Archiv des Themenkreises ›Buchbuch‹


Mit Evelyn Waugh in Abessinien

Hamburg, 29. Juli 2010, 13:03 | von Dique

Laut Ann Pasternak Slater ging Evelyn Waugh 1930 auf eine Party, wo ihm ein Freund davon erzählte, wie er in Kairo mit zwei abessinischen Prinzen zu Tisch saß. Beide hatten sie seidene Umhänge getragen und dazu eine Melone, die sie beim Essen aufbehielten. Keiner der beiden sprach eine Sprache, die einer der anwesenden Übersetzer hätte übersetzen können.

Waugh war von dieser kleinen Geschichte vollauf begeistert, beschäftigte sich ein wenig mit dem märchenhaften Herkunftsland der Prinzen und schaffte es schließlich, als Sonderkorrespondent der »Times« nach Abessinien zu reisen, zur Krönung des Königs der Könige, Haile Selassie.

Waugh zog noch ein bisschen weiter durch Afrika und veröffentlichte seinen Reisebericht dann unter dem Titel »Remote People«, auf Deutsch in der »Anderen Bibliothek« bei Eichborn erschienen, noch zu Enzensbergers Zeiten, in einer schönen Ausgabe, grünlicher Sammet mit blauen Tupfen darauf (UMBL berichtete).

Bis zur Krönung des Königs der Könige verbringt Waugh viel Zeit mit den anderen Westlern, die angereist sind, und um aller Wohlergehen kümmert sich ein Deutscher, ein gewisser Mr. Hall. Dieser ist überaus freundlich, hört sich stets alle Probleme und Beschwerden der Besucher an, schreibt sie auf, verspricht sich zu kümmern, verschwindet und tut dann aber eben – nichts.

»Da war ein Mr. Hall, in dessen Büro ich viele hektische Stunden verbrachte, ein Kaufmann deutsch-abessinischer Abstammung, extrem gutaussehend, geschmackvoll gekleidet und monokeltragend, ein Mann von ausgesuchter Höflichkeit und ein außergewöhnliches Sprachtalent.« (S. 45)

Dieser Mr. Hall war während der Feierlichkeiten für so ziemlich alles zuständig:

»Wenn die italienische Telegraphengesellschaft eine Stunde Pause machte, nahm Mr. Hall die Beschwerden entgegen. Wenn ein allzu eifriger Polizist jemandem den Zutritt zu einer Zuschauertribüne verweigerte, (…) Wenn kein Omnibus da war, (…) wenn jemand aus irgendeinem Grund in Addis Abeba schlechte Laune hatte (…), stets wandte man sich an Mr. Hall. Und welcher Sprache man sich auch bedienen mochte, Mr. Hall verstand und fühlte mit. Mit geradezu weiblicher Geduld beruhigte er den Betreffenden, mit männlicher Entschlossenheit notierte er die Angelegenheit deutlich auf seinem Notizblock. Dann erhob er sich, verbeugte sich und komplimentierte den besänftigten Besucher mit einem Lächeln und der Versicherung seines guten Willens wieder hinaus – und unternahm rein gar nichts.« (S. 45/46)

Waughs Bücher sind voll solcher sympathisch-grotesker Charaktere, aber Mr. Hall rangiert auf der Topliste weit vorn. Neben diesem Reisebuch veröffentlichte Waugh noch zwei Romane, die auf abessinischem Terrain angesiedelt sind, »Scoop« und »Black Mischief«, und ein weiteres Reisebuch. Alles inspiriert durch die ihm zugetragene Geschichte von zwei Prinzen, die zum traditionellen Gewand Melone trugen, auch während des Essens.


Maxim Biller: Der gebrauchte Jude

Saint-Jean-de-Luz, 28. Juli 2010, 10:43 | von Paco

Ein sehr lesefreundliches Buch, erzählt in 61 kurzen Snippets. Man muss nie mehr als zweimal umblättern bis zum nächsten Kapitel. Immer wenn ich zurückkam aus dem Wasser, vom Eisstand oder von einer Runde Beachvolleyball, lag das Buch noch aufgeschlagen da, und im Verlauf einer Strandwoche war ich dann durch.

Es ist jetzt zwar etwas angenässt und voller Sandkörner, aber ich werde versuchen es weiterzuverleihen, denn das Buch ist so ein unglaublicher Hammer. Besonders gelungen sind die Kapitel 4, 17, 34, 41 und 56.

