Archiv des Themenkreises ›Buchbuch‹


Neue Projekte

Hamburg, 18. Dezember 2012, 09:02 | von Dique

Nach hundert gelesenen 100-Seiten-Büchern und dem tausendsten besuchten Buchladen hat Richard Deiss längst neue Projekte in Angriff genommen. Im Rahmen unserer Richard-Deiss-Berichterstattung bringen wir hier kurz eine Auswahl bereits abgeschlossener und noch in Durchführung befindlicher Projekte. Deiss bleibt seinem Motto treu, sich als Geograf großflächig-oberflächlich zu bewegen und nicht zu sehr mit Tiefenschürfungen aufzuhalten (»Sonst wäre ich ja Geologe geworden.«).

Abgeschlossene Projekte:

  • 1.000 Buchläden besichtigt (die Geschäfte wurden mit dem eigens dafür entwickelten Buchladometer gezählt; der tausendste besuchte Laden war »25books« in Berlin)
  • 1.000 Exemplare seines Buchladen-Buchs verkauft
  • 100 Hundertseiter gelesen (obwohl er hierbei getrickst hat: nur 60 der Bücher stammten von unserer Liste, den Rest hat er mit Comicbüchern aufgefüllt, die er dann aber fast alle an einem einzigen Wochenende gelesen hat: »Ich dachte nur noch in Sprechblasen.«)
  • 100 Bootstouren absolviert (die letzte fand kürzlich in Wilhelmshaven statt)
  • 1.000 Bahnhöfe besichtigt (bereits letztes Jahr abgeschlossen)
  • 1.000 Städte besucht (auch letztes Jahr abgeschlossen)
  • 100 Reisebuchläden besucht (Anfang 2012 abgeschlossen)

Noch in Durchführung:

  • 1.000 Kirchen besichtigen (aktueller Stand ist 954; auch die Kirchen werden mit einem eigenen Apparat gezählt, dem Kirch-o-meter; der finale Besuch soll dem Petersdom gelten)
  • 100 Leuten begegnen, über die es eine Wikipedia-Seite gibt (zuletzt Udo Lindenberg auf der Durchreise in Hamburg, ganz klassisch im Hotel »Atlantic«)
  • 1.000 Städte in Deutschland besichtigen (»Dann kann man wirklich sagen, das Land zu kennen!«)
  • 1.000 Bahnhofsbücher verkaufen (aktueller Stand ist 851)
  • 1.000 Bücher verschenken (Stand 785; zur Beschleunigung der Zielerreichung erwägt Deiss, die 100er-Kassette der SuKuLTuR-Lesebändchen zu plündern und einzeln zu verteilen
  • 1.000 Skulpturen besichtigen (»Das Skulpturenziel ist ganz gut, hier kann man bis zu Dutzende bei einem einzigen Spaziergang sehen.«)

Nach Erreichung der genannten 1.000er-Ziele soll es erst einmal keine weiteren geben. Deiss möchte sich dann auf 100er-Ziele konzentrieren und z. B. 100 Stadtmodelle besuchen. Als neues Langfristziel hat er gerade auch ausgerufen, insgesamt 100 Bücher schreiben zu wollen (aktueller Stand: 23). Weitere 100er-Ziele geistern in seinem Kopf herum, haben aber noch nicht den Status der Spruchreife erlangt. Jedenfalls ist die Quelle für neue abenteuerliche Projektideen noch nicht versiegt.

Eigentlich sollte das hier nur eine kurze Sammlung der Sammelsiege und Sammelziele werden. Dann haben wir aber doch noch die offensichtliche Frage gestellt, und hier ist die Antwort:

»Eigentlich hat alles im Jahr 2003 angefangen, als ich zu einer Weihnachtsfeier ein Quiz mit 20 Fragen mitbrachte. Das hat einem Kollegen so gut gefallen, dass ich für ihn im Januar 2004 ein weiteres Quiz gemacht habe, diesmal speziell mit geografischen Fragen. Die hatte er dann sogar alle richtig beantwortet, und in der Woche darauf gab es wieder ein Quiz. So habe ich dann jede Woche ein neues Quiz mit 20 Fragen erstellt, und am Ende des Jahres waren es 1.000 geografische Quizfragen, aus denen später meine ersten Bücher entstanden.

