noch keinen eigenen Wikipedia-Eintrag hat, werden wir hier nicht aufhören, von seinen Wanderungen mit Robert Walser zu berichten. Nach dem Wandertag vor 70 Jahren dann bald der Krieg, der Dichter und sein Vormund marschieren weiter, heute vor genau 65 Jahren:

»24. Juli 1944. Wanderung zum Bodensee. (…) Als wir die Kirche von Arbon erreichen, gellt Luftalarm. Vom gegenüberliegenden Bodensee-Ufer hört man Abwehrgeschütze krachen. Robert wird still. Wir verschwinden in einer Konditorei, um die Käse- und Rhabarberkuchen zu versuchen.«

Schon allein das ist Weltliteratur! Bombenkrieg in Friedrichshafen, und 15 km gegenüber, am Schweizer Ufer, ziehen sich Carl und Robert zur Tortenschlacht zurück. Es wird aber noch besser:

»Später Fischessen in einem Restaurant am See. Im anstoßenden Saal werden amerikanische Flieger verpflegt, robuste, breitschult­rige Burschen.«

Sind das jetzt die, die ihren Einsatz gleich noch fliegen? Oder die, die dabei schon unfreiwillig im See baden gegangen sind (und sich ans richtige Ufer gerettet haben)? Während man sich noch solche Fragen stellt, sind Seelig und Walser schon wieder einen Satz weiter:

»Wir gehen in der Badeanstalt schwimmen, wo wir die einzigen Kunden sind. Robert klettert mit dünnen Schenkeln auf das hohe Sprungbrett, steigt aber wieder herunter und bemerkt: ›Seien wir nicht zu kühn! Ich muß jetzt wohl auf solche Sprünge verzichten. Früher bin ich ja oft in einsamen Buchten bei Tag und Nacht geschwommen, besonders in Wädenswil und Biel. Aber jetzt bade ich nur noch selten. Man kann die Hygiene auch übertreiben.‹«

Wenn das kein Walser-Wort zur kognitiven Dissonanz ist, mit der wir die Szene heute lesen. Seeligs »Wanderungen mit Robert Walser« oder Der Versuch des Vormunds, am Ende selber der Dichter zu sein?

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Carl Seelig: Wanderungen mit Robert Walser. Frankfurt: Suhrkamp, S. 85f.

 


Der Eisbeutel-Effekt

Hamburg, 10. Juli 2009, 11:01 | von Dique

Nach der Lektüre seines Gesamtwerks lese ich nun nach langem Versäumnis endlich auch mal eine Perutz-Biografie. Darin steht ein schönes Zitat über einen Perutz-Roman, welches auch auf Pacos »Thanatos«-Erweckungserlebnis passt und irgendwie auch zu meinem Erlebnis neulich mit »Stine« und »Turlupin«, bei deren Lektüre ich dann doch irgendwann wieder mit hinweggerissen wurde:

»Und dann bekommt man auf Seite 128, auf der vorletzten des Buches, wie mit einem Eisbeutel, einen so merkwürdigen Schlag vor den Magen, daß man die unendliche Geschick­lichkeit des Geschichtenschreibers Perutz wieder bewundern muß.« (cf. hier)

Das Zitat stammt von Peter Panter alias Tucholsky, und da es sich aber schon fast auf den Schluss bezieht, erinnert es vielleicht eher an den ungeheuren Tempogewinn oder eher die Ungeheuerlichkeit der letzten 5 Seiten von »Grete Minde«. Als ich neulich Paco hier im Café Stenzel traf und meinte, dass ich bis vor dem Losgehen noch »Grete Minde« las und nur noch 5 Seiten fehlen würden, sagte er, dass ich noch gut schockiert sein würde, und ich grübelte die ganze Zeit, was da noch Überraschendes auf mich zu kommen könnte. Und was dann auf diesen letzten Seiten passierte, war dann der Eisbeutel-Effekt in Reinkultur.

