Archiv des Themenkreises ›Buchbuch‹


Leipziger Buchmesse: Lesungswahnsinn

Leipzig, 16. März 2008, 14:05 | von Paco

Donnerstagabend, Kuppelhalle der LVB. Dort werden gern rauschende Feste gefeiert, für Lesungen ist der hallende Raum eher nicht geeignet. Die Tür gibt beim Öffnen und Schließen ein inkommensurables Kojotengeheul von sich.

Für 20 Uhr ist also eine Lesung angesetzt, mit 7 Autoren aus aller Herren Länder. Jenny Erpenbeck liest als erste, während immer mal wieder ein paar Nachzügler hereinkrächzen, zuletzt auch der beauftragte Lesungsfotograf.

Dieser packt sein Equipment aus und schraubt die Kamera zusammen, klack, ratter, zzzzz. Er ist schon jetzt unschöner Mittelpunkt der Veranstaltung, aber dann …

… dann klingelt auch noch sein Handy. Einmal, zweimal, er beutelt das Ding, wo das Handy drin ist, hin und her, dreimal, viermal, endlich hat er es. Statt es jetzt auszumachen, geht er ran. »Hallo?«

»Fucking hell«, tönt es von irgendwoher hinten, es murrt, es zischt. Irgendwann hat er zuende gemurmelt, zückt dann aber das Fotomachgerät und hält es erst mal frontal in die Menge.

Ähm, könntest du mir jetzt bitte mal nicht so voll in die Fresse reinfotografieren? Öffentlicher Ort hin oder her, es nervt. Alle halten sich irgendwie die Hände vors Gesicht.

Sicher keine schöne Aussicht, kein repräsentatives Publikumsfoto mit konzentrierten und erheiterten Zuhörern. Der Fotograf tingelt seitlich durchs Publikum, sucht sich irgendeinen Platz und schickt sein Blitzlicht jetzt voll in den Lesewinkel der Frau Erpenbeck.

Die zuckt zusammen und fragt ganz freundlich, ob man das bitte vielleicht mal lieber nach der Lesung machen könne (correct Konjunktiv used by courtesy of Die Dschungel). Es herrscht aber irgendwie ein wenig Uneinsichtigkeit bei der Fotoabteilung. Da prescht ein Autorenkollege vor und packt den Kamerahalter am Schlafittchen.

»Il sloveno!« rauscht es durch die Reihen. Ich kenne den mit seiner Kollegin solidarischen Autor nur von einer Handvoll Gedichten aus dem EDIT-Sonderheft »Slowenien« vom letzten Frühjahr. Jedenfalls …

… reicht es jetzt nämlich offenbar wirklich, überall wird Zustimmung signalisiert. Leider wird der Sloveno forsch und besteht mehrmals darauf, dass der Fotograf den Ort verlässt. Als seine Jacke aus der Tür hinaus die Treppen runterfliegt, schlägt die Zustimmung sofort in Mitleid um. Einige wenige verlassen mit dem Fotomenschen den Raum, aber das mag noch mal fünf andere Gründe gehabt haben.

Marcel Beyer ist übrigens auch bei der Rausschmisslesung dabeigewesen. Einen Abend später liest er dann noch mal aus »Kaltenburg« vor, im »smow« am Burgplatz, und zwar diesmal allein. Eine Stunde, vier Substorys.

Im Vergleich zum Vorabend macht sich nun der komplette herrliche Lesungswahnsinn breit. Menschen halten Wein in ihren Händen, hören da jetzt genau zu, der Autor erklärt vorab ein bisschen den Roman. Das ist sehr angenehm, wenn im Kneipengeschichtenstil schnell über die Figuren gesprochen wird, damit jeder weiß, worum es jetzt gleich noch mal geht.

Dann die Lesung, das Aufschnappen einzelner schöner Sätze, das Verlieren in der Betonung, das Sammeln von erzählerischen Informationsbits, kurze Langeweile, dann plötzlich wieder die Freude über Konjunktive, jemand hustet, ein paar grinsen. Und kein Kojotengeheul.


Das Uefa-Cup-Finale von Leipzig

Konstanz, 13. März 2008, 11:58 | von Marcuccio

Für alle Fans des Feuilleton-Sports wird dann heute nachmittag erst mal der Uefa-Cup der deutschen Buchpreise ausgetragen. Das war übrigens schön, wie Wiebke Porombka in der taz das Standing der konkurrierenden Buchmesse-Awards (Frankfurt vs. Leipzig) mal so beschrieb:

» (…) der ›Preis der Leipziger Buchmesse‹ (…) gilt hinter vorgehaltener Hand eher als Uefa-Cup-Teilnahme. Entspannen wir uns also ein bisschen bis zur Frankfurter Champions League, die im Oktober 2008 ausgetragen wird.«

Wobei so ein Uefa-Cup ja durchaus auch mal mehr Qualität bieten kann als ein vermeintlich hochkarätiges CL-Finale: Wir alle erinnern uns an 2003, als es bei Juve gegen Milan auch nach 90 Minuten plus Verlängerung immer noch 0:0 stand (gähn). Rein von der Aufstellung (keine Julia Franck II, kein Arno Geiger IV) steckt dieses Leipziger Shortlist-Finale heute sowieso schon voller Überraschungen. 16 Uhr wissen wir mehr.


