Acht mal acht

Leipzig, 12. April 2012, 13:10 | von Paco

Letzten Sonntag stieg ich also in den ICE, um von Dresden zurück nach Leipzig zu fahren. Ich hatte einen Schokoladenosterhasen und die FAS dabei. Zuerst las ich voller Begeisterung das sehr schöne Inter­view, das Volker Weidermann mit Marcel Reich-Ranicki geführt hat (S. 19). Während ich aber auf die nächste Seite umblätterte, hörte ich plötzlich etwas, das mir die ganze restliche Reise verdarb.

Und zwar saßen in der Reihe links neben mir ein Vater und sein Sohn. Der Junge war mehr oder weniger im Grundschulalter und fragte seinen Vater einfach mal so, wie viel acht mal acht sei. Und der Vater gab ihm freundlich und überzeugend die Antwort:

»Zweiundsechzig.«

Der Junge war zufrieden, er blätterte weiter in seinem Bilderbuch und murmelte leise vor sich hin. Natürlich hatte ich noch mal nachgerech­net, acht mal acht ist vierundsechzig, da war ich mir trotz kurzer Verunsicherung wieder ziemlich sicher. Mit einer Mitreisenden schräg gegenüber gab es einen kurzen Blickkontakt, denn auch sie hatte aufgehorcht und aufgeschaut, als der Vater sein Verbrechen gegen die Mathematik beging, aber dann hatte sie einfach weiter in der »taz« gelesen, als ob nichts geschehen wäre.

Mir dagegen stellte sich nun die Dr.-Dr.-Erlinger-Frage, ob ich den Vater korrigieren sollte, hier vor versammelter Mannschaft im ICE. So was geht natürlich aus verschiedenen guten Gründen eigentlich nicht, niemals, das ist vielleicht das Furchtbarste, was man so machen kann, fremde Eltern fremder Kinder vor einem Haufen fremder Menschen inhaltlich zu korrigieren.

Trotzdem konnte ich mich kaum konzentrieren, als ich dann angestrengt versuchte, weiter in der FAS zu lesen. Während der Schokohase unangetastet auf dem Nebensitz hockte, steigerte ich mich immer weiter in meine Weltrettungsidee hinein. Mittlerweile war eine Stunde verstrichen, ich konnte jetzt unmöglich noch an vorhin anknüpfen, war aber immer überzeugter davon, dass ich es dennoch tun muss, auch wenn es mir absolut zuwider war. Und deshalb freute ich mich wie nie zuvor, als per Durchsage die baldige Ankunft in Leipzig angekündigt wurde.

In diesem Moment hörte ich den Jungen wieder etwas fragen, wieder das Einmaleins betreffend, diesmal ging es ihm um sieben mal neun. »Papi, wie viel ist sieben mal neun?« Und während ich den Vater in Zeitlupe den Mund öffnen sah, hatte ich die FAS zusammengeschlagen, hatte mir den Schokohasen geschnappt, war vom Sitz hochgesprungen und rannte den Gang runter. Ich wollte auf gar keinen Fall auch noch wissen, wie viel sieben mal neun ist.
 

Mit Siegfried Kracauer zu Rudolf Steiner

Konstanz, 9. April 2012, 23:36 | von Marcuccio

Nein, Kracauerfeuilleton muss nicht immer in Berlin spielen, obwohl das Stück »Friedrichsstraße 90« neulich im »Freitag« schon sehr hübsch war – und Straßenfeuilleton zurzeit ganz generell groß in Mode ist: vgl. die Torstraße in der FAS, den Durchschnitt im aktuellen »KulturSPIEGEL« …

Unser Osterspaziergang führte ins Vitra Design Museum nach Weil am Rhein. Die aktuelle Ausstellung »Rudolf Steiner – Die Alchemie des Alltags« läuft noch bis Anfang Mai, tourt bereits seit 2010 durch die Lande – ist also in den aktuellen Feuilletons längst durch. Ein Grund mehr, der Arroganz der Gegenwart mit einer gut abgehangenen »Frankfurter Zeitung« beizukommen:

»Die Kosmogonie Steiners hier im einzelnen zu entfalten, erübrigt sich – umso eher, als trotz seiner genauen Bescheibung des Stufenpfades niemand außer ihm selber bisher in die übersinnlichen Bereiche eingedrungen ist. Immerhin mag erwähnt sein, daß er kraft seines Hellsehens von einem vor zwölftausend Jahren untergegangenem Kulturvolk zu berichten wußte, das in Luftfahrzeugen dicht über die Erde gefahren sei, und die Existenz zweier Jesusknaben behauptete, über die er mancherlei Mitteilung machte.«

Das schreibt Siegfried Kracauer in der FZ vom 18. April 1925. Soviel Spott in einem frischen Nachruf muss man sich erst mal trauen, wobei frisch heißt, dass Steiner am 30. März 1925 starb und Kracauers Nachruf erst knapp drei Wochen später erschien. Dabei war die FZ aber schon eine Tageszeitung, nennen wir es also ein retardierendes Moment in den Roaring Twenties.

In der Ausstellung

Der Stuttgarter Stuhl erinnert – nur rein namenstechnisch – irgendwie an den Ulmer Hocker. Der wiederum bringt uns über einen pindarischen Sprung zur Hollywoodschaukel und auf die Idee, dass es eigentlich mal höchste Zeit für eine rein onomastisch motivierte Sitzmöbelschau wäre. Ikea macht es im Grunde ja vor.

Biomorphe Formen in der ganzen Ausstellung. Ein bierbäuchiger Familienvater erklärt seinen asketischen Töchtern anthrosophisch. Sel isch halt, wenn d’Architekte koan rechte Winkel mäh machet. Oder so ähnlich. Und wir lernen Neues aus der Anstalt: Das frühere WDR-Signet von Paul Schatz war hochgradig eurythmisch: 19 Uhr 15: ein Senderlogo bei seiner eigenen Bewegungstherapie, sensationell.

An der Bushaltestelle

Wir überlegen kurz, zum großen Goethe-Osterei weiterzufahren (bei Kracauer 1925 nur der »verbrannte Tempel zu Dornach, dessen Wiedererrichtung jetzt droht«), halten uns dann aber lieber extralange an der Vitra-Design-Bushaltestelle (Jasper Morrison, 2006) auf. Die hat nämlich einen Teppich aus Teer, so weich wie Moos, noch nie haben wir einen so angenehmen Straßenbelag erlebt. Ist das jetzt das Osternest für unsere Füße? Eine Fußreflexzonenmassage, weil der Bus Verspätung hat? Auf jeden Fall ein astreines Stück Tiefbau, hebt die Schwerkraft jeder Warteminute auf.
 

»Nicht Martin — Robert Walser!« Ein Nachruf auf Jochen Greven

Konstanz, 7. April 2012, 14:45 | von Marcuccio

Was für ein blinder Fleck der Wikipedia: Zur Ehre eines Eintrags kam er erst postum. Am 2. April startete die enzyklopädische Ad-hoc-Inventarisierung von Jochen Greven. Noch vor wenigen Wochen musste, wer für 2012 seinen 80. Geburtstag auf dem Schirm hatte, den Libelle-Verleger Ekkehard Faude nach dem genauen Datum fragen.

Eigentlich wollte ich ihn noch für ein Porträt treffen, den neben bzw. nach Carl Seelig wohl wichtigsten Menschen für die andauernde Wiederentdeckung von Robert Walser: Jochen Greven schrieb nicht nur die erste deutschsprachige Dissertation über Walser; »praktisch im Alleingang« (Reto Sorg) gab er auch das Gesamtwerk heraus. Zunächst in 12 Bänden für den Genfer Kossodo-Verlag, später dann »Sämtliche Werke in Einzelausgaben« für den Suhrkamp-Verlag.

