Archiv des Themenkreises ›Buchbuch‹


100-Seiten-Bücher – Teil 51
Eduard Mörike: »Mozart auf der Reise nach Prag« (1855)

Berlin, 28. März 2013, 15:53 | von Josik

Diese gewitzte und raffiniert gebaute Novelle gehört zu Mörikes Knüllern. Wer den originellen Wolfgang Amadeus Mozart und seine bezaubernde Gattin Constanze noch nicht ins Herz geschlossen hat, wird dies spätestens nach der Lektüre dieses herzerfrischenden Werkes tun. Was man einem Schwaben wie Mörike vielleicht nicht vorwerfen kann, was man ihm letztlich dann aber vielleicht doch vorwerfen muss, ist allerdings, dass er Wolfgangs bzw. Constanzes Dialekt nicht authentisch wiedergegeben hat, sondern eben nur so, wie ein Schwabe sich vorstellt, dass Österreicher reden.

Da ist dann statt von einem ›Backhendl‹ absurderweise von einem »Backhähnl« (S. 11) die Rede, später in anderem Zusammenhang noch von einem »Wäldel« (S. 13), und man sagt sogar: »Ja, gelten S‘, Freundin«. In diesem niedlichen Tonfall geht es immer weiter. Mit einem Wort: Mörike lässt die Mozarts wie Volldeppen klingen. Zum Beispiel das Personal bei Ludwig Ganghofer drückt sich ganz ähnlich aus: »Ja, Fräuln! Aber den Vater muß ich verentschuldigen, daß er heut nix anders hat als bloß a Bröserl Butter und a Töpferl Milli. Morgen bring ich schon werden was. Gelten S‘, ich därf morgen wiederkommen?«

Saukomisch aber ist es dann, wie Mörike im Text das Liedchen »Giovinette, che fatte all’amore« zitiert und in einer Fußnote die Stelle »La la la!« wie folgt ins Deutsche übersetzt: »Tra la la!« (S. 53) Als Vea Kaiser übrigens neulich ihren Roman »Blasmusikpop« publiziert hat, ist es auch Sigrid Löffler sauer aufgestoßen, dass der dort dargebotene »Kunst-Dialekt […] für Kenner des Österreichischen […] eher nach Wiener Unterschicht-Jargon als nach alpenländischer Mundart klingt«, und Frau Löffler verweist auch noch mal eindringlich auf das Faktum, dass man in Österreich nicht ›Hackfleisch‹ sagt, sondern ›Faschiertes‹.

Länge des Buches: ca. 128.000 Zeichen. – Ausgaben:

Eduard Mörike: Mozart auf der Reise nach Prag. Eine Novelle. Mit Illustrationen von Hugo Steiner-Prag und einem Nachwort von Traude Dienel. Frankfurt/M.: Insel Verlag 1979. S. 7–107 (= 101 Textseiten).

Eduard Mörike: Mozart auf der Reise nach Prag. Novelle. Mit 12 Illustrationen von Karin Rauhut. Rudolstadt: Greifenverlag, 4. Auflage 1984. S. 3–88 (= 86 Textseiten).

Eduard Mörike: Mozart auf der Reise nach Prag. Novelle. Stuttgart: Reclam 1987. S. 1–75 (= 75 Textseiten).

Eduard Mörike: Mozart auf der Reise nach Prag. [Originalfassung Stuttgart und Augsburg 1856 in der Reihe »Bibliothek der Erstausgaben«.] Hrsg. von Joseph Kiermeier-Debre. München: dtv 1997. S. 5–88 (= 84 Textseiten).

Eduard Mörike: Mozart auf der Reise nach Prag. Mit einem Nachwort von Hugo Rokyta. Prag: Vitalis Verlag, 2. Auflage 2003. S. 5–101 (= 97 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)


100-Seiten-Bücher – Teil 50
Peter Handke: »Versuch über den Stillen Ort« (2012)

Berlin, 18. März 2013, 12:45 | von Josik

Leider kommt Der Umblätterer nicht umhin, einen philologischen Skandal riesenhaften Ausmaßes aufzudecken. Auf dem Cover dieses epochemachenden ›Versuchs‹ ist nämlich der größte Teil der ersten Manuskriptseite abgebildet. Man sieht dort Handkes wunderschöne, gestochen scharfe Handschrift; wie üblich hat er alles mit Bleistift geschrieben.

