Archiv des Themenkreises ›Filmakademie‹


Ganz viele Filme:
Das Kinojahr 2011

Hamburg, 31. Januar 2012, 01:55 | von San Andreas

Kinojahr 2011 Einklinker 494 Filme sind in Deutschland im letzten Jahr gestartet. Alle konnte man nicht sehen, alle musste man nicht sehen. Hier unser alljährliches Kompendium mit den allerbesten und den allerenttäuschendsten Werken, so wie in den Vorjahren (2010, 2009, 2008, 2007).

Eine kleine, gefühlte Spitzengruppe hat sich abgesetzt, in ihr die Produktionen aus Hollywood und England, die künstlerischen mit kommerziellem Erfolg verbinden konnten (zusammen 994 Mio. $), aber auch Beiträge aus Dänemark, Spanien und Kanada, die im Vergleich viel größere thematische Bögen schlugen – nach Afrika, nach Bolivien, in den Libanon – und so mehr Resonanz mit der Welt da draußen aufbauten. Der Erfolg dieser durchaus wichtiger und wertvoller er­scheinenden Filme hielt sich freilich in Grenzen (zusammen 19 Mio. $).

Der Rest der Liste versammelt zweieinhalb Dutzend gute und/oder bedeutende Werke, plus eine Handvoll derjenigen Filme, die leider nicht so toll ausfielen wie gedacht. Zur ausführlichen Fassung geht es hier bzw. direkt über die einzelnen Titel:

5 Sterne
»También la lluvia« (Icíar Bollaín)
»True Grit« (Ethan & Joel Coen)
»Incendies« (Denis Villeneuve)
»Black Swan« (Darren Aronofsky)
»Jodaeiye Nader az Simin« (Asghar Farhadi)
»The King’s Speech« (Tom Hooper)
»Hævnen« (Susanne Bier)

4 Sterne
»Melancholia« (Lars von Trier)
»Super 8« (J. J. Abrams)
»Carnage« (Roman Polanski)
»Tyrannosaur« (Paddy Considine)
»The Ides of March« (George Clooney)
»The Guard« (John Michael McDonagh)
»Halt auf freier Strecke« (Andreas Dresen)
»Rise of the Planet of the Apes« (Rupert Wyatt)
»Cave of Forgotten Dreams« (Werner Herzog)
»Another Year« (Mike Leigh)
»This Must Be the Place« (Paolo Sorrentino)
»Mission: Impossible – Ghost Protocol« (Brad Bird)
»Winter’s Bone« (Debra Granik)
»La piel que habito« (Pedro Almodóvar)
»The Tree of Life« (Terrence Malick)
»127 Hours« (Danny Boyle)
»The Adventures of Tintin« (Steven Spielberg)
»Pina« (Wim Wenders)
»Biutiful« (Alejandro González Iñárritu)
»Let Me In« (Matt Reeves)
»Margin Call« (J. C. Chandor)
»Rango« (Gore Verbinski)
»Contagion« (Steven Soderbergh)
»The Fighter« (David O. Russell)
»Attack the Block« (Joe Cornish)
»Four Lions« (Christopher Morris)
»Inside Job« (Charles Ferguson)
»Blue Valentine« (Derek Cianfrance)
»Midnight in Paris« (Woody Allen)
»The Thing« (Matthijs van Heijningen Jr.)

1 Stern
»Sanctum« (Alister Grierson)
»Kokowääh« (Til Schweiger)
»Cowboys & Aliens« (Jon Favreau)
»Sucker Punch« (Zack Snyder)
»Battle Los Angeles« (Jonathan Liebesman)

*

Und wie immer ist Vollständigkeit kein realistisches Kriterium für die Liste. Um einen Teil der wütenden Proteste im Vorhinein abzufangen, folgt hier noch eine kleine Sammlung von Filmen, die auf jeden Fall auch kuckbar waren, es aber aus irgendeinem Grund nicht auf die Liste geschafft haben:

»Beginners« (Mike Mills) – Coming-Out mit 75, warum nicht. »Crazy, Stupid, Love.« (Glenn Ficarra, John Requa) – die Konsenskomödie des Jahres. »Hanna« (Joe Wright) – stylischer Rachethriller mit Powermädel. »Trolljegeren« (André Øvredal) – eine norwegische Monster-Mockumen­tary, wer hätte das gedacht. »Never Let Me Go« (Mark Romanek) – traurige, anmutige Dystopie über Sterblichkeit und Repression. »Tucker and Dale vs Evil« (Eli Craig) – selten ein lustigeres Blutbad gesehen. »Win Win« (Tom McCarthy) – einnehmende, amüsante Indie-Perle. »Kokuhaku« (Tetsuya Nakashima) – ausgekochtes Psychospielchen mit viel Zeitlupe. »Senna« (Asif Kapadia) – die definitive Doku über die F1-Legende. »Harry Potter and the Deathly Hallows: Part 2« (David Yates) – ein würdiger, fulminanter Abschluss der Zauberburschen-Saga. »Somos lo que hay« (Jorge Michel Grau) – Kannibalen haben’s auch nicht leicht. »Howl« (Rob Epstein, Jeffrey Friedman) – Ode an ein Gedicht: mal was anderes.

Und ach so, der Film »Let Me In« war bereits auf der 2010er Liste erschienen, kein Mensch weiß warum. Er startete in Deutschland erst Mitte Dezember 2011, über ein Jahr nach seiner Weltpremiere im September 2010, auch ein Skandal eigentlich. Der Text ist noch mal derselbe wie letztes Jahr.

Soweit jetzt also das Kinojahr 2011. Bis nächstes Jahr,
San Andreas
 


SPON, Helmut Kohl, Bundespresseball

Konstanz, 10. August 2011, 06:43 | von Marcuccio

Drei schöne Szenen aus Herlinde Koelbs Doku »Die Meute«, die dem deutschen Fernsehen vor genau zehn Jahren, am 10. August 2001, eine Sternstunde bescherte und längst zum Klassiker geworden ist – vgl. die Quotes in der Publizistikwissenschaft. Aber ich empfehle natürlich den ganzen Film (z. B. bei YouTube, dort in sechs Teilen).

1. Markus Deggerich!

»Deutschlands erster parlamentarischer Berichterstatter, der ausschließlich ins Internet berichtet« (Koelbl). 2001 unter lauter Print- und Rundfunkhasen noch eine echte Sensation. Mir gefällt, wie er sein Exotendasein mit diesem Laptop-Deckel behauptet, auf dem ein geradezu obszön großer (und deswegen auch hässlicher) Aufkleber von »Spiegel Online« prangt.

2. Buchpräsentation: »Mein Tagebuch« von Helmut Kohl

Sie klettern auf Stühle. Sie drängeln, sie schubsen. Die Fotografen wollen Helmut Kohl mit Buch. Der kapiert gar nicht, wie mediale Bilderlogik funktioniert – oder hat vielleicht auch einfach keine Lust:

–Aber Sie haben doch schon Bilder vom Buch.
–Ja, aber doch nicht mit Ihnen. Können Sie’s mal in die Hand heben?

