Monatsarchiv für September 2007


Curb Your Enthusiasm: 6. Staffel, 3. Folge

Madrid-Barajas, 30. September 2007, 13:59 | von Paco

Melde mich kurz aus Barajas. Bin auf dem Weg nach London zu Dique, und nach seiner Flughafen-Story von vorgestern bin ich extra zwei Stunden eher hergekommen und kann jetzt noch fix das hier rausschicken.

Vor lauter Schreck über die Abschaffung der FAZ-Fraktur – LD hätte gesagt: Out of the clear blue sky! – habe ich das Resümee der »Curb«-Nacht zur vor einer Woche ausgestrahlten Folge 6.03 vergessen, die so betitelt war: »The Ida Funkhouser Roadside Memorial«.

Um es kurz zu machen, ich fand die Folge somewhat schwächer, und zwei Mal, glaube ich, habe ich bezüglich des Plot-Arrangements das Wort »contrived« murmeln hören. San Andreas sprach in diesem Zusammenhang von der »immer schwierigen dritten Folge« (hehe), aber diese dritte Folge der sechsten Staffel war eher ein weiterer Schritt Richtung Manierismus, der lediglich die »willing suspension of disbelief« etwas erschwert, ganz normal für gute Kunst.

Zum Beispiel Funkhouser: Er gibt in dieser Folge den Grenouille, ausgestattet mit einem übersensiblen Riechkolben, mit dem er Lilien sowie das importierte Belle-Fille-Parfüm, das seiner Mutter (†) und Cheryl gleichermaßen zusagt(e), auch aus größerer Entfernung riechen kann.

Wo wir bei Funkhouser sind: Er ist irgendwie, das meinte auch Cobalt eben zu mir, die Lieblingsfigur des Drehbuchschreibers Larry David geworden. Richard Lewis etwa bekommt in dieser Folge nur einen kurzen Auftritt, in dem er lediglich die Information unterbreiten muss, die schließlich zur letztlich wieder großartigen Pointe führt (die Vorstellung der raffgierigen Funkhouser-Verwandtschaft).

Funkhouser ist einer der Aufrechterhalter des comme il faut, also der pingeligsten gesellschaftlichen Restriktionen, deren Hinterfragung LDs Berufung ist, schon seit seinen Drehbüchern für »Seinfeld«.

Was ich bemerkenswert fand, war Martys Bezeichnung »if you weren’t my best friend« für Larry, die dieser ja sofort belustigt abbügelt: »Best friend? He’s not my best friend!« Diese Szene (auch hier beschrieben) erklärt sehr schön beider Verhältnis zueinander.

Marty ist die personifizierte Langeweile, und dass zu ihm noch diese schrecklich langweilige Frau gehört, erklärt, warum deren Hauspartys eben gemieden werden sollten wie in 6.01. Noch nie hat jemand den Satz »Is this fun, or what?« so langweilend und unüberzeugend rübergebracht wie Funkhouser in eben dieser Episode.

Beide kennen sich seit Jahren und begegnen sich einfach ab und zu im Bekanntenkreis. Das erklärt aber nicht, warum Larry ständig fast automatisch auf ihn trifft. Das hat einen anderen Grund: Oft genug hat Funkhouser etwas, das LD gern hätte. Statt sich diese Dinge nun anderweitig zu besorgen – er ist ja dreistelliger Multimillionär – will LD den Weg abkürzen und dazu schamlos das Freundschaftsprivileg ausnutzen, was ihm am Ende stets die ultimativen Schwierigkeiten verursacht.

Etwa wenn er versucht, das Baseball-Ticket von Martys verstorbenem Vater zu ergattern (Folge 4.06, »The Car Pool Lane«). Oder in der aktuellen Folge das schwer erhältliche weil importierte Parfüm, das Funkhousers toter Mutter gehörte. Das für die verunglückte Rollstuhlfahrerin eingerichtete Blumen-Memorial am Straßenrand wird von Larry auch als Möglichkeit erkannt, ein paar Wiedergutmachungs-Sträuße abzustauben, ohne dafür weitere Blumenläden abzufahren.

Denn sein Versuch, auf ethisch korrekte Weise Blumen zu besorgen, nämlich sie im Laden zu kaufen, wurde ihm ausgerechnet durch Martys im Turnschuh gelagerten 50-Dollar-Schein verwehrt. Dass Larry seine Tat später sogar damit rechtfertigt, da lägen doch genug Blumen um das aufgestellte Ida-Funkhouser-Erinnerungsbild, macht es zu einer Larry-Tat.