Als nächstes wollte ich ein von Biller empfohlenes Thomas-Mann-Buch anfangen, da waren aber die Kapitel zu lang für den Strand, ich kann davon unter diesen Umständen nur abraten.

Glücklicherweise ist heute an den Kiosken des französischen Basken­landes der neue »Spiegel« eingetroffen, also werde ich erst mal die Aufmacherstrecke zu den »Afghan War Logs« lesen, die auch sehr lesefreundlich gestückelt ist.


Winckelmanns Spaziergang von Halle nach Hamburg

Hamburg, 14. Juli 2010, 10:07 | von Dique

Grundsätzlich bin ich immer fasziniert von langen Laufstrecken, aber wer ist das nicht, deshalb geht die Menschheit auch dem Ich-bin-dann-mal-weg-Kerkeling (ein Rainald Goetz’sches »Ja! Jaaa!« danach) auf den Leim, aber ich rede hier natürlich eher von Seume, Fermor oder Brâncuşi, der sich 1904 von Bukarest nach Paris aufmachte, um die moderne Skulptur zu revolutionieren, und man könnte noch 400 weitere Beispiele aufzählen. Eines davon Winckelmann:

»…, als er sich zu Fuß nach Hamburg aufmachte, wo gerade die Bibliothek eines Verwandten des Theologen Samuel Reimarus, des Schwagers von Lessing, versteigert wurde. Winckelmann kaufte sich, was er erschwingen konnte, und trug die Bände im Rucksack nach Hause.«

Dazu muss man wissen, dass er gerade an der Uni Halle studierte und sich von dort aus aufmachte, also mehr als 300 Kilometer zu Fuß zum Book Shopping Trip von Halle nach Hamburg. Das erzähle ich dann also dem Zeitungsverkäufer, der wie immer auf irgendwelchem Essen kaut, wenn ich die FAZ und die SZ dort kaufe. Außerdem riecht es hier im ganzen Laden immer irgendwie nach Butter.

Der Kauer kommt immer von hinten, wahrscheinlich aus einem kleinen Raum am Ende des Ladens hervor. Er muss dort stapelweise belegte und unterbutterte Brötchen liegen haben, die er den ganzen Tag lang isst, bis es an der Tür schellt und jemand in den Laden kommt und er dann kauend an den Tresen treten muss.

Und nun beginne ich mit diesem kauenden Zeitungsverkäufer ein recht komisches Gespräch, es geht soweit, dass ich Winckelmann erwähne und Reimarus und die nach ihm benannte Straße gleich hier um die Ecke. Und er, der Kauer, nennt dann einfach so die Anzahl der Reimarus-Erwähnungen im Personenregister der neuen Lessing-Biografie von Hugh Barr Nisbet, »58 Mal«, ich hab’s nicht nachgeprüft.


Vorwort zum laufenden Feuilletonjahr (3/2010)

Leipzig, 10. Juli 2010, 09:09 | von Paco

Stämme

1. Motto: »Die Zeitungen von gestern sind viel besser als man gemeinhin glaubt.« (Andreas Platthaus, mp3)

2. Das halbe Feuilletonjahr ist um. Noch 6 Monate bis zur Feuilleton-Meisterschaft, dem Goldenen Maulwurf 2010. Schon jetzt platzt die Longlist aus allen sogenannten Nähten, schon jetzt könnten wir eine Jahres-Top-Ten mit supersten Texten präsentieren. Danke, deutsches Feuilleton. Mehr an dieser Stelle am 11. Januar 2011.

3. Ansonsten war das Feuilleton-Großereignis des Jahres: die im ZDF übertragene Verleihung der Börne-Medaille an Reich-Ranicki in der Paulskirche am 6. Juni. Herles moderiert an, dann treten alle nur denkbaren Überlaudatoren auf: Thomas Gottschalk, Harald Schmidt mit einem Bert-Brecht-Song, Frank Schirrmacher, Henryk M. Broder. Ein unfassbares Powwow allerhöchster Hochkultur, ich selber hab es mir in Abständen drei Mal komplett angeschaut und würde es jederzeit wieder tun.

