Archiv des Themenkreises ›Kunstkunst‹


Die FT Weekend und die FAS vom 29. 6. 2008:
Die Butter, die Stille, die großen Häuser Europas

London, 30. Juni 2008, 13:07 | von Dique

Ein Teller mit Butter »is the only item of food Hammershoi is known to have painted«, schreibt Jackie Wullschlager in der FT Weekend in ihrem Review zur VilhelmHammershøi-Ausstellung »The Poetry of Silence« in der Royal Academy of Arts, und da muss ich erneut einen Teilnehmer der kürzlich in den Musei Vaticani absolvierten Speedtour zitieren, »now that’s a useful bon mot«.

Hammershøi ist mir vor Jahren nach einer Empfehlung aufgefallen, von dieser Ausstellung hatte ich vorher allerdings keinerlei Peilung. Wenn man nicht gerade nach Skandinavien fährt, sieht man von ihm auch relativ wenig. Ich bin dann gestern gleich hingegangen, denn so linear können Medien manchmal wirken.

»Hammershøi led an uneventful life.«

Das ist der erste Satz der Einführung in Raum 1 der Ausstellung, und im Œuvre des Malers spiegelt sich das genau so wider. Weniger »eventful« geht es kaum, und das meine ich keinesfalls negativ.

Hammershøi hat sich in weiten Teilen seines Werkes auf das Innenleben seiner eigenen vier Wände beschränkt und erzeugt mit diesen distanzierten Schnappschüssen genau die poetische Stille, mit der die Ausstellung treffenderweise bezeichnet wurde.

Er erinnert an Vermeer, an de Hooch und andere Niederländer dieses Umfelds, und bei denen hat er sich ausdrücklich bedient, allerdings nicht einfach kopiert. Spartanisch eingerichtete Räume, und wir betrachten sie aus kühler Distanz.

Wenn auf den Bildern Personen dargestellt sind, dann sieht man sie von hinten oder wie sie beschäftigt nach unten sehen. Man nimmt nicht Anteil an ihnen, und die Figuren laden auch nicht dazu ein. In dieser Distanziertheit erinnert Hammershøi auch an Edward Hopper, allerdings farblich deutlich gedämpfter. Ein leichter Grauschleier hängt über seinen Bildern, und sie wirken dadurch etwas schlierig und erinnern mich darin im weiten Sinne auch etwas an die minimalistischen Stillleben von Giorgio Morandi.

Die Überschrift des Artikels in der FT Weekend lautet: »Rooms without a view«, und in der gestrigen FAS, welche ich dann beim Kaffee in der RA las, ist Andreas Kilbs Artikel über die Berliner SebastianodelPiombo-Ausstellung so überschrieben: »Warte, bis es helldunkel wird«. Was für Überschriften, und was würde unser Experte Gabriel wohl dazu sagen, zu billig, zu easy? Mir gefallen beide.

Bei Andreas Kilb gefällt mir aber besonders der Artikel. Der ist ganz wunderbar geschrieben, dicht und informativ, man hat das Gefühl, schon erschöpfend dort gewesen zu sein, aber trotzdem noch mal hinzuwollen, allerdings schreibt Kilb:

»Die italienischen und spanischen Museen haben ihre Kostbarkeiten für das Projekt hergegeben; aus den großen Häusern Europas dagegen, der National Gallery, dem Louvre, der Ermitage, kommt fast nichts außer ein paar Zeichnungen«.

Was schlecht für das Projekt ist, ist gut für mich, denn bis zur National Gallery sind es nur ein paar Minuten Fußweg, und ich kann mir gleich noch ein paar der Schätze ansehen, die die »großen Häuser Europas« garstigerweise nicht für die Ausstellung rausgerückt haben.


Bei Sotheby’s

London, 22. Juni 2008, 23:58 | von Dique

Gestern MIA. im Goethe-Institut. Das ist immer so geil bei diesen deutschen Bands, die auf deutsch singen und zu denen hier auch nur deutsche Expats gehen, die eine Handvoll britischer Freunde mitschleifen, weswegen die Bands dann immer auf Englisch reden. »We are the group MIA. from Berlin.« The group MIA., hehe.

Zum Ausgleich für gestern dann heute ein bisschen Kultur (hehe) bei Sotheby’s, Modern and Contemporary Art Sales Preview. Ziemlich geiles Zeug überraschenderweise, zwei dieser abgeschliffen wirkenden Richter-Leinwände, eine in kleinem Format. Und wie immer Lucio Fontanas unifarbene Leinwände mit Schlitzen, die mich in ihrer Simplizität immer mehr begeistern.

Das Gleiche kann ich von Piero Manzoni sagen, ein weißer Rahmen, darin 30 Quadrate aus weißer Dämmwolle, super. Der Hit sind aber Anish Kapoor und sein ca. 2 Meter großer Alabasterblock, in den hinten und vorn ein großes Loch hineingefräst ist. Auch hier bestechen die Schlichtheit und das wunderbare Material. Nach dem Hit noch der Knüller, die »Danseuse« von Gino Severini, eine in gelb, grün, rosa und hellblau leuchtende futuristische Tänzerin, so schön, hat aber auch einen Schätzwert zwischen 7 und 10.000.000 britischen Pfund.