Er crasht einfach mal wieder die überkommene Ethik wie es bei ihm ja oft im Zusammenhang mit frisch verstorbenen Personen passiert, ob bewusst oder unbewusst. Erinnert sei an die qua Todesanzeige betrauerte »beloved cunt« (statt »aunt«, Folge 1.08) oder an die Episode »Chet’s Shirt«, in der er unbedingt das Shirt auf dem Foto eines verstorbenen Bekannten haben will.

Ansonsten gab es wieder zahlreiche Diskussionen über »the unwritten rules of society«: Kann man zu alt sein, um als Vollwaise zu gelten? Der Schauspieler Bob Einstein, der so herausragend den Marty Funkhouser gibt, ist fast 65: »A little too old to be an orphan.«

Sehr schön in Szene gesetzt wird auch die Frage: Wieso wählt man immer die Warteschlange, die dann am langsamsten abnimmt?

Und dann das eigentliche Leitmotiv der Folge, das »sample abusing«: Wieviele Eis- und Duftproben darf man sich geben lassen, wenn hinter einem Leute warten? (»You’re abusing your sampling privileges!«) Und sehr gut dann Larrys apodiktische Schlussfolgerung: »The sample thing, we gotta put an end to it!«

Wir gingen dann in die Hotelbar und ließen uns verschiedene Tapas vorsetzen, um sie ausführlich zu samplen.

Der Umblätterer über andere »Curb«-Episoden:
Season 6: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10
Season 7: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10


Auf dem Flughafen mit dem neuen »Economist«

wieder in London, 28. September 2007, 20:15 | von Dique

Ich hatte heute noch ein kleines Malheur in Barajas. Ich dachte, ich hätte genug Zeit, und las daher noch den Sarkozy-Artikel im »Economist« zu Ende und fing auch noch »How fit is the panda?« an, zum x-ten Mal China und zum x-ten Mal lese ich mir das durch.

Dann verlor ich noch einige Dutzend Minuten wegen recht eigenartiger Check-in-Ausschreibungen und damit verbundenem falschen Anstehens. Dann musste ich noch selbst einchecken am Automaten, was ja kein Problem ist, aber als ich dann endlich meine Boarding-Karte hatte, musste ich erneut warten, um mein Gepäck aufzugeben.

Als ich dran war, hieß es, dass ich leider 5 Minuten zu spät sei für das Gepäck und niemand etwas für mich tun könne. Das war am British-Airways-Check-in. Die meinten, ich solle mit Iberia sprechen, warum auch immer. Ich tat es und die schickten mich wieder zurück zu BA.

Irgendwann hieß es, dass mein Billigticket auch nicht umgebucht werden könne und ich ein neues brauche. Panik. Ein paar weitere Infodesks, und ich sah mich bereits die Nacht auf dem Flughafen verbringen oder vielleicht sogar wieder im Hotel des bärtigen Funnymannes.

Zum Glück hatte ich mir doch noch den »Economist« gekauft, eben als Lektüre oder Zudecke.

Schlussendlich, es waren noch ca. 25 Minuten Zeit bis zum Take-Off, ging ich dann einfach zum Flugzeug, mit meinem Koffer. An der Sicherheitskontrolle sagte niemand etwas, ich musste mich nur von einigen Kosmetikartikeln trennen.

Dann der Weg zum Gate, auch hier wieder komische Beschriftung. Das Ticket sagte ›Gate M‹, dort sollte ich dann feststellen, dass es ›Gate S‹ ist.

Ich traf unterwegs einen schweizer Geschäftsmann (der hatte neulich auch die Speed Tour durch den Prado absolviert, der mit den Löwenzahn-Manschetten), der auf meinem Ticket sah, dass ich den gleichen Flug hatte. Wir solidarisierten uns wie neulich beim 10-Minuten-Lauf im Museum und rannten mit wechselnder Führungsspitze auf und davon.

Im Shuttle-Zug betete er, und ich las weiter über die Kondition des chinesischen Pandas. Ist der chinesische Bär schon Bulle genug, um die Weltkonjunktur zu stützen, wenn der Abschwung in den USA schlussendlich in eine Rezession umschlägt?

Als der Zug am Gate stoppte, rannten wir beide los, über Rolltreppen, ich mit Rollkoffer, mein Leidensgenosse nur mit Handgepäck leicht im Vorteil, über Laufbänder, durch den Zoll, zum falschen Gate M und dann zu S.

Wir kamen 5 Minuten vor dem Abheben an. Die Stewardessen waren gerade am Schließen und Abräumen, haben aber zum Glück auch irgendwie auf uns gewartet: »Are you Mr. Soandso and Soandso?« Mein Koffer wurde noch mit in den Gepäckraum gestopft und ich war im Flieger.

