Archiv des Themenkreises ›Kunstkunst‹


»The Antiques Rogue Show«

London, 24. Januar 2009, 12:12 | von Dique

Bei uns heißt es »Kunst und Krempel«, und das Äquivalent bei der BBC nennt sich »Antiques Roadshow«. An diesen Titel wiederum lehnt sich dann die am 4. Januar ausgestrahlte »Antiques Rogue Show« an, eine dieser sehr gut gemachten BBC-Docufictions, welche sich oft weltweit verkaufen like hot buns.

Es geht um Shaun Greenhalgh, einen britischen Künstler, der sich aber vor allem als Fälscher einen Namen machte. Passt also sehr gut zum zweitbesten Feuilleton-Artikel 2008, die »Spiegel«-Story von Jörg Diehl und Ralf Hoppe, die sich auch um die Frage drehte, was denn ein fanatischer Künstler macht, wenn er seine Werke nicht verkaufen kann.

Hans-Jürgen Kuhl jedenfalls ging den direkten Weg und fälschte Geld. Greenhalgh dagegen fälschte Kunst und machte diese dann erst zu Geld. Während Kuhl irgendwann mal ein Teil des etablierten Kunstbetriebs war, Warhol persönlich traf usw., fristete Greenhalgh ein eher bizarres Dasein, welches er auch nicht änderte, nachdem er einige Stücke aus seiner Fälscherwerkstatt zu Geld gemacht hatte.

Sein Leben lang wohnte er mit Eltern und Tante in einer Sozialwohnung in Bolton bei Manchester und kam selten da heraus. Aber in seiner Gartenlaube fälschte er Kunstwerke aller Art. Sein größter Hit war die Amarna Princess, eine angeblich über 3.000 Jahre alte ägyptische Figur aus der Amarna-Periode.

Shaun studierte die wenigen vorhandenen Kunstwerke dieser Zeit sehr genau. Er besorgte sich dann Alabaster aus Ägypten, den er überwiegend mit Baumarktwerkzeugen bearbeitete. Den Alterungseffekt erreichte er mit einem Sud aus Tee und Chicken-Shit. Auch unser großer deutscher Fälscher, Konrad Kujau, tauchte die Seiten zumindest in Tee, um seine Hitlertagebücher alt aussehen zu lassen.

Alt sahen dann jedenfalls die Experten aus, die mit ihrer Begeisterung das lokale Museum anstachelten, die Alabaster-Prinzessin für 440.000 Pfund zu kaufen. Um abzusichern, dass dieses bedeutende Kunstwerk nicht das Land verlässt und natürlich auch, um einen Knüller im eher provinziellen Museumsprogramm zu haben.

Neben der Kunstfertigkeit des fälschenden Künstlers war besonders der Verkaufs-Style bemerkenswert. Hier trat der betagte Vater Greenhalgh in Aktion. Er besorgte einen alten Auktionskatalog aus dem späten 19. Jahrhundert, in dem zwei ägyptische Statuen angeboten wurden, welche aus dem Nachlass eines Earls stammten. Er behauptete dann einfach, dass sein Großvater eine davon gekauft hat und sich diese seitdem im Familienbesitz befindet.

Hier funktionieren die gespielten Szenen der Doku besonders gut. Eine Kunstexpertin besucht Mutter und Vater Greenhalgh zu Hause, und während die alte Greenhalgh so tut, als würde sie auf dem Dachboden nach diesem alten Auktionskatalog kramen, nervt ihr Mann die Expertin mit langweiligen Geschichten aus seinem Leben, aus seiner Jugend, vom Krieg, und die Arme macht mit all ihrer britischen Höflichkeit eine gute Miene. Die reine Zermürbungstaktik, denn der Katalog liegt natürlich im Nebenzimmer bereit und muss nicht erst noch auf dem Dachboden zufällig gefunden werden.

Der Trick geht jedenfalls auf. Der Katalog und ein bisschen gefälschte Familienkorrespondenz helfen bei der Bescheinigung der Echtheit. Insgesamt 17 Jahre verhökern die Greenhalghs fröhlich und erfolgreich die vom Sohn gefälschte Kunst. Immer wieder geht der unscheinbare Alte zu Auktionshäusern und Händlern und bietet seine Familienstücke an und fragt ganz unschuldig, »whether they are worth a couple of quid?«

Kurioserweise bleiben sie bei allem Erfolg auf dem Teppich, wohnen weiter gedrängt in ihrer Sozialwohnung, haben aber eine halbe Million Pfund auf dem Konto. Erst als sie dem britischen Museum drei assyrische Reliefs anbieten, auf denen sich einige Schreibfehler in die Keilschrift geschlichen haben, fliegt der Schwindel auf. Shaun sitzt jetzt für vier Jahre und acht Monate im Gefängnis, aber »it could have been much worse«, wie die Doku gleich am Anfang feststellt, und zwar unter Verweis auf das Schicksal von van Gogh.


Der Vagina-Katalog

London, 18. Januar 2009, 13:00 | von Dique

Venus ist verheiratet mit Vulkan, doch Mars ist scharf auf die Schöne. Irgendwann geht sie auf das Werben des Kriegsgottes ein, und beide treffen sich zum heimlichen Liebesspiel. Vulkan bleibt das nicht verborgen, und er stellt den beiden eine Falle. Er bringt ein fast unsichtbares Netz an seinem Ehebett an, um sie bei ihrem nächsten Rendezvous darin zu fangen. Der Plan geht auf, und Vulkan rächt sich nun, indem er die beiden im Netz Gefangenen dem Gespött der übrigen Götter aussetzt.

Diese Szene verarbeitete François Boucher, der uns in seinen weichgespülten rosa Rokoko-Farbtönen heute eher kitschig vorkommt, in mehreren Gemälden. In einem davon stellt er den Moment dar, in dem sich Vulkan vorsichtig an die Liebenden anschleicht. Venus liegt lustvoll zurückgeworfen auf dem Bett, während Mars sie umarmt.

