Archiv des Themenkreises ›S-Zeitung‹


Die FAS vom 9. Mai 2010:
»Ich verabscheue Egon Erwin Kisch«

Leipzig, 9. Mai 2010, 23:38 | von Paco

Tisch, FAS, Bücher

Zur Vorgeschichte: Und zwar hatte es am 7. März eine Folge des Volker Panzer’schen »nachtstudios« gegeben, Islamkritikdebatte etc., auch Henryk M. Broder und Claudius Seidl waren da gesessen und hatten sich auf das Schönste gegenseitig belegt. Broder sagte irgendwann folgenden Satz:

»Herr Seidl, Sie bewegen sich doch nur zwischen Ihrer Redaktion und Café Einstein, das ist zu wenig, um die Welt zu erleben.«

So richtig darauf reagiert hat Seidl erst jetzt, heute, in der FAS: »Es kann nicht ganz verkehrt sein, wenn Journalisten gelegentlich die Redaktionszimmer verlassen und hinausgehen, an die frische Luft, oder hinein in Räume, die nicht ausdrücklich als ihre Arbeitsplätze definiert sind –«

So beginnt sein Artikel über die Reportage als Genre, Überschrift: »Die Verniedlichung der Welt«, und durch den Verweis auf diesen Text wurde ich heute morgen, kurz vor 8 Uhr, Sonne, Himmel, Mai, ins Feuilleton hineingezogen, nach rechts unten auf die fast hinterletzte Seite, ganz kurz vor dem Fernsehprogramm.

Seidl lobt dort dann, ohne Namen zu nennen, einen »Seite Drei«-Artikel der SZ, geschrieben von Holger Gertz und Alexander Gorkow, der von Louis van Gaal als »Väterchen Frost« handelte (S-Zeitung vom 21. April). Und er kommt noch mal auf den sogenannten rasenden Reporter zu sprechen. Auch hier wieder die Vorgeschichte: Im »nachtstudio« hatte Broder eine Leseempfehlung zu einem bestimmten Thema (egal) abgegeben:

Broder: Lesen Sie Halldór Laxness, lesen Sie Egon Erwin Kisch –
Seidl: ICH VERABSCHEUE EGON ERWIN KISCH.

Die Großbuchstaben hat man in der Sendung ganz deutlich herausgehört. Die Fußnote dazu kommt jetzt in der FAS: »Kischs Texte, wenn man sie heute wiederliest, sind selten Beiträge zur Wahrheitsfindung und umso häufiger Ressentiment, Ideologie, Propaganda.« Das hier jetzt wiederholte Kisch-Bashing wirkt eigentlich überschüssig, aber dann, warum auch nicht, warum nicht einfach mal wieder ein wenig Kisch-Bashing für zwischendurch.

Es folgt ein kleiner Diss gegen Sabine Rückerts »Zeit«-Reportage »Todfreunde« (Reporterpreis 2009) und ein weiterer gegen Alexander Osangs »Spiegel«-Porträt »Die deutsche Queen« über die Merkelin (vom SPIEGELblog als »Hofberichterstattung« bezeichnet, war nominiert für den, genau: Kisch-Preis).

Seidl bezeichnet derlei Reportagen als »Preisträgerprosa«, die vom Bescheidwissen lebe und »also zugleich alles Unverstandene und Unversöhnte, alles Unerklärliche und Unsagbare ausschließt«. Eine schöne »Un«-Reihung, und überhaupt ist das alles in diesem Seidl-Ton geschrieben, der auch ein wenig zur FAS-Sprache geworden ist, und für eine Sonntagszeitung ist diese Art gefälliger Divergenz eben genau der richtige Ton.

Als Gegen-Kischs für nun orientierungslose Reportagenschreiber nennt Seidl übrigens die Namen: 1. Hans Ulrich Kempski, 2. Herbert Riehl-Heyse, 3. Marie-Luise Scherer. Und noch ein schreckliches Detail überliterarischer Reportagen hat Seidl beschrieben:

Die Ein-Absatz-Sätze.

