Archiv des Themenkreises ›Buchbuch‹


Die fünf besten Studenten der Weltliteratur

Hamburg, 30. März 2010, 03:54 | von Dique

 
1. Stanislaus Demba in Leo Perutz: »Zwischen neun und neun«

2. Charousek in Gustav Meyrink: »Der Golem«

3. Anselmus in E. T. A. Hoffmann: »Der goldne Topf«

4. Øien in Knut Hamsun: »Mysterien«

Ein fünfter fällt mir gerade nicht ein, hehe.
 


Die Juso-Vorsitzende und das Feuilleton

Konstanz, 23. März 2010, 07:57 | von Marcuccio

Es scheint noch mehr Stuckrad-Barre-Stammtische in deutschen Zügen zu geben, nicht nur den im ICE Interlaken–Berlin. Im »ICE 5111 nach München, über Leipzig und Nürnberg«, sitzt Stuckrad-Barre himself mit Franziska Drohsel, und weil es dabei zu einer schönen Zeitungsszene kommt, müssen wir aus der »Zugfahrt mit der Juso-Vorsitzenden« hier natürlich noch unbedingt zitieren:

»Sie zieht die ›FAZ‹ aus ihrem Rucksack und sagt, dass sie sich voll blöd vorkomme, aber sie abonniere die ›FAZ‹ nun mal, obwohl die ja nun nicht gerade links sei; das sei irgendwie durch das Jura-Studium gekommen, das ›FAZ‹-Lesen, zu juristischen Themen biete diese Zeitung einfach die ausführlichste Berichterstattung. Den Politikteil lese sie, so’n bisschen die Wirtschaft – und, wenn sie viel Zeit habe, auch das Feuilleton.«

(BvSB: »Auch Deutsche unter den Opfern«, S. 97)


Stuckrad-Barre-Stammtisch im ICE

Berlin, 21. März 2010, 09:29 | von Marcuccio

Im ICE Interlaken–Berlin, irgendwo hinter Frankfurt. Mein Stuckrad-Barre liegt schon seit mindestens Mannheim auf dem Tisch, du packst deinen dazu. Hast du überhaupt nur hier Platz genommen, um jetzt auf mein Buch zu weisen und zu sagen: »Nee, oder?«

Ich begeistert. Du:

–Ja, eigentlich … war ich ja nicht mehr so auf der Stuckrad-Barre-Schiene.
–Aber der hier ist doch gut!
–Absolut! Und er sieht auch wieder aus wie dieses, das ich auch schon so mochte …
–»Deutsches Theater«.
–Genau. Spätestens nach dem Verriss in der »Stuttgarter Zeitung« wusste ich, dass ich den hier haben muss.

Nach der Fahrkartenkontrolle:

–Cem Özdemir schon durch?
–Den Kulturwahlkampf für die Grünen? Yeah! Stuckrad-Barre als Anzugträger vor einem Asia Imbiss in Kreuzberg: »Wäre ich ein Porsche, ich würde vermutlich schon brennen.«

Nach dem Toilettengang:

–Überhaupt das ganze Genre Politikerbeobachtung. Guido Westerwelle im Wahlkampf, die SPD am Wahlabend …
–Michael Naumann beim Versuch, Hamburger Bürgermeister zu werden … Stuckrad-Barre at his very best.

Übereinstimmendes Weiterlesen bis Berlin, ab und zu hörbare Zustimmung, ohne dass wir uns jetzt erzählen, an welcher Stelle und warum. Eine Idee für Platzkarten der Zukunft: Statt der Option Abteil oder Großraum, Fenster oder Gang gerne wieder die Frage: Mit welchem Buch sollen Ihre Sitznachbarn reisen?


Maigret

Paris, 14. März 2010, 11:49 | von Niwoabyl

Tilman Spreckelsen hat ja für FAZ.NET alle 75 Maigret-Romane von Georges Simenon gelesen, einen pro Woche, insgesamt eineinhalb Jahre lang, und alles schön lexikonisiert. Mitte Oktober war er mit allen durch, und vor ein paar Monaten sind die Texte auch gesammelt in einem Einzelband im Maigret-Verlag Diogenes erschienen.