Das Hemd meines schweizer Leidensgenossen war fleckig wie Pandafell geworden, und der »Economist« beurteilt die Lage des chinesischen Bären zumindest kurz- und langfristig positiv, rechnet dabei mittelfristig mit einer Korrektur, aber »China can keep sprinting even if America takes to its sick bed. That is good news for the world.«


Die JPEG-Kompression von Peter Richters Digicam

Madrid, 28. September 2007, 06:25 | von Paco

Dann noch ganz kurz zur letzten FAS, Ausgabe vom 23. September 2007, die mir ja am Montag überreicht, aber bis heute nicht von mir gelesen wurde. Auch als Ergänzung zu Diques Roundup, der das Feuilleton offenbar gar nicht gelesen hat, das darf doch nicht wahr sein!

Jedenfalls fällt gleich Folgendes auf: Peter Richter und Eva Munz waren irgendwo weit weg und haben schöne Fotos von ihren Themen geschossen. Normalerweise reist ja ein Fotojournalist mit, oder es werden einfach Archiv-, dpa-Bilder o. ä. verwertet. Die FAS druckt aber lieber die Digital-Shots ihrer Autoren ab. Was gut ist.

Auf Peter Richters nur in der Druckausgabe enthaltenem Foto zu seinem Norman-Mailer-Artikel (Aufmacher auf S. 25) kann man schön die JPEG-Kompression der Digicam erkennen. Das macht die Reportage auch irgendwie cooler, weil man weiß, dass da nicht irgendein Fotograf noch dazu kam, der es eilig hatte oder eben gerade nicht eilig hatte.

Und Agenturbilder wirken ja oft etwas gesucht (okay, sie sind gesucht) und kommen einfallslos oder unpassend daher, besonders dann, wenn es sich um Symbolfotos handelt, die ja manchmal auch im Feuilleton vorkommen (Stefan Niggemeier sammelt übrigens die exemplarischsten Exemplare, hehe).

Nebenbei, im »Autoren become Fotografen«-Zusammenhang immer zu erwähnen: die legendär verwackelten und unscharfen Paparazzi-Fotos, die Matthias Matussek u. a. im »Borchardt« geschossen hat und die vor einigen Monaten in der Jubiläums-»Tempo« abgedruckt wurden (S. 232 f.).

Fällt mir auch deshalb ein, weil Maxim Billers Kolumne »Moralische Geschichten« in der aktuellen FAS ebenfalls im »Borchardt« spielt: Tom Cruise soll vom Geschichtsstudenten Abramow eine Aktentasche mit der Wahrheit über Stauffenberg untergejubelt werden.

Wie auch immer, Millek wies mich per Mail auf diese Szene und überhaupt wieder mal generell auf die Biller-Kolumne hin, weil ich ihm gegenüber fälschlicherweise behauptet haben muss, dass ich sie nicht lese.

Zurück zu Norman Mailer. Richter überliefert eine Art Nachwort zu Mark Twains Erklärung zur deutschen Sprache, die man ruhig mal berüchtigt nennen kann. Mailer nämlich (»I love the ›chhrrr‹ in German«) schreibt in seinem gerade auf deutsch erschienenen Buch »Das Schloss im Wald«:

»Diese Sprache war voll von Magenknurren und dem Wind in den Därmen der Lebensgenießer, den Kommandos, die man Haustieren zuruft, und dem Brüllen, das einem beim Anblick von Blut in der Kehle aufsteigt.«

Usw. Und auf Seite 29 schildert die sehr gute Afghanistan-Reisende Eva Munz zwischendurch mal kurz den Nachrichtenfluss im Krisengebiet, eine Orgie multiperspektivischen Erzählens:

»Eine deutsche Frau ist heute in Kabul entführt worden. Taliban. Sie ist vielleicht schwanger. Sie war in Begleitung eines Mannes. Sie ist nicht schwanger. Sie gehört einer christlichen Organisation an. Ihr Mann war dabei. Sie hat in einer Pizzeria missioniert. Es waren Kriminelle, keine Taliban. Sie ist Entwicklungshelferin, nicht Missionarin. Doch schwanger. Wie kann man nur, als Frau, in Afghanistan – und überhaupt, wenn man schwanger sei – viel zu gefährlich und die Hygiene! Eine schwangere Deutsche hat nichts in Afghanistan zu suchen. Wenn sie nicht schwanger wäre, wäre es noch mal etwas anderes. Von wem ist sie schwanger? …«

Das ist sehr, sehr gut geschrieben. Und außerdem zitiert sie auch noch lustvoll die herrlichen Meta-Sätze der Presseoffiziere:

»Dann schreiben Sie wieder, dass die Bundeswehrsoldaten nur Horrorfilme sehen.«

»Das wird dann wieder so interpretiert, als seien deutsche Soldaten Waschlappen.«

Alles auch sehr gut, und das war es mit der FAS für diese Woche. Ab nächster Woche kann ich sie auch wieder vom local dealer bekommen, denn die FAS-Situation in Madrid ist ja, wie gesagt, nicht zufrieden stellend.


