Crocket vs. Akzentologie

Oxford, 20. Juni 2013, 16:45 | von Baumanski

Dass die akademische Viertelstunde eine der besten Erfindungen überhaupt ist, habe ich ja schon immer geahnt. Und seit letztem Herbst habe ich tatsächlich Grund genug, ihr nachzutrauern. Denn aus unerfindlichen Gründen – it probably made sense in the 1200s – enden Vorlesungen in Oxford zur vollen Stunde und beginnen, nun ja, auch zur vollen Stunde.

Ich schleiche mich also einmal mehr fünf Minuten zu früh aus dem Vorlesungszimmer, jogge quer durch die Examination Schools, packe draussen mein Rad, fahre im Nieselregen die High Street hoch, dann rechts durch die Turl Street und am Ashmolean Museum vorbei zur Fakultät, stürme da die Treppe hoch und schaffe es tatsächlich fast rechtzeitig zum Vorlesungsbeginn, und der Dozent ist so nett, für mich noch einmal neu anzufangen.

Eine knappe Stunde später stehe ich in der Buttery an zum Essen fassen: irgendein fettiges Stück Fleisch mit Kartoffeln. Immerhin gibt es nach dem Dinner manchmal eine George-Orwell-Käseplatte (»I fancy that Stilton is the best cheese of its type in the world, with Wensleydale not far behind«), und dafür nimmt man dann auch mal das halbgare und ungesalzene Gemüse in Kauf.

Nach dem Essen trinken wir noch einen Kaffee, unterhalten uns jeweils circa zwei Minuten lang über Bertrand Russell, Arjen Robben und Peer Steinbrück, und jemand stellt in einem Nebensatz die These auf, dass Thomas Mann »einfach dumm« war.

Am Nachmittag ist es endlich mal wieder warm und sonnig. Ich habe die Wahl zwischen einer Partie Crocket auf dem College-Rasen und einem Traktat über das Akzentsystem des Urslawischen und entschliesse mich also dazu, endlich einmal den etwas vergessenen Oxford-Klassiker »Zuleika Dobson« zu Ende zu lesen. Der englische Satiriker Max Beerbohm hat das Buch 1911 geschrieben und die meisten seiner Aussagen über Oxford sind auch heute noch unverändert gültig. Zum Beispiel: »Oxford is a plexus of anomalies.« Oder: »Oxford never pretended to be strong in mathematics.« Oder: »Mainly architectural, the beauties of Oxford.«

Ausserdem enthält das Buch weitere zeitlose Weisheiten (»Death cancels all engagements«), sowie ortstypische Beleidigungen (»you, looking like nothing so much as a gargoyle hewn by a drunken stone-mason for the adornment of a Methodist Chapel in one of the vilest suburbs of Leeds or Wigan«), einen Gastauftritt von Frédéric Chopin und den vermutlich witzigsten Massensuizid der Literaturgeschichte.

Zwanzig Seiten vor dem Ende des Romans stehe ich auf, um zum Abendessen zu gehen, denn in der Kapelle des Merton College – wo auch Max Beerbohm studierte – wird später noch eine Mozart-Messe aufgeführt, und Mozart ist ja wohl der, hehe, meistunterschätzte Komponist.
 

100-Seiten-Bücher – Teil 71
Heimito von Doderer: »Das letzte Abenteuer« (1953)

Paris, 10. Juni 2013, 20:21 | von Niwoabyl

Bei Fremdsprachen erinnert man sich immer gern, in welchem Buch man dieses oder jenes nicht so häufige Wort mal gelernt hat. Mir wären zum Beispiel ›Molch‹ und ›Lurch‹ ohne Heimito von Doderer sicher nicht so geläufig. Auch wäre ich nicht von der manischen Laune befallen, diese allerschönsten Wortschatzeroberungen möglichst oft im Gespräch unterzubringen, was sicherlich nicht gescheit aussieht. In Doderers Frühwerk »Ein Mord, den jeder begeht« ist nämlich Conrad, die Hauptfigur, seit der Kindheit von Molchen derart fasziniert, dass sie ihm zur Chiffre geheimer, unwiderstehlicher Leidenschaften werden und er, immer um sein seelisches Gleichgewicht besorgt, sich ständig davor fürchten muss, irgendwas würde ihm zum ›Molch‹ geraten.