Einzelne Wörter auf dieser Manuskriptseite sind durchgestrichen. Wenn man die Manuskriptseite auf dem Cover nun mit dem Beginn des gedruckten Fließtextes, im Buch ab Seite 7, kollationiert, stellt man fest: Die Worte, die im Manuskript gestrichen sind, kommen auch im gedruckten Text nicht vor. So weit hat also alles seine Richtigkeit. Im ersten Satz des ›Versuchs‹ berichtet Handke, dass er vor langer Zeit einmal einen Roman des englischen Schriftstellers A. J. Cronin gelesen habe, und er löst in einer Parenthese die Initialen dieses Autornamens wie folgt auf: »›Archibald Joseph‹, wenn ich mich nicht irre«. Haargenau so ist es auch auf dem Cover zu sehen – großartig!

Im dritten Satz gibt Handke eine knappe Inhaltsangabe des Cronin’schen Romans, so wie er sich an ihn erinnert. Liest man den gedruckten Text, so steht da: »Eine englische Bergwerksgegend und die Chronik einer darbenden Bergleutefamilie, abwechselnd mit jener von betuchten Besitzern (›wenn ich mich nicht irre‹).« Kuckt man nun aber den Text auf dem Cover an, die Manuskriptseite, das Original – so steht da etwas völlig anderes, nämlich: »Eine englische Bergwerksgegend und die Chronik einer darbenden Bergleutefamilie, abwechselnd mit jener von betuchten Besitzern (wiederum: ›wenn ich mich nicht irre‹)«. Das wiederum und der darauffolgende Doppelpunkt sind hier eindeutig nicht gestrichen, sondern Bestandteil der Handkehandschrift!

Warum sind im gedruckten Text dieses wiederum und der darauffolgende Doppelpunkt verschwunden? Steht hier Handke’sche Beschreibungspotenz gegen Suhrkamp’sche Editionsimpotenz? Dass ein Handkebuch erhaben ist, auch und gerade dann wenn es sich um ein poetologisches Scheißhaustraktat handelt, leuchtet ja unmittelbar ein. Umso unverantwortlicher sind also derartige Streichungsorgien, wie sie hier zelebriert wurden. Vielleicht wird Herr Dr. Fellinger oder wer auch immer einmal dazu Stellung nehmen müssen, wie es zu solchen Inkohärenzen kommen konnte.

Eine Erklärung dahingehend, dass die Streichung des Wortes wiederum und des hierauf folgenden Doppelpunkts in Absprache mit Handke erfolgt sei, wäre natürlich allzu billig und auch völlig unglaubwürdig, abstrus und aberwitzig, schließlich präsentiert uns hier ein und dasselbe Buch je verschiedene Seiten des gleichen Textes, von denen man mit Fug und Recht der abgebildeten Manuskriptseite eine höhere, werktreuere Autorität wird zubilligen müssen. Suhrkamp müsste gewarnt sein: Das unmögliche Schachbrettcover eines anderen Verlags wurde bereits zum ikonischen Zeichen für den »ahnungslosen Dilettantismus« Peer Steinbrücks.

Länge des Buches: ca. 90.000 Zeichen. – Ausgaben:

Peter Handke: Versuch über den stillen Ort. Berlin: Suhrkamp 2012. S. 5–109 (= 105 Textseiten).

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1813 — ein Jahr am Rand der Studienzeit

Leipzig, 8. März 2013, 13:47 | von Marcuccio

Kaufe ich mir 1813 jetzt für 6,60 Euro am Kiosk – oder durchklicke ich es kostenfrei bei Wikipedia? Seit Enzyklopädien immer redseliger werden, liest sich eben auch ein lexikografiertes Jahr erstaunlich süffig, wie ein historischer Newsticker.