Dieses Bild, »Mars and Venus surprised by Vulcan«, entstand um 1754 und hängt heute in der Wallace Collection in London, die eine der besten Boucher-Sammlungen der Welt hält und 2005 auch eine Sonderschau, über den Maler veranstaltete, »Seductive Visions«.

Das nur als Einleitung, als Vorgeschichte, und jetzt sitze ich mit Millek und Sébastien2000 (* Name geändert) im Café der Wallace, das zwar sehr schön ist, aber ein bisschen zu bieder, um zum Kaffeehaus des Monats ausgerufen zu werden. Jedenfalls wird das Museum in 15 Minuten schließen, und wir diskutieren: Welche beiden Bilder müsste man sehen, wenn man nur 10 Minuten Zeit hat, aber einen Eindruck von der Sammlung gewinnen will.

Zumindest das erste Werk liegt klar auf der Hand: »The Swing« von Bouchers Schüler Fragonard. Dieses Bild ist nicht nur eines der prominentesten Werke der Sammlung. Mit seinem frivolen Sujet steht es auch exemplarisch für die Interessen des Sammlers Richard Wallace, der Sinnliches mochte und konsequent heranschaffte. Religiöses oder Schlachtengemälde wird man in der Wallace Collection nicht finden.

Wir begeben uns nach oben in die Galerie, um eben jenem »Swing« die verbleibenden Minuten zu widmen. Auf dem Weg dorthin erzählt uns Sébastien (der sich nach seinen Speed-Führungen im Prado und in den Vatikanischen Museen jetzt in der Wallace Collection betätigen will) jene eingangs erwähnte Geschichte von Venus, Vulkan und Mars. Und obwohl wir wissen, dass das entsprechende Bild von Boucher auch gleich hier hängt, inspizieren wir erst noch einmal den berühmten »Swing«:

Inmitten eines tiefgrünen Parks sitzt eine Dame auf einer Schaukel. Unter ihr, im Buschwerk versteckt, aber für die Dame sichtbar: ein einladend grinsender Mann, ihr Liebhaber, welchem schon der eine Schuh der schaukelnden Frau zufliegt und andeutet, dass sie selbst wohl als nächstes folgen wird. Im Hintergrund, im Schatten, ein weiterer Mann, der die Schaukel anschiebt, wohl ihr Mann, der von einer Affäre nichts weiß. Angeblich wurde das Bild seinerzeit von dem heimlichen Liebhaber in Auftrag gegeben.

Aber kommen wir zurück auf die prominenten Liebenden aus dem Olymp. Wir brauchen uns dazu nur umzudrehen, und Sébastien setzt seine Vorgeschichte nun fort »with a rather juicy bit of information«.

Für das Cover des Katalogs zur damaligen Boucher-Ausstellung war ein Detail aus genau diesem Bild, »Mars and Venus surprised by Vulcan«, ausgewählt worden. Das Detail wurde auch für Werbeposter verwendet und zierte zur Zeit der Ausstellung als riesiges Banner das Hertford House, in dem sich die Wallace Collection befindet. Dieser Ausschnitt ist nur ein kleiner Teil des Bildes: der lustvoll zurückgeworfene Kopf der Venus.

Wie gesagt, die Ausstellung ist lange vorbei, aber das große Banner hat die Kuratorin wohl noch immer irgendwo hängen. Und eines Tages, jetzt, Jahre nach der Ausstellung, fragte sie angeblich jemand, der das Bild, den Ausschnitt, den Kopf der Venus eine Weile studiert hatte, ob ihr denn daran nicht etwas auffalle. Und sie konnte an diesem Ausschnitt, dem Aushängeschild der Ausstellung, das sie so oft gesehen hatte, das so viele Leute so oft gesehen hatten, nichts Neues entdecken.

Und auch wir stehen nun vor dem Bild, dem Original in Öl, hier in der Wallace Collection, und sehen nicht nur den Ausschnitt, sondern starren auf das gesamte Gemälde in all seiner Pracht, aber es fällt uns einfach nichts auf.

»Have a closer look at her ear«, sagt Sébastien, und dann, keiner spricht es aus, keiner muss es aussprechen, es ist ein Moment des Staunens und des Unglaubens (»Und mit Erstaunen und mit Grauen / Sehen’s die Ritter und Edelfrauen«, um den Moment in Kontext zu setzen), und nach einem Moment der Stille, unser aller Münder stehen offen, raune ich ein ungläubiges »Really!?«.

Für diese kunsthistorische Entdeckung, die in der Literatur noch nicht verzeichnet ist, wird es wohl nie eine offizielle Bestätigung geben. Doch in Anbetracht von Bouchers Gesamtwerk und der Deutlichkeit und unser aller Reaktion weist alles darauf hin, dass man 4 Jahre nach der Ausstellung den zugehörigen Katalog als Vagina-Katalog bezeichnen kann.


Bei Jan Fabre in Bregenz

Zürich, 8. Januar 2009, 20:43 | von Paco

Die heftige interne Diskussion um den angeblich™ besten Feuilleton-Text des Jahres 2008 geht in die letzte Phase, Anfang nächster Woche (Montag? Dienstag?) posaunen wir hier das Ergebnis heraus.

Um angespannte Diskussionsstränge wieder zu lockern, waren wir heute schnell mal im Kunsthaus Bregenz (KUB), um endlich die dort gerade stattfindende Jan-Fabre-Ausstellung anzusehen und gutzufinden.