Der Seidl-Text kam also sehr, sehr gut. Auch sonst war das wieder eine Spitzen-FAS. »Reitet für England«, lautet die Überschrift zur Besprechung von Ridley Scotts »Robin Hood«, und diese Überschrift ist natürlich mal wieder Feuilletonismus gone wild, aber die Anspielung passt dann vielleicht doch ganz gut zur Stoßrichtung des Artikels von Peter Körte.

Ich muss leider bei Filmkritiken in der FAS immer an Joachim Lottmann denken und seinen Kommentar zur Filmredaktion der FAS. Lottmanns Fußnote wird bald zwei Jahre alt, und ich sollte mich wirklich mal anstrengen, die wieder aus der Assoziationsmaschinerie rauszutun.

Sehr super dann noch der Henning-Ritter-Artikel »Die weißen Strümpfe«, Anekdoten aus der Zeit vor der Revolution (keywords: Daunon de Guitry, Abbé Galiani, Madame d’Épinay, Rousseau). Im »Gesellschafts«-Teil wird ein Currywurst-Testessen bei Konnopke, Schönhauser Allee, beschrieben, das ist eine sehr heftige Schmähkritik mit einer Wagenladung an Verrissvokabular.

Dann war es irgendwann 9 Uhr und ich musste mal hinaus und spazierte durch die Südvorstadt irgendwohin. Abends, kurz nach der ersten Hochrechnung zur NRW-Wahl, rief Dique an, es ging ein bisschen hin und her, und am Ende fragte er, ob er noch die FAS kaufen gehen müsse, ob irgendwas drinstehe heute.


Horváth in Murnau

Leipzig, 26. April 2010, 12:36 | von Austin

Der Plan: Endlich mal nach Murnau fahren. Horváths Stadt schauen. Und endlich die jetzt superb besprochene neukonzipierte Horváth-Ausstellung im Schloss (S-Zeitung vom 3. März 2010).

Und was soll man sagen. Einst wurde seine Einbürgerung abgelehnt, nun wird hier ausgeführt, dass Horváth der gewissermaßen einhundert­zwanzigprozentige Murnauer war, wie sehr also Horváth mit Murnau eins sei. Plötzlich ist er vor allem Heimatdichter.

Als Kontrast ist dann im Setting eines Biergartens die Mediathek installiert, in der Martina Gedeck und jemand anderes Auszüge von Horváths Texten lesen, als handelte es sich um Peter Weiss‘ »Ermittlung«.

Ich will grade gehen und denke, dass ich mal wieder schauen muss, wie weit die in Wien-Alsergrund sind mit diesem eigenwilligen Gedenk­raum für Heimito von Doderer, da findet sich, im Schaukasten »Horváth und Berlin«, ganz en passant doch noch etwas Erstaunliches. Unter dem Bild von Francesco von Mendelssohn, dem Uraufführungsregisseur von »Kasimir und Karoline«, steht der Hinweis, er sei einige Zeit der Partner von Gustaf Gründgens gewesen. Schau an.

Ansonsten ist neben ein bisschen Gabriele Münter nicht viel zu tun in Murnau. Zum Staffelsee gelangt man durch eine spektakulär gruselige Fußgängerunterführung. Also gleich weiter, aus gegebenem Anlass, nach Kloster Ettal. Hey, gleich der erste Seitenaltar rechts ist dem Hl. Sebastian gewidmet.

Dann Halt in Oberammergau. Dialog zwischen zwei Einheimischen, warum denn der und der besetzt sei und nicht der und der, und ob denn der und der der Rolle gerecht werden könne wie weiland dessen Vater. Eine ganz normale Theaterkantine, nur heuer beim Postwirt. Faszinierend.