Und hier noch ein lustiges Zitat aus einem Perutz-Brief:

»Triest ist jetzt von Hochzeitsreisenden überfüllt, die den ganzen Tag am Molo herumlungern und leere Tranfässer photographieren. Wer ihnen begegnet, den belästigen sie und verlangen 100 Auskünfte. Und wenn man glaubt, sie los zu sein, stellen sie sich vor. Sie fragen, ›komm ich hier wohl zum Kastell?‹, und man sagt z. B. ›Ja‹ und will weitergehen. Aber er läuft nach und packt einen beim Arm: ›Ich danke schön, mein Name ist Tille.‹ Heute haben mich zwei solche Kerle angepackt und verlangten: ›Ach, bitte, könnten Sie uns nicht in eine echte italienische Trattoria führen?‹ Ich habe mich gerächt und sie in die hiesige koschere Auskocherei geschleppt, und dort sitzen sie jetzt und fressen Scholet.« (S. 17f.)

Das ist doch auch sehr geil. Ein ziemlicher Hit ist außerdem – darauf machte das Buch gerade noch einmal in anderem Zusammenhang aufmerksam –, dass der Rebellenführer im »Marques de Bolibar« einfach mal der Gerberbottich heißt. Auch sehr schön, fast so schön wie der Malefiz-Baron im »Schwedischen Reiter«.

Viele Grüße,
Dique


Christa Wolf und Leo Perutz

Hamburg, 6. Juli 2009, 20:19 | von Dique

Vielleicht muss ich meine Meinung zu Christa Wolf ändern, denn neulich passierte mir Folgendes. Ich war in der Oper, Staatsoper, hier in Hamburg, allein. Ticket für einen billigen Platz (14 Euro), welcher mir als good value for money empfohlen wurde. Es gab die »Meistersinger von Nürnberg«.

Ich war noch nie so glänzend vorbereitet wie dieses Mal. Libretto einen Tag vorher gelesen und alle wichtigen Stellen vorgehört. Da die Inszenierung mit Pausen über 5 Stunden dauert, begann die Veranstaltung bereits 17 Uhr, und ich ging hinaus in die Gluthitze des Spätnachmittags, um meine Karte abzuholen.

Vor dem Kasseneingang stand ein Typ und wollte ein Ticket loswerden. Er sprach gerade Englisch mit zwei Damen, aber die wollten Karten für den nächsten Tag und benötigten sowieso auch zwei. Im Vorbeigehen hörte ich, dass er seine 67-Euro-Karte für 10 Euro anbot. Kurzentschlossen übernahm ich diese Karte und ließ mein Billigticket verfallen, denn die 67er war so ziemlich die höchste Preiskategorie, und ich saß damit Parkett, in der Mitte, weit vorn, wow.

Der Typ stellte sich als Österreicher heraus und saß dann auch neben mir. Er war mehr oder weniger wegen Wagner extra aus Wien angereist, sagte dann mit diesem herrlichen Wiener Akzent, dass er die »Meistersinger« seit über einem Jahr nicht mehr gehört habe, und »ich woihhht mir auch Hahhhmburg mal ansehhhhhn«.

Der Typ war selbst Hobbysänger und kannte sich auch sehr gut aus in Opernsachen. Außerdem schleppte er »Erniedrigte und Beleidigte« von Dostojewski mit sich herum.

In den Pausen immer wieder ein bisschen Klatsch und Tratsch aus der Opernwelt, ich versuchte meine Wissenslücken mit der Erwähnung von glücklichen Highlightbesuchen in Spitzenhäusern wie der Royal Opera und der Met auszugleichen, und der Typ wusste dann auch immer gleich, wer da welchen Part bei den entsprechenden Vorstellungen gesungen hatte. Ich erwähnte natürlich auch die beinahe unzähligen Besuche meiner Lieblingsoper »Turandot«, nur um zu hören (wieder mit wienerischer Betonung), »ja, für den Kahhlahhf gibt’s ja im Momeeennt gar keine Stiemmme«.

Wir sind dann nach der Oper noch essen gegangen und unterhielten uns über alles Mögliche, bis ich, wie immer, irgendwann Leo Perutz erwähnte, der ja auch irgendwie Wiener war, und irgend etwas passte jedenfalls und verleitete zu einem pindarischen Sprung. Ich beschrieb dann ungefähr, was Perutz gemacht hat – denn der Hobbysänger hatte noch nie von ihm gehört –, also, dass er häufig bei historischen Ereignissen im historisch wenig bis ungeklärten Raum Nebenrollen platzierte, und den Sänger erinnerte das doch tatsächlich an: Christa Wolf. »So wie Christa Wolf in Medea«, sagte er.