Fabre darf mit seiner Schau »From the Cellar to the Attic | From the Feet to the Brain« das gesamte KUB bespielen. Sogar die WCs im Untergeschoss hat er höhlenartig zementiert. Zwischen Waschbecken und Urinalen stehen außerdem Geschosse und Patronen für jeden militärischen Zweck bereit. Um die Ecke gibt es dann einen Saal mit blauen Betten und einem aus der Decke wachsenden Beinpaar, das irgendetwas Bestimmtes bedeutet. Der Saal führt zu einer Munitionskammer, in der sich allerdings nur Wesen bedienen können, die nicht viel dicker als 10 Zentimeter sind. Ansonsten kann man das reichhaltig gemischte Arsenal nur durch den Wandspalt betrachten.

Die fünf von Fabre bearbeiteten Etagen sollen den Körperzonen Füße – Genitalien – Bauch – Herz – Gehirn entsprechen. Das ist aber zunächst mal vor allem eine esoterische Behauptung, die man schnell vergessen sollte, um sich den Etagen einzeln zu widmen. Im Erdgeschoss liegt ein Alter Ego des Künstlers mitten in einer Grabsteinorgie herum. Aus seiner Hose ragt eine Porno­erektion, sicher eine Anspielung auf Jeff Koons‘ Abenteuer mit Cicciolina oder irgendetwas anderes.

Im 1. Obergeschoss liegt dann auch wieder eine Menschengestalt, eine Art Gegenstück zum onanierenden Grabsteinlümmel in der vorhergehenden Etage. Laut Info handelt es sich um einen zu Tode gepeitschten Kongolesen. Zur Installation gehört auch ein nach oben hängender Kronleuchter, der mit exotisch schimmernden Prachtkäfern ausgekleidet ist. Es handelt sich um eine Variante von Fabres Deckengestaltung »Heaven of Delight« im Königlichen Palast in Brüssel, und es geht hier also irgendwie noch nachträglich um die unglorreichen Teile der belgischen Geschichte. Die Wirkung bleibt auch nicht aus, denn die tote Menschenfigur liegt bäuchlings auf einem Teppich, der ebenfalls aus den schönen Käfern besteht. Als Anspielung auf die von Fabre in Brüssel bearbeitete Palastdecke ist auch er bei exaktem Hinsehen wunderschön, aber diese Schönheit bleibt einem natürlich planungsgemäß im Halse stecken wie die sprichwörtliche schwarze Milch der Frühe.

Das 2. Obergeschoss ist angenehm leer. Zwei Haufen aus gläsernen Knochen und Schädeln stehen da, auf denen jeweils ein Herz präsentiert wird, ein männliches und ein weibliches. Die unentrinnbar per Katalog, Leaflet, Website, Audioguide usw. vermittelte Bedeutung ist leicht uninteressant, deshalb gleich weitergehen …

… ins 3. Obergeschoss, auf eine Holzterrasse, von der aus man Einblick in sehr schön gestaltete Schützengräben hat. Außerdem ist das Gelände mit Bombentrichtern (umgedrehte Maulwurfshügel) übersät. In der Mitte liegt die sehr vergrößerte Nachbildung eines menschlichen Kopfes. Ein Abbild des Künstlers steht darauf und scheint sich frohen Mutes ins Gehirn des Riesenkopfes graben zu wollen. Sicher das stärkste Bild dieses schönen, empfehlenswerten Gesamtkunstwerks.

Jan Fabre, KUB, Bregenz

Andere Besucher, die vor uns da waren, bedankten sich übrigens für

»die Anregung zum Nachdenken
durch die Provokation«

Das klingt fast wie der Titel eines nicht geschriebenen Kleist-Aufsatzes, also großartig, und wäre auch mal ein superster Ausstellungstitel, egal für welchen Künstler und welche Schau.

Oft war das KUB-Café der eigentliche Grund für einen Bregenz-Aufenthalt. Heute zwar nicht, denn die Jan-Fabre-Tentoonstelling war wie gesagt sehr hervorragend, aber wir gingen natürlich trotzdem noch ins Café rüber und sprachen endlich wieder entspannter über die Feuilleton-Meisterschaft ’08.

(Service-Hinweis: Ausstellung läuft noch bis 25. Januar.)


Felsgrottenmadonna, ick hör dir trapsen

London, 19. Dezember 2008, 11:35 | von Dique

Ich lese gerade den Ausstellungskatalog der leider von mir verpassten ArcimboldoAusstellung in Wien (und Paris). Sehr, sehr, sehr schöner Katalog, und Arcimboldo ist so much more than the famous composite heads (immer mit dazu sagen, ein wichtiger Satz, um sich Bourdieu-mäßig abzugrenzen).

Er hat auch sehr, sehr schöne Tierzeichnungen gemacht, fast so fein wie Hoffmann, dem er vielleicht sogar begegnet ist am sogenannten Hofe Rudolfs II. Es gibt von ihm Studien von Wildschweinen, Vögeln, Reptilien, aber auch Kostümentwürfe und Kurioses wie z. B. eine study of a featherless three-footed chicken.

Wobei er eher von Leonardo beeinflusst war, und der hat ja eh alles gezeichnet, was nicht bei drei auf den Bäumen war, mal ein schöner Prollspruch in einem solchen Zusammenhang, hehe. Arcimboldo stammte eben aus Milan, und dort war Leonardo ja auch über 10 Jahre bei den Sforza beschäftigt und versprühte seinen Rieseneinfluss auf die Milaneser Maler.

Einer davon ist Bernardino Luini, der wohl sogar direkt mit ihm gearbeitet hat. Auf den ganz besonders steht übrigens San Andreas, der einzigartige Filmkritiker des Umblätterers, seit er mal The Virgin and Child in a Landscape in der Wallace Collection gesehen hat.

Luini malt eindeutig Leonardo-Augen, und genau da ist seine Herkunft extremst und superst deutlich sichtbar. In Berlin würde man sachlich bemerken: »Felsgrottenmadonna, ick hör dir trapsen«, und das nicht erst seit Dan Brown. Aber das hatten wir ja neulich schon mal in einem größeren Kreis diskutiert, wo auch irgendjemand Ahnung zu haben schien und das alles abstritt.