4. Die Entdeckung des Jahres und unser neues Lieblingsblog: nach21.wordpress.com.

5. Tagung: »Durs Grünbeins Fahrradunfall am 7. Dezember 2008«. Call for Papers folgt.

6. Remember: Der große Eklat, für den einmal der unnachahmliche Jean d’Ormesson gesorgt hat. Der adlige wie rechtsgerichtete Intellektuelle, Autor bildungsprotziger Romane, Möchtegern-Chateaubriand und Le Figaro-Hauptkolumnist erklärte vorlaut den strammen Stalinisten Aragon zu Frankreichs größtem Romancier des 20. Jahrhunderts. Ich war noch klein, kann mich aber noch genau an all die Erwiderungen und endlosen Rechtfertigungen erinnern.

7. Demnächst: Die Best of US-Serien der Saison 2009/2010, analog zu den Vorjahren: 2005/06, 2006/07, 2007/08, 2008/09.

8. Krise des Schlüsselromans.

 
Was bisher geschah:
 
Vorwort Nr. 1/2010Nr. 2/2010

 


Bundespräsidiales Feuilleton

Konstanz, 30. Juni 2010, 07:07 | von Marcuccio

Unter rein feuilletonistischen Gesichtspunkten bleibt ja bis auf weiteres nur ein Bundespräsident wählbar.

Einer, der Hodler und Goya zum Amtsantritt genauso souverän besprochen hat wie er Max-Reinhardt-Inszenierungen rezensiert oder Detlev von Liliencron zum 60. gratuliert hat. Der seine »Architektur-Notizen aus Belgien und Holland« ebenso ins Amt mit einbringt wie seine Abhandlungen über »Gotik in Paris« oder das Baptisterium von Florenz.

Einer, der bundespräsidiale Stippvisiten schon 1909 in Naumburg geübt hat: »Dreieinhalb Stunden Zeit. Es muß reichen. Ich will ja nur die alten Statuen im Dom ansehen.«

Ein Bundespräsident, der zudem auch mit der politischen Farbenlehre vertraut scheint:

»Reichlich viel Violett – das sind die geistlichen Gebiete –, allerhand reichsunmittelbare Grafschaft und Ritterschaft, einige vorderösterreichische Landvogteien, dazwischen eingesprenkelt das harte Rotbraun der Reichsstädte.«

Voilà, Theodor Heuss, wie er sich gerade mit dem Putzger-Atlas in Kunstreiselaune bringt. Heuss – der Abiturient, der keine Ahnung hatte, was er studieren wollte, aber dann halt mal mit »National­ökonomie, Staatslehre, Philosophie, Historie, Kunstgeschichte und Literatur« begann – im Prinzip konnte dieser Heuss nur ein guter Feuilleton-Allrounder werden.

»Einen eigenen, unverwechselbaren Stil entwickelte er aber nicht«, schreibt Reiner Burger von der FAZ in seiner Studie »Theodor Heuss als Journalist«. Vielmehr liegt die Schreib-Leistung dieses Bundespräsi­denten im soliden Bildungsfeuilleton, Burger spricht denn auch vom »Volkshochschulkurs in gedruckter Form«, hehe.

Spannend auch Heuss als Role Model des landsmannschaftlich gefärbten Feuilletonismus, wie er uns in Form von Peter Richter (Sachsen) oder Claudius Seidl (München) bis heute begegnet. So sympathisch befangen zum Beispiel Nils Minkmar immer über das Saarland (be)richtet, so ungeniert lässt Heuss keine Gelegenheit aus, seine schwäbischen Dichter zu promoten.

Heuss hat über »Weinbau und Weingärtnerstand in Heilbronn a. N.« promoviert, zeigt sich in seinen Reisereportagen aber durchaus geschmacksoffen: »Der Wein von Ischia ist recht ordentlich; wir kannten uns schon und haben in den paar Tagen des Besuchs gute Kameradschaft gehalten.«

Sämtliche Originalzitate aus der Sammlung »Von Ort zu Ort« (hrsg. von Hermann Leins, Tübingen 1959, mehrere Auflagen, zuletzt 1986 bei der DVA), antiquarisch erhältlich.


Kafka, redigiert

Leipzig, 24. Juni 2010, 09:55 | von Paco

Man könnte ein ganzes Blog mit Lieblingsstellen aus den Krausser-Tagebüchern bestreiten, »einem der unfassbar hervor­ragendsten Literaturgroßprojekte aller Zeiten«, wie Dique neulich schon schrieb. Auf Jahre hin hätte man Stoff. Gerade ist »Substanz« erschienen, eine Auswahl aus den 12 Tagebuchbänden, aber »Substanz« zählt natürlich nicht, man muss sie schon alle lesen, im Zusammenhang.