Die Feuilleton-Hits zu Jahresbeginn (Teil 4):
Melancholie Modeste über Friedrich Sieburg

Leipzig, 3. März 2008, 07:31 | von Paco

Januar und Februar waren gute Feuilleton-Monate, ganz anders als im letzten Jahr. Wir stellen hier die 6 interessantesten, schönsten, bestgeschriebenen, relevantesten, lesenswertesten Feuilleton-Artikel des Jahresbeginns vor, die auch sozusagen automatisch für die Best of Feuilleton 2008 nominiert sind. Hier ist Teil 4:

Melancholie: Modeste: »Ein zum Rühmen Bestellter«
(modeste.twoday.net, 3. 2. 2008)

In ihrem Blog hat M. M. über Friedrich Sieburg geschrieben – und zwar eben mal ohne äußeren Jubiläumsanlass. Das heißt, der Schreibanlass war einfach der, dass sie die Bücher irgendwann mal gelesen hatte.

MRR meinte, dass der Kritiker Friedrich Sieburg deshalb so schnell nach seinem Tod (1964) vergessen worden sei, weil er sich nie über die relevante Literatur nach ’45 gekümmert hätte. Die Modeste meint nun, dass gerade wegen der Missachtung der langweilenden Gruppe-47-Literatur Sieburg eigentlich wieder aktuell sein könnte.

Sie bezieht das vor allem auf seine Franzosen-Biografien (Robespierre, Chateaubriand, Napoleon), vergisst aber auch nicht, das Schreckliche seines Stils noch mal für alle eindrucksvoll auszuformulieren, und dann fällt ihr noch dieser schöne Satz ein: »Wer an Stefan Zweigs Biographien nichts als den allzu schlamperten Stil bemängelt, wird mit Sieburg glücklich werden.« Wir alle wissen, was gemeint ist, hehe.


Kummer, Kracht und das
Copy-Shop-Feeling bei »Tempo«

Konstanz, 20. Februar 2008, 12:12 | von Marcuccio

Vor knapp einem Jahr sind Tom Kummers Memoiren »Blow up« erschienen. Eben gelesen stimme ich mit Gerrit Bartels absolut überein, dass das Buch »große, feine Momente« hat. So gibt es zum Beispiel endlich mal wieder frische Mythen aus dem Hause »Tempo«. Zwei davon exklusiv hier, in unserem Reading Room. (Zahlen in Klammern = Seitennachweise aus »Blow up«).

1. Wie Tom Kummer enthüllt: »Tempo« war eigentlich gar kein Zeitgeist-Magazin, sondern ein Copy-Shop!

»Mein erster Gedanke beim Betreten der Redaktionsräume war dieser: Habe ich mich im Eingang geirrt? Hier sah alles wie in Copyland aus. (…) Die Tempo-Redaktion erinnerte mich an eine Mischung aus (…) schmucklosen Kopierläden und studentischen Wohngemeinschaften. Ich war ein wenig überrascht, wenn man bedenkt, wie edel das Gebäude von außen wirkte und wie glamourös sich das Heft gab«. (104 f.)

Im Innern war »Tempo« also eigentlich ein Copy-Shop. Und als solcher zugleich die Achtziger-Jahre-Vorform der Blogosphäre. Kummer schreibt das jetzt nicht explizit (zum Glück!), aber er suggeriert es durchaus plausibel:

»Mit Kopierläden kannte ich mich gut aus, das waren (…) die besonderen Treffpunkte zeitgeistiger Strömungen. Man konnte in Kopierläden die aufregendsten Menschen kennenlernen, Leute, denen man sonst nie begegnen würde. Recherchen im Internet gab es noch nicht – alles musste mühsam aus Heften und Büchern rauskopiert werden, und so wurden bestimmt einige der ganz großen Ideen zum ersten in einem Kopierladen geboren.« (105)

Konsequenterweise pflegte »Tempo« nicht nur den Copy-Shop-Look, sondern auch die echte (in solchen Läden ja durchaus bis heute übliche) Ich-bedien-dich-nicht-Atmosphäre:

»Eine Traube von Leuten stand um ein Kopiergerät herum. Alle Köpfe drehten sich jetzt in meine Richtung. Es waren wohl Redakteurinnen und Sekretärinnen, die mich mit cooler Herablassung anglotzten und gleich wieder mit cooler Herablassung wegschauten. (…) Vielleicht wurde ich für einen Fahrradkurier gehalten. Niemand schien mich zu bemerken. (…) Nach zehn Minuten fragte mich eine junge Frau, ob sie mir helfen könne.« (105 f.)

Und dann darf der Fahrradkurier tatsächlich bei »Tempo« anfangen, und kriegt sogar schon bald Verstärkung.

