Archiv des Themenkreises ›Buchbuch‹


St. Petersburg, Missouri

auf Reisen, 7. Juni 2010, 20:07 | von San Andreas

Was viele nicht wissen: der Begriff ›twain‹ kommt vom mittelenglischen ›tweien‹ und bedeutet ›zwei‹. Und das Kommando, das der Missis­sippi-Lotse dem Dampfschiff-Steuermann Samuel Langhorne Clemens zur Einhaltung sicherer Fahrwasser von zwei Faden Tiefe regelmäßig zurief, sollte später dessen Pseudonym werden: Mark Twain.

Was viele ebenso nicht wissen: Mark Twain wurde geboren, während der Halleysche Komet die Erde passierte, erfand eine Art Hosenträger, sah in einem Traum den Tod seines Bruders in einer Schiffsexplosion voraus, kämpfte zwei Wochen lang im Sezessionskrieg für die Südstaaten, lebte einmal neun Monate im Wiener Hotel Krantz, versuchte sich als Goldgräber in Nevada, benutzte als erster Autor überhaupt eine Schreibmaschine, experimentierte oft mit Nikola Tesla in dessen Labor, überlebte all seine sechs Geschwister und drei seiner vier Kinder, ruinierte sich mit dem Versuch, eine Setzmaschine zu perfektionieren, und starb, während der Halleysche Komet die Erde passierte.

Die meisten Menschen kommen ohne derlei Twain-Trivia durchs Leben, aber für manche gibt es nichts Interessanteres. Das sind die Twainiacs, und sie haben dieses Jahr viel zu feiern: Im April jährte sich Twains Todestag zum 100sten Mal, seinen 175. Geburtstag begeht man im November, und im Februar ist Twains berühmtestes Werk, »Adventures of Huckleberry Finn«, 125 Jahre alt geworden. The Year of Twain. Jahrestage, die dem Meister selbst ein Gräuel gewesen wären:

»What ought to be done to the man who invented the celebrating of anniversaries? Mere killing would be too light …«

Das hält die Wallfahrtsorte der Twain-Verehrung nicht davon ab, in diesem Jahr jede Menge Twain-Spektakel zu veranstalten: In Hartford, Connecticut, wo Twain 17 Jahre lang lebte, gibt es über 40 Ausstel­lungen und Events, unter anderem eine Gruseltour durch den alten Keller des Twain-Domizils. In Elmira, New York, dem Wohnort der Familie seiner Frau, finden Vorträge und Mark-Twain-Dinners statt. Selbst das Begräbnis wurde nachgestellt, inklusive kostenloser Mark-Twain-Regenschirme für die Trauergäste (der 24. April 1910 war ein Regentag).

Zentrum aller Festivitäten aber ist Hannibal, Missouri, die Stadt von Twains Jugend und Vorbild für das St. Petersburg seiner Bücher. Hier steht das Wohnhaus der Familie Clemens noch, Muster für das Zuhause von Tom Sawyer, ebenso die Häuser von Twains Schul­freunden, die die Charaktere Huck Finn und Becky Thatcher inspirierten, und hier befindet sich die Höhle, in der seit 1886 Führungen für Twain-Fans angeboten werden.

Glascock’s Island, die bewaldete Insel unweit der Stadt, wurde kurzerhand in Jackson’s Island umbenannt, genauso wie Holiday’s Hill, der heute Cardiff Hill heißt. Warum hat sich Hannibal nicht gleich St. Petersburg genannt? Amerika ist doch da sonst nicht zimperlich: In Mississippi gab sich eine Stadt nur deswegen den Namen Oxford, damit der Staat die Uni dort hinbaute (was auch geschah). Und Eddy, New Mexico, nannte sich aufgrund einer lokalen Mineralquelle nach dem tschechischen Kurort Carlsbad, wollte ein Spa in der Wüste werden (was nicht geschah).

Nichtsdestoweniger lässt sich Hannibal in Sachen Twain-Kolorit nicht lumpen, insbesondere nachdem die Industrie weggezogen ist und die Stadt sich dem Tourismus an den Hals schmeißen musste. Es gibt ein Mark Twain Motor Inn, ein Huck Finn Shopping Center, einen Injun Joe Campground, ein Mark Twain Drive-In Restaurant, einen Sawyers Fun Park.

Selbst das Mark Twain Mental Health Center versucht sich literarische Grandezza zu verleihen. Das Konterfei des Autors schmückt Cola-Automaten und Bushaltestellen, es locken Kutschen, Trams und Ausflugsboote mit original Mark-Twain-Touren, und im Straßenbild tauchen schon mal schnurrbärtige Twain-Lookalikes auf, die unaufgefordert Aphorismen absondern:

To create man was a fine and original idea; but to add sheep was a tautology.