Gerade rüber, bei Partridge, läuft momentan ein Hammer Sale, Correggio, Pontormo, Reni, Preti, Allori und: Parmigianino. Ein Porträt. Im Katalog vergleichen sie es mit dem Kunsthändler-Porträt in der National Gallery, allerdings wegen der Form des Hutes und der daraus folgenden Rückschlüsse auf die gesellschaftliche Position des Porträtierten, es ist nämlich lange nicht so schön, aber eben ein typisches seiner Porträts.

Und der Preis? »Fern jeder Schätzung«, sage ich da Mal mit Vincent Ludwig, der Frank Drebin mit diesem Satz in »Die nackte Kanone« ein paar japanische Zierfische zeigt, welche Frank kurze Zeit später mit einem Füllfederhalter, dessen Feder nur durch Wasser zerstörbar ist, aufspießen wird.

Dann Treffen mit Paco, der die FAS verschlampt hat, Mann, was soll ich heut abend lesen.


Slayer und Caravaggio

London, 21. Juni 2008, 18:21 | von Dique

Ich höre gerade Possessed, diesen völlig geilen 80er-Jahre-Death-Metal. Es ist die erste Scheibe, »Seven Churches« von 1985, und die ist so hammergut. Der Nachfolger »Beyond the Gates« ist nicht der Rede wert und nach einer darauf folgenden EP, die ich nicht kenne, barst die Band Ende der 80er auseinander.

Ich habe »Seven Churches« seit 15 Jahren nicht gehört, oder länger, und nun zufällig an diesem römischen Antiquariatsstand geangelt. Dieser Hammerstoff haut einen immer noch um. Er ist ein bisschen ein anderes Kaliber, aber grundsätzlich nicht schlechter als das 85er Slayer-Album »Hell Awaits«.

Das war die erste Slayer-Platte von ungeheurer Qualität, viel reifer als »Show No Mercy«, die Debütscheibe von 83, die noch sehr Speed-Metal-mäßig war.

Dazwischen gab es noch zwei EPs, »Haunting the Chapel« und das gefakte Live-Album »Live Undead«, na ja, nicht erwähnenswert dieser Schrott, wobei die Live-Version von »Die By The Sword« schon was hat.

Nach »Hell Awaits« kam dann 86 das unschlagbare Album »Reign in Blood«, unerreicht in seiner Qualität, jedenfalls nicht mehr von Slayer. Die Band wusste das selber und trieb sich danach in für ihre Maßstäbe seichteren Gewässern herum, mit den ruhigeren Alben »South of Heaven« und »Seasons in the Abyss«.

Erst Sepultura konnte 91 mit »Arise« aufschließen, obwohl hier gern, nicht ganz unberechtigt, der Kopiervorwurf kommt. Die Stücke sind länger als die der »Reign in Blood«, aber sie werden ähnlich hart und gnadenlos durchgeprügelt.

Und da bin ich dann wieder bei Caravaggio, denn Hughes sagt in der vorgestern von Paco erwähnten Doku, dass erst ein Rembrandt oder ein Velázquez wieder an Caravaggio anknüpfen konnte, den Faden aufnehmen und weiterspinnen, und Recht hat er:

»Now in the event all that the Caravaggisti could imitate was the shell and stage props of Caravaggio’s work. And the real lesson to be drawn from his art, that extraordinary overlap between epiphanies and ordinary substances needed a Velázquez, or a Georges de la Tour, or a Rembrandt to carry it on and complete it.«

Der Link auf Velázquez ist natürlich klar, und überhaupt wäre das »goldene Zeitalter« der spanischen Malerei ohne Caravaggio kaum denkbar. Lange dachte ich ganz vage, dass Ribera die wichtigste Verbindung zu dessen Stil war, der zwar in Spanien geboren wurde, sich aber lange in Neapel aufhielt, wie Caravaggio.

In Neapel wurde die Hell-Dunkel-Malerei, das Chiaroscuro, ziemlich kultiviert, viele der so genannten Caravaggisti stammen aus dieser Gegend. Aber ein viel wichtigeres Bindeglied von Italien nach Spanien ist, zumindest nach Jonathan Brown (»Painting in Spain, 1500-1700«, 1998), Juan Bautista Maíno, der noch zu Caravaggios Lebzeiten 8 Jahre in Italien verbrachte.

Fazit: Es brauchte einen Rembrandt und einen Velázquez (und Georges de la Tour, jawohl!), um den Caravaggio-Style wirklich weiterzutreiben, und weniger die ungezählten Caravaggisti, und so ist das auch bei Slayer und Sepultura, und das kann man doch einfach mal so in den Raum stellen, als eine Art »useful bon mot«, wie neulich jemand sagte.


Robert Hughes: Caravaggio (1975)

London, 19. Juni 2008, 08:29 | von Paco

Giorgio Vasari hat leider nicht lange genug gelebt, um auch die Vita des Caravaggio zu beschreiben. Also hat das der herrliche Robert Hughes mehr als 350 Jahre nach C.s Tod übernommen, natürlich nicht als Erster oder Einziger, aber als einer der kurzweiligsten Biographers.

In Vorbereitung auf den Italien-Betriebsausflug der Umblätterer-Squadra hatte ich mir noch mal Hughes‘ TV-Doku »Caravaggio« angesehen, die 75 Minuten lang ist und auch irgendwo in 7 Teilen auf YouTube rumfliegt.