Das brachte mich auf die Idee, jedes Jahr ein Millenniumsziel erreichen zu wollen. 2005 arbeitete ich an Holzpuzzles mit Regionen von Ländern als Puzzlesteinen und sägte 1.000 Regionen aus. 2006 kaufte ich dann eine Buttonmaschine und produzierte 1.000 Buttons, v. a. zu den Namensgebern von EU-Bildungsprogrammen wie Erasmus, Leonardo und Comenius.

Von der Puzzlesägerei habe ich immer noch eine Staublunge und von der Buttonpresserei trage ich Wundmale an den Händen. Einmal presste ich manuell 100 Eurydike-Buttons für eine Konferenz an einem Abend. 2007 kam dann die Idee, 1.000 Beinamen zu sammeln, woraus dann die sieben Beinamen-Bücher wurden. Damit kam auch das Ziel auf, 1.000 Bücher zu verkaufen.

Eigentlich wollte ich in meinem Leben einhundert 1.000er-Ziele erreichen, bin davon aber inzwischen wieder abgekommen. Doch als ich irgendwann feststellte, dass ich schon 750 Buchläden besichtigt hatte, kam wieder ein 1.000er-Ziel in Sicht. Letztes Jahr war dann der Höhepunkt der 1.000er-Manie und ich denke fast mit Grausen an den letzten Sommer zurück, denn kaum hatte ich den tausendsten Buchladen besucht, war ich bald am Bahnhofssammeln (einmal waren es zwölf Bahnhöfe am Tag). Als auch da der tausendste erreicht war, kam das Städtesammeln (acht Städte im Rheinland an einem Tag), und dann musste auch noch die tausendste Bahnhofsanekdote geschrieben werden und zwischendurch wollte ich auch noch 100 Bücher im Jahr lesen.«

Man sieht leicht: Ein Ende unserer Richard-Deiss-Berichterstattung ist nicht absehbar. Während übrigens dieser Bericht hier schlussredaktio­niert wurde, ist das 1.000-Buchelemente-Buch fertig geworden, das unter dem Titel »Plattenbau-Proust und Detroit-Dickens« wie immer bei BoD lieferbar ist. Es enthält u. a. 200 Schriftstellerbeinamen, 100 Zitate und 100 Witze zu Büchern und eine Liste mit den 100 schönsten Buchläden Europas, insgesamt eben 1.000 Informationselemente. Das Buch befindet sich aber in ständiger Überarbeitung und kann, nach Aussage des Autors, im jetzigen Zustand nicht empfohlen werden.
 


»Weltmüller« für alle

Leipzig, 12. Dezember 2012, 01:28 | von Paco

Nun hat sich endlich ein Anlass gefunden! Am 5. Januar 2013 feiern ein paar Leute 60 Jahre »Warten auf Godot« on stage. Und da feiern wir mit und schicken den berühmtesten Godot-Darsteller aller Zeiten mit einer Creative Commons-Lizenz ins Netz:

Weltmüller Einzelausgabe Dezember 2012 (Cover)
Free Download   (Alternativlink)

(PDF, 33 S., 326 kB)

Inhalt: Es sollte die Inszenierung des Jahres werden, Samuel Becketts »Warten auf Godot« am Hamburger Schauspielhaus. Die Rolle des im Stück gar nicht auftretenden Godot wurde mit der öster­reichischen Schauspielerlegende Johannes Weltmüller besetzt. Die Premiere am vorvergan­genen Freitag endete im Tumult.