All you Zombies

wieder in Hamburg, 27. September 2007, 23:43 | von San Andreas

Eben erst der Maschine aus Madrid entstiegen, praktisch noch den halben Cortado in der Hand, und sofort ins Kino geflitzt, hurtig das Programm gescannt und zack! im Sessel versunken.

Es soll ja Leute gegeben haben, die in der Hektik den Film »28 Days« (Bullock-Dramödie) mit »28 Days later« (Zombie-Horror) verwechselt und eine böse Überraschung erlebt haben. Den Fehler werden sie bei dem angenehm sinnfällig betitelten Sequel »28 Weeks later« nicht noch einmal machen.

Geboten wird allerdings dasselbe: Wutgeifernde, blutdurstige Virusopfer ziehen gegen Überlebende in einem entvölkerten London. Danny Boyle hat den Regiestuhl abgegeben, wohlwissend, dass der Novitätsabschlag seinem Ruf als Runderneuerer nicht eben zuträglich gewesen wäre. »Days« hatte seinerzeit das in Nischen dahindarbende Horrorgenre mit, nun ja, frischem Blut versorgt.

Wie erquicklich war es, als die dumpf dahinwankenden Romero-Zombies per Boyle-Update zu fiesen, flinken, hochinfektiösen Psychopathen mutierten, während das Pandemie-Szenario zeitgenössische Ängste reflektierte und den Film durchaus in die Nähe postapokalyptischer Perlen wie »Twelve Monkeys« oder »Mad Max« rückte.

Ungemein attraktiv natürlich allein die Prämisse, einen Menschen in einer eben noch pulsierenden Metropole auf sich allein gestellt zu sehen. Boyle verzettelte sich allerdings ein wenig im letzten Drittel; die Handlung in diesem Militärcamp litt an einer allzu fahrigen, gewollt provokanten Dramaturgie.

Gerade dieses Thema – ›Moralinstanz Militär‹ – setzt sich in der Neuauflage fort. Zunächst treten die Streitkräfte als Retter und Wiederaufbauer auf, dann, als das Virus erneut ausbricht und unter den Überlebenden fröhliche Urständ feiert, als Verantwortliche unter moralischem Zugzwang: Will man die Menschheit retten, muss getötet werden.

Doch die Grenze zwischen Infizierten und Gesunden verschwimmt aus der Distanz des Zielfernrohrs. Dies kann man als politischen Kommentar lesen, Irak und so weiter, muss man aber nicht. Es ist dennoch bezeichnend, dass die drastischsten Szenen des Films von uniformierten Helfern ausgehen: Massentötungen mit schwerem Gerät, aber leider – o Dilemma! – nicht zu vermeiden.

Dankenswerterweise stilisiert der spanische Regisseur Fresnadillo die Metzelgewalt so, dass sich ihr verstörendes Potenzial in Grenzen hält und der Film auch nicht zum billigen Guts’n’Gore-Verschnitt gerät. Die verwischten Stakkato-Montagen ergeben zusammen mit dem hypnotischen Soundtrack manchmal sogar eine ganz gefällige Filmerfahrung. Die »Welt« hält sie sogar für Annalen-würdig.

Den dramatischen Rest des Films bildet die Geschichte einer Familie, die durch eine tragische Kette von Infizierungen arg dezimiert wird. Im Grunde erschütternde Schicksale, die aber mit der genre-üblichen Lapidarität abgehandelt werden, nach dem Motto »Daddy ist jetzt einer von denen? Hmm … schade eigentlich.«

»Weeks« strebt wie sein Vorgänger nach Authentizität, sei es durch die Abwesenheit von Stars oder durch die Einbeziehung des desolaten Stadtgebiets. Dennoch wirkt die Fortsetzung größer, gewaltiger, geschliffener, und ihr Pech ist, dass auch ihre Schwächen größer und gewaltiger wirken.