Jahre überhaupt als Erzählung – vielleicht ist Florian Illies mit seiner Revue »1913« schon jetzt viel mehr gelungen als ein Bestseller: Er hat das aus dem History-TV bekannte Prinzip der szenischen Rekonstruktion sehr einschlägig ins Genre des erzählenden Sachbuchs transferiert. Vom »Spiegel« bis zu den Regionalzeitungen gab es Anfang 2013 kaum ein Medium, das diese Zeitmaschinenmasche (»Vor genau hundert Jahren«) im journalistischen Kleinformat nicht nachgeahmt hätte. Publizistisches Reenactment mag aus der Branche keiner sagen, weil ja Guido »ZDF-Emeritus« Knopp es miterfunden hat. Doch seit ganze Jahre auf den Histotainment-Laufsteg geschickt werden, dürfen auch 1913 und 1812 mal miteinander flirten.

Elke Heidenreich hausierte letzten Herbst hier und da mit diesem Gag: Sie habe sich auf einer Kreuzfahrt durchs Mittelmeer in »1913« vertieft, und ein jüngerer Mitpassagier an Deck hätte gerade »1812« gelesen, doch gar nicht weiter auf ihre Buchdeckel-Zeichen reagiert … Nicht auszudenken, wenn jetzt auch noch jemand seine Bord-Liege mit »1926« reserviert hätte. Ich selbst stehe inzwischen natürlich auch längst an der imaginären Reling und blättere konspirativ mein »Geo«-Heft »1813«.

»Geo« ganz normal übrigens, nicht »Geo Epoche« oder so, obwohl »1813« explizit als »Schicksalsjahr der Deutschen« tituliert wird und in der Spin-off-Logik von Gruner & Jahr mindestens ein »Geo Thema Epoche Geolino extra Spezial« oder so verdient hätte. Völkerschlachten stehen schließlich für Zäsuren, und da macht auch die Tatsache, dass »Geo« die ganze Titelgeschichte mit Spielszenenfotos der Trachtenvereine illustriert, das Jahr nicht kleiner.

Zur Ausgangsfrage, ob man das Jahr 1813 jetzt am Kiosk kaufen oder lieber bei Wikipedia nachlesen soll, zur Kernfrage also: ob der Journalismus im Jahr 2013 den narrativen Enzyklopädismus der Schwarmintelligenz noch schlägt, kann ich im vorliegenden Fall keine klare Antwort geben. Ich hätte 1813 gern hier wie da ein bisschen feuilletonistischer gehabt, und da kommt mir plötzlich noch Hodler in den Sinn: Ferdinand Hodler hat den »Auszug deutscher Studenten in den Freiheitskrieg 1813« auf monumentale Leinwand gebannt, das Bild hängt in der Aula der Uni Jena: Der Schimmelbesteiger, der Tornisterträger und vor allem der Mantelanzieher sind schon ziemlich kurios ikonisch für das, was uns Reenactment-Vereine, Chefhistoriker und Gedenkjournalismus in den nächsten Monaten noch zuhauf nacherzählen werden: die lange Mobilmachung zur Völkerschlacht.

»Straße des 18. Oktober« heißt eine bekannte Leipziger Studentenheim-Adresse, an der viele als Erstsemester ankamen, und gleich erst mal ein Urlaubssemester nahmen, nehmen mussten! Der Grund waren natürlich die ständigen Partys ganzen Recherchen zu der im Straßenraum stehenden Frage, was es denn mit diesem Datum auf sich habe. Heute sind alle möglichen Linkschleudern auf historische Dauerfeuer programmiert. Damals gab es für schnelle Antworten weder Wikipedia. Noch ein gefälliges »Geo«-Heft namens 1813.
 


100-Seiten-Bücher – Teil 49
Niccolò Machiavelli: »Der Fürst« (1513/1532)

Leipzig, 4. März 2013, 21:10 | von Marcuccio

»Werkchen« hat Machiavelli seinen Hundertseiter genannt, was er im Vergleich zu seinem Vierhundertseiter »Discorsi« definitiv ist. Werkchen klingt halt trotzdem arg wie Knoppers, das Frühstückchen. Man weiß, dass Hitler und Mussolini das Werkchen gefrühstückt haben, und überhaupt hat sich von der Diktatur bis zur Demokratie, von den Jesuiten bis zu den Kommunisten und von Shakespeare bis Nietzsche wohl so ziemlich jede Staatsform, Geistesbewegung und Persönlichkeit an diesem Hundertseiter vergriffen. Was nicht weiter wundert, denn Machiavelli bringt seine Sache ganz fantastisch auf den Punkt. Man sollte das Buch mal für eine Nacherzählung in Power Point ausschreiben.

Besonders eindringlich wird Machiavelli immer da, wo er den Coach macht: »Entweder bist du schon Fürst oder bist noch auf dem Weg, es zu werden.« So sieht’s aus. Und wer die Ansprache als Alphatier bevorzugt, kann sich im Role Model »Fuchs« oder »Löwe« wiederfinden. Die wenigsten können beides in sich vereinen, und auch deswegen sieht man Macht so oft scheitern.

Die Kunst des Machterwerbs und Machterhalts war ursprünglich mal Arkanwissen für Staatsführer (eben: Fürsten). Heute ist Machiavellis­mus vom Schlage ›Der Zweck heiligt die Mittel‹ längst Breitensport, beliebt von der Staatsräson bis zur ausgestellten Skrupellosigkeit leitender Angestellter in der Schadensregulierung M–Z: »Büro ist Krieg«. Das Problem der Strombergs dieser Welt: Sie lesen womöglich Werkchen wie »Der kleine Machiavelli. Handbuch der Macht für den alltäglichen Gebrauch«. Das Original ist aber wahrscheinlich nicht nur besser, sondern vor allem auch kürzer!

Länge des Buches: ca. 164.000 Zeichen (ital.), ca. 177.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Niccolò Machiavelli: Il principe. Der Fürst. Italienisch/deutsch. Übers. und hrsg. von Philipp Rippel. [Nachdr.] Stuttgart: Reclam 1995.

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Nekrologstricher und Nekrologdealer

Hamburg, 24. Februar 2013, 14:41 | von Josik

Irgendwann während des morgendlichen Arbeitsessens im wunderbaren Café Leonar – ich hatte selbstverständlich das Josefstädter Frühstück bestellt – kam, wie so oft in diesen Tagen, die Rede auf den Papst, und ich hörte zum ersten Mal die denkwürdige These, dass Joseph Ratzinger, anders als etwa Karol Wojtyła, gar nicht genug Charisma besessen habe, als dass er jemals einen Attentatsversuch hätte befürchten müssen.

Unmittelbar nach diesem Arbeitsfrühstück raste ich los zum S-Bahnhof Stadthausbrücke, aber leider war der Akku meines Handys alle und so konnte ich Dique nicht darüber in Kenntnis setzen, dass ich, der sich sonst niemals verspätet, mich etwas verspäten würde. Dique wartete schon am Ausgang Neuer Wall und wir eilten zu dieser hervorragenden Pelmeni-Butze (deren Namen ich leider vergessen habe), um dort das Mittagessen einzunehmen und weiter über John F. Kennedys Charisma zu diskutieren sowie über die Tatsache, dass nun allerorten Nachrufe auf Ratzinger zu lesen waren, die sich nicht Nachrufe nennen durften.

Wir beschlossen, die Diskussion im herrlichen Café Paris fortzuführen, und waren uns einig, dass das Allerunsäglichste und Nervigste, was man im Internet überhaupt zu lesen bekommt, dieser verdammte Satz nach jeder einzelnen Eilmeldung ist: »In Kürze mehr auf SPIEGEL ONLINE.« Als Leser möchte man ja immer sämtliche Informationen sofort abrufbereit haben, und entsprechend müssen die Redaktionen gegenüber sämtlichen überhaupt denkbaren Eventualitäten jederzeit gewappnet sein. Zwar wünscht niemand, dass Ratzinger sterben wird, aber was, wenn es eben doch einmal irgendwann passieren sollte?

Seine Biografie hatten alle Redaktionen bekanntlich längst eingetütet gehabt, und entgegen der Meinung mancherer Meckerer und Moserer ist es in Tat und Wahrheit eben überhaupt nicht pietätlos, darüber zu sprechen. Spätestens seit wir Andrej Kurkows grandiosen Roman »Picknick auf dem Eis« gelesen haben, ist ja uns allen der Beruf des auf absolut alles topvorbereiteten Nekrologredakteurs sogar ein bisschen ans Herz gewachsen. Jedenfalls überlegten wir jetzt im zauberhaften Café Paris, welcher lebende Deutsche eigentlich Charisma besitze. Uns fiel nur ein einziger ein, und auch nach sehr langem Nachdenken blieb es bei diesem einen: Helmut Schmidt natürlich.

Wir fragten uns, ob die »Zeit« für den Fall des Falles vielleicht schon eine Sonderausgabe vorbereitet habe, die dann noch am gleichen Tag in Druck gehen wird, und Dique meinte, wir könnten doch einfach zum »Zeit«-Redaktionsgebäude laufen, das sei ganz in der Nähe, und dort den Pförtner fragen. Wo, wenn nicht dort, würde man darüber Gewissheit erlangen können? Ich hatte einige Bedenken und wollte eigentlich nicht persönlich dort aufkreuzen, sondern lieber anrufen, aber dann erinnerte ich mich wieder daran, dass ja mein Akku alle war. Wir zahlten also und sprinteten zum Speersort 1, doch welche Überraschung! – es gab am Eingang überhaupt keinen Pförtner.

Wir stiegen in den Aufzug, ins Ungewisse, eine junge Frau hechtete noch im letzten Moment zu uns herein und fragte: »Wissen Sie, wo man zum Bewerbungsgespräch für ZEIT Reisen hin muss?« Dique und ich sagten unisono: »Dritter Stock«, und hofften insgeheim, dass das auch stimmte. Wir stiegen dort dann gemeinsam mit der jungen Frau aus, ließen ihr aber den Vortritt, ihr wurde von zwei Empfangsdamen der Weg gewiesen. Schließlich fragten wir die beiden Rezeptionistinnen, wer aus der Redaktion für Nekrologe zuständig sei.

Überraschenderweise fragte eine der Damen mit einer absoluten Selbstverständlichkeit, d. h. ohne das leiseste Erstaunen in der Stimme und ohne jegliche Verwunderung – tja, aber was genau sie nun fragte, da gehen meine und Diques Erinnerungen auseinander. Ich meine ge­hört zu haben: »Wollen Sie sich anbieten?« Dique hingegen meint gehört zu haben: »Wollen Sie was anbieten?«

Sich anbieten bedeutete, dass wir offenbar für seriöse freie Journalisten gehalten wurden, die sich für feste Stellen in der Nachrufabteilung bewerben. Etwas anbieten bedeutete, dass wir offenbar für seriöse freie Journalisten gehalten wurden, die einen, wenn nicht sogar mehrere ganz konkrete hochaktuelle selbstverfasste Nachrufe schon in der Tasche hatten und die in der Redaktion vorbeibringen wollten.

Der Unterschied zwischen sich anbieten und was anbieten wäre also in etwa der Unterschied zwischen Nekrologstrichern und Nekrolog­dealern. Ich halte allerdings meine Version für die wahrscheinlichere, denn wie wir aus dem Aufzug wussten, wären wir ja nicht die einzigen gewesen, die sich an diesem Tag beworben hätten. Das Gespräch mit den Empfangsdamen endete jedenfalls so, dass uns zwei Telefon­nummern auf ein gelbes Post-it geschrieben wurden: eine Nummer für Nachrufe im Politikteil, die andere für Nachrufe im Feuilleton.

Dass es da in Politik und Feuilleton also allem Anschein nach zwei verschiedene Nachrufabteilungen gibt, macht die Sache nun freilich erst recht vertrackt und eine Auflösung unserer Frage eigentlich unmöglich, denn wir können ja nicht wissen, ob Helmut Schmidt nach Einschätzung der »Zeit«-Redaktion mehr für die politischen Ämter, die er einmal innehatte, zu würdigen ist oder mehr für seine Weltweisheit.
 


100-Seiten-Bücher – Teil 48
André Gide: »Die Pastoralsymphonie« (1919)

Oxford, 19. Februar 2013, 10:00 | von Baumanski

Eigentlich muss ich ganz andere Sachen lesen, anstrengende Bücher, dicke Bücher, Fussnoten. Aber dann stehe ich einmal mehr bei Blackwell’s und kaufe was von André Gide, und zwar den »Immoralist«, den mir mein Nachbar neulich empfohlen hat:

–Gutes Buch, musst du unbedingt lesen.
–Was ist gut daran?
–Alles.

Bei Blackwell’s läuft auch gerade eine Signierstunde ab. Der nach wie vor äusserst sympathische Michael Palin unterschreibt, und da schaue ich noch eine Weile zu, kaufe aber keines seiner Bücher, weil ich ja ganz andere Sachen lesen muss.

»Der Immoralist« ist wirklich ein gutes Buch. Schöne schlichte Sprache, so poetisch wie natürlich, aber in dem späteren und noch etwas kürzeren Hundertseiter »Die Pastoralsymphonie« ist sie vielleicht fast noch vollkommener. Auch darin behandelt Gide die grooossen Fragen anhand einer einfachen Geschichte: Der Protagonist, ein Pastor, verliebt sich in seine blinde Adoptivtochter, sein Sohn aber leider auch, und das Ganze führt unweigerlich zur Katastrophe.

Diese »Symphonie pastorale« habe ich vor ein paar Monaten während einer Zugfahrt von Genf nach Basel gelesen. Warmer Sommerabend, linkerhand zog zufälligerweise der gesamte Schweizer Jura vorbei, in dem das Buch ja spielt. Auch damals musste ich theoretisch eigentlich ganz andere Sachen lesen.

Länge des Buches: ca. 113.000 Zeichen (französ.). – Ausgaben:

André Gide: Die Pastoral-Symphonie. Übers. von Bernard Guillemin. Nachw. von Kurt Wais. [Nachdr.] Stuttgart: Reclam 1995.

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Der Mann ohne Abnehmer

Berlin, 15. Februar 2013, 19:15 | von Paco

Zuerst dachte ich, das war ein Scherz. Im Hauseingang, auf dem Boden unter dem Klingelbrett, waren acht Bücher gestapelt, darunter ein André-Müller-Interviewband, »Corneille · Théâtre complet · Tome II« und der »Mann ohne Eigenschaften« (Rowohlt, gelbes Leinen). Und zwar hatte Josik bekanntlich große Teile seiner Privatbibliothek verkauft und zuletzt auch großzügig Sachen verschenkt. Aber dass er hier jetzt Musil zum Mitnehmen in den Hauseingang legt –

Hat er aber gar nicht, wie sich im vierten Stock herausstellte. Ich war kurz auf Besuch, weil wir abends noch ins Kino gehen wollten. Und die Bände mussten »von den Bildungsbürgern aus dem ersten Stock« stammen, soweit die Vermutung. Als wir nach einer Weile das Haus verließen, hatte sich der Stapel wie von Zauberhand dezimiert, die Hälfte der Bände war weg, André Müller zack, Pierre Corneille zack. Musils Mann lag immer noch da.

Als wir dann aus »Hannah Arendt« kamen, schlenderten wir von Kreuzberg zurück nach Schöneberg und noch mal bei Josik vorbei. Schon aus der Ferne blinkte uns von der Eingangstür her ein gelbes Objekt entgegen. Alle anderen Bände hatten dankbare Abnehmer gefunden, nur der »Mann ohne Eigenschaften« lag immer noch da! Acht Bücher minus sieben ergibt einmal »Mann ohne Eigenschaften«. Das ist ganz sicher als Niederlage für Musil zu werten, als Niederlage im freien Wettkampf um Leserschaft. Aber, und das sollte man noch mit bedenken, es war ein ziemlich ramponiertes Exemplar.
 


