Monatsarchiv für Mai 2007


Massakerminiaturen (1)

Berlin, 23. Mai 2007, 22:13 | von John Roxton

Mit einem Knirschen fuhr ihm das Messer aufwärts durch den Unterarm während ich gleichzeitig seinen Schlag mit der rechten Hand abfing. Das Messer arretierte den Körper einen ausreichenden Moment, um zu treten und erneut anzusetzen. ›Wenn es ernst ist, versuchen nur Dummköpfe einen Tritt höher als Körpermitte‹ – Weisheit der Hütten. Während er fiel, bekam ich sein Knie in den Unterleib und das Reißen seiner Kehle vermischte sich mit meinem Schmerz. Gekrümmt humpelte ich um ihn herum, um die Wand in den Rücken zu bekommen. Ich hob das Messer auf, das nach dem Schnitt durch seinen Hals auf den Boden gefallen war und wischte es an seiner Kleidung ab, ehe ich daran ging, ihm die Kommunikationseinheit aus der Brust zu schneiden.

*

Jedes Jahr am 23. Mai:

John Roxton: »Massakerminiaturen«

#1 (2007) – #2 (2008)#3 (2009)#4 (2010)#5 (2011)
#6 (2012)#7 (2013)#8 (2014)#9 (2015)#10 (2021)


Soweit okay

Leipzig, 23. Mai 2007, 14:06 | von Millek

Seid ihr o.k.? Das frage ich mich schon mindestens drei Monate. Dabei weiß ich nicht, ob es sich um eine regionale Besonderheit unserer schönen Stadt handelt oder ob die neue Verwendung des Wörtchens nun bundesweit gilt.

Wo es anfing, habe ich vergessen. Seitdem passiert es mir immer wieder: Ich treffe auf einen alten Bekannten und wir beginnen ein Gespräch. Mindestens jede zweite Phrase meiner Beiträge wird mit einem o.k. bestätigt.

Leider ist es nicht das o.k. von »o.k., dann also um drei bei Dir« auch nicht das o.k. von »o.k., wir versuchen’s noch mal« und kein »o.keeee., das habe ich nicht gewusst«. Nein, es ist das kurze und knappe o.k. von »o.k. weiter im Text, o.k. auch richtig, o.k. setzen«. Wohlwollende Zustimmung sieht anders aus.

Ich denke nicht, dass das o.k. ist, und Gabriel im Übrigen auch nicht.

Zur Beruhigung bleibt zu sagen, dass eben dieses o.k. bisher noch keine Schranken übersprungen hat und eisern bei alten vielleicht aber auch bei zukünftigen Bekannten herumlungert.


Darf man das lesen? (Teil 1: »Die Welt«)

Leipzig, 22. Mai 2007, 21:56 | von Paco

»Die Welt« ist der natürliche erste Kandidat für diese Rubrik, weil die Frage, ob man die »Welt« lesen darf, wirklich ständig gestellt wird. Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Die einfachste Antwort lautet: ja. Schon wegen Hans Zippert, dessen Text über das »Schrödertum« 2005 von uns gekürt wurde. Der Umblätterer verteidigt die »Welt« vor allem vor denen, die sie ablehnen. Wobei das eine Kunstform sein kann, und mit ihren Ätztexten gegen Springer setzt die Blogbar eine schöne Tradition fort.

Tilman Krause hat nach eigenen Worten bei der »Welt« mitgemacht, als man sich dort vor ein paar Jahren entschloss, »endlich mal eine ordentliche Zeitung« zu machen. Seitdem gibt es zum Beispiel das Samstags-Supplement »Literarische Welt«. Trotzdem ignorierte etwa der Perlentaucher die »Welt« jahrelang und berücksichtigte sie als einzige der überregionalen Zeitungen mit Kulturteil nicht. Inzwischen aber schon.


Sarkozy

London, 22. Mai 2007, 10:01 | von Dique

Es war in der französischen Wahlnacht. Die französische Wahlnacht, so könnte man eine Operette nennen. Ich war auf dem Weg zur South Kensington Station und mir kommen ein paar Franzosen entgegen, überwiegend schöne junge Frauen, und sie rufen mir zu: »Sarkozy«, mit diesem französischen Akzent, unmöglich aufschreibbar, »Sarkozy«.

Ich kam gerade aus dem Builders Arms. Ich hatte dort eines dieser wunderbar zarten Steaks gegessen, mit normalen Frites, nicht den üblichen Chunky Chips, also Steak et Frites, unbewusst französisch, sort of. Sicher kamen die Franzosen aus dem Institut français, denn wie das Goethe-Institut ist das in South Kensington.

»Sarkozy«, heißt es immer wieder, und dann nimmt mich eine bei der Hand. »Good luck« oder irgend so was sage ich, »good luck«, na ja, was soll man da auch sagen. Ich war etwas überrascht, freute mich noch über den Geschmack dieses Steaks, und dann diese feiernden Franzosen, junge Leute, huldigen dem konservativen Kärchermeister, und ich frage mich, was ich gemacht hätte, wenn das Deutsche gewesen wären, die den Wahlsieg von Angela Merkel gefeiert hätten. Nicht, dass ich Angela Merkel schlecht finde. Aber sie hat ja auch irgendwie keinen Sarkozy-Sieg errungen, »Sarkozy«.