In der Doku sehen wir Hughes in Jeans auftreten, in einem weiß-rosa Streifenhemd, manchmal mit einer Jeansjacke drüber, und einem fetten Staubwedel als Frisur (es waren die 70er). Damit mag der Porträtist heute wie ein Hallodri wirken – kunsthistorisch gesehen macht Hughes auf alte Schule: Der Australien-born Kunstkritiker und langjährige »Time«-Autor hatte in einem Interview vom Mai 1997 mal jeglichen Kommentar zu interaktiver Videokunst und dergleichen abgelehnt, mit den Worten: »I just don’t know. I’m a print asshole. I’m a paint boy.« (salon.com)

In seiner Annäherung an Michelangelo Merisi weist er zunächst jegliche biografische Sicherheiten von sich: »We don’t know how or why Caravaggio became a painter.« Mehrfach lobt er dann überschwänglich die realistische Malweise und den plastischen Eindruck, den bestimmte Gemäldeausschnitte beim Betrachter hinterlassen – diese Effekte sind auch ungeschulten Museumsbesuchern sofort vermittelbar und dürften noch immer erheblich zur Vermittelbarkeit und Popularität des Malers beitragen.

Ich selber habe vor einigen Jahren das Gerücht gehört, dass sich vor dem »Supper at Emmaus« in der Londoner National Gallery mal jemand am visuell herausgestreckten Ellenbogen des links vom Betrachter sitzenden Tischgenossen gestoßen haben soll. Hughes zeigt uns nun dieselbe Stelle und weist auf die Löchrigkeit der aus dem Bild ragenden Kleidung hin.

Dann wird Caravaggio von Hughes vor allem noch als »connaisseur of violence« verstanden. Dafür wird uns das »Sacrifice of Isaac« präsentiert. In der Uffizien-Variante des Themas drückt Abraham seinen Sohn derb gegen den Boden: »Only a connaisseur of violence would show you that thick implacable thumb forcing Isaac’s head down on the altar, and that squalling mouth.«

Als weiteres Beispiel führt Hughes das Blutrunst-Bild schlechthin an, die Judith, wie sie Holofernes den Kopf bereits zur Hälfte abgeschnitten hat (im Palazzo Barberini, neulich schon von Dique erwähnt). Sowas widersprach natürlich dem Decorum-Gedanken der Kirchenleute, das ist was ganz anderes als Gerhard Richters bunte Glasfenster für den Kölner Dom, hehe.

Und dann ist die Hughes-Doku auch noch ein Stelldichein dieser britischen Überbetonung und beschert uns folgende Klangerlebnisse, ganz im Sinne des neulich beobachteten graw-tsee-yeah und des Titelhelden der Doku selber, »Kerewartscho«:

  • Majkilendschelo.
  • Tischen.
  • Louränsoh Lattoh.
  • Dschordschionäj.

Usw.


Graw-tsee-yeah!

Rom, 13. Juni 2008, 16:40 | von Paco

Von unserer Erasmus-WG in Parioli ist es nicht weit bis zur Villa Borghese. Nach einem Zwischenstopp bei Il Cigno gehen wir direkt zur Galleria Borghese, wo im Moment eine Correggio-Ausstellung läuft, das dritte der Dekadenprojekte der Galerie nach Raffael und Canova – es folgen u. a. 2009 Bacon & Caravaggio, 2011 Tizian, 2012 Cranach.

Eine Correggio-Einzelausstellung war längst mal fällig, allerdings wird man von der unerwarteten Phylle halb erschlagen. Außerdem befinden sich im Präsenzbestand der Galleria natürlich auch noch die Wahnsinnsstatuen von Bernini und Canova, dazu noch 6 Bilder von Caravaggio, mehr als irgendwo sonst, Raffaels »Kreuzabnahme« und Correggios »Danae«.

Davon muss man sich erst mal mit ein paar Nebenwerken erholen: Ein Sassoferrato hängt überraschenderweise im selben Raum wie ein de Hooch. Das glaubt man immer gar nicht, dass das Zeitgenossen waren. Von Sasso hängt hier die übliche wächserne und superschöne Madonna, von de Hooch das Flötistenbild, das inklusive offenem Fenster wieder voller lüsterner Anspielungen ist.

Wir kommen dann irgendwann wieder auf das Veronese-Mocking und die Leonardo-Relativierung von Sébastien2000 zu sprechen und das Alan-Bennett-Interview neulich in »La Repubblica« (28. 5., S. 53, Aufmacher von »R2 Cultura«). »Leonardo? Non mi piace« war die Überschrift. Das ist wie wenn Umberto Eco in der SZ zitiert wird mit »Goethe? Find ich echt scheiße«.

Der Interviewer (Enrico Franceschini) hatte dann nachgefragt, was seine beleidigten Landsleute mit so einer Aussage bitteschön machen sollen. Bennett erwiderte, dass er Leonardo als Meister der Renaissance natürlich schon irgendwie anerkenne, dass seine Werke aber nicht seine Interessenssphäre berührten. Ob er nicht mal die »Mona Lisa« gut finde? Nun ja, er habe sich das Bild nie angesehen, da er stets von dem Massenauflauf davor abgeschreckt worden war.

Der Anlass für die Intervista war übrigens das Erscheinen der italienischen Übersetzung seines Buches über die Londoner National Gallery bei Adelphi. Er macht in dem Gespräch auch wieder Stimmung für den unvoreingenommenen Blick auf Kunstwerke. Das ist subtextuell natürlich auch ein Diss gegen die Audio-Guide-Kultur. Außerdem zeigt sich Bennett belustigt darüber, dass alle immer mit diesem Pathos ins Museum gehen und dadurch jedes dort ausgestellte Ding automatisch als anerkannt gut empfinden.