Was bleibt, ist eine immer noch akzeptable Verquickung von Fantastischem aus den Archiven des Horrorgenres mit realen Ängsten vor virulenten Gefahren. Weniger beklemmend als unterhaltsam, ein leidlich origineller Adrenalinrausch aus der Splatter-Ecke, der weitaus verträglicher ausfällt als die andere neue, eher bedenkliche Blüte der Sparte: ›Torture Porn‹ made in USA.

Die Combo aus Apokalypse und Monstermovie erfährt bald weitere Variationen: Will Smith sieht sich auf sich allein gestellt in der Nicht-kleckern-sondern-klotzen-Produktion »I am Legend«, während Kidman und Craig in »The Invasion« wie weiland Wynter und McCarthy gegen böse Body Snatchers antreten. Und irgendwann – ich verwette meine ABC-Schutzmaske – kommt bestimmt auch »28 Months later«.


Kaffeehaus des Monats (Teil 11)

sine loco, 26. September 2007, 23:33 | von Millek

Wenn du mal richtig Zeitung lesen willst:

Der Telegraph in Leipzig

Leipzig
Der Telegraph am Dittrichring.

(Morgens ein Italian Basic,
abends einen Sambuca und nach
Schließung einen Ramazotti.)


Darf man das lesen? (Teil 9: »Der Aktionär«)

Madrid, 26. September 2007, 00:16 | von Dique

Ich habe mir dieses Heft nicht etwa gekauft. Nein, San Andreas brachte es speziell für mich von seinem Lufthansa-Flug mit.

Ohne lange zu fackeln, den »Aktionär« sollte man auf keinen Fall lesen.

Die wenigen längeren Artikel in diesem Magazin, zumindest in dieser Ausgabe (38/2007), unterbieten bezüglich des Informationsgehalts fast den »Focus« (hehe), bei dem man sich am Ende eines Artikels oft fragt, warum einem nichts zum Thema gesagt wurde.

Mit »Vollgas fürs Depot – Mit diesen Aktien starten Sie durch« werden parallel zur IAA in Frankfurt, welch ein Zufall, Automobilaktien als Schnäppchen angepriesen. Unter anderem die Aktie von General Motors, einem Konzern, der seit Jahren strauchelt und bei dem von jedem verkauften Auto 1.500 Dollar für Sozialleistungen ehemaliger Mitarbeiter aufgewendet werden müssen; die neue »Ökostrategie« wird daran wenig ändern. Danke für den Tipp.

Unter dem Titel »Das blaue Gold« liest man die üblichen Lobpreisungen auf den Wassersektor, der bei immer knapperem Wasservorrat und wachsender Weltbevölkerung in den kommenden Jahrzehnten angeblich mit hoher Rendite lockt. Das ist sicher grundsätzlich nicht falsch, aber keinesfalls originell. Ich habe in den letzten Jahren bestimmt viertausend Artikel gleichen Inhalts gelesen. Und das lässt sich ebenso über den Beitrag über den Billionenmarkt Infrastruktur sagen.

Kurz, das Magazin ist das typische Branchenblatt und bläst die Trompete nicht für den Aktionär, sondern will diesen nur dazu animieren, ständig neuen Trends zu verfallen und, statt es langfristig anzulegen, sein Geld lieber für Transaktionskosten, Managementgebühren und Ausgabeaufschläge zu verplempern.

Bleibt die Frage, warum mir San Andreas dieses Heft angedreht hat. »Es war doch kostenlos«, hat er gesagt. Aber das sagt er immer.


Wo warst du, als es passierte?

Madrid, 24. September 2007, 16:43 | von Paco

Das kann ich ganz genau sagen. Auf dem Weg zur Real Academia de Bellas Artes de San Fernando. Wir wollten uns dann doch noch einmal den Arcimboldo und die paar Riberas anschauen.

Und jetzt war es 9:03 Uhr und mich traf der Schlag. Ich war gerade dabei, mit Opera Mini auf dem Handy die Perlentaucher-Feuilleton-Schau zu scannen, die gerade online gegangen war. Ich musste kurz anhalten. Denn ich glaubte, mich auf dem Miniscreen verlesen zu haben. Aber da stand es, in der Inhaltsangabe der heutigen S-Zeitung:

»Hans-Jürgen Jakobs meldet überdies, dass die FAZ ab dem 5. Oktober mit Fotos auf der Titelseite und ohne Frakturschrift über den Kommentaren präsentieren will, um sich den Anschein von Modernität zu geben.«

Ich stand immer noch so halb auf der Calle de Alcalá und surfte Google News an und bekam heraus, dass der eigentliche Scoop ganz ausführlich im heutigen »Spiegel« steht. Ich rannte zum nächsten Quiosco und erstand das rote Magazin. Seite 90 bis 92. (Und auch kurz auf SP*N und schon schön eingetütet ins Altpapier der Netzeitung.)