Wie Greven dabei Seelig und die Seinen überwand, überwinden muss­te, das gehört zu den Lehrstücken der Literaturbetriebsgeschichte, die man nachlesen kann, und zwar in dem Buch, das der Libelle-Verlag zu Walsers 125. Geburtstag veröffentlicht hat: »Robert Walser. Ein Außenseiter wird zum Klassiker«. Es ist Grevens eigentliches Vermächtnis, das Begleitschreiben zu seinem editorischen Lebenswerk.

Lauter unerhörte Begegnungen

»Sie haben ja«, so Greven darin in einem fingierten Brief an den Schriftsteller, »noch gelebt, als da in einer westdeutschen Stadt ein unbedarfter junger Mann, nur weil er irgendein Thema für seine Dissertation suchte, sich unvorsichtigerweise mit Ihren Werken zu beschäftigen begann.«

Die westdeutsche Stadt war Köln, und der Doktorvater hieß Wilhelm Emrich. Der Clou: Weder er noch sein Schützling hatten zu dem Zeitpunkt je ein Buch von Robert Walser gelesen.

Tatsächlich fängt »die Robert-Walser-Story« nicht nur mit dieser unerhörten Begebenheit an. Greven, der früh geheiratet und schon als Student eine ganze Familie zu ernähren hatte, war vor und neben seiner Walser-Herausgeberschaft: Handlungsreisender für Schokoladenformen. Sein Schwieger-Großvater besaß eine solche Fabrik und – keine Ahnung, ob damals auch gerade große Hohlkörperzeit, sprich Ostern war. Es begab sich jedenfalls, dass Greven im Frühjahr 1956 als Vertreter zu Maestrani nach St. Gallen fuhr. Von da wäre es den sprichwörtlichen Katzensprung hinauf nach Herisau gewesen. Noch Jahrzehnte später malt Greven sich aus, was passiert wäre und ist dankbar, dass es nicht zum »Alptraum einer persönlichen Begegnung« gekommen ist.

Ziemlich fies auch Grevens erstes Treffen mit Carl Seelig 1957 in Zürich (diesmal am Rande einer Vertreterreise zu Lindt & Sprüngli). Wer die »Wanderungen mit Robert Walser« kennt, könnte meinen, Seelig sei der Altruismus in Person gewesen. Was ja finanziell stimmt; nur wie Seelig sich über Walsers Tod hinaus als dessen Vormund begriff, das hat fast possenhafte Züge. Bei Greven erfährt man auch, wie systematisch Seelig jede Anwandlung einer Besuchsidee abgeblockt hat. Unter anderem bedeutete er Walser-Fans wie Theodor Heuss, Joseph Breitbach und Hermann Hesse, bloß nicht nach Herisau zu fahren. Wenn es nach Seelig gegangen wäre, hätte nach ihm auch niemand mehr über Walser geforscht. Sein Andenken sollte das maßgebliche bleiben. Dann kam Seelig unter die Straßenbahnräder und doch alles anders.

Unerhört, welche Arbeitsbedingungen der von der Carl-Seelig-Stiftung als Walser-Herausgeber eher geduldete als bevollmächtigte Greven zu akzeptieren hatte: Einblick in die Walser-Autografen wurde ihm nur stundenweise gewährt, und bitteschön während der Öffnungszeiten der Anwaltskanzlei von Dr. Elio Fröhlich, dem Walser-Nachlassverwalter (in seiner Funktion als Präsident der Stiftung, die bis heute sämtliche Rechte an Walsers Werken hält) in der Zürcher Bahnhofstrasse. Greven war sogar extra an den Bodensee gezogen, damit er kostengünstig nach Zürich pendeln konnte. Personenfreizügigkeit war noch genauso wenig erfunden wie ein simpler Kopierer. Greven musste Manuskript um Manuskript erbeten. Kein Wunder, dass das Jahre später doch noch ein Ventil brauchte.