Christa Wolf und Leo Perutz, was für eine Combo. Aber »Medea« werde ich nun mal lesen müssen, der Rest von C. Wolf gefiel dem Herrn Sänger auch nicht so richtig.


»Thanatos«, Seite 311

Paris, 3. Juli 2009, 22:30 | von Paco

Gute Twists zu schreiben ist nicht einfach, wenn es neben dem Effekt auch noch um so etwas wie Stil geht, also außerhalb von Kriminal- und Kolportageromanen. Einen der besten abrupten Handlungswechsel hat sich Helmut Krausser ausgedacht. Der Twist passiert auf Seite 311 seines Romans »Thanatos« (1996).

Ich habe ihn im Frühjahr 1998 gelesen, in der Luchterhand-Original­ausgabe. Abgesehen von der herausragenden Story (schon der aus­gedachte Fund einiger unbekannter Fragmente zum »Heinrich von Ofterdingen« ist der Hammer) und überhaupt diesem ganzen post­romantischen Wahnsinn, der in einer Orgie alternativer Szenen endet, gibt es eben noch diese Seite 311, auf der das Unfassbare passiert.

Paralysiert liest man weiter, achtet jetzt auf ganz andere Details, ist ein anderer Leser geworden, und damit hat Krausser einige offene Probleme der Frühromantik nachträglich doch noch gelöst (die Theo­retiker um 1800 hatten es ja nicht so richtig geschafft, ihre hehren literarischen Ideen in schöne Romane umzusetzen).

In den folgenden Jahren habe ich jeden, der mal wieder nach einem schönen Buchtipp fragte, auf »Thanatos« verwiesen und diesen Hin­weis mit der Aussicht auf die Seite 311 drastisiert. Stets waren alle sofort Feuer und Flamme und haben oft noch am selben Tag das Buch gekauft. Mein eigenes Exemplar habe ich damals verliehen und nie wiedergesehen (Dique? Millek? Marcuccio?).

Ein paar Jahre später traf ich einen alten Freund wieder, und irgend­wann kam das Gespräch auf meine Buchempfehlung von damals, die ich selber fast vergessen hatte (ich empfahl da mittlerweile ein anderes Buch, »Mein Esel Bella« von Lorenz Schröter). In seiner vollständigen Form ging der Dialog so:

– Ich hab jetzt mal Thanatos gelesen, nicht schlecht, aber auf der von dir so gefeierten Seite 311 passiert ja gar nichts.

– Echt nicht?

– Nee, ich hab extra drauf geachtet.

– Äh, hast du vielleicht die Taschenbuchausgabe gelesen?

– Ja, ich glaube.

– Ach so, dort passiert es auf Seite 320.

– Ach echt, gar nicht mitgekriegt.

 


Immer wieder Perutz, immer wieder Fontane

London, 20. Juni 2009, 11:05 | von Dique

Ich habe jetzt den letzten mir fehlenden Perutz-Roman gelesen, »Turlupin«. Er spielt in Paris zu Zeiten Richelieus. Während des ersten Drittels des Buches war ich ein bisschen perutzmüde und las so dahin, aber irgendwann packte es mich wieder, und ich frage mich, wie er das macht, wie er das immer wieder schafft. Die Story ist erste Sahne, wie gewöhnlich, dazu dieser Style, der fliegt so dahin, das ist ein wahrer Traum.

Neulich las ich auch mal wieder Fontane, das muss ich einfach immer mal machen (im Archiv nennen sie mich schon Fonty, hehe). Ich hatte irgendwo auf dem Flohmarkt »Stine« gekauft und las es dann ein paar Tage später im Zug. Auch bei Fontane geht es ja oft ein bisschen lahm los und ist dann eben dieser Fontane-Style, und dann dachte ich mir, meine Fresse, jetzt lese ich schon wieder Fontane. Im Zeichen der Leseökonomie sollte ich doch lieber in die Breite lesen, um mehr andere Autoren abzudecken.