Quitting smoking is easy, I’ve done it thousands of times.

It usually takes more than three weeks to prepare a good impromptu speech.

Suppose you were an idiot and suppose you were a member of Congress. But I repeat myself.

Those that respect the law and love sausage should watch neither being made.

Bill Bryson hat Hannibal auf seiner Reise durch Small-Town America besucht, und das erste, was ihm im ›Mark Twain Boyhood Home & Museum‹ auffiel, waren die Stromkabel, die Sperrholz-Raumteiler und der PVC-Belag im garantiert authentischen Kinderzimmer des kleinen Sam Clemens. Die Stadt selbst kam ihm »sad and awful« vor, ihr beschworener Südstaatencharme schien nie dagewesen zu sein, und er »began to understand why Clemens didn’t just leave town but also changed his name.«

Es wundert nicht, dass Bryson die Disneyfizierung des Twain-Andenkens so betrüblich findet, war Twain doch ein Pionier in Brysons eigener Domäne, der des humoristischen Reiseberichts. In »A Tramp Abroad« (1880) beispielsweise verarbeitet Twain seine zweite Europareise, die ihn von Heidelberg über die Schweizer und die Französischen Alpen bis nach Venedig führte.

Interessanterweise war der Trip – wie jener im Bryson-Klassiker »A Walk in the Woods« – als monumentale Wanderung geplant, doch hat sich Twains literarisches Alter Ego – wie Bryson – überschätzt. Beide Autoren reisen auch mit einem Kompagnon; allerdings hat sich Twain seinen – zwar modelliert nach seinem Kameraden Joseph Twichell – bloß ausgedacht. Man sagt, Mark Twains Reiseberichte wären so fiktional wie seine Romane autobiografisch sind.

Im Anhang des Buches versteckt sich Twains herrlicher Essay »The Awful German Language«, das jeder Deutsche einmal gelesen haben sollte, allein um eine Ahnung davon zu bekommen, welch schier undurchdring­liches Dickicht die deutsche Sprache mit ihren trennbaren Verben und ihren verschachtelten Parenthesen für einen Ausländer darstellt.

Twains Deutsch war indes ganz gut, sogar so gut, dass er Vorträge hielt und zur allgemeinen Erheiterung mit ornamentalen Verbphrasen wie »haben sind gewesen gehabt haben geworden sein« nur so um sich schmiss. Mark Twain hat auch den »Struwwelpeter« übersetzt. Was viele nicht wissen.


Rainald Goetz bei Harald Schmidt

Leipzig, 3. Juni 2010, 08:44 | von Paco

Es ist ja nicht viel passiert, damals, am 8. April 2010. Das Gespräch dauerte keine 11 Minuten. Aber: Auf diese mediale Begegnung sind die letzten zehn, zwölf Jahre des Neueren Feuilletonismus zugelaufen. Und das Warten hat sich gelohnt. (Replay bei YouTube.)

Seit »Abfall für alle«, noch wichtiger aber: seit »Dekonspiratione«, dem besten Goetz-Buch des 20. Jahrhunderts, das gerade noch rechtzeitig für diesen Superlativ, nämlich im Jahr 2000, erschienen ist, seit diesen beiden Büchern also warten wir, wir alle, auf ein Hereinschneien von Rainald Goetz in irgendeine Show von Harald Schmidt.

In »Dekonspiratione« ging es ziemlich lutheranisch um eine Reformierung der damaligen Sat.1-Harald-Schmidt-Show, zuletzt in »Klage« wurde Schmidt seltener erwähnt, manchmal aber schon noch, zum Beispiel der Auftritt von Christian Kracht in der Show vom 12. Oktober 2001.

Eine stilistische Anspielung auf das Kracht-Gespräch gibt es auch im Goetz-Schmidt-Showdown, der, wie gesagt, am 8. April 2010 in der ARD stattfand. Wenn nämlich Goetz auf die zuspitzenden Fragen von Schmidt einfach nur begeistert »Ja« schreit, immer wieder, also eigentlich nur drei, vier Mal, aber das ist genau derselbe affirmative Gestus wie bei Kracht in der Passage, in der es um die Schrecklichkeit Berlins geht (+1):

Schmidt: Empfinden Sie deutsche Menschen als unfreundlich?
Kracht: Zum großen Teil, also in Berlin vor allen Dingen, also Berlin ist sehr, sehr schrecklich.
Schmidt: Kann man sagen, dass Berlin insgesamt grässlich ist?
Kracht: Ja, Berlin ist die schrecklichste Stadt der Welt.
Schmidt: Entsetzlich?
Kracht: Entsetzlich.
Schmidt: Widerwärtig?
Kracht: Ja.
Schmidt: Ekelerregend?
Kracht: Ja.

