Archiv des Themenkreises ›FAS‹


Fäuleton

Paris, 10. März 2010, 19:35 | von Paco

An Schrecklichkeit, ich wiederhole: SCHRECKLICHKEIT, nicht zu überbieten ist das Hinschreiben des Wortes: »Föjetong«. Was in dieser Schreibweise mitgeschwemmt kommt, sind die furchtbarsten Abfallprodukte menschlicher Kultur seit den Höhlenmalereien von Altamira.

Eine ganz andere Variante haben vor ein paar Jahren die Absoluten Beginner ins Spiel gebracht, namentlich Denyo, der Rapper der Enterbten. In der FAS vom 23. Juli 2003 (S. 22) hat Johanna Adorján im, genau: Feuilleton ein Interview mit den Beginnern geführt, in dem es heißt:

FAS: Die erste Single der neuen Platte, »Fäule«, ist schon in den Charts. Was bedeutet das eigentlich: Fäule?

Denyo: Manchmal entstehen doch einfach neue Wörter, wenn man den ganzen Tag mit denselben Leuten zusammen ist. In diesem Fall war es so, daß ich den anderen beiden etwas erzählen wollte, das ich im Feuilleton gelesen habe, und weil das so umständlich auszusprechen ist, habe ich Fäuleton dazu gesagt. Das haben wir dann abgekürzt: Fäule. Steht für alles, was uncool ist.

FAS: Von Feuilletons halten Sie also nichts?

Denyo: Ach, da stehen schon interessante Sachen drin, aber dieser ganze Theaterkram, geschrieben von Journalisten, die sich einen auf ihre Sprache abkeulen, ist nicht mein Ding.

Soweit Denyo. Eine noch andere Variante geht so, dass man die Feuilletonseiten einfach »KULTUR« nennt.


Deleuze und Wittgenstein

Paris, 6. März 2010, 10:45 | von Paco

Die einzigen leidenschaftlichen Wittgensteiner, die ich kenne, sind ein paar Bekannte aus der ENS, Trotzkisten. Diese Typen, die ernstlich die KPF eine »ruse de la bourgeoisie« nennen. Manchmal sehr amüsant, alte Folklore aus dem Quartier Latin, aber auf die Dauer ein bisschen schwer auszuhalten.

Eben bin ich einem von ihnen über den Weg gelaufen, und während unseres kurzen stop-and-chat fiel mir ein Artikel aus der letzten FAS von 2009 wieder ein, Anlass war das Erscheinen der eingedeutschten Version von Gilles Deleuzes großem »Abécédaire«, fast acht Stunden frei delirierender Deleuze auf Video, ganz hervorragend großartig.

Ich hatte eben jenen Artikel von Cord Riechelmann erst vor kurzem wiedergelesen und immer noch ziemlich gutgefunden, wie Riechelmann ein IMHO treffendes Bild der Deleuze’schen Philosophie liefert und sich gleichzeitig allmählich verliert und am Ende Satz auf Satz ganz ohne Bezüge folgen lässt. Irgendwie macht das Deleuze im »Abécédaire« ja auch. Er scheint manchmal auf ziemlich komische Ideen zu kommen, die nur für eingeweihte und eingeschworene Fans noch irgendeine Logik haben. Also ersetzt Riechelmann langsam, vielleicht ohne es selber wirklich zu bemerken, Zusammenfassung durch Mimesis, und bei Deleuze ist es wahrscheinlich das einzig Machbare.

