Die Cartoonage (4): dOCUMENTA (13)

sine loco, 14. Juli 2012, 10:03 | von Maltus


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Irina Antonowa

Leipzig, 11. Juli 2012, 22:18 | von Paco

Als ich diese Woche den wieder mal randvoll mit sehr schönen Artikeln gefüllten »Spiegel« las, musste ich unweigerlich an »Curb Your Enthusiasm« denken, an die Folge »Chet’s Shirt« aus der 3. Staffel:

Larry kauft sich bei Caruso’s in Santa Monica dieses schwarz-cremefarbene Shirt, das er auf einem Foto des verstorbenen Chet gesehen hat. Als sich Ted Danson später lobend über dieses Kleidungsstück äußert, beschließt Larry, ein weiteres Exemplar zu besorgen und es Ted zu schenken. Bei der Geschenkübergabe stellt sich allerdings heraus, dass da ein Loch im Gewebe ist. Larry will das kaputte Shirt aber nicht zurücknehmen, lieber soll nun Ted wieder zu Caruso’s gehen und das Shirt ganzmachen lassen, es gehöre ja jetzt ihm, das Geschenk sei ja schon auf den Beschenkten übergegangen: »I don’t own this shirt anymore, as I see it. I gave it to you. It’s your responsibility.«

Worauf Ted Danson definiert: »You didn’t give me a gift. You gave me a defective shirt. It’s got a hole in it. (…) That’s a problem, not a gift

You call it a gift and I call it a problem. Also genau wie bei Ginger Rogers & Fred Astaire (»you say tomäjto and I say tomahto«). Und genau wie im aktuellen »Spiegel«. Denn darin ist auf den Seiten 80 bis 84 ein sehr hervorragendes Interview mit der 90-jährigen Immer-noch-Direktorin des Moskauer Puschkin-Museums abgedruckt. Und schon im Artikelvorspann rufen ihr die Autoren zu: You say Trophäenkunst and we say Beutekunst.

Ich habe den Text mittlerweile dreimal gelesen, einfach spitze von vorne bis hinten. Neben der Benennungsschlacht zwischen Beute- und Trophäenkunst startet Irina Antonowa in all ihrer Neunzigjährigkeit noch ein weiteres Scharmützel:

»Ein bei uns recht bekannter Künstler kam 1993 ins Puschkin-Museum und verrichtete vor einem Gemälde von van Gogh seine Notdurft. Das nennt sich dann Performance. Das ist doch keine Kunst, sondern eine Schweinerei. Ich denke, dass ihm drei Monate Gefängnis nicht geschadet hätten, um darüber nachzudenken, was er da getan hat.« (S. 81)

You say Performance and I say Schweinerei. An dieser Stelle heißt es dann bei Ginger & Fred: Let’s call the whole thing off. Aber das »Spiegel«-Interview geht weiter, immer weiter, in all seiner Herrlichkeit.
 

100-Seiten-Bücher – Teil 28
Joseph Brodsky: »Erinnerungen an Leningrad« (1986)

Berlin, 9. Juli 2012, 08:15 | von Josik

Der Hanser Verlag hat aus Joseph Brodskys 500-seitigem Essayband »Less Than One« (1986) für das deutsche Publikum zunächst einen kompakten Hundertseiter herausgeschält. Dieser Auswahlband »Erinnerungen an Leningrad« erschien 1987 und lässt sich qua Titel auch heute noch gut als Tourismusartikel verkaufen, jedenfalls wird er weiterhin in allen St.-Petersburg-Reiseführern empfohlen. Er besteht aus zwei Essays, dem ziemlich faden »Weniger als man« und dem fulminanten »In eineinhalb Zimmern«.