Dieser Gestus dann auch bei Goetz, als sozang Klangzitat, denn inhaltlich geht es um ganz etwas anderes, um die Mittelnamen, die er einigen Leuten in »loslabern« verpasst. Diese Passage lebt als Zitat, richtig gut ist sie nicht, Schmidt hat sie auch nur initiiert, um an einer bestimmten Stelle schnell ein neues Thema in die Arena zu schießen. Also so:

Schmidt: Sie sind sehr virtuos im Verteilen von Mittelnamen. Sie schreiben zum Beispiel »Friede ›Kindermädchen‹ Springer«.
Goetz: Ja!
Schmidt: Sie schreiben »Jörg ›Lebensmensch‹ Haider«.
Goetz: Ja!
Schmidt: Sie schreiben »Wolfram ›die Krise ist vorbei‹ Weimer«.
Goetz: Ja! Ja!!!

Diese Passage, die ja nur 10 Sekunden dauert, findet erst bei Minute 5 statt, da haben sich Schmidt und Goetz schon eingespielt, was am Anfang nicht gleich ganz danach aussah.

Das Gespräch beginnt nämlich etwas schleppend. Goetz kommt erwartungsgemäß mit Notizblock und aktuellem FAZ-Feuilleton hereingeschneit und wirft dabei gleich das leicht ärmelschonernde Wort »Notizen« in den Ring. Beide eiern dann ein wenig herum, Schmidt versucht, eine Gesprächsebene zu finden, und das kann er ja genau gut.

Zunächst funktionert das aber nicht. Goetz ergeht sich in einem Lob der FAZ-Zeitungsseite im Allgemeinen, der Struktur und Bebilderung. Demonstriert wird das anhand der Aufmachung und Anordnung des Hettche-Artikels »Wenn Literatur sich im Netz verfängt«, dem FAZ-Feuilleton-Aufmacher des 8. April 2010. Neben dem Hettche-Artikel steht ein Bild, Goetz hält die Seite hoch und sagt: »Ich finde, das schaut einfach super aus irgendwie.«

Eine Kaffeehausaussage vom Feinsten, aber Schmidt muss das Gespräch woanders hinziehen, auf eine vermittelbarere Ebene. Das Eis bricht glücklicherweise sofort, als sich Schmidt selbst an einer vorsichtigen Zusammenfassung der Hettche-Ideen versucht, und Goetz stimmt dann mit Vorbehalt zu und ergänzt mit herrlicher Unspezifischkeit: »Es ist mehr.«

Dann geht es erst mal mit der FAZ-Apotheose weiter, Schmidt fragt, was Goetz so in die FAZ hineinziehe. Antwort: »Es ist einfach die Faszination der sozang maßgeblichen Stelle, die spricht.« Usw. usw. »Aber, jedenfalls, FAZ, Harald-Schmidt-Show, sozang der maßgebliche Ort, wie verhält der sich, sozang wie nimmt der die intellektuelle Situation, wie antwortet der darauf.« Dann geht es, in Anlehnung an Schmidts Gespräch mit Hans Zippert vor ein paar Wochen, um die »Welt« und den »Orkus Springer« und dann kommt das oben schon erwähnte »Ja! Ja! Jaaa!«

Endlich gibt sich eins ins andere. Es geht um Schirrmachers »Payback«-Buch, Goetz‘ Kritik hat vor allem den Zweck, sein Lieblingsadjektiv »wirr« noch mal hier vor großem Publikum unterzubringen. Schmidt erzählt die Episode aus »loslabern« nach, die beim FAZ-Herbstempfang 2008 spielt. Darin fragt Schirrmacher Goetz nach seiner Eintrittskarte und vermutet, er habe sich »eingeschlichen« (das schönste Wort des Buches, das sich qua Wiederholung so richtig schön entfalten kann).

Maxim Biller wird noch gefeiert, »weil der einfach so tolle Bücher schreibt, ja, absolut, also, das letzte Buch, das ist so ein unglaublicher Hammer, ›Der gebrauchte Jude‹«. Tellkamps »Turm« wird noch angerissen, das Betuliche daran, aber dann nicht diskutiert, es ist einer dieser Sätze, der während des Sprechens mehrmals das Thema ändert. Denn schon muss David Foster Wallace gebasht werden. Helge Malchow habe die Leute »so bequatscht, dass alle Angst hatten irgendwie, dieses sehr schlechte Buch schlecht zu finden«. Eine in »loslabern« beschriebene Malchow-Anekdote von der Frankfurter Buchmesse interessiert Schmidt, ist ja selber KiWi-Autor.