100-Seiten-Bücher – Teil 44
Christian Reuter: »Schelmuffsky«
(Erste Fassung 1696)

Berlin, 22. Dezember 2012, 12:44 | von Josik

Schelmuffskys Curiose und Sehr gefährliche Reißebeschreibung zu Wasser und Land führt ihn von seinem Geburtsort Schelmerode über Hamburg, Altona, Stockholm, Amsterdam, Indien, England, die spanische See und St. Malo wieder zurück über London und die Hamburger Vorstadt nach Schelmerode. Schelmerode ist zwar laut Wikipedia zusammen mit Hunrode, Rumerode, Mackenrode, Auf dem Rode, Schwickschwende und Thunrichsberg eine der Wüstungen, aus denen die Gemeinde Birkenfelde hervorging, mit Schelmuffskys Schelmerode hat das aber eigentlich nichts zu tun.

Es ging auch schon gut los mit Schelmuffsky, dem braven Kerl, denn bei seiner Geburt spielte eine Ratte die Hauptrolle. Dass Oskar Matzeraths Geburt, die ja auch irgendwie seltsam war, mit Schelmuffsky zu tun hat, das hat Grass selber oft erklärt. Allerdings scheint diese Erklärung ein bloßes Vertuschungsmanöver zu sein, wenn es nach der vor ein paar Monaten im Meinungsmedium der Freitag geäußerten Meinung geht, dass der Anfang der Blechtrommel nicht etwa, wie Grass vorgibt, vom ewigen Studenten Christian Reuter inspiriert sei, sondern vielmehr das Plagiat einer Geschichte der später im Kino von Hannelore Elsner verkörperten Gisela Elsner darstelle. »Müssen wir nun mit einer neuen Plagiats-Affaire rechnen?«, heißt es in besagtem Artikel. Gemessen am bisherigen öffentlichen Echo auf die Enthüllung: eher nicht.

Doch wie dem auch sei, ich jedenfalls habe aus meiner etwas zu umfangreich geratenen Privatbibliothek inzwischen über 1.200 Bände verkauft, den hinreißenden Schelmuffsky aber behalte ich natürlich!

Länge des Buches: um die 115.000 Zeichen (?) (erste Fassung, nur 1. Teil erhalten), 259.000 Zeichen (zweite Fassung 1696/97, inkl. dem 2. Teil). – Ausgaben:

Christian Reuter: Schelmuffsky Curiose und Sehr gefährliche Reiße­beschreibung zu Wasser und Land. Gedruckt zu St. Malo. Anno 1696. (120 Textseiten laut Zarnckes Christian-Reuter-Monografie, Leipzig: Hirzel 1884, S. 591. Das einzige erhaltene Exemplar der ersten Fassung liegt in Gotha.)

Christian Reuter: Schelmuffsky. Abdruck der ersten Fassung 1696. Halle/S.: Niemeyer 1885. S. 1–57 (= 57 Textseiten).

Christian Reuter: Schelmuffsky Curiose und Sehr gefährliche Reißebeschreibung zu Wasser und Land. Gedruckt zu St. Malo. Anno 1696. In: Christian Reuter: Schelmuffsky. Abdruck der Erstausgaben 1696[A/B]. 1697. Zweite, verbesserte Auflage hrsg. von Peter von Polenz. Tübingen: Niemeyer 1956. S. 121–174 (= 54 Textseiten).

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Strandlektüre

Jena, 21. Dezember 2012, 08:51 | von Montúfar

Meine Strandlektüre in diesem Jahr war Madame de Staëls »Über Deutschland«, und ich kann sagen, dass dieses Buch als Strandbuch völlig ungeeignet ist. Denn schon an Tag zwei meines Urlaubs löste sich in der salzig-sandigen Meeresbrise die Leimung meiner Paper­backausgabe. Ich hatte von nun an sehr darauf zu achten, dass besagte Brise mir nicht die hellsichtigen Betrachtungen Frau Staëls davontrug.

Da war zum Beispiel zu lesen: Die deutsche »Überlegenheit besteht in der Unabhängigkeit des Geistes, in der Liebe zur Zurückgezogenheit, in einer eigentümlichen Originalität.« Ich blickte über meinen Interpretationssache gewordenen Buchrand auf meine Landsleute hier an der Playa del Inglés und konnte nicht anders als dieser trefflichen Beobachtung vollkommen beipflichten. Doch weil die Form nun einmal den Inhalt von Literatur mitbestimmt, war ich gezwungen, meine Strandlektüre abzubrechen, die Meerluft setzte dem Buch zu arg zu.