Aber nun zum tieferen Zusammenhang zwischen Deleuze und Wittgenstein, zu einer dieser zelebrierbaren Anekdoten der jüngeren, jüngsten Philosophiegeschichte. Deleuze war der totale Wittgenstein-Hasser, er nannte ihn gern den »Großinquisitor« (in einer Vorlesung über Leibniz). Im »Abécédaire« weigert er sich glatt, irgendwas zu »W wie Wittgenstein« zu sagen, und wird, auf seine gutmütige Art, wütend. Die Szene gibt es bei YouTube, kurzes Zitat:

»Pour moi c’est une catastrophe philosophique, (…) c’est une régression massive de toute la philosophie.«

Man versteht auch sehr schnell, wieso Deleuze die Wittgensteiner nicht ab konnte. Wenn es einem darum geht, neue Begriffe zu schöpfen, concepts, die das Undenkbare, das eigentlich Nur-noch-nicht-Gedachte, denkbar machen sollen, dann ist ein »wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen« das genaue Gegenteil und tatsächlich der ultimative Schlag ins Gesicht des Gilles Deleuze.

Und daran dachte ich eben gerade ganz kurz, aber ich musste Deleuze nicht einmal erwähnen, unser stop-and-chat war auch so schnell vorbei, und ich ging meiner Wege.


Trick 17 erfolgreicher Leserbriefschreiber

Konstanz, 23. Februar 2010, 19:24 | von Marcuccio

Die neue Krabbelgruppe trifft sich ab sofort immer sonntags auf den einschlägigen Spalten der FAS:

Leserbriefzitat (eigenes Foto)
(FAS vom 07.02.2010, S. 34)

Das Original geht zwar mit Tieren, doch Babyfotos heben die Chancen auf Abdruck im Sinne der hier schon mal durchexerzierten Rules of Cuteness erheblich. Wer ganz sicher gehen will, nimmt außerdem an einer distinktionstauglichen Vornamenberatung teil (»Karl-Friedrich«). Und Achtung: Der Trick funktioniert nur sonntags. Ein Foto in den werk­täglichen Leserbriefspalten – das gab’s in 60 Jahren FAZ glaub ich noch nie.


Mit Katja und Max Frisch auf den Piz Kesch

Konstanz, 30. Januar 2010, 12:48 | von Marcuccio

Neulich, pünktlich zur Davos-Saison, gab es mal wieder Zauberberg-Deko in der FAZ. Der für literarische Ortstermine viel spannendere Berg liegt aber eigentlich schon immer ein Tal weiter, im Engadin, und heißt Piz Kesch.

Piz Kesch (Quelle: Wikimedia Commons)

Dieser Piz Kesch (übrigens in Sichtweite von Tarantinos Piz Palü) hat einen ganz großartigen Auftritt in »Mein Name sei Gantenbein«. Mit Anfang 20 gelesen und nie mehr vergessen hab ich die Szene, wie Gantenbein 1942 auf dem Gipfel einen urlaubenden Nazideutschen trifft:

»Als ich in die Kesch-Lücke kam, hatte ich den Mann eigentlich schon vergessen, doch als ich das Kreuz und Quer seiner Stapfen sah, erinnerte ich mich, dass man etwas hätte tun können, was ich nicht getan habe. Es interessierte mich aber, wohin er voraus­sichtlich gestürzt wäre. Nur so.«

Dein Name sei Großvater

Unter diesem Titel schreibt Katja Frisch, die Enkelin von Max Frisch, letzten Sommer für das »ADAC-Reisemagazin Nr. 111 Graubünden«. Das penetrante Du hält sie übrigens den ganzen Beitrag lang durch: »Heute, hier am Piz Kesch, bin ich dein Leser«.

Doch es wäre wohlfeil, das als Selbstfindungstrip abzukanzeln. Oder als Auto-Motor-Sport-Jargon – Katja ist zwar Redakteurin der »ADAC Motorwelt« (Du gibst Gas, du erhöhst deine Drehzahl, du spürst den Berg!). Denn gern vergessen wird, was für prominente Vorbilder das Outdoor-Du hat: In allen Wipfeln spürest du …

Und eines ist auch klar: Als Besitzerin eines Tantra-Sex-Studios oder mit ähnlichen Zusatzqualifikationen hätte sie es natürlich längst schon mal ins FAS-Feuilleton geschafft (wie vor ein paar Jahren dieser Enkel von Heinrich Mann). Wenigstens Bademeisterin im Letzibad hätte Katja Frisch ja noch sein können. So aber schreibt sie fürs ADAC-Feuilleton.