Eine Szene mit Döpfner, Poschardt und Stuckrad-Barre vor der Paris Bar wird beschrieben und an diesem Exempel DAS LOB als Herrschafts­methode erläutert. »Der Rohling muss erst erfunden werden, den gibt es nicht, der auf eine solche Schmeichelei des Chefchefs von solcher Suggestivität nicht weich werden würde« (S. 171), und um ein weiteres Beispiel zu bringen sagt Goetz jetzt zu Schmidt: »Ich blühe ja jetzt auch auf, wenn wir reden, das ist ja ganz normal.«

Dann sind 10 Minuten rum, die letzte Minute ist Ausklang, Overhead, Blumengirlanden, danke schön, bis dahin. Schmidt: »Sie könnten ja mal wiederkommen, länger.« Und Goetz lacht sich kaputt über diese in der Tat furchtbare »Kommen Sie mal wieder«-Rhetorik, auch das ja eine Herrschaftsmethode. Als krönenden Abschluss gibt es noch diesen bereits hier zelebrierten Dialog:

Schmidt: Das Buch, soll ich noch drauf hinweisen?
Goetz: Wie Sie wollen.

Das Schlimme am Goetz-Effekt ist ja nun, dass man jetzt sofort lesen will, wie Goetz selber diesen Auftritt fand, sein eigenes Rüberkommen, das Gespräch mit Schmidt davor, dabei, danach, die YouTube-Kommentare und so weiter, und die GROSSE ERKENNTNIS, die daraus folgt.

Und wenn sich schon mal jemand gefragt hat, ob man Goetz-Bücher irgendwie verfilmen könnte: genau so.


Ein Brief von Umar Vadillo Goicoechea

Hamburg, 22. Mai 2010, 11:05 | von Dique

Morgen wird es hier im Umblätterer wieder eine Massakerminiatur von John Roxton geben, wie jedes Jahr am 23. Mai. Vor ein paar Tagen traf ich John auf ein Stück Butterkuchen in der Konditorei Stenzel, und wir sprachen kurz über die Tradition der Massakerminiatur in der Literatur allgemein und in der Blogosphäre im Speziellen.

Später kamen wir, wahrscheinlich abgekoppelt von diesem Thema, auf Ernst Jünger zu sprechen. Das ging dann vielleicht fünf Minuten so dahin, bis wir aufstanden und gehen wollten, als uns ein allein sitzender junger Mann vom Nebentisch aus ansprach und provokant fragte, was denn mit »dem Arbeiter« sei! Kein »Entschuldigense bitte«, kein »Darf ich mich kurz vorstellen?«, einfach nur: »Ähm, was ist denn mit ›dem Arbeiter‹!«

In retrospect finde ich diesen Anschluss suchenden Fragensteller eigentlich ziemlich superst, auch weil ich gerade den 5. Band von »Siebzig verweht« lese und auf die folgende Stelle stieß. Am 2. Februar 1991, der Golfkrieg ist im Gang, erhält Ernst Jünger einen Leserbrief von Umar Vadillo Goicoechea, in dem ihn der Schreiber seinen moslemischen Bruder heißt. Dann geht es u. a. darum:

»Das Lesen Ihres Buches ›Der Arbeiter‹ in Spanisch hat mich überwältigt. Sie haben den Mythos des ökonomischen Menschen zerbrochen, ein selbst verfasstes Gefängnis, das durch den fortlaufenden Lebensprozess verdeckt wird.«

Es sind tatsächlich einige kulturgeschichtliche Eckdaten, die man einbedenken muss, um sich ein Bild davon machen zu können, was es heißt, dass a) ein spanischer Konvertit b) dieses Buch c) in der spanischen Übersetzung d) im Jahr 1991 liest und sich dann e) auch dazu bemüßigt fühlt, dem Autor knapp 60 Jahre nach Erscheinen des Bandes noch eine Nachricht zukommen zu lassen.

Noch spannender fand ich aber einen Eintrag weiter vorn. Jünger schreibt ja sehr viel über seine Träume, und manchmal fühlt man sich beim Lesen wie Freud nach einer interessanten bis weirden Sitzung oder wie Hitchcock, als er zum ersten Mal Dalís Bauten für die Traumsequenz in »Spellbound« zu Gesicht bekommen hat.

Jedenfalls beschreibt Jünger in einem dieser Träume ein Techtelmechtel mit einer jungen Dame in einem »verwohnten Berliner Hause, einer meiner Absteigen«. Nun steigt er die Treppen bis zum Dachgeschoss in Begleitung eben dieser Dame hinauf, »einer jungen, korrekt gekleideten Lehrerin, Potsdamer Stil«. Die beiden Turteltauben schauen dann durch ein Fenster, »in dem Buchhalter auf Büromaschinen den Hohenfriedberger hämmerten«.

Wenn ich bedenke, dass man ja zum Beispiel auch von John Roxtons Massakerminiaturen träumen könnte, zöge ich es ebenfalls vor, auf dem Höhepunkt der REM-Phase aus einem Schreibmaschinengewitter heraus den Hohenfriedberger zu erkennen.


Erwartung enttäuscht

Hamburg, 15. Mai 2010, 10:35 | von Dique

Einmal Hamburg–Düsseldorf und zurück. Diese Zugstrecke reicht ziemlich genau für die Lektüre von Thomas Bernhards »Untergeher«. Das Buch fand ich nicht nur erfrischend, weil sich der Text ohne Absatz, wie immer bei Bernhard, quasi im Sturm von Buchdeckel zu Buchdeckel bewegt, sondern auch inhaltlich im Kontrast zu dem eben gelesenen »Verfolger« von Julio Cortázar.

Bernhard gelingt das Portrait Glenn Goulds aus Sicht eines, wenn auch fiktiven, engen Freundes und irgendwie auch Biografen deutlich besser, ohne dabei in irgendeine Tiefe zu gehen und zu versuchen, tatsächlich die Person Gould zu entblättern. Natürlich ist Gould nur eine Krücke, ein Pendant zum Untergang des »Untergehers« Wertheimer, doch bleibt das Buch auch ein Quasi-Portrait des grööößten Pianisten aller Zeiten.

Im Gegensatz dazu steht sich der Erzähler und Biograf im »Verfolger«, der Jazzkritiker Bruno, die meiste Zeit selbst im Weg. Die Liebe zum Jazz, die Musik als Lebensmittelpunkt, wird weder über die Figur des Biografen noch über die des drogensüchtigen Jazz-Saxophonisten Johnny Carter/Charlie Parker von Cortázar in bewegende Literatur umgesetzt. So kamen mir die 200 Seiten »Untergeher« deutlich kürzer vor als die 100 Seiten »Verfolger«.

Nun stehe ich im Antiquariat und nehme eine Taschenbuchausgabe des »Untergehers« aus dem Regal, schlage sie auf und werde mit einer handgeschriebenen Kritik des Vorbesitzers konfrontiert, der sich G.S. nennt und sich vor genau 10 Jahren durch das Buch gequält hat:

Suhrkamp-Taschenbuch 2956, Bernhard, Der Untergeher, Handschriftliche Kritik

Beurteilung:
das Buch hat mich
insgesamt enttäuscht,
zeitweise sogar gelang-
weilt, meine Erwartungen
an Autor u. Titel wurden
nicht erfüllt
Note: 3–4 (G.S.)

Ich habe das dann genauso abgeschrieben, in meine Suhrkamp-Taschenbuchausgabe vom »Verfolger«, und schmuggle sie morgen heimlich dort ins Regal.


Herrenlaunen

Konstanz, 13. Mai 2010, 22:08 | von Marcuccio

Früher (siehe auch Florian Illies: Generation Golf) war »Dany plus Sahne«. Heute ist »Dandy plus Käse«. Grund der neuen Milchverede­lungsstufe mit dem Extra-D ist Norma. Die Supermarktkette ediert neuerdings einen dreistückigen Formaggio-Sampler (Pecorino Sardo Maturo, Asiago Pressato, Provolone Valpadana) zum Zweitausendeins-Preis von 7,49 € und bewirbt das Ganze mit dem Oscar-Wilde-Ever­green: »Ich habe einen ganz einfachen Geschmack, ich bin immer mit dem Besten zufrieden.«

Normas neue Blurb-Offensive war schon Thema einer eigenen FAS-Expertise zu den neuen Deluxe-Linien der Discounter.

Discountmäßig nur im Doppelpack gab’s den Dandy zuletzt auch bei den Kritikern. Zunächst eine Sammelrezension in der Zeitschrift für Germanistik (2/2010), und zwar Isabelle Stauffer über

1. Melanie Grundmann (Hrsg.): Der Dandy. Wie er wurde, was er war. Eine Anthologie. Köln etc.: Böhlau 2007.
2. Fernand Hörner: Die Behauptung des Dandys. Eine Archäologie. Bielefeld: Transcript 2008.