2. Wie Christian Kracht zu »Tempo« kam, für Kummer kopieren musste und das Ergebnis nicht streifenfrei war:

»Ein junger, blondhaariger Schnösel betrat irgendwann die Redaktion. Er war Volontär oder so etwas in der Art und stellte sich als Christian vor. Er sei Schweizer. Das konnte ich kaum glauben, denn der Blonde konnte kein Schweizerdeutsch, was sehr lustig war. Ein Schweizer, der keinen Dialekt spricht – davon hatte ich noch nie gehört.« (117)

Wenn es damals schon einen gewissen Fabian Unteregger gegeben hätte, würde ich ja fast wetten, dass es der nicht bestandene Schnütsgüfeli-Test war, der Kracht das Los des Kopiersklaven unter Eidgenossen bescherte. Vielleicht haben die beiden aber auch ein Schwingen ausgetragen, um zu entscheiden, wer wem was zu sagen hat? Jedenfalls (Kummer):

»Ich sagte dem Blonden, er solle mir beim Kopieren helfen, wenn er schon sonst nichts zu tun hätte, ich hatte mir nämlich ein riesiges Arsenal von Fachliteratur für meinen nächsten großen Auftrag besorgt: Drogen in Deutschland – der ultimative Tempo-Test. Und so kopierte ich mit dem Blonden alles, was man über Kokain, Heroin, LSD so finden konnte. Ich erzählte dem Blonden, was für eine grandiose Geschichte dies werden würde, eine Reise durch Deutschland, auf der Suche nach den besten und miesesten Drogen, die diese Republik zu bieten habe. Und dass das gleichzeitig ein Sittenbild werden solle über ein Land das es in dieser Form bald nicht mehr geben würde.« (117)

Na ja, der »Tempo«-Drogenreport schaffte es dann, wie Kummer später schreibt, nie ins Heft. Aber aus der Reise durch Deutschland, den miesen Drogen und dem Sittenbild wurde ja immerhin noch … »Faserland«, genau.

Kummers Kopierauftrag bei »Tempo« als Keimzelle für Krachts literarische Karriere – das wäre dann aber wirklich noch ein hübsche späte Pointe auf Willi Winklers frühe »These von der Geburt der neuesten deutschen Literatur aus dem Geist der Szenezeitschriften« (S-Zeitung vom 14. April 1987). Achtziger-Jahre-Feuilleton, auf jeden Fall – wir Umblätterer machen da manchmal so Retro-Abende, hehe.

Und logischerweise meinte Winkler seinerzeit gar nicht Kracht, sondern Joachim Lottmann, der gerade »Mai Juni Juli« veröffentlicht hatte. Derselbe Lottmann behauptete dann aber Jahre später auch:

»Als später Christian Kracht mit einer Kopie von ›Mai, Juni, Juli‹ triumphal als Begründer der deutschen Popliteratur gefeiert wurde, rief er mich mit belegter Stimme an; ich glaube, er hatte geweint.«

Ob Lottmann sich derweil eigentlich auch bei »Tempo« verdingt hat und wer dort nun welche Vorlage beim Kopieren vergessen hat, je ne sais pas. Das wird dann aber hoffentlich mal in aller Gründlichkeit die historisch-kritische Kracht-Ausgabe klären. Und am Ende ging wahrscheinlich sowieso alles über den »Tempo«-Kopierer. Ich vermute ja fast: Auch das legendäre Faserland-Design ist Copy Art – oder arbeiteten die Kopierer der »Tempo«-Jahre wirklich schon streifenfrei?


Lesen 2.0:
Die F-Zeitung folgt Jochen Schmidt ins Netz

Konstanz, 15. Februar 2008, 07:20 | von Marcuccio

Seit knapp zwei Wochen gibt es den Reading Room der F-Zeitung: Jonathan Littell zum Lesen, Hören, Diskutieren soll ein »Pilotprojekt« sein, und man ist wohl kein großer Prophet, wenn man die Idee einer Blogosphäre für »FAZ-Gesinnte« schon jetzt als genialen Coup bezeichnet, mit dem die F-Zeitung ihr zuletzt doch eher altbackenes Alleinstellungsmerkmal »Feuilletonroman« ins 21. Jahrhundert rettet.

Denn wenn wir das weidlich kritisierte Marketing-, Experten- und Herausgeber-Tamtam einfach mal beiseite lassen. Dann bleibt als Role Model eines solches Lese-Events im Netz immer noch Jochen Schmidt, an den dieser Tage mal wieder kein Kritisier-Feuilleton erinnert hat:

Schmidt-liest-Proust hieß sein Projekt und war die sympathische Kompensation einsamen Lese-Inputs durch bloggenden Output, frei nach dem Motto: Ich teile euch mit, was und wie ich lese. Und ich lese (Prousts »Recherche« auch wirklich zu Ende), weil ich Leselust und Leselast mit euch teile, weil ihr hoffentlich protestiert, wenn ich vorher aufhöre, weil ihr mich animiert, durchzuhalten. 3.500 Seiten Proust sind ja eigentlich eine Ansage zum Eremitendasein. Aber 3.500 (mit-)geteilte Seiten Proust sind vielleicht die einzig reelle Chance, über ein Buch, das alle kennen und kaum einer wirklich gelesen hat, ins Gespräch zu kommen.

Und es muss ja gar nicht immer gleich Proust sein. Neulich zum Beispiel. Wollte ich mit Paco über dieses Buch quatschen, und er hatte es prompt noch nicht gelesen. Sollte er es dann endlich mal getan haben (Forza! hehe), habe ich die Hälfte schon wieder vergessen. Wie praktisch ist da ein Blog, das Unterhaltungen über Lektüreerlebnisse, für die es offline gar nicht immer den richtigen Zeitpunkt gibt, antizipiert und archiviert.

Es geht beim Lesen 2.0 also einerseits um das, was Literaturwissenschaftler wie Heinz Schlaffer als »mitgeteilte Lektüre« bezeichnen: das gesellige Gespräch über Literatur, das wir alle brauchen (Der Umgang mit Literatur. In: Poetica 31 (1999), S. 1-25). Und andererseits um »schreibendes Lesen«: Doch gerade das scheinbar harmlose Anmerken, Kommentieren und Reinschmieren in die Bücher konfrontiert unsere werten Bibliotheken ja immer wieder mit diesen Aufsehen erregenden Fällen von Zerstörungswut.

