Archiv des Themenkreises ›Buchbuch‹


Kommt jetzt Krauses Klartext-TV?

Konstanz, 29. November 2007, 16:50 | von Marcuccio

Viele haben drauf gewartet, letzten Samstag war es soweit: Tilman Krause (KA-Fragebogen) verkündete das Ende seiner Kolumne nach sieben Jahren.

Vielleicht zeigt der Niedergang des Klartext-Krause aber auch einfach nur die Transformation eines Genres an: Über Krauses weitere Karrierepläne als Videoblogger mochte die FAS letzten Sonntag zumindest schon mal randspaltenmäßig (S. 25) spekulieren.

Und dem Umblätterer wurde jetzt – sensationell – das schon drei Jahre alte Drehbuch für die erste Folge von »Krauses Klartext-TV« in die Hände gespielt:

Ina Hartwig:
Zuerst möchte ich Tilman Krause gerne widersprechen. Dieses Beschwören des Bildungsbürgertums, lieber Tilman, bringt uns gar nichts meiner Meinung nach. Tust du das nicht letztlich nur für dich selbst?

Tilman Krause:
Das tue ich für meine Leser!

Ina Hartwig:
Weil es deinen Lesern gefällt, wenn du es beschwörst!

Tilman Krause:
Natürlich! Das ist ja auch ihr gutes Recht. Ich arbeite nicht für eine linke Zeitung, sondern für eine bürgerliche. Das wäre ja noch schöner, wenn ich an den Interessen des Publikums vorbeischreiben würde, das tun schließlich schon genug andere Kollegen!

(Leipzig, am 24. März 2004, Podiumsdiskussion auf dem Symposium der Deutschen Literaturkonferenz zum Thema »Literaturkritik in der Krise?« Zitiert nach: Gunther Nickel: Kaufen! Statt lesen! Literaturkritik in der Krise? Göttingen: Wallstein 2005, S. 42 f.)


»Ganzkörperliteraturkritik«

Konstanz, 24. November 2007, 06:40 | von Marcuccio

Noch eine Abfallmeldung für alle: Da brachte das jahresendzeitliche Ausmisten alter »Park Avenues« (2005 ahnte man ja noch nichts von »Vanity Fair«) doch tatsächlich noch zutage, wie Willi Winkler aussieht: Es war die »PA«-Nullnummer vom Juli 2005, die auf S. 32 exakt dieses Foto abdruckte.

Das war natürlich nicht die einzige optische Erscheinung dieser Tage. Denn wenn zum Thema ›Autorenfoto‹ im weitesten Sinne auch die Sparte ›bewegtes Bild‹ gehören darf, dann war 2007 auch deshalb ein Jahr des Autorenfotos, weil es, dank WatchBerlin, erstes offizielles Watch-your-Feuilleton-Jahr wurde und gleich eine ganze Reihe von Leuten auf den PC-Schirm brachte, die man sich im GEZ-Fernsehen nur wünschen kann.

Volker Weidermanns Sendung »Book.Book« steht vielleicht exemplarisch für eine vlogmäßige Verlebendigung der Szene, an die noch vor einem Jahr kaum zu denken war. Ausgerechnet Weidermann, dem die FR mal das Schmäh-Label »Ganzkörperliteraturkritik« anheftete, macht jetzt unter demselben Motto ein richtig gutes Programm: Er läuft und sitzt und trifft, er begutachtet und besucht – und bietet das beste Feuilleton in bewegten Bildern seit Denis Schecks Rolltreppen-Performance der frühen »Druckfrisch«-Jahre.


»Goethe im Sinkflug«

Leipzig, 8. November 2007, 15:30 | von Paco

Heute morgen mit Ryanair zurück nach Ingo-Schulze-Stadt Altenburg, dann über die B95 nach Leipzig und hinein in die Mensa, trotz der Horror-Fotos, die das Mensa-Blog immer veröffentlicht.

Das »Gewürzensemble« (Millek) aus Pfeffer- und Salzfass war gefragter denn je. Denn alle hatten vom schöhönsten ersten deutschen Literatursatz gehört, der soeben und auch noch von einer Jury gekürt wurde. Er lautet »Ilsebill salzte nach.« und steht in Günter Grass‘ Buch »Der Butt«. Deshalb salzten jetzt alle nach, obwohl das ja bei Cordon bleu und Buttermilchplinsen nicht so viel Sinn macht.