Die Walser-»Chitti«

Chitti? Ja, Berndeutsch für gewollten Streit. Zoff, Boom, Bang. Es war, pünktlich zu Walsers 100. Geburtstag, die Literaturbetriebsfehde des Jahres 1978. Action-Feuilleton zwischen Jochen Greven und Elio Fröhlich. Ausgelöst wurde die Walser-Chitti durch ein indiskretes Typokript, in dem Greven sich den geballten Frust von der Seele schrieb, dass man nach Abschluss der Werkausgabe nicht ihn mit der Entzifferung der Mikrogramme betraut hatte, sondern die nächste Generation: »Robert Walsers Sachwalter«, heute im DLA Marbach verwahrt, war ein Rachepapier: »Ich vervielfältigte […] und verschickte es […] an rund fünfzig mir mehr oder weniger gut bekannte Literatur­redakteure, Kritiker, Germanisten, Schriftsteller, Buchhändler […].«

Editionspsychologen (jawohl: Psychologen!) werden in Grevens Erinnerungen indes mancherlei Anschauungsmaterial finden, warum Philologen, die mit literarischen Nachlässen befasst sind, zu so etwas fähig sind. Die unsexy Melange aus entbehrungsreicher Editionsarbeit und seltsamen Schikanen im Sozialgefüge literarischer Nachlassverwalter und selbstherrlicher Stiftungen scheint solche Abrechnungen manchmal geradezu zu provozieren.

Wirklich ungnädig blieb Greven nur in einem Punkt: der Tatsache, dass Walser zwar Suhrkamp-Klassiker war, aber dort nie mehr als ein Paperback-Autor wurde.

Und wo Peter Richter gerade eine Bresche für die Ironie geschlagen hat: Robert Walsers Poetik, »für Erzernsthafte ein wenig komisch« auszusehen, gehört da unbedingt dazu – Greven hat ihm schon 1960 »totale Ironie« bescheinigt und später erläutert:

»Viele Elemente dieses Sprachtheaters sind uns inzwischen längst geläufig, sie gehören zum Alltagsstil unsrer Feuilletons, zum Konversationston der Gebildeten – anders könnten wir gar nicht mehr miteinander kommunizieren, so kommt es uns vor; die Komplexität unserer Bewusstseinswelten braucht diese doppelten und dreifachen Böden des Ausdrucks, und sie braucht nicht zuletzt auch das Moment an humaner Skepsis, das dabei mitschwingt. Danke also, Herr Walser, für Ihr Entdecken, Ausprobieren, Einüben!«

Schönere Komplimente eines Herausgebers kann es nicht geben. Greven selbst wäre nachzurufen, dass ihm durchaus gelungen ist, was er zeitlebens als seine Mission ansah (sinngemäß): Leute dazu zu bringen, bei Walser nicht mehr nur einen zu denken, sondern vielleicht sogar mit Nachdruck zu sagen: »Robert, und nicht Martin!«

Vgl. auch die Nachrufe von Susan Bernofsky und Manfred Bosch.
 

Kaffeehaus des Monats (Teil 69)

sine loco, 2. April 2012, 10:15 | von Paco

Wenn du mal richtig Zeitung lesen willst:

Café Ungeheuer, völlig unbedeutendes Streetside-Foto, sry

Berlin-Neukölln
Das »Café Ungeheuer« in der Emser Straße.

(Das Café Ungeheuer heißt so, weil hier alles ungeheuer gut schmeckt.)
 