Aber »Stine« ist ja nur eines dieser kurzen Bändchen (gern unter dem furchtbar klingenden Schirm »Berliner Frauenromane« geführt), ein paar dutzend Seiten war ich jedenfalls im Zweifel mit meiner Lektüre, ärgerte mich, dass ich nichts anderes eingesteckt hatte, aber plötzlich hatte ich wieder diesen Fontane-Moment. Das ist der Teil der Story, bei dem man einfach nur noch denkt: WTF!


Einsteins Briefe

London, 12. Juni 2009, 15:35 | von Dique

Gestern in der U-Bahn fragt unsere Praktikantin, was ich gerade lese. Ich habe ein Buch in der Hand, einen Suhrkamp-Sammelband mit Essays über H. P. Lovecraft, und den kennt sie jedenfalls nicht. Ich erzähle kurz, wer das ist und dass er so viele Briefe geschrieben hat.

Heute Mittag sagt sie dann zu mir, weil ich doch gestern das mit den Briefen erzählt habe, dass ihr jemand mal ein Buch mit Briefen von Einstein geschenkt hat, und einmal hatte sie überhaupt nichts mehr zu lesen, und dann hat sie aus Verlegenheit diese Einstein-Briefe gelesen, und die waren dann ziemlich gut.


Wie man Dankesreden für Literaturpreise schreibt

Konstanz, 10. Juni 2009, 07:05 | von Marcuccio

Eine symptomatische Szene aus dem deutschen Literaturbetrieb. Lesen konnte man sie bisher nur im Regionalfeuilleton (»Südkurier« vom 25. Mai 2009), aber sie hat eigentlich doch überregionale, um nicht zu sagen: www-Relevanz:

Annette von Droste-Hülshoff, Porträt von J. J. Sprick, 1838 (Quelle: Wikimedia Commons)Die Ausgangslage ist menschlich, allzu literatur­betriebsmenschlich: Schriftstellerin (in diesem Fall: Marlene Streeruwitz) erhält Literatur­preis, mit dessen Namensgeberin (Annette von Droste-Hülshoff) sie nicht wirklich etwas anfangen kann. Für 6000 Euro Preisgeld wird sie aber trotzdem eine Dankesrede halten und darin irgendeine Beziehung zu der Dichterin finden müssen. Also schaut sie halt mal ins Netz, landet im Gutenberg-Portal bei SP*N und liest den dort eingestellten Lebenslauf der Droste. Über diese »Recherche« schreibt sie, und fertig ist die Dankesrede.

Aber halt! Wer jetzt gleich wieder schreit »Hungert sie aus! Streicht den deutschen Autoren alle Stipendien und Preisgelder!« – der hat eine kleine Sternstunde im Dankesreden-Theater verpasst. Denn Streeruwitz spart sich alles Alibi-Gequatsche von wegen Identifikation mit der Droste: »Das kann ich nicht.« Stattdessen dekonstruiert sie einfach den 10-Zeilen-Lebenslauf der Droste bei Gutenberg@SP*N – sehr gut! Man hätte gar nicht für möglich gehalten, dass die Kurzbio­grafien in dieser Online-Frische-Box für Literatur so gammelig sind:

»Da heißt es. Zitat: ›Seit 1841 lebte sie meist am Bodensee. Dort erfuhr sie eine halbmütterliche Liebe zum 17 Jahre jüngeren Levin Schücking. Sie starb am 24. Mai 1848 in Meersburg am Bodensee.‹

Also. Die halbmütterliche Liebe wird erfahren. […] Die Frau, die eine Liebe erfährt. Das relative Verbum ›erfahren‹ beschreibt im Akkusativobjekt das, was erfahren wird. Hier ist es eine Liebe. Die Liebe dringt als Erfahrung über das Verbum selbst auf das Subjekt ein. […] Das Subjekt ist das Bedeutungsobjekt des grammatikali­schen Objekts.