Egal, diese Kür zählt zu den sich häufenden »superlativisch ausstaffierten Schein-Auszeichnungen« (Florian Kessler in der S-Zeitung), also zu den ungefähr uncoolsten Erscheinungen der eigentlich ja nicht unbedingt schlimmen Eventkultur. Charts und Literaturgeschichte gehen einfach nicht, und nur und ausschließlich Reich-Ranicki kann man es nicht übelnehmen, dass er jeden Sonntag in der FAS Autoren mit allerlei Komparativen und Superlativen gegeneinander hält.

Ich erinnere in diesem Zusammenhang an die ZDF-Ranking-Show »Unsere Besten« (2004). Als Goethe auf einmal weniger Anrufer hatte, meinte der Moderator Steffen Seibert: »Goethe im Sinkflug«, und das ist sprichwörtlich geworden, weil er das komplett ernst meinte, als ob der Stern Goethes sinkt, bloß weil Opa Hermi nicht beim ZDF anruft.

Abgesehen von diesem dämlichsten Unterfangen seit langem ist ja nichts gegen erste Sätze zu sagen. Aber ein so nach Fisch stinkender Satz wie das Ilsebill-Konstrukt? Na gut, why not.


Schöner denken: Systemtheorie und Literatur

London, 1. November 2007, 12:50 | von Paco

Ich könnte stundenlang IASLonline lesen. Seit einigen Wochen gibt es endlich ein frameloses Design mit sichtbarer eindeutiger URL, aber glücklicherweise ist das mintgrün-aseptische Look’n’Feel geblieben.

›Die Wissenschaft‹ ist ja im Idealfall nur die wissenschaftliche Version von Feuilleton, also gut geschriebenes Zeug mit echter theoretischer Trennschärfe. Im Feuilleton wird die Theorie normalerweise durch die Pointe ersetzt, durch das Bonmot oder die meinungsgetriebene Zuspitzung.

Ich saß heute in der British Library und etwas später in einem Kebab-Verschlag in Tottenham und holte ein paar ältere IASL-Artikel auf, die ich seit Wochen ausgedruckt in einem alten »Monopol«-Heft mit mir herumtrage. Ich verschlang u. a. die mit ›Sabotierte Ebenen‹ schön betitelte Rezension von André Schwarck zum neuen Buch von Christian Schuldt.

Schuldt verfasst schön kurze Bücher, die man trotz Theorietheorie fast wie einen Abenteuerroman lesen kann. Auf eine nur 96-seitige Einführung in die Systemtheorie (2003; IASL: »Bekanntes in leicht bekömmlicher Form«; Stokbros blog: »den mangler filosofisk eller idéhistorisk baggrund«) und ein Buch zur Kodierung von Liebe (»Der Code des Herzens«, 2005), das das entsprechende Luhmann-Werk (»Liebe als Passion«, 1982) weiterdenkt, folgte, ebenfalls 2005, eine dezidiert literaturwissenschaftliche Untersuchung mit dem Titel:

»Selbstbeobachtung und die Evolution des Kunstsystems. Literaturwissenschaftliche Analysen zu Laurence Sternes ›Tristram Shandy‹ und den frühen Romanen Flann O’Briens« (Bielefeld: transcript 2005)

Im Buch kann man dann erleben, wie die unerhört frühe Metafiktion des »Tristram Shandy« mit systemtheoretischer Terminologie erklärt wird (siehe Abschnitte 20-23 der Rezension). Eigentlich ja eine banale Sache, jeder weiß, wie der Roman von Laurence Sterne funktioniert. Bei Schuldt wird aber alles mit unbeliebigen Begrifflichkeiten erklärt.

Man kann dann damit wirklich arbeiten. Und mit dem von Schuldt benutzten Ebenenbegriff lässt sich Flann O’Briens »At Swim-Two-Birds« auch ganz banal-exakt als »Radikalisierung in der Mehrebenenstruktur« fassen.

In der Rezension steht, dass sich Schuldt oft merk- oder unmerklich auf Dietrich Schwanitz bezieht, vor allem auf dessen angeblichen Einführungsband »Literatur und Systemtheorie« (1990), der in Wirklichkeit ein systemtheoretischer Exzess ist, der jeden Uneingeführten überfordern dürfte.

Gerade deshalb gibt es darin Schätze wie etwa ein beispielhaftes Interpretationsmodell (Kapitel V: »Probleme der Interpretation und ihre systemtheoretische Verschärfung«), mit dem ein literarisches Werk fernab pseudowissenschaftlicher Schwafeleien richtig durchinterpretiert werden kann. Das ist Literaturwissenschaft.