Regionalzeitung (Teil 50)

Leipzig, 26. März 2012, 09:25 | von Paco

 
  246.   es war ein steiniger Weg

  247.   die Fährnisse des Lebens

  248.   für ihn ist das Glas stets halb voll

  249.   die Faszination ist ungebrochen

  250.   die Dunkelziffer ist weit höher
 

In Sachen Anna Karenina

Genf, 23. März 2012, 01:35 | von Baumanski

Dieter Wirth ist unzufrieden. Unzufrieden mit der »Anna Karenina«-Übersetzung von Rosemarie Tietze und vor allem mit dem einhelligen Lob der Kritik. In seinem Aufsatz in der Zeitschrift »Das Wort« schaut Wirth lobenswerterweise äusserst genau hin und widmet allein Tietzes Übersetzung der Anfangspassage des Tausendseiters ganze zehn Seiten.

Nun kann man ja, wenn man will, jede Übersetzung angreifen. Auch wenn wir es darauf anlegten, die »Melange« aus früheren Über­setzungen zu kritisieren, die Wirth als Alternative zu Tietzes Version der Passage präsentiert, fänden sich problemlos einige Angriffs­punkte, nur mal drei herausgegriffen:

1. Tietzes Anfangssatz ist, wenn er auch rhythmisch weiter entfernt sein mag, syntaktisch näher am russischen Original (»Все счастливые семьи похожи друг на друга, […]«): »Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich« gibt die Adjektiv-Konstruktion besser wieder als »Alle glücklichen Familien gleichen einander« (Melange).

2. Bei »Menschen, die der Zufall in irgendeiner Herberge zusammen­führt« (Melange) könnte man monieren, dass – wie bei Tietze – die Vergangenheitskomponente des Partizips »сошедшиеся« übergangen wird, dass also »zusammengeführt hat« möglicherweise passender wäre.

3. Die Phrase »более связаны между собой« ist bei Tietze genauer übersetzt (»mehr miteinander verbinde«) als in der Melange (»einander näherstanden«).

(Usw.)

Also, falls nach dem zweifellos auch berechtigten Artikel von Wirth jetzt alle denken, sie müssten ihre Übersetzung von Rosemarie Tietze bei eBay loswerden: Nein, müsst ihr nicht.

Und ich gehe jetzt rüber ins Café Livresse und trinke eine Melange, hehe.
 

Willibald Alexis: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht

Berlin, 20. März 2012, 22:14 | von Josik

Vor nunmehr sechs Jahren bin ich, weil das Haus, in dem ich damals wohnte, wie überhaupt die ganze Gegend, voller Mäuse war, aus der Willibald-Alexis-Straße weggezogen, und seitdem dachte ich immer wieder einmal daran, dass ich doch endlich auch ein Buch von Willibald Alexis lesen müsste. Zwar habe ich auch schon mal in der Gebrüder-Witte-Straße gewohnt, damals, als ich versehentlich in Greifswald zu studieren anfing, und habe bis heute nicht herausgefunden, wer eigentlich die Gebrüder Witte waren, aber Willibald Alexis ist ja nun allgemein bekannt, zumindest gewesen, im 19. Jahrhundert, und ein Besuch an seinem Grab in Arnstadt ist auf jeden Fall als erste Station meiner großen Thüringen-Rundreise geplant, die im Sommer stattfinden soll.

Ich hörte einmal jemanden sagen, dass »Ruhe ist die erste Bürger­pflicht« von Willibald Alexis der größte Roman der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sei, deshalb las ich den jetzt einfach. An einer Stelle dort äußert sich Madam Braunbiegler folgendermaßen: »Nee, sage ich doch, wenn pover Volk noch dicketun will und vornehm sind, die können mich gestohlen werden.« Dem schickt der Erzähler diese herrliche Bemerkung über die Madam voraus:

»Wenn der Raum unserer Erzählung, die zu Ende geht, es erlaubte, hätte sie das Recht und die Anwartschaft auf eine bedeutendere Rolle darin, als wir ihr angewiesen, aber der Rahmen schließt sich, und die Rücksicht auf den deutschen Stil und die Grammatik, die wir bis da nach unsern schwachen Kräften beachtet, verbietet uns, ein Bild in den Vordergrund zu stellen, welches für viele Leser unverständlich bliebe ohne eine vorausgeschickte Abhandlung über den markbrandenburgischen Unterschied zwischen mir und mich.«