Reading Rooms und Lese-Blogs leisten, so gesehen, echte Prävention. Sie schützen nicht nur die Bücher, sie bewahren auch uns selbst – vor asozialer Lese-Vereinsamung ebenso wie vor einem unüberlegten Eintritt in den Jane Austen Club, hehe. Und dass auch eine schwarmähnliche Interessengemeinschaft im Netz so richtig schwärmerisch sein kann, hat der Schmidt-liest-Proust-Fanclub ja sowieso schon vorgeführt:

»Dankeschön Jochen! Dein Blog war wie ein Advents­kalender, dessen Türen jeder für sich öffnen konnte, wann er wollte und der uns jeden Tag mit einer für uns neuen Süßigkeit überraschte.« (hier)

Für Jonathan-Littell-Aficionados funktioniert das jetzt wahrscheinlich ganz ähnlich. Na ja, fast. Im Reading-Room der F-Zeitung wird halt nicht genascht; hier will und bekommt man echtes Vollkorn-Feuilleton: Oder was sonst wäre die tägliche Frage, die zur »Wohlgesinnten«-Verdauung anregen soll? Und nichts gegen Vollkorn: Jeder, der schon mal länger in Weißbrotländern gelebt hat, weiß erst, was gutes deutsches Schwarzbrot wert ist.

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Als Einstieg in den Schmidt liest Proust-Kosmos, die ersten beiden Einträge:
http://vertr.antville.org/20060719/


»Los nuestros«:
Der Kanon des lateinamerikanischen »Booms«

Leipzig, 8. Februar 2008, 07:03 | von Paco

Heute endlich Zeit gehabt, den Artikel »¿Qué se hizo de Luis Harss?« des Romanciers Tomás Eloy Martínez zu lesen, erschienen vor gut zwei Wochen in der Kulturbeilage der argentinischen Zeitung »La Nación« (Ausgabe vom Samstag, 26. 1. 2008). Die Magazinrundschau des Perlentauchers hat ihn bereits kurz erwähnt und zitiert, hier folgt eine ausführlichere inhaltliche Zusammenfassung, sonst macht es wieder keiner, hehe.

Der Artikel ist 32.500 Zeichen lang, und ich habe ihn nur im Netz gelesen, aber damit könnte man hierzulande locker 3 großformatige Feuilleton-Seiten füllen. Es gibt eine vorwortartige Einführung von Eloy Martínez, darauf folgt als Hauptteil ein Interview mit Harss, das von einer Art Epilog abgeschlossen wird.

Zur Vorgeschichte: Im November 1966 hat Luis Harss zusammen mit Barbara Dohmann den Essayband »Los nuestros« herausgegeben, der aus heutiger Sicht den Autorenkanon des lateinamerikanischen Literatur-»Booms« deklarierte. Harss hatte das Buch zunächst auf Englisch geschrieben; diese Version erschien dann ein Jahr später unter dem Titel »Into the Mainstream: Conversations with Latin American Writers«.

Der »Boom« der lateinamerikanischen Literatur ist mittlerweile natürlich historisch, trotzdem aber immer noch ein nicht zu unterschätzender verlagspolitischer Faktor, wenn es um die Vermarktung lateinamerikanischer Autoren geht.

Zum Anlass des Interviews: Bei der Feier seines 80. Geburtstags soll García Márquez in die Runde gefragt haben, was eigentlich aus Luis Harss geworden sei. Keiner wusste etwas, aber kurz darauf lief ihm Eloy Martínez zufällig in Buenos Aires über den Weg. Sie plauschten kurz, vertagten aber tiefere Gespräche auf ein andermal und tauschten dafür die Adressen ihrer US-amerikanischen Wohnsitze aus.

Luis Harss lebt in Mercersburg, Pennsylvania; Eloy Martínez lehrt an der Rutgers University, New Jersey. Als Kompromiss verabredeten sie sich auf ein Treffen in der Amish-Stadt Lancaster, die ungefähr in der Mitte zwischen beider US-Wohnungen liegt.

In seiner Einführung beschreibt Eloy Martínez kurz die Gegend und das Leben der Amish. Deren religiöser Habitus stehe etwa im Gegensatz zu den aufragenden Getreidesilos, die er als bedrohlich erscheinende Phallusse interpretiert: »Los silos parecen grandes falos amenazantes, coronados por cúpulas con inequívocas formas de glande.« Na ja, okay.

Dann folgt das eigentliche Interview. Zunächst erzählt Harss, dass er in den 60ern in Paris in der Auslage eines spanischen Buchladens »Rayuela« liegen sah und nach der Lektüre eine Übersetzung begann, die er schließlich Cortázar persönlich zeigte. Dieser hatte leider bereits einen Übersetzer, und so musste Harss sein erwachtes Interesse in einem anderen Projekt kanalisieren.

Harss hatte damals keinen Überblick über die lateinamerikanische Literatur. Ein New Yorker Verleger, Roger Klein von Harper & Row, wollte ihn dazu überreden, eine Interviewserie mit einigen Autoren zu machen, was Harss vorerst ablehnte: »No los conozco. No sé quiénes son.« Nach der Begegnung mit Cortázar ging es aber Schlag auf Schlag, er erweiterte seine Lektüren und suchte die nächsten Autoren auf.