Und dann noch ein Dandy-Duo in der FAZ (17. April 2010):

1. Alexandra Tacke und Björn Weyand (Hg.): Depressive Dandys. Spielformen der Dekadenz in der Pop-Moderne. Köln etc.: Böhlau 2009.
2. Ruth Sprenger: Die hohe Kunst der Herrenkleidermacher. Köln etc.: Böhlau 2009.

Böhlau etabliert sich mit diesem Doppelschlag als ultimativer Dandy-Verlag. So generiert man Sammelrezensionen, die man sich endlich nicht mehr mit anderen Verlagen teilen muss.

Ich hätte da aber auch noch ein Dandy-Trio:

»Dandy – Snob – Flaneur.«

Das rosarot-violette, aber ansonsten super solide Fischer-Taschenbuch von 1985 ist via Amazon zum Dandy-Discountpreis von 60 € erhältlich, hat aber all das drin, was der FAZ-Rezensent Felix Johannes Enzian im Band »Depressive Dandys« vermisst, also keywords wie Dandytum, Ästhetizismus, Snobismus, Camp, Pop- und Postmodernität nicht einfach nur synonym verwendet.

By the way feiert »Dandy – Snob – Flaneur« mit Primärtexten von Robert Walser (»Der Verfeinerte«) bis Adorno (»Herrenlaunen«) gerade 25. Die ganze Reihe (hg. von Gerd Stein), in die das Buch gehört, ist ein Kleinod – allein schon wegen der titelgebenden »Kulturfiguren und Sozialcharaktere des 19. und 20. Jahrhunderts«:

Band 1: Bohemien – Tramp – Sponti.
Band 2: Dandy – Snob – Flaneur.
Band 3: Femme fatale – Vamp – Blaustrumpf.
Band 4: Philister – Kleinbürger – Spießer.
Band 5: Lumpenproletarier – Bonze – Held der Arbeit.

Die möchte man sofort alle kennenlernen, kaufen, lesen. Also, wo bleibt die wiederaufgelegte Familiengroßpackung bei Norma oder Thalia?


Listen-Archäologie (Teil 3):
Leonardo: »Ach so, ja, ich kann auch malen«

Hamburg, 8. Mai 2010, 13:20 | von Dique

Leonardo, Study of Horse Ungefähr 1483 schickt Leonardo da Vinci ein Bewerbungsschreiben an Ludovico Sforza. Es besteht aus einer Liste mit vor allem Waffen und Kriegsgerät, die er für den Mailänder Herrscher zum Einsatz bringen will. Diese Liste ist natürlich relativ bekannt und auch recht lang, und der Clou ist dann erst ziemlich am Ende versteckt (Punkt 10.): Dort erwähnt Leonardo, dass er übrigens, falls es Sie, lieber Herzog, interessieren sollte, auch als bildender Künstler exzellent sei.

Ganz zum Schluss erwähnt er dann noch das berühmte Reiterstandbild von Ludovicos Vater, Francesco Sforza, für dessen geplante Umsetzung er sich anbietet. Über zehn Jahre arbeitet er sporadisch an dem Riesenpferd, kreiert das Tonmodell, bekommt aber nie genug Bronze zusammen, damit es auch gegossen werden kann, und 1499 zerstören dann die Franzosen das Modell.

Hier nun der Brief samt Liste in seiner Gänze. Ich las ihn in der schönen Leonardo-Bio von Charles Nicholl, »Flights of the Mind«, zitiere das Anschreiben aber mal lieber nach der Leonardo-Monografie von Hugo Graf von Gallenberg (Leipzig 1834):

Den ganzen Beitrag lesen »


Free Download: »Die Südharzreise«

Berlin, 29. April 2010, 04:52 | von Paco

De grege musarum:

Abstrakter Tourismus zwischen Leipzig und Göttingen

Die A38, die »Südharzautobahn«, ist der Flurgang eines riesigen Open-Air-Museums. Die Strecke führt am größten Denkmal und an der größten Pyramide Europas vorbei, und am weltweit größten Ölgemälde. Die Merseburger Zaubersprüche, über tausend Jahre alt, lagern ebenfalls unweit des Fahrbahnrands. Und auch ein Sehnsuchtsort der deutschen Popliteratur befindet sich hier, das Café Kolditz in Sangerhausen.

Eine Autobahnumrundung in 24 Stunden, 38 Kapiteln, 864 Kilometern.

Die Südharzreise (Buchcover)

 
Die Originalausgabe der »Südharzreise« ist im März 2010 bei SuKuLTuR in Berlin erschienen und kann für 10 Euro (plus Versand) bei Amazon oder anderswo bestellt werden (ISBN 978-3-941592-12-4). Heute gingen dann endlich das offizielle E-Book und diverse andere Dateien live, alle unter einer freien Lizenz:

 
Free Download


Aus diesem Anlass findet heute Abend (29. April) eine kleine Book Release Party statt, und zwar ab 18 Uhr (eher später) in der ZERN Gallery, Heidestr. 46–52, Berlin.