3. Bundespresseball 2000

Herlinde Koelbl fragt den Silberfuchs Carl Weiss (* 1925):

Koelbl: Warum sind Sie Journalist geworden?
Weiss: Ich wollte immer Journalist werden. Ich glaube, ich war gut im Aufsatz, als ganz kleiner Junge schon. Das war natürlich im Dritten Reich. Ich hab mir gar nicht klar gemacht, wie das eigentlich sein würde, dann wäre es wohl auf Feuilleton hinausgelaufen. Ich wollte immer Journalist werden, das ist mein Beruf.
Koelbl: Was hat Sie so fasziniert?
Weiss: Die Oberflächlichkeit, fürchte ich.
Koelbl: Die Oberflächlichkeit der Welt?
Weiss: Die Oberflächlichkeit dieses Berufes, bei dem man nicht gezwungen ist, allzusehr in die Tiefe zu gehen, und es reicht trotzdem. Ein Diplomingenieur, Brückenbauer, Lungenfacharzt, der kann sich doch all so Dinge nicht leisten. So wie wir im Ungefähren zu bleiben und trotzdem akzeptiert zu werden.

Usw. usw.

Zum Nachlesen:
Herlinde Koelbl: Die Meute. Macht und Ohmacht der Medien. München: Knesebeck Verlag 2001. (DNB)

Zeitgenössische Rezensionen bei SPON (Christian Bartels) und in der FAZ.
 


Sonne und Kino — Ein Wochenende in 3D

London, 9. Mai 2011, 18:07 | von Dique

Ich gehe am liebsten am frühen Nachmittag ins Kino, da ist es immer so schön ruhig. Wenn der Film dann vorbei ist, bin ich stets angenehm erfreut, dass ich noch den ganzen Abend vor mir und scheinbar schon so viel erlebt habe.

Werner Herzog: »Cave of Forgotten Dreams«

Am Samstag sind wir zur Nachmittagsvorstellung ins Gate Cinema in Notting Hill gegangen, um uns »Cave of Forgotten Dreams« anzusehen, den neuen Hit von Werner Herzog. Es wird ein dreifacher Abstieg an diesem sonnigen Tag, in die Dunkelheit des Kinos, in die Tiefe der Höhle und in die plastische 3D-Welt. Als vierte Dimension sollte ich vielleicht noch die eigenartig einzigartige Welt erwähnen, die das sonore Englisch erzeugt, in dem Werner Herzog seine Filme kommentiert.

An der Kasse fragt man uns, ob wir unsere eigenen 3D-Brillen dabeihaben oder für zusätzliche 70 pence welche kaufen werden. Die Frage kommt mit einer Selbstverständlichkeit daher, dass ich mich beinahe schäme, jetzt hier eine der 3D-Brillen erwerben zu müssen, statt gleich mein eigenes cooles Teil aus der Tasche ziehen zu können. Wegen des billigen Preises halte ich den Obolus zuerst für eine Miete, aber die Brillen gehen tatsächlich in unseren Besitz über. Beim nächsten Mal werde ich also lässig nicken können, wenn jemand mein 3D-Brillen-Besitztum abfragt.

Im Film selbst gibt es dann neben der irren Landschaft im Tal der Ardèche die über 30.000 Jahre alten Kunstwerke zu sehen. Sie haben die vergangenen Jahrtausende in der zugeschütteten Chauvet-Höhle überlebt und sind erst vor ein paar Jahren wieder entdeckt worden, und Besucher haben normalerweise keinen Zutritt. Als ich die ersten Bilder an den Wänden erblicke, klar und scharf und in 3D, denke ich sofort an einen Fake, einen Hoax, einen Scherz, denn Qualität und Zustand der uralten Malereien sind atemberaubend.

Im Film wird deshalb auch gleich erklärt, dass die Echtheit in wissenschaftlich redlicher Weise eindeutig nachgewiesen worden ist, dank der Mineralschichten, die über den Zeichnungen gewachsen sind. An einer Wand hat einer der Künstler seine Handabdrücke hinterlassen, die müssten jetzt nur noch mit der Fingerprint-Datei des FBI abgeglichen werden, um vollkommene Sicherheit zu erlangen.

Ansonsten sieht man meist Pferde, Höhlenbären und Bisons, manche haben ganz futuristisch acht Beine, um Bewegung zu suggerieren, ganz so wie das später auch Giacomo Balla mit seinem vielbeinigen Hund versucht hat. Neben der Kunst an den Wänden gibt es in den Höhlengängen weiteres perfektes 3D-Material. Zugestaubte Totenschädel von Höhlenbären liegen auf dem Boden herum, und Tropfsteine bilden bezaubernde Formationen. Dazu dudelt die im positiven Sinne einlullende Stimme von Werner Herzog.

Nach dem Film begeben wir uns aus der Quasihöhle in Notting Hill wieder an die Sonne. Es ist noch nicht zu spät für einen Kurzbesuch im wie üblich vollkommen unaufgeräumten »Lisboa« in der Goldborne Road. Trotz intensiven Sonnenscheins lastet noch die Höhlenerfahrung auf meiner Seele, und gedankenversunken suche ich in den Zuckerformationen meines frischen Palmiers nach den Skelettresten von Höhlenbären.

Wim Wenders: »Pina«

Begeistert vom 3D-Erlebnis am Samstag und angefixt von der Kinowerbung müssen wir am Sonntag gleich in den nächsten 3D-Film gehen. Auch dieser stammt von einem »alten deutschen Regiehelden«, wie San Andreas später in einer E-Mail an mich schreiben wird, aber um ehrlich zu sein hat mir außer dem »Untergang« kein Film von Wim Wenders jemals gefallen, hehe.

Auch die Worte Pina Bausch und Tanz erzeugen bei mir eigentlich ignorantes Schulterzucken und die Erinnerung an einen bestimmten Typ Frau. Der Kinotrailer für »Pina«, der tags zuvor vor dem Werner-Herzog-Film gelaufen ist, hat mich allerdings sofort überzeugt. Dieses Mal gehen wir ins Curzon Chelsea und haben unsere neuen 3D-Brillen dabei, die eigentlich sogar ziemlich schick aussehen, wie Wayfarers, aber eben aus sehr billiger schwarzer Plastik gemacht sind. Zuerst hatten wir sie vergessen, ich bin extra noch mal nach Hause gerannt, sie zu holen.

Nun kaufe ich die Eintrittskarten, und gleich werde ich sagen können, dass ich natürlich meine eigene Brille dabei habe. Allerdings wird die entsprechende Frage gar nicht gestellt, und ich muss erfahren, dass wir im Kino ein spezielles Modell bekommen werden. Man habe eine eigene Technologie, jeder Zuschauer bekomme dafür eine Leihbrille, denn die 70-pence-Teile funktionieren hier wohl nicht.