Er schrieb das Buch, wie gesagt, zunächst auf Englisch. Als der New Yorker Verleger Selbstmord beging, verlor sich das Projekt jedoch und wurde erst wieder für die spanischsprachige Ausgabe reaktiviert.

Harss hatte damals Gespräche mit 10 Autoren geführt, zu denen sowohl bereits bekanntere gehörten (Borges, Asturias) als auch noch unbekannte (Alejo Carpentier, Onetti, Cortázar, Fuentes, Vargas Llosa). Er hat nie kommentiert, warum er gerade diese Autoren ausgewählt und warum er andere, auch bereits durch die europäische Kritik akzeptierte Autoren, ausgelassen hat. Genau das interessiert jetzt Eloy Martínez.

Harss berichtet von einer sich selbst so bezeichnenden »Mafia« lateinamerikanischer Autoren, die damals über die Welt verstreut war und die spanische Sprache als ihr gemeinsames Zuhause betrachtete. Cortázar empfahl ihm den noch völlig unbekannten Vargas Llosa, und von ihm ging es weiter reihum von Empfehlung zu Empfehlung.

Den schon über 60-jährigen Guatemalteken Asturias, der 1967 den Nobelpreis bekommen sollte, besuchte er etwa in Genf. Das Interview mit dem brasilianischen Autor Guimarães Rosa in Rio de Janeiro wurde übrigens auf deutsch geführt; hier kam auch die Mitautorin Barbara Dohmann ins Spiel.

Zur Frage, warum er bestimmte Autoren ausgelassen habe, liefert Harss eine erwartbar banale Antwort: Entweder kannte er sie noch nicht, oder deren Werke gefielen ihm nicht wie im Falle von José Donoso (»me pareció ambicioso y mediocre«) und Ernesto Sabato (»como novelista, me parecía de un dramatismo banal y estereo­tipado«).

Am Ende sprechen sie schließlich über Harss‘ erklärten Herzensautor, den 1964 verstorbenen Felisberto Hernández, den er ins Englische übersetzt hat, sowie über Roberto Bolaño, dessen Vermächtnisroman »2666« er nicht zuende gelesen hat, weil er die professoralen Hauptfiguren darin so langweilig fand.

Im Epilog beschreibt Eloy Martínez noch die Enttäuschung, die Harss der Misserfolg seines 1968 publizierten Romans »La otra Sara o la huida de Egipto« beschert hat. Er kehrte damals Argentinien den Rücken und ging nach West Virginia. Im Moment arbeite er an einem zweibändigen Roman namens »Ani y la vida«, es bleibe abzuwarten, ob er die durch sein Land erlittenen Enttäuschungen in Literatur verwandeln kann.

Fazit: »La Nación« hat da einen herausragenden »Was macht eigentlich«-Artikel veröffentlicht, in dem sich Literaturgeschichte auf interessanteste Weise mit alten und neuen Anekdoten mischt.


Pontormo, Rosso Fiorentino, Berberaffe

London, 24. Januar 2008, 09:34 | von Dique

Ich fahre übrigens gerade oder schon seit einiger Zeit auf Pontormo ab, der auch Lehrer von Bronzino war. Ich hatte den noch vor einiger Zeit nicht richtig oder mit leichter Missgunst wahrgenommen, aber finde ihn mittlerweile hervorragend.

Leider sind viele seiner wichtigsten Werke in Fresko nicht mehr erhalten, aus den letzten 20 Jahren seines Lebens gibt es lediglich ein paar Zeichnungen. Ich habe gerade Vasaris Pontormo-Biografie in der Wagenbach-Ausgabe weggebraten und gleich danach noch eine bildbandige Monografie.

Er war zusammen mit Rosso Fiorentino ein Schüler von Andrea del Sarto, man sieht ganz klar die del-Sarto-Einflüsse, besonders das Dunkle um die Augen, besonders bei Rosso, Pontormo wird dann bei seinen Figuren extrem schlank und fragil.

Vasari wirft ihm in seiner Biografie ständig vor, hier den deutschen Stil zu kopieren, weil er sich sehr von damals weit verbreiteten Dürer-Stichen beeinflussen ließ. Pontormo war jedenfalls ein ziemlicher Freak, sehr belesen in zeitgenössischer Philosophie und antiken Schriften.

Er soll in seinem Haus eine Art Turmzimmer gehabt haben, in dem er arbeitete und in das er sich zurückzog, man konnte dieses nur über eine Leiter erreichen, und diese zog er zumeist ein.

Vasari schreibt außerdem über Pontormos Heim, dass dieses »eher der Behausung eines Phantasten und Eigenbrötlers gleichkommt als einer wohldurchdachten Wohnstätte«. Und weiter: »Doch das, was den Menschen am meisten an ihm mißfiel, war, daß er nicht arbeiten wollte, wenn ihm Zeit und Auftraggeber nicht zusagten, und nur entsprechend seiner Laune.«

Die Rosso-Vasari-Wagenbach-Biografie las ich auch gleich noch. Von Rosso gibt es noch weniger Arbeiten als von Pontormo, er starb aber auch früher, vielmehr nahm er sich höchstwahrscheinlich selbst das Leben.