Mit einem flauen Revolutionsgefühl im Magen ging ich weiter Richtung Academia. Dort warteten Dique, San Andreas und Cobalt. Alle hielten sie das Heft aufgeschlagen in den Händen, Seite 92/93. Nur Dique hatte schon gleichgültig weitergeblättert und las auf den Seiten 128 bis 130 den Sarkozy-Artikel, »Sarkozy«.

Wie auch immer, das war es dann mit Arcimboldo. Und auch auf die FAS, die Dique mir endlich überreichte, hatte ich keine Lust mehr. Wir gingen in die gut versteckte Fischbude in der Calle de Tétuan und diskutierten bei Kaffee und Karpfen die frakturlose Weltlage.


Judith Lembke (zugeschrieben), Alan Greenspan (Rückenschmerzen), Monocle (Zugabe)

Madrid, 24. September 2007, 00:12 | von Dique

Warum hat der Umblätterer eigentlich nichts dazu gesagt, dass vor zwei Wochen Martin Walser für den Wirtschaftsteil der FAS interviewt wurde und in diesem wunderbar gegen die Steuerlast in Deutschland schwadroniert? Wir werden es nicht verraten.

Ich war heute der Einzige in Madrid, der die aktuelle FAS lesen konnte, denn Paco nimmt immer ›Papier‹ und denkt, das merkt sich niemand (LOL).

Judith Lembkes »Neulich in meinem Café« hat dermaßen abgebaut, dass ich der Meinung bin, dass das gar nicht mehr von Judith Lembke geschrieben wird. Wie bei einem zweitklassigen Altmeistergemälde handelt es sich hier maximal noch um Werkstattarbeiten. Zuschreibungen wie »Nachfolger von« oder »Im Stil von« Judith Lembke würden mich bei den Kolumnen der letzten Wochen nicht überraschen.

Ansonsten: Alan Greenspan auf Promotour durch die Gazetten dieser Welt, um sein neues Buch zu preisen. Das doppelseitige FAS-Interview (S. 38–39, hier die Ankündigung auf faz.net) ist sehr gut. Es gibt da ein schönes altes Foto von dem über Rückenschmerzen klagenden Greenspan, am Boden liegend in einem vollbesetzten Büro im Weißen Haus.

Dass er mit der aktuellen Finanzkrise nach seinem Ermessen überhaupt nichts zu tun hat, erscheint ein bisschen kurz geschossen, schließlich hat doch seine Fed Dollars gedruckt wie andere Butterbrotpapier. Egal, ich glaube ihm und freue mich auf die Lektüre von »The Age of Turbulence: Adventures in a New World«.

Dann noch schnell die aktuelle »Monocle«, die September-Nummer (Vol./Jahrgang 1, issue 6). Darin erfährt man etwas über Sarkozys Liebe zu Tassel Loafers. Außerdem widmet sich das Magazin dem Nation Branding. In der Einführung werden potenzielle Kandidaten genannt, z. B. das Kosovo oder das vielleicht irgendwann wiedervereinigte Korea oder auch Schottland, wo die Unabhängigkeitspartei derzeit die Mehrheit im Parlament hält.

Jedenfalls folgt dann das Ideenbeispiel eines Phantasiestaates Costazzurra (Ergebnis einer Vereinigung von Liguria und Monaco im Jahr 2014). Für diesen werden originelle Designs vorgeschlagen, für Briefmarken, die Flagge, Straßenschilder usw.

Der Font Gotham wird als Corporate Typeface benutzt, mit dem alle offiziellen Dokumente des Landes verfasst würden, und er macht sich wirklich prima auf den vorgeschlagenen Schildern, den Briefmarken und dem schnittigen Reisepass.

Dabei muss man dem Artikel als einzige Schwäche ankreiden, dass in der Einführung Belgien nicht genannt wird, ist doch die mögliche Spaltung des Landes gerade wieder weit oben auf der Möglichkeitsagenda, siehe den »Spiegel« von neulich, wir unterhielten uns im »Subway« darüber.


Die perfekte ungelesene FAS-Ausgabe!

Madrid, 23. September 2007, 18:16 | von Paco

Ok, man muss die FAS jeden Sonntag kaufen, lesen, besprechen, verleihen, verschenken, alles eben.