Niklas Maak und Werner Spies (und Baudelaire)

Dresden, 10. Dezember 2008, 08:02 | von Paco

Immer noch in Dresden. Schon seit Donnerstag (4. 12.), weil es da im Lipsiusbau eine Sternstunde des Feuilletons gab: Niklas Maak unterhielt sich mit Werner Spies, offiziell über dessen 10-bändige Werkausgabe »Auge und Wort«. Vor Ort ging es aber gar nicht um die Bände, stattdessen wurde es ein Anekdotenspektakel, bei dem glücklicherweise Publikum zugelassen war.

Maak kam etwas später, Stau auf der Autobahn, ein Kleinlaster sei umgekippt, offenbar genau der, der die erste Ladung Backsteine für das Berliner Stadtschloss bringen sollte. Vielleicht ist das ganze Schloss-Projekt also doch wieder gefährdet, hehe.

Das Gute an dem Gespräch war, dass es eben nicht um Frage und Antwort ging. Sie hauten sich die Taschen voll, im allerherr­lichsten Sinn. Spies hatte von Begegnungen mit Picasso erzählt, als Parallelaktion sprach dann Maak noch einmal über seinen Besuch bei Cy Twombly in dessen Festung aus mehreren zusammen­gewachsenen Häusern über der Küstenstadt Gaeta. Vor knapp 4 Jahren hatte er dieses Ereignis bereits schriftlich für die FAS rekapituliert (23. 1. 2005), damals allerdings noch in der unpersönlichen »wir«-Form. Die Nacherzählung legendärer Feuilleton-Artikel durch den Autor selbst ist ganz sicher der nächste große Erschließungskomplex im Zuge der aktuellen Blog-/Vlog-Offensive der FAZ.

Was sonst noch geschah:

Spies über Kahnweiler, der ihn immer vor Max Ernst gewarnt hatte.

Spies über den alten Picasso, der mal einen Kreis für ihn malte, als Beweis seiner Zurechnungsfähigkeit.

Spies über Breton & Co. und wie sie Sigmund Freud falsch verstanden.

Spies über Beckett, wie dieser einmal am Hölderlinturm Hölderlin rezitierte (die Köpfe des Publikums legten sich träumerisch schräg).

Spies über das hinter ihm hängende Gursky-Foto, das er mit Altdorfers »Alexanderschlacht« verglich, sicher die bleibendste Aussage an diesem Abend.

Und dann bezeichneten sich beide noch gegenseitig als Lieblingskollegen bei der FAZ, so also ist das.

Ich torkelte mit Millek aus dem steinsichtigen Kellergewölbe, und noch völlig frankophilisiert feierten wir, kitschig wie der rezitierende Beckett am Hölderlinturm, mit völlig unhaltbaren Argumenten verschiedene Baudelaire-Phrasen, bis sie uns zum Halse rauskamen.

Auf einmal wurde uns klar, was für ein schlechter Dichter Baudelaire doch war, zum Beispiel die Idee, Albatrosse als »vastes oiseaux de mer« zu bezeichnen. Was sollen denn »vastes oiseaux« sein? Warum nicht einfach »grands«? Ein missglückter Poetisierungs­versuch par excellence. Und so ging es weiter.

Das fiel mir gerade wieder ein, und es war natürlich grober Unsinn, was wir da zum Thema aufgeblasene Lyrik verbrochen haben. Natürlich ersetzt Baudelaire nicht »grands« durch »vastes«, sondern verschiebt das normalerweise auf »mer« bezogene Attribut und bezieht es auf »oiseaux«. Die »mer« ist mächtig »vaste«, ergo sind es auch die Vögel.

Überhaupt ist die französische »mer« im Allgemeinen dergestalt »vaste«, dass der französische Strindberg-Übersetzer es für nötig gehalten hat, den eher schlichten Titel »I Havsbandet« mit »Au bord de la vaste mer« zu übertragen. Es ist schließlich nicht von irgendeiner Pfütze die Rede, sondern von der vâââste mer.

Ob das abgedroschene Bild bei Baudelaire durch die Erkenntnis des selber auch reichlich abgedroschenen Tricks irgend besser wird, keine Ahnung. Wäre vielleicht eine gute Publikumsfrage für Werner Spies gewesen. Stattdessen hatte nämlich ein beschwingter Heimatmensch lieber gefragt: »Herr Spies, wie sehen Sie Dresden heute?«

Usw.


Nach dem Krieg

London, 21. November 2008, 13:22 | von Dique

Keiner hatte mehr damit gerechnet, aber Pacos »Aspects of Die Wohlgesinnten« hat jetzt nach 10 Teilen doch noch ein Ende gefunden. Passend dazu lese ich gerade endlich Dicks »The Man in the High Castle«, und da gibt es ja das alternative history book (»The Grasshopper Lies Heavy«) im alternative history book, in dem jemand beschreibt, wie die Welt wäre, wenn denn die Deutschen nicht den Krieg gewonnen hätten. Darauf sagt dann irgendein Ami (Wyndam-Matson) zu seiner Freundin, die von dem Buch begeistert ist:

No strategy on earth could have
defeated Erwin Rommel.

Doch eigentlich inspirierte mich zur Lektüre des Buches der letzte Roman von Christian Kracht, denn das Reduit ist ja wohl das High Castle der High Castles.

Den immer noch aktuellen »Spiegel« (47/2008) habe ich auch noch gelesen, gleich zuerst die Titelstory über die Weltkrise. Das Gute ist, dass dieser Titel das beste Zeichen dafür ist, dass die Krise bald vorbei ist. Denn auf den großen Ausbruch von Ebola warte ich auch schon seit Anfang der 90er, und nach den damaligen »Spiegel«-Artikeln zu urteilen, war es nur eine Frage von Monaten, hehe, also bleibt dieses Mal hoffentlich auch der richtig große Crash, der noch kommt, aus.