Schlüsselqualifikation: Schriftsteller-Enkelin

Interessant an der Bergtour auf Großvaters literarischen Spuren ist das gemeinsame Metapherngelände. Sie erwähnt »schier endlose, graubraune Geröllfelder, ganz leicht verschneit, ein gigantischer Nusskuchen, der gleichmäßig mit Puderzucker bestäubt ist«. Latent kuchenrezepttauglich textete auch schon er: Der Fels »wie Bernstein«, »der Schnee eher wie Milch«.

Und: Man versteht sich generationsübergreifend auf Swiss Product Placement im Hause Frisch: Gantenbein »frühstückte eine trockene Ovomaltine«. Katja: »Ich bestelle Rösti und ein Rivella. Frage Ruthli, die Hüttenwirtin mit dem sonnengebräunten Bubengesicht, ob sie etwas über ›Gantenbein‹ und eine darin beschriebene Wanderung von Max Frisch wisse. Sie schüttelt den Kopf. Aber Max Frisch, ja natürlich, den kenne sie.«

Später im Tal, die Enkelin in der Buchhandlung von Pontresina:

»›Stiller‹ ganz vorn im Regal, der einzige Frisch, der im Laden zu haben ist. Nachfrage bei der Buchhändlerin: ob sie denn wisse, dass das Buch auch den Ort zum Thema mache. Stirnrunzeln, Erstaunen, nein, man habe den Roman hier, weil er eben eines der wichtigsten Werke des Schriftstellers sei. Ich nenne meinen Namen nicht und gehe weiter.«

Am Schluss eine schöne, weise Absage an alle hermeneutischen und sonstigen Enkelinnenverpflichtungen des Literaturbetriebs: »Ich verstand und verstehe so viel oder so wenig von Literatur wie Millionen andere Menschen auch.« Ab sofort liest man Katja Frisch wieder exklusiv in der ADAC Motorwelt.

 
Bildquelle: Wikimedia Commons


Die Mona Lisa des Fußballs

Konstanz, 19. Januar 2010, 11:44 | von Marcuccio

Sport vs. Feuilleton: der Ressortvergleich. Der Sportteil bolzt Synonyme, das Feuilleton kultiviert Antonomasien.

Begegnet bin ich diesem offenen onomastischen Geheimnis gerade wieder in meiner, ja, Regionalzeitung, in einer Art Eigensprachanalyse des Sportteils. Es ging darum, dass mit Schumis Comeback nun natürlich auch »der Kerpener« wiederkommt. Der ewige Kerpener. So wie der Leimener und die Brühlerin und diese ganzen Synonyme überhaupt. Eingebrannt ins kollektive Gedächtnis.

Paul Biedermann kommt wahrscheinlich noch nicht überall als der Hallenser durch den Synonym-Scanner. Aber Sportfans wissen auch, dass man solche Synonyme (legendär auch: der Rostocker, der Merdinger, der Scherzinger) immer solange lesen, hören, schlucken muss, bis der (Doping-)Arzt kommt.

Richtig assoziieren

Was kann der Sport außer Synonymen? Er kann Vergleiche, wenn zum Beispiel Christoph Daum sagt: »Ronaldo ist wie Mona Lisa.« Was kein so ganz schlechter Vergleich war, auch wenn man eine Mona Lisa im Gegensatz zu vielem anderen Pariser Zeug ja noch eher selten auf dem Transfermarkt gesehen hat und auch das mit dem ins Stadion »hängen« noch mal genauer zu bedenken wäre.

Aus Vergleichen, die erst erklärt werden müssen, macht das Feuilleton zum Glück meistens schon vorher eine Antonomasie: »Die Mona Lisa des Fußballs« oder so. Da fragt keiner nach und jeder hätte in etwa natürlich trotzdem richtig assoziiert, was zu assoziieren war: zu exponiert, zu teuer, in Fachkreisen viele Gegner, aber alle wollen sie trotzdem sehen usw. usf.

Wenn im Sportjournalismus Antonomasien bemüht werden, kommt meist etwas Ungelenkes heraus: »Die Tour de Ski ist die Vierschanzentournee der Langläufer.« (ZDF) Man macht auf Antonomasie, landet qua Prädikation dann aber doch wieder nur beim profanen Vergleich. Da war RTL mit der »Formel 1 des Winters« schon mal weiter. Apropos.

Höher, schneller, weiter

Muss denn erst wieder ein Peter Richter zeigen, was die Disziplin Hochsprung alles kann. Sein Dubai-Artikel in der vorletzten FAS barg nämlich nicht nur den wohl zeitgemäßesten Eintrag ins neue Guiness-Buch der Rekorde:

»Von den technischen Daten her ist der Burj Khalifa (…) das, was beim Autoquartett der Superstecher war.«

Nein, es gab auch mal wieder eine Antonomasie vom Feinsten, Bezug nehmend auf westliche, europäische Vorbehalte gegen dieses neue höchste Haus der Welt und überhaupt gegen alle Gegner der Emirate und ihre Strategie, sich da jetzt die abendländische Kultur einzukaufen (Stichwort: Louvre-Dependance in Abu Dhabi):

»Man darf davon ausgehen, dass die üblichen Ressentiments dem neuen Prunk am Golf gegenüber in etwa dem entsprechen, was einem italienischen Mönch des 18. Jahrhunderts durch den Kopf gegangen sein mag, wenn er daran dachte, wie jenseits der Alpen, in [Achtung!] den Dubais des Nordens neureiche Potentaten italienische Kunst und Kultur zusammenkauften.«

Schreibt Peter Richter, den die Sportjournalisten an dieser Stelle wohl standesgemäß den Elbflorenzer nennen müssten, hehe.


Die Ergebnisse der …
Feuilleton-Meisterschaft 2009

Leipzig, 12. Januar 2010, 06:35 | von Paco

Endlich kommt er wieder ans Licht gekrochen, der Goldene Maulwurf, zum nunmehr *fünften* Mal:

Der Goldene Maulwurf

Und hier sind sie, die Autoren und Zeitungen der 10 angeblich™ besten Artikel aus den Feuilletons des Jahres 2009:

1. Maxim Biller (FAS)
2. Peter Richter (FAS)
3. Henryk M. Broder (Tagesspiegel/Spiegel)
4. Wolfgang Büscher (Zeit)
5. Hans Ulrich Gumbrecht (Literaturen)
6. Nora Reinhardt (Spiegel)
7. Tom Kummer (Freitag)
8. Birk Meinhardt (SZ)
9. Felicitas von Lovenberg (FAZ)
10. Dietmar Dath (FAS)

Der 2009er war wieder ein hervorragender Jahrgang des deutsch­sprachigen Feuilletons. Eine genauere Durchleuchtung unseres Rankings gibt es in den 10 Mini-Laudationes, die sich wie die Jahrgänge 2005, 2006, 2007 und 2008 auch direkt von der rechten Seitenleiste aus anklicken lassen.

Auch in diesem Jahr hat sich das Consortium bei der Auswahl und beim Ranking auf ein paar Wochen hin verfeindet, hehe. Auf unserer Longlist standen noch andere unbedingt lesenswerte Feuilletontexte, etwa die ganz hervorragende Robert-Enke-Berichterstattung von Ralf Wiegand in der SZ, Alexander Smoltczyks »Ciao bella«-Artikel im »Spiegel«, Niklas Maaks Text über das Ende der deutschen »Vanity Fair« (FAS, 22. 2. 2009, S. 29), das Broder-Biller-Doppelinterview im SZ-Magazin oder Jochen-Martin Gutschs »Spiegel«-Artikel über Boris Becker.