Nach 2 Stunden wird man bekanntlich aus der Galleria Borghese geschmissen, wir legen ein paar alte SZs und FAZs auf eine Villa-Wiese und machen Siesta. Noch im Halbschlaf kriege ich nach einer Weile mit, wie Dique einem Amerikaner mit »Lone Star State«-T-Shirt den Weg zur Piazza del Popolo beschreibt.

Der gut ausgestattete Touri hält Dique dann wegen seines blauen Hemds eventuell für einen Italiener und bedankt sich mit einem kräftigen: »Graw-tsee-yeah!« So ungefähr dürfte die »Grazie«-Ausspracheanweisung im Lonely Planet lauten. Diese herrlichen Amerikaner!

Auf einmal ist alles graw-tsee-yeah, wir schießen auch noch mal Richtung Piazza del Popolo, noch mal wegen ein paar Lieblingsdetails in die Caravaggio-Kirche rein, und danach mache ich ziemlich in der Mitte des Platzes noch dieses Bild, ich, Dique, Millek, Sébastien2000 (hat heute frei), San Andreas:

Piazza del Popolo


Die Vatikanischen Museen in 30 Minuten

Rom, 10. Juni 2008, 15:01 | von Paco

Wir sind vor allem nach Rom gekommen, weil uns Sébastien2000 (* Name geändert) dazu eingeladen hat. Er ist Anfang des Jahres aus Madrid weggezogen, arbeitet aber weiterhin als Speed Guide, wobei er jetzt eben nicht mehr im Prado mit seinen Kunden durch die Säle rennt (wo wir erst im September seine Tour mitgemacht hatten), sondern in den Vatikanischen Museen.

Das Kunstgelände mitten in der Città del Vaticano ist ungleich größer als das in Madrid, und daher veranschlagt er statt 10 auch 30 Minuten. Dique, Millek, San Andreas und ich haben uns in der Nähe des Eingangs eingefunden, zusammen mit einer Handvoll Geschäftsmännern, die sich erkundigen, ob die Tour auch wirklich in amerikanischem Englisch stattfinden wird. Wird sie.

Die meisten von ihnen haben Anschlusstermine und sind deshalb leicht nervös, als Sébastien2000 erst eine Minute vor 9 Uhr angerannt kommt, völlig verschwitzt, denn er hat gerade die französischsprachige Variante seiner Führung hinter sich gebracht und sich dabei etwas verspätet. Er schlägt mit seinem verschwitzten Hemd und ein paar Kommandotönen als Argument eine Schneise in die Warteschlange und schleust uns so innerhalb weniger Sekunden ins Gebäude.

Einige unwichtige Gebiete der Museen werden auf jeden Fall weggelassen, so hatte es auf dem Flyer gestanden. Natürlich nicht die Pinacoteca, wo es mit dem Stefaneschi-Triptychon von Giotto & Co. gleich gut losgeht. Auf Englisch, wie gesagt. Also ›Dschahdo‹ statt ›Giotto‹, amerikanischer Akzent.

Die Fresko-Fragmente von Melozzo da Forlì werden von einer anderen Truppe blockiert, deren Führerin gerade folgenden Satz sagt, als wir vorbeirennen: »This is actually not a painting, it’s a fresco.« – »That’s a good one«, sagt Sébastien2000 und kuckt sich um, ob auch alle Speed-Tour-Teilnehmer folgen können. Noch ist das so, aber es sind ja auch erst 40 Sekunden verstrichen.

Weiter in den Raum mit Raffaels »Verklärung Christi«. Die nach Kartons von Raffael gewebten Gobelins bitte alle außer Acht lassen, heißt die Anweisung, »not worth a dime«, und eine koreanische Reisetruppe zeigt sich leicht irritiert, als wir uns vor der »Trasfigurazione« mitten in sie reinstellen, aber nur fünf Sätze lang, 15 Sekunden, dann geht es schon weiter. St. Matthew mit seinem Buch in der Hand ist der letzte Satz gewidmet gewesen, es ging unter anderem darum, dass Hand und Fuß 3D-mäßig aus dem Gemälde ragen, den Rest habe ich vergessen.

Im nächsten Saal Leonardos »Hieronymus«, »unvollendet, wie alle guten Leonardo-Gemälde«. Bei dieser Gelegenheit folgt ein 15-sekündiger Vortrag über den Stein als Attribut des Heiligen, mit dem er sich die weltlichen Begierden aus dem Leib geschlagen haben soll. Die 15 Sekunden bringen auch die Chance, sich den Schweiß kurz wegzuwischen. Einer der Businessmen verliert dabei sein Schweißtuch und bückt sich leider danach. Er ist dann offenbar zu langsam wieder auf die Beine gekommen und hat deshalb den Anschluss verloren. Wir haben ihn nicht wiedergesehen.

Anhand eines Veronese-Gemäldes erklärt Sébastien2000 dann, dass dieser »angebliche Maler« vollkommen überschätzt sei, und einige freuen sich mit einem leisen »Wow!« darüber, dass man sowas einfach mal sagen kann. Die »Hochzeit von Kanaa« im Louvre zum Beispiel, ein völlig überdimensioniertes RIESENDING, kucke sich niemand an, obwohl ihr gegenüber nur ein mickriger Leonardo hänge (gemeint ist die »Mona Lisa«). »Now that’s a useful bon mot«, meint jemand keuchend neben mir.