Dann habe ich diese Woche tatsächlich noch ein paar Fantômas-Filme gekuckt, aber lange hält man das nicht aus.

Dann noch den neuen Bond. Daniel Craig ist der schlechteste Bond ever, der Beckham-Bond oder einfach Proll-Bond, ohne Witz, ohne Charme und ohne Bond, der ganze Film erscheint wie ein ultra-schlechter Teil der »Bourne«-Reihe. Da sind auch noch die letzten Bond-Elemente herausgewaschen worden.

Dann war ich eben noch in der neuen Ausstellung der National Gallery, »Renaissance Faces: Van Eyck to Titian«. Das ist ein bisschen ein Nepp, weil zwei Drittel der Bilder eh in der NG hängen, aber wie schreibt Brian Sewell richtig in seiner ES-Kolumne:

no matter how many times we have all paused to examine Holbein’s Ambassadors and Jan Van Eyck’s Mr and Mrs Arnolfini with Fido at their Feet, we shall still find something in them.

Natürlich gibt es auch ein paar neue Stücke zu sehen, einen ganz neuen Pontormo zum Beispiel, sehr schönes Ding und schaffte es auf das Cover des aktuellen »Burlington Magazines«. Und dann noch, wenn auch nicht neu, mal wieder das vermeintliche Eyck-Selbstportrait mit rotem Turban. Der Turban ist einfach mal der Wahnsinn, das Bild hängt ja auch offiziell in der NG, und ich kenne es ganz gut, aber heute habe ich einfach diesen Turban gefeiert.

Dann noch »Headlong« von Michael Frayn zu Ende gelesen und für gut befunden, die letzten 400 Seiten des 400-seitigen Buches las ich nahezu in einem Rutsch. Ein Roman über einen Typen, der einen Bruegel findet oder vielleicht auch nicht, jedenfalls tief in das Thema eindringt, und damit bekommt diese Fiktion einen breiten sachbuchigen Hintergrund über niederländische Malerei und natürlich Bruegel im Besonderen.

Das Buch ordnet sich wunderbar ein zwischen Philip Moulds »Sleepers« und Jonathan Harrs »The Lost Painting«, den beiden anderen großen Büchern über die Lust am Finden verschollener Altmeistergemälde.

Usw.


Von Enzensberger zu Hans Hoffmann:
Der rote Pullunder und der fein gemalte Igel

New York, 6. November 2008, 23:50 | von Dique

Heute ein bisschen Starkult, wir gehen in Tom’s Restaurant auf der Upper West Side frühstücken. Es ist das Seinfeld-Diner (Monk’s Cafe), jedenfalls von außen, die Innenaufnahmen wurden woanders gedreht. An den Wänden hängen ein paar signierte Devotionalien, ansonsten ist es ein eher typisches Diner, und wir essen Eggs Benedict.

Der »Spiegel« kostet hier etwas über 8 Dollar, und man bekommt ihn am besten in irgendeinem Universal Press Store, von welchen es leider zu wenige gibt. Für die aktuelle Ausgabe (45/2008) haben sich Matthias Matussek und Markus Brauck mit Hans Magnus Enzensberger in dessen Münchner Wohnung getroffen (S. 76-78).

Die Konstellation Matussek/Enzensberger erlebten wir ja auch neulich im »Kulturtipp« (Folge 63, Trivia), als der SPON-Vlogger ebenfalls bei Enzensberger vorbeischaute, um sich nach dem Verbleib von ›Ding‹ zu erkundigen und auch Hinweise bekam.

Dieses Mal geht es bei der Begegnung aber um den Crash der Weltwirtschaft, das Chaos an den Börsen und die Krise des Kapitalismus. Passend zum Thema trägt Enzensberger einen blutroten Pullunder, und das erinnert mich an eines dieser wunderschönen Fotos von Tina Barney.

Wäre das Autorenfoto tatsächlich von ihr, würde es sicher den Titel »Der rote Pullunder« tragen und würde sich wunderbar in ihre »The Europeans«-Arbeiten einreihen. (Man vergleiche »The Yellow Wall«.) Das Enzensberger-Bild hat eine ähnlich »oszillierende Stille« und Ausgewogenheit wie ihre Portraits.

Enzensberger braucht eine Weile, bis er sich bei seinem Auftritt im Wirtschaftsfeuilleton des »Spiegel« wohl fühlt und beginnt skeptisch und zurückhaltend:

»Warum fragen Sie mich? (…) Ich habe noch nicht einmal Geld verloren. Also warum fragen Sie ausgerechnet mich?«

Das anfängliche Zögern weicht dann aber schnell der abgeklärten Analyse und einer gehörigen Portion Marx:

»Das ist doch grandios. Das ›Kapital‹ war immer ein tolles Buch. Stark in der Analyse, schwach in der Prophezeiung. Und im Kalten Krieg hätte ein solcher Satz noch einen Skandal ausgelöst. Heute dagegen kann der Kapitalismus damit sehr gut leben. Die Kritik ist es doch, was ihn am Leben hält. Hätte es die nicht gegeben, wäre er schon längst an die Wand gefahren.«

Die Tina-Barney-Assoziation schreit eigentlich nach einem Besuch des Museum of Modern Art, denn dort sollen ein paar ihrer Fotos hängen. Vor dem MoMA stehen aber leider immer irgendwie Schlangen und außerdem müssen wir noch mal ins Met, allerdings nicht, ohne uns vorher noch die Adele Bloch-Bauer von Klimt in der »Neuen Galerie« anzusehen.

Die »Neue Galerie« wurde von Ronald Lauder gegründet und widmet sich moderner Kunst aus dem deutschsprachigen Raum, neben Klimt und Schiele gibt es auch viele Objekte der Wiener Werkstätten. Der Teil, in dem normalerweise die Sammlung der deutschen Expressionisten hängt, ist mit einer Alfred-Kubin-Sonderaustellung belegt, also kein Kirchner heute.