Wie auch immer, was die Maigret-Exegese an sich betrifft, denke ich, dass das Corpus Simenoni aus zwei Gründen absolut spannend ist:

1. Simenon wird immer wieder von der Literaturwissenschaft wiederentdeckt. Dann werden immer die gleichen zwei total verrückten Sätze zitiert. Der von García Márquez: »Simenon ist der wichtigste Schriftsteller des 20. Jahrhunderts.« Und der von André Gide: »Simenon est le plus grand romancier de tous, le plus vraiment romancier que nous ayons en littérature.« Der zweite ist besonders lustig, da Gide bekanntlich mit der Gattung Roman kein einfaches Verhältnis hatte und selbst auch nie einen ›Roman‹ veröffentlichen wollte. Also klingt für mich dieser Satz eher nach verschlüsselter Beschimpfung. Die »echten« Romane Simenons sind auch extrem konventionell und eh schlampig geschrieben. Die scheinbar auch eher konventionelle, anspruchslose Krimi-Reihe gehört aber zum absolut Geilsten, was die moderne französische Literatur zu bieten hat.

2. Die Maigret-Romane wurden von Simenon tatsächlich als flotte Krimis konzipiert, zur Abwechslung und Entspannung geschrieben. Und bei der fast unbewussten ewigen Wiederkehr derselben Themen und Motive sind es gerade Simenons Schlampigkeit und sein Drauflos-Schreiben, die Wunder bewirken. Soviel ich weiß, schrieb er seine Romane meistens in einer knappen Woche. Zwei Tage Grübelei, einen Tag Notizen machen, zwei bis vier Tage Niederschrift und ab ging die Post, fünf- bis zehnmal im Jahr. Was Rainald Goetz einmal in einem anderen Zusammenhang über Helmut Krausser schrieb – »der Typ hat derartig einen an der Klatsche, Wahnsinn« – gilt also unbedingt auch für Simenon. (vgl. R. G., »Abfall für alle«, 1999, S. 765)

Usw.


Faserland-Allergie

Konstanz, 7. März 2010, 18:08 | von Marcuccio

Wenn die Popliteratur fasten müsste, wo würde, könnte sie anfangen? Genau, wohl bei den Markennamen.

»– nichts sollte mehr daran erinnern, dass man mir einst vorwarf, bereits auf der allerersten Seite von ›Faserland‹ tauchten zehn bis zwölf Markennamen auf.«

—Christian Kracht im Gespräch mit Ingo Mocek
(»Ich denke immer an den Krieg«, NEON, Okt. 2008)

Die Philologie hat das ja wirklich ausgezählt, die Markennamen jetzt, und zwar Olaf Grabienski, und er kommt auf ein gut gefülltes Sünden­register (siehe S. 6 im PDF).

Eigentlich hätte es im letzten Buch von Kracht – »Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten« – ja noch ein allerletztes Marken­namenzitat geben sollen, und zwar eine Parisienne-Zigarette, aber, so Kracht (a. a. O.): »Ich habe es zum Glück herausgestrichen«.

Und er hat den NEON-Lesern vor zwei Jahren verschwiegen, dass zeitgleich tatsächlich eine markennamenfreie Version von »Faserland« auf den Markt gekommen ist, zumindest das Exposé dazu:

»Also, es fängt damit an, daß ich bei einer Fischbude in List auf Sylt und ein Bier aus der Flasche trinke. (…) Weil es ein bisschen kalt ist und Westwind weht, trage ich eine gewachste Regenjacke mit Innenfutter. (…) Vorhin habe ich Karin wiedergetroffen. Wir kennen uns noch aus dem Internat, obwohl wir damals nicht miteinander geredet haben, und ich habe sie ein paar mal in einer Disko in Hamburg und München gesehen. (…) Außerdem hat sie mindestens schon zwei Gläser Weißwein getrunken.«

Ein Coup? Naja, eher ein germanistisches Experiment im Sinne der von Paco erwähnten Tendenz zur primären Sekundärliteratur, realisiert durch Frank Degler und Ute Paulokat in ihrer richtig schön lesbaren UTB-Fibel »Neue Deutsche Popliteratur« (S. 38). Vielleicht aber auch ein Statement in Richtung der Markenverächter und Namedropping-Nörgler der eigenen Disziplin. Schaut her, das ist »Faserland« für Markenallergiker.

Dankbar ist man dem Duo Degler/Paulokat auch mal für ein klärendes Wort dahingehend, dass die Markennamenallergie ja immer nur genau bei den Rezensenten und Germanisten auftritt, »die eventuell nicht über das trendsichere Hintergrundwissen verfügen, um die ihnen gebotenen Reizwörter richtig deuten zu können«.