Ich war hier wie vom Donner gerührt, als ich lesen musste, dass dieser wunderbare Roman schon zu Ende gehen soll, und zählte schnell nach: Glücklicherweise lagen noch 169 Seiten vor mir! Wahrscheinlich ist es psychologisch sehr klug von Willibald Alexis, bei einer etwa 1.270 Seiten dicken Schwarte den Leser nach etwa 1.100 Seiten langsam aufs Ende vorzubereiten, über Hundertseitenschwächlinge hätte er jedenfalls nur lachen können: hehe.

Nachdem ich also fertig war, lief ich in meiner Begeisterung gleich in die Bibliothek, lieh mir noch Sekundärliteratur aus und ackerte sie durch. Am ergiebigsten erschien mir eine narratologische Analyse mit dem Titel: »Willibald Alexis: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht«. In mühevoll­ster Kleinarbeit hat dort jemand tatsächlich z. B. den Dialoganteil jedes einzelnen Kapitels ausgerechnet:

Im ersten Buch betrage der Dialoganteil 74% im 1. Kapitel, 77 im 2., 16 im 3., 39 im 4., 66 im 5., 27 im 6., 79 im 7., 84 im 8., 40 im 9., 77 im 10., 66 im 11., 59 im 12., 58 im 13., 35 im 14., 69 im 15., 81 im 16., eben­falls 81 im 17., 65 im 18., 50 im 19., 65 im 20., im zweiten Buch betrage er 68% im 1. Kapitel, 81 im 2., 55 im 3., 87 im 4., 80 im 5., 87 im 6., 74 im 7., 38 im 8., 86 im 9., ebenfalls 86 im 10., 62 im 11., 78 im 12., 88 im 13., 70 im 14., 87 im 15., 83 im 16. und 70 im 17., im dritten Buch 43% im 1. Kapitel, 47 im 2., 79 im 3., 38 im 4., 58 im 5., 77 im 6., 34 im 7., 71 im 8., 66 im 9., 63 im 10., 85 im 11., 88 im 12., 75 im 13., 61 im 14., geradezu lächerlich magere 22 im 15., 53 im 16., 57 im 17., 91 im 18., 63 im 19., im vierten Buch sodann betrage der Dialoganteil sagenhafte 92% im 1. Kapitel, 66 im 2., 87 im 3., 83 im 4., 43 im 5., 77 im 6., 66 im 7., 53 im 8., 77 im 9., 61 im 10., 62 im 11., 64 im 12., 36 im 13., 24 im 14., 86 im 15., 37 im 16., 73 im 17., 61 im 18., 59 im 19., 73 im 20., und schließlich im fünften Buch 76% im 1. Kapitel, 69 im 2., 38 im 3., 81 im 4., 56 im 5., 54 im 6., 51 im 7., 90 im 8., 76 im 9., abermals sagenhafte 92 im 10., 40 im 11., 59 im 12., 53 im 13., 50 im 14., 68 im 15. und 53 im 16.

Ich dachte, eigentlich müssten diese Angaben mal stichprobenartig überprüft werden. Das Kapitel, das ich mir aussuchte, ist das 8. Kapitel des vierten Buchs, es enthielt offenbar nicht zu viel, nicht zu wenig Dialoganteil, 53%, also genau der richtige Umfang für eine Stichprobe. Wenn man nun alle Wörter in diesem Kapitel zählt, kommt man auf 2.422 Wörter. Davon sind 1.251 Wörter in direkter Rede geschrieben. Nach meinen Berechnungen sind das rund 52% Dialoganteil. Die offizielle Angabe liegt damit ganz eindeutig im Bereich der Fehler­toleranz, und deshalb sei diese vorzügliche Literatur, die sekundäre wie natürlich auch die primäre, hiermit allen Lesern ans Herz gelegt.
 