Auch im Spätwerk »Die Wasserfälle von Slunj« kommen kleine bis winzige Wassertiere zum Vorschein, eine der Hauptfiguren lässt nach nur wenigen Seiten seine junge Ehefrau ungalanterweise stehen und kriecht auf allen Vieren, um Flusskrebse besser beobachten zu können. Im übrigen wird auch sonst in diesem Roman viel auf allen Vieren gekrochen, in einer der unfassbarsten Szenen vor einer kleinen elektrischen Modelleisenbahn. Darüber hinaus sind bei Doderer gottlob noch große, ganz normale Züge dabei, sowohl in den »Wasserfällen« als auch im »Mord«, wo Wagenabteil und Bahntunnel beinahe strudlhofstiegenmäßig zum Dreh- und Angelpunkt der ganzen Handlung werden.

Also hat es auch seine Richtigkeit, wenn Doderer neben dem immer wiederkehrenden Gewimmel wenigstens einen Erzähltext hinterlassen hat, in dem ein richtig dickes Tier vorkommt, und amüsanterweise geht es um eine Novelle von – für Doderer’sche Verhältnisse – geradezu mickrigen Ausmaßen. Allerdings macht er dann keine halben Sachen und entschädigt den an Wuchtigeres gewöhnten Leser durch eine wahnhaft gigantische Bestie, einen Drachen so groß wie ein Berg. Die Beschreibung liest sich auch wirklich schön, und es ist fast ein bisschen schade, dass dieser Höhepunkt schon so früh im Text erreicht wird.

Läuft ein solches Prachtexemplar frei umher, können Ritter, von der Âventiure gelockt, nicht lange auf sich warten lassen. Allerdings sind die Recken, wenn sie zum ersten Mal den Kopf des Monsters erblicken (mehr als der Kopf des Drachen passt bei Doderer beschreibungsmäßig natürlich nicht auf eine Buchseite), doch etwas verunsichert. Zum eigentlichen Kampf kann es unter diesen Umständen kaum noch kommen, und den Drachen lassen schwertzuckende Däumlinge eh kalt, wenn man so etwas bei einem Reptil sagen kann: »Vielleicht war er auch schon satt.«

Überhaupt zeigt Doderer wenig Interesse am Actionpotenzial eines Ritterromans, und auch das mit der Brautwerbung geht bei allzu empfindsamen Rittern nicht mehr so ruckzuck wie in heldenhafteren Zeiten. Dafür findet man im Text eine ganze Menge wunderschöne synästhetische Vergleiche, an denen sich die höfische Gesellschaft selbst mit großem Vergnügen beteiligt. Diskutiert wird zum Beispiel über die richtige Beschreibung für den eigentümlichen Geruch, den ein vom Drachenhaupt abgeschlagenes, bläulich schimmerndes Stück Horn verströmt, und das ist schließlich auch nicht schlecht.

Länge des Buches: ca. 137.000 Zeichen. – Ausgaben:

Heimito von Doderer: Das letzte Abenteuer. Erzählung. Mit einem autobiographischen Nachwort. Stuttgart: Reclam 1953.

Heimito von Doderer: Das letzte Abenteuer. Mit einem Nachwort von Martin Mosebach. München: C. H. Beck 2013. S. 7–97 (= 91 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

Ramsmayr

Jena, 3. Juni 2013, 14:12 | von Montúfar

Das Jahrtausendspiel zwischen Borussia Dortmund und Bayern München kam auch nicht ohne die höheren Weihen der Literatur aus. »Geschichten ereignen sich nicht, Geschichten werden erzählt, schreibt der große Geschichtenerzähler Christoph Ransmayr.« Schreibt der SZ-Sportkorrespondent Boris Herrmann in der SZ vom 24. Mai 2013.

Passend dazu ist mir genau am Jahrtausendspielsamstag ein Buch von Jean-Paul Barbe in die Hände gefallen, das den wirklich grandiosen Titel trägt: »Events in Kuhschnappel«. Und dort ist auf dem Klappentext zu lesen, dass sich dieses Buch gegen die pessimistische Geschichtssicht des Romans »Morbus Kithara« (sic!) von »Christoph Ramsmayr« (noch mal sic!) wendet.