Seine Übersetzer hat Brodsky auf jeden Fall mit folgendem Satz, in dem es um das Wort ›Jude‹ geht, vor Probleme gestellt: »In printed Russian, ›yevrei‹ appears nearly as seldom as, say, ›mediastinum‹ or ›gennel‹ in American English.« Die Deutschen übersetzen noch recht brav: »Im gedruckten Russisch kommt ›Jewrej‹ fast so selten vor wie etwa ›Mediastinum‹ oder ›Lichthaube« im Deutschen.« (S. 13) Die Russen hingegen lassen richtig die übersetzerische »Freiheits-Sau« raus: »В печатном русском языке слово ›еврей‹ встречалось так же редко, как ›пресуществление‹ или ›агорафобия‹.«

›Transsubstantiation‹ und ›Agoraphobie‹ sollen also im gedruckten Russisch selten vorkommen! Das ist mit Google Books heute leicht widerlegbar, es ist aber noch harmlos gegen die folgende Stelle – den entsetzlichsten Druckfehler, der mir jemals begegnet ist: Auf S. 62 der deutschen Ausgabe ist von der »Frontanka« die Rede.

Gut, dafür kann Brodsky nichts; in seinem zweiten Essay schreibt er allerdings höchstpersönlich: »Ein normaler Mensch erinnert sich nicht daran, was er zum Frühstück gegessen hat.« (S. 108) Das ist nun wirklich völliger Blödsinn, denn jeder normale Mensch erinnert sich in der Regel jeden Tag daran, was er zum Frühstück gegessen hat, aus dem einfachen Grund, weil man normalerweise jeden Tag das Gleiche zum Frühstück isst. Ich zum Beispiel trinke seit mehreren Jahrzehnten jeden Tag zum Frühstück eine heiße Schokolade und esse dazu eine Stulle, und mir ist es sogar gelungen, diese Frühstücksangewohnheit auch auf Reisen beizubehalten, egal wo ich gerade auf Urlaub war, ob in Schottland oder auf der Krim, ob in La Réunion oder wie neulich mit Marcuccio und Paco in Chemnitz.

Länge des Buches: > 115.000 Zeichen. – Ausgaben:

Joseph Brodsky: Erinnerungen an Leningrad. Aus d. Amerikan. von Sylvia List u. Marianne Frisch. Frankfurt/M.: Fischer-Taschenbuch-Verlag 1990. S. 3–119. (= 117 Textseiten)

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

Post von Philip Roth

Berlin, 2. Juli 2012, 20:59 | von Josik

Im Jahr 2009 wurde Reich-Ranicki in der Kolumne »Fragen Sie Reich-Ranicki« von Unterschrift unlesbar suggestivgefragt, warum Philip Roth den Nobelpreis bekommen sollte. Im Prinzip die gleiche Frage war Reich-Ranicki aber auch schon 2007 gestellt worden, und als die mehr oder weniger gleiche Frage ihm auch 2008 gestellt wurde, antwortete Reich-Ranicki völlig zu Recht: »Bitte, lassen Sie mich in Ruhe.«

Nun hat Philip Roth den Nobelpreis noch immer nicht erhalten, man sollte aber natürlich gewappnet und informiert sein. Deshalb: Philip-Roth-Hagiografen, aufgepasst! In der Juniausgabe des »Atlantic« ist auf Seite 14 folgender Leserbrief von Philip Roth abgedruckt:

»Joseph O’Neill ist in seinem Artikel über mein Werk ein unglück­licher biografischer Irrtum unterlaufen. Er schreibt, ich hätte einen Nervenzusammenbruch gehabt. Diese Aussage ist nicht zutreffend, und mein Lebensweg gibt rein gar nichts her, was diese Aussage stützen könnte.

Nach einer Knie-OP im März 1987, als ich 54 Jahre alt war, bekam ich das Schlafmittel Halcion verschrieben, ein hypnotisches Sedativ aus der Medikamentengruppe der Bendzkodiazepine, das eine ganze Reihe von Nebenwirkungen lähmender Art hervorrufen kann. Man spricht bisweilen auch von der »Halcion-Durchgeknalltheit«. Zu der Zeit, als mir von meinem Orthopäden dieses Medikament für die Nachbehandlung verschrieben wurde, war es in Holland, Deutschland und anderswo aufgrund seiner extremen Nebenwir­kungen, die bis hin zu Selbstmord gehen konnten, bereits vom Markt genommen worden.