Zurück zu Christian Schuldt. Da seine Bücher auch tatsächlich interessierte Leser außerhalb von Forschung und Lehre adressieren, gibt es in ihnen stets unverantwortlich kurze Einführungen in die Systemtheorie. Der Rezensent nennt das in diesem Fall »holzschnitzartige Gesamtdarstellung der Evolution des Kunstsystems« (hehe).

Und auch wenn das bei IASLonline übliche ›Fazit‹ dann komischerweise nicht allzu positiv ausfällt, insinuiert die Rezension trotzdem, wie schön man mit ein wenig Theorie denken kann, hier eben mit einem Mix aus System-, Metafiktions- und Romantheorie.

Usw.


Der beste Investment-Essay aller Zeiten

London, 9. September 2007, 11:53 | von Dique

Die letzte Woche zerbrach ich mir den Kopf über aktive und passive Fonds und druckte mir einen über 100 Seiten langen Thread aus dem Wertpapier Forum aus. Schlauer bin ich jetzt auch nicht.

Unter dem Arm trage ich immer mal wieder mein zerfleddertes Exemplar von Grahams »Intelligent Investor«. Auch neulich beim »Spiegel«-Kauf bei meinem Newsagent hatte ich es dabei. Er nahm grinsend das Buch wahr und wies mich so nebenbei auf Kapitel 20 hin, »Margin of Safety«.

Das ist so wie in der »Nackten Kanone«, wenn sich Frank Drebbin immer wertvolle Tipps von einem Stiefelwichser auf der Straße holt. Wieso liest mein Newsagent Benjamin Graham?

Warren Buffet zufolge ist »Margin of Safety« der beste Investment-Essay aller Zeiten, so ähnlich hat er das mal bei einem Vortrag vor einer Horde MBA-Anwärtern gesagt, im roten Polo-Shirt, ich sah es auf YouTube.

Mir gefällt sehr die Bezeichnung »der beste Investment-Essay«. Mein Newsagent schien das auch so zu sehen, »the best, it’s really the best«. Ich erwähnte im Gegenzug Buffetts »The Superinvestors of Graham-and-Doddsville«. Auch sehr schön und kommt in aktuellen Graham-Ausgaben im Appendix gleich mit.

»This is also the best«, sagte mein Newsagent.


Das Buch als Ziegelstein

Leipzig, 20. August 2007, 13:33 | von Paco

Es ist ein ziemlich abgehangenes Sprachbild: das vom Buch, das dick und massiv wie ein Ziegelstein sei. Tobias Lehmkuhl hat neulich für die S-Zeitung den Band »Borges« mit Tagebuchaufzeichnungen von Bioy Casares so beschrieben: »Ein Ziegelstein wirkt klein daneben« (20. 7. 2007, S. 14).

Lehmkuhl über Casares

Immerhin, das besprochene Buch übersteigt mit seinen 1664 Seiten das Ziegelstein-Image, und es ist auch nicht mal ziegelrot (wie zuletzt etwa der »Abfall für alle«-Ziegelstein). Und außerdem ist es bisher nur im spanischen Original erschienen und wurde daher auch nicht in die Perlentaucher-Bücherschau mit aufgenommen (in die BLK schon).

Das weidliche Rezensieren neuer fremdsprachiger Belletristik ist ein rezensorisches Subgenre, das aber in Zeiten der globalen Gleichzeitigkeit an Gewicht gewinnt. Kein deutschsprachiges Feuilleton kann sich mehr leisten, den neuen »Potter«, den neuen Pynchon oder die neuesten Sachen der East-Coast-Parvenüs beim Erscheinen in der Originalsprache zu ignorieren.

Bei den romanischen Sprachen wird es schon exquisiter. Sven Lager berichtete einmal in der »taz« davon, wie mehrere Bekannte behaupteten, »den neuen Roman von Houellebecq an nur einem Abend auf Französisch verschlungen zu haben«. (hehe)

Zuletzt war es eine Prestigefrage für alle Zeitungen, eine Rezension des französischsprachigen (genau!) Ziegelstein-Buchs »Les Bienveillantes« zu haben. Der »Borges«-Band von Bioy Casares nun wurde bereits von einigen englischsprachigen Zeitungen besprochen, und jetzt eben auch von der S-Zeitung.

Usw.