Mit anderen Worten: Meet the Umblätterers.


Free Download: »Die Zerstörung der
Leipziger Stadtbibliothek im Jahr 2003«

Leipzig-Südvorstadt, 23. April 2010, 11:27 | von Paco

Aus der Redaktion:

Die Zerstörung der Leipziger Stadtbibliothek im Jahr 2003 (Buchcover)
»Terrorattacke auf das geschriebene Wort«

Jahrelang hat ein Germanistikstudent systematisch die Bücher der Leipziger Stadtbibliothek verunstal­tet. Jetzt ist er gestellt, doch die Buchstadt sorgt sich um ihren guten Ruf. Von Frank Fischer

 
Free Download

(19 Seiten, PDF, 112 kB)

Die Erzählung ist 2005 in der Reihe »Schöner Lesen« bei SuKuLTuR erschienen, schon damals unter einer Creative Commons-Lizenz. Auf der Frankfurter Buchmesse firmierte sie als, read: Fachbuch, und es gab auch noch ein paar andere Reverberationen:

Christian Spließ im NETBIB WEBLOG (11. November 2005)
Christof Capellaro: Im Fadenkreuz des Schmierers (LIBREAS 01/2006)
Katja Stopka: Vernutzt, verstellt, entwendet (Berlin: Erich Schmidt 2007)

Zum Welttag des Buches 2009 haben Michael Schikowski und Christoph Wortberg das Booklet in Düsseldorf vorgestellt. Und die Biblioteca Central in Valencia hat sich aus Gründen, die auch mich mal interessieren würden, fünf Exemplare gesichert.


Der Zeitungsphilister von gestern als digitaler Bohèmien von heute

Konstanz, 16. April 2010, 01:01 | von Marcuccio

An der Dauerdebatte der letzten Jahre, Online vs. Print, Blogger vs. Journalisten ist ein Aspekt besonders amüsant: Wie stark neben der eigentlichen Medienschelte auch der mit dem neuen Medium verbundene Lifestyle Thema ist. Stellvertretend für diesen Zugriff vielleicht Wolfgang Büschers aparte Musterung des digitalen Bohemién (Best of Feuilleton 2009). Oder, ganz aktuell, Marcus Jauers FAZ- und nicht »Zeit«-Dossier über Blogger.

Gern vergessen wird, dass auch Zeitungsleser im semi-öffentlichen Raum einmal so neu waren die »die Leute mit den Laptops« (Jauer) heute, und sie wurden auch genauso distanziert inspiziert:

»Eine (…) besonders interessante Spezies ist der liberale Zeitungsphilister. Bevor derselbe Morgens seine Zeitung gelesen hat, ist er nur ein halber Mensch; über dem Lesen aber geht ihm ein Licht nach dem andern auf, so daß er abends beim Schoppen über alle Tagesfragen mit zu Gericht sitzen kann und nicht begreift, wie es möglich ist, anderer Meinung zu sein.«

Willkommen in den Jahren nach 1848, die liberale Revolution ist noch so jung wie die digitale heute. Pressefreiheit schien zwar einerseits schon legal und irgendwie fortschrittlich, andererseits aber auch ähnlich unbequem wie die Bloggerfreiheit heute. Und mindestens so verdächtig wie stundenlanges WLAN im St. Oberholz muss man sich die ausufernde Zeitungslektüre vorstellen:

Hasenclever: Das Lesekabinett, 1843, Ausschnitt
(J. P. Hasenclever: Das Lesekabinett (1843), Ausschnitt, Quelle: Commons)

»Eine Art von Hochschulen für das Zeitungsphilistertum sind die Casino-Lesezimmer. In feierlichster Stille, die Denkerstirne bald auf den einen bald auf den anderen Ellenbogen gestützt, sitzen sie hier und machen den Eindruck, als ob auf ihnen zunächst der schwere Beruf lastete, die Welt in ihren Fugen zu halten.«

Wer schreibt dieses ganze schöne Zeitungsleser-Bashing? Es ist der Ultramontanist August Reichensperger, den man bis heute als Außendeko des Kölner Doms besichtigen kann. Er hat ein so genanntes »Rath- und Hülfsbüchlein für Zeitungsleser« geschrieben, das in den 1860ern und ’70ern in rasch aufeinanderfolgenden Auflagen verlegt wird. Das Werk mit dem Titel »Phrasen und Schlagwörter« kommt als getarnte Handreichung für Zeitungsleser daher, ist in Wahrheit aber eine Art Kulturkampf gegen die liberale Presse mit sprachkritischen Mitteln. Polemisch vorgeführt wird, von welch miesen Journalisten-Tricks sich der empfängliche, leider allzu empfängliche Zeitungsphilister immer wieder beeindrucken lässt.