In dieser Verdrehung wird die Entmächtigung des Subjekts vorge­nommen. […] eine Darstellung, die vollkommen von außen be­stimmt ist. Die Landschaft. Die Liebe. Die Halbmütterlichkeit. Der 17 Jahre jüngere Mann und dann gleich der Tod. So wird über Beschreibung eine Person vollkommen ihres Werks beraubt. Sie wird in minderwertige Kategorien des Geschlechts und der Lebens­führung eingeschrieben.

[…] Über diesen heutigen Text kann ich mich dann sehr wohl mit Annette von Droste-Hülshoff identifizieren. Wir unterliegen aus­schließlich aufgrund unseres Geschlechts dieser Weiterschreibung, die die Männernamen fett druckt und die Frauennamen ins allge­meine zurückfallen lässt und darin die Wertung höchst selbstver­ständlich vorführt.

Ich bitte also die Droste-Gesellschaft, sich dieses Texts anzuneh­men. Denn. Neben der himmelschreienden Beraubung der Leis­tungen einer Person handelt es sich um einen Vorgang des Anti­demokratischen. Vielen Dank.«

Okay, das mit den fetten Männernamen (sie sind halt als Links mar­kiert!) wäre ein eigenes Tagungsthema für die feministische Literatur­wissenschaft: Geschlechterspezifische Hypertext-Hierarchien oder so ähnlich …

Aber der passivisch fomulierte Lebenslauf der Droste ist wirklich un­säglich. Vielleicht sollten sich zukünftig einfach mehr Dankesreden für Literaturpreise an den Dichter-Biografien in Online-Datenbanken abar­beiten. Die Subventionskritiker könnte man damit sicher auch ein we­nig besänftigen, wenn im Literaturbetrieb nicht mehr nur abgestaubt, sondern auch ein bisschen entstaubt wird.

Bildquelle: Wikimedia Commons.
Die ganze Dankesrede gibt es auch bei rebell.tv.


Helmut Krausser: Tagebuch des März 2003

Paris, 6. Juni 2009, 10:52 | von Paco

(Anonym verfasste Inhaltsangabe. Ohne Gewähr. Siehe Einleitung.)

H. Krausser: März – Tagebuch des März 2003. München, belleville, 2003.

1.3.: Erfindet die Abk. Fugäzo für Fußgängerzone. "2002/2003: mein bestes Stück, mein bester Roman, mein bester Gedichtband. Nun geht’s bergab, das wird lustig." Nimmt jede Lesung an: "Ich werde alt und brauche das Geld."

2.3.: Schaut DSDS. Aphorismen am Bsp. "Stichwortkartenhochhal­terin" Suzanna/Harald Schmidt: "Nein, die Menschen waren früher nicht weniger dumm, inzwischen wurde ihnen jedoch eingeredet, sie dürften es sein, ohne sich schämen zu müssen." Gedanken zur Übersetzung eines Gedichtes von Robert Frost. Anläßlich Übersetzungsproblemen: "Gedichte sind Geschenke an die Muttersprache. Man kann es nicht oft genug sagen." (20) [handschriftlich dahinter:] x x x SUPER!!!

3.3.: Benutzt weiter Fugäzo: "ist doch nicht so schlecht, das Wort, klingt wie: puh, geht so".

4.3.: Fast alle Ziele erreicht, die er einmal hatte, & das TaBuProjekt ist ja wirklich bald zu Ende. Zitiert aus Hemingways Die grünen Hügel Afrikas. Größenwahn wegen UC: "Ständig erbleiche ich vor mir, bete mich an, opfere mir, kreische und tobe, küsse jedes Wort wie einen Gottesbeweis, fühle, wie das Universum unter jedem meiner Sätze etwas kleiner wird" usw. (28)

5.3.: Hat in den letzten Monaten alle Max-Goldt-Bücher gelesen ("ein großer Autor").

6.3.: "Die erste Kritik zu UC bekommen, Spiegel Online. Sehr gut. Die restlichen werde ich nicht lesen." (35) Arbeit an einer Cäsar-Version, überlegt, nach dem 3. Akt abzubrechen, da Akt 4 & 5 "entweder nicht aus der Feder Shakespeares stammen oder Jahre später von Schauspielern aus ihrer schummrigen Erinnerung niedergeschrieben wurden. Entstellt." (36)

7.3.: Autografensammler Ralph & Jaqueline, die begabte Ohrstecherin (41–44).