An eine Stelle aus dem »März« (2003) habe ich mich wieder erinnert, als ich Florian Illies‘ »Substanz«-Verriss in der »Zeit« gelesen habe. Und selbst der verrisswillige Illies lässt diese Stelle gelten: »Ein einziges Mal, als er auf drei Seiten einen Satz von Kafka auseinander­nimmt und redigiert und verbessert, scheint auf, wieso im begründeten Denkmalsturz eine eigene Größe gewonnen werden kann.« Es geht um den ersten Satz aus Kafkas »Proceß«:

»Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.«

Den Satz hat vor zwei Jahren auch Frank Schirrmacher mal schön exemplarisch auseinandergenommen. Krausser aber macht noch etwas anderes, etwas Unerhörtes, er macht Verbesserungsvor­schläge.

Er schreibt über den Satz: »Das ist nicht schlecht, aber genial?« Und formuliert ihn probehalber um und begründet es damit, dass man »sich heute zugunsten der erzählerischen Komplexität Optionen offen halten« würde, damit das, was im Roman folgt, nicht gleich »als tragisch gestempelt, eingleisig« wäre: »genaugenommen kann man sich den Rest auch sparen«. Kraussers Alternativvorschlag:

»Josef K. glaubte an eine Verleumdung, denn ohne bewußt Böses getan zu haben, wurde er an seiner Haustür verhaftet.«

Krausser schreibt übrigens auch: »Es geht nicht darum, den heiligen Franz zu verbessern. / Aber mal grundsätzlich: wenn heutzutage nicht besser geschrieben werden könnte als zu Kafkas Zeiten, hätte kein Fortschritt stattgefunden. Unsereins stehen so viel mehr Techniken zur Verfügung.«

Also, kleiner Kafka-Sockelsturz, schulbuchwürdig, im positiven Sinn.


Un que les Allemands n’ont pas

Lyon, 17. Juni 2010, 18:40 | von Niwoabyl

français

(Paco à publié son article sur Pierre Assouline dans l’hebdomadaire allemand « der Freitag ». Son Texte est une approche allemande du phénomène « Passou », traduit en français pour notre blog littéraire, Der Umblätterer / Le tourneur de pages.)

deutsch

(Vor einer Woche ist Pacos Artikel über Pierre Assouline im »Freitag« erschienen. Jetzt für den Umblätterer ins Französische übersetzt, damit die Passoulinisten mal sehen können, wie »Passou« in Deutschland rezipiert wird.)

*

Frank Fischer

Un que les Allemands n’ont pas
 
Pierre Assouline et sa petite tasse blanche

Traduit de l’allemand par Niwoabyl

Il compare le talent littéraire de Churchill à celui de de Gaulle. Son texte est suivi de plus de 1200 commentaires. Il écrit sur Georges-Arthur Goldschmidt et son œuvre de traducteur. A nouveau, plus de 1000 réactions. Il polémique contre le dernier roman d’Alain Robbe-Grillet, un livre fait pour le scandale – et provoque encore près de 900 commentaires.

S’il existait un pendant allemand à Pierre Assouline, ce serait sans doute un mélange de Marcel Reich-Ranicki, Martin Walser, Hans Magnus Enzensberger, Matthias Matussek et Don Alphonso. Depuis octobre 2004, Assouline rend compte sur son blog « La république des livres » de la vie littéraire de France et du monde, toujours au rythme des nouvelles parutions, des prix, des scandales, des jubilés et des décès.

Il publie en moyenne une nouvelle entrée par jour, et parfois plus, week-ends et jours fériés inclus – et par « entrée » l’on n’entend jamais le partage sans commentaire d’une vidéo prise sur YouTube, il s’agit toujours d’un texte développé, qui excède souvent les dimensions d’une page de journal. Assouline ne peuple pas non plus de ses critiques et observations culturelles les « cimetières des recensions » dont parlait Peter Glotz. Ses articles trouvent chaque jour, malgré leur longueur étonnante pour un blog, des dizaines de milliers de lecteurs. Jusqu’à présent, Assouline a publié plus de 2030 textes, suivis d’environ 280 000 commentaires. Cela fait en moyenne 140 commentaires par entrée, et, répétons-le : il est ici question de littérature. « La république des livres » fondée par Assouline est à comprendre comme une réponse « républicaine » au « Monde des Livres », le supplément littéraire du quotidien « Le Monde ». Le titre faisait ainsi dès le départ allusion à une tradition du débat qui s’est ensuite rapidement établie dans le cadre même du blog.