Pressefreiheit und Netzfreiheit

Reichensperger geht vor allem gegen den Strich, wie hedonistisch der Zeitungsphilister die neue Pressefreiheit genießt:

»Was er gestern gelesen hat, weiß er ohnehin meist heute schon nicht mehr; er glaubt aber jedes Mal, wenn seine Zeitungsstunde vorüber ist, wunders, was er gelernt habe, wenn nicht gar gethan habe.«

Am Ende, so Reichensperger, setze sich der Zeitungsfan noch »in den Kopf, er habe ein gutes Theil an allen Erfindungen der Neuzeit, von der Dampfmaschine an bis zum atlantischen Telegraphenkabel, und sieht mit stolzem Hochgefühle auf alle seine Nebenmenschen herab, welche solchen Anspruch nicht erheben zu können glauben.«

Das erinnert an die Web-2.0-Pauschalkritik einer Astrid Herbold oder auch Susanne Gaschke (»Die Netzanbeter«, FAS vom 19. April 2009, S. 13):

»Ein Kennzeichen der Netzbewegung ist ihr hermetisches Vokabular. Wer weiß, was Wikis und Blogs sind, Cookies, Tools, Open Source Software und soziale Netzwerke, der kann seine Zugehörigkeit zur Fortschrittspartei nachwiesen. Natürlich muss man alle diesen neuen Funktionen irgendwie nennen, aber die Begeisterung, mit der dieser Jargon benutzt wird, als ob jeder ihn verstehen müsste, dient vor allem der Abgrenzung zu Uneingeweihten.«

Ob Zeitungsphilister oder Netzanbeter – es geht also nie nur ums Medium, sondern viel mehr und vielleicht vor allem um die ganzen Begrifflichkeiten und das Gefühl drumherum. Zeitgenössisch ist solche Medienkritik notorisch schlecht gelaunt, doch medienhistorisch wird diese schlechte Laune meistens immer besser – im Idealfall sogar richtig unterhaltsam.


Der größte Plebejer der zeitgenössischen Kunst

Hamburg, 30. März 2010, 20:44 | von Dique

»Grimmelshausen ist seit Ende des Dreißigjährigen Krieges nicht mehr Mitglied des deutschen Schriftstellerverbandes.« So kom­mentierte Michael Naumann den angestrebten Generationswechsel, der bei der Eichborn’schen »Anderen Bibliothek« zu seiner Kündigung geführt hat.

In einem der Bände der (guten alten?) Enzensbergerzeit, in Philipp Bloms »Sammelwunder, Sammelwahn«, steht neben vielen anderen supersten Anekdoten zum Thema Sammelei auch eine über den General Franco, er soll den Arm der Heiligen Teresa von Ávila mit sich herumgetragen haben, aber nicht, um damit zu unterschreiben, sich damit zu kratzen oder sonst irgendetwas Nützliches zu tun, sondern wegen der mythischen Kraft dieser Reliquie.

Aus ähnlichen Gründen wollte Rudolf II. unbedingt einen bestimmten Narwalzahn (galt damals noch als Horn des Einhorns bzw. Ainkhürns) und die berühmte Achatschale besitzen, in der durch schattige Einschlüsse der Name Christi zu lesen gewesen sei.

In Bloms Buch gibt es auch ein paar spannende Überlegungen zur Demokratisierung des Sammelns. War das uferlose Zusammentragen wertvoller oder wundersamer Dinge ehedem Privileg, ist die heutige Sammelei in alle Schichten der Bevölkerung vorgedrungen (Bierdeckel, Milchflaschen, Überraschungseiinhalte).

Zum Glück bleibt wenigstens die Kunst schön undemokratisch, siehe Helmut Krausser: »Kunst ist ein aristokratisches Phänomen, kein demokratisches, und erst recht kein plebejisches.« Dieses Zitat ist in der eben erschienenen »Substanz« des 12-bändigen Krausser’schen Tagebuchprojekts zu lesen, immer noch einem der unfassbar hervor­ragendsten Literaturgroßprojekte aller Zeiten.

Vorhin war ich noch in der PopLife-Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle. Die einzige Entschädigung für die schiere Langeweile, die bunte Warholsiebdrucke nun einmal verbreiten, war das in Formalde­hyd eingelegte Goldene Kalb von Hirst, dem vielleicht größten Plebejer der zeitgenössischen Kunst.

Usw.