Am Ende des ersten Parcours gibt es dann Wenzel Peter und seinen Ölriesen »Adam und Eva im Irdischen Paradies«. »Never heard of him, huh?«, wirft Sébastien2000 in die Runde. Und deshalb zeigt er gleich noch auf ein weiteres Werk des passionierten Tiermalers, seinen »Tigre ruggente«. Das Fell sei ja »gut gemalt«, brüllt Dique, wir lachen, und einer der anderen Teilnehmer bringt einen Witz darüber, dass der Tigerkopf dann doch eher aussieht wie von Rousseau (dem ›Zöllner‹) hingeschmiert, dem anderen passionierten Tiermaler, hehe.

Davor haben wir kurz noch Giulio Romanos »Madonna di Monteluce« und Caravaggios »Deposition from the Cross« angesehen, aber nur im Vorbeilaufen, und das war es dann auch schon mit der Pinacoteca. 7 Minuten sind verstrichen.

Wir rennen kurz durch die anderen Abteilungen, »these are statues, these are hieroglyphes, these are mummies [Mumien]«, kommentiert unser Guide ganz unspezifisch. Der Subtext ist also: interessiert doch eh keine Sau, aber ich finde das zum Beispiel erst lustig, als der Scherz schon sekundenlang verklungen ist.

Dann geht es auf den schwersten Abschnitt der Strecke: Wir rasen den endlos langen Bibliotheksgang Richtung Cortile del Belvedere entlang, und ich merke, dass Bootsschuhe keine gute Wahl waren für diese Museumstour im Schnelldurchlauf. Sébastien2000, Dique und Millek zum Beispiel tragen extra für diesen Zweck diese bequemen MBT-Schuhe (Masai Barefoot Technology) und sind damit klar im Vorteil.

Vor der Laokoon-Gruppe (engl. Laocoön; ital. Laocoonte) wird kurz zu den offenen Mündern der einzelnen Figuren referiert. Die Luft im Skulpturenhof tut gut, kleine Verschnaufpause. Während wir zum nächsten Objekt weiterziehen, gelingt es mir noch, dieses leicht verwischte Foto zu schießen:

Laokoon-Gruppe, Speed-Tour, Vatikanische Museen

Für meine Begriffe viel zu schnell wird dann mit ein paar gelangweilten Sätzen der Apoll von Belvedere abgehakt, »been there done that« ist das Motto, keine Zeit verlieren, und schon sind wir in den Raffael-Stanzen. Dort gehen ungelogen fast 4 Minuten drauf, auch weil Sébastien2000 im Angesicht der »Schule von Athen« kurz alle abgebildeten Figuren aufzählt bzw. in Ansätzen den Forschungsstand hinsichtlich deren Identität zusammenfasst.

Im Trakt mit den modernen religiösen Gemälden begegnet uns dann überraschenderweise die »Crucifixon« von Gerardo Dottori, die Dique neulich schon in der Estorick Collection gesehen hatte. Ein Wahnsinnsbild, das auch unserem Guide immerhin 10 Sekunden wert ist. Am modernen Rest, darunter eine Handvoll Dalís, sprinten wir (und auch die normalen Museumsbesucher) achtlos vorüber. In jeder anderen Ausstellung wären sie der Hit und verursachten Massenaufläufe. Hier taugen sie offenbar vor allem als Füllsel.

Dann die von Michelangelo ausgemalte Sixtinische Kapelle. Ich kann nur noch ungefähr die Hälfte unserer Truppe ausmachen, der Rest ist unterwegs verloren gegangen. Für die überfüllte Kapelle bekommen wir die Anweisung, uns einzeln durchzuschlagen. Einige unbekanntere Details des »Jüngsten Gerichts« und der Gewölbeszenen (»Die Erschaffung Adams« usw.) werden kurz anerklärt, dann geht es auch schon los. Ich verliere die anderen sofort aus den Augen und brauche eine Minute, um mich zum anderen Ende durchzuwühlen. Dabei gelingt es mir, einige gezielte Blicke auf die Kapellenwände zu werfen.

Draußen treffe ich einen der Businesstypen, auch er ziemlich verschwitzt. Es sind tatsächlich genau 30 Minuten verstrichen, er hat die Zeit gestoppt. Er meint, dass er gern auch mehr als die 100 Euro für die Tour gezahlt hätte, wenn es noch etwas schneller gegangen wäre.


Caravaggio – Kunstgeschichte, Krimi und Rom

London, 16. April 2008, 19:28 | von Dique

Ich lese gerade das Buch »The Lost Painting« (2005) von Jonathan Harr, so ziemlich das Beste, was ich seit einer ganzen Weile in die Finger bekam (NYT-Review und 1. Kapitel). »He could retire after writing this book«, schreibt ein anderer Fan über Harr. Es geht um Caravaggios »The Taking of Christ«, welches jahrelang als verschollen galt und heute in der National Gallery in Dublin hängt.

Harr schreibt in journalistischer Berichtsform, ein bisschen »spiegelig«, über die Ereignisse, die zur Auffindung des Bildes führten, natürlich beginnend in Rom und mit Denis Mahon, einem der wichtigsten Caravaggio-Experten, wie er gerade über die Piazza della Rotonda am Pantheon zu seinem Stammlokal »Da Fortunato« spaziert, um im kleinen Kreis ein Mahl einzunehmen.

Dann lässt ihn der Autor mit der Geschichte beginnen, ein ganz klassisches Setup, ein bisschen wie »1001 Nacht«. Ein Erzähler beginnt, gibt den Rahmen vor, und dann gleitet man in die Geschichte.