8.3.: Bezieht Stellung gegen die "verblödungsgesellschaft" (49). Anläßlich Chaplin & seinen 10 Kindern: "Kinder sind scheiße für die Kunst." (50)

9.3.: Kündigt nächsten Gedichtband an, der aus rechtlichen Gründen nicht Nachtkonzert heißen darf. Schaut African Queen.

10.3.: Besuch im Tierpark. American Psycho II aus der Videothek ("der letzte Trash").

11.3.: Zum Irakkrieg, gegen die Demonstranten, die "Happenings politischer Naivität" feiern, will sich aber auch nicht für den Krieg aussprechen und zieht sich auf seine "Chronistenpflicht" zurück. "Konstantin W. behauptet, im Irak wünsche sich kein Mensch, befreit zu werden. Ich glaube, für sowas wie ihn müßte man den Begriff Friedensverbrecher erfinden." (58) "Und neue Sirupsorten von Monin, die kulinarische Signifikanz dieser Saison." (59)

12.3.: "Ich würde gerne mal lesen, daß ich ein sehr ironiefähiger Autor bin." (61) Zerlegt den Anfangssatz von Kafkas Prozeß, weil er ihn für nicht schlecht, aber auch nicht für genial hält. Er findet K., der "ohne daß er etwas Böses getan hätte" verhaftet wurde, zu eindimensional und findet: "Man würde sich heute zugunsten der erzählerischen Komplexität Optionen offen halten." "denn ohne daß er bewußt etwas Böses getan hätte. Zum Beispiel." (62) "Aber mal grundsätzlich: wenn heutzutage nicht besser geschrieben werden könnte als zu Kafkas Zeiten, hätte kein Fortschritt stattgefun­den." (63)

13.3.: Bekommt die UC-Autorenexemplare. Sieht Chicago.

14.3.: Mail von Tykwer aus NY. Bukowski-Apotheose und Lob Eugen Roths.

15.3.: Vollzitat, Beitrag zu Oliver Twist für eine Anthologie ("Wir werden, was wir lesen. Danke, Charles Dickens"). Noch ein Vollzitat: 6 Strophen aus Heines Disputation.

16.3.: Privatrezension von Franzens Corrections.

17.3.: Ihm wird von der SZ-Kritik berichtet ("moderates Lob", Anleihen an Finchers The Game und David Lynch).

18.3.: Zum Andersen-Märchen in UC. Nach Berlin. Ally McBeal.

19.3.: Zum Irakkrieg. (94)

20.3.: Zitat auf 96.

21.3.: Nach Leipzig, Buchmesse. "Judith Herrmann im Profil gesehen. Was für eine Nase." Abends Lesung.

22.3.: Lesung mit Georg Oswald aus Heiner Links Frl. Ursula.

23.3.: Zurück nach Berlin. "In der Welt ein Interview mit Franzen zum Krieg, das ungefähr meiner Position entspricht."

24.3.: Oscar-Vereihung. Die neue Placebo-CD. "Kriegsberichterstattung: Die Nachrichtensprecher lächeln schon wieder bei den Anmoderationen." (106)

25.3.: "Er. Salz. Heim. Liebling." "Um Himmels Willen. Niedergehender Ideenschauer diverser nichtsnutziger Niedrigideen."

26.3.: Inventur in der Dachstube, Aufzählung von Zeug.

27.3.: "Lektüre: Kehlmann. Ich und Kaminski. Hervorragend. Klug, witzig, bissig, mit großem Talent für Dialoge, wunderbar komponiert, dabei ganz leicht zu lesen, unbelastet von substanzlosen Tricks." (123)

28.3.: UC auf Platz 6 der SWR-Bestenliste.