passouline.blog.lemonde.fr – commentaires par article (entre le 6 octobre 2004 et le 31 mai 2010)
passouline.blog.lemonde.fr – commentaires par article
(entre le 6 octobre 2004 et le 31 mai 2010)

Comme tous ceux du « Monde », le blog de Pierre Assouline utilise le logiciel WordPress, et son apparence est de la plus grande simplicité. La présentation en serait presque sympathique à force d’amateurisme. Quand un titre s’étale sur plusieurs lignes, certains navigateurs en superposent les lettres, et les illustrations ne s’intègrent pas précisément selon les règles d’une mise en page harmonieuse. Il arrive aussi que la police d’un même article change à plusieurs reprises sans raison, sans doute un résultat du copier-coller.

Un nouvel âge de la conversation

Bien qu’Assouline soit le seul auteur de son blog, le nombre élevé des commentaires montre qu’il ne s’agit pas là d’un one-man-show critique. Ses propres textes ne sont que le sommet de l’iceberg. Les commentateurs ajoutent à chaque entrée leurs compléments, ils ergotent, élargissent le contexte et s’exercent à la provocation. « La République des livres » a aussi ses trolls. Assouline lui-même ne répond que rarement, mais il est très satisfait de la masse de réactions anonymes qu’il suscite. Son blog lui a ainsi fournit la matière d’un livre publié en 2008 par les éditions Les Arènes. L’ouvrage ne contient aucun texte de son cru, mais un choix des 600 meilleurs commentaires, les plus intelligents, les plus drôles ou les plus agressifs, un hommage déclaré de l’auteur à ses lecteurs.

Le titre du volume, « Brèves de blog », reprend les « Brèves de comptoir », très connues et appréciées, de Jean-Marie Gourio, une collection annuelle de propos entendus dans les bistrots et les cafés. Assouline se contente d’y adjoindre une préface, dans laquelle il essaie de décrire la pratique du commentaire comme l’avènement d’un « nouvel âge de la conversation », et invoque une « Critique de la raison blogosphérique ».

« Passou », comme le nomment ses lecteurs en référence à l’adresse du blog (passouline.blog.lemonde.fr), a aussi créé un terme pour désigner ses plus fidèles commentateurs, il les appelle les « intervenautes ». Ces internautes qui prennent la parole sont prédestinés à renouveler la tradition des salons littéraires, justement parce qu’ils s’expriment anonymement. A l’instar du poète portugais Fernando Pessoa avec ses douzaines d’hétéronymes, chacun peut vivre ainsi différents aspects de sa personnalité et se chercher un rôle à l’intérieur de la pratique redéfinie de la conversation.

Mais pourquoi Assouline provoque-t-il tant de commentaires, et pourquoi une figure comme la sienne est-elle impensable en Allemagne? D’abord une réponse simple : Assouline a tant accumulé de capital symbolique qu’on ne peut plus passer à côté. On se doit de le lire. Et même si, comme à l’ordinaire, seul un petit pourcentage de lecteurs rédige des commentaires, cela suffit pour obtenir une production de cette importance.

Pierre Assouline (source: Wikimedia Commons)Assouline, né en 1953 à Casablanca, était déjà un grand nom de la vie littéraire française avant l’internet. Il travaillait, comme critique et comme journaliste culturel, pour plusieurs organes de presse ainsi que pour la radio, entre autre dans la légendaire émission hebdomadaire « Le masque et la plume », où depuis les années cinquante bat le cœur de la France culturelle. Pendant dix ans, il fut rédacteur en chef du magazine « Lire », tout en publiant des biographies populaires, notamment d’Hergé ou de Georges Simenon. Celles qu’il consacra au galeriste de Picasso, Daniel-Henry Kahnweiler, et à Henri Cartier-Bresson sont également parues en allemand. En outre, Assouline est aussi un romancier à très grand succès. Certains de ses romans sont aussi sortis chez des éditeurs allemands, en dernier lieu « Lutetia » (»Lutetias Geheimnisse«) chez Blessing, où doit paraître à l’automne « Le Portrait » (»Das Bildnis der Baronin«).