Die Curzon-Brillen sind schwer und klobig und sehen aus wie Schweißerbrillen. Sie lohnen sich von der ersten Minute an. Zunächst werden reichlich Ausschnitte aus einer »Sacre du Printemps«-Choreografie von Pina Bausch gezeigt. Eine Bühne wird mit Erde vollgeschüttet, man sieht das im Zeitraffer, durch den 3D-Effekt spürt man das Gewicht der Erde und ist gleich ganz tief drin, und dann beginnen Musik und Tanz, erst langsam, aber bald schon tobt auf dem frisch bestellten Acker das organisierte Chaos.

Ich habe ungeheure Lust, jetzt einfach dieses eine Stück komplett sehen zu wollen, aber irgendwann wird dann zum nächsten Stück gejumpcuttet, dann zur nächsten Choreografie usw. Dazwischen O-Töne der Tänzer des Ensembles über Pina. Der ganze Film ist ein ziemlicher Rausch, wie tags zuvor der Höhlenbesuch mit Werner Herzog.

Als der Film zu Ende ist und wir das Kino verlassen, scheint noch immer die Sonne. Wir sind noch benommen von der Vorstellung, und es wird geschwiegen. Da unsere 70-pence-3D-Brillen abgedunkelt sind, benutzen wir sie nun einfach als Sonnenbrillen und schlendern die Kings Road hinunter, und ich freue mich, dass wir noch den ganzen Abend vor uns, aber schon so viel erlebt haben.
 


Nach 15 Coen-Filmen: Grafik-Update

Hamburg, 28. März 2011, 07:43 | von San Andreas

Ok, »True Grit« ist verarztet, jetzt noch schnell das Grafik-Update. Das vor einem Jahr hier veröffentlichte Diagramm ist mit Coen-Brothers-Film Nr. 15 ja überholt, wir mussten auch den Maßstab ändern, weil »True Grit« so einen through-the-roof-Erfolg hatte.

Und wie schon gesagt, die Quantifizierung der Coens ist ein ziemlicher Frevel, hehe, aber wer eben eine schöne Übersicht über die nunmehr 15 Filme haben möchte, so könnte sie aussehen (auf die Grafik klicken zum vergrößern, lizenziert unter der CC by-sa 3.0):
 

Alle bisherigen 15 Coen-Filme, grafisch dargestellt (Stand: März 2011)
Die 15 Coen-Filme: Einspielergebnisse (Box Office Mojo),
Userwertungen (IMDb), Tenor der Kritik (Rotten Tomatoes)

 
In der Top 250 der IMDd ist »True Grit« im Moment nicht zu finden, mal abwarten. Die drei dort vertretenen Coen-Filme sind im Vergleich zu letztem Jahr übrigens ein wenig umplatziert worden:

118. Fargo   (+/–0)
121. No Country for Old Men   (–10)
135. The Big Lebowski   (+6)

Und jetzt warten wir mal alle auf den Coen-Film Nr. 16.
 


Coen-Film Nr. 15:
True Grit (2010)

Hamburg, 25. März 2011, 07:12 | von San Andreas

(= Fortsetzung unserer ewigen Coen-Retrospektive.)

True Grit (Icon)

Arkansas, 1878. Die 14-jährige Farmerstochter Mattie Ross will Tom Chaney, den Mörder ihres Vaters, dingfest machen. Dafür heuert sie den schneidigen wie trinkfesten Marshal Cogburn an. Auf ihrem Weg durch das Land der Choctaw begleitet sie Texas Ranger LaBoeuf, der Chaney aus anderen Gründen sucht. Selbiger hat sich mittlerweile der Bande von Lucky Ned Pepper angeschlossen, mit dem Cogburn noch eine Rechnung offen hat.

Coen Country. Arkansas stellt kaum prototypisches Western-Gelände dar, auch wenn hier damals die Frontier verlief. In westlicher Richtung – und dahin führt die Jagd auf Tom Chaney – schließt sich das ›Indian Territory‹ an, das für weiße Siedler verboten war und heute Oklahoma heißt. Das Gebiet bietet kaum Schauwerte, aber auch das ist der sogenannte Wilde Westen, dessen Idiosynkrasien die Coens dankbar in ihr Universum aufnehmen.

Coen Klüngel. Jeff Bridges (Rooster Cogburn), Josh Brolin (Tom Chaney), Carter Burwell (Musik), Roger Deakins (Kamera)

Coen Quote. »Bold talk for a one-eyed fat man!« (Ned Peppers Beitrag zur Rubrik »Berühmte Letzte Worte«)

Coen Gold. Die surreale Begegnung mit dem Zahnarzt im Bärenkostüm. Die Szene gibt es nicht in der Romanvorlage, sie wurde allerdings nicht um ihrer selbst willen im Film platziert: Mattie und Rooster erfahren durch den Bärenmann von der Hütte am Fluss, darüber hinaus repräsentiert er das Fremde und Unberechenbare dieses Terrains, das für Mattie ja Neuland ist. So sind Leichen offenbar ein Handelsgut wie jedes andere auch. Den Gehenkten, den er bei sich führt, hat sich der Mann für »two dental mirrors and a bottle of expectorant« von den Indianern erkaupelt. Nicht zuletzt verschafft die Szene ›comic relief‹, wenn Cogburn, eigentlich den versprengten Texas Ranger erwartend, den reitenden Bären anraunzt: »You are not LaBoeuf!«

Classic Coen? Eigentlich können Joel und Ethan Coen machen, was sie wollen: Ob sie nun einen eigenen Stoff verfilmen oder ein Stück Literatur adaptieren, man darf stets Großes erwarten. Wie schon bei »No Country for Old Men« stellen sie sich in den Dienst der Vorlage, erfühlen ihre Substanz, transportieren sie ohne Auteur-Allüren, mit Präzision und Hingabe und einem tiefen Verständnis dafür, wie ihre Charaktere funktionieren. »True Grit« ist zuallererst eine fantastische Literaturverfilmung, nebenbei ein großer Western und erst in dritter Instanz das, was man einen echten Coen nennt.

Der Film will dezidiert nicht als Remake von Henry Hathaways Version von 1969 gesehen werden (seinerseits ein Klassiker und ein ganz guter Film), sondern als Neuverfilmung des Romans von Charles Portis (die deutsche Ausgabe trug – zur Freude aller Alliterations-Fans – den Titel »Der Marshal und die mutige Mattie«). Aber es ergibt dennoch Sinn, die beiden Werke miteinander zu vergleichen. Schließlich liegen dazwischen vierzig Jahre Kinogeschichte: Wie packen Filmemacher von heute dieselbe Geschichte an, welche Entscheidungen treffen sie wohl in punkto Ästhetik, Narrativik, Besetzung und Mise-en-scène?

Was Letzteres betrifft, könnten die Filme unterschiedlicher nicht sein. Hathaway filmt in den Rockies von Colorado, ergötzt sich an pittoresken, aufgeräumten Breitwandlandschaften, schwenkt genießerisch über felsige Hänge, rauschende Täler, glitzernde Bäche. So hatte ein Western damals auszusehen.