Vorstellbar ist so eine produktnamenfreie »Faserland«-Ausgabe aber nicht nur für zeitgenössische Markenallergiker, sondern auch Markenlegastheniker zukünftiger Generationen. Die »Große E-Book-Ausgabe« 2020 (25 Jahre »Faserland«) mit Live-Streams zu Fisch-Gosch nach Sylt, ins Bordbistro der Deutschen Bahn (Matthias Horx!) und zum kackenden Hund auf dem eindunkelnden Friedhof von Kilchberg wird das Markengedächtnis wahrscheinlich lebendiger halten als wir uns das im Moment noch ausmalen können.

Moritz Baßler hat schon früh auf diese Zukunftsaufgaben der Literatur­wissenschaft aufmerksam gemacht – sein legendärer Hinweis auf den Crunchip-Clip in der kommentierten Stuckrad-Barre-Gesamtausgabe in 100 Jahren (Baßler 2002, S. 105) gilt heute noch als Running Gag unter progressiven Editionsphilologen.


Deleuze und Wittgenstein

Paris, 6. März 2010, 10:45 | von Paco

Die einzigen leidenschaftlichen Wittgensteiner, die ich kenne, sind ein paar Bekannte aus der ENS, Trotzkisten. Diese Typen, die ernstlich die KPF eine »ruse de la bourgeoisie« nennen. Manchmal sehr amüsant, alte Folklore aus dem Quartier Latin, aber auf die Dauer ein bisschen schwer auszuhalten.

Eben bin ich einem von ihnen über den Weg gelaufen, und während unseres kurzen stop-and-chat fiel mir ein Artikel aus der letzten FAS von 2009 wieder ein, Anlass war das Erscheinen der eingedeutschten Version von Gilles Deleuzes großem »Abécédaire«, fast acht Stunden frei delirierender Deleuze auf Video, ganz hervorragend großartig.

Ich hatte eben jenen Artikel von Cord Riechelmann erst vor kurzem wiedergelesen und immer noch ziemlich gutgefunden, wie Riechelmann ein IMHO treffendes Bild der Deleuze’schen Philosophie liefert und sich gleichzeitig allmählich verliert und am Ende Satz auf Satz ganz ohne Bezüge folgen lässt. Irgendwie macht das Deleuze im »Abécédaire« ja auch. Er scheint manchmal auf ziemlich komische Ideen zu kommen, die nur für eingeweihte und eingeschworene Fans noch irgendeine Logik haben. Also ersetzt Riechelmann langsam, vielleicht ohne es selber wirklich zu bemerken, Zusammenfassung durch Mimesis, und bei Deleuze ist es wahrscheinlich das einzig Machbare.

Aber nun zum tieferen Zusammenhang zwischen Deleuze und Wittgenstein, zu einer dieser zelebrierbaren Anekdoten der jüngeren, jüngsten Philosophiegeschichte. Deleuze war der totale Wittgenstein-Hasser, er nannte ihn gern den »Großinquisitor« (in einer Vorlesung über Leibniz). Im »Abécédaire« weigert er sich glatt, irgendwas zu »W wie Wittgenstein« zu sagen, und wird, auf seine gutmütige Art, wütend. Die Szene gibt es bei YouTube, kurzes Zitat:

»Pour moi c’est une catastrophe philosophique, (…) c’est une régression massive de toute la philosophie.«

Man versteht auch sehr schnell, wieso Deleuze die Wittgensteiner nicht abkonnte. Wenn es einem darum geht, neue Begriffe zu schöpfen, concepts, die das Undenkbare, das eigentlich Nur-noch-nicht-Gedachte, denkbar machen sollen, dann ist ein »wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen« das genaue Gegenteil und tatsächlich der ultimative Schlag ins Gesicht des Gilles Deleuze.

Und daran dachte ich eben gerade ganz kurz, aber ich musste Deleuze nicht einmal erwähnen, unser stop-and-chat war auch so schnell vorbei, und ich ging meiner Wege.


Sueton, Claudius, H. P. Lovecraft

Hamburg, 2. März 2010, 21:35 | von Dique

Suetonius: »The Lives of the Caesars«, gerade gelesen, und das rief mir wieder »I, Claudius« von Robert Graves ins Gedächtnis und ebenso zwei Bilder von Lawrence Alma-Tadema.

1. »A Roman Emperor« zeigt Claudius in den Schatten eines Vorhangs gelehnt:

Alma-Tadema, A Roman Emperor (source: Wikimedia Commons)

Der Arme trägt eine weiße Tunika und rote Pantoffeln und will sicher nicht, dass dieser Praetur ihm da jetzt huldigt. Neben ihm liegt die frische Leiche des Caligula, dahinter steht eine blutbeschmierte Stele, die in einer Augustusbüste endet. Alles gemalt in Breitbandformat, im Hintergrund prangt das untere Drittel eines Gemäldes der Schlacht bei Actium, auf dem Bildausschnitt oben leider nicht zu sehen.