Umso schneller gelangen wir ins Met und sehen uns endlich, wie angekündigt, die 300 ausgewählten Montebello-Ankäufe aus 30 Jahren an. Die Ankündigung in der New York Times hatte nicht zu viel versprochen, es handelt sich tatsächlich um »a wonder-cabinet situation, an exercise in proprietorial pride, an unabashed, if surprisingly low-key, display of fabulousness«.

Wir staunen uns durch die Räume, die kleine Duccio-Madonna ist sicher der größte Hit, 45 Millionen Dollar waren vor einigen Jahren für dieses um 1300 entstandene Werk bezahlt worden. James Beck, der Gründer von ArtWatch, bezeichnete das Stück in seinem Buch »From Duccio to Raphael. Connoisseurship in Crisis« als Fälschung, blieb mit dieser Meinung aber relativ allein, und wir wollen ihm auch keinen Glauben schenken.

Wir gehen dann weiter, und es gibt einige Wände mit Altmeisterzeichnungen, Leonardo, Bronzino, Parmigianino, und sogar eine von Jacques Bellange! Und dann passiert das Erstaunliche, ein paar Meter weiter an der gleichen Wand erweckt etwas meine Aufmerksamkeit, und ich nähere mich ungläubig der kleinen Gouache eines Igels, und dann gibt es keinen Zweifel mehr: Es ist ein Hans Hoffmann.

Hoffmann ist der wohl wichtigste Vertreter der so genannten Dürer-Renaissance und war im späten 16. Jahrhundert bei Rudolf II. in Prag tätig. Bekannt ist er vor allem durch seine feinen aquarellierten Tierzeichnungen, darunter einige Kopien, aber auch eigene Erfindungen.

Mehrere seiner Hasenbilder wurden in den letzten Jahren für hohe Summen versteigert. 2001 wurde in New York ein Hase, am Waldrand sitzend, für $2.4 Mio. an das Getty Museum verkauft, und Anfang dieses Jahres ging eine wunderschöne Kopie von Dürers Feldhasen bei Lempertz in Köln unter den Hammer. Und zwar ohne Skandal, obwohl sich dieser Feldhase ursprünglich in der Kunsthalle Bremen befunden hatte – nach dem Krieg geriet er dann »in die Hände der Russen – und war weg« (FAZ).

Der Hase tauchte unter dubiosen Umständen wieder auf und, ziemlich einmalig in so einem Fall, die Bremer ließen die Auktion durchgehen und kassierten dafür die Hälfte der ca. 700.000 ersteigerten Euro.

Wir bestaunen den wunderbaren Hoffmann-Igel und denken an unseren Lieblingssatz von Vasari, der natürlich einem anderen Zusammenhang entstammt und andere Werke meint:

»Diese werden von all denjenigen, die sich mit derartigen Dingen auskennen, wahrlich für wunderschön gehalten.«

Beim Abendessen erzähle ich einem befreundeten Kunstexperten von dem fein gemalten Igel im Met und will gerade noch die Postkarte zeigen, welche ich mir davon mitgenommen habe, da winkt er schon ab, denn nach seiner Ansicht sei das Bild nichts als eine Fälschung.

Es gebe zwei findige Italiener, die diese Art von Tiergouachen in hoher Qualität herstellen, in Renaissance-Rahmen fassen und dann verkaufen, und da komme es schnell mal zu Fehleinschätzungen bezüglich der Echtheit.

Mit einem Indianerblick à la Larry David versuche ich diese Aussagen im Gesicht meines Gegenübers zu verifizieren, aber es gelingt nicht, und niedergeschlagen kaue ich auf meinem Steak, American Beef French Style im Les Halles, Empfehlung von San Andreas und sogar aus Vor-Zagat-Zeiten, er besitze sogar ein Kochbuch des ehemaligen Chefs, Anthony Bourdain.

Bourdain ist ein rechter Rüpel, nachzulesen in seinem Wikipedia-Artikel. Er hat mal eine Kobra gegessen (komplett mit noch schlagendem Herzen), das Rektum eines Warzenschweins sowie den Augapfel eines Seehunds. Das Ekligste, das er je gegessen hat, war aber nach eigener Aussage ein Chicken McNugget.

Usw.


New Yorks verschwundene Buchläden
und ein Besuch bei Sokrates

New York, 5. November 2008, 00:07 | von Dique

Georg Baselitz besitzt eine der besten Sammlungen manieristischer Druckgrafik, und über diese Sammlung gibt es das wunderschöne Buch »La Bella Maniera«, in welchem mir besonders die Stiche von Jacques Bellange ins Auge fallen.

Bellange ist ein Spätmanierist der Schule von Fontainebleau, und man weiß fast nichts über ihn. Seine Gemälde sind fast gänzlich zerstört, doch gibt es ca. 50 Stiche und einige Zeichnungen. Leichtschwebende figürliche Überlängungen, und das ist keine Kopiererei wie so häufig bei den späten Fontainebleau-Malern, sondern Handschrift und Erfindungsreichtum.

Bei bookfinder.com fand ich dann einen Ausstellungskatalog, »The Etchings of Jacques Bellange«, und weil der Laden in New York residiert, wollte ich also persönlich vorbeigehen, um das Stück zu erwerben.

Aber 1 University Place ist ein Apartment House, und da steht nichts von »Design Books«, wie der Laden heißen sollte. Ich habe natürlich auch die Telefonnummer nicht mitgenommen und stehe dumm da, frage aber trotzdem den Doorman und irgendeinen semi-uniformierten Delivery Man, ob sie vielleicht eine Ahnung haben.

Der Doorman hat keinen Schimmer, doch der Delivery Man sagt, dass die hier vor ca. 8 Jahren einen Laden gehabt hätten, »you’re eight years late, man«, sagt er und setzt nach einer kurzen Pause hinzu: »But if you want a book, why don’t you go to Barnes & Noble?« – »I’m not here because I want a book, you moron!«, sage ich dann aber nicht.