Die Coens begeben sich an Orte, die den Schauplätzen des Buches schon eher entsprechen. Ihr Film treibt sich in den unwirtlicheren Gefilden des damaligen ›Indian Territory‹ herum, trottet durch kahle Winterwälder, über graubraune Prärie, klettert in klammes, schneeverwehtes Karstgelände. Ungemütlich. Der Himmel ist grau, und wenn er nicht grau ist, ist er schwarz, denn es ist Nacht.

Der Coen’sche »True Grit« ist dunkel und düster, seine Bilder wollen keine Postkarten sein, sondern Daguerreotypien, monochrom, historisch und wahrhaftig. Aber auch nicht zu wahrhaftig, wohlgemerkt, nicht dogma-echt, nicht zufällig oder improvisiert. Die Tristesse hat Methode; Kamerazauberer Deakins fabriziert ausgewogene Available-Light-Einstellungen, so authentisch wie atmosphärisch, staffelt Grau- und Braunpaletten in die Dunkelheit hinein, dass Rembrandt seine Freude gehabt hätte.

Diese Art wohlkalkulierter Wahrhaftigkeit erfüllt alle Ecken und Winkel des Films. Man betrachte sich nur einmal die Szenen, die an und in der Hütte spielen, in der Quincy und Moon sich verschanzt haben. Hathaway setzt sie detailreich in Szene, von praller Sonne ausgeleuchtet und Schritt für Schritt, fast theatralisch, mit Dialogen, die die Beteiligten rezitieren, als hätten sie sie gerade frisch auswendig gelernt. John Wayne verzichtet auf keine übertriebende Geste und gibt den Macho-Marshal, einen Fuß lässig auf der Sitzbank abgestellt:

Cogburn: When’s the last time you saw Ned Pepper?
Quincy: I don’t remember any Ned Pepper.
Cogburn: Short feisty fella, nervous and quick, got a messed-up lower lip.
Quincy: That don’t bring nobody to mind. A funny lip?
Cogburn: Wasn’t always like that, I shot him in it.
Quincy: In the lower lip? What was you aiming at?
Cogburn: His upper lip.

Die Coens spielen ein anderes Spiel. Zunächst einmal knipsen sie das Licht aus: Die Belagerungsszene und auch die darauffolgende, in der die Pepper-Gang auftaucht, spielen in der Nacht. Das bedeutet eine geschlagene Viertelstunde Dunkelheit im Film, Licht spendet nur der Mond und eine Petroleumlampe.

Die Eskalation in der Hütte kommt in beiden Filmen schockierend. Hathaway spendiert Moon (dem jungen Dennis Hopper) eine ordentliche Sterbeszene, während die Coens vorher schneiden. Die Ankunft von Peppers Bande zeigen sie vollständig aus der Perspektive von Cogburn und Mattie, die auf einem Felsen auf der Lauer liegen und hilflos mit ansehen müssen, wie der ahnungslose LaBoeuf die Szene betritt und verletzt wird. Im Vergleich zu der allwissenden Drehweise Hathaways, die den Schurken Stimmen und Gesichter gibt, bleiben wir in der Subjektiven, starren mit aufgerissenen Augen in die Dunkelheit und versuchen auszumachen, was zum Teufel da unten abgeht.

Das ist freilich haarsträubend spannend. Bemerkenswert an dieser Spannung aber ist, dass sie derlei simplen Umständen entspringt: Dunkelheit und Distanz. Umstände, die wiederum mit der Handlung zusammenhängen, nicht mit einer filmischen Konvention oder einem originellen Regie-Einfall. Es ist das Primat der Geschichte, dem die Regie sich gleichsam unterordnet und das diesen Film letztlich so überzeugend macht.

Konsequenterweise fällt das ordnungsgemäße Begräbnis, das Hathaway Quincy und Moon zuteil werden lässt, in der Coen-Version Cogburns nüchterner Pragmatik sowie der winterlichen Witterung zum Opfer: »Ground’s too hard. Them men wanted a decent burial, they should have got themselves killed in summer.«

Ein schroffer Klotz, dieser Cogburn, ein bärbeißiger, trinkfester Teufelskerl, dessen gurgelndes Gepolter sich erst bei genauem Hinhören als Approximation von Sprache entpuppt. Aber was er da auch absondert! Die Wortwahl und Mundart sämtlicher Grit-Figuren erscheinen heutigen Ohren gänzlich ungewohnt und antiquiert, ja im rauen Land der Choctaw Nation regelrecht deplaziert (»Gentlemen, you can not fall out in this fashion!«). Aber für die Frontier People war damals die Bibel die Fibel, und so können Joel und Ethan ihr Steckenpferd – authentische Dialekte – ordentlich auf Trab bringen. Angefangen mit dem fast schon traditionellen Eingangsmonolog bevölkern schwere Südstaatenakzente die Tonspur, archaische Phrasen ohne die Verkürzungen und Verschleifungen des modernen amerikanischen Duktus.

Der Richter und der Stallbesitzer hören sich jedoch anders an; als die einzigen Yankees im Film sprechen sie mit der Zunge der Nordstaaten. Die beiden zählen zu den sogenannten Carpetbaggers, die nach dem Bürgerkrieg (der zur Zeit der Handlung dreizehn Jahre zurückliegt, die Gräben sitzen noch tief) in den Süden gekommen sind, um sich auf Kosten der Unterlegenen zu bereichern. Details wie diese erscheinen nicht prominent im Film, aber ihnen wird Rechnung getragen, der Film lebt sein Sujet.

Dazu zählen auch die Texas Rangers, jene legendäre, ursprünglich für Aktionen gegen Indianer ins Leben gerufene lokale Polizeitruppe (die es übrigens heute noch gibt). Matt Damon als ein ebensolcher gliedert sich als Neuzugang mühelos ins Coenversum ein, und genauso mühelos überflügelt er die Leistung von Countrysänger Glen Campbell in der 1969er Version, der damals total hip war und den Erfolg des Films pushen sollte. Auch Elvis Presley war gefragt worden, aber sein Management wollte Top Billing.

Das ging natürlich nicht. Denn dort stand der Duke, dort stand John Wayne. Der Film wurde als Star-Vehikel auf den mittlerweile über 60-jährigen Haudegen zugeschnitten, und prompt bekam er auch einen Sympathie-Oscar zugesteckt (für »The Shootist«, seinen letzten Film sieben Jahre später, hätte er ihn verdient gehabt). Natürlich wurde Jeff Bridges’ Rooster Cogburn mit dem seinen verglichen, aber der Vergleich scheint müßig: Auf der einen Seite haben wir eine altgediente Leinwandlegende, einen charismatischen Helden, einen wahren Publikumsliebling, auf der anderen Seite haben wir – John Wayne.

Bridges wurde charakterisiert als »the most natural and least self-conscious screen actor that’s ever lived«, und ja: er scheint immer irgendwie er selbst zu sein, man hat kaum den Eindruck, sein Spiel wäre eine ›Performance‹. Das führt hier freilich dazu, dass man in dem verlottert-gelassenen Gehabe des Rooster Cogburn teilweise den Dude aufblitzen sieht. Aber wenn Cogburn dann im Wechselspiel mit Mattie Ross sein verschrumpeltes Herz offenbart, wächst die Figur doch zu einem echten, vielleicht sogar liebenswerten Menschen.