2. »Proclaiming Claudius Emperor« zeigt den zukünftigen Kaiser auf Knien vor dem Praetur, der ihm an Ort und Stelle sein neues Amt aufdrängt:

Alma-Tadema, Proclaiming Claudius Emperor (source: Wikimedia Commons)

Claudius hält die Hände bettelnd gefaltet, bitte verschont mich von diesem Amt, so schaut es aus, und so heißt es bei Graves: »Put me down! I don’t want to be Emperor. I refuse to be Emperor. Long live the Republic!« (S. 395 in meiner Penguin-Ausgabe)

Aber der Praetur verbeugt sich, und die Legionäre bejubeln den neuen Kaiser, den einst verspotteten Claudius, von dessen mitleidigem Zustand Sueton ausführlich berichtet, von seinen schwachen Knien, seinem zitternden Kopf, seinem konfusen Stottern und davon, dass ihm bei Aufregung die Nase lief und er zu sabbern begann.

Die Mutter des Claudius, Antonia, sprach von ihrem Sohn als »eine Missgeburt von Menschen«, »die Natur hätte ihn nur skizziert, nicht vollendet«. Parallelen zu Lovecraft sind natürlich an den Haaren herbeigezogen, schließlich wurde HPL in seiner Jugend nicht gehänselt und war auch keine »Missgeburt«, jedenfalls nicht per se.

Allerdings bezeichnete seine Mutter ihn offiziell als hässlich, er sei so hässlich, dass er sich nicht gern auf die Straße wage, weil ihn die Leute anstarren. Dabei war Lovecraft zwar keine Schönheit, aber so hässlich nun auch wieder nicht, hehe. Angestarrt wurde er maximal, weil der arme Mensch in den frühen 1930er Jahren mit einem Mantel von 1909 und einem völlig durchgeriebenen Anzug herumlief.

Wie auch immer, das Beste am Claudius-Buch von Graves ist dieser herrliche Anfang, der ebenso von Derek Jacobi in der Eröffnung der gleichnamigen Serie aufgesagt wurde:

»I, Tiberius Claudius Drusus Nero Germanicus This-that-and-the-other (for I shall not trouble you yet with all my titles) who was once, and not so long ago either, known to my friends and relatives and associates as ›Claudius the Idiot‹, or ›That Claudius‹, or ›Claudius the Stammerer‹, or ›Clau-Clau-Claudius‹, …«

Das ist natürlich völlig blödsinnig, diese Passage hier einfach so als die beste des Buches auszurufen, aber vielleicht finde ich bei der Zweitlek­türe noch eine bessere Stelle.

(Bilder: Wikimedia Commons [1] [2])


Kulinarische Literaturkritik

Konstanz, 1. März 2010, 08:15 | von Marcuccio

Auch schon vor Jürgen Dollase gab es sensationelle Geschmacks­erlebnisse im Feuilleton. Darauf weist Michaela Köhler hin, in ihrer jetzt nicht neuen, aber immer noch einzigartigen Arbeit zur Sprache der Literaturkritik. Ihr Thema u. a.: die »Tradition der Synästhesien von Geschmacksempfindung und Literatur«, also die »Anwendung des Begriffs Geschmack nicht nur auf die Wahrnehmung von Essen und Trinken, sondern auch von ästhetischen Objekten«.

Hier mal für zwischendurch einige Gaumen-Hits des Literaturjahres 1988. Cocktails, Longdrinks, Feinschmeckersuppen. Festmähler, Braten und Pralinen:

  • »Der Roman-Cocktail, mit Krimi- und Gesellschaftssatire-Sätzen aufge­peppt, mundet nicht (…)« (Walter Klier über Karin Scholten, in: Die Zeit, 25. 3. 1988)
  • »Gegen dieses von Gerd-Peter Eigner vor drei Jahren ausgeschenkte hochprozentige Sprachelixier ist das Nachfolgeprodukt, ist ›Mitten entzwei‹ wohl eher ein Longdrink.« (Ulrich Horstmann über Gerd-Peter Eigner, in: Die Zeit, 19. 8. 1988)
  • »Mir schmeckt diese Suppe. In den Gebräuchen des ästhetischen Nihilis­mus ein braves Eintopfgericht. Ihr gleichwohl unleugbarer Mangel an literarischer Delikatesse (…).« (Karl Heinz Kramberg über Werner Kofler, in: SZ, 10. 2. 1988)
  • »Der ›Anhang‹: Ein Meisterstück. Ein Festmahl des Geistes mit immer­grünen ewigfrischen Zutaten. Biß für Biß ein Genuß.« (Andreas Kilb über Ulla Hahn, in: Die Zeit, 25. 3. 1988)
  • »›Barbarswila‹ ist ein epischer Brocken, wie er nicht alle Tage auf den Tisch kommt, ein deftiges, dampfendes Stück Literatur« (Jürgen Jacobs über Gerold Späth, in: FAZ, 10. 9. 1988)
  • »eine schweizerische Prosapraline erster Wahl« (Friedhelm Rathjen über Jürg Laederach, in: SZ, 15. 11. 1988)

(nach Michaela Köhler: Wertung in der Literaturkritik. Bewertungs­kriterien und sprachliche Ausdrucksmöglichkeiten des Bewertens in journalistischen Rezensionen zeitgenössischer Literatur. Würzburg. Diss. 1999, S. 125–129.)
 


Ein Essen mit San Andreas

Hamburg, 25. Februar 2010, 18:56 | von Dique

Wir sitzen auf eine Thaisuppe im Cha Cha. Zwei Schlucke vom Bier und ein paar Löffel Suppe, und auf einmal springt San Andi auf, schreit, dass er weg müsse. Ich frage mich, was los ist, vielleicht Besuch, der mit Koffern vor der Wohnung steht? Er sprudelt heraus, dass er Kinokarten habe, wohl die Preview für den neuen Scorsese-Film. Er wirft sich die Jacke über, sagt nervös, dass er das nie schaffen werde, und verschwindet, fairerweise ließ er noch Geld für sein Essen zurück.

Ich saß dann allein dort, vor mir mein Bier und meine Suppe, auf der anderen Tischseite das gleiche Bild, nur ohne Esser. Ich habe dann mein Buch ausgepackt, die extremst gute Rudolf-II.-Biografie von Gertrude von Schwarzenfeld (1. Aufl. 1961), und beim Lesen meine Suppe gegessen und langsam mein Bier geleert und später noch einen Schluck von San Andis Bier getrunken, die Suppe ging zurück. Ein Essen mit San Andreas.


Musil to Zweig: »Drop dead!«

Lyon, 24. Februar 2010, 14:04 | von Charlemagne

Ab und zu, wenn ich nicht gerade neuere deutsche Literaturgeschichte in Harlem zusammenflicke, lese ich die »London Review of Books«. Die liegt hier immer herum, selbst die fünf ältesten Ausgaben sehen aus, als wären sie nie gelesen worden und so kann man ein paar schöne Stunden verbringen.

Zunächst hatte ich auch etwas Interessantes darin gefunden, hatte aber keine Einleitung. Nachdem die Einleitung hier aber alles ist, bin ich aus dem Lesesaal ins Leben, in der Hoffnung, über eine schöne Einleitung zu stolpern.

Als ich dann vor ein paar Minuten an einer Französin vorbeiging, die sich eine Pepsi aus dem Automaten zog, dachte ich mir, Wahnsinn, großartig, endlich muss ich nicht mehr über eine Einleitung für diesen wunderbaren Satz aus dem Artikel von Michael Hofmann, »Vermicular Dither«, nachdenken und kann ihn hier einfach zitieren (LRB, Vol. 32 No. 2):

»Stefan Zweig just tastes fake. He’s the Pepsi of Austrian writing.«

Wie Michael Hofmann da, angesichts der Neuübersetzung von »The World of Yesterday«, mit Stefan Zweig abrechnet, großes Vergnügen. Am schönsten ja, wie sich selbst Robert Musil von Zweig nicht nur die Laune, sondern ganze Kontinente verderben lässt:

»The veteran Germanist Hans Mayer remembers a visit to Musil in Switzerland in 1940; Musil couldn’t get into the USA, and Mayer was suggesting the relative obtainability of Colombian visas as a pis aller. Musil, he wrote, ›looked at me askance and said: Stefan Zweig’s in South America. It wasn’t a bon mot. The great ironist wasn’t a witty conversationalist. He meant it … If Zweig was living in South America somewhere, that took care of the continent for Musil.‹«

Eine alte Anekdote, klar, aber man kann sie ja ab und an mal wieder hervorkramen, so wie das eben Anekdoten-Hofmann in der LRB gemacht hat.

Usw.