Helmut Krausser: Tagebuch des März 2003

Paris, 6. Juni 2009, 10:52 | von Paco

(Anonym verfasste Inhaltsangabe. Ohne Gewähr. Siehe Einleitung.)

H. Krausser: März – Tagebuch des März 2003. München, belleville, 2003.

1.3.: Erfindet die Abk. Fugäzo für Fußgängerzone. "2002/2003: mein bestes Stück, mein bester Roman, mein bester Gedichtband. Nun geht’s bergab, das wird lustig." Nimmt jede Lesung an: "Ich werde alt und brauche das Geld."

2.3.: Schaut DSDS. Aphorismen am Bsp. "Stichwortkartenhochhal­terin" Suzanna/Harald Schmidt: "Nein, die Menschen waren früher nicht weniger dumm, inzwischen wurde ihnen jedoch eingeredet, sie dürften es sein, ohne sich schämen zu müssen." Gedanken zur Übersetzung eines Gedichtes von Robert Frost. Anläßlich Übersetzungsproblemen: "Gedichte sind Geschenke an die Muttersprache. Man kann es nicht oft genug sagen." (20) [handschriftlich dahinter:] x x x SUPER!!!

3.3.: Benutzt weiter Fugäzo: "ist doch nicht so schlecht, das Wort, klingt wie: puh, geht so".

4.3.: Fast alle Ziele erreicht, die er einmal hatte, & das TaBuProjekt ist ja wirklich bald zu Ende. Zitiert aus Hemingways Die grünen Hügel Afrikas. Größenwahn wegen UC: "Ständig erbleiche ich vor mir, bete mich an, opfere mir, kreische und tobe, küsse jedes Wort wie einen Gottesbeweis, fühle, wie das Universum unter jedem meiner Sätze etwas kleiner wird" usw. (28)

5.3.: Hat in den letzten Monaten alle Max-Goldt-Bücher gelesen ("ein großer Autor").

6.3.: "Die erste Kritik zu UC bekommen, Spiegel Online. Sehr gut. Die restlichen werde ich nicht lesen." (35) Arbeit an einer Cäsar-Version, überlegt, nach dem 3. Akt abzubrechen, da Akt 4 & 5 "entweder nicht aus der Feder Shakespeares stammen oder Jahre später von Schauspielern aus ihrer schummrigen Erinnerung niedergeschrieben wurden. Entstellt." (36)

7.3.: Autografensammler Ralph & Jaqueline, die begabte Ohrstecherin (41–44).

8.3.: Bezieht Stellung gegen die "verblödungsgesellschaft" (49). Anläßlich Chaplin & seinen 10 Kindern: "Kinder sind scheiße für die Kunst." (50)

9.3.: Kündigt nächsten Gedichtband an, der aus rechtlichen Gründen nicht Nachtkonzert heißen darf. Schaut African Queen.

10.3.: Besuch im Tierpark. American Psycho II aus der Videothek ("der letzte Trash").

11.3.: Zum Irakkrieg, gegen die Demonstranten, die "Happenings politischer Naivität" feiern, will sich aber auch nicht für den Krieg aussprechen und zieht sich auf seine "Chronistenpflicht" zurück. "Konstantin W. behauptet, im Irak wünsche sich kein Mensch, befreit zu werden. Ich glaube, für sowas wie ihn müßte man den Begriff Friedensverbrecher erfinden." (58) "Und neue Sirupsorten von Monin, die kulinarische Signifikanz dieser Saison." (59)

12.3.: "Ich würde gerne mal lesen, daß ich ein sehr ironiefähiger Autor bin." (61) Zerlegt den Anfangssatz von Kafkas Prozeß, weil er ihn für nicht schlecht, aber auch nicht für genial hält. Er findet K., der "ohne daß er etwas Böses getan hätte" verhaftet wurde, zu eindimensional und findet: "Man würde sich heute zugunsten der erzählerischen Komplexität Optionen offen halten." "denn ohne daß er bewußt etwas Böses getan hätte. Zum Beispiel." (62) "Aber mal grundsätzlich: wenn heutzutage nicht besser geschrieben werden könnte als zu Kafkas Zeiten, hätte kein Fortschritt stattgefun­den." (63)

13.3.: Bekommt die UC-Autorenexemplare. Sieht Chicago.

14.3.: Mail von Tykwer aus NY. Bukowski-Apotheose und Lob Eugen Roths.

15.3.: Vollzitat, Beitrag zu Oliver Twist für eine Anthologie ("Wir werden, was wir lesen. Danke, Charles Dickens"). Noch ein Vollzitat: 6 Strophen aus Heines Disputation.

16.3.: Privatrezension von Franzens Corrections.

17.3.: Ihm wird von der SZ-Kritik berichtet ("moderates Lob", Anleihen an Finchers The Game und David Lynch).

18.3.: Zum Andersen-Märchen in UC. Nach Berlin. Ally McBeal.

19.3.: Zum Irakkrieg. (94)

20.3.: Zitat auf 96.

21.3.: Nach Leipzig, Buchmesse. "Judith Herrmann im Profil gesehen. Was für eine Nase." Abends Lesung.

22.3.: Lesung mit Georg Oswald aus Heiner Links Frl. Ursula.

23.3.: Zurück nach Berlin. "In der Welt ein Interview mit Franzen zum Krieg, das ungefähr meiner Position entspricht."

24.3.: Oscar-Vereihung. Die neue Placebo-CD. "Kriegsberichterstattung: Die Nachrichtensprecher lächeln schon wieder bei den Anmoderationen." (106)

25.3.: "Er. Salz. Heim. Liebling." "Um Himmels Willen. Niedergehender Ideenschauer diverser nichtsnutziger Niedrigideen."

26.3.: Inventur in der Dachstube, Aufzählung von Zeug.

27.3.: "Lektüre: Kehlmann. Ich und Kaminski. Hervorragend. Klug, witzig, bissig, mit großem Talent für Dialoge, wunderbar komponiert, dabei ganz leicht zu lesen, unbelastet von substanzlosen Tricks." (123)

28.3.: UC auf Platz 6 der SWR-Bestenliste.

29.3.: Liest den FAZ-Verriß (von wem?) & die gute Kritik im Standard. Liest das "überhypte" Debüt des 24-jährigen Foer. – Zu Irak: "Wieder viele Demonstrationen in Deutschland. Einige Menschen wünschen sich laut die Niederlage der Amerikaner. Wie müssen solche Hirne beschaffen sein?" (131)

30.3.: "Kain oder Abel? Die Frage aller Fragen. Die einzige. Lieber tot und schuldlos sein? Oder leben, auf Teufel komm raus?" (134)

31.3.: Gegen den Schluß in der neuen Céline-Übersetzung: statt "… damit niemand mehr davon berichten kann …" stünde dort jetzt "… damit das alles ein ende hat." (137) – Nach Straubing zur Lesung. Lobt wieder Foers Buch, tadelt es dann: "Die letzten 100 Seiten sind grau-en-haft." (139) Endet mit dem Céline-Schluß der alten Übersetzung.

 

Eine Reaktion zu “Helmut Krausser: Tagebuch des März 2003”

  1. Dumbledore

    Allein das mit dem „Friedensverbrcher“ ist doch mal wieder geil zu lesen, danke Umblätterer

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