Apropos Mattie – ihr kommt wie im Roman die eigentliche Hauptrolle zu, und die 14-jährige Hailee Steinfeld ist als blitzgescheites, zähes Mädel punktgenau gecastet – spätestens mit ihrer forschen Verhandlung im Büro des verschlagenen Pferde-Yankees steckt sie den Film in die Tasche. Mattie ist es auch, die die Rahmenhandlung erzählt, und ihre letzten Szenen, Jahrzehnte nach der Geschichte mit dem Marshal, gestalten sich wie ein wehmütiger Abgesang auf den Western schlechthin. Mattie hat Cogburn niemals wiedergesehen (ebenso wenig wie wir) – sang- und klanglos starb er als Mitglied eines abgehalfterten Wild-West-Wanderzirkus.

Dieser Schluss-Sentiment mag ernüchternd sein, doch befördert er die Geschichte, die 1969 noch als buntes Abenteuer präsentiert wurde, in einen kulturgeschichtlichen Zusammenhang – ähnlich wie Sheriff Bells Grüblerei der Story von »No Country for Old Men« geradezu philosophische Dimensionen verliehen hatte. So kommt »True Grit« (2010) auf eigenen Beinen zu stehen: Ein Western, ja, aber kein astreines Genrestück. Eine Literaturverfilmung, ja, aber eine, die ihre fiktionale Natur zu bestreiten scheint. Ein Coen-Film? Ja, aber einer mit Understatement, mit selbstloser Klasse. Einer mit echtem Schneid.

Coen Culture. Im Abspann fällt neben den üblichen Verdächtigen ein Name auf, der bis dato im Coen-Camp noch nicht aufgetaucht war: Steven Spielberg; er zeichnet als Executive Producer verantwortlich. Auch Scott Rudin, ein brillanter Mann, der uns »There Will Be Blood«, »Fantastic Mr. Fox« und »The Hours« brachte (und für »No Country …« einen Oscar eingeheimst hat), wieder mit von der Partie. Solch illustre Produzenten zeigen, dass die Coens vollends in Hollywood angekommen sind. Beeinflusst das ihre Integrität? Roger Deakins wurde dazu befragt, und er meinte nur: »Steven Spielberg is a producer, I am told, but the film we are shooting is very much the Coen’s film – and nothing else.«
 


Ganz viele Filme:
Das Kinojahr 2010

Hamburg, 26. Januar 2011, 01:25 | von San Andreas

Kinojahr 2010 Einklinker 480 Filme sind im vergangenen Jahr in deutschen Kinos gestartet, alle konnte man nicht sehen, wie immer musste man sich auf eine alte Kulturtechnik besinnen: die kluge Auswahl. Wobei es manchmal schwierig war, die Perlen zu orten. Wer vermutet schon hinter »Ein Sommer in New York« oder »Immer Drama mit Tamara« halbwegs gute Filme? Das Ergebnis jedenfalls ist wie in den Vorjahren (2009, 2008, 2007) der vermutlich einzige klickstreckenfreie Rückblick seiner Art.

Die Liste mit 40 Filmen erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und ist nicht viel mehr als der Versuch einer bescheidenen Retrospektive auf die Kinolandschaft von 2010. Es finden sich die unverpassbaren Knaller darunter, die jede Menge Presse bekommen haben, aber auch ungehobene Schätze, die mehr Aufmerksamkeit verdienen. Die Reihenfolge der Titel ist nicht von Belang (»Was? Hirschbiegel vor Affleck? Was soll das!!!«), es ist lediglich vorn ein Top-6-Spitzenfeld abgesetzt und hinten eine Gruppe von unerwartet schrottigen Filmen.

Zur ausführlichen Fassung geht es hier bzw. direkt über die einzelnen Titel:

5 Sterne
»Inception« (Christopher Nolan)
»A Serious Man« (Ethan Coen, Joel Coen)
»The Social Network« (David Fincher)
»Up in the Air« (Jason Reitman)
»A Single Man« (Tom Ford)
»El secreto de sus ojos« (Juan José Campanella)

4 Sterne
»Fantastic Mr. Fox« (Wes Anderson)
»Bad Lieutenant« (Werner Herzog)
»The Kids Are All Right« (Lisa Cholodenko)
»Let Me In« (Matt Reeves)
»Io sono l’amore« (Luca Guadagnino)
»The Visitor« (Thomas McCarthy)
»Shutter Island« (Martin Scorsese)
»The Messenger« (Oren Moverman)
»Exit Through The Gift Shop« (Banksy)
»Fish Tank« (Andrea Arnold)
»Un prophète« (Jacques Audiard)
»The American« (Anton Corbijn)
»Somewhere« (Sofia Coppola)
»Toy Story 3« (Lee Unkrich)
»The Last Station« (Michael Hoffman)
»Monsters« (Gareth Edwards)
»Precious« (Lee Daniels)
»Lebanon« (Samuel Maoz)
»The Ghost Writer« (Roman Polanski)
»Anvil! The Story of Anvil« (Sacha Gervasi)
»Moon« (Duncan Jones)
»Five Minutes of Heaven« (Oliver Hirschbiegel)
»The Town« (Ben Affleck)
»Sin Nombre« (Cary Fukunaga)
»Cyrus« (Jay Duplass, Mark Duplass)
»The Road« (John Hillcoat)
»How to Train Your Dragon« (Chris Sanders, Dean DeBlois)
»Please Give« (Nicole Holofcener)
»Crazy Heart« (Scott Cooper)

1 Stern
»Skyline« (Colin Strause, Greg Strause)
»The Tourist« (Florian Henckel von Donnersmarck)
»Clash of the Titans« (Louis Leterrier)
»The Wolfman« (Joe Johnston)
»Alice in Wonderland« (Tim Burton)

*

Das wär’s. Ach ja, zu folgenden Filmen steht hier nichts, sie sind aber auf jeden Fall auch eine Kinokarte wert: »Scott Pilgrim vs. the World« (Edgar Wright), »Micmacs à tire-larigot« (Jean-Pierre Jeunet), »Nowhere Boy« (Sam Taylor-Wood), »Tamara Drewe« (Stephen Frears), »Drei« (Tom Tykwer), »An Education« (Lone Scherfig), »Red« (Robert Schwentke), »Kick-Ass« (Matthew Vaughn), »Fair Game« (Doug Liman), »Le Refuge« (François Ozon), »Me and Orson Welles« (Richard Linklater), »Unstoppable« (Tony Scott), »Buried« (Ro­drigo Cortés).
 


Vorwort zum laufenden Feuilletonjahr (1/2011)

Leipzig, 25. Januar 2011, 07:50 | von Paco

Orangenhain

1. The Maulwurf has landed again, der aktuelle Preisträger und seine Vorgänger: 2010 Christopher Schmidt (SZ), 2009 Maxim Biller (FAS), 2008 Iris Radisch (ZEIT), 2007 Renate Meinhof (SZ), 2006 Mariusz Szczygieł (DIE PRESSE), 2005 Stephan Maus (SZ).

2. Und morgen früh folgt hier gleich der nächste feuilletonistische Shellshock, der übliche »prägnante Rückblick« (Grimme-Institut) auf das Kinojahr 2010. Prägnant auch deshalb, weil es weltweit wahrscheinlich der einzige klickstreckenfreie Rückblick sein wird, hehe. (Bisherige Ausgaben: 2009, 2008, 2007.)

3. Kurz darauf wird dann der neue Coen-Brothers-Film, der fünfzehnte, »True Grit«, hier genau abgezirkelt und lexikonisiert für die ewige Coen-Retrospektive des Umblätterers.

4. Ach Gottchen, Jonathan Lethem als ›Wikipedia-Kritiker‹, das ist ja überhaupt das neue Synonym für ›Warmduscher‹. (im »Atlantic«)

5. Eventuell schon der Satz des Jahres: »Kultur ist nichts, über das man wirklich vernünftig debattieren kann.« (Georg Diez bei SPON)

6. Aktueller Stand unserer Dauerserien: Kaffeehaus des Monats (Teil 59), Regionalzeitung (Teil 41), Vossianische Antonomasie (Teil 17). Fortsetzungen folgen.

7. Harald Schmidt: »Das muss ich unbedingt fragen! Wie spricht man ›Jorge Luis Borges‹ aus?« – Sol Gabetta: »Genau so!«

8. »Der Perlentaucher hatte geschrieben: Sex brennt, und ich hatte die Worte dort gelesen: flammendes Enkomion. So war das eigentlich, wortmäßig jedenfalls, ein ganz bestimmt ganz schöner Tag gewesen.« (Goetz, Klage, S. 420)

9. Bis morgen früh.
 


Der neue Nolan

Hamburg, 6. August 2010, 09:21 | von San Andreas

Erstaunlich ist das schon: da kommt ein Film in die Kinos, ein großer, ein teurer Film, ein Sommerblockbuster mit Stars und Effekten und Explosionen – aber was ist da los: er ist kein Remake, kein Prequel und kein Sequel, er adaptiert kein Comic-Heftchen und keinen Fantasy-Bestseller, er verbrät kein Videospiel und kein Plastikspielzeug. »Inception« von Christopher Nolan ist ein echtes Original.

Früher gab es das öfter. Früher haben die Studios auch mal was riskiert, haben dem Publikum auch mal was zugemutet – einfach auch, weil sie gar nicht so recht wussten, was das Publikum eigentlich wollte. Heute verrät ihnen die Marktforschung, dass nicht mehr die Erwachsenen ins Kino gehen, sondern dass die Erwachsenen das Geld ihren Kids geben, und die gehen dann ins Kino.

Die größeren Produktionen der letzten Jahre kalkulierten deshalb risikolos mit der pubertierenden Masse, hievten einen Jugendhelden nach dem anderen auf die Leinwand; vor den Spidermännern, Zauberlehrlingen und Hellboys gab es praktisch kein Entkommen. Die Filme haben mitunter auch viel Spaß gemacht, denn sie waren Eskapismus pur; sie strapazierten den Hirnmuskel nur mit Umweg über das Feuilleton, das durchaus allerlei Subtexte und Bezüge aufspürte.

Unterdessen aber hatte ein Brite namens Christopher Nolan seine Karriere gestartet; seine Mission sollte es sein, dem Mainstreamkino wieder bereits an der Quelle Intelligenz einzuflößen, den Kommerz wieder mit der Kunst zu versöhnen. Auf seinem gar nicht so langen Weg zu den ganz großen Budgets fielen feine Filme ab:

»Following« (1998). Nach ein paar Kurzfilmen der erste Abendfüller: Ein Neo Noir in Schwarzweiß, ruhig und rätselhaft, über einen Schriftsteller, der sich, auf der Suche nach Material, an die Fersen fremder Menschen heftet und an den Dieb Cobb (!) gerät. Für wenig Geld an Wochenenden gedreht, doch Kamera, Schnitt, Buch, Schauspiel und Regie machen Eindruck.

»Memento« (2000). Nolans Durchbruch, und sofort ein Film, der seinesgleichen sucht. Ein psychologischer Noir-Thriller um einen Mann mit kaputtem Erinnerungsvermögen, rückwärts erzählt und verflucht verzwickt. Aber keine Mogelpackung wie andere Verwirr-Filme: das Puzzle funktioniert, ist eine mutige, aber rundum glückliche Heirat von Inhalt und Form. Unvergesslich. (sorry)

»Insomnia« (2002). Manchmal als schwächster Film Nolans angesehen, weil er sich wie der an Schlaflosigkeit leidende Al Pacino etwas dahinschleppt. Aber das Katz- und Mausspiel brodelt unter der verschneiten Oberfläche: der Good Cop ist nicht ganz so good, und der Mörder weiß es. »Insomnia« ist das Remake eines norwegischen Films von 1997 und wurde von Clooney und Soderbergh produziert.

»Batman Begins« (2005). Nolans Wiederbelebung des Flattermanns ist ein Paukenschlag. Wie, Batman *und* ein guter Film? Ohne buntes Bohei? Realistisch, düster und smart geht Nolan die Sache an, unterfüttert die Origin-Story mit glaubhaftem psychologischem Drama, bis dato unbekannt in Superheldgefilden. Das gefällt den Fans, und den Produzenten auch. Nolan stehen ab sofort alle Türen offen.

»The Prestige« (2006). Zur Hälfte Historiendrama, zur Hälfte Thriller, zur Hälfte SciFi – »The Prestige« ist mehr als die Summe seiner Teile. Die Geschichte zweier rivalisierender Illusionisten wächst in Nolans Händen zu kraftvollem, großem Kino, mit einem dicht gestrickten Drehbuch, das Haken schlägt wie ein Zauberkaninchen. Auf den zweiten Blick ist der Film eine Hommage an das Kino; seine Struktur spiegelt die Philosophie der Protagonisten und zeigt, was Kino sein kann: pure Magie.

»The Dark Knight« (2008). Der große Wurf, ein Meisterwerk im Comic-Gewand und nach Ansicht praktisch aller Kritiker Kino in Reinkultur. Selten gingen in einem Film Klasse und Kasse derart Hand in Hand: der Überflieger spielte weltweit über eine Milliarde Dollar ein. Offenbar schreckte das Sujet selbst abgeklärte Geister nicht ab; de facto versteckt sich in dieser brodelnden Tour de Force auch ein noir-mäßiges Kriminalepos voller moralischer Konflikte. Als Dreingabe: gewaltige Schauwerte, ruppige Action, schweißtreibender Suspense und vor allem Heath Ledgers genial-gemeiner Bösewicht.

Hamburg, Streit’s Filmtheater, 28. Juli 2010. Vorpremiere von »Inception«. Die Originalversion. Ausverkauft, natürlich. Zu jedem Ticket gibt’s ein Glas Sekt, sehr nobel. Vorfreude in der Luft, angeregte Gespräche an Stehtischen. Wovon handelt der Film noch mal genau? Irgendwas mit Träumen und dem Stehlen oder Implantieren von Ideen …

Ich habe beim Ticketkauf nicht aufgepasst; ich lande auf einer Kuschelbank mit einem Inder, der auch nicht aufgepasst hat. Leicht beschwipst erleben wir den Beginn des Films, der ohne Vorwarnung einsteigt in irgendwelcher Leute Träume. Schauplätze wechseln unvermittelt, Dialoge hinterlassen nichts als Fragezeichen, alles geht plötzlich zu Bruch, dann wachen die Leute auf … und wachen kurz darauf noch einmal auf. Hm? Moment mal. Während die Promille langsam abebben, dämmert es mir: »Verdammt, dieser Film ist cleverer als ich!«

Welch ein schönes Gefühl. Zu sehr zur Gewöhnung geworden war das formlose Mainstream-Angebot, das man auch noch während einer warmen Mahlzeit und leicht sediert genießen konnte (oder sollte). Bei Nolan sei man besser ausgeschlafen; jedes Essen würde kalt werden, das Trinken verkneife man sich, denn ein schlecht getimter Toilettenbesuch kann verheerende Folgen haben. Raum für Ruhepausen findet sich nicht in Nolans Dramaturgie; den Platz zwischen Schlüsselszenen füllen noch mehr Schlüsselszenen: Jede Einstellung zählt, jedes Wort hat Gewicht.

Wäre Nolan ein Komponist, seine Partitur wäre schwarz vor Noten. »Inception« ist King Crimson fürs Kino, ist ausladend, könnerhaft, schön, aber anstrengend, unverhohlen zerebral. Und wäre Nolan ein Schriftsteller, er hieße William Gibson. So wie der in »Neuromancer« dem abstrakten Konzept des Cyberspace Plastizität verleiht, erweckt Nolan ein kolossales Gedankengebäude zum Leben.

Und das ist keine Spielerei. Ohne auf ein Vorwissen des Zuschauers oder Genre-Konventionen zurückgreifen zu können, muss Nolan eine ganze Welt in den Köpfen des Publikums etablieren. Zwar gibt es Anklänge an Heist Movies, an Bondfilme und Wirtschaftskrimis, aber die völlig neuartigen Wege, die Nolans Erzählweise beschreitet, machen »Inception« zu seinem eigenen Genre.

Darin gibt es scharfe Prämissen, klare Spielregeln. Obgleich der dritte Akt des Films mit seiner durch vier Traumebenen karriolenden Handlung wohl eine der kompliziertesten Sequenzen der Geschichte ist, bricht Nolan zu keinem Zeitpunkt die interne Logik seines Universums. Natürlich verliert man bisweilen den Überblick: Warum landet Fischer in Cobbs Limbus? Was macht das Windrad in dem Safe? Wie haben es Cobb und Saito zurück in die Realität geschafft? Aber man erfasst stets den Impetus der aktuellen Szene und hat das Gefühl: es ist alles da, um alles zu verstehen, man muss nur genau aufpassen. Dieser Nolan weiß, was er macht.

Und dieser Eindruck ist wichtig. Die Überlegenheit des Künstlers. Die Integrität des Werkes. Wie viele dieser Mindbender-Filme sind nur einer geheimnisvollen Aura wegen fragmentiert erzählt, stellen Rätsel, die keine Lösung haben und zerfasern in ein Dickicht kryptischer Andeutungen und vager Doppelböden. Seien wir ehrlich: Kryptisch kann jeder.

Der Reiz von »Inception« beruht auch nicht auf einem Shyamalan-Twist, der die falsche Fährte effektvoll entlarvt, auf die das Publikum gelockt wurde. Twist-Filme haben den Nachteil, dass sie nur beim ersten Mal ihre Wirkung voll zu entfalten imstande sind, danach geht die Überraschung flöten. »Inception« aber ist gar nicht im Hinblick auf den Zuschauer inszeniert, seine Dramaturgie sucht das Publikum nicht zu manipulieren.

Wie außergewöhnlich das ist, muss man erst einmal realisieren: Mit keiner Szene, die man erzählt, könnte man jemandem den Film verderben. Seine komplette Handlung wiederzugeben, ist vielleicht möglich, aber sinnlos – als würde man versuchen, eine Achterbahnfahrt nachzuerzählen. »Inception« ist eine nachgerade körperliche, eine sinnliche Erfahrung; der Film aktiviert im Moment des Schauens enorme affektive Potentiale, seine Essenz existiert nicht außerhalb der Rezeption. Ein echter Film-Film.

Das Vergnügen kommt indes nicht gratis; dieser kühne Kino-Koloss möchte erarbeitet werden. Erfrischend unverfroren verlangt Nolan Einsatz von seinem Publikum; die goldene Drehbuch-Regel – »Keep it simple.« – lässt er links liegen. Sein unfasslich dicht gepacktes Konvolut lässt selbst »Memento« aussehen wie »Die Sendung mit der Maus«; es in seiner Gänze gleich zu erfassen ist derweil gar nicht das Ziel – Beethoven hört man auch mehr als einmal. Diese Flutwelle aus Informationen gewinnt mit jedem Mal an Struktur, verliert aber nicht ihre Wucht. Sie massiert die Gehirnlappen, nimmt einen ordentlich in die Mangel: Ist »Inception« zu stark, bist Du zu schwach.

Mein Kuschelnachbar ist am Kämpfen. Eine Stunde vor Schluss fängt er an, unruhig zu werden, an seinen Ärmeln herumzunesteln. Bald stößt er verzweifelte Seufzer aus und nutzt helle Szenen, um auf die Uhr zu schauen. Der arme Mensch. Ich will ihm gerade gut zureden, da hat der Bannstrahl des Films ihn sich wieder geschnappt; bewegungslos starrt er Leonardo DiCaprio an, der seinerseits gerade mächtig mit sich zu kämpfen hat.

Wann immer man ins Schwimmen gerät, man halte sich an DiCaprio. Er trägt das Gebäude des Films, an ihm ankert das emotionale Fundament, sein müheloses, ausdrucksreiches Spiel gibt der Geschichte den menschlichen Rückhalt, den sie bei all dem turbulenten Traumtaumel benötigt. Cobbs Reise eröffnet darüber hinaus philosophische Untiefen: der Widerstreit zwischen körperlicher und geistiger Existenz, das ewige Ringen mit der Zäsur des Todes, das Regiment der Technologie über unser Bewusstsein, die Unwägbarkeit der Wahrnehmung dessen, was wir Realität nennen …

Profunde Fragen. Aber Kopfkino à la Nolan sieht nicht aus wie Tarkowski. Nolan kontempliert nicht, Nolan kurbelt, feuert, peitscht. Er durchmisst das Labyrinth seiner Story mit solcher Energie und Effizienz, dass nichts mehr überrascht als ihr Tiefgang. Was in Actionfilmen als set piece bezeichnet wird – eine gleichsam in sich abgeschlossene, von den Helden zu meisternde Situation – gerät bei Nolan zu einer vollständig im Dienst der Geschichte stehenden Einheit von Suspense und Substanz, Action und Emotion.

Mit welcher Panache er diese Sequenzen umeinanderwickelt und parallel ablaufen lässt, wie behände er in dem Traumraum-Knäuel hin- und herspringt und währenddessen auch noch die Zeit manipuliert, die freilich in den einzelnen Ebenen unterschiedlich schnell abläuft – das ringt einem Respekt ab. So etwas gab es im Kino noch nicht. Und wenn man sich überlegt, dass eine solch irrsinnige narrative Struktur tatsächlich auch nur im Kino funktionieren kann, wird klar, dass wir mit »Inception« Zeugen einer neuen Facette von Filmkunst geworden sind. Die Vergleiche mit Werken wie »2001« oder »Matrix«, die zu ihrer Zeit ebenso couragiert Neuland betraten, sind deswegen nicht weit hergeholt.

Am Ende des Films geschieht etwas Erstaunliches. Die Kamera löst sich zum ersten Mal von den Protagonisten und zeigt dem Zuschauer exklusiv ein Detail der Mise-en-scène. Augenblicklich ändert sich seine Perspektive; diese eine Einstellung katapultiert ihn aus der Position des Rezipienten in die eines Interpreten. Plötzlich weiß er mehr als der Held – diese Rolle ist vollkommen ungewohnt – und die sich gerade abzeichnende, furchtbare Alternative versetzt ihn in höchste Aufregung. Tausende aufgerissene Augen starren auf die Leinwand. Auf einmal wird sie schwarz, zack. Aus der Film.

Verblüffung allerorten. In den Köpfen rattert es. Zwei Lesarten, gleich­berechtigt. Darüber wird zu reden sein. Aber erst einmal: Entspannung. Verkrampfte Finger entlassen Armlehnen aus ihrer Umklammerung, befreites Lachen erschallt, Applaus brandet auf. Es ist ein perfekter Moment. Und es ist präzise dieser Moment, in dem viele Zuschauer – sogar mein Nachbar, der sich glücklich den Schweiß von der Stirn wischt – den dringenden Wunsch verspüren, diesen Film noch einmal zu sehen. Die Idee strahlt mit solcher Kraft … und eben war sie noch nicht da. Ein Fall von ›Inception‹? Wahrscheinlich. Mr. Nolan beherrscht die Kunst, Hut ab. Davon träumen andere nur.


Nachgereicht: Das Kinojahr 2009

Hamburg, 4. Mai 2010, 10:49 | von San Andreas

Kinojahr 2009 Einklinker »Wo bleibt eigentlich der Filmrückblick 2009?« Ja, ich bin durch die großangelegte Coen-Retrospektive etwas in Verzug geraten, aber diese zweitheiligste aller UMBL-Traditionen darf nicht unter den Tisch fallen. Und hier ist er also, reichlich spät für einen Jahresrückblick, aber die Filme laufen ja nicht weg – DVD, VOD und Blu-Ray haben die Filmkultur eh ein wenig von den Kinostart-Terminen abgekoppelt.

Wie immer geht es ausschließlich um Werke, die 2009 in die deutschen Kinos gekommen sind. 488 Stück waren das immerhin, diese Übersicht enthält gerade mal acht oder neun sehenswerte Prozent davon. Im Gegensatz zu den Vorjahren (2007, 2008) ist sie diesmal lediglich unterteilt in eine Art Top Ten, einen dicken Block ebenfalls guter und ausschlaggebender Filme und eine Handvoll Enttäuschungen.

Die Reihenfolge innerhalb der Blöcke ist: zufällig. Zur ausführlichen Fassung geht es hier bzw. direkt über die einzelnen Titel:

5 Sterne
»Frost/Nixon« (Ron Howard)
»Milk« (Gus Van Sant)
»Gran Torino« (Clint Eastwood)
»Up« (Pete Docter)
»The Curious Case of Benjamin Button« (David Fincher)
»Avatar« (James Cameron)
»The Wrestler« (Darren Aronofsky)
»Hunger« (Steve McQueen)
»Das weiße Band« (Michael Haneke)
»Doubt« (John Patrick Shanley)

4 Sterne
»Revolutionary Road« (Sam Mendes)
»Slumdog Millionaire« (Danny Boyle)
»Zombieland« (Ruben Fleischer)
»Män som hatar kvinnor« (Niels Arden Oplev)
»Inglourious Basterds« (Quentin Tarantino)
»The Cove« (Louie Psihoyos)
»Taking Woodstock« (Ang Lee)
»The Hurt Locker« (Kathryn Bigelow)
»District 9« (Neill Blomkamp)
»Man on Wire« (James Marsh)
»Coraline« (Henry Selick)
»Entre les Murs« (Laurent Cantet)
»Okuribito« (Yōjirō Takita)
»Revanche« (Götz Spielmann)
»The Boat That Rocked« (Richard Curtis)
»Paranormal Activity« (Oren Peli)
»The Reader« (Stephen Daldry)
»Religulous« (Larry Charles)
»Watchmen« (Zack Snyder)
»Rachel Getting Married« (Jonathan Demme)
»In the Shadow of the Moon« (David Sington)
»The Boy in the Striped Pyjamas« (Mark Herman)
»Soul Kitchen« (Fatih Akin)
»State of Play« (Kevin Macdonald)
»Drag Me to Hell« (Sam Raimi)
»Adventureland« (Greg Mottola)
»The Hangover« (Todd Phillips)
»Star Trek« (J.J. Abrams)
»Sunshine Cleaning« (Christine Jeffs)
»Away We Go« (Sam Mendes)
»Where the Wild Things Are« (Spike Jonze)
»Looking for Eric« (Ken Loach)

1 Stern
»Antichrist« (Lars von Trier)
»The Limits of Control« (Jim Jarmusch)
»The Informant!« (Steven Soderbergh)
»2012« (Roland Emmerich)

 


Ein Essen mit San Andreas

Hamburg, 25. Februar 2010, 18:56 | von Dique

Wir sitzen auf eine Thaisuppe im Cha Cha. Zwei Schlucke vom Bier und ein paar Löffel Suppe, und auf einmal springt San Andi auf, schreit, dass er weg müsse. Ich frage mich, was los ist, vielleicht Besuch, der mit Koffern vor der Wohnung steht? Er sprudelt heraus, dass er Kinokarten habe, wohl die Preview für den neuen Scorsese-Film. Er wirft sich die Jacke über, sagt nervös, dass er das nie schaffen werde, und verschwindet, fairerweise ließ er noch Geld für sein Essen zurück.

Ich saß dann allein dort, vor mir mein Bier und meine Suppe, auf der anderen Tischseite das gleiche Bild, nur ohne Esser. Ich habe dann mein Buch ausgepackt, die extremst gute Rudolf-II.-Biografie von Gertrude von Schwarzenfeld (1. Aufl. 1961), und beim Lesen meine Suppe gegessen und langsam mein Bier geleert und später noch einen Schluck von San Andis Bier getrunken, die Suppe ging zurück. Ein Essen mit San Andreas.