Wahrscheinlich operiert Design Books nur noch online. Aber weil wir einmal da sind, gehen wir gleich zur nächsten Adresse, denn hier im Umkreis der NY University gibt es einige interessante Buchläden. Über »12th Street Books« habe ich zum Beispiel noch gelesen, und tatsächlich gibt es unter der Adresse einen Laden, oder wenigstens die Überreste eines solchen, denn an der baumelnden Sonnenblende steht mit Sprühfarbe, dass sie nach Brooklyn umgezogen sind. Was für ein Tag.

Ein paar Straßen weiter dann die Rettung, »Strand Bookstore«. Motto dieses Ladens: »18 Miles of Books«, und genau so sieht es hier auch aus. Stunden später fällt uns ein, dass wir eigentlich endlich mal ins Metropolitan Museum of Art wollen, und wir lassen die Büchermeilen zurück, jeder ein paar Bändchen unterm Arm, wenn auch nicht den Bellange-Katalog.

Das Met schließt schon 17:30 Uhr, also haben wir keine Zeit für lange Lunches, und deshalb gibt es nur einen Oh Henry! Candy Bar, exakt den gleichen, den Sue Ellen Mischke, »the braless wonder«, in der Seinfeld-Episode »The Caddy« (7. Staffel, 12. Folge) in Jerrys Wohnung hinterlässt, also das Einwickelpapier, welches dann Jerry verrät, woraufhin folgender Dialog beginnt:

Kramer: I see. Yes. Little Miss Candy Bar paid a visit, didn’t she?
Jerry: Kramer, it is not what you think.
Kramer: Ahhhhh! I know what I think. I think you’re gaga over this dame. She’s twisted you around her little finger, and now, you’re willing to sell me, and Elaine, and whoever else you have to, right down the river.
Jerry: And what about you! Tryin‘ to bilk an innocent bystander out of a family fortune, built on sweat and toil, manufacturing quality Oh Henry! candy bars, for honest, hard-working Americans!
Kramer: You’re just out for sex!
Jerry: You’re just out for money!
Kramer and Jerry (together): Ahhhhh!

Die erdnussigen Riegel schmecken übrigens super, besser als Snickers, und als ich zu San Andi sage, dass ich mir davon einen Koffer mitnehmen werde, sagt er, dass ich dann auf komische Fragen der Zollbeamten sagen kann: »This is my Oh Henry! Candy Bar Fortune«, hehe.

Im Met rennen wir dann so schnell es geht zum »Sokrates«-Bild von David. Wir wünschten, Sébastien2000 wäre bei uns, der beste aller Speed Guides, oder dass wir wenigstens diese hässlichen, aber bequemen MBT-Schuhe tragen würden, die wir in Rom getestet haben. Im Zuge der Finanzkrise hat aber auch Sébastien2000 zu kämpfen, wie er per E-Mail mitteilt, macht er im Augenblick deutlich weniger Touren.

Sokrates sitzt auf dem Bett, und einer seiner Schüler reicht ihm den Schierlingsbecher. Der Becherüberreicher und auch die anderen Schüler befinden sich in dramatischen Posen der Fassungslosigkeit. Angeblich soll Sokrates am Vorabend seines Todes noch Gedichte verfasst haben. Auf die Frage eines Schülers, wie er denn zu diesem Zeitpunkt anfangen könne, Gedichte zu schreiben, obwohl er das vorher noch nie getan habe, antwortete der weise Mann: »Wann soll ich es denn sonst machen«, oder so ähnlich. (Anekdote)

Ansonsten gibt es im Met irgendwie alles, ein Rausch, mehrere dieser frühen Caravaggios mit lüsternen Knaben, die er für den frivol-dekadenten Kardinal del Monte (für die Betonung des Namens bitte die Hughes-Doku kucken) anfertigte, und gleich fünf (von denen wir nur vier sehen) der 36 oder 37 bekannten Vermeer-Bilder.

Wir haben uns zeitlich völlig vertan, und weil wir hier und heute eh nicht mehr viel reißen können, verziehen wir uns auf die Dach­terrasse, auf der wir von einem dieser erzhässlichen Jeff-Koons-Ballonhunde begrüßt werden, dafür gibt es aber eine schöne Aussicht über den Central Park.

Und wenn ich endlich einen iPod hätte, würde ich jetzt »How fortunate the man with none« von Dead Can Dance hören, in dem Brendan Perry folgende Strophe singt:

You heard of honest Socrates
The man who never lied
They weren’t so grateful as you’d think
Instead the rulers fixed to have him tried
And handed him the poisoned drink
How honest was the people’s noble son
The world however didn’t wait
But soon observed what followed on
It’s honesty that brought him to that state
How fortunate the man with none

Abendessen in China Town, im Wo Hop, welches im Zagat (ohne den geht San Andreas nirgendwo mehr rein) als »the basement from hell« angekündigt wird, und außerdem wird eine Brücke zu Woody-Allen-Filmen geschlagen, die ich nicht verstehe, anyway, »the food is excellent«, steht auch im Zagat und stimmt, besonders die Fried Dumplings.


In der Frick Collection:
Wie von Neo Rauch, nur in gut

New York, 4. November 2008, 00:05 | von Dique

Bevor wir ins Theater zu den »39 Steps« gehen, sehen wir uns nach dem Frühstück noch die Frick Collection an, welche stark an die Wallace Collection in London erinnert und, wie ich später bei Wikipedia lese, wurde Henry Clay Frick, der die Kunstwerke zusammengetragen hat, in der Tat von einem Besuch in selbiger Sammlung zu seiner eigenen Kunstvilla inspiriert.