Trotzdem sollte man auch mal mit Absicht eine Woche auf sie verzichten. Schon damit man nicht dieses been-there-done-that-Gefühl verbreitet. Etwas Unsicherheit tut auf jeden Fall gut. Außerdem kann man sich immer darauf berufen, DIESE eine Ausgabe eben nicht gelesen zu haben. Dabei springt mitunter ein einstündiges Gespräch heraus, die Mitleidsschiene eben.

Letztes Wochenende sollte genau so ein Wochenende sein. Auch nicht ganz freiwillig, denn in Madrid gibt es die FAS nun mal nicht zu kaufen.

Und heute? Heute kam Cobalt von Barajas aus angefahren und winkte uns in der Nähe der Puerta del Sol schon von Weitem mit einem Haufen Papier zu. Er hatte tatsächlich die letzte »Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung« dabei (16. 9. 2007).

Und dann saß ich eben im Retiro und las mitten in der Madrider Sonne den Harald-Staun-Artikel über Florian Wieder, den Studiodesigner der deutschen TV-Republik. Hä?, dachte ich die ganze Zeit. Die Kolumnen von Anne Zielke, Peter Richter, Marcel Reich-Ranicki und Stefan Niggemeier waren dann auch nicht überdurchschnittlich (wie sonst ja eigentlich üblich).

Dietmar Daths neues Buch »Waffenwetter« habe ich diese Woche bereits gelesen, deshalb war der Vorabdruck auf S. 29 für mich etwas wertlos. Auf der Seite steht allerdings auch: »Dietmar Dath, 37, WAR bis vor kurzem Redakteur im Feuilleton dieser Zeitung«, und das hatte ich bis jetzt nicht mitbekommen, dass er jetzt offenbar raus ist, was aber sicher keinen Einfluss auf seinen Output hat (da hat sich jemand vergeblich gefreut, hehe).

Den Artikel von Claudius Seidl über die »taz«-Biografie von Jörg Magenau hatte ich schon im Netz gelesen, ebenso wie Julia Enckes Kritik zur Walser-Verfilmung »Ein fliehendes Pferd«.

Mit anderen Worten: Das wäre die perfekte ungelesene FAS-Ausgabe gewesen!

Aber Moment, in der Metro las ich dann noch den Reiseteil. Dort berichtet der Tourist Herbert Feuerstein von seiner Borneo-Reise, und das reißt einiges wieder heraus. Alles läuft auf seine Begegnung mit einer 60-cm-Rafflesia-Blüte hinaus und gewinnt dadurch novellenartigen Charakter.

Auf dem Weg nach Hause schenkte ich die zerlesene alte FAS einem Fischhändler und freute mich auf morgen. Denn dann gibt es zum Frühstück die aktuelle FAS, die Cobalt glücklicherweise auch im Gepäck hatte. Eine frische, auch von ihm ungelesene, da er im Flieger lieber »Liberty City Stories« auf der PSP spielen musste (»peng! peng!«).

Und die Erstlektüre der heutigen FAS hatte Dique beim Schnick, Schnack, Schnuck gewonnen. Ich musste daher den älteren, schon zerknitterten und leicht aufgeplusterten Papierhaufen übernehmen. Was irgendwie folgerichtig war, denn er hatte auf ›Schere‹ gesetzt, ich leider auf ›Papier‹.


Jochen Schmidt über »Curb Your Enthusiasm«

Madrid, 22. September 2007, 13:57 | von Paco

Ich bin hier, um Jochen Schmidt zu retten. So wie das einige Feuilletonisten schon nach dem diesjährigen Bachmann-Wettbewerb getan haben, bei dem Schmidt mit dem ohne Zweifel besten Text im Rennen leer ausging.

Jedenfalls, vor genau einer Woche hat J. S. im Aufmacher (!) der Wochenendbeilage der S-Zeitung über »Curb Your Enthusiasm« berichten dürfen. Und jetzt sind es Teile der deutschsprachigen »Curb«-Szene, die ihm übel wollen. Warum? Kommt gleich.

»Das Leben ist doch viel zu kurz, um auf Enthusiasmus verzichten zu können«, sagte Rüdiger Safranski am Dienstag im FR-Interview. True that, und deshalb stelle ich jetzt schon mal fest: Jochen Schmidt’s the maaan!

Es hat zwar vor ihm auch schon mal einen »Curb«-Review von Oliver Kalkofe gegeben (im »Eulenspiegel« oder irgendwo, mal beim Umblättern in der Bahnhofsbuchhandlung aufgeschnappt), und auch Maxim Biller hat die Serie mal irgendwann empfohlen in einer der Redaktionsempfehlungsrubriken der FAS.