Die Nebenwirkung, wie ich selbst sie verspürte, entsprach exakt jener, wie sie klinisch eindeutig definiert und in der medizinischen Literatur erschöpfend dokumentiert ist, sie begann, als ich das Mittel zu nehmen anfing, und sie endete abrupt, als ich es, mit hilfreicher Unterstützung meines Hausarztes, absetzte.

In einem Aufmacher der New York Times aus dem Januar 1992 wurde unter der Überschrift ›Schlaftablettenhersteller vertuschten Daten über die Nebenwirkungen‹ Halcion als ›gefährlicher denn sonstige Schlafmittel‹ bezeichnet und – genau so habe ich es in den drei Monaten erlebt, in denen ich, mir nichts weiter dabei denkend, dieses Mittel einnahm – als ›eher dazu angetan, Symptome wie Amnesie, Paranoia, Depression und Halluzinationen zu verursachen‹.

Philip Roth
New York, N. Y.«

Revenge is sweet, dachten sich da aber die »Atlantic«-Macher. Wenn man nämlich den Leserbrief gelesen hat und dann genau zweimal umblättert, springt einen im Fettdruck das folgende Barack-Obama-Zitat aus einem »Rolling Stone«-Interview an:

»The New Yorker and The Atlantic still do terrific work.«

 

100-Seiten-Bücher – Teil 27
Lion Feuchtwanger: »Moskau 1937« (1937)

Berlin, 29. Juni 2012, 08:06 | von Josik

Als Lion Feuchtwanger diesen Text im Jahr 1937 veröffentlichte, löste er damit einen der größten Skandale in der Geschichte der Weltlitera­tur aus. Er berichtet davon, wie er auf seiner Reise in die Sowjetunion sich mehrere Stunden mit Stalin persönlich unterhalten hat. Stalin selbst scheint von seinem Gesprächspartner allerdings ziemlich ge­langweilt gewesen zu sein, wie Feuchtwanger offen zugibt: »Stalin […] malt, während er seine bedachten Sätze formt, mit blau und rotem Bleistift Arabesken und Figuren auf ein Blatt Papier.« (S. 82)

Manchmal verwickelt Feuchtwanger sich in Widersprüche, einmal sagt er: »Stalin also redet laut und deutlich« (S. 60), dann sagt er wieder: »Stalin […] spricht mit leiser […] Stimme«. (S. 82). Da soll man sich auskennen! Interessant aber, wie sehr Feuchtwanger zufolge die Sowjetmenschen sich gegenüber ausländischen Ministern als Spaß­bremsen gaben: »Der akkreditierte Minister eines ausländischen Staates erzählte mir, und es war nur halb im Scherz, wie er an Feier­tagen sehnsüchtig vor den Swimming-pools der Arbeiter stehe; er habe nirgends Zutritt.« (S. 15)

Im Westen hingegen sieht es nicht nur an Feiertagen düster aus: »Die meisten Briefe«, berichtet Feuchtwanger, »die junge Menschen außer­halb der Sowjet-Union an mich schreiben, sind SOS-Rufe. Zahllose junge Menschen im Westen […] haben nicht nur keine Aussicht, die Arbeit zu bekommen, die ihnen Freude macht, sondern überhaupt keine Aussicht auf Arbeit.« (S. 19f.) Es ist zwar nicht bekannt, ob Feuchtwanger diesen SOS-Rufern dann den Rat erteilt hat, in die Sowjetunion rüberzumachen, aber offensichtlich gab es eben schon damals Schriftsteller, die nachgrübelten, wie man junge Menschen wieder in Arbeit bringt und welche Maßnahmen für einen Standort überlebensnotwendig sind. Unter den Literaten machen sowas heutzutage ja nur noch Günter Grass und sein Biograf Michael Jürgs.

Länge des Buches: > 115.000 Zeichen. – Ausgaben:

Lion Feuchtwanger: Moskau 1937. Ein Reisebericht für meine Freunde. Amsterdam: Querido Verlag 1937.