100 einsilbige Schriftsteller

Berlin, 17. März 2012, 11:25 | von Josik

 
Arndt
Arp

Bahrdt
Benn
Bloch
Böll
Brant
Brasch
Brecht
Brett
Broch
Brod
Busch

Christ
Coe

Dick
Dor
Dorst

Eich
Erb

Fet
Frayn
Freud
Fried
Fries
Frisch
Frost

Gide
Goetz
Goldt
Graf
Grass
Greene

Hacks
Hauff
Hein
Hein
Heym
Hogg
Huch
Huch
Hume

Ilf

Jahnn
Jens
Joyce

Kant
Keats
Kerr
King
Kirsch
Kirsch
Kling
Kracht
Kraus
Kroetz

Lenz
Lind
Loest

Mann
Mann
Mann
Mann
Mann

Neuss

Orths
Ott

Paul
Poe
Pound
Proust

Roth
Roth
Roth

Sachs
Sachs
Schleef
Schlink
Schmidt
Schuh
Self
Shaw
Spiel
Stein
Stein
Sterne
Storm
Sue

Tieck

Weiss
Wilde
Wolf
Wolfe
Woolf

Yeats

Zahl
Zech
Zorn
Zweig
Zweig

 

Die Cartoonage (2): Clare Hollingworth

sine loco, 15. März 2012, 12:12 | von Maltus


(Klick! Diese Cartoonage vergrößert.)
 

Cartoonage (2): Clare Hollingworth (Vorschaubild)


Kontext: »Die 100-jährige Clare Hollingworth« (SZ-Magazin)

 

Arial

Leipzig, 12. März 2012, 21:54 | von Hiller

It’s a really cool typeface if used correctly. It has something
to offer. It’s a bit like – on some days – preferring
your H&M sports jacket over your YSL one.
— Sarah Eaves

Saß am Schreibtisch und versuchte zu erkennen, ob Abfall in Arial
oder normal, irgendeine megascheußliche Times Roman,
besser ausschaut. Kann das nicht ermitteln.
— Rainald Goetz, Abfall für alle, S. 146

Nirgendwo verläuft die Grenze zwischen schwersten Menschheits­verbrechen und sublimen Wohltaten scharfkantiger als in der Typo­grafie. Ich weiß wovon ich rede und schneide mich selbst täglich daran. Vor kurzem habe ich mich auf genau jenem an sich unbewohnbaren Grenzstreifen schwer verliebt. Meine Liebe ist sehr verhasst und wird sowohl von 2005-Berlin-Mitte-Stylern als auch von Urheberrechtsfeti­schisten steckbrieflich gejagt. Sie heißt Arial.

Das ist mehr als erstaunlich. Denn noch vor einigen wenigen Jahren, in meiner – man könnte sie bezeichnen als: – typostalinistischen Phase habe ich mal den schwer zu durchschauenden Machern des Erbauungs­werkes DUMMY die Kulturrevolution an den Hals gewünscht, als sie in einer an sich sehr gewieften Aktion ihr komplettes Heft über die Schweiz in der schlimmen, weil bösen, weil hässlichen und geklauten Allerweltsschrift Arial gesetzt hatten.