Rosso war wohl ein ziemlicher Exzentriker und hielt sich nach Vasari einen Berberaffen, und »da dieser eine wunderbare Auffassungsgabe besaß, ließ er ihn zahlreiche Hilfsdienste ausführen«. Er liefert eine recht lange Anekdote, wie einer von Rossos Schülern ihn wohl darauf trainiert hatte, im nachbarlichen Kloster Weintrauben zu stehlen.

Dabei wird der Affe vom Konventsvorsteher erwischt, und es kommt zu allerlei Trubel, und der Affe bricht mitsamt dem Weinstock, der sich um eine Pergola rankt, über dem Ordensbruder zusammen. Wegen der Beschwerde des Bruders wird nach Rosso geschickt, und man »verurteilte den Berberaffen zum Scherz dazu, ein Gewicht an seinem Hinterteil zu tragen, damit er nicht mehr auf Lauben springen konnte wie zuvor«.

Sehr witzige Geschichte, besonders, wenn sie in diesem zeremoniellen Vasari-Style erzählt wird. Rosso war einer der wichtigsten Maler der Schule von Fontainebleau, neben Primaticcio natürlich. Zu diesem gibt es aber leider noch nicht die Wagenbach-Version der Vasari-Abhandlung.

Da komme ich auch sofort mal zum nächsten Umblätterer-Betriebsausflug. Im Louvre waren wir schon ein Jahr nicht, damals ja auch eher auf Parmi-Salvatore-Rosa-Ingres-Trip, hier ein Erinnerungsfoto mit mir und Paco (v.l.n.r.) auf dem Weg dahin:

Dique, Paco, Paris, close to the infamous Louvre

Doch im Louvre hängen natürlich auch einige Bilder von Pontormo zumindest, aber ebenso von Rosso. Pontormo würde natürlich für Florenz sprechen, denn Ponte war Hofmaler der Medici, und seine schönsten Bilder hängen dort in Kirchen und Palästen und natürlich den Uffizien.

Gut, es gibt den Joseph-Zyklus hier in der National Gallery mit dem 13-jährigen Bronzino auf der Treppe sitzend. Da gehe ich jetzt gleich noch mal in die NG und glotze mir das Zeug mit frischem Blick an.

Viele Grüße
Dique


Alban Nikolai Herbst, »Azreds Buch«:
Ach du liebe Güte! Eine Necronomicon-Erzählung!

Leipzig, 23. Januar 2008, 05:28 | von Paco

Azreds BuchDie bisher unveröffentlichte phantastische Erzählung »Azreds Buch« hat ANH schon mal 2004 in seinem Vortrag »Fantastische Räume« für das Linzer Phantastik-Symposium erwähnt und kurz zitiert. Vor gut einem Monat, um Weihnachten herum, hat er sie dann in seinem Weblog »Die Dschungel. Anderswelt.« in 5 Fortsetzungen online publiziert (Inhalt: Eins, Zwei, Drei, Vier, Fünf).

(In Rezensionen wird ja normalerweise ohne Ankündigung gespoilt. Wer die Geschichte, die wirklich spannend ist – Lesezeit ca. 30 Minuten –, vorher lesen will, sollte das tun und hier abbrechen.)

Also dann: Es geht fast sozialrealistisch los mit einem Erzähler namens Baumann und einem Vermieter (und Ich-Erzähler zweiten Grades) namens Mielke. Ein guter Anfang für eine phantastische Erzählung: In diesen scheinbar normalen Alltag kann dann schön das Unerwartete hineinbrechen.

Dass übrigens ANH den Vermieter wirklich ›Mielke‹ nennt, ohne falsche Assoziationen zu fürchten, … na gut, wenn man bedenkt, was die Mielke-Figur im weiteren Verlauf der Story treibt, ist das vielleicht doch keine zufällige Benamsung, hehe. Nebenbei, auch Sebastian Brock hat in seinem Roman »Silbersee« neulich die Hauptfigur einfach mal ›Walser‹ genannt, ohne Furcht vor den ganzen Assoziationen, die dann ständig in die Lektüre funken könnten.

Was macht ANH nun? Er bereichert die Literaturgeschichte um eine weitere Necronomicon-Erzählung in der Nachfolge H. P. Lovecrafts. Laut HPL hat Abdul Alhazred das arabische »Necronomicon«-Original »Al Azif« um 730 herum verfasst. Bei ANH hat es dieser legendäre Verfasser nun sogar irgendwie bis in unsere Gegenwart geschafft, ermöglicht durch eine Art Seelenwanderung bzw. Körperbemächtigung.

Herbst schreibt notorisch im Präsens. Das liest sich anfangs etwas schräg, hat am Ende aber einen bestimmten Effekt. Ansonsten ist der teils ins Horrorgenre hinübergleitende Text auch lustig. Etwa wenn Mielke von der »unterirdisch gelegenen Dämonenstadt« erzählt, »worin man der Weltherrschaft harrt«, und Baumann antwortet: »Ach du liebe Güte!«

Die von Mielke kundgetane Binnengeschichte nimmt den größten Teil ein und handelt davon, wie der junge Ägyptologe einem Professor Djahangir Hazegnehad nach Schottland folgt, wo dann in den Räumlichkeiten unter einem Hünengrab ein bisschen Horrorschock stattfindet. Außerdem wird dort eben auch Azreds Buch aufbewahrt.