Jochen Schmidt aber hat nun den deutschsprachigen feuilletonistischen Standard-Text über »Curb Your Enthusiasm« und über Larry David geschrieben. Nebenbei, der international anerkannte Standard-Text zu Larry David ist immer noch der, der im Januar 2004 im New Yorker gestanden hat und »Angry Middle-Aged Man« betitelt war.

»Angry Middle-Aged Man« war eine geniale Überschrift. Sie wird heute noch zitiert, wann immer irgendwo LD erwähnt wird. Dagegen war die Überschrift der S-Zeitung eine der schlechtesten Überschriften des Jahrtausends: »Deutschland vergessen«.

»Damit ist zwar natürlich etwas Bestimmtes gemeint«, sagte Gabriel, »das hat mit der Einzigartigkeit des Schmidt-Textes aber nichts zu tun.« Diese Ungenauigkeit setzt sich dann in den redaktionellen Paratexten fort. Ein hervorgehobenes Zwischenzitat lautet:

»Warum passt kein Finger durch Tassenhenkel? Larry David weiß es.«

Nichts weiß er! Das wird nie beantwortet, und in Schmidts Text steht auch, dass diese Art Fragen nur gestellt und auf keinen Fall im Stil von etwa Schrotts Sammelsurium beantwortet wird.

Und dann ist da noch die von Schmidt nicht ganz richtig wiedergegebene Information, dass es die Serie »nicht nach Deutschland geschafft« habe. Na gut, die Serie ist hierzulande nur über das UMTS-Mobilfunknetz von Vodafone zu sehen (wie Schmidt selber auch weiß), aber immerhin ist die Serie auch synchronisiert. Ob es freilich Sinn hat, sie zu synchronisieren, ist die Frage. Schmidt spricht da sicher vielen Serienjunkiez aus der Seele, wenn er feststellt:

»Aber in Deutschland wird jede Serie synchronisiert und damit halb verstümmelt, weil man hier den Menschen nicht zutraut, was für Polen, Slowenen oder Niederländer normal ist, beim Fernsehen, also spielend, Englisch zu lernen.«

Spätestens dieser Satz hat die Szene auch wieder beruhigt. Es ist aber wirklich als Glück zu werten, dass der Text in der Wochenendbeilage stand und daher sozusagen nicht als Rezension gilt. Denn ein unfassbarer (na ja) journalistischer Fauxpas kommt noch hinzu: Es gab nämlich durchaus einen Anlass für die Platzierung des Artikels gerade zu diesem Zeitpunkt.

Nur 6 Tage vor der Veröffentlichung begann auf HBO die lang ersehnte sechste Staffel, endlich, nach fast zwei Jahren. Ein Anlass zur Berichterstattung, wie er im Buche steht. Und der wird im Artikel eben nicht erwähnt.

Einige Curb-Your-Enthusiasts waren dermaßen enttäuscht von der S-Zeitung, das ging bis hin zur Androhung von SZ-Abo-Kündigungen (vgl. die FAZ-Abbesteller-Szene). Was natürlich keiner machen würde, aber die Androhung der Kündigung ist ja ein immer wieder gern bespieltes Unter-Genre der Leserbriefpost.

Soweit sind die Journalismus-Bits abgehandelt, und jetzt kommt’s: Als Feuilleton ist Jochen Schmidts Text eine seltene Perle. So sieht’s aus, und also rein damit in die Nominierungs-Longlist für 2007.

Proust wird erwähnt (natürlich), dann Kafka, Benjamin, dann allen Ernstes noch Horaz und Tocotronic, und natürlich spätestens da wird es zu viel. Aber noch diese brachiale Verortung in der Kulturgeschichtsschreibung unterstreicht, dass »Curb Your Enthusiasm« eben nun mal die Feuilleton-Serie ist.

Es gibt zurzeit keine besser geschriebenen Drehbücher, auch wenn das im Falle von »Curb« nur Outlines sind. Als Ergebnis sehen wir dann aber »wahre Meisterwerke der Plottechnik«, von denen auch Schmidt schreibt. Das muss man wirklich gesehen haben.

Am Ende des Artikels steht ein Satz, auf den offenbar auch die misslungene Überschrift rekurriert. Ein Satz, der den Grundtenor bei Medienjournalisten wie Peer Schader und Stefan Niggemeier schön zusammenfasst und insgesamt wohl auch die deutsche Medienberichterstattung der letzten Jahre. Er lautet:

»Kein Mensch braucht deutsches Fernsehen.«