Et voilà : un « homme de lettre » dans les règles de l’art, qui avait déjà utilisé tous les leviers de la popularité avant même de devenir blogueur. A présent, il consacre jusqu’à cinq heures par jour à son blog. C’est un travail à mi-temps, où il ne fait que ce qu’il a toujours fait : rendre compte, en journaliste, de la vie culturelle. A la différence qu’il dispose dorénavant de centaines de réactions écrites pour juger de son impact. Et l’industrie du livre considère aussi ces commentaires comme des indicateurs de tendances.

Impensable en Allemagne

« Passou » se donne l’allure d’un conservateur de la tradition des cafés. L’accroche de son site est un portrait de lui en train de boire le contenu d’une petite tasse de café, un symbole contre le provincialisme, pour Paris, pour le café comme lieu de culture, pour Jean-Paul Sartre au « Flore ». C’est une autre raison du succès de la « République des livres ». Une grande partie de la vie culturelle en France repose sur la conversation, sur les bistrots, et moins sur les articles culturels des journaux (qu’on ne pourrait en ceci comparer à la tradition allemande du « Feuilleton »). Le soin apporté à la langue orale et à la conversation comme pratique culturelle s’est déplacé sur l’internet, où il prend une forme écrite, par exemple sous la forme des commentaires d’un blog.

D’autre part, le rapport avec la tradition littéraire est différent en France. Dans les librairies, au rayon des livres de poche, les classiques sont nettement majoritaires. Et ces classiques sont populaires, ils sont accueillis avec beaucoup moins de distance qu’outre-Rhin. Comparons seulement le lectorat de Wieland ou de Goethe en Allemagne avec celui de Voltaire et d’Hugo en France, sans parler de Balzac, Maupassant, Zola, dont le succès paraît bien supérieur à celui par exemple de Fontane.

Assouline se veut un représentant de cette grande tradition, c’est sur cet arrière-plan qu’il met en place, avec la meilleure conscience du monde, son programme boulevardier. En contrepartie, il peut porter un oeil critique sur les auteurs et les débats d’aujourd’hui. C’est justement parce qu’ils se présentent comme une « littérature contre la littérature » que les enfants terribles des lettres françaises, au premier rang desquels Michel Houellebecq ou Christine Angot, rencontrent tant de lecteurs et déclenchent tant de discussions.

A côté de la littérature française, Assouline écrit de préférence sur les écrivains anglais, espagnols ou allemands. Son intérêt pour ces derniers s’arrête dans le temps au Groupe 47, mais il observe précisément tout ce qui concerne Ingeborg Bachmann, Paul Celan, Peter Handke ou Günter Grass. Et s’il y a du scandale, comme lors du refus d’accorder le prix Heine à Handke, ou des aveux de Grass d’avoir appartenu à la Waffen-SS, il trouve aussi à qui parler. En quantité au moins, ces débats français devraient avoir laissé leurs équivalents allemands loin derrière eux. Le déchaînement de commentaires n’est cependant jamais aussi sûr que lorsqu’il en va d’auteurs à la fois discutables et brillants, Ernst Jünger par exemple, Ernst von Salomon, ou bien d’écrivains français assez comparables, comme Céline. Et dernièrement, bien sûr : Jonathan Littell.

Ces noms se retrouvent aussi dans les « Feuilletons » allemands, mais la blogosphère germanophone, avec sa surproduction de blogs sur les médias et pour la vigilance à leur égard, leur fait place bien moins facilement. On y parle de littérature avant tout quand se présente un scandale facile à saisir, comme l’affaire Hegemann. Ce n’est peut-être pas si grave qu’il n’existe pas de Pierre Assouline allemand : devant le croisement proposé plus haut, nous pourrions bien prendre peur.
 


Die Südharzreise:
»Reprise, 2. August 2009«

Leipzig, 15. Juni 2010, 23:47 | von Paco

Die Original-»Südharzreise« hat am 3. Oktober 2008 stattgefunden. Zehn Monate später sind wir die Autobahn 38, diese Kultursuper­strecke, noch einmal abgefahren. Dabei sind die Fotos für das Buch entstanden, das im März bei SuKuLTuR Berlin erschienen ist. Nur 31 der Bilder sind gedruckt worden, aus dem restlichen Material hat San Andreas jetzt eine Fotoerzählung in 139 Bildern zusammengestellt, die man hier durchscrollen kann:

http://www.zerstoerung.org/suedharzreise/reprise/

Es gibt dort neue Aufnahmen der Nietzsche-Tankstelle am Ortsaus­gang von Lützen zu bewundern, abenteuerlich sanierte Plattenbauten, wunderbare Weitsichtfotos der A38 (Hommage an Mattheuer), Szenen von den kreuzenden Bundes- und Landstraßen …