Lion Feuchtwanger: Moskau 1937. Ein Reisebericht für meine Freunde. Berlin: Aufbau-Taschenbuch-Verlag, 2. Auflage, 1993. S. 3–111. (= 109 Textseiten)

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

100-Seiten-Bücher – Teil 26
Peter Handke: »Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien« (1996)

Berlin, 27. Juni 2012, 13:43 | von Josik

Als Peter Handke diesen Text im Januar 1996 in der S-Zeitung veröffentlichte, löste er damit einen der größten Skandale in der Geschichte der Weltliteratur aus. Noch fast zehn Jahre später hat Elfriede Jelinek vermutet, dass Handke den Nobelpreis wohl nur deshalb nicht kriegt, weil er immer »wieder irgendwelche Blödheiten über Serbien äussert«.

Andere hingegen loben Handke für seinen unbestechlichen Blick aufs Detail, aufs Unscheinbare, dem sich dann umso tiefere Erkenntnisse verdanken würden, und tatsächlich: Man staunt nicht schlecht, wenn Handke während seiner Winterreise einen Supermarkt neben »dem einheimischen Delo, der Tageszeitung aus Ljubljana, das deutsche Bild« (S. 110) vorrätig haben lässt, im Neutrum!: das deutsche Bild, obwohl doch ausnahmslos jeder andere Mensch sonst sagt: die Bild. Handke aber besteht da erfreulicherweise auf dem korrekten Genus, und man kann sicher sein, dass er grammatikalisch präzise auch ›der König der Biere‹ sagen würde.

Andererseits, so weit kann’s mit dem Blick aufs Detail bei Handke dann auch wieder nicht her sein, der Hitler-Attentäter Georg Elser wird von Handke furchtbarerweise und auch in der 3. Auflage des Buches noch unkorrigiert »Georg Elsner« (S. 38) genannt, und in einem Satz, der so beginnt: »Was war das etwa für ein Journalismus, wie etwa« (S. 123), hätte Handke ruhig ein ›etwa‹ weglassen können.

Auf Seite 42 übrigens stößt Handke in einer Zeitung auf ein »Folge­photo«, das erinnerte mich daran, dass ich neulich in irgendeinem Museumsbericht das Wort »Folgesaal« gelesen und mich gleich maßlos über diesen vermeintlichen Quatsch-Neologismus aufgeregt habe, aber wenn selbst der von Jelinek als »lebender Klassiker« titulierte Handke das Wort »Folgephoto« benutzt, dann ist natürlich auch das Wort »Folgesaal« völlig o.k.

Länge des Buches: ca. 130.000 Zeichen. – Ausgaben:

Peter Handke: Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien. 3. Aufl. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1996. S. 3–135 (= 133 Textseiten)

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Old Shatterhand in Oberschlesien

Leipzig, 25. Juni 2012, 08:09 | von Marcuccio

O.S. (für Oberschlesien) muss mal eine gängige deutsche Abkürzung gewesen sein, so geläufig wie heute NRW. »O.S.« als Roman von Arnolt Bronnen kennen wohl die wenigsten, und da hat man natürlich im Prinzip auch nichts verpasst.

Das Buch spielt vor dem Hintergrund der deutsch-polnischen Unruhen in Oberschlesien 1921 und erschien 1929, und dass der Ernst Jünger der Zwischenkriegszeit es lobte und mochte, ist jetzt auch nicht unbedingt ein Argument, hehe.

Nun ja, ein im Handgepäck nach Polen eingeschleuster FAZ-Artikel brachte mich dazu, Bronnen doch mal zu lesen. Hubert Spiegel hatte auf der »Geisteswissenschaften« vom 18. April die »Oeuvres et correspondances. Dialogues d’Ernst Jünger« besprochen. Es ging um den Briefwechsel zwischen Ernst Jünger und Ernst von Salomon.

Salomon hat übrigens einen ähnlich gelagerten Roman geschrieben, »Die Geächteten«, der ein paar Monate nach Bronnens Buch erschien und auch ein Kapitel namens »O.S.« enthält. Salomon hat dann später in seinem Bestseller »Der Fragebogen« (1951) gemeint, dass dieser Roman sein schlechtestes Buch aller Zeiten gewesen sei, aber eben leider auch sein bis dahin mit Abstand erfolgreichstes.