Das »Me, Myself & I«-Workout

Konstanz, 6. August 2007, 14:37 | von Marcuccio

Weiterbildung statt Urlaub: So lautete die Sommerloch-Forderung des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), die letzte Woche, gelinde gesagt, Empörung auslöste. Als Exklusivausrichter der Exzellenzinitiative »Best of Feuilleton« steht der Umblätterer dem Fortbildungsgedanken erst mal grundsätzlich positiv gegenüber. Und er weiß zwar nicht, wo und wie Kristina Maidt-Zinke ihren Urlaub verbringt, aber er meint:

Das Seminar »Ich-Strategien entwickeln« von und mit Stephan Porombka wäre durchaus eine Option. Der Hildesheimer Juniorprofessor für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus hat da nämlich ein Workout erarbeitet, das helfen soll, mit der subjektiven Anwesenheit in der Kritik umzugehen. Die Urlaubsverbesserungskommission (UVK) des deutschen Feuilletons hat es in ihr Fortbildungsprogramm aufgenommen und sieht laut Trainingskatalog (S. 155 ff.) u. a. folgende Coaching-Einheiten vor:

Aufgabe 1: Das ›ich‹ finden. Schauen, wie es andere Autoren machen, ob sie ›ich‹, ›man‹, ›wir‹ o. ä. schreiben.

Aufgabe 2: Eine Ich-Typologie entwerfen. Funktionen des ›Ich‹-Sagens und des Nicht-›Ich‹-Sagens in den Texten charakterisieren und etikettieren.

Aufgabe 3: Möglichkeiten und Grenzen der Personalisierung (also der verschiedenen Arten, ›Ich‹ zu sagen) identifizieren, nach dem Motto: Der Ich-Sager muss immer ›ich‹ sagen; der Wir-Sager mag nie alleine sein; der Man-Sager bleibt am liebsten unerkannt etc.

Aufgabe 4: Die eigene Kritik mit Hilfe verschiedener Ich-Typologien verwandeln, etwa in den Reich-Ranicki-Stil, in den Wir-Stil von Hubert Winkels, in die deutlich Ich-bezogenen Man-Version von Ulrich Greiner, in die kaum merkliche, aber trotzdem anwesende Detering-Ich-Version usw. usw.

Die so genannte »Me, Myself & I«-Methode nach Porombka könnte sich schon bald zum echten Fortbildungsschlager fürs deutsche Feuilleton entwickeln, zumal die Marktforschung eben erst kürzlich diesen unglaublichen Fortbildungsbedarf von 94 Prozent ermittelt hat. Vor allem aber der Preis – schlappe 19,90 Euro – unterbietet wohl jeden einfachen Ryanair-Flug vor Steuern. Also: Wenn K. M.-Z. jetzt noch nicht weiß, was sie im Urlaub macht, dann weiß »ich« auch nicht.


Beim Zahnarzt

Leipzig, 3. August 2007, 15:46 | von Paco

Ich gehe gern zum Zahnarzt, weil da immer (zumindest bei meiner Zahnärztin) jüngere bis mittelalte »Spiegel«-Ausgaben ausliegen. Da kann ich schön ein paar Texte nachholen, die ich wegen unterschiedlicher Prioritäten bei der Erstdurchsicht auslassen musste.

Angeteast durch das letztlich interessante Interview, das Julia Encke mit Monika Maron für die letzte FAS geführt hat, lese ich heute dann doch auch noch das im »Spiegel« Nr. 30 vom 23. Juli, S. 140–142. Schön wieder die Bemerkungen zum Ehemann in Marons neuem Roman »Ach Glück«, dem sogenannten »Kleist-Forscher«.

Aber das absolute Highlight ist die Eingangsfrage der »Spiegel-Leute«. Roman Leick & Volker Hage fragen da nämlich, ob »die Widmung Ihres Romans … einem Hund gilt«. Im Buch selber steht »Für B.«, und dass damit sowohl der Romanhund (»Bredow«) als auch Marons eigener wuscheliger Vierpföter (»Bruno«) gemeint ist, das erscheint nach den ersten Interviewfetzen so plausibel wie literarhistorisch innovativ.

Während ich so dahinlese, wird das Gespräch an der Anmeldetheke lauter. Da steht ein Mann vom Typus ›aufmüpfiger Zausel‹ und schreit beleidigt: »Wieso könn‘ Sie keinen 500-Euro-Schein wechseln! Ich hab ein Anrecht dadrauf!«

Die Thekendame betont wiederholt das Missverhältnis zwischen der 10-Euro-Praxisgebühr und dem irgendwie windigen Geldschein, den ihr der Zausel unterjubeln will. Am Ende sagt sie einfach, sie habe nicht so viel Wechselgeld und verschränkt brüsk ihre Arme.