Auf der Rückfahrt durch Unterammergau gefahren. Und die Frage: Müssen die sich nicht grade wieder fühlen wie das Villabajo des Voralpenlandes?


Feuilleton und Pornografie (Reloaded)

Leipzig, 15. März 2010, 13:23 | von Paco

Ist jetzt schon eine Weile her (Juni/Juli 2008). Seitdem ist aber nichts sehr Erwähnenswertes hinzugekommen. Deshalb hier noch mal die damals vorgestellten sechs generischen Texte zum Thema:

Teil 1: Alexander Osang über Pornywood
Teil 2: Stephan Maus über die Venus-Messe 2003
Teil 3: Tobias Rapp über Pornpop
Teil 4: Ariadne von Schirach über die Generation Porno
Teil 5: Aaralyn Barra über den »Da Vinci Code«
Teil 6: Jens Friebe über Porn-Surfing

Ach ja, ich wollte dauernd noch etwas über den herrlichen Essay »Pornographic Coding« (2005) von Florian Cramer und Stewart Home schreiben. Das würde dann Teil 7 dieser Reihe werden. Die Notizen dazu hängen leider seit Jahren in meinem Draft-Verzeichnis fest und wandern immer weiter nach unten im Dringlichkeitsstapel. Mal sehen.


Süddeutsche Zeitung:
Action-Feuilleton in Sachen Michelangelo

Paris, 5. März 2010, 06:56 | von Paco

Danke, Kia Vahland! Letztes Jahr gab es eine feuilletonistische Actionszene, die wir hier noch nicht erwähnt haben. Sie spielte sich im Frankfurter Städel ab und wurde glücklicherweise für die SZ eingefangen:

Kia Vahland: Ein Feuer, das nicht sein durfte. Das Frankfurter Städel zeigt fragwürdige Michelangelo-Zeichnungen, um ein eigenes Blatt dem Meister zuzuordnen. In: Süddeutsche Zeitung, 21. 4. 2009.

(And don’t ask me why, der Artikel ist im Moment nur noch als PDF auf der Website der, hä?, Frankfurter Rundschau zugänglich.)

Und zwar hatte das Städel von März bis Juni die Schau »Michelangelo. Zeichnungen und Zuschreibungen« veranstaltet. In deren Mittelpunkt stand ein Blatt mit Skizzen von mehreren grotesken Köpfen, das nun offenbar endlich offiziell dem Meister persönlich zugeschrieben werden sollte, nachdem britische Kunsthistoriker sich schon positiv dazu geäußert hatten.

Vahland beschreibt ein bisschen die Kontroversen, aber schon der Teasertext des Artikels zeigt, dass sie eher zu einer reduktionistischen Sicht neigt, was Michelangelo-Zuschreibungen angeht. Ihr Kronzeuge dabei ist Alexander Perrig, der sich auch eines Tages in das Museum begeben haben muss. Vor Ort glaubt er dann auch sofort, in der zur Disposition stehenden Zeichnung eine Arbeit des Michelangelo-Schülers Antonio Mini zu erkennen. Eine derart apodiktische Aussage würde natürlich den Frankfurtern komplett die Show stehlen. Aber da wird Perrig vom zuständigen Kurator Martin Sonnabend gesichtet, der rasch herbeigeeilt kommt.

Normalerweise, wenn nicht gerade die Mona Lisa oder ein paar Munch-Gemälde eingesackt werden, geschieht in Museen nicht sehr viel. Menschen stehen herum, schauen, gehen weiter, bis sie irgendwann den Ausgang oder den Museumsshop erreicht haben. Alles nicht der Rede wert. Aber hier treffen mitten auf dem Terrain der Kurator und der schärfste Kritiker direkt aufeinander, tourismusfreundliche Groß­zügigkeit bei der Zuschreibung trifft auf den radikalen Glauben an die Schmalheit des überlieferten Werks.

