Archiv des Themenkreises ›Serienjunkiez‹


Wie war die Pizza?

London, 18. Dezember 2007, 10:16 | von Dique

FAS von vorgestern, Thomas Hettche hat Monika Miller besucht, die Haushaelterin von Ernst Juenger. Eigentlich ein super Thema, aber Hettche versenkt es, weil er leider den lustigen Entlarver spielen muss. Dann Peter Richter ueber seine Einladung zu einer Teeparty mit Gloria von Thurn und Taxis. Am Schluss eine alte Pointe, die ich zum ersten Mal in einer Seinfeld-Show sah (Folge 8.14, »The Van Buren Boys«):

Kramer erzaehlt, wie er in einem Pizzaladen dumm angemacht wurde und ins Visier der Van Buren Boys (»a street gang named after President Martin Van Buren«) geriet. Er versuchte aufs Klo zu fliehen, doch die Tuer war verschlossen, und er fand sich an die Wand gedrueckt wieder, umringt von den Boys der Gang. Gespannt haengen Elaine und Jerry an Kramers Lippen, und der sagt dann aber, dass sie ploetzlich von ihm abliessen.

Warum? Weil er deren geheimes Erkennungszeichen machte. Er stand mit erhobenen Armen an der Wand und hatte dabei eine Knoblauch-Zange in der Hand und zeigte deshalb nur 8 Finger, und Van Buren war gluecklicherweise der 8. Praesident. Elaine hat noch immer vor Anspannung den Mund offen und Jerry fragt: »How was the pizza?« Und Kramer antwortet: »A little oily.«

Und Peter Richter beendet seinen Text ueber den untergehenden Adel damit, dass die Kekse uebrigens vollkommen okay waren.


Curb Your Enthusiasm: 6. Staffel, 10. Folge

Hamburg, 5. Dezember 2007, 08:05 | von San Andreas

Die schwierige letzte Folge also. Normalerweise ein Grund zur Betrübsamkeit, aber wir wissen ja: Larry macht weiter. Und nach dieser letzten Episode verbleibt der geneigte Zuschauer mit einem Hochgefühl, wie man es noch aus den besten Zeiten der 3. oder 4. Staffel kannte. Larry leaves on a high note, wie weiland sein alter ego George Costanza (Seinfeld 9.16).

»The Bat Mitzvah« ist eine Episode von herber Frische; sie strotzt vor wahnwitzigen Ideen, schwelgt in den dramatischsten Zuspitzungen und lässt so manches Tabu ramponiert links liegen. Ihren Inhalt kann man folglich nur gegenüber abgehärteten CYE-Adepten andeuten; unbedarfte Leute mögen auf die Abstrusitäten, die da passieren, mit Befremden reagieren.

Als wüssten wir nicht schon genug über Larrys Intimsphäre, dringt die Geschichte diesmal in die Gefilde der Gastroenterologie ein – eine Thematik, die in Sitcoms ein eher scheues Dasein führt. Obwohl, wir erinnern uns, dass »The Fusilli Jerry« (Seinfeld 6.21) gewisse proktologische Tendenzen aufwies, wenn auch deutlich appetitlicher, denn es ging um kunstvoll arrangierte Pasta.

An dieser Stelle würde es vermutlich den Rahmen sprengen, en detail nachzuvollziehen, wie es dazu kommt, dass zum Ende der Episode ganz Hollywood davon überzeugt ist, Larry David würde ein Nagetier aus der Familie der Rennmäuse bei sich tragen, und zwar dort, wo die Sonne nicht scheint. Es muss ein gutes Drehbuch sein, das den Weg dorthin auf plausible Weise konstruiert; die besten Geschichten sind ohnehin immer jene, die beim Nacherzählen entweder schrecklich kompliziert oder aber schrecklich banal wirken.

Jedenfalls treffen wir Larry beim Gastroenterologen, und nach alter Manier ereifert er sich zunächst leidenschaftlich über die Wartezimmermodalitäten. Er tat ähnliches bereits in der allerersten Staffel (Folge 1.05, »Interior Decorator«), wo er sich außerdem mit einer obstinaten Leidensgenossin überwarf. Das ist diesmal nicht der Fall: Larry – unbeweibt – umflirtet heftig seine Sitznachbarin, die auch anbeißt und ihm im Laufe der Episode Gesellschaft leistet – bis zum unvermeidlichen Zerwürfnis.

Besagtes Gerücht aber entsteht, als sich die Ärgernisse im Behandlungszimmer fortsetzen. Larry – und das ist wieder ein Fall bestürzender Ironie im LD-Martyrium – setzt es höchstselbst in die Welt, weil er eine inquisitorische Arzthelferin zu foppen sich nicht bremsen kann. Sofort nimmt das Schicksal seinen Lauf, die Kunde verbreitet sich mit schmerzlicher Unausweichlichkeit, denn Larry verscherzt es sich natürlich ausgerechnet mit potentiellen Multiplikatoren.

Fortan sammelt Larry kalte Schultern bei Bekannten, erntet scheele Blicke auf der Straße. Als ihn ein Fremder im Vorbeigehen voller Abscheu mustert, erklärt Richard Lewis dem fassungslosen Larry in seiner bekannt trocken-schnodderigen Art: »He’s read Gerbil Magazine, and you’re fucking on the cover.« An dieser Stelle darf man ruhig mal laut lachen.

Wie bitter dann aber die Enttäuschung für Larry, als Richard, den er vertrauensvoll über seine rückwärtige Anamnese in Kenntnis setzt, davon nichts wissen will, die Nähe zu Larry scheinbar rein körperlich nicht mehr ertragen kann und ihn einfach stehen lässt.

Diese tragische Note, diese ungerechte Härte des nonkonformen Lebens ist das prägende Element der ganzen Serie. Larry hat nicht einfach nur Pech. Er sträubt sich gegen allgemeine Übereinkünfte und eckt dabei an, bringt verhängnisvolle Kausalketten in Gang, weil er nicht bereit ist – mal aus Bedenkenlosigkeit, mal aus Charakterstärke – gewissen Normen Genüge zu tun. Und deswegen ist Larry unser Held. Ein tragischer zwar, und nicht ohne Mitschuld, aber ein Held.

So sind wir auch voller Verständnis, wenn Larry sich in seiner Verzweiflung an die versammelte Gesellschaft auf Sammie Greenes Bat Mitzvah wendet, um jenes unliebsame Gerücht aus der Welt zu schaffen. Die Gelegenheit ist natürlich nicht besonders glücklich gewählt, und warum er es auch noch für richtig hält, coram publico über seine tatsächlichen rektalen Beschwerden zu referieren – Mensch, Larry!

Pikierte Blicke allerorten. Derlei Sachen sagt man nicht, so die gesellschaftliche Abmachung. Das sozialkritische, entlarvende Element bei CYE sei nicht zu unterschätzen. Der Protagonist Larry David nimmt ja nicht zum Spaß jedes Fettnäpfchen mit, er geht ihnen für uns auf den Grund. Denn vielfach sind damit verkrustete Tabus verbunden, hohle Konventionen, Fälle von kollektiver Heuchelei, falsch verstandener political correctness.

Der Macher Larry David zieht die Fäden, und er geht mit einer Chuzpe zu Werke, die bisweilen atemberaubend ist. In dieser Folge bringt er einen zerebralparetisch beeinträchtigten Mann ins Spiel, was allein schon ein Wagnis darstellen mag, gerade im US-TV. Das Unerhörte nun aber ist, dass jener Mann seine Behinderung nur vortäuscht, um zügig an Kinokarten zu kommen. Überraschend: Protagonist Larry macht kein Fass auf, sondern zieht den Hut.

Es ist entweder diese unbekümmerte Bewunderung oder die totale Verzweiflung, die Larry dazu bringt, entgegen etwaiger moralischer Bedenken dem Beispiel des Mannes zu folgen: Um einen potentiellen Büronachbarn zu vergraulen, mimt er den sprachgestörten Spastiker. (Ziemlich überzeugend sogar, muss man sagen.)

Jaw-dropping und mind-boggling ist diese Szene, weil sie auf so vielen Ebenen Resonanzen provoziert. Zunächst befällt einen unwillkürlich jene Befangenheit, die man beim Umgang mit körperlich/geistig Eingeschränkten oft entwickelt. Die abgegriffene Metapher ›Der Gesellschaft den Spiegel vorhalten‹ nutzt man nur ungern, aber sie trifft nun mal den Kern: Der Zuschauer ist beschämt, dass er wahrscheinlich ganz genauso reagieren würde wie Larrys Opfer.

Freilich fährt »Curb« niemals eine eingleisige Betroffenheitsschiene. Diese betretene Empathie wird nämlich postwendend ausgehebelt von der Entrüstung über die Skrupellosigkeit dieser schändlichen Maskerade. Selten hat sich unser Held dermaßen unverschämt Vorteile verschafft. Andererseits überrumpelt einen die Szene auch mit einem unübersehbar komischen Element – jedoch fragt man sich: Darf ich lachen?

Auf einer Meta-Ebene entzückt ferner die Unverfrorenheit, mit der der Macher Larry David gleich mehrere Tabus torpediert. All das ergibt eine haarsträubende Karambolage von empörender Anstößigkeit, possenhafter Komik, eigenem Schuldbewusstsein und entwaffnender Impertinenz. Wo sonst im Fernsehen bekommt man solch einen anregenden Mix?

Die Strafe für Larrys unbotmäßiges Verhalten folgt natürlich auf dem Fuße. Ein indirekt Betroffener erwischt ihn und schwört fürchterliche Rache: Er werde Larrys peinliches Nagetierproblem, von dem er über Umwege erfahren hat, in großem Stile publik machen. Womit wieder einmal zwei Handlungsstränge, einer absonderlicher als der andere, nahtlos ineinanderklicken.

Die Abstrusität der Geschehnisse, die einem eigentlich erst bewusst wird, wenn man genau darüber nachdenkt, erinnert stark an die überkanditelten Episoden der 8. und 9. Staffel von »Seinfeld« (man denke nur an »The Muffin Tops« oder »The Butter Shave«). Nun sind das unpassenderweise eben jene Staffeln, bei denen Larry David nicht mehr mitgemischt hat. Aber vielleicht ist dieses Überborden eine natürliche Entwicklung in Sitcoms, die sich ›Nothing‹ auf die Fahnen schreiben oder, etwas genauer, die Tücken des Alltags und die Stolpersteine des Miteinanders.

Nach einer gewissen Anzahl von Staffeln und mit einem gewissen Grad an Erfolg beginnen Autoren gern, mit etablierten Charakteren herumzuspielen, sie in immer extremeren Situationen auszutesten. Die »Seinfeld«-Schreiber bekamen zuletzt jeden noch so fantastischen Wunsch erfüllt (und bezahlt), sie erweiterten Jerrys Universum um eine ganze Reihe bizarrer, aber wunderschöner Blüten.

Larry David verwirklicht diese Tendenz in seiner One-Man-Show bis zum Exzess. Er zelebriert die unangepasste Lebensweise seines Protagonisten regelrecht, feiert dessen Marotten und ihre Konsequenzen. Beim Erfinden der Geschichten genehmigt er sich immer mehr Extravaganzen, strapaziert mitunter bewährte Drehbuchformeln aufs Ärgste.

Dieser Manierismus mag in sich die Gefahr der schleichenden Entfremdung zwischen Macher und Protagonist bergen – wir hatten zwischendurch manchmal das Gefühl. Aber Larry David, der Macher, ist tatsächlich noch weit von selbstzweckhafter Künstelei entfernt, so dass Larry David, der Protagonist, so bleiben darf, wie er ist – obwohl das Schicksal ihm diesmal einiges abverlangt.

Die 6. Staffel transportiert den im Grunde menschenscheuen Larry in die unmittelbare Nähe einer fremden Familie (den Blacks) und entzieht ihm als Freund häuslicher Geborgenheit in einem zweiten Schritt auch noch den Lebenspartner (Episode 7).

Das sind folgenreiche Zäsuren, die die narrativen Nährböden für eine Vielzahl fabelhafter Verwicklungen bilden, unnachahmlich verschachtelte Handlungsebenen, die sich auf wundersame Weise immer wieder selbst befruchten und bedingen. Dass wir uns in diesem Chaos immer noch selbst wieder finden, verdanken wir Larry Davids untrüglichem Gespür für alles, was uns aufregt, entzückt, eingrenzt, belustigt, nervt, verwirrt und erbittert auf dem Schlachtfeld des täglichen Lebens.

Der Umblätterer über andere »Curb«-Episoden:
Season 6: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10
Season 7: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10


Curb Your Enthusiasm: 6. Staffel, 9. Folge

London, 2. Dezember 2007, 23:58 | von Dique

Mhh, viel lieber hätte ich Folge 8 reviewed, denn dann hätte ich nur von Brenda Strong geschwärmt, wie sie in »Seinfeld« die Sue Ellen Mischke spielte, Elaine’s braless college friend, wegen der Kramer seinen Wagen gegen den Baum setzt, weil sie einmal einen Bra trägt, den ihr Elaine geschenkt hat, aber eben nur den Bra und außer einem offenen Blazer nichts darüber. Das Brenda-Strong-Foto in den Wikimedia Commons ist ziemlich passend, bitte mal nachsehen.

Jetzt aber zu Folge 9, »The Therapists«. Nachdem Larry von Cheryl verlassen wurde und er ein bisschen mit einer Ärztin herumprobiert hat, eben Brenda Strong, konzentriert sich LD nun darauf, Cheryl zurückzugewinnen. Diese Folge ist relativ untypisch für »Curb«, weil hier konstant ein Erzählstrang im Mittelpunkt steht und nicht wie sonst üblich ein fein gewobenes Netz aus Nebenplots, die sich mit großem Tamtam auflösen.

Die beiden David-Parteien stehen sich mit Hilfe ihrer Psychotherapeuten gegenüber, und die Annäherung klappt zunächst bestens. LD setzt ganz auf eine Strategie, die er »the new Larry« nennt. Dieser neue Larry hat nicht mehr nur immer ein Mint dabei, Papiertaschentücher und einen Kugelschreiber, nein, der neue Larry steckt sich sogar das Hemd in die Hose und will mit Cheryl nach Europa fahren und Fahrradtouren machen.

Hemd in der Hose, richtige Schuhe an, und Cheryl fällt das auch gleich auf, und stolz berichtet Larry seinem Therapeuten: »I looked like a man!« Sein Therapeut scheint das falsch auszulegen und bläst zum Angriff. Er rät LD, beim nächsten Treffen ein Ultimatum zu stellen: Cheryl soll sich umgehend entscheiden, ob sie wieder zu ihm ziehen soll oder eben nicht.

Das Argument des Therapeuten ist dabei, dass Cheryl dann zumindest nicht sagen könne, dass LD eine Pussy sei, denn: »No one likes a pussy.« Der Beginn eines traumhaften Dialogs. »What, you’re getting a lot of pussy from me?«, fragt Larry zurück. »Not an amount that is not manageable«, antwortet der Therapeut. »Being a pussy really wasn’t my problem with her«, versucht sich LD nun zu bescheinigen, aber er kommt nicht mehr so richtig dazu, weil die Sitzung zu Ende ist.

»WE HAVE TO STOP!« Die Härte des Therapeuten passt in LDs Erfahrungswelt, in der Therapeuten, Anwälte, Mediziner strikt auf ihrer vereinbarten Stundenbasis arbeiten und nicht bereit sind, eine Minute länger für den Klienten aufzuwenden als vereinbart. Das Resultat ist abzusehen: Die kühn ausgedachte Idee mit dem Ultimatum bewirkt bei Cheryl das Gegenteil, das vielversprechende Treffen endet in Scherben, LDs Chancen, die so gut standen, sind dahin.

Hier kommt nun ein alter Trick ins Spiel, der an den Trick erinnert, mit dem Larry in Staffel 5 seinen Freund und Antipoden Richard Lewis in der Nierenspendenliste nach oben hieven wollte. Damals (Folge 5.08, »The Ski Lift«) fuhr LD mit seinem Prius in den Cadillac des Nierenlisten-Verantwortlichen, hinterließ eine Nachricht an dessen Auto und sorgte damit zielgerichtet für ein baldiges Treffen.

Das gleiche Strickmuster wird nun angewandt. LD will über Cheryls Therapeutin wieder an sie herankommen. Gewinnt sie einen guten Eindruck von ihm, würde sie vielleicht auch Cheryl dazu raten, wieder mit ihm zusammenzuziehen.

LD plant einen Überfall auf die Therapeutin, wobei er dann den Übeltäter in die Flucht schlagen will. Das ist natürlich keine CYE-Erfindung, dieser Trick wird auch gern mal vom schlimmen Finger in einer billigen Vorabendfernsehproduktion angewandt. In diesem Fall zeigt sich aber, dass man auf so einer klassischen Konstellation herumreiten und trotzdem auch Überraschungen und Spannung erzeugen kann.

Die Rolle des Angreifers wird LDs Therapeuten zuteil, denn er hat ja alles vermasselt (»I told you she wasn’t bothered by the high pussy percentage but you didn’t listen to me!«, sagt Larry zu ihm). Nun wird der Therapeut aber leider direkt nach der Tat verhaftet, verbringt ein paar Tage im Gefängnis und teilt sich die Zelle mit einem 300 Pfund schweren Mithäftling. Sehr lustig, wie Larry dann sagt, dass aus solchen Extremsituationen wunderbare Freundschaften erwachsen, worauf der Therapeut erbost entgegnet, dass sein Zellengenosse keinerlei Englisch spreche.

Nach seiner heldenhaften Tat unterhält sich LD mit Cheryls Therapeutin, die ihn mag, sogar so sehr, dass sie Cheryl abrät, mit diesem wunderbaren Mann wieder zusammenzuziehen, weil sie ihn für sich selbst gewinnen will.

Daraufhin wird die einzige kleine Nebengeschichte dieser Episode aufgegriffen, der Alzheimer’s Walk. Dank ihr ist auch Bob Einstein als Marty Funkhouser kurz mit von der Partie. Er hatte LD dazu gebracht, für einen Alzheimer-Solidaritätsmarsch zu spenden und daran teilzunehmen.

Als Larry nun in der Menge mitläuft, sieht er plötzlich Funkhouser in einem Straßencafé sitzen, wo er genüsslich applaudierend den Läufern zusieht. Natürlich hat Larry ein Problem mit dieser offensichtlichen Doppelmoral, wird aber durch das schön einsetzende Schreigespräch sofort auf eine Idee gebracht: Er will der Verehrung der Therapeutin entgehen, indem er ihr vorlügt, er habe Alzheimer. Sie zeigt sich einsichtig und will Cheryl und Larry wieder vereint wissen, wobei am Ende natürlich wieder … usw.

Diese und die vorangegangene Folge stimmen versöhnlich mit einigen nicht restlos überzeugenden Folgen der 6. Staffel und läuten eine Finalfolge ein, zu der San Andreas in den nächsten Tagen etwas posten wird. Ach ja, unbedingt hervorzuheben ist noch Steve Coogan, der Larrys Therapeuten Dr. Bright spielt und sich mit dieser Gastrolle einfach kongenial in den »Curb«-Stil einpasst.

Der Umblätterer über andere »Curb«-Episoden:
Season 6: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10
Season 7: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10


Curb Your Enthusiasm: 6. Staffel, 8. Folge

Leipzig, 17. November 2007, 01:02 | von Paco

what the fuck, was geht ab,
ich chill die ganze nacht in der südvorstadt

So texten es die Spit’oholiks von nebenan (YouTube, 2:45 mins. in – via Heldenstadt). Aber statt »fußball zocken auf der B zwo / na ja, geht so« heißt es für mich jetzt Review texten, und zwar endlich zur 8. und damit vorvorletzten »Curb«-Folge der 6. Staffel, Titel: »The N Word«.

Wir sahen sie vor gut 3 Wochen wie immer im von uns gewählten »Curb«-kompatiblen Hotel in (ungefähr) Nordlondon, waren aber diesmal eher gekommen, weil die Sonntagnächte immer überfüllter geworden waren.

Die Folge lief bereits eine Weile, als Dick und mir die Chestnuts aus den Straßenhändlertüten kullerten, weil die wiederum auf unsere Schuhe gefallen waren, weil wir mit unbeschreiblich amerikanischer Fernsehzuschauer-Freude den Gastauftritt von Brenda Strong sahen, die wir als bezirzende Off-Stimmen-Selbstmörderin Mary Alice aus den »Desperate Housewives« kennen.

Stellte sich heraus, dass Dick gar nicht wegen Mary Alice seiner Greifreflexe verlustig ging, vielmehr stammelte er: »the braless college friend of Elaine, Sue Ellen Mischke!« Stimmt ja, auch das war Brenda Strong, und jetzt ist sie wieder da, als Weißkittel-Amazone Sheila Flomm.

Nach der großen Zäsur in Folge 7 (Cheryl hat Larry verlassen) und einem ersten Date-Disaster geht es jetzt weiter mit dem Kapitel »Larry & the girls«. Zunächst erwischt es Auntie Rae, die er einen Moment zu lange umarmt. Seine Hose bewegt sich (»my penis is an animal«), Auntie Rae macht schnell die Biege. Larry erzählt Jeff vom Auntie-Rae-Zwischenfall, in der Kantine des Krankenhauses, wo sich Letzterer seinen Schnarcheffekt wegoperieren lassen will.

Soweit das Setup. Nun wird diese Folge vor allem durch zwei Pointen bestimmt, einer irgendwie unglaubwürdig schlechten und einer sehr guten.

Kommen wir traditionellerweise zuerst zur schlechten: Larry sitzt mit Sheila in der Kantine und begibt sich irgendwann kurz auf das Männerklo. Dort hört er einen Patienten das N-Wort sagen, kehrt zu Sheila zurück und berichtet ihr geschockt davon. Gerade als er das N-Wort zitiert, läuft der schwarze Arzt Dr. Page an ihm vorbei.

Dieser nimmt das Zitat irrigerweise als Schimpfwort entgegen und reagiert so erbost, wie man nur in »Curb« erbost sein kann. Sein hochfrequentes Geplärre schließt er mit einer Gegen-Beleidigung ab, indem er Larry als »bald son of a bitch« bezeichnet.

Und dann kommt es zu einer komischen Übersprungshandlung, die wie gesagt nicht sehr glaubwürdig ist: Der Arzt schreitet in den Operationssaal, in dem der vollnarkotisierte Jeff liegt. In der Hitze der Verwirrung greift er statt zum Skalpell zum Rasierer und macht Jeff auch zu einem diskriminierungswürdigen »bald son of a bitch«.

Tatsächlich wird Jeff nun ebenso Opfer der Diskriminierung von männlichem Haarverlust: Die vorher überaus nette Kellnerin schneidet ihn auf einmal, und vor allem sagt ihm Ben Stiller den Klientendeal ab, weil er im Gespräch offenbar von Jeffs Shrek-Schädel abgeturnt wird.

Na gut, wenn man den Erzählfaden zuende erzählt, ist er gar nicht so schlecht. Vor allem läuft Jeff auch die restlichen zwei Folgen der Staffel mit Glatze herum, und allmählich sieht er wirklich wie Shrek aus, was sein Image als eigentlich friedlicher Brummbär verstärkt.

Nun die zweite Pointe, die sorgfältig vorbereitet wird. Larry bekommt von Sheila eine vertrauliche Notiz, die er aber (Arzt-Gekrakel!) nicht entziffern kann. Er trägt sie einige Zeit mit sich herum, bis er auf die rettende Idee gebracht wird, die ein schönes Klischee wiederbelebt: Wer muss Arzthandschriften lesen können? Apotheker natürlich!

Nun folgt eine Verkettung von Wortwitzen, die schon mit der Benamsung der schwarzen Hurrican-Familie als ›the Blacks‹ seit Folge 1 der Staffel vorbereitet wurde. Larry bringt Sheilas Notiz zu einem Apotheker, der zufälligerweise auch schwarz ist.

Durch dessen Entzifferungskünste erfährt Larry, dass Sheila ihm ein Make-out-Treffen im Hotel vorschlägt, weil bei ihr zu Hause ihre Geschwister stören und Larry ihr ja von den bei ihm einquartierten Blacks erzählt hat.

Nun kommt es zum größtmöglichen Verhängnis, das Larry mit egal wieviel Aufwand nicht wirklich plausibilisieren kann. Der Apotheker liest mit gerümpfter Nase weiter vor:

»so tired of all these brothers and sisters around, i know you feel the same way, tell me your life wouldn’t be better without the Blacks«

Auch der Apotheker reagiert erbost und liefert Larry daraufhin statt seinem Medikament eine Ladung weiblicher Hormone, die dieser auch unwissentlich schluckt. Daran scheitert dann natürlich das Treffen mit Sheila – Larrys gute Aussichten werden wie fast immer komplett desavouiert.

Die Lage verschlimmert sich in der Schlusssequenz. Vor einem Untersuchungsausschuss des Krankenhauses wird Jeffs unfreiwilliger Haarschnitt verhandelt. Larry muss die Vorgeschichte der Tat nacherzählen, doch in dem Moment, als er das N-Wort sagen müsste, tritt ein schwarzer Kollege ein und setzt sich neben den Untersuchungsrichter.

Wenn Larry jetzt weitersprechen würde, wäre das der nächste Eklat. Deswegen schweigt er und schüttelt bei den Nachfragen immer heftiger mit dem Kopf. Es wird eine große Schlussszene, denn der ganze Saal stimmt nach und nach in die Forderung ein und traktiert Larry mit »say it! say it!« Ein großes Brüllkonzert, das an die grandiose Schimpfwort-Oper in Folge 3.10 (»The Grand Opening«) erinnert.

Alles in allem also wie immer eine gute Folge. Und was ich vorhin als schlechte Pointe bezeichnet habe, ist natürlich nichts weiter als einer der mittlerweile typischen manieristischen Kausalnexus in »Curb«.

Staffel 6 ist ja inzwischen übrigens zuende, Folgen 9 und 10 werden demnächst hier von Dick und San Andreas rekapituliert werden. Zwei der besten Folgen ever, soviel kann man schon mal sagen.

Aber die allerbeste Nachricht zum Serienfinale ist die, dass Larry David nicht wie sonst vor jeder Staffel behauptet hat, es sei die letzte. Jetzt kündigt er gleich zwei weitere Staffeln an.

Der Umblätterer über andere »Curb«-Episoden:
Season 6: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10
Season 7: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10


Curb Your Enthusiasm: 6. Staffel, 7. Folge

auf Reisen, 30. Oktober 2007, 03:05 | von San Andreas

Mag sein, dass wir nach fünf Staffeln hypersensibel auf gewisse »Curb«-Formeln reagieren oder gar die eigene Ermüdung oder schlechte Tagesform der Serie ankreiden; stellenweise beschlichen uns aber Zweifel, ob die neuen Folgen die Klasse hatten, die wir erhofft hatten. Folge 7 nun wischt diese Zweifel erst einmal wieder weg.

Fulminant schon der Einstieg, das aufregende Telefonat zwischen Larry, der Besuch vom schwer zu bekommenden TiVo-Repairman hat, und Cheryl, die in einem vom Absturz bedrohten Flugzeug sitzt (aufwendig gefilmt, mein lieber Mann!) und angsterfüllt Abschied nehmen will. Larry beendet das Gespräch, und Cheryl hernach die Partnerschaft.

Eine große Zäsur, und man fragt sich, was das für Konsequenzen für die Serie haben wird. Schließlich schlagen sich fast alle Freunde des Paares auf Cheryls Seite, wie Larry zu seinem Verdruss im Laufe der Episode feststellen muss. Und nicht nur Freunde, nein, auch Restaurants und Reinemachefrauen.

Doch er trägt das mit Fassung und findet sogar die Nerven, sich mit dem Für und Wider von Herrenunterwäsche ohne Eingriff oder den Reservierungs-Gepflogenheiten von Nobelgaststätten auseinanderzusetzen. Von Trauer keine Spur.

Wir wussten bereits, dass Larry es vorzöge, seiner Frau nicht unbedingt über den Tod hinaus treu bleiben zu müssen. So wundert es nicht, dass er sofort nach Cheryls Abfuhr beginnt, seine Fühler auszustrecken – dumm nur, dass ihm ein skrotaler Zwischenfall einen Strich durch die Rechnung macht.

Dieser Zwischenfall wirkt wie Larrys seltsamer Klo-Hörsturz in Episode 6.04 arg konstruiert, und die Improv-Ästhetik der Show vermag das auch kaum noch zu kaschieren. Doch diese fast zwanghaft in tabulastigen Gefilden angesiedelten Drehbuchkrücken gehören mittlerweile zum LD-Repertoire, man muss sie wahrscheinlich einfach mal so hinnehmen.

So schließt sich dann auch der Kreis zur Unterwäsche des neuen Verehrers von Cheryl, und wir bekommen obendrein ein phänomenales Schlussbild serviert, das einem lange im Gedächtnis bleibt. Leider, möchte man sagen, denn es ist kein Bild für die Götter.

Obwohl Larry in diesem Schlussbild als lädierte, gebeutelte Existenz erscheint – die 6. Staffel zeigt gern mal einen Larry, der an Selbstsicherheit gewonnen hat. Er ist nicht mehr nur Spielball des Schicksals und Opfer der Tücke des Objekts. Immer öfter nimmt er das Zepter selbst in die Hand, pflaumt lautstark Leute an, geht sogar der Senatorin ans Revers, und vergilt genüsslich Gleiches mit Gleichem.

Diesmal geradezu emblematisch in einer starken, überaus köstlichen Szene, in der Larry einem Freihandtelefonierer, dem überhaupt nichts peinlich zu sein scheint, kräftig den Abend verdirbt. Wer war nicht schon irritiert von diesen wichtigen Herrschaften, die in aller Öffentlichkeit laut ins Leere labern und sich zunächst nicht von einem lamentierenden Dorftrottel unterscheiden. Larry sagt: »To the outside observer, it’s the same level of annoyance.« True, so true.

Der Umblätterer über andere »Curb«-Episoden:
Season 6: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10
Season 7: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10


Curb Your Enthusiasm: 6. Staffel, 6. Folge

London, 27. Oktober 2007, 08:00 | von Dique

Spätreview, und schon die sehr gute Folge 7 gesehen. Die 6. Folge hatte ich fast vergessen, was war da, ach ja, LD und der zu langsame Toaster, der Hund, der einer Ratte ähnelt, der Kammerjäger, der mit LD zum Schüler-»Grease« will, und die gehörlose Frau und diese endlosen Missverständnisse mit der Zeichensprache.

Cheryl ist krank, und LD fällt nichts Besseres ein, als sie verführen zu wollen. Er berührt sie etwas linkisch, und sie sagt in ihrer angenervten Art: »Please tell me you’re not coming on to me.« Ungläubig antwortet er: »No good?«

Später erzählt er Jeff, wie es ihn irgendwie erregte, als er Cheryl da so hilflos und krank im Bett liegen sah. Jeff kann es gut nachvollziehen aber mag es the other way round, also wenn er krank ist. Eine Vorwegnahme, so endet die Folge dann auch: LD liegt nun krank im Bett und Cheryl bemuttert ihn, und wieder fängt er an sie zu gruscheln, woraufhin Cheryl ihn wegstößt und LD wieder ungläubig fragt: »No good?«

Das klingt ja alles nicht schlecht und ist sehr CURB. Aber irgendwie knistert es nicht. Viele Szenen sind zu übertrieben und einfach zu sehr inszeniert. Schreiend und kreischend zertritt LD auf dem Schulhof eine Spinne, eine Spinne, die 3 Meter entfernt irgendwo auf dem Boden herumkriecht. Die Kinder und auch die Eltern sind geschockt und auch die Zuschauer, weil das einfach so aus dem nichts heraus passiert.

Andererseits, greift man mal eine Ereigniskette heraus, ist da eine Menge High-Quality-Material. LD spricht mit der gehörlosen Frau eines Freundes und sagt ihr ins Gesicht, dass ihr Pekinese aussieht wie eine Ratte. Später entschuldigt er sich bei seinem Freund dafür, weigert sich aber, bei ihm zu Hause vorbeizukommen und bei ihr persönlich Abbitte zu leisten. Im Gegenteil, er verfängt sich in einem Monolog, dessen Quintessenz die Erkenntnis ist, dass »they« (»What do you mean, they?«) die einzigen Behinderten seien, bei denen man sich nicht übers Telefon entschuldigen könne, weil sie ja nichts hören.

So weit, so Larry. Doch dann verliert sich diese Folge in unnötigen Zusätzen. Nach dem Gespräch mit dem Freund der gehörlosen Frau trocknet sich LD die Hände am Handtrockner und macht dabei, anscheinend aus Versehen, ein Symbol der Zeichensprache, das den Freund beleidigt. Das Gleiche passiert dann später beim Kauf eines neuen Toasters: LD trifft die Gehörlose wieder und entschuldigt sich bei ihr. Alles scheint nun wieder gut, aber sie sieht ihn dann aus der Ferne wieder irgendein Zeichen machen und wieder ist alles im Argen.

Das ist zu viel und überdeckt die wirklich guten Momente der Folge, wie z. B. die wunderbare Szene, in der Larry bei Jeff klagt, dass er, weil Cheryl krank ist, niemanden hat, mit dem er zu »Grease« gehen kann. Es ist eine Schüleraufführung, in der auch eine Tocher der Blacks mitspielt. Im Hintergrund sieht man Jeffs Exterminator arbeiten, und als der von LDs Problem hört, sagt er mit Schmalzfresse: »I’ll go«.

Etwas verwirrt erklärt Larry, »this is a middle-school production«, aber: »I love ›Grease‹ and I’d love to go«. Und tatsächlich nimmt LD dann den Exterminator mit zu diesem Schulstück. Er holt ihn ab, er ist all dressed up, und Susie macht ihm noch ein Kompliment, wie gut er aussieht ohne seine Exterminator-Uniform.

Das Stück endet dann, bevor es beginnt, denn der Pekinese der gehörlosen Frau befreit sich aus seiner Tasche und schnüffelt durch die Stuhlreihen. Als dann LDs Dad mit seiner Riesenbrille brüllt »a rat, there is a rat« erwachen die Exterminator-Instinkte, und so wie LD am Anfang die Spinne, zertrampelt er den armen, kleinen Hund.

Die Pointe überlasse ich mal einem anderen, dem TV Squad:

»So … a deaf woman got insulted, a dog got killed, and Larry went on a ›date‹ with an exterminator. Sounds like a pretty typical day in the David household.«

Das hatte ich nämlich vergessen, diese Date-Atmosphäre zwischen Larry und dem Kammerjäger. Das Ganze wird mit französelnder »Amélie«-Musik unterlegt, das ist wirklich großartig, wie überhaupt der »Curb«-Soundtrack hammergut ist, angefangen von der »Frolic«-Intromelodie bis hin zu solchen Spezialeinlagen. Das Posting des TV Squads beginnt übrigens mit den Worten: »Best episode of the season thus far.« Na ja: na ja.

Der Umblätterer über andere »Curb«-Episoden:
Season 6: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10
Season 7: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10


Curb Your Enthusiasm: 6. Staffel, 5. Folge

London, 23. Oktober 2007, 23:55 | von Paco

Vorgestern kam Folge 7, und wir haben noch nicht einmal Folge 5 reviewt. Here goes (sorry, wieder so ein uberlanger Beitrag):

»Oh jeez, oh jeeeeez!« – Larry blättert durch das »Freak Book«, das der Folge ihren Namen gibt und das als Geschenk für das diesmalige Geburtstagskind Ted Danson gedacht ist. Das Buch ist das Leitmotiv, ebenso wie der Fahrservice, mit dem sich Larry & Cheryl zur Danson-Feier bringen (und von dort eigentlich auch wieder abholen) lassen, damit sie trinken können.

Bevor sie aussteigen, will Larry wissen, was der Fahrer macht, während sie drinnen ein paar Stunden feiern werden: eines der show-typischen »Was macht man eigentlich, wenn«-Themen. Larry tut alles dafür, den Fahrer mit auf die Party zu schleusen, wie er eben oft das US-amerikanische comme il faut mit verqueren Ideen konfrontiert.

Auf der Party selbst gehen dann gut 4 der 28 Sendeminuten dafür drauf, dass über die Fliege (bow tie) des Kellners Jamie debattiert wird. »This is wrong, it’s just wrong«, moniert LD, er besteht darauf, das Leben des Kellners casual-mäßig zu erleichtern und ihn von der Fliege zu befreien.

Und das ist jetzt »Curb« in a nutshell: Das ganze Hin und Her ist nicht dezidiert lustig. Loriot oder Monty Python hätten daraus ein Pointen-Festival oder ein Nonsens-Feuerwerk gemacht. Larry David genügt es, dieses noch nirgendwo verhandelte Thema in all den Facetten auszuleuchten, für die es gar nicht vorgesehen ist, dass sich jemand Gedanken darüber macht. Der Kellner will keinen Ärger, aber Larry MUSS was sagen, er muss es anbringen. »You don’t understand how I operate.«

Jeffs und Larrys hässliches Gelache über das »Freak Book« (»It’s three penises!«) und das Privatbesäufnis des inzwischen zur Party hereingeholten Fahrers, der auch noch Teds Frau unsittlich gruschelt, führen schließlich dazu, dass Larry & sein Fahrer von Ted hinausgeworfen werden.

Cheryl muss mit und erlebt wie so oft den Nachteil, mit LD verheiratet zu sein. Ich erwähne das nur in Kenntnis der Folge 6.07, die San Andreas hier morgen oder so reviewen wird, nachdem Dique hoffentlich Folge 6.06 übernommen hat. Außerdem: Cheryls Excitedness darüber, dass Paul McCartney und Heather Mills wieder zusammen sein sollen, bleibt nicht in der Luft hängen, wie der TV Squad schreibt, sondern ist ein thematischer Vorbote auf die things to come, wie gesagt, siehe Folge 6.07.

Das dritte Leitmotiv (»Seinfeld«- und »Curb«-Folgen haben meist drei völlig verschiedene Motive, die sich dann zur größtmöglichen Pointe aggregieren), das dritte also ist die Vorbestellung der Cemetery Plots. Da geht es um die besten Plätze für die eigenen Gebeine und die gute Sicht, die man vom zukünftigen Grabstein aus haben möchte.

Eine absurde Metaphysik wie damals in der Folge 4.09 (»The Survivor«), als LD seiner Cheryl Treue wirklich nur wie üblich »bis dass der Tod uns scheidet« verspricht und im Afterlife Single sein will. Dieses Afterlife wird dann expliziert in Larrys herrlicher Himmelfahrt in Folge 5.10 (»The End«), als er mit den beiden Engeln Dustin Hoffman und Sasha Baron Cohen darüber diskutiert, wo man am besten leere CD-Hüllen zwischenlagert, während sich die jeweilige CD im Player befindet, und wegen dieser Diskussion aus dem Paradis verbannt und wieder hinunter ins Leben geschickt wird.

Aber zurück zur 6.05: Nachdem Lar den zugedröhnten Fahrer zu Hause abgeliefert hat, bringt er sich und seine Frau selbst mit der Limo nach Hause. Am nächsten Morgen will er mangels eigenen Autos mit der Limo schnell zum Friedhof fahren, um sich eine neue Begräbnisstelle auszusuchen (neben Ted will er nicht mehr liegen, nachdem der ihn rausgeworfen hat). Im Wagen setzt er sich dann, untermalt von Jodelmusik, die Chauffeursmütze auf (sie liegt ja nun mal da), als plötzlich der hauptamtliche Fahrer der Limo anruft.

Damit dieser seinen Job nicht verliert, muss Larry nun den für jetzt bestellten VIP-Kunden vom Flughafen abholen. Was folgt, ist eine der besten Gastauftritte ever in comedy history: Larry holt John McEnroe ab, der wie Larry & Cheryl zum McCartney-Konzert will. McEnroe kennt LD nicht als LD, der sich sowieso gleich »Charlie« nennt und den übermüdeten Ex-Tennisstar mit einer Wahnsinnsfragestunde bombardiert:

»Where you shy as a child?«
»You watch a lot of TV?«
»You have allergies?«
»Do you believe in in a God of some kind?«
»You like life?«
»Do you garden?«
»Have you ever been jealous of a gardener?«

Dann der Zwischenstopp am Friedhof. LD gibt McEnroe das »Freak Book« zur Überbrückung der Wartezeit. Weil McEnroe kurz den Wagen verlässt, findet sich eine Bunch von Hispanic-Trauertanten in der Limo ein, die in Rücksicht auf ihre Trauer eben mitgenommen wird.

Dann kommt es im Taxi zu einem Richtungsstreit auf Spanglish, und irgendwann lässt McEnroe halten und wirft die Trauerterroristen aus dem Wagen, mitten in der Pampa, am Straßenrand liegt Müll herum und irgendeine ranzige Matratze.

Wie auch immer, sie schaffen es dann zum Staples Center und zur Pre-Show, und McEnroe nimmt den Fahrer »Charlie« mit hinein, eines dieser schönen thematischen Wiederaufgreif-Szenen von »Curb«. Auf der Party dann dasselbe Spiel: Fahrer und VIP amüsieren sich mit Bier und »Freak Book« und werden hinausgeworfen. Diesmal, weil sich Heather Mills (die nicht selber mitspielt, aus dem Off ist nur eine Stimme mit britischem Akzent zu hören) als »freak« angesprochen fühlt.

Am Ende dissen sich Larry und John McEnroe in aller Öffentlichkeit mit lauten »Fuck you«s. Cheryl, Suzie und Jeff rauschen derweil mit dem Wagen vorbei und werden Zeugen dieser für sie unfassbaren Szene.

Soweit diese Folge. Wir sahen sie wieder im »Curb«-Hotel unserer Wahl, es war eine gute Folge, die im Nachhinein sogar die Vorgängerfolge 6.04 rettete, auf die aber eine, so dachte ich zuerst, schlechte 6.06 folgte (»The Rat Dog«). Aber auch die 6.06 war sehr gut. Nächstens mehr.

Noch einmal sorry für die Beitragslänge. This is for the fans.

Der Umblätterer über andere »Curb«-Episoden:
Season 6: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10
Season 7: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10


Curb Your Enthusiasm: 6. Staffel, 4. Folge

London, 10. Oktober 2007, 16:37 | von Dique

Ok, Paco hat gerade keine Zeit (Literaturbeilagen!), deshalb hier jetzt kurz mein Rückblick auf Staffel 6, Folge 4 von »Curb Your Enthusiasm«.

Die eher nicht gut war, schon das Personal stimmte nicht richtig: Es war die erste 6er-Folge ohne den Drehbuchliebling Marty Funkhouser. Und Richard Lewis‘ neue Freundin Cha Cha, die traumhaft in ihrer eher imaginären Rolle in Folge 1 funktionierte, ist auf einmal handelnde Person.

Als gewichtigere Nebenrolle funktioniert sie aber nicht, und so wirkt die ganze Klogangzählerei und das missverständliche Telefongespräch (»What are you wearing?« »What am I wearing right now?«) plump und aufgesetzt und hölzern. Anstatt diese Situation etwas reduzierter und dosierter zu entwickeln, gibt es ungewohnt langwierige Überspitzungsdialoge, die der Folge die Dynamik rauben.

Es ließ mich z. B. kalt, als Cha Cha plötzlich im selben Restaurant wie Larry sitzt, allein, natürlich wieder neben dem Restroom, und trotz LDs Aufforderung, sich ihre Kommentare zu sparen, seinen erneuten Toilettengang anspricht.

Um weiteren soziologischen Horrorsituation zu entkommen, schleicht LD später dann in die nächste Etage, um seinem Harndrang nachzugeben. Dort hat er wegen der lauten Spülung dann einen Hörsturz wie Tom Hanks an der Küste der Normandie in »Saving Private Ryan«.

Das ist halt der typische Seinfeld-Extremismus, sagte Paco später, und er meinte damit auch die Doggy-Bag-Nummer mit Kellner Daviday, der wegen der Restaurant’s Policy keine Doggy Bags herausgibt, wenn der Inhalt tatsächlich an Tiere verfüttert werden soll.

Die guten alten Infragestellungen von menschengemachten Policies gehen eigentlich immer, wie z. B. die Policy, dass man das Telefon im Behandlungsraum einer Arztpraxis nicht verwendet (4. Staffel, 1. Folge). Die Doggy Bag Policy erzeugt bei mir aber keinerlei Reaktionen, sie plätschert dahin, endet allerdings im längsten »Stechblick des Zweifels«, dem berühmten Indianerblick von Larry David, mit dem er in der Seele seiner Dialogpartner nach der Wahrheit sucht, wenn er ihnen etwas nicht glaubt.

Stückwerk und Flickschusterei kommen mir in den Sinn, obwohl ich das überhaupt nicht will, nicht bei CYE, nicht bei LD, er ist doch der Co-Creator of Seinfeld, hehe, und deshalb schiebe ich es auf meine damalige Tagesform. Folge 5 kam ja am Sonntag, wir sahen sie natürlich, sie war besser als die 4, aber dazu später.

Der Umblätterer über andere »Curb«-Episoden:
Season 6: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10
Season 7: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10


Curb Your Enthusiasm: 6. Staffel, 3. Folge

Madrid-Barajas, 30. September 2007, 13:59 | von Paco

Melde mich kurz aus Barajas. Bin auf dem Weg nach London zu Dique, und nach seiner Flughafen-Story von vorgestern bin ich extra zwei Stunden eher hergekommen und kann jetzt noch fix das hier rausschicken.

Vor lauter Schreck über die Abschaffung der FAZ-Fraktur – LD hätte gesagt: Out of the clear blue sky! – habe ich das Resümee der »Curb«-Nacht zur vor einer Woche ausgestrahlten Folge 6.03 vergessen, die so betitelt war: »The Ida Funkhouser Roadside Memorial«.

Um es kurz zu machen, ich fand die Folge somewhat schwächer, und zwei Mal, glaube ich, habe ich bezüglich des Plot-Arrangements das Wort »contrived« murmeln hören. San Andreas sprach in diesem Zusammenhang von der »immer schwierigen dritten Folge« (hehe), aber diese dritte Folge der sechsten Staffel war eher ein weiterer Schritt Richtung Manierismus, der lediglich die »willing suspension of disbelief« etwas erschwert, ganz normal für gute Kunst.

Zum Beispiel Funkhouser: Er gibt in dieser Folge den Grenouille, ausgestattet mit einem übersensiblen Riechkolben, mit dem er Lilien sowie das importierte Belle-Fille-Parfüm, das seiner Mutter (†) und Cheryl gleichermaßen zusagt(e), auch aus größerer Entfernung riechen kann.

Wo wir bei Funkhouser sind: Er ist irgendwie, das meinte auch Cobalt eben zu mir, die Lieblingsfigur des Drehbuchschreibers Larry David geworden. Richard Lewis etwa bekommt in dieser Folge nur einen kurzen Auftritt, in dem er lediglich die Information unterbreiten muss, die schließlich zur letztlich wieder großartigen Pointe führt (die Vorstellung der raffgierigen Funkhouser-Verwandtschaft).

Funkhouser ist einer der Aufrechterhalter des comme il faut, also der pingeligsten gesellschaftlichen Restriktionen, deren Hinterfragung LDs Berufung ist, schon seit seinen Drehbüchern für »Seinfeld«.

Was ich bemerkenswert fand, war Martys Bezeichnung »if you weren’t my best friend« für Larry, die dieser ja sofort belustigt abbügelt: »Best friend? He’s not my best friend!« Diese Szene (auch hier beschrieben) erklärt sehr schön beider Verhältnis zueinander.

Marty ist die personifizierte Langeweile, und dass zu ihm noch diese schrecklich langweilige Frau gehört, erklärt, warum deren Hauspartys eben gemieden werden sollten wie in 6.01. Noch nie hat jemand den Satz »Is this fun, or what?« so langweilend und unüberzeugend rübergebracht wie Funkhouser in eben dieser Episode.

Beide kennen sich seit Jahren und begegnen sich einfach ab und zu im Bekanntenkreis. Das erklärt aber nicht, warum Larry ständig fast automatisch auf ihn trifft. Das hat einen anderen Grund: Oft genug hat Funkhouser etwas, das LD gern hätte. Statt sich diese Dinge nun anderweitig zu besorgen – er ist ja dreistelliger Multimillionär – will LD den Weg abkürzen und dazu schamlos das Freundschaftsprivileg ausnutzen, was ihm am Ende stets die ultimativen Schwierigkeiten verursacht.

Etwa wenn er versucht, das Baseball-Ticket von Martys verstorbenem Vater zu ergattern (Folge 4.06, »The Car Pool Lane«). Oder in der aktuellen Folge das schwer erhältliche weil importierte Parfüm, das Funkhousers toter Mutter gehörte. Das für die verunglückte Rollstuhlfahrerin eingerichtete Blumen-Memorial am Straßenrand wird von Larry auch als Möglichkeit erkannt, ein paar Wiedergutmachungs-Sträuße abzustauben, ohne dafür weitere Blumenläden abzufahren.

Denn sein Versuch, auf ethisch korrekte Weise Blumen zu besorgen, nämlich sie im Laden zu kaufen, wurde ihm ausgerechnet durch Martys im Turnschuh gelagerten 50-Dollar-Schein verwehrt. Dass Larry seine Tat später sogar damit rechtfertigt, da lägen doch genug Blumen um das aufgestellte Ida-Funkhouser-Erinnerungsbild, macht es zu einer Larry-Tat.

Er crasht einfach mal wieder die überkommene Ethik wie es bei ihm ja oft im Zusammenhang mit frisch verstorbenen Personen passiert, ob bewusst oder unbewusst. Erinnert sei an die qua Todesanzeige betrauerte »beloved cunt« (statt »aunt«, Folge 1.08) oder an die Episode »Chet’s Shirt«, in der er unbedingt das Shirt auf dem Foto eines verstorbenen Bekannten haben will.

Ansonsten gab es wieder zahlreiche Diskussionen über »the unwritten rules of society«: Kann man zu alt sein, um als Vollwaise zu gelten? Der Schauspieler Bob Einstein, der so herausragend den Marty Funkhouser gibt, ist fast 65: »A little too old to be an orphan.«

Sehr schön in Szene gesetzt wird auch die Frage: Wieso wählt man immer die Warteschlange, die dann am langsamsten abnimmt?

Und dann das eigentliche Leitmotiv der Folge, das »sample abusing«: Wieviele Eis- und Duftproben darf man sich geben lassen, wenn hinter einem Leute warten? (»You’re abusing your sampling privileges!«) Und sehr gut dann Larrys apodiktische Schlussfolgerung: »The sample thing, we gotta put an end to it!«

Wir gingen dann in die Hotelbar und ließen uns verschiedene Tapas vorsetzen, um sie ausführlich zu samplen.

Der Umblätterer über andere »Curb«-Episoden:
Season 6: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10
Season 7: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10


Jochen Schmidt über »Curb Your Enthusiasm«

Madrid, 22. September 2007, 13:57 | von Paco

Ich bin hier, um Jochen Schmidt zu retten. So wie das einige Feuilletonisten schon nach dem diesjährigen Bachmann-Wettbewerb getan haben, bei dem Schmidt mit dem ohne Zweifel besten Text im Rennen leer ausging.

Jedenfalls, vor genau einer Woche hat J. S. im Aufmacher (!) der Wochenendbeilage der S-Zeitung über »Curb Your Enthusiasm« berichten dürfen. Und jetzt sind es Teile der deutschsprachigen »Curb«-Szene, die ihm übel wollen. Warum? Kommt gleich.

»Das Leben ist doch viel zu kurz, um auf Enthusiasmus verzichten zu können«, sagte Rüdiger Safranski am Dienstag im FR-Interview. True that, und deshalb stelle ich jetzt schon mal fest: Jochen Schmidt’s the maaan!

Es hat zwar vor ihm auch schon mal einen »Curb«-Review von Oliver Kalkofe gegeben (im »Eulenspiegel« oder irgendwo, mal beim Umblättern in der Bahnhofsbuchhandlung aufgeschnappt), und auch Maxim Biller hat die Serie mal irgendwann empfohlen in einer der Redaktionsempfehlungsrubriken der FAS.

Jochen Schmidt aber hat nun den deutschsprachigen feuilletonistischen Standard-Text über »Curb Your Enthusiasm« und über Larry David geschrieben. Nebenbei, der international anerkannte Standard-Text zu Larry David ist immer noch der, der im Januar 2004 im New Yorker gestanden hat und »Angry Middle-Aged Man« betitelt war.

»Angry Middle-Aged Man« war eine geniale Überschrift. Sie wird heute noch zitiert, wann immer irgendwo LD erwähnt wird. Dagegen war die Überschrift der S-Zeitung eine der schlechtesten Überschriften des Jahrtausends: »Deutschland vergessen«.

»Damit ist zwar natürlich etwas Bestimmtes gemeint«, sagte Gabriel, »das hat mit der Einzigartigkeit des Schmidt-Textes aber nichts zu tun.« Diese Ungenauigkeit setzt sich dann in den redaktionellen Paratexten fort. Ein hervorgehobenes Zwischenzitat lautet:

»Warum passt kein Finger durch Tassenhenkel? Larry David weiß es.«

Nichts weiß er! Das wird nie beantwortet, und in Schmidts Text steht auch, dass diese Art Fragen nur gestellt und auf keinen Fall im Stil von etwa Schrotts Sammelsurium beantwortet wird.

Und dann ist da noch die von Schmidt nicht ganz richtig wiedergegebene Information, dass es die Serie »nicht nach Deutschland geschafft« habe. Na gut, die Serie ist hierzulande nur über das UMTS-Mobilfunknetz von Vodafone zu sehen (wie Schmidt selber auch weiß), aber immerhin ist die Serie auch synchronisiert. Ob es freilich Sinn hat, sie zu synchronisieren, ist die Frage. Schmidt spricht da sicher vielen Serienjunkiez aus der Seele, wenn er feststellt:

»Aber in Deutschland wird jede Serie synchronisiert und damit halb verstümmelt, weil man hier den Menschen nicht zutraut, was für Polen, Slowenen oder Niederländer normal ist, beim Fernsehen, also spielend, Englisch zu lernen.«

Spätestens dieser Satz hat die Szene auch wieder beruhigt. Es ist aber wirklich als Glück zu werten, dass der Text in der Wochenendbeilage stand und daher sozusagen nicht als Rezension gilt. Denn ein unfassbarer (na ja) journalistischer Fauxpas kommt noch hinzu: Es gab nämlich durchaus einen Anlass für die Platzierung des Artikels gerade zu diesem Zeitpunkt.

Nur 6 Tage vor der Veröffentlichung begann auf HBO die lang ersehnte sechste Staffel, endlich, nach fast zwei Jahren. Ein Anlass zur Berichterstattung, wie er im Buche steht. Und der wird im Artikel eben nicht erwähnt.

Einige Curb-Your-Enthusiasts waren dermaßen enttäuscht von der S-Zeitung, das ging bis hin zur Androhung von SZ-Abo-Kündigungen (vgl. die FAZ-Abbesteller-Szene). Was natürlich keiner machen würde, aber die Androhung der Kündigung ist ja ein immer wieder gern bespieltes Unter-Genre der Leserbriefpost.

Soweit sind die Journalismus-Bits abgehandelt, und jetzt kommt’s: Als Feuilleton ist Jochen Schmidts Text eine seltene Perle. So sieht’s aus, und also rein damit in die Nominierungs-Longlist für 2007.

Proust wird erwähnt (natürlich), dann Kafka, Benjamin, dann allen Ernstes noch Horaz und Tocotronic, und natürlich spätestens da wird es zu viel. Aber noch diese brachiale Verortung in der Kulturgeschichtsschreibung unterstreicht, dass »Curb Your Enthusiasm« eben nun mal die Feuilleton-Serie ist.

Es gibt zurzeit keine besser geschriebenen Drehbücher, auch wenn das im Falle von »Curb« nur Outlines sind. Als Ergebnis sehen wir dann aber »wahre Meisterwerke der Plottechnik«, von denen auch Schmidt schreibt. Das muss man wirklich gesehen haben.

Am Ende des Artikels steht ein Satz, auf den offenbar auch die misslungene Überschrift rekurriert. Ein Satz, der den Grundtenor bei Medienjournalisten wie Peer Schader und Stefan Niggemeier schön zusammenfasst und insgesamt wohl auch die deutsche Medienberichterstattung der letzten Jahre. Er lautet:

»Kein Mensch braucht deutsches Fernsehen.«