Ach so, wer kurz vor Weihnachten noch günstig in funkelndes Gold anlegen will: Der gleichnamige Band ist im April 2012 bei SuKuLTuR erschienen und enthält neben der Titelgeschichte die Reportagen »Leipzig Augustus­platz« und »Die Rosenmadonna« (124 Seiten, 14 Euro, ISBN 978-3-941592-32-2). Das Buch kann direkt beim Verlag oder über Amazon bestellt werden.
 


Helmut Lottmann

Göttingen, 10. Dezember 2012, 13:52 | von Josik

Als ich neulich bei Lanz zu Gast war, genauer gesagt bei Cron & Lanz in der Weender Straße, und voller Begeisterung im »Freitag« herumlas und dann plötzlich auf diese wunderbare Rezension von Helmut Lethens Buch »Suche nach dem Handorakel« stieß, marschierte ich nach beendigter Rezensionslektüre sofort nach quasi nebenan in die berühmte altehrwürdige Buchhandlung Deuerlich, die allerdings ein paar Tage zuvor in eine Hugendubel-Filiale umgewandelt worden war, und fragte nach dem Lethen-Buch, das dort aber nicht vorrätig war, weswegen ich also wieder hinauseilte und spontan beschloss, vor Ort nach dem Lethen’schen Handorakel zu fragen, ein paar Straßen weiter, direkt in dem Verlag, in welchem es erschienen ist, so dass ich also Richtung Geiststraße lief, dort bei Wallstein einfach mal klingelte, prompt summte der Türsummer, niemand stellte irgendwelche Fragen durch die Gegensprechanlage, ich hurtete also die Treppe hinauf, vorbei an einem riesigen Schild, auf dem, wenn ich das richtig gesehen habe, lauter outgesourcte Göttinger Augenärzte verzeichnet sind, und fragte dann freundlichst nach dem Lethen’schen Handorakel, ich sei durch die wunderherrliche Rezension im »Freitag« auf dieses Buch aufmerksam geworden, hätte es aber bei Deuerlich bzw. Hugendubel nicht auftreiben können und würde es sehr gerne kaufen, und keine halbe Stunde später war ich schon wieder zuhause und las drauflos und schrieb mir einen Satz nach dem anderen heraus, weil ich es gar nicht fassen konnte, wie man in einem so schmalen Band so wunder­sam leichtfüßig die jahrzehntelange Geschichte von Leuten, die mal links waren, Revue passieren lassen kann, Lethen schreibt ja gleich eingangs, dass er dieses Buch in nur zwei Wochen verfasst habe, irgendwo an der Ostsee, er bibliografiert im Vorwort seine kompletten zwei Bücherkoffer, die er an die Ostsee mitgenommen habe, doch wie stockte mir der Atem als ich in dieser Bücherliste zwischen den größten Namen der Theorie-, Kultur- und Geistesgeschichte, zwischen Theodor W. Adorno und Jakob von Uexküll, zwischen Walter Benjamin, Hans Blumenberg, Hans Magnus Enzensberger, Alexander Kluge, Gerd Koenen, Reinhart Koselleck, Siegfried Kracauer und Helmuth Plessner plötzlich auch auf diese Angabe stieß:

»Joachim Lottmann, Hundert Tage Alkohol, Wien 2012.« (S. 9)

Es ist dies die wohl unerwartetste Joachim-Lottmann-Erwähnung in der Geschichte der Menschheit!

Sie erscheint mir inzwischen aber eigentlich ganz konsequent, denn Sätze wie die folgenden könnten ja auch von Lottmann sein, tatsäch­lich aber stammen sie samt und sonders aus dem Lethen’schen Handorakel:

»[A]ls ich ihn im Oktober 1989, auf der Bettkante des Hotels Sussex in San Francisco sitzend, nachdem ich in der Sendung Good Morning America vom Fall der Mauer erfahren hatte, anrief, um ihm zur prognostischen Kraft seiner stereotypen Nervsätze zu gratulieren, keuchte er, atemlos wie alle, ›Wahnsinn‹«. (S. 32)

Und so geht es immer weiter im Lottmann-Sound, oder wie man in Zukunft wohl sagen muss, im Lethen-Sound:

»Mutter kam atemlos ins Hotel: Die Haut der schwarzen GIs färbe gar nicht auf deren Unterwäsche ab!« (S. 102)

»300 Zuhörer hielten den Atem an; das war virtuos. Stille im Saal – 1961!« (S. 54)

»[D]er Mensch ist von Natur aus künstlich! Großes Aufatmen.« (S. 117)

Eine Lethen-Szene, die eigentlich ebenfalls eine Lottmann-Szene ist:

»Die Darstellung des Sechstagekriegs in der BILD-Zeitung erzeugte eine Wende zu einer antiisraelischen Haltung, die uns – atemlos und ungläubig vor dem Kiosk die Schlagzeilen beratend – überrascht hat.« (S. 17)

Noch faszinierender:

»Wir gewöhnten uns an den Jansenismus beim Espresso« (S. 126).

Oder:

»Die Geographiestudenten trugen ausnahmslos Knickerbockerhosen.« (S. 53)

Doch dass in diesem Traktat nicht nur funky Knickerbockerhosen geschildert werden, ersieht man aus der folgenden, natürlich ebenfalls lottmannartigen Personenbeschreibung:

»Karl Pestalozzi, der berühmte, baumlange, kluge und milde Mann, aber immer in Hochwasserhosen« (S. 99).

Am allerallerbesten, hammermäßigsten und wohl auch zeitgemäßesten und aktuellsten ist aber natürlich diese unübertrefflich grandiose Darstellung:

»Nun herrschte atemlose Stille. Der Beamte des Verfassungsschutzes kannte die komplexe Systemtheorie von Niklas Luhmann.« (S. 19)

 


John Wayne

Düsseldorf, 28. November 2012, 23:36 | von Luisa

Gestern kaufte ich ein kleines blaues Buch, das aussah wie ein Taschenkalender. »Wunderhorn Almanach Träume« stand darauf. Schon das Vorsatzpapier gefiel mir, es zeigte als Muster viele Male das Logo des Wunderhorn-Verlags, welches ja das schönste deutsche Verlagslogo überhaupt ist.

Zuhause fing ich dann an zu blättern und sah, dass das Kalendarium nicht das nächste Jahr abbildet, sondern ein »immerwährendes« ist, was ich natürlich sehr gut fand. Was spielt es für eine Rolle, ob, sagen wir, der 31. Januar auf einen Dienstag oder Freitag fällt. Die Haupt­sache ist doch, dass es ihn überhaupt gibt.

So folgen auf den Kalenderseiten einander bloß die Nummern der Tage, begleitet vom Namen einer Dichterin oder eines Dichters, die/der an diesem Tag geboren wurde. Ich habe natürlich gleich nachgekuckt, ob Goethe drinsteht und tatsächlich, da steht er, ganz korrekt. Und wer hat mit mir Geburtstag? Und wer mit Jan und Daniel und Charlotte usw.? Schließlich blätterte ich das ganze Kalendarium von Anfang an durch. Jeder Tag hat seine(n) Dichter(in), das ist doch irgendwie beruhigend.

Unter dem 26. Mai aber steht da »John Wayne 1907«. Ein Zeitgenosse von Faulkner und Hemingway also, ein wenig bekannter Lyriker vielleicht. Und wann genau wurde noch mal sein Namensvetter, der berühmte John Wayne geboren?

Später grübelte ich, was wohl dem Duke diesen Auftritt in einem so anmutigen, verwunschenen Büchlein verschafft hatte. Schrieb er seine Träume auf? Hatte er überhaupt welche? War es das schicksals­schwere »Der Tag wird kommen« aus »The Searchers«? Oder eher die Drohung »Ich werde aus der Bibel lesen«?

Aber nein. Man muss nur das Verlagslogo ansehen. Da reitet der Knabe und schwenkt das Wunderhorn. Sein Pferd galoppiert, sein Umhang flattert. Kavallerie.
 


100-Seiten-Bücher – Teil 42
Daniel Kehlmann/Sebastian Kleinschmidt: »Requiem für einen Hund. Ein Gespräch« (2008)

Göttingen, 16. November 2012, 14:33 | von Josik

Gleich auf der ersten Seite teilt Daniel Kehlmann dem Interviewer Sebastian Kleinschmidt via E-Mail mit, dass sein Hund Nuschki, bei dem ein fortgeschrittener Lebertumor diagnostiziert worden sei, nun habe eingeschläfert werden müssen. Das erinnerte mich an unseren wun­derbaren alten Kater Robert Schmusil, der zuerst an Niereninsuffizienz litt, später eine Diabetes hatte und schließlich einen Darmtumor, »daher haben wir dann, auf Rat aller Ärzte, der Euthanasie zuge­stimmt« (S. 7).

Seine E-Mail beendet Kehlmann mit den Worten: »Ganz herzliche Grüße / Ihres Daniel Kehlmann«, und das ist doch erstaunlich, dass, wo jeder andere Mensch schreiben würde: »Ganz herzliche Grüße / Ihr Soundso«, Kehlmann hier eben nicht »Ihr« schreibt, sondern »Ihres«, aber, so würde Iris Radisch sagen: »Wozu ist man Dichter.«

Später geht es in dem Buch auch noch um Katzen, zunächst aber eben um Hunde, und dabei brennt Kehlmann ein solches Feuerwerk an Maximen und Reflexionen ab, dass man getrost etwa 85% aller in diesem Buch enthaltenen Sätze noch mal als eigenes Aphorismen­bändchen herausbringen könnte. Zum Beispiel sagt er auf S. 15 über Hund und Mensch: »die beiden Spezies gingen den Weg gemeinsam«, oder dann auf S. 21: »Hund und Mensch sind einen langen Weg gemeinsam gegangen«.

Auch muss ich gestehen, dass ich einiges an der »Vermessung der Welt« überhaupt erst bei der Lektüre des Requiembuchs begriffen habe, etwa wenn Kehlmann erklärt: »Goethe tritt zweimal auf (…), und beide Male sind es komische Stellen« (S. 76). Ansonsten geht es in diesem Gespräch noch um Hegel, Heidegger, Gott usw.

Länge des Buches: ca. 137.000 Zeichen. – Ausgaben:

Daniel Kehlmann/Sebastian Kleinschmidt: Requiem für einen Hund. Ein Gespräch. Berlin: Matthes & Seitz 2008.

Daniel Kehlmann/Sebastian Kleinschmidt: Requiem für einen Hund. Ein Gespräch. Reinbek: Rowohlt-Taschenbuch-Verlag 2010.

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)


Baguettiana

Göttingen, 5. November 2012, 12:27 | von Josik

Ich höre hier in Göttingen mit wachsender Begeisterung den Sender NDR Info, es gibt da immer wieder Staumeldungen aus Fallingbostel, einer Stadt, die ich bisher nur aus einem Arnold-Stadler-Roman kannte, und wenn es keine Staumeldungen aus Fallingbostel gibt, dann wird darüber berichtet, dass sich in Fallingbostel ein Chemieunfall oder dergleichen ereignet hat. Zwischendrin hört man auf NDR Info auch mal ein Interview mit Ruprecht Polenz oder einen Bericht über Toni Kroos, aber das sind offenkundige Versehen, denn gleich nach solchen Intermezzi geht es wieder weiter mit den neuesten Nachrichten aus Fallingbostel und der Gegend um Fallingbostel herum.

Während also im Hintergrund das Radio lief, blätterte ich so ein biss­chen in ein paar alten ZEIT-Magazinen und anderen ZEIT-Druckerzeug­nissen, die meine Zimmerwirtin immer auf dem Küchentisch deponiert. Plötzlich aber war ich wie vom Donner gerührt, denn in einer Rezension in ZEIT-Literatur stieß ich auf folgenden vielleicht besten ersten Satz, der jemals geschrieben wurde und der in diesem Fall von Ijoma Mangold stammt:

»Gleich auf der ersten Seite kauft Sperber, der Protagonist in Anne Webers neuem Roman Tal der Herrlichkeiten, in einer Bäckerei in der Bretagne ein Baguette.«

Was für ein herrlicher Einstieg! Was für eine herrliche Klimax! Was für eine herrliche Alliteration! Bäckerei, Bretagne, Baguette. Und man kann Gott nur danken, dass die Geschichte nicht in der Provence spielt. Eigentlich fällt in dieser Reihe die Bäckerei ja etwas aus dem Rahmen, stilechter wäre vielleicht eine Boulangerie gewesen? Aber sei’s drum, hier in dieser bretonischen Baguettebibel geht es medias in res, mitten hinein in den Baguettekauf, und ich habe die Rezension gar nicht mehr weitergelesen, sondern mir stattdessen sofort das Buch herunter­geladen.

Ich machte mich gleich an die Lektüre, ich hörte auch schon gar nicht mehr hin auf die Staumeldungen aus Fallingbostel, so toll ist das Buch, und ich kann es jedem nur sehr empfehlen, meiner und Ijoma Mangolds Euphorie voll zu vertrauen und endlich wieder mal ein Anne-Weber-Buch zu lesen.
 


100-Seiten-Bücher – Teil 40
Erasmus von Rotterdam: »Lob der Torheit« (1511)

Basel, 19. Oktober 2012, 15:19 | von Baumanski

Die Basler Buchhandlung, in der ich Erasmus’ bekanntestes Werk erstehe, ist keine fünfhundert Meter von seinem Todeshaus an der Bäumleingasse entfernt. Sieben Franken kostet die Reclam-Ausgabe und seltsamerweise ist sie im Regal unter R statt unter E eingeordnet, wobei V ja noch eine weitere Möglichkeit gewesen wäre, hehe.

Sie wisse sehr gut, »in welch schlechtem Ruf die Torheit sogar bei den ärgsten Dummköpfen steht«, sagt die Torheit und beginnt dann ihr Selbstlob. Es folgt exzessives Klassik-Namedropping – Glaukon! Momus! Priap! Chrysippus! – über gut hundert Seiten. Auch (wie hiess er noch mal?) Christus wird zwei, dreimal erwähnt, aber deutlich mehr Platz räumt Erasmus seinen Tiraden gegen Priester und Kirche (und Theologen, und Philosophen, und Kaufleute, und!) ein. Kein Wunder, dass Herder dem trotz allem katholisch Gebliebenen Wankelmut vorgeworfen hat. Unbestritten sind dagegen Erasmus’ rhetorisches Talent, sein Ideenreichtum und seine unglaubliche Detailkenntnis der antiken Literatur.

Geschrieben hat Erasmus seine Satire während eines Besuchs bei seinem englischen Freund Thomas Morus, dem er das Werk auch gewidmet hat. Überhaupt ist Erasmus viel herumgekommen, war in Paris, war in Turin, war in Venedig, und gestorben ist er wie gesagt in Basel, aber immerhin an der hübschen Bäumleingasse, ziemlich weit weg vom heutigen Erasmusplatz, der damals wohl gerade noch ausserhalb der Stadtmauern gewesen wäre, heute aber gleich neben den wenigen Bars liegt, die erst um sechs Uhr morgens schliessen.

Länge des Buches: ca. 177.000 Zeichen (lat.), ca. 239.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Erasmus von Rotterdam: Lob der Narrheit. In der Übers. von Lothar Schmidt und mit Federzeichn. von Gabriele Mucchi. Leipzig: Faber & Faber 2005.

Erasmus von Rotterdam: Das Lob der Torheit. Übers. von Anton J. Gail. Ditzingen: Reclam 2012.

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)


100-Seiten-Bücher – Teil 39
Werner Herzog: »Vom Gehen im Eis« (1978)

Düsseldorf, 4. Oktober 2012, 13:05 | von Luisa

Im kalten November/Dezember 1974 ging Werner Herzog von München nach Paris, um die kranke Lotte Eisner vor dem Tod zu retten. Keine Wanderung war das, keine Landeserkundung, sondern Magie: Gehe ich, lebt sie. Kompass, Karte, Matchsack, feste Schuhe: knappste Ausrüstung, direkter Weg.

Die Wolken hängen niedrig, tagelang Regen, auch Schnee. Kahle Wälder, aufgebrochene Äcker, kümmerliche Dörfer. Dem Gehenden begegnen Armut und Angst. Das reiche Süddeutschland, das mäßig reiche Ostfrankreich scheinen bettelarm.

Abends, im Heu oder in irgendjemandes Ferienhaus (Scheibe einge­schlagen, genächtigt auf der Küchenbank), füllt er sein Notizheft. Er schreibt wie er geht: weiter, nur weiter, wie der Wanderer der »Winterreise«. Die Sätze sind kurz und brauchen keinen Zusammen­hang, sind Widerhall des Sehens und Denkens. Für die Schöpfung und den Sündenfall genügen zwei Bemerkungen: »Eine Glückseligkeit breitet sich aus und aus der Glückseligkeit erwächst jetzt ein Unding. Das ist die Lage.«

Fast vierzig Jahre ist das her, das Gehen als Beschwörung wurde keine Mode. Abenteuer hat Herzog nicht erlebt, aber vieles wahrgenommen. Durchnässt, die Füße voller Blasen, die Sehnen angeschwollen, ist er hügelauf, hügelab nach Paris gegangen, misstrauisch beäugt, in der Kälte der Einsamkeit. Er brauchte genau drei Wochen. Lotte Eisner lebte noch bis 1983.

Länge des Buches: > 115.000 Zeichen (?). – Ausgaben:

Werner Herzog: Vom Gehen im Eis. München–Paris, 23.11. bis 14.12.1974. München; Wien: Hanser 1978.

Werner Herzog: Vom Gehen im Eis. München–Paris, 23.11. bis 14.12.1974. München: Hanser 2012.

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)


100-Seiten-Bücher – Teil 38
Immanuel Kant: »Grundlegung zur Metaphysik der Sitten« (1785)

Berlin, 25. September 2012, 08:05 | von Josik

Als Ahnherr des Hundertseiterprojekts darf Arthur Schopenhauer gelten, heißt es doch wörtlichstens in seinem Buch »Über die Grund­lage der Moral« (übrigens dem besten philosophischen Werk, das jemals geschrieben wurde): »Dem Verständniß gegenwärtiger, die Kantische Ethik im tiefsten Grunde unterwühlenden Kritik wird es überaus förderlich seyn, wenn der Leser jene ›Grundlegung‹ Kants, auf die sie sich zunächst bezieht, zumal da diese nur 128 und XIV Seiten (bei Rosenkranz in Allem nur 100 Seiten) füllt, zuvor mit Aufmerksamkeit nochmals durchlesen will, um sich den Inhalt derselben wieder ganz zu vergegenwärtigen.«

Und genau diese Stelle nahm ich dann zum Anlass, die »Grundlegung zur Metaphysik der Sitten« mit Aufmerksamkeit nochmals durch­zulesen, um mir den Inhalt der Kantischen Ethik wieder ganz zu vergegenwärtigen. Kurioserweise liest sich Kants Büchlein aber in Teilen wie ein Werk aus Hugendubels Ratgeberliteratur-Regal, denn was soll man etwan von einer Stelle wie dieser halten: »Man kann […] nicht nach bestimmten Prinzipien handeln, um glücklich zu sein, son­dern nach empirischen Ratschlägen, z. B. der Diät, der Sparsamkeit, der Höflichkeit, der Zurückhaltung usw., von welchen die Erfahrung lehrt, daß sie das Wohlbefinden im Durchschnitt am meisten befördern.«