Aber zurück zum FAZ-Artikel, in dem es auch darum ging, dass sich Jünger gleich mehrfach zu »O.S.« geäußert habe.

Was Jünger an »O.S.« gefällt …

… ist »die Traditionslosigkeit, der völlige Mangel an ethischen Wertungen, die absolute Respektlosigkeit«:

»Denn der Gang der Dinge ist folgender. Zunächst hat man das Kriegserlebnis ignoriert. Als es sich dann stärker und unabweis­barer ins Bewußtsein schob, versuchte man es einzufangen und das Elementare an ihm zu lähmen, indem man es mit zivilisatorischen Mitteln behandelte.«

Doch Krieg, so Jünger, könne man nun mal »auf die Dauer nicht mit jenen Mitteln behandeln, die seinem Wesen entgegengesetzt sind«. Und deswegen sei »O.S.« als Roman, der vom Untergrundkampf im völkerrechtlich neutralisierten Oberschlesien handelt, ein Werk, »das auch dem, der es noch nicht wußte, deutlich macht, daß im Zivilisatorischen das Barbarische als eine notwendige Konsequenz enthalten ist«. (Ernst Jünger: Wandlung im Kriegsbuch. A. Bronnens Roman ›O.S.‹. In: Der Tag, 23. Mai 1929.)

Ein ziemlich tendenziöser Zeitroman …

… ist »O.S.« natürlich trotzdem. Proletarisch, polenfeindlich, deutschnational-chauvinistisch. Grundgedanke des Buchs ist, dass die lasche Politik in Berlin, die den Versailler Vertrag ernst nimmt, nichts bringt und man selbst für die Sache kämpfen muss – notfalls auch »gegen die Republik, gegen Demokratie und Parlamentarismus, gegen Pazifismus und Liberalismus, gegen ›Politik‹ ganz allgemein«. (Ursula Münch: Weg und Werk Arnolt Bronnens. Wandlungen seines Denkens. Bern etc.: Peter Lang 1985, S. 131f.) Für Carl von Ossietzky war »O.S.« denn auch: »ein Attentat auf den Völkerfrieden«.

Andere Zeitgenossen finden, dass Bronnen eher exemplarisch mit Oberschlesien dealt. Mit dem realen Oberschlesien, so die Lesart von Karl Heinz Ruppel, habe Bronnen eigentlich wenig am Hut: »Ihn lockten der Krach, die Zerstörung, die Ansätze zur Anarchie, die in den oberschlesischen Notjahren auftauchten.« (zit. nach Ursula Münch, S. 139) Das wäre dann wieder Jüngers Idee vom Elementaren. Oder eben, mit Kurt Tucholsky, doch nur »Blut, Vagina und Nationalflagge«.

Der Plot von »O.S.« …

… ist tatsächlich ziemlich abstrus, teilweise auch schlicht willkürlich und deswegen kaum nachzuerzählen. Ungefähr passiert folgendes:

Ein Berliner BEWAG-Monteur, gerade an einer Straßenlaterne beschäftigt, wird von einem Taxi angefahren. Weil er deswegen seinen Zug nach Oberschlesien verpasst, rastet der Taxipassagier aus. Haut dem Taxifahrer eins über und lässt sich kurzerhand vom Monteur mit dem geklauten Taxi nach Oberschlesien chauffieren.