So fängt zum Beispiel der Film »Der Dieb von Bagdad« (1940) an oder »Sindbad der Seefahrer« (1947), ohne Zyklopen, dafür mit dem Schurken Melik, der viel bedrohlicher ist als die zyklopischen Pappkameraden von Ray Harryhausen. Die Melik-Figur erinnert mich ein bisschen an Ben von der »Lost«-Insel, die undurchsichtige Gestalt im Hintergrund. Unendlich fortsetzbare Assoziationskette.

Aber zurück: »The Lost Painting« ist auch deshalb edel, weil ich gerade ein anderes Buch über Denis Mahons Gemäldesammlung gelesen habe (vieles davon hängt hier jetzt in der Londoner National Gallery). Irgendwann in den Siebzigern hörte Mahon einfach auf, Bilder zu kaufen. Italienischer Barock wurde wieder populär und die Bilder teuer wie die Sünde.

Weiter heißt es im Buch, dass Mahon nie selbst einen Caravaggio besessen hat. Diese Information stimmt so nicht mehr, denn eine von ihm vor kurzem (2006) für £50,000 gekaufte Kopie des »Falschspieler«-Bildes von Caravaggio entpuppte sich ein Jahr später als Original und soll nun um die £50 Mio. wert sein.

Nichtsdestotrotz ist das Harr-Buch ein toller Mix aus Kunstgeschichte, Krimi und Rom. Vom Style erinnert es mich komischerweise an Graysmiths »Zodiac«, weil das eben auch in diesem »Spiegel«-präzisen Style daherkommt.

Usw.


In der Tate Britain: Kanus, Kälte und Kaffee

London, 29. März 2008, 12:28 | von Dique

Zwei Ausstellungen in der Tate Britain. Da gibt es zum einen Peter Doig und zum anderen »Modern Painters: The Camden Town Group«.

Peter Doig

Eigentlich kein Riesenfreund moderner Malerei, gehe ich doch wegen Doig dorthin. Großformatige Leinwände sind das normalerweise. Zum ersten Mal sah ich die in der alten Saatchi Gallery in »Triumph of the Painting«.

Der heroische Titel lockte mich damals, und neben Kippenberger und Immendorff gab es dort eben auch Peter Doig. Eine Handvoll Bilder, und die gingen sehr gut. Eines davon zeigte ein überlanges Kanu mit einer relativ gesichtslosen Gestalt darin, ein waldiges Ufer dahinter, was für eine Stille.

Dann gab es da noch ein waldiges Bild, und hinter dem Gestrüpp sah man ein bauhausartiges Gebäude hervorscheinen. Im Februar kamen bei Sotheby’s zwei Doig-Bilder unter den Hammer, mindestens eines aus der Saatchi-Sammlung, das »White Canoe«, das satte £5,7 Mio. brachte. Und nun eine fette Einzelausstellung.

Camden Town Group

Irgendwie gruselt mir dann ein bisschen vor all diesen großen Leinwänden moderner Malerei, und ich gehe erst mal zur Camden Town Group, wegen Sickert, der ja wahrscheinlich Jack the Ripper war, aber eben noch wahrscheinlicher doch nicht.

Ein bisschen unambitioniert kommt mir vor, was hier zusammengehängt wurde. Post-Impressionismus in England, in London, London um 1910, »Modernity«, »Sex«, »Sensation«, »Anti-Modern«, um einige Räume beim Namen zu nennen, und der letzte heißt »Home Front«, und wir sind im Ersten Weltkrieg, der Briten liebstes Kind.

Aber egal, besonders die Sickert-Bilder faszinieren, einige seiner Mordszenen in Camden und besonders das Bild eines älteren Herrn, der vor seinem Pint Bier am Tisch sitzt und eine Zigarre pafft. Dahinter steht eine (seine?) Frau und betrachtet ein Bild an der Wand. Beide für sich und doch zusammen, gefangen, einsam zweisam, Hopper’sche Züge, nicht nur auf diesem Bild.

Members Café

Danach einen Kaffee im Members Café. Leider ist das Members Café in der Tate Britain ein ziemlicher Witz im Vergleich zur Tate Modern oder zur Royal Academy. In der Tate Britain ist es immer kalt, rein von der Atmosphäre her, und die Seite mit dem riesigen Fenster eröffnet einen 2 Meter weiten Blick auf eine weiße Wand, und das verstärkt den Kühlhauscharakter noch.

Eine Einreichung als Vorschlag zum nächsten Kaffeehaus des Monats wäre auch rein technisch nicht möglich, weil keine Telefonkamera der Welt bei diesen Temperaturen arbeitet. Man fährt also eigentlich deutlich besser im öffentlichen Café.

Zurück zu Doig

Wegen unserer Trödelei und den ganzen Diskussionen beim Kaffee haben wir dann für Doig nur noch ca. 55 Minuten Zeit. Von denen wir aber nur ganze 20 in Anspruch nehmen, denn in dieser Fülle funktioniert Doig für mich einfach nicht.

Es gibt ein paar Lichtblicke. Die Kanuszene wird noch ein paar Mal verballert, eigentlich ziemlich gut sogar, und immer wieder diese Wälder mit diesen eigenartigen Flecken auf dem Bild, nicht schlecht, aber eben auch nichts, das lange fesselt, nichts, in das man sich gern hineinmeditiert, und viele der Bilder scannt man schnell weg, und das scheint zu reichen.

Irgendwann sitzt dann mal eine Art Jesus in einem dieser langen Kanus, und ich frage nicht nach dem Grund. Dieser Jesus taucht dann ständig auf, auf Inseln, im Wasser. Das sind die neueren Bilder. Die allerneusten zeigen Wasserflecken, diese sind natürlichen Ursprungs, denn in Doigs Studio schien es reinzuregnen, und er nutzte dann einfach die Flecken als Teil des Bildes.

Das schnappe ich im Vorbeigehen im Foyer auf, denn da laufen ein paar Videos über den Künstler, und er erklärt es gerade persönlich, und hier erkenne ich genau dieses Bild wieder, neben dem Ausgang. Dem nähern wir uns dann recht schnell und nutzen die letzten 35 Minuten, um uns noch ein bisschen an den reichhaltigen Turner-Schätzen zu laben, zum Akklimatisieren, wenn man so will.


Die Vermeesung der Kunst

Leipzig, 22. Februar 2008, 06:02 | von Paco

Gabriel ist zurück. Der Überschriftenerfinder. Er war in den Fußstapfen von Harald Schmidt und Juan Moreno auf einer Weltreise, »um gewisse Studien zu vervollständigen«, wie er selber sagt. So habe er endlich den tieferen Zusammenhang (den es eigentlich nicht gibt) zwischen dem französischen ›c’est‹ und dem hebräischen ›זה‹ verstanden, die ja komischerweise intersprachlich eine ungefähre Homophonie bei ungefähr deckungsgleicher Semantik verbindet. Solche Erkenntnisse seien für einen Headliner Gold wert.

Anyway. Jetzt müsse er wieder ein bisschen Geld verdienen, daher kurz wieder Leipzig. Und sein neuestes Werk sei die Überschrift zu einem kritischen Artikel über Jonathan Meese und dessen Einfluss auf die Kunst und den Betrieb. Eine nicht näher genannte Hochleistungszeitung hatte angefragt. Den Namen des Artikelschreibers kenne er, wie immer, nicht. Und das hier sei also jetzt die Headline, an der er eine ganze Woche intensiv gearbeitet habe:

Die Vermeesung der Kunst

Gabriel hat dafür 3.500 Dollar eingestrichen, allegedly. Warum er in Dollar bezahlt wird für eine deutsche Überschrift, diese Frage fällt mir erst jetzt ein. Warum er so viel Geld für nur 4 Wörter bekommt, das frage ich dagegen nicht mehr. Von dieser Überschrift werden alle reden, mindestens eine Woche lang. Sie wird den Text, dem sie vorsteht, unerheblich machen.

Eine gute Feuilleton-Überschrift mache man nicht so nebenbei. Es gebe zwar auch in diesem Métier Anfängerglück, aber wenn die »Jungle World« für ihre Titelzeile mal eben den Layouter ein bisschen brainstormen lässt, das sei doch wohl so wie beim Schuster ein Walnussbrot kaufen: In seltenen Fällen hat der alte Schuhklopper vielleicht zufällig eins da, aber dann wird es sicher nach Schuhcreme und siechendem Leder riechen und nicht nach Walnuss und frisch gebackenem Teig.

Warum die »Vermeesungs«-Überschrift so gut ist, vielleicht die beste des Jahres, auf jeden Fall ihr Geld wert?

Sie lebt vor allem natürlich von der parodierenden Anspielung auf Daniel Kehlmann und seinen bestsellerischen Gauß/Humboldt-Roman »Die Vermessung der Welt«. Eine derartige klangbasierte Parodie könne aber jeder verbrechen, so Gabriel. Wenn sie dann aussagemäßig nicht zum parodierten Gegenstand passe, bleibe sie aber ein Kalauer, »das schlimmste Verbrechen der Semantik«. So sei es übrigens bei den meisten Überschriften, dadurch werde jede Langzeitwirkung zerstört.

Gabriel rechnet die Wirkung von Überschriften ja immer aus, ich weiß aber immer noch nicht, was genau er damit meint.

Seine »Vermeesung« werde wie alle Hit-Überschriften erst durch all die Nebeneffekte wirklich tiefgängig. Allein die Ersetzung der ›Welt‹ durch die ›Kunst‹ sei ein Volltreffer. Dann gebe es noch solche Faktoren wie den, dass ›Meese‹ und ›-mess-‹ auch an das griechische ›μέσος‹ (›mesos‹) erinnern, zu dt. ›mittig‹, ›Mittel-‹. Es ruft also den Terminus Meso-Mäßigkeit auf den Plan, so wie einige Leute ›Meso-Amerika‹ für ›Mittelamerika‹ sagen. Die Assoziation ›Meese-Mäßigkeit‹ stelle sich dann schnell ein, und diese Hervorhebung der Vermittelmäßigkeitung (whoa!) sei auch genau die von der Zeitung nachgefragte Tendenz des Artikels, den ja irgendein Kunsthistoriker bzw. Kunstkritiker schreibt bzw. schreiben wird.

Freilich entspräche das Meso-Wort letztlich eher dieser explodierend-bunten »Spiegel Online«-Wortspiel-Ästhetik. Aber eben nicht nur. Und ob die Meso-Anspielung überhaupt gleich jemand mitbekomme, das sei nicht die Frage. Über eine gute Überschrift könne man eben länger nachdenken als über ganze Celan-Gedichtbände. Und die Meso-Mäßigkeit bestimmter Kunstwerke und einer bestimmten Künstlergeneration werde ja eh vom Artikelschreiber thematisch bespielt, insofern gebe es da kein verschossenes Pulver.

Eine gute Feuilleton-Überschrift, sagt Gabriel, muss den kompletten dazugehörigen Artikel ersetzen können. Sie muss der Artikel sein. Und das schafft diese Headline, hier also noch mal der sozusagen komplette Artikel zu Jonathan Meese, seiner Kunst und deren Einfluss auf all die mediokren Strömungen im kontemporären Kunstbetrieb:

Die Vermeesung der Kunst


Matthias Grünewald in Karlsruhe

Karlsruhe, 21. Februar 2008, 11:38 | von Austin

Der Umblätterer unterwegs. Heute: Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, »Matthias Grünewald und seine Zeit«. Die vollste und stressigste Ausstellung seit langem. Gute Güte. Menschenmassen. Bildungswillige Rentner drängen sich durch die Räume; hunderttausend Jahre verstellen einem den Weg.

Eine absolute Unsitte: Diese schwarzen Ausstellungsklappstühle. Rentner brauchen sie nicht, um sich mal hinzusetzen (dazu nehmen sie ihren Rollator mit), sie schieben damit die Konkurrenz weg, klappen sie vor dem Bild blitzschnell auf und sichern sich so einen unverrückbaren Blick in der ersten Reihe.

Allerdings sind auch viele Besucher von der Bedienung der monströs geratenen Handapparate der Audio-Guides mehr gefangen genommen als von der Ausstellung. (»Der Faltenwurf ist ganz bemerkenswert.« – »Wo steht das?« – »Sagt der Guide hier.« – »??« – »Taste 20!« – »??« – »Du tippst 0020!«)

Und dennoch wehen durch die Räume von allüberall immer wieder Fetzen des vertrauenswürdigen Baritons aus dem Audio-Guide, wie er mit warmer Stimme die Angst vor der Kunst nimmt: … vor dunklem Hintergrund liegt der Leichnam Jesuwird der Blick des Betrachters gelenkt aufdahinter, am Rand des Bildes, ein Mann … Irgendwie kommt es einem so vor, als ob diese Stimme darauf mittlerweile in vielen Museen das Monopol hat, eine Art Christian Brückner der Kunstaufbereitung.

Ansonsten wird mit viel Materialaufwand verhangen, dass der Isenheimer Altar als das uneinholbare Hauptwerk, die »Supernova der Kunst«, wie die »ZEIT« grandioserweise titelte (6. 12. 2007), nun einmal in Colmar hängt. Bei manchen Besuchern geht der Schock noch tiefer: »Ursula, die Bilder sind gar nicht alle von dem Grünewald.«

Bemerkenswerterweise, ein Seitenaspekt der Kunstgeschichte, sind im 16. Jahrhundert Jesus et al. zu ca. 80 Prozent an expliziten Stellen rasiert. Würden sie heute in jeder Sauna durchgehen.

Im Übrigen viel Bourdieu. Vor Grünewalds »Kreuzigung« vom Tauberbischofsheimer Altar: »Schau mal, Marias gefaltete Hände.« – »Ja. Aber die ›Betenden Hände‹ von Dürer finde ich doch besser. Die sind so toll.« Dann, am Nachbarbild, tatsächlich live, the everlasting Top-Act in allen Museen: »Also, wir gehen dann jetzt langsam.« – »Ja, man kann sich ja gar nicht alles anschauen.«

Genau. Und deshalb hier der nutzpraktische Service des Umblätterers: Die drei Bilder, die man gesehen haben sollte. Und dann kann man eigentlich fast auch schon wieder gehen.

1) Die »Kreuzigung« des Tauberbischofsheimer Altars (Nr. 50). Nicht wegen der Hände Mariens, sondern weil die Kreuzigung fast so tot und wüst ist und so viel unendliche Leere verströmt wie die des Isenheimer Altars. Nicht ganz, aber fast. (Als Ergänzung: Nr. 83, »Christus am Kreuz«. Kohlezeichnung. Das Ganze in schwarz-weiß.)

2) Grünewalds »Beweinung Christi« (Nr. 105). Diesmal wegen der Hände Mariens. Knapp über dem bildfüllend hingestreckten Leib Christi platziert, sind sie auch das einzige, was in diesem Supercinemascope-Format überhaupt von Maria zu sehen ist. Der Rest, und also überhaupt die eigentliche Beweinung, liegt jenseits des Rahmens im Ungemalten – ausgespart, angedeutet, über den Bildrand hinaus gedacht. Was für eine Erzählperspektive. (Der drängendste Verwandte dazu: Hans Holbein d. J., »Der Leichnam Christi im Grabe«, Kunstmuseum Basel.)

3) Als Fan gegenwärtiger US-amerikanischer TV-Serien, als Fan des Weglassens & Andeutens, als Verfechter kühner Perspektiven, als Anhänger kultivierten Erzählens [siehe auch 2)] kam der Umblätterer nicht vorbei an Hans Baldung Griens »Beweinung Christi« (Nr. 106), einer Leihgabe aus der schönen und von uns auch sehr geliebten Stadt Innsbruck. Weil: Christus liegt am Boden, und von den Übrigen der am Kalvarienberg Hingerichteten zeigt uns HBG nur noch die Füße.

Die Ausstellung kostet 9 Euro Eintritt. Das macht pro Bild 3 Euro. Nimmt man die Zeichnung noch hinzu, sind es sogar nur 2,25 Euro. Das geht absolut okay.