Und dass die Schweiz 2009 so sehr mit sich selbst beschäftigt war (bröselndes Bankgeheimnis, Libyen-Affäre, Minarette), hat irgendwie auch das NZZ-Niveau gedrückt. Entdeckt haben wir aber Samuel Herzog, der zwar stets wenig Raum bekommt für seine Kunstbericht­erstattungsartikel in der NZZ, den aber ganz hervorragend ausfüllt.

Usw.

Bis zum nächsten Jahr,
Consortium Feuilletonorum Insaniaeque


Marcel Reich-Ranicki: Frühwerk vs. Spätwerk

St. Moritz, 3. Januar 2010, 09:57 | von Marcuccio

Was für ein Après-Ski-Scherz! Wir natürlich weiter am Tagen, aber irgendein Fan (war es der Wirt der Alpina-Hütte selbst?) hat uns ein Kartenspiel gebastelt, und zwar aus lauter Calanda-Bierdeckeln, doppelseitig mit FAS-Artikeln beklebt: Auf der einen Seite jeweils das Logo der bekannten Randspalten-Rubrik »Fragen Sie Reich-Ranicki« (roter Schriftzug plus MRR-Briefmarkenfoto in s/w). Auf der anderen Seite jeweils die Leser-Frage und die Reich-Ranicki-Antwort.

Offenbar ein Memory, denn nach kurzer Durchsicht zeigt sich, dass das Kartenspiel aus lauter gleichen Fragen besteht: also Fragen, auf die MRR mindestens doppelt reagiert hat.

Vorläufiger Hüttenliebling ist Björn Schroth aus Ffm mit einer Frage, die MRR zweimal ganz unterschiedlich beantwortet hat, einmal auffällig willig (der Enthusiasmus des Frühwerks!), einmal typisch ungnädig (die Null-Bock-Phase des Spätwerks).

Hier die Antwort auf die Frage von 2005 (FAS vom 7.8.2005, auch online):

Welchen zeitgenössischen deutschsprachigen Literaturkritiker lesen Sie mit Gewinn?
Björn Schroth, Frankfurt/Main

Thomas Anz (Universität Marburg), Ulrich Greiner (»Die Zeit«), Volker Hage (»Der Spiegel«), Jochen Hieber (F.A.Z.), Frank Schirrmacher (F.A.Z.), Renate Schostack (F.A.Z.), Ulrich Weinzierl (»Die Welt«), Uwe Wittstock (»Die Welt«). Übrigens: Alle diese Kritiker kommen aus der von mir zwischen 1973 bis 1988 geleiteten Literaturredaktion der Frankfurter Allgemeinen. In aller Bescheidenheit: Meine pädagogischen Bemühungen waren nicht vergeblich. Überdies schätze ich ganz besonders: Joachim Kaiser (»Süddeutsche Zeitung«), Gerd Ueding (Universität Tübingen) und vor allem Peter von Matt. Reicht das?

Und hier die Antwort auf die (fast) gleiche Frage aus der FAS vom 20.12.2009:

Welche zeitgenössischen deutschen Kritiker lesen Sie mit Gewinn?
(Björn Schroth, Frankfurt)

Da könnte ich sechs oder acht Namen nennen, aber wozu sollte ich es tun? Einige würden das freundliche Urteil zufrieden zur Kenntnis nehmen, andere hingegen – bestimmt wäre es die Mehrheit – blieben natürlich verärgert. Wozu soll man sich damit beschäftigen? Es wäre mit Sicherheit besser und nützlicher, auf diese Fragen zu verzichten.


Voyage Voyage (Teil 5):
Der Tourismus-Superlativ

Konstanz, 19. Dezember 2009, 08:12 | von Marcuccio

Am 26. April 2009 definierte Andreas Lesti in der Randspalte des FAS-Reiseteils den Tourismus-Superlativ.