Nun ist Ransmayrs Vorliebe für Fiktionalitätsspielereien so bekannt, dass sich selbst Wikipedia zu der Aussage hinreißen lässt: »Ransmayr verbindet in seiner Prosa historische Tatsachen mit Fiktionen.« Das könnte genauso im Wikipedia-Artikel über Jean-Paul Barbe stehen, denn dieser spinnt in »Events in Kuhschnappel« genauso wie Ransmayr in »Morbus Kitahara« die historische Eventualität fort, der Morgenthau-Plan sei nach 1945 in Deutschland tatsächlich durchgeführt worden.

Doch was bei Ransmayr eine Geschichte hoffnungslosen Verfalls ist, wird bei Barbe zur lustigen Kuhschnappelei. Diese in einen Klappentext zu verpacken, in dem von einem fiktiven Autor Christoph Ramsmayr mit seinem fiktiven Roman »Morbus Kithara« die Rede ist, würde einem echten Christoph Ransmayr möglicherweise gefallen. Also hoffentlich sind das nicht nur Tippfehler!

Ansonsten lässt sich über »Events in Kuhschnappel« nicht viel sagen, da das Buch mit 154 Seiten beim besten Willen zu lang ist für eine Aufnahme in unseren Hundertseiter-Kanon. Im Roman selbst wird wegen Papiermangels und fehlender Druckerpressen zwar eine Literaturinitiative gestartet: »›Fass dich kurz! Genius, auch du!‹ war die Parole.« (S. 76) Doch für diesen hinterhältigen Literaturverstüm­melungsversuch der Alliierten lassen sich glücklicherweise weder Ernst Wiechert noch Carl Zuckmayer vor den Karren spannen:

Jenen versucht ein US-General im Münchner Hauptquartier der Alliierten zu überreden, ihren Morgenthau-Plan dem deutschen Volk schmackhaft zu machen, schließlich habe er ja in seiner »Rede an die deutsche Jugend« ebendiese aufgefordert, gemeinsam am Pflug zu ziehen. Wiechert muss den US-General jedoch korrigieren: »Das viele Pflügen dort ist doch metaphorisch zu verstehen.« (S. 81)

In Wiecherts tatsächlich am 11. November 1945 in München gehaltenen und u. a. 1947 in einem Sonderdruck des Aufbau-Verlags erschienenen »Rede an die deutsche Jugend« heißt es: »Und waren sie auch nur zu zweien und zu dreien, so zerbrach doch die schreckliche Mauer der Einsamkeit, und sie sahen einen neuen Anfang, einen neuen Pflug, eine neue Erde, und sie glaubten, daß sie schon zu zweien stark genug wären, um diesen Pflug durch die blutigen Trümmer zu ziehen und eine neue Saat in die schrecklichen Furchen zu werfen.« (S. 19f.)

Das ist in der Tat metaphorisch gemeint, und der fiktive Wiechert lehnt eine zweite Tasse Kaffee ab und verlässt wortlos das Haus, anstatt dem literaturfernen General einmal den Kopf zu waschen. Denn schon der reale Wiechert sagte ja in seiner Rede: »[A]ber wer unter uns wollte es wagen, ein Richter über den Irrtum zu sein?« (S. 25)
 

Kaffeehaus des Monats (Teil 76)

sine loco, 2. Juni 2013, 17:37 | von Baumanski

Wenn du mal richtig Zeitung lesen willst:

Die Hobsons Patisserie in Stratford-upon-Avon, hier wieder ein künstlerisch völlig misslungenes Foto, hehe.

Stratford-upon-Avon
Die »Hobsons Patisserie« an der Henley Street.

(In Stratford ist eigentlich alles nach Schäkespear benannt: Häuser, Kneipen, Waschsalons. Nach einer Stunde bin ich von der allgegenwär­tigen Bardolatrie so ermüdet, dass ich zum auf der Karte verzeichneten Gower Memorial spaziere, um zur Abwechslung mal den Dichter der »Confessio Amantis« zu ehren. Dort stelle ich dann fest, dass das Denk­mal nicht John Gower, sondern – who else? – Shakey gewidmet und halt nach seinem Erschaffer Ronald Gower benannt ist. Entsetzt kehre ich ins Stadtzentrum zurück und verbringe den Rest des Nachmittags aus Protest in diesem Touristencafé mit riesiger Kuchenauswahl. Eine enthusiastische Amerikanerin fotografiert teetrinkende Briten in Tweedjacketts.)
 

Vossianische Antonomasie (Teil 28)

Leipzig, 31. Mai 2013, 08:45 | von Paco

 

  1. ein dänischer Clemens Meyer
  2. der Dieter Bohlen der Warteschleife
  3. der Fußball-Lessing
  4. der Klaus Maria Brandauer der Pianistik
  5. der Harry Haller des Kunstbetriebs

Mit Dank an Hansi!

 

100-Seiten-Bücher – Teil 70
Fleur Jaeggy: »Die seligen Jahre der Züchtigung« (1989)

Berlin, 29. Mai 2013, 17:55 | von Josik

Direkt aufs Cover der Taschenbuchausgabe hat der Verlag folgenden Blurb von Joseph Brodsky gedruckt: »Dauer der Lektüre: etwa vier Stunden. Dauer der Erinnerung: der Rest des Lebens.« Was ersteres angeht, wollte ich mich einfach mal mit Brodsky messen, stellte also die Stoppuhr und fing ganz gemächlich an zu lesen, ohne Hast und ohne Eile. Natürlich traf mich fast der Schlag, als ich in dem »Momentum« (Ro­ger Willemsen), in dem ich das Buch zuklappte, sah, dass meine Lektüre bloß eine Stunde, dreiundfünfzig Minuten und vierunddreißig Sekunden gedauert hatte!

Brodsky scheint demnach ein sehr langsamer Leser gewesen zu sein. Doch wer weiß, womöglich las er, der ja bekanntlich unter Frühstücks­amnesie litt, diese wunderbare Schweizer Internatsgeschichte auch in ganz normalem Tempo, delektierte sich aber noch stundenlang an Formulierungen wie: »beim Frühstück nahm ich mir zwei oder drei Scheiben Brot mit Butter und Marmelade« (S. 24) und »das Frühstück war immer köstlich« (S. 16). Gegen Ende des Buches wird es dann eher nihilistisch, ein paar Jahre nach Schulabschluss besucht die Ich-Erzählerin ihre ehemalige Mitinternatsschülerin Frédérique in deren neuer Behausung und stellt fest: »Dieses Zimmer ist ein Konzept. Man weiß nicht wovon.« (S. 107)

Ein anderer schöner Schauplatz in dieser Novelle ist »die Konditorei von Teufen« (S. 27 und 28), wobei die Konditorei als solche hier erheblich besser wegkommt als z. B. in Rosa Luxemburgs Hundertseiter »Die Krise der Sozialdemokratie«, wo es gleich auf der ersten Seite heißt: »Vorbei ist […] das wogende Menschengedränge in den Konditoreien, wo ohrenbetäubende Musik und patriotische Gesänge die höchsten Wellen schlugen.« Die Fassung eines Satzes aus dem Bürgerlichen Gesetzbuch der Schweiz, wie die Ich-Erzählerin in den »Seligen Jahren der Züchtigung« ihn zitiert, klingt hingegen ebenfalls makellos marxistisch: »›Der Besitzer einer Sache ist derjenige, der die tatsächliche Herrschaft über sie ausübt.‹« (S. 50)

Länge des Buches: ca. 136.000 Zeichen. – Ausgaben:

Fleur Jaeggy: Die seligen Jahre der Züchtigung. Novelle. Aus dem Italienischen übersetzt von Barbara Schaden. Berlin: Berlin Verlag, 3. Auflage 1996. S. 3–120 (= 118 Textseiten).

Fleur Jaeggy: Die seligen Jahre der Züchtigung. Novelle. Aus dem Italienischen übersetzt von Barbara Schaden. Berlin: Berlin Verlag Taschenbuch 2004.

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

Pontormo in Hannover

Hamburg, 27. Mai 2013, 17:00 | von Dique

Hannover war für mich bisher nur Umsteigepunkt, eine Gelegenheit für einen Verspätungskurzaufenthalt, nie direktes Ziel. Im Landesmuseum Hannover gab es jetzt aber bis Mitte Mai eine Pontormo-Ausstellung. Am letzten offiziellen Tag bin ich mit San Andreas dann doch mal von Hamburg aus per Bahn zielgerichtet nach Hannover gefahren.

Um mich ein bisschen aufzuputschen und richtig in Stimmung zu kommen, wollte ich mir gleich bei der Ankunft ein erfrischendes Red Bull kaufen. Die meisten Imbissstände und Bäckereien auf dem Bahnhof hatten aber leider keines im Programm und bei Rossmann gab es nur noch die Light-Version. Erst auf diesem komischen Boulevard vor dem Bahnhof, der in die Innenstadt von Hannover führen könnte, wurde ich in einem Zeitungsgeschäft fündig. Leider war die Dose nicht genug gekühlt und die Stimmung blieb aus.

Es war sehr heiß an dem Tag und ich trug ein für diese Witterung viel zu robustes Jackett. Ich behielt es natürlich trotzdem an und kam sehr ins Schwitzen. Die Stadt Hannover veranstaltete am selben Tag auch irgendeinen Stadtlauf. Auf dem Weg zum Museum kamen uns immer neue Massen von Läufern entgegen, die noch mehr schwitzten als ich.

Irgendwann erreichten wir einen großen Platz vor einem großen Gebäude, dem Rathaus oder dem Schloss der Stadt, ich weiß es nicht, denn ich war ziemlich gedankenverloren. Es dauerte ewig bis zum Museum, und diese quälenden Menschenmassen, das war mir einfach zu viel Hannover. Auf diesem Platz wurden Bratwürste und Crêpes gegessen, es wurde getrunken und von einer Bühne schallten Musik und Ansprachen, doch wir wollten nur schnell zu Pontormo ins Museum. Irgendwann kamen wir dann an einem Park vorbei, auf dessen Wiesen sich erschöpfte Sportler ausruhten, und dahinter sahen wir dann auch endlich das Landesmuseum.

Am Ticketschalter versuchte gerade ein älteres Pärchen empört die Tickets zurückzugeben und verlangte das Eintrittsgeld zurück. Oben werde gesungen und man könne sich nicht auf die Kunst konzentrieren, so ging die Argumentation. Wir waren gespannt. Oben angekommen, war dann tatsächlich ein Raum abgesperrt, in dem Proben oder ein Vorsingen stattfand. Da wurde immer mal wieder ein Musikstück angeschmeckt und wieder abgebrochen, feierlich gekleidete Jugendliche stürzten hinter einem Vorhang hervor und verschwanden durch eine Tür oder umgekehrt.

Uns fesselte dann aber schnell ein Ensemble von Tilman Riemenschneider, drei Figuren in tiefen Emotionen gefangen, bewegt, bedrückt und bemalt. Minimalistisch stehen sie auf einem breiten weißen Sockel nebeneinander vor einer weißen Wand. Die Lockenprachten sind prächtig konturiert, ebenso die Gewänder, die leise zu rascheln scheinen. Die schmalen Gesichter wirken etwas abwesend, aber warm und weich. Sie stellen alle anderen Skulpturen der Sammlung in den Schatten und alles heute Erlebte. Die verschwitzten Sportler sind vergessen. Und das Red Bull scheint in der Erinnerung auf die genau richtige Temperatur gekühlt gewesen zu sein.

Die Pontormo-Ausstellung ist dann nur um das Gemälde des verschraubt-glatzköpfig-fragmentarischen »Hieronymus« herum aufgebaut, der sowieso auch sonst im Landesmuseum hängt. Die Schau belästigt uns zum Glück mit nur wenigen weiteren Stücken und wir haben sie uns alle angeschaut!
 

100-Seiten-Bücher – Teil 69
Alfred Andersch: »Der Vater eines Mörders« (1980)