Thyratalbrücke von unten

… Lieblingsmotive wie die Blumenverkäuferin, die nebenbei als letzte deutsche Kaiserin firmierte, Fetischbilder der Popliteratur wie das wieder mal geschlossene Kaffee Kolditz in Sangerhausen, eine Studie des Thomas-Müntzer-Denkmals in Stolberg, die preisgekrönten Stadtvillen von Leinefelde-Süd, die aus einem 180 Meter langen Plattenbauriegel geschält wurden …

Stadtvillen Leinefelde-Süd

… und immer wieder formvollendete Readymade-Klohäuschen auf Autobahnrastplätzen.

Der Tag der Tour, der 2. August 2009, fiel zufällig auf den 75. Todestag Hindenburgs. Wir merkten das erst, als wir uns über einen schüchter­nen kleinen Blumenstrauß wunderten, den jemand auf die nach dem Krieg umgestürzte und vergrabene, jetzt aber wieder ans Licht geholte Hindenburg-Statue unterhalb des Kyffhäuserdenkmals geworfen hatte:

Umgestürzte Hindenburg-Statue mit Blumenstrauß

Auch sonst war nicht alles so wie im Jahr davor, und durch den Som­mertermin der »Reprise« fanden viele Nachtkapitel aus dem Buch nun im Hellen statt.

Das Buch steht nach wie vor unter einer Creative-Commons-Lizenz und kann frei heruntergeladen (PDF, HTML) oder auch für 10 Euro bei Ama­zon erstanden werden. Die 31 im Band gedruckten Bilder sind bereits – versehen mit Geotags – in den Wikimedia Commons und bei Flickr zu finden. Die Mehrzahl der »Reprise«-Bilder folgt in den nächsten Tagen.
 


Die FAS vom 13. Juni 2010:
Der Sfumato-Look alter Gemälde

Leipzig, 13. Juni 2010, 16:12 | von Paco

Höhere Wesen befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen!Sigmar Polke ist gestorben, auf der Frontpage des heutigen FAS-Feuilletons wurde daher heute die rechte obere Ecke schwarz gemalt, schönes Zitat.

In der Seitenleiste direkt darunter hängt dann, The­menwechsel, der Aufruf einiger Kulturmenschen, die sich für Joachim Gauck als zukünftigen Bundespräsiden­ten aussprechen. Nicht dabei ist der Name Christa Wolf, das hat bekannte Gründe, aber da nächste Woche bei Suhrkamp eh ein neuer Roman von ihr erscheint, muss sie auch keine Petitionen unterschrei­ben, um es auf die erste Seite des FAS-Feuilletons zu schaffen.

Christa Wolf ein Trekkie?

Volker Weidermanns Artikel zum Buch ist eventuell, soweit meine Vermutung, besser als das Buch selber, ein Christa-Wolf-Buch mit Christa-Wolf-Themen:

»Sie, die Autorin der Selbsterforschung und der Wahrheitssuche – sie hat vergessen, dass sie eine Weile lang Informelle Mitarbeiterin der Staatssicherheit gewesen ist und Berichte über Kollegen schrieb. ›Das hatte sie vergessen.‹ Dieser Satz ist der Angelpunkt des Romans.«

Es geht auch einmal mehr um den 4. November 1989 usw. usw., aber immerhin trägt das Buch den schönen Doppeltitel »Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud« und spielt in Kalifornien, wo sich die im Buch vorkommende DDR-Schriftstellerin kurz nach der Wende als Stipendiatin aufhält.

Und so werden auch ein paar andere Sachen in das Buch gespült, zum Beispiel »Star Trek«, und zwar das »Next Generation«-Star-Trek mit Käptn Picard. Die Autorin schaut sich das jedenfalls Abend für Abend an, trinkt dabei eine Margarita und isst ein Käsebrot.

Roland »Shakespeare« Emmerich

Für die Rubrik »Nackte Wahrheiten« (S. 29) hat Peter Richter festgestellt, dass Joachim Gauck das FAS-Feuilleton liest, denn auf der großen Spargelfahrt des »Seeheimer Kreises« der SPD hat er den Aufmacher der letzten Woche zitiert.

Auf derselben Seite findet sich ein Bericht vom Set des neuen (oh Gott:) Roland-Emmerich-Films »Anonymus«. So schlimm wie zuletzt scheint es aber nicht zu werden, es geht immerhin um: Shakespeare! Um die immer mal wieder infrage gestellte Urheberschaft seiner Werke.