Auch die Themenwahl ist ähnlich, es gibt da einen Fragonard-Saal, viele dieser schönen pompösen englischen Portraits von Gainsborough, Lawrence und Reynolds, ein paar schöne Turners und gleich 3 Gemälde von Vermeer. Aber eben kaum Religiöses oder Militärisches, Themen, die auch der Marquis von Hertford nicht in seiner Sammlung haben wollte.

San Andreas erwähnte bereits das Thomas-More-Portrait von Holbein, welches das Publikum mitunter geschlossen auf die Knie fallen lässt, und gleich gegenüber hängt das vielleicht spektakulärste Werk der Sammlung, der »St. Francis« von Giovanni Bellini. Die New York Times schrieb dazu im Oktober 1915, kurz nachdem Frick es für $250.000 gekauft hatte [PDF]:

When the painting was shown in the Old Masters‘ Exhibition at Burlington House the London critics greeted it with enthusiasm. Sir Sidney Colvin said of it: »It is perhaps the most important page of imaginative landscape painting produced in Italy in the late fifteenth century, and, moreover, is wholly original and exceptional in its treatment of the theme.«

And original it is, in warmem gelblichem Ton, der heilige Franz steht aufrecht vor seiner Höhle, die ausnahmsweise hell und wohnlich erscheint und vor der sich ein eingezäunter Steingarten befindet, ein imposanter Esel steht auf der Wiese und man sieht sogar eine Schnur für die Türklingel. Im Hintergrund, gar nicht weit weg, ist die Stadt, und über den Himmel ziehen Kumuluswolken, farblich sieht es von weitem sehr modern aus, wie von Neo Rauch, nur in gut, und das um 1480.

Die gelbe Sonne spendet spätherbstliche Wärme, doch wir müssen ins dunkle Theater, »The 39 Steps«, wie erwähnt. In der Pause gehe ich zum Restroom, vor dem sich eine Schlange aufreiht. Vor mir ein freundlicher Herr im McCain-Outfit, graue Hose, marineblauer Blazer, und der sagt zu mir, in breitem amerikanischen Englisch: »It’s like a poker game!« – »Like a poker game?« – »Full house, waiting for a flush!«

Naja, zumindest das Stück war hilarious, aber das wissen wir ja schon von San Andreas. Wir gehen dann doch noch mal zum Central Park und stehen am Jackie Kennedy Onassis Reservoir und schauen aufs Wasser. Neben uns spricht irgendein Jogger mit zwei Frauen. Er verabschiedet sich gerade und ruft den beiden im Weggehen hinterher: »And please, if you possibly can, vote for Obama!«

Und wir waren noch immer nicht im Metropolitan Museum of Art …


Lovis Corinth in Leipzig

Leipzig, 21. Oktober 2008, 13:59 | von Paco

Vorgestern: Letzter Tag der Lovis-Corinth-Ausstellung im MDBK. Zeit für mich, noch mal kurz rüberzugehen und heute hier kurz zu berichten, wenn die Ausstellung schon abgebaut ist, wenn also gar keine Möglichkeit mehr besteht, dadurch bei anderen einen Besuchswunsch auszulösen. Indem wir so den Servicegedanken untergraben, geben wir der sympathischen Sigrid Löffler einmal mehr Recht.

Schon während ich die Treppe ins Souterrain (in dem die Wechselausstellungen immer stattfinden) nahm, begann dieses Summen, das sich durch die gesamte Ausstellung ziehen sollte.

Es handelte sich um das überkommene Camouflage-Lied »Love Is A Shield«. Irgendwann wurde mir genau klar: Jemand musste den Künstlervornamen »Lovis« laut vorgelesen und dabei eben diese ältliche Melodie assoziiert haben, die nun als Ohrwurm von Wirt zu Wirt weiterzog, obwohl dieser Soundtrack völlig konträr zu den Bildern stand.

Der in der Schreibung von V zu U latinisierte Vorname (aus Louis wurde eben Lovis) zeigt aber darüber hinaus sofort, mit was für einem Maler man es zu tun hat. Einem intellektuellen Maler, der sich zumindest vor seinem Schlaganfall 1911 vor allem an klassischen Vorbildern abarbeitete, hauptsächlich den Werken des holländischen/flämischen 17. Jahrhunderts.

Deshalb lag diese eine Museumsführerin, die das Gemälde »Geschlachteter Ochse« (1905) mit biografischen Details hinsichtlich irgendwelcher Schlachthausbesuche erklärte, auch erst mal falsch. Wie oft Corinth auch tierische Innereien live gesehen hat, das Bild ist eben vor allem eine manische Reprise des Rembrandt-Vorbilds.

So ging es weiter, mit der »Susanna im Bade« (1890) und den Mutter-Bildern zum Beispiel, immer wieder vor allem Rembrandt, dann aber eben doch auch anderen Sachen.

Das populärste Corinth-Bild, auch dieser Ausstellung, ist natürlich das »Mädchen mit Stier (Charlotte)« (1902). Wieder eine Anlehnung an ein Vorbild, diesmal an den besten Kuhmaler der Welt, Paulus Potter (natürlich ebenfalls Holland, ebenfalls 17. Jh.).

Von dessen Gemälde »Der junge Stier« (1647) weicht Corinth allerdings in einem wichtigen Punkt ab: Statt eines Hirten stellt er neben den Stier ein Abbild seiner Charlotte-Frau, die das sanft dreinblickende Stierungetüm holzhammerartig sanft mit einem rosa Seidenband als Leine gebändigt hat.

Im Umkreis dieses Bildes wurde sogar das »Love Is A Shield«-Gesumme von Grinsgeräuschen übertönt. Überhaupt war Corinth kein störrischer Gemetzelmaler. Die Leipziger Zusammenstellung hob auch den Quatschmacher hervor, der sich in albernen historischen Ritterkostümen selber porträtierte. Für diese Dichotomie hat Hanno Rauterberg in der »Zeit« eine schöne Formulierung gefunden: »Corinth, ein Vulkan, der auch Konfetti speien kann.«

Usw.