Beispiele für diese grammatikalische Sonderkategorie kennt man ja: Der zweithöchste freistehende Berg der Welt, der drittgrößte Binnensee Mitteleuropas, die längste baumfreie Nordabfahrt in den Westalpen usw.

»Da muss man erst mal abholzen, um zu erkennen, dass es hier um die ›längste Abfahrt der Alpen‹ geht. Weil es aber nicht die längste Abfahrt der Westalpen ist, und auch nicht die längste Nordabfahrt der Westalpen, rechtfertigt sich dieser Superlativ erst über die vierte baumfreie Einschränkung.«

Und weil Lesti ein ausgewiesener Kenner alpiner und anderer Superlative ist, liefert er uns die lexikonfertige Definition des Tourismus-Superlativs gleich dazu:

»Das Grundprinzip des Tourismus-Superlativs lautet: Man muss ihn so lange einschränken, bis die Kategorie so speziell, spezieller, am speziellsten ist, dass es keine Gegner mehr gibt. Die Marketingleute gehen also nicht vom Superlativ selber aus, sondern von der Konkurrenz, die sich durch – das muss man zugeben – beachtlich kreative Einschränkungen eliminieren.«

Im Guinness-Buch der (Pseudo-) Rekorde würde der touristische Superlativ also wahrscheinlich noch nicht einmal auffallen. Schön wäre aber auch mal eine Art Enzensberger-Poesieautomat der Fremdenverkehrssprache, in der jede (vermeintliche) USP einer Destination automatisch einen so noch nie gehabten Superlativ erzeugt. Die generative Grammatik des Tourismus freut sich jedenfalls auf weitere Kapitel.

(Der Lesti-Artikel ist leider nicht online, Spuren davon hier.)


Tosca

Hamburg, 19. Oktober 2009, 15:18 | von Dique

Nach den Meistersingern, Iphigénie en Tauride, Turandot, Lohengrin und La Traviata ist die Tosca-Inszenierung die erste Aufführung der Hamburgischen Staatsoper, die für mich mehr als einfach nur ein netter Abend war. Das war ein richtiges Fest und das liegt an der Inszenierung, an der Musizierung und ganz besonders an Paoletta Marrocu.

Ich habe wie immer miese Karten, irgendwo am Rand in Loge 3, und trotzdem geht mir die Stimme der Paoletta Marrocu als Floria Tosca sofort durch und durch, ein unglaubliches Volumen, bis herauf zu mir auf dem billigen Platz. Wieso man einen Tag vor der Vorstellung an einem Samstagabend in dieser Stadt noch einfach so Karten bekommt ist mir ein Rätsel. Noch rätselhafter ist, dass, als ich nach der Pause in die Loge zurückkehre, die Plätze eines Pärchens und einer weiteren Frau plötzlich leer sind.

Ich frage mich, wie krank diese Leute sein müssen hier einfach auszusteigen, freue mich aber über den besseren Platz, den ich kurzerhand in Beschlag nehme. Im zweiten Akt denke ich kurz an Giovanni Battista Salvi genannt Sassoferrato. Genauer gesagt, an das Ultramarinblau der Gewänder seiner berühmten Madonnen, denn jetzt trägt Paoletta Marrocu ein Kleid in ebensolchem strahlenden Blau, nach dem tiefen Schwarz im ersten Akt.

Der Gedanke an die entrückten Madonnen des Sassoferrato passt ganz gut, betet doch Floria Tosca gleich zu Anfang in der Kirche, in der ihr Geliebter, der Maler Mario Cavaradossi, gerade ein Altargemälde fertigt, zur heiligen Mutter Gottes. Der zweite Akt spielt im Salon des fiesen Barons Scarpia, auch 1a besetzt mit Thomas Mayer, der der Schönen unter das Kleid will und dafür auf ihre Gefühle für Cavaradossi setzt, der am Galgen sterben soll.