Der Zausel flucht komische Flüche gegen sie und verlässt schließlich wütend die Praxis. Sie wedelt ihm mit seiner Krankenkassenkarte nach, »Ihre Karte, Sie haben Ihre Chipkarte vergessen!«

Er hört das noch, faselt aber etwas von hinten reinstecken und ist weg. Die Tür plauzt. Ok, war dann sicher nicht seine eigene Karte, die er da hingelegt hat. Und seine Zahnschmerzen waren dann sicher nur gefaket, so wie der 500-Euro-Schein.

Eigentlich könnte nun Ruhe einkehren, da entdecke ich am Ende des Interviews, S. 142, rechts unten, einen unfassbaren Fehler:

»Frau Maron, wie danken Ihnen für dieses Gespräch.«

Nicht nur, dass der »Spiegel« für diese Schlussformel »wir danken Ihnen für dieses Gespräch« berühmt ist. Das Magazin hat auch die beste Schlussredaktion der Welt.

Ich fühle mich sofort an den peinlichen »Rückname«Fehler vom August 2004 erinnert, aber weiter komme ich nicht in meinen Überlegungen, denn auf einmal werde ich ins Behandlungszimmer gerufen. Auch das noch. Dabei wollte ich noch schön den Technik-Teil komplettieren.

Habe mir dann gleich einen neuen Termin geben lassen.


»Leipzig ist längst tot«

Konstanz, 3. August 2007, 13:03 | von Marcuccio

Und ich frage mich: War Juli Zeh literarisch je lebendig? Aber auf die Tagline, die der Konstanzer »Südkurier« aus der seit gestern 15:45 Uhr über den Ticker laufenden Meldung gemacht hat, bin ich natürlich trotzdem reingefallen. Interessant ist doch mal der letzte Satz. Wenn Juli Zehs neuer Roman tatsächlich am 12. 8. erscheint, kann das ja nur heißen, dass ihr Durchbruch im Bahnhofsbuchhandel unmittelbar bevorsteht. Wo sonst sollte man am Sonntag, dem 12. 8., Juli-Zeh-Bücher kaufen können, geschweige wollen?


Das Feuilleton-Megathema der nächsten Jahre

Konstanz, 30. Juli 2007, 22:50 | von Marcuccio

Okay, okay, die durch das Walser-Hauptmann-Papier in Verruf geratene Crew von Thomas Steinfeld kann, wenn sie will, auch ganz anders. Und sogar französisch.

Zur diesjährigen Leipziger Buchmesse stellte die Literaturseite der S-Zeitung nämlich die Frage: Comment parler des livres que l’on n’a pas lu? Das dazugehörige Buch von Pierre Bayard erscheint erst noch auf deutsch und behandelt ein Phänomen, das in den kommenden Jahren zu einem echten Feuilleton-Megathema mutieren könnte: das Phänomen des ungelesenen Buches.

Dass gerade die S-Zeitung diese Themenseite brachte (und erst noch hübsch bebilderte, nämlich mit dem passenden »Après le bal« von Ramón Casas y Carbo), das ehrt sie sehr. Denn niemand sonst lebte in den letzten Jahren aufrichtiger von der Kultur der Regalsteller als die S-Zeitung, die das Geschäftsfeld Kulturtapete für den deutschen Buchmarkt nachgerade neu erfunden hat.

Allein die Bände 1-50 der SZ-Bibliothek (»Das Original«) sollen, das hat eine buchwissenschaftliche Abschlussarbeit soeben ermittelt, 11,3 Millionen mal verkauft worden sein – von ähnlichen Effekten der ganzen Me-too-Produktion (cf. »Brigitte-« bis »Playboy-Hörbuch-Edition«, »Tagesspiegel-Kindermärchen-« bis »Woman-Endlich-Sommer-Kollektion«) ganz zu schweigen.

Ich persönlich freue mich ja jetzt schon auf den »Gesammelten Sätze-Kaiser«, den der Umblätterer 2008 als exklusives Konversationslexikon zur Bayreuther Pausenbrühwurst edieren wird.

Wo aber der Buchkäufer sowieso schon immer ein Regal weiter ist als der Buchleser, gilt es, mit dem ganzen Wahnsinn nicht mehr nur physisch (Billy bauen), sondern auch psychisch fertig zu werden. Meine Lieblings-Leseentwöhnung kommt aus der Schweiz und heißt »Endlich Nichtleser. Die beste Methode mit dem Lesen für immer aufzuhören«. Hätte sich die literaturgestresste Iris Radisch vielleicht auch mal mit in die Ferien nehmen sollen.