Hier muss man vielleicht für die meisten, außer dem mitlesenden Deutschlandradio-Redakteur, ausholen. Es begab sich Ende der 1950er Jahre, dass die allenthalben sehr beliebten Akzidenz-Schrifttypen, mit denen man groß und klein aufmachen konnte, einer Reformierung bedurften, so dachte man jedenfalls in der schweize­rischen Schriftgießerei Haas, und ein Max Miedinger ging los und schuf die berühmte, übergroße, allmächtige, promiske, weil für alles zwischen Vietnam, Irak und Berlin-Mitte zu gebrauchende Neue Haas Grotesk, vulgo Helvetica. Nach 20 gemütlichen Jahren der Weltherrschaft geschah es, dass vor allem die Firma Microsoft nun wahrlich keine Lust auf lästige Lizenzgebühren hatte und flugs zwei kanadische Hippies via die Briefkastenfirma Monotype damit beauftragte, hier und dort ein bisschen rumzubasteln, auf dass eine neue, alte, und vor allem sehr lizenzfreie Schrift erstehe. Geboren ward Arial, der Hellboy unter den Schriften. Anstatt einer großen Steinfaust hatte und hat Arial die hässlichste 1 zwischen hier und Mexiko, und das schlimme große R ist eine Zumutung, und dass man dem großen G sein Standbein geklaut hat damals, sollte mal Gegenstand eines Gebr.-Coen-Films sein, gehört aber nicht hierher. Mittlerweile wird die die Office-Weltmeere lange beherrschende Arial übrigens von einer Armada aus C-Schriften (Cambria, Constantia, cet etera) versenkt, und mit ihr die Mitangeklagte Times New Roman.

Ich bin jedenfalls sehr verliebt jetzt, und dies liegt einzig und allein an, ja, Rainald Goetz. Puh, Rainald Goetz, werden Sie denken, »Abfall für alle«. Genau. An genau dieser Stelle dachte ich auch, ach nein, bitte nicht, ein Versehen? Ein ganzes Buch, von 1999 etwa, gesetzt in dieser Monsterschrift, warum, warum? Ich fühlte mich beim Aufschlagen – neulich, vor einem halben Jahr, als es endlich auch für mich Spätgeborenen an der Zeit war, alles nachzulesen, das ganze Jahr 1998 aus Goetz’scher Sicht – sofort in eine Art typografisches Schlammcatchen zwischen den ebenso an sich unausstehlichen Traktaten der Firma Merve mit ihrem Hardcore-»was nicht passt wird passend gemacht«-Original-Helvetica-aber-egal-Satz und des ansonsten so distinguiert vor sich hin setzenden Suhrkamp-Verlags, der heute mal so drastisch die Arial abfeaturete, erinnert. Aber es kam alles ganz anders, und es ward alles richtig.

»Abfall für alle« ist ja schon zur Genüge gefeiert oder geschmäht worden, und ich wundere mich jeden Tag, warum ich vor dem Einschlafen eigentlich so eine große Freude daran habe, zu lesen, was Rainald Goetz einmal an einem Maitag im Jahre 1998 getan oder vielleicht eben auch nicht getan hat. Aber eine Grunderkenntnis der Lektüre besteht darin, dass hier – außer Goetz selbst – jemand alles richtig gemacht hat, als er herging und das ganze bekloppte 800-Seiten-Werk in der (zuvor nach bestem Ermessen auf dem Bildschirm schauerlichen, auf Papier aber absolut abzulehnenden) Allerweltsschrift Arial Roman setzte (so abzulehnen wie: Nazivergleiche, Wulff-Bashing, The Artist).

Ein Trick für zuhause noch zum Nachkochen: Wählen Sie das richtige Papier (sehr dünn), und wählen Sie die richtige Proportion; die scheue, übernutzte Arial scheint sich in kleinen Punktgrößen erstaunlicherweise wohler zu fühlen. Und versuchen Sie, um jeden Preis, wie die weisen Setzer-subcontractors des Suhrkamp-Verlags (die übrigens im Eifer bis heute leider keine Zeit hatten, andere Tippfehler zu korrigieren), die wahrlich schauerlichen und jedes Kriegsgericht dieser Welt rechtferti­genden Arial-Versionen Bold und Italic zu vermeiden. Zahlen wie 1159, von Goetz damals betörend oft genutzt, und VERSALIEN gehen dagegen – verblüffenderweise, verstörenderweise – immer. Nur eine römische Arial ist eine gute Arial.