Berlin, 25. Mai 2013, 15:58 | von Josik

»Eine Schulgeschichte« verspricht der Untertitel, und trotz dieses furchtbaren Themas geht’s ulkig los: Gleich auf den ersten Seiten taucht nämlich der Klassenbeste auf und man fragt sich, ob Alfred Andersch sich hier einen grotesken Scherz erlaubt hat, denn dieser Primus heißt doch tatsächlich Werner Schröter. Der Name dieses Werner Schröter klingt wirklich haargenau so wie der Name des berühmten Regisseurs Werner Schroeter. Andersch und Schroeter waren ja halbe Zeitgenossen, und als Schriftsteller benennt man seine Figuren doch wohl nicht ohne Grund nach einem Promi? Das gleiche kann man sich übrigens auch bei Vladimir Nabokov fragen, der in »Ada« an zwei Stellen eine Figur namens Norbert von Miller herumgeistern lässt – hier ist der Name also ebenfalls so gut wie gar nicht verfremdet, denn womöglich ist diese Figur nach Norbert Miller benannt. Norbert Miller selbst wiederum publizierte auch unter diversen Pseudonymen, etwa unter dem Namen Roderich Fuëß. Ein prominenter Namensvetter ist Roderich Reifenrath, der ehemalige Chefredakteur der »Frankfurter Rundschau«, also just jener Zeitung, die den größten Feuilletonskandal des Jahres 1976 entfachte. Damals nämlich ließ Alfred Andersch dort sein Gedicht »artikel 3 (3)« abdrucken, mit den berühmten Versen: »dem geht der / arsch mit grundeis«.

Länge des Buches: ca. 134.000 Zeichen. – Ausgaben:

Alfred Andersch: Der Vater eines Mörders. Eine Schulgeschichte. Berlin; Weimar: Aufbau-Verlag 1981. S. 3–93 (= 91 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

Massakerminiaturen (7)

Leipzig, 23. Mai 2013, 18:50 | von John Roxton

Der Vater war auf Urlaub gekommen und hatte uns Taschenmesser geschenkt. Am Tag darauf gingen wir hinaus, um der Mutter den großen Ameisenhaufen am Waldrand zu verbrennen. Der Vater hatte die schwarze Jacke ins Gras gelegt und stand im Unterhemd groß und hoch im Gegenlicht der Sommersonne, als er den Sprit aus einer Flasche über den Hügel aus Erde und Tannennadeln goss. Der Brandgeruch vermischte sich mit dem Duft des Waldes. Wir sollten achtgeben, dass das trockene Holz kein Feuer fängt und der Vater versprach ein Malzbier, wenn wir die Königin fangen.

*

Jedes Jahr am 23. Mai:

John Roxton: »Massakerminiaturen«

#1 (2007)#2 (2008)#3 (2009)#4 (2010)#5 (2011)
#6 (2012)#7 (2013) – #8 (2014)#9 (2015)#10 (2021)

Impossibile!

Rom, 20. Mai 2013, 23:22 | von Maltus

An der Via del Corso in Rom liegt der Nuovo Circolo degli Scacchi, ein Herrenclub, der – hätte es ihn damals schon gegeben – Johann Wolfgang komfortableren Unterschlupf geboten hätte als die Casa di Goethe direkt gegenüber. Vespa in der Nebenstraße geparkt, Krawatte umgebunden und rauf die Marmortreppe.

Gegründet wurde der Club von römischen Aristokraten, Geschäfts­leuten und Intellektuellen im Jahr 1872, logiert aber erst seit rund 20 Jahren im Palazzo Rondinini an der Via del Corso. Dort hätte Sig. Goethe zwar keiner schönen Römerin die Hexameter mit fingernder Hand auf den Rücken zählen können – es ist ein reiner Herrenclub. Als Kunstkenner und Antikeliebhaber wäre er aber auf seine Kosten gekommen, denn die Rondinini-Sippe plünderte im 17. und 18. Jahrhundert Roms Ruinen und putzte den Palast mit jeder Menge antikem Marmor auf. Angeblich soll sich hier das halbe Forum Romanum angesammelt haben, in Form von Friesen, Deckenputz und Marmorböden. Darin eingelegt findet man immer wieder steinerne Schwalben, das Symbol der Rondinini-Familie. Im Innenhof gibt es die einzige 6-Stunden-Uhr Roms, die Papst Pius IX. überlebt hat.

In der Bibliothek dann komme ich mit einem Herrn aus Pisa ins Gespräch, der sich nach dem Kindle erkundigt, das wir hier reingeschmuggelt haben. Eine halbe Stunde später sitzen wir an der Bar und trinken einen Mittagsmartini im Kreis von Personen, die aus einem Roman von Lampedusa stammen. Die Zeit steht still, alles scheint möglich. Nur eins nicht: der Gast, der in Jeans Einlass begehrt, erntet ein mitleidiges Stirnrunzeln des Portiers: »Impossibile!«