Floria Tosca entledigt sich also ihres wunderschönen blauen Kleides, um den Geliebten zu retten, trägt darunter wieder Schwarz, klar, passt auch besser zum düsteren Szenario, und legt sich dann auf den Dielenboden der Opernbühne. Der Salon Scarpias ist sehr minimalistisch ausgestattet, ein barocker Schreibtisch, eine graue Wand im Hintergrund und eben der Dielenboden. Da steht kein Bett, wo sich die Tosca niederlässt, aber man denkt, da wäre eines, die Illusion funktioniert, so ähnlich wie in Lars von Triers Dogville, nur dass hier nicht die Umrisse der Häuser oder Gegenstände auf dem Bühnenboden aufgemalt sind.

In der folgenden Szene lässt sich Paoletta Marrocu als Floria Tosca aber, anders als Nicole Kidman in Dogville, nicht vom brutalen Zugriff des Mannes überwältigen, sondern bewaffnet sich und lässt den Baron ins vorgehaltene Messer stürzen. Ein Blutbeutel versaut ihm das Hemd und signalisiert seinen Tod und färbt außerdem den gesamten Arm von Paoletta Marrocu blutrot. Schwarz, blau, rot, alles sehr intensiv, und sicher bedeutet das alles irgendwas. Am Ende hilft aber alles nichts, denn wir wissen es, die schöne Sängerin wird sich von der Engelsburg stürzen, weil sie Cavaradossi doch nicht retten konnte.

Einen pindarischen Sprung später lese ich gestern in der FAS über die Nofretete im Neuen Museum, den ausführlichen Artikel von Andreas Kilb, der den schönen Titel »Kraut und Rüben haben mich vertrieben« trägt. In dem Text steht, dass man ›Kraut und Rüben‹ mit ›higgledy-piggledy‹ ins Englische übersetzen kann. Notiert hat sich das 1937 Samuel Beckett beim eifrigen Museumsbesuch in Berlin.

Usw.


Tarantino und das deutsche Dorf am Piz Palü

Konstanz, 26. August 2009, 09:58 | von Marcuccio

»Schneefall im Hochsommer«, das ist eigentlich schon das Höchste, was man von einer NZZ-Überschrift im August erwarten kann. Im zugehörigen Artikel ging es um eine Ausstellung, hinter der ich ja zuerst eine Jörg-Fauser-Werkschau vermutete:

»Schnee. Rohstoff der Kunst«

Im VLM Bregenz gab es dann einen großen Bergfilm-Tag, gezeigt wurden: »Die weiße Hölle vom Piz Palü« & »Der weiße Rausch« – dazu die Stills live kommentiert von Mathias Fanck, der über seinen Groß­vater Arnold Fanck aus dem Nähkästchen plauderte (»Warum er rauchte, verstehe ich bis heute nicht«).

Durch Fanck kamen übrigens auch Luis Trenker und Leni Riefenstahl zum Film. Was jetzt vielleicht ein pindarischer Sprung ist, aber auf jeden Fall Quentin Tarantino gefreut haben dürfte, der laut »Spiegel«-Interview von neulich zwar offiziell nur Riefenstahl die Regisseurin verehrt, aber, wer weiß, bestimmt auch Leni das Skihaserl aus den Fanck-Filmen ganz gut findet.

Wie er überhaupt von der deutschen Bergfilmhoheit ganz fasziniert scheint. Hätte er sonst extra »ein deutsches Dorf« an den Fuß des Piz Palü geschmuggelt? Es ist die Szene in den »Inglourious Basterds«, die Claudius Seidl als Engadin-Urlauber filetiert hat, um richtig­zustellen, »dass am Fuß des Piz Palü vielleicht Pontresina liegt, aber bestimmt kein deutsches Dorf«. Deutsches Dorf vielleicht nicht, aber ein Ur-Ort deutschen Bergfilmschaffens eben irgendwie doch. Also wohl ein typischer Tarantino-Gruß an die Kino­geschichte.