29.3.: Liest den FAZ-Verriß (von wem?) & die gute Kritik im Standard. Liest das "überhypte" Debüt des 24-jährigen Foer. – Zu Irak: "Wieder viele Demonstrationen in Deutschland. Einige Menschen wünschen sich laut die Niederlage der Amerikaner. Wie müssen solche Hirne beschaffen sein?" (131)

30.3.: "Kain oder Abel? Die Frage aller Fragen. Die einzige. Lieber tot und schuldlos sein? Oder leben, auf Teufel komm raus?" (134)

31.3.: Gegen den Schluß in der neuen Céline-Übersetzung: statt "… damit niemand mehr davon berichten kann …" stünde dort jetzt "… damit das alles ein ende hat." (137) – Nach Straubing zur Lesung. Lobt wieder Foers Buch, tadelt es dann: "Die letzten 100 Seiten sind grau-en-haft." (139) Endet mit dem Céline-Schluß der alten Übersetzung.

 


Helmut Krausser: Tagebuch des Februar 2002

Paris, 5. Juni 2009, 11:18 | von Paco

(Anonym verfasste Inhaltsangabe. Ohne Gewähr. Siehe Einleitung.)

H. Krausser: Februar – Tagebuch des Februar 2002. München, belleville, 2002.

Motto Hebbel, sehr schön.

1.2. "Trauma" Haltestelle. Geister. Unzufriedenheit mit Theater Heute. Jahresrückblick 2001, ua.: "Das Nibelungendrama, an dem ich mehr als fünf Jahre herumgewerkelt habe – dann Sturzgeburt." (10) Überlegt, aus dem PEN auszutreten.

2.2. Vergleich UC – Mulholland Drive.

3.2. "mein bestes Stück, Unser Lied (Das Nibelungendestillat) steht noch aus. Es ist manchmal wirklich nicht schlecht, Helmut Krausser zu sein." (22)

4.2. Polemik gegen FAS, Thomas Steinfeld. Treffen Goebbels – Kafka 1922: "Stelle ich mir sehr spannend vor."

5.2. T C Fischer als Regisseur für die Schmerznovelle. Zu Heaven von Tom Tykwer.

6.2. Malta. Heaven-Berichte: "die endgültige Inthronisierung Toms als Deutschlands Vorzeigeregisseur" (34)

7.2. Fahrt nach Valletta. Sekundärkommentare, Zwischenrufe, kleingedruckt (39–42, 61, 73, 85, 110, 119, 121, 123, 125, 128, 130). – "neue Arbeitsweise" für UC: Maler statt Komponist.

8.2. –

9.2. "die Tagebücher sollten doch vor allem für mich selbst geschrieben sein" (46). Napoleon "visionierte als Erster die Vereinigten Staaten von Europa. (…) Lützows barbarischen Freischärlern wurden in Deutschland Denkmäler gesetzt. Ekelhaft." (47) Über die deutsche Drehbuchszene.

10.2. Vanilla Sky.

11.2. The 51st State.

12.2. Kommentar zu einer Heidegger-Stelle aus Über den Humanismus.

13.2. Zurück aus Malta. Zu Oscar-Nominierungen: "Lord of the Rings, bildgewaltig, doch letztlich öder Film nach einem primitiven Buch, sahnt massiv ab." (66)

14.2. Zur Sprachkritik an Schmerznovelle. Nachrufgedicht auf Jandl. [handschriftlich dahinter:] vgl. Trübst. S. 120–129

15.2. Welt von morgen: z. überb.? – Kommentar zu Haider, Olympischen Spielen (Curling) und Sex & the City.

16.2. Anruf Hettche (Updike, Pynchon). Kraussers politisches Programm.

17.2. Charakteristik der Berlin-Mitte-Typen. Italienisch für Anfänger.

18.2. Ernst-Jünger-Stipendium. 4 Seiten E-Mail-Zitate. Zu Heinz Schlaffer.

19.2. –

20.2. Mit El Conde über Immobilien.

21.2. Über Theodor Mommsen. 2 Seiten über Heaven. Das geplante Drehbuch für Franka Potente: Frau in der Brandung.

22.2. Über eine etwaige Liebeslyrik-Anthologie bei Rowohlt.

23.2. Zitate: "Ich glaube …" (4 Zeil.) Zitat: "Der 11. September …" (3 Zeil.) Über einen Artikel von Matthias Horx, zitiert ihn dann 3 Seiten lang.