Wenn nun jemand ganz grundsätzlich fragte, ob hier dem Alleszermal­mer oder aber ob dessen Unterwühler beizustimmen sei, so müsste man auf folgende Stelle in jenem Dialog verweisen (hier zwischen 10’05“ und 10’15“ anzukucken), der vor ein paar Tagen zwischen dem derzeitigen Juniorprofessor für Theoretische Philosophie an der Universität Stuttgart Philipp Hübl (dessen Bruder, ein glücklicher FAS-Abonnent, auf eine entsprechende Frage der FAS soeben das FAS-Feuilleton an erster Stelle seiner drei FAS-Lieblingsressorts nannte) einerseits und Stefan Raab andererseits statthatte. Raab: »Das Schöne an Philosophie ist: Philosophie ist nie richtig und nie falsch.« – Hübl: »Das stimmt nicht, sorry, nee.« – Raab: »Das stimmt nicht? Das ist aber meine Philosophie.«

Länge des Buches: ca. 176.000 Zeichen. – Ausgaben:

Immanuel Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. In: Immanuel Kant’s sämmtliche Werke. Herausgegeben von Karl Rosenkranz und Friedr. Wilh. Schubert. Achter Theil. Leipzig: Voss 1838. S. 1–100 (= 100 Text­seiten) (online)

Immanuel Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. Herausgegeben von Karl Vorländer. Unveränderter Neudruck der 3. Auflage. Leipzig: Meiner 1947. S. 1–95 (= 95 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)


100-Seiten-Bücher – Teil 37
Gottfried Keller: »Romeo und Julia auf dem Dorfe« (1856)

Oxford, 23. September 2012, 17:37 | von Baumanski

Gottfried Kellers Seldwyler Novellen gehören zweifelsfrei bis heute zum Besten, was die Deutschschweiz an Literatur hervorgebracht hat. Genauso natürlich der »Grüne Heinrich«, aber der hat halt in beiden Fassungen an die tausend Seiten, und erst neulich traf ich wieder jemanden, der weder die eine noch die andere Fassung zu Ende gelesen hatte!

Die Handlung von »Romeo und Julia auf dem Dorfe« ist im Titel eigentlich schon ganz gut zusammengefasst. Man könnte höchstens noch hinzufügen, dass sich die Bauern Manz und Marti, die Väter von Sali und Vrenchen, wegen eines kaum brauchbaren Ackers zerstreiten und ruinieren. Der eine Wink mit dem Shakespeare-Zaunpfahl war übrigens nicht genug für Keller, sondern er bringt noch weitere Anspielungen unter, etwa wenn die Liebenden den Flug der Lerchen beobachten und Vrenchen lacht wie eine Nachtigall.

Die leicht archaische Sprache wirkt dennoch äusserst lebendig, was sich unter anderem den bäurischen Flüchen (»beim ewigen Hagel« etc.) sowie einigen ansprechend beschriebenen Details verdankt: Einen »schlimmen weissen Halskragen« darf sich zum Beispiel jeder Leser seinem eigenen Modegeschmack entsprechend vorstellen. Schliesslich findet eine garstige Serviertochter, Sali sei »schön petschiert mit seiner jungen Gungeline«, woraufhin die Wirtin sie völlig zu Recht als »Essighafen« bezeichnet.

Länge des Buches: ca. 161.000 Zeichen. – Ausgaben:

Gottfried Keller: Romeo und Julia auf dem Dorfe. Mit einem Kommentar und einem Nachwort von Klaus Jeziorkowski. Frankfurt/M.: Insel-Verlag 1984. S. 7–102 (= 96 Textseiten).

Gottfried Keller: Romeo und Julia auf dem Dorfe. Novelle. Durchges. Ausg. Stuttgart: Reclam 2002.

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)