Französische Literatur hat es eben in Deutschland noch nie einfach gehabt. Das zeigte sich erst neulich wieder in einem SZ-Artikel (Ausgabe vom 13. November 2012, S. 11), in dem sich Joseph Hani­mann fragt, warum in der zeitgenössischen französischen Literatur vor allem der Erste Weltkrieg immer noch eine so große Rolle spielt. Dass das hierzulande verwundert, liegt auf der Hand. Schließlich schrieb schon Madame de Staël: »Wer sich in Deutschland nicht mit dem Universum befaßt, hat nichts zu tun.«

In der meerfernen Vorweihnachtszeit konnte ich dieses Buch nun problemlos weiterlesen.
 


Kracht, Horzon, Danto

Jena, 19. Dezember 2012, 15:47 | von Montúfar

Als ich gerade Christian Krachts »Imperium« zu Ende gelesen hatte, sah ich in der Danksagung, dass da Rafael Horzon erwähnt wurde. Der hatte ja vor zwei Jahren den Roman »Das Weisse Buch« herausge­bracht, in dem eine Figur namens Rafael Horzon im Berlin der 1990er-Jahre allerlei genialen Unfug anstellt.

Horzon fährt nicht nur eine Zeitlang Pakete aus, zusammen mit einer Figur namens Christian Kracht. Er wird auch Möbeldesigner. Bei der Eröffnungsfeier zu seinem neuen Laden »MOEBEL HORZON«, in dem nur ein einziges Möbelstück, das seit kurzem von Peaches besungene Regal »Modern«, angeboten wird, passiert folgendes:

»Ist das hier eigentlich eine Art Performance?«, fragte mich misstrauisch ein schmächtiger Student, wobei er sich umständlich die Nase putzte. »Und diese Regale, die erinnern mich an diesen Bildhauer … Donald …« »Duck?«, fragte ich arglos. »Und dieses ganze Geschäft, in dem nur ein einziges Regal steht«, fuhr der Student fort, »das ist doch kein richtiges Geschäft! Das ist doch …« »Wissen Sie was«, sagte ich zu ihm und legte ihm väterlich die Hand auf die Schulter, »es gibt ja nun keine objektiven Kriterien dafür, was Kunst ist und was nicht. Und deshalb ist natürlich alles, was ein Mensch zu Kunst erklärt, auch tatsächlich Kunst. Aber genauso gut ist alles, was ein Mensch nicht zu Kunst erklärt, keine Kunst. Und wenn ich diesen Möbelladen nun nicht zu Kunst erkläre, sondern zu einem Möbelladen, dann ist er natürlich auch keine Kunst, sondern ein Möbelladen.«

Damit spielt der Ich-Erzähler Horzon natürlich auf die heute immer noch wirkmächtige Kunsttheorie Arthur C. Dantos an. Verknappend formu­liert, behauptet Danto, dass ein Gegenstand dann zum Kunstwerk wird, wenn ein kunstgeschichtlich beschlagener Kritiker diesen Gegen­stand zu Kunst erklärt. Horzon folgert daraus, dass man dann auch jeden Gegenstand zu dem erklären kann, was er ist, zum Gegenstand.

Das Ergebnis ist ein Roman, in dem eine Figur einerseits Alltagsgegen­stände zu Kunst macht und in dem zitierten Beispiel performance­ähnliche Veranstaltungen zu Nicht-Kunst. Gleichzeitig unterläuft der Text demonstrativ seine Fiktionalität und betont sowieso, dass man es mit der Frage, was Kunst ist, nicht so ernst nehmen sollte. Damit dreht er die kunsttheoretische Schraube, die Danto mit seinen Überlegungen festzurren wollte, um die entscheidende Drehung weiter, die das Gewinde überschnappen und Dantos Theorie ins Leere laufen lässt. Und das alles nicht in Form einer Theorie, sondern als sprachliches Kunstwerk. Sehr gut.