24.2. Nationalgalerie, Guggenheim-Museum. "Der Einfluß amerikanischer Serien auf meinen Alltag hat in diesem Jahr arg abgebaut." (119)

25.2. Über Strauß-Opern (Salome, Elektra, Ariadne, Arabelle, Capriccio).

26.2. FAZ-Klassenfoto.

27.2. –

28.2. 1,5 Seiten über Resident Evil.

 


Helmut Krausser: Tagebuch des Januar 2001

Paris, 4. Juni 2009, 11:24 | von Paco

(Anonym verfasste Inhaltsangabe. Ohne Gewähr. Siehe Einleitung.)

H. Krausser: Januar – Tagebuch des Januar 2001. München, belleville, 2001.

1.1. Hat Shakespeares Cäsar "metrisch präzise" neu übersetzt.

2.1. Gibt ein Beispiel für seine Cäsar-Version. "Ist es so unzeitgemäß pathetisch, an eine eigene historische Mission zu glauben? Nein, man glaubt ja nicht an eine Mission, man hat sie –" (21).

3.1. Erwägte Rettung eines Habichts.

4.1. Beim Kunstmann-Verlag, verspricht, Texte für ein Bilderbuch zu liefern: "Bin bescheuert." (29) Die letzten beiden Seiten unlesbares Geschwurbele.

5.1. Absage an M P (Politycki?) zum Autorentreffen in Elmau.

6.1. –

7.1. "Todo sobre mi madre war einer der blödesten Filme, die ich je gesehen habe" (46).

8.1. "Girgl (Georg Oswald?) schickt eine Mail, hat noch einen Fehler in der Schmerznovelle gefunden, keine Minute zu früh." (51)

9.1. Lektüre Hemingway (Green Hills). "Kafka. Der Säulenheilige der Totalversager." (58)

10.1. Besuch bei Franka Potente.

11.1. Mit Hans-Georg Rodek in der Pressevorführung Traffic. "Bernhard-Stücke sind einfach: Scheiße." (66)

12.1. Vergleich Welt – Tagesspiegel – Süddeutsche, die Welt kommt dabei gut weg.

13.1. Polemik gegen den "Talentierten" G (Grünbein?).

14.1. Anruf von Helmut Markwort vom Focus.

15.1. –

16.1. "Feier zum Hörspiel des Jahres." (85)

17.1. "ein Depp wie Zizek" (93).

18.1. "Routine ist etwas sehr gefährliches." (96)

19.1. "Im Hugendubel gesehen: Oliver Kalkofe mit Freundin." (100)

20.1. "Der Monat steht wohl unter dem Motto >>Fragwürdige Filme prüfen<<." (106)

21.1. "Schnöseltum à la Tristesse Royale" (111).

22.1. Webcams (Schachturnier): "dieses Wunder" (116).

23.1. Über eine Tacitus-Übersetzung vom "delirierenden Radikallatinisten" Karl Büchner.

24.1. Schreibt an einem "Franka-Drehbuch" (128). – Die vier Schlußinterpretationen der Schmerznovelle. (evt. mit L G vergleichbar?)

25.1. Über seinen Zeit-Artikel zum Klonen von Embryonen. – "Und der Altar des Notebooks leuchtet" (136).

26.1. Erwähnung der Homepage www.perlentaucher.de. Diplomarbeit zu Haltestelle. "Mein Leben ist ein Projekt, also ein Kunstwerk" (144).

27.1. Zitat aus Canetti-Autografen.

28.1. Superbowl im TV.

29.1. Zitate und Kommentare zu Marais Tagebüchern: "Von seiner Frau redet er nie, obwohl seine Ehe sehr glücklich gewesen sein soll." (161) Dialog: "Die Sache mit dem Zwergchamäleon" (164).

30.1. "Idee für einen Filmanfang" "Klingt nach Pulp-Fiction-Stil, durchaus, warum nicht?" (167)

31.1. "Langweiliger Monat, dieser Januar." (172)

[handschriftlich darunter:]
Es ist sehr sympathisch, d. Krausser lieber fernsieht anstatt Bücher zu wälzen. Z.: "Kann man überhaupt noch Schriftsteller sein, ohne die Simpsons zu kennen?"