Und so beginnt eine Roadnovel: Rein ins Ruhrgebiet des Ostens, das zu der Zeit offiziell unter alliierter Kontrolle steht, aber inoffiziell von allen möglichen Gruppen terrorisiert wird: Es gibt aufständische polnische Arbeitnehmer, deutsche Kommunisten und nationalrevolutionäre Zirkel, die schon vor der Volksabstimmung Fakten schaffen wollen und sich mit rivalisierenden polnischen Freischärlern paramilitärische Scharmützel liefern. Daneben großbürgerliche (deutsche) Arbeitgeber, die das Industrierevier und seine Bodenschätze auf jeden Fall ›halten‹ wollen. Waffenschmuggler, ein französischer General und eine Einheimische, die man vielleicht »fickrig« nennen würde, sind mit von der Partie. Das Mädel wird prompt schwanger, die Abtreibung (vorgenommen von einem Medizinstudent) geht krass schief. Und es kommen noch mehr Leute ziemlich splattermoviehaft zu Tode. Kurzum:

Das Blutige, das Trashig-Gewaltorgiastische, …

… überhaupt die ganzen Anarcho-Elemente und der Genreverschnitt – das hätte ein Tarantino-Drehbuch auch nicht besser hingekriegt. Im Übrigen taugt Bronnen als Zeitansage: Massenhaft beginnen Szenen so, dass es irgendwo gerade »punkt elf«, »zwölf Minuten nach« oder »eine Minute vor viertel Zwölf« (hä?) ist. Also sehr livestreamig, aber eben, das muss auch Jünger zugeben: schon »mehr gestanzt als gefeilt«.

»›O.S.‹ ist ein mehrschichtiges Gangster-Stück Bronnens«, schreibt Friedbert Aspetsberger in seiner Bronnen-XXL-Monografie. Wer sich literaturwissenschaftlich einlesen will: Das Ganze gipfelt in der Pointe, dass Bronnen ein Westernheld ist und O.S. eigentlich für Old Shatterhand steht …

P.S. für alle Leipziger

Völlig unwichtiger Aha-Effekt bei der »O.S.«-Lektüre, der mir aber trotzdem nicht mehr aus dem Kopf geht: Europas größter Kopfbahnhof hatte schon in den Zwanzigern nur ein Gleis für den Fernverkehr, näm­lich das einschlägige. Es geht auch damals schon »zum 10. Bahnsteig, wo hinter weißen Wolken frischen Dampfes die schwarzen, feuchten Wagen des München-Breslauer D Zuges lagen«.
 

Fußball-Feuilleton (Teil 6):
Demokrit sucht eine Lücke

Reykjavík, 21. Juni 2012, 10:45 | von San Andreas

Die morgige Begegnung Deutschland–Griechenland lässt einen freilich unwillkürlich an Monty Pythons Version von 1972 denken, die ja seit Sonntagabend überall wild rumgepostet und verlinkt wird, von uns ja auch: deutsche Version / englische Version.

Damals vor 40 Jahren liefen für Deutschland noch echte Kapazitäten wie Nietzsche, Kant und Schopenhauer auf, während der Kader der Griechen mit Größen wie Plato (im Tor), Epikur und Sophokles ebenso hochkarätig besetzt war.

Der Sketch stellt andere Fußball-Rendezvous der Pythons in den Schatten, selbst das Interview mit Mittelfeldmagier Jimmy Buzzard, dem zu Fragen des »modern existentialist football« der intellektuelle Zugang zu fehlen scheint (Staffel 1, Episode 11 des »Flying Circus«) oder das Halbfinalspiel der Bournemouth Gynaecologists gegen die Watford Long John Silver Impersonators, bei dem die agilen Weißkittel den einbeinigen Piraten eine herbe Niederlage zufügen (Staffel 2, Episode 10).

Gedreht wurde das Philosophen-Match im Grünwalder Stadion in München, das für das Olympiastadion herhielt. Warum München? Der Sketch war als Segment des zweiten »Fliegender Zirkus«-Specials konzipiert, welches Alfred Biolek mit den Pythons für den WDR produzierte. Da außer Cleese und Palin keiner ein schönes Deutsch sprach, wurde die Sendung auf Englisch gefilmt und zur Ausstrahlung synchronisiert (im ersten Special hatten sich die Pythons noch radebrechend abgemüht).

Gut, Redeanteile hat in diesem Spiel niemand außer dem Kommentator, der uns zunächst mit der Aufstellung der Deutschen bekannt macht. Demnach steht – wie immer – Leibniz im Tor, die Hinterreihe bilden Kapitän »Bulle« Hegel, Immanuel Kant, Schopenhauer und Schelling, während Schlegel, Wittgenstein, Nietzsche und Heidegger für den Sturm zuständig sind. Beckenbauer und Jaspers sind im Mittelfeld eingesetzt. Beckenbauer? Richtig, seine Aufstellung »überrascht ein wenig«.

Die Griechen setzen ihre Hoffnungen unter anderem auf Sokrates als Spitze und Aristoteles als Libero, der in dieser Saison einen starken Formanstieg zu verzeichnen hatte, wie man hört. Archimedes ist auch endlich wieder fit, eine gute Nachricht.

Was beim Anpfiff durch Schiedsrichter Konfuzius passiert, ist emblematisch für diese verblüffende, absurde Komik, die dem Oxford Dictionary die Vokabel ›pythonesque‹ bescherte. In der englischen Version des Sketches, die später auf »Monty Python live at the Hollywood Bowl« erschien, ist dieser Moment noch schöner akzentuiert durch Palins emphatisches »And they’re off!«. Schlagartig nämlich verfallen die Spieler in tiefes Sinnieren, schreiten deklamierend übers Feld, streichen sich das Kinn oder starren Löcher in die Luft – während der Kommentator wie gewohnt vom Leder zieht: »Karl Jaspers mit der Nummer sieben auf dem Außenposten. Wittgenstein geht mit. Beckenbauer bietet sich an. Schelling, Heidegger. Laufwunder Schopenhauer.«

Der Ball indes bleibt unberührt.

Auch in der zweiten Halbzeit kommt keine Bewegung ins Spiel, außer dass Nietzsche sich in Sachen Freier Wille mit dem Schiedsrichter anlegt und prompt eine gelbe Karte kassiert. Wenige Minuten vor Schluss macht sich an der Außenlinie ein Spieler warm: Es ist Karl Marx (Terry Jones in seiner Paraderolle). Bundestrainer Martin Luther will ihn gegen Stürmer Wittgenstein – eh kein echter Deutscher – auswechseln. Die Spannung erreicht einen Höhepunkt: Wird Marx die Wende bringen? »Leider nein.« Er holt ein Buch aus der Tasche und fängt an zu lesen.

Kurz darauf, in der 89. Minute, hat Archimedes (John Cleese) einen Einfall: »Heureka!« Er rennt los, kickt den Ball von der Mittellinie und initiiert eine beeindruckende Kombination aus flinkem Abspiel und scharfen Flanken in Richtung deutsches Tor. Sokrates ist zur Stelle, Heraklit unterstützt, die deutsche Abwehr findet nicht statt – Jaspers und Heidegger sind zwar in Tornähe, befinden sich aber gerade im Gespräch. Das Leder landet schließlich per Kopfball im Netz.

Die deutschen Denker sind außer sich, bedrängen Konfuzius und fechten den Treffer an: »Hegel argumentiert ontologisch, dass die Wirklichkeit a priori nur ein Nebenumstand non-naturalistischer Ethiken ist, Kant protestiert mittels des kategorischen Imperativs, das Tor existiere nur in der Imagination, und Marx behauptet, es war Abseits.«

Schlusspfiff. Griechenland siegt. Marx wirft sein Buch in den Dreck.
 

McCartney 70

Hamburg, 18. Juni 2012, 13:34 | von Maltus

Im SZ-Feuilleton vom Wochenende bezeichnet Jens-Christian Rabe den Ex-Beatle Paul McCartney als »einen der seltenen Stars, die würdevoll alt werden, weil sie wissen, dass sie ein Erbe verwalten, das längst viel größer ist als sie selbst«. Es ist ja immer unfair gewesen, seinen Weggefährten John Lennon gegen ihn auszuspielen. Lennon der coole Revoluzzer, McCartney der Softie mit den weichen Melodien. Lennon bewahrte die Gnade des frühen Todes vor den Rufschäden des Rockstar-Rentnertums.

Vor drei Jahren besuchte ich in Hamburg ein Konzert. Der Beginn war für 20 Uhr angekündigt, aber in der Zeitung stand schon, daß es erst um 21 Uhr losgehen würde. Das hatten wohl nicht alle gelesen, denn als er um 21 Uhr auf die Bühne kam, wurde der verdutzte Macca erstmal reichlich unhanseatisch mit Buhrufen und Pfiffen begrüßt. Doch zum Fremdschämen blieb schon deshalb keine Zeit, weil McCartney die Pfiffe großzügig ignorierte, »Hummel Hummel, Mors Mors« in die Halle rief und dann den Leuten in einer dreistündigen Show alles gab, was sie wollten.

Und als McCartney seine alten Hits sang, war das genau so, wie Rabe es am Wochenende in der SZ beschrieb: nicht als schlaffe Reminiszenz an vergangene Größe, sondern: »Sir Paul McCartney grinst kurz – und dann singt er den Song so ernsthaft, akkurat, brillant, frisch und groß wie die schönsten Erinnerungen, die man mit der halben Welt teilt, bitte sehr zu sein haben: Naa – na, na, na-na-na-naaa – na-na-na-naaa – hey Jude!«

Das letzte Mal habe ich »Hey Jude« in Nordkorea gehört. Man führte mich in die Große Studienhalle des Volkes in Pjöngjang, in einen Raum mit lauter Ghettoblastern. Dann drückte einer der Nordkoreaner auf »Play« und alle sangen mit: »And anytime you feel the pain, hey Jude, refrain, / Don’t carry the world upon your shoulders«. Er gehört tat­sächlich der ganzen Welt.
 

Warum schwieg Grass?

Berlin, 14. Juni 2012, 00:35 | von Josik

Heute ist der 14. Juni 2012. Ein ganz besonderes Jubiläum gilt es da abzufeiern, denn auf den Tag genau heute vor fünf Jahren erschien in der »Zeit« Nr. 25/2007 ein grandioses, sich über mehrere Seiten erstreckendes Interview mit den Dioskuren Günter Grass und Martin Walser.

Dieses Interview schlug riesengroße Wellen, zum Beispiel erinnere ich mich noch genau, wie ich damals in einer Kneipe in der Karl-Kunger-Straße in Treptow mich stundenlang mit dem ehemaligen Nachrichten­chef von Radio Energy und mit einem Claire-Waldoff-Experten darüber stritt, ob diese listige Frage, die Iris Radisch und Christof Siemes an Grass und Walser richteten, eigentlich berechtigt oder unberechtigt war:

»Aber haben Sie nicht als Schriftsteller das Problem, dass Sie immer klüger und reflektierter werden und es deshalb immer schwieriger wird, etwas Neues zu schreiben?«

Jedenfalls kann man dieses höchst vergnügliche Gespräch, das in die Annalen der Grass-Walser-Interviews eingegangen ist, gar nicht oft genug lesen, der Umblätterer proudly presents deshalb noch mal die besten Auszüge:

»DIE ZEIT: Wie fanden Sie die Rede, Herr Grass?

Martin Walser: Ich weiß noch genau …

DIE ZEIT: Die heftige Reaktion der Öffentlichkeit auf die Nachricht, dass Günter Grass in der Waffen-SS war, ist auch auf Enttäuschung zurückzuführen. Niemand kritisiert Sie dafür, dass Sie erst jetzt ein Buch darüber schreiben. Aber es gab auch immer den Bürger Grass, der in Reden und Essays Stellung bezogen hat – auch in Dingen, die die eigene Biografie betrafen. Warum ging das hier nicht?

Martin Walser: Er war doch immer …

DIE ZEIT: Aber noch mal: Warum konnte das nur literarisch mitgeteilt werden?

Martin Walser: Heilandsack …

DIE ZEIT: Was ist an der Frage, warum Sie erst nach über sechzig Jahren über Ihre Wochen bei der Waffen-SS sprechen, so verwerflich? Ihre Antwort muss man respektieren, aber dasselbe gilt für die Frage.

Martin Walser: Man wollte sich …

DIE ZEIT: Was ist Ihr Schreibantrieb, Herr Grass?

Martin Walser: Günter hat immer geschrieben, weil …«