Der Professor entpuppt sich schließlich als Dämon, als irgendwie Geist Al Azreds, der sich offenbar aller paar Jahrzehnte in einen neuen Körper schwingen muss. Mit dem Besitz des Buches ist dann auch Macht verbunden, und dass Mielke das Ding einfach mitnimmt und abhaut, bringt ihm zwar einen Karrierepush, wird ihm aber auch zum Verhängnis, denn er lebt ein Leben in ständiger Flucht vor dem Dämon.

Mehrere Passagen über sich ändernde visuelle Eindrücke erinnern an andere Herbst-Texte, etwa an die »Enzyklopedia Babilonica« in der Erzählung »Der Gräfenberg-Club«, die beim Blättern ihre Inhalte ändert.

Ansonsten wirkt der Text durchkomponiert und korrekturgelesen (auch wenn »Cthullu«/»Chtullhu« in verschiedenen Schreibweisen vorkommt, wo es außerdem normalerweise doch »Cthulhu« heißt, oder? aber das ist die Ausnahme), und ich frage mich, warum sie nicht schon in den 2005 erschienenen hervorragenden Sammelband »Die Niedertracht der Musik« mit aufgenommen wurde.

Im Netz liest sich »Azreds Buch« aber auch gut, da es eine Art Cliffhanger-Struktur gibt und man dadurch gezwungen ist schnell weiterzuklicken.

Bild:
Wikimedia Commons

Und wer noch nie was davon gehört hat:
Jason Colavito: Inside the Necronomicon – The true story behind the most infamous book never written (2002)


Das Handy in der Gegenwartsliteratur

Konstanz, 22. Januar 2008, 07:55 | von Marcuccio

Auf der Literaturseite der S-Zeitung vom letzten Freitag sprach sich Florian Kessler für eine »akute Gegenwartsliteratur« im Deutschunterricht aus. Wegen des akut anstehenden Migrationshintergrunds des Nokia-Handys wird in den deutschen Lehrerzimmern nun heftig um die geeigneteren Arbeitstexte für den Unterricht gerungen: Auf der einen Seite wartet der Reclam-Klassensatz »Migrantenliteratur«, auf der anderen, nämlich dieser hier, präsentiert der Umblätterer seine kleine Kompilation Mobilfunkliteratur:

[ Keiner hat Handy | Einer hat Handy | Alle haben Handy ]

Keiner hat Handy

Als Relikt aus einer mobilfunklosen Zeit bietet sich dieses Buch von Alexa Hennig von Lange wie kein zweites an: »Relax«. Das holt die Schüler von heute erst mal synonymisch bei ihren 100, 200 oder 400 Inklusivminuten von T-Mobile ab und führt ihnen dann vor Augen, was das Leben ohne Handy gestern war.

»Jungs, bin gleich wieder da!«
»Wohin gehstn du?«
»Weg!«
»Gehste pissen?«
»Nein telefonieren!«
»Was?«
»Ich muß ma kurz telefonieren!«
»Hier gibt’s aber kein Telefon!«
»Dann such ich eins!«
»Warum mußte denn jetzt telefonieren?«
»Ich muß meine Kleine anrufen!«
»Relax, Chris!«

– Tatsächlich bestimmt das hier noch nicht vorhandene Mobiltelefon den weiteren Verlauf der Handlung fatal. Denn nur weil er kein Handy in der Tasche hat und keiner seiner Kumpels auch nicht, geht Chris überhaupt wie ein Blöder los und sucht (ein Telefon!), steigt auf Bäume, stürzt herunter, und stirbt zuletzt auf einem Parkplatz. (Okay, ein bisschen too much auf dem Trip ist er dabei natürlich auch ;-).

Umgekehrt sitzt die Kleine, nur weil sie ihren Chris nie mal ansimsen kann, das ganze Buch über wie blöde vor ihrem Festnetzapparat und wartet auf Anrufe von Chris. Am Ende reißt sie sich endlich von zu Hause los, um ihren Chris im Nachtleben zu suchen und – ohne Handy natürlich viel zu spät – zu finden:

»Chris, hier is deine Kleine!«
»…!«
»Chris, hörst du mich?«
»…!«
»Chris! Das is nich lustig!«
»…!«
»Chris? Ich liebe dich!«
»…!«
»Chris?«
»…!«

Mit anderen Worten: Es wurde wirklich mal Zeit für ein Mobiltelefon in der deutschen Literatur.

[ Keiner hat Handy | Einer hat Handy | Alle haben Handy ]

Einer hat Handy

Das erste Mobilfunktelefon in der deutschen Literatur gibt’s bei Christian Kracht: In »Faserland« kommt das Handy noch richtig schön schnöselig daher, nämlich als rauschechtes C-Netz für S-Klasse-Fahrer auf Sylt.

»Kurz vor Kampen biegt Karin plötzlich rechts ab, auf den Parkplatz von Buhne 16, dem Nacktbadestrand, und ich denke, Moment mal, was kommt denn jetzt?«

Und weil ein 1995er Kracht auf Sylt kein 1998er Houellebecq am Cap d’Agde ist, folgt an dieser Stelle wirklich nur diese Mobilfunkorgie: Irgendein Sergio hat mit dem Mobiltelefon extra vom Strand aus im Mercedes angerufen (Sachen gibt’s, hehe). Und dann dieser faserlandtypische Satz:

»Wir steigen aus und ich denke daran, daß das Mobiltelefon sicher ziemlich versaut wird, dort am Strand, wegen dem Sand und dem Salzwasser.«

Also, richtig relaxed klingt das mit dem Mobiltelefon noch nicht. Oder verschwendet heute noch ernstlich jemand Gedanken an Salz und Sand, wenn er Strand-MMSen versendet oder empfängt? Krachts defätistische Handy-Affirmation zeigt deshalb schön, wie leicht die Spezies Mobilfunkteilnehmer Mitte der 1990er noch verunsichert und fertig gemacht werden konnte.