Der Film wird in Babelsberg gedreht, und der Peter-Körte-Artikel ist vor allem ein Lob des Szenenbildes: »Die Halle ist neblig, was weniger das Londoner Wetter simulieren als den Bildern jenen Sfumato-Look alter Gemälde verleihen soll, den Emmerich und seine Kamerafrau Anna Foerster im Auge haben.«

Noch eine schöne Beobachtung: »Das Casting im Brandenburgischen hat viele bäuerliche Physiognomien zu Tage gefördert«. – Zum Schluss des Artikels wird vorgeschlagen, die Kulissen des nachgebauten Globe Theaters nach dem Dreh nicht abzureißen, sondern stehen zu lassen: »Da wird sich doch in Berlin wohl irgendwo eine Freifläche finden.«

Ich las dann noch ein wenig kreuz und quer, und genau in dem Moment, als ich die FAS aus der Hand legte, verschwand die Sonne hinter einer dicken Kumuluswolke.


Listen-Archäologie (Teil 4):
Mark Twain über deutsche Zeitungen (1880)

Konstanz, 9. Juni 2010, 08:10 | von Marcuccio

Wie San Andreas vorgestern schon festgestellt hat, schreibt Mark Twain in »A Tramp Abroad« (1880) sehr schöne Sachen, bezeichnet zum Beispiel Götz von Berlichingen als »den deutschen Robin Hood« usw. Im Anhang des Bandes gibt es auch die folgende Aufzählung (Spiegelstriche von mir, Twain selbst spricht aber auch von »Liste«, das Zitat stammt aus der dt. Übersetzung von Ana Maria Brock, das Original ist z. B. hier zu finden):

»Die Tageszeitungen von Hamburg, Frankfurt, Baden, München und Augsburg sind alle nach ein und demselben Schema aufgebaut. (…) Sie enthalten

  • keinerlei Leitartikel;
  • keine Personalien – und vielleicht ist das eher ein Vorteil als ein Nachteil;
  • keine Humorspalte;
  • keine Reportagen aus den Polizeigerichten [Gisela Friedrichsen schrieb halt noch nicht für den »Spiegel«, hehe];
  • keine Berichte über Verhandlungen vor höheren Gerichten;
  • keine Nachrichten über Boxkämpfe oder Hundekämpfe, Pferderennen, Gehwettbewerbe, Segelregatten, Schießwettkämpfe oder andere sportliche Dinge irgendwelcher Art;
  • keine Wiedergaben von Bankettreden;
  • keine Spalte für Kuriositäten und Seltsamkeiten irgendwo zwischen Wahrheit und Geschwätz;
  • keine ›Gerüchte‹ über irgend etwas oder irgend jemanden;
  • keine Voraussagen oder Prophezeiungen über irgend etwas oder irgend jemanden;
  • keine Listen erteilter oder beantragter Patente, auch keinen Hinweis auf solche Dinge;
  • keine Schmähung öffentlicher Beamter, seien sie groß oder klein, oder Beschwerden über sie oder Lobreden auf sie;
  • sonnabends keine religiöse Spalte;
  • montags keine wieder aufgewärmte, abgestandene Predigt;
  • unter ›Lokales‹ keine Enthüllungen darüber, was in der Stadt geschieht – tatsächlich wird nichts von lokaler Bedeutung erwähnt, was über die Schritte eines Prinzen oder das beabsichtigte Zusammentreten irgendeiner beratenden Körperschaft hinausginge.

Nach einer so gewaltigen Liste dessen, was man in der deutschen Tageszeitung nicht findet, könnte man mit Recht die Frage stellen, was denn überhaupt darin stünde. Sie ist leicht beantwortet:

  • eine Kinderhandvoll Telegramme, hauptsächlich über europäische nationale und internationale politische Vorgänge;
  • Briefkorrespondenz über dieselben Dinge;
  • Marktberichte.

Bitte sehr. Daraus setzt sich die deutsche Tageszeitung zusammen. (…)«

________________
Mark Twain: »Bummel durch Europa« (»A Tramp Abroad«, 1880). Hier zitiert nach Mark Twain: Gesammelte Werke in fünf Bänden. Herausgegeben, mit Anmerkungen und einem Nachwort versehen von Klaus-Jürgen Popp. Band III. München: Hanser 1966. S. 1097f.