Der Erfinder des Blümchensex

Leipzig, 21. Mai 2007, 21:24 | von Paco

Als wir zur Haltestelle am Roßplatz liefen, spuckte Gabriel die ganze Zeit so nach schräg rechts weg. In der Mensa hatte es Fisch gegeben. Und jetzt war mit Gabriel kein vernünftiges Wort mehr zu reden.

Die Linie 9 rasselte gerade vorbei und wir liefen ihr mit etwas schnellerem Schritt hinterher. Die Straßenbahn war die Rettung, denn hoffentlich stellte Gabriel dann endlich das Gespucke ein. Er hatte das offenbar vor, und ich sah in den Augenwinkeln, wie er noch mal den gesamten fischigen Restspeichel zusammenzog und wieder nach leicht rechts hinausspie.

Leider passierte ihn genau in diesem Moment ein Jeansjackenträger, der alles abbekam. »Wah!«, machte Gabriel zur Entschuldigung, und schon landeten wir mit vorberechnetem Schwung in der Tram. Wir sahen dem Speichelopfer nach, das in Zeitlupe das Kinn an die Brust setzte und mit einem Blick den Schaden abfotografierte. Er drehte sich in schnellem Zorn um und fixierte Gabriel, während sich die Türen der Tram automatisch schlossen. Der Angespuckte drosch auf den Türöffner ein, während Gabriel zurückwich und sich dabei fast in einen Kinderwagen setzte. »Ich, schuldigung, ich …«

Glücklicherweise ging die Tür nicht mehr auf. Von draußen schrie es: »Ich kriege dich! Du Sau! Du Wichser!« Die Straßenbahn fuhr langsam an, und Gabriel suchte leicht torkelnd den Weg an die Tür, schüttelte dabei derb mit dem Kopf und schrie zurück, dass es sich um ein Versehen handelte, »ein Versehen!!!«

Dann fuhren wir wie geplant zum Botanischen Garten, um uns über das Linné-Special der gestrigen FAS zu unterhalten. Die Headliners hatten dafür die herrliche Überschrift »Der Erfinder des Blümchensex« gefunden, und Gabriel wusste, wer das gewesen sein musste und wie er darauf gekommen war. Dann saßen wir aber die ersten 15 Minuten nur in der Mangrovenwaldecke und sogen die Luft ein.


Gegen den Strich

London, 20. Mai 2007, 14:48 | von Dique

Letzten Samstag, am 12. Mai, jährte sich der Todestag von Joris Karl Huysmans zum 100sten Mal. Solche Daten habe ich nicht im Kopf, natürlich. Ich las einen dilettantischen Artikel eines katholischen Priesters in einem Blatt, welches ich hier nicht nennen möchte, darüber. Gegen den Strich, Huysmans, 100 Jahre, that makes you think.


Spiegel Online *plonk*

Leipzig, 20. Mai 2007, 14:31 | von Paco

Wer mir noch einmal einen Link zu einem SPON-Text schickt, wird geplonkt. (Das gilt auch für dich, Millek, ich drohe jetzt mal, und zwar auf billigste Art und wohlfeilste Weise, huh!)

Also, wie jeder normale Mensch lese ich jeden Tag jeden Artikel auf Spiegel Online. Ich weiß auch immer alles schon.

Das heißt nicht, dass ich SPON so unfassbar gut finde. Aber: Es gilt das geschriebene Enzensbergerwort von 1957. (Jubiläumsalarm: 50 Jahre »Die Sprache des Spiegel«.) Und zwar das, wo es heißt: »Der Spiegel ist unentbehrlich, solange es in der Bundesrepublik kein kritisches Organ gibt, das ihn ersetzen kann.« Nuuun jaaa, bei SPON kann man das ›kritisch‹ sicher durch ein passenderes im weitesten Sinne positives Eigenschaftswort ersetzen. Aber so sieht’s aus.


Sätze, die nicht von Joachim Kaiser stammen (Teil 1)

Leipzig, 19. Mai 2007, 19:59 | von Austin

»Das zweite Thema im Kopfsatz kann man nach Furtwänglers Interpretation (die ich das Glück hatte 1952 in Luzern zu hören) nicht mehr dirigieren.«


Kaffeehaus des Monats (Teil 1)

sine loco, 19. Mai 2007, 18:14 | von Marcuccio

Wenn du mal richtig Zeitung lesen willst:

Das Café Diglas in der Wollzeile 10.

Wien
Das Café Diglas in der Wollzeile 10.

(Beim Hineingehen bitte immer auf
die alte Frau achten, die in ihrer
Ecke die »Herald Tribune« liest.)


They have changed the date

London, 19. Mai 2007, 17:12 | von Dique

Der Spiegel kommt hier seit Wochen verspaetet, haben die, have they, wie mein Zeitungsmann sagt, das Datum geaendert, they have changed the date, sagt er immer, mhh, was soll der Quatsch, wer ist »they«, Aust, die Post, Yassin Musharbash, Air Berlin – wenn das Ding in Deutschland ab spaetestens 8 p.m. am Kioskl ist, dann kann ich es doch am naechsten Tag am Kioskl in London erwarten, aber was will man machen, they have changed the date, I hate them!