[ Keiner hat Handy | Einer hat Handy | Alle haben Handy ]

Alle haben Handy

Kollektiver Frieden mit dem Mobilfunk war dann wohl so spätestens um 2000, als wir von Florian Illies in unser aller Generation Golf zu lesen bekamen, »daß es nichts mehr bedeutet, ein Handy zu haben. Daß es aber auch nichts mehr bedeutet, in einem Café zu telefonieren.«

»Ortsgespräch«, Illies‘ GG-Aufguss von 2006, war, so gesehen, natürlich schon wieder eine Retro-Mode. Kein Anschluss unter dieser Nummer herrscht hingegen bei Ingo Schulze. Weitere Texte zum Thema Telekommunikation wären vielleicht noch Else Buschheuers »Ruf! Mich! An!« oder die »Wahlverwandtschaften«.

Und last but not least Johanna Adorjáns Tante, die immer noch ihren Festnetzapparat im Flur favorisiert. Das war definitiv mal einer der Silvester-Knaller, mit denen ein Deutschlehrer seine Schüler 2008 fürs Feuilleton begeistern könnte (neues Jahr, neues Glück?).

[ Keiner hat Handy | Einer hat Handy | Alle haben Handy ]


Bücher, Kino, Ben Gurion, Super illu, München

München, 13. Januar 2008, 00:26 | von Paco

I.

Ruhige Tage in Gedera. Wir lagen am Hinterhof-Pool und ließen uns die Passionsfrüchte und Kakis auf die Köpfe prasseln. Nebenbei lasen wir. Ich den neuen Andreas-Eschbach-Roman, der im November als Taschenbuch erschienen ist. Millek zog mich so lange damit auf, bis ich ihm das Schirrmacher-Empfehlungszitat auf dem Buchrücken zeigte.

Ich las auch endlich Jens Biskys Kleist-Buch, das ich hiermit jedem empfehle. Außerdem zog ich widerum Millek damit auf, dass er Pascal Mercier, »Nachtzug nach Lissabon«, las. Seine Rechtfertigung: Weihnachtsgeschenk. Als Belohnung las er mir ab und zu seine Lieblings-Frauenbuch-Sätze (no offence!) daraus vor.

Ansonsten unterhielten wir uns über die Top-10. Es ging vor allem um das Autorenporträt-Gespräch »Wie sehen die denn aus?« zwischen Ursula März und Claudia Schmölders, erschienen im Januar 2007 in der »Zeit«. Jedenfalls: unsere Feuilleton-Charts sind nach diesen letzten Reibereien endlich fertig, VÖ am Dienstag, 15. 1. 2008.

II.

Gestern abend dann in Ness Ziona, kleine Party mit den leidenschaftlichen Bloggerjournalisten von israelvalley.com. Und plötzlich geht es um dieses eine Starbucks in Paris in der Nähe der Opéra, genau da, definitives Kaffeehaus des Monats, dort kann man Zeitungen lesen als ob es kein Morgen gäbe sozusagen.

Dann über den sehr sehr sehr guten neuen Claude-Lelouch-Film »Roman de gare«. Wir sahen ihn neulich im Dizengoff. Und waren begeistert. Der Film hätte ein bisschen eher enden sollen, das sagen alle, wirklich alle. Wie auch immer, die Art, wie da die immer wieder wechselnden Erzählrahmen um die Kerngeschichte geworfen werden, ist grandios.

Es geht ein bisschen zäh los, aber schon bei der ersten Begegnung des Nègre/Ghostwriters mit der Ex-sagen-wir-mal-»Friseurin« weiß man, dass das ein gut geschriebener Film ist. Der Ghostwriter beschreibt in dieser Szene am Straßenrand minutiös seine Arbeit hinter den Kulissen der Erfolgsautorin, nur um diese Informationen dann selbst für ausgedacht zu erklären. Usw.

III.

Ben Gurion Airport. Heute morgen wollte ich gerade das Display des Laptops entstauben, als mich Millek davon abhielt und meinte, dass die Security das auf dem Airport gleich selber machen würde. Gute Idee. Insofern ein Loblied auf die Sicherheitsmaßnahmen vor Ort, die übrigens auch der Turmsegler Benjamin Stein vor einer Woche über sich ergehen lassen musste.

Vorher noch schnell gebloggt, dann Übergabe des Bloggeräts an die Sicherheitskräfte, und jetzt läuft das Thinkpad viel leiser, da nach dem Auseinanderlegen die ganzen Staubhindernisse weg sind und der Lüfter die Prozessorwärme wieder frei hinausposaunen kann.

Back in Munich, mit der S8 zum Isartor. Die Frau gegenüber liest wirklich und tatsächlich die SUPER illu, es ist nicht zu fassen, die SUPER illu in Bayern. In diesem Zusammenhang erinnere ich an den umbedinkt lesenswerten taz-Artikel zum Thema, erschienen Anfang Oktober, geschrieben von Jenni Zylka.

IV.

Morgen: Parmigianino in der Alten Pinakothek.