Und Kia Vahland war dabei und berichtet uns davon. Auf einmal ist Action im Feuilleton, jeder Bericht über eine Podiumsdiskussion ist dagegen toter Text. Das Streitgespräch will ich hier nicht komplett zitieren, siehe Link oben, viertletzter Absatz. (Die schönste Stelle darin ist Perrigs Frage: »Haben Sie selbst nie gezeichnet?«)


Kulinarische Literaturkritik

Konstanz, 1. März 2010, 08:15 | von Marcuccio

Auch schon vor Jürgen Dollase gab es sensationelle Geschmacks­erlebnisse im Feuilleton. Darauf weist Michaela Köhler hin, in ihrer jetzt nicht neuen, aber immer noch einzigartigen Arbeit zur Sprache der Literaturkritik. Ihr Thema u. a.: die »Tradition der Synästhesien von Geschmacksempfindung und Literatur«, also die »Anwendung des Begriffs Geschmack nicht nur auf die Wahrnehmung von Essen und Trinken, sondern auch von ästhetischen Objekten«.

Hier mal für zwischendurch einige Gaumen-Hits des Literaturjahres 1988. Cocktails, Longdrinks, Feinschmeckersuppen. Festmähler, Braten und Pralinen:

  • »Der Roman-Cocktail, mit Krimi- und Gesellschaftssatire-Sätzen aufge­peppt, mundet nicht (…)« (Walter Klier über Karin Scholten, in: Die Zeit, 25. 3. 1988)
  • »Gegen dieses von Gerd-Peter Eigner vor drei Jahren ausgeschenkte hochprozentige Sprachelixier ist das Nachfolgeprodukt, ist ›Mitten entzwei‹ wohl eher ein Longdrink.« (Ulrich Horstmann über Gerd-Peter Eigner, in: Die Zeit, 19. 8. 1988)
  • »Mir schmeckt diese Suppe. In den Gebräuchen des ästhetischen Nihilis­mus ein braves Eintopfgericht. Ihr gleichwohl unleugbarer Mangel an literarischer Delikatesse (…).« (Karl Heinz Kramberg über Werner Kofler, in: SZ, 10. 2. 1988)
  • »Der ›Anhang‹: Ein Meisterstück. Ein Festmahl des Geistes mit immer­grünen ewigfrischen Zutaten. Biß für Biß ein Genuß.« (Andreas Kilb über Ulla Hahn, in: Die Zeit, 25. 3. 1988)
  • »›Barbarswila‹ ist ein epischer Brocken, wie er nicht alle Tage auf den Tisch kommt, ein deftiges, dampfendes Stück Literatur« (Jürgen Jacobs über Gerold Späth, in: FAZ, 10. 9. 1988)
  • »eine schweizerische Prosapraline erster Wahl« (Friedhelm Rathjen über Jürg Laederach, in: SZ, 15. 11. 1988)

(nach Michaela Köhler: Wertung in der Literaturkritik. Bewertungs­kriterien und sprachliche Ausdrucksmöglichkeiten des Bewertens in journalistischen Rezensionen zeitgenössischer Literatur. Würzburg. Diss. 1999, S. 125–129.)
 


Die »Süddeutsche« vom 13./14. Februar 2010

Hamburg, 19. Februar 2010, 13:09 | von Dique
 
–»Aren’t you relieved to know that you’re not a golem?«
–»Yes, I am relieved to know that I am not a golem.«
(»Stranger than Fiction«)

Letzter Samstag, ich hatte wie immer die FAZ gelesen. Die Samstags-FAZ ist das mittlerweilige Lieblingsobjekt weiter Teile des Umblätte­rers (with FAS losing ground), die Ausgabe von letzter Woche war aber nur okay, nicht wie sonst richtig superst. Später ging ich dann in eine Kneipe auf ein paar Heringe, und da hing die »Süddeutsche« im Zeitungshalter. Ich hatte die S-Zeitung länger nicht gelesen, und sie hatte ja in letzter Zeit wegen verschiedenster Dinge auch eine Menge Bashing abbekommen.

Fakt ist, die Ausgabe von letztem Samstag hatte ein FEUILLETON­FEUERWERK zu bieten, das sich bis in den Wirtschaftsteil zog. Dort fand man einen Artikel von Helga Einecke über Botticelli, der, na ja, einfach sehr gut war. Das Bild zum Artikel zeigte einen Ausschnitt aus dem Altargemälde für die Zanobi, auf dem sich Botticelli offensichtlich selbst verewigt hatte, kurz, ein Selbstportrait, und ein ganz feines.

Er hat da sehr moderne Gesichtzüge und schaut dem Zuschauer fest in die Augen, dazu trägt er herrliche gelb-goldene Klamotten, wie Johan Nilsen Nagel in Hamsuns »Mysterien«. Im Text ging es um wirtschaft­liche Aspekte und Ungereimtheiten im Leben des Künstlers und dessen Erfolg, der ihm von Vasari zwar bescheinigt wurde, der ihn aber als Menschen eher unvorteilhaft portraitiert hatte, vielleicht wegen seiner Konkurrenzfähigkeit zu dem von ihm, wieder Vasari, geliebten und gehypten Michelangelo.

Im Feuilleton selber gab es dann einen langen Bericht von Alex Rühle über Wuppertal, über die miese Finanzlage und die daraus resultierende wahrscheinlich erste Schließung eines Schauspielhauses in einer Großstadt. Ein Tristesse-Artikel, der beim Lesen tatsächlich so einen beängstigenden Untergangszukunftskosmos eröffnete, ein nicht gerade erstes, aber ansehnliches Zeichen von Ernsthaftigkeit diesen ganzen Verschuldungswahn betreffend.

Außerdem werden gerade die »Sandokan«-Romane neu übersetzt und erscheinen im Wunderkammer Verlag, Burkhard Müller hat einen davon rezensiert, der geschrieben sei »aus dem Geist der Großen Oper«, d. h. es komme auf Logik und Folgerichtigkeiten nicht unbedingt wirklich an. Ich wusste bis dato nicht, wer der Autor der Reihe war, Emilio Salgari, dem Artikel nach eine Art italienischer Karl May, in Verona geboren und nie irgendwo hingekommen, aber knapp 80 Abenteuerromane geschrieben, die überall auf der Welt spielen, von denen der »Sandokan«-Zyklus am erfolgreichsten war. Ein schönes Portrait dieses Mannes und des, im direkten Abgleich mit Karl May, Schreibtischkolonialismus der zu spät gekommenen Nationen Deutschland und Italien.

Auf der Panorama-Seite stand noch ein Artikel über Muttermilch, der mit der schön verschwenderischen Abbildung einer Madonna von Andrea Solari illustriert war, hängt im Louvre:

Andrea Solari: La Madonna del cuscino verde (Louvre)

Eine superste Ausgabe der S-Zeitung also, die ich da beim Hering im Zeitungshalter weggelesen habe. Die Ausgabe war auch trotz so später Stunde noch vollzählig und korrekt sortiert, eben dank Zeitungshalter. Auf der Website eines Zeitungshalterherstellers findet man diese einführenden und hier jetzt abschließenden weisen Worte:

»Wer von uns Zeitungslesern hat sich im Café, beim Friseur, im Wartezimmer des Arztes oder an anderen Orten mit öffentlich ausliegenden Presseerzeugnissen noch nicht fürchterlich geärgert, wenn er bei der Lektüre dieser Zeitung und Zeitschriften feststellen mußte, das Teile fehlten oder sich das Lesegut in einem ungeordneten oder erbärmlich zerfledderten Zustand befand?

Solche Unbill, die Konsumenten gemeinschaftlich genutzter Printmedien gelegentlich widerfährt, hätte sich in einer Vielzahl der Fälle sicherlich verhindern lasse, hätte die auslegende Stelle auf ein Produkt zurückgegriffen, das seit Jahrhunderten den Zeitungen den Rücken stärkt: den Zeitungshalter.«

(Bild: Wikimedia Commons)


Die Ergebnisse der …
Feuilleton-Meisterschaft 2009

Leipzig, 12. Januar 2010, 06:35 | von Paco

Endlich kommt er wieder ans Licht gekrochen, der Goldene Maulwurf, zum nunmehr *fünften* Mal:

Der Goldene Maulwurf

Und hier sind sie, die Autoren und Zeitungen der 10 angeblich™ besten Artikel aus den Feuilletons des Jahres 2009:

1. Maxim Biller (FAS)
2. Peter Richter (FAS)
3. Henryk M. Broder (Tagesspiegel/Spiegel)
4. Wolfgang Büscher (Zeit)
5. Hans Ulrich Gumbrecht (Literaturen)
6. Nora Reinhardt (Spiegel)
7. Tom Kummer (Freitag)
8. Birk Meinhardt (SZ)
9. Felicitas von Lovenberg (FAZ)
10. Dietmar Dath (FAS)

Der 2009er war wieder ein hervorragender Jahrgang des deutsch­sprachigen Feuilletons. Eine genauere Durchleuchtung unseres Rankings gibt es in den 10 Mini-Laudationes, die sich wie die Jahrgänge 2005, 2006, 2007 und 2008 auch direkt von der rechten Seitenleiste aus anklicken lassen.

Auch in diesem Jahr hat sich das Consortium bei der Auswahl und beim Ranking auf ein paar Wochen hin verfeindet, hehe. Auf unserer Longlist standen noch andere unbedingt lesenswerte Feuilletontexte, etwa die ganz hervorragende Robert-Enke-Berichterstattung von Ralf Wiegand in der SZ, Alexander Smoltczyks »Ciao bella«-Artikel im »Spiegel«, Niklas Maaks Text über das Ende der deutschen »Vanity Fair« (FAS, 22. 2. 2009, S. 29), das Broder-Biller-Doppelinterview im SZ-Magazin oder Jochen-Martin Gutschs »Spiegel«-Artikel über Boris Becker.

Und dass die Schweiz 2009 so sehr mit sich selbst beschäftigt war (bröselndes Bankgeheimnis, Libyen-Affäre, Minarette), hat irgendwie auch das NZZ-Niveau gedrückt. Entdeckt haben wir aber Samuel Herzog, der zwar stets wenig Raum bekommt für seine Kunstbericht­erstattungsartikel in der NZZ, den aber ganz hervorragend ausfüllt.

Usw.

Bis zum nächsten Jahr,
Consortium Feuilletonorum Insaniaeque


Die Idee

Paris, 27. Dezember 2009, 08:20 | von Paco

Maxim Biller vs. Henryk M. Broder. In dem ganz herausragenden Doppelinterview des SZ-Magazins von vor zwei Wochen (11. Dez. 2009), heißt es:

SZ-Magazin: Warum ist das Gespräch nie zustande gekommen?

Broder: Weil keiner die Idee hatte.

Diese Idee dann also tatsächlich zu haben, genau das ist spitzen­mäßiges Spitzenfeuilleton. Das Gespräch ist nachher ein Selbstläufer. Das ganze schöne Stück liest sich weg wie warme Bagels, wie ein Mix aus »Curb Your Enthusiasm« und »Die Wohlgesinnten«, wie die besten Texte der polemischen Überfeuilletonisten der Zwanzigerjahre (und das meine ich jetzt alles positiv, hehe).

Also: Mehr Ideen wagen. Durs Grünbein muss mit Uwe Tellkamp sprechen. Und Rainald Goetz wird für eine Stunde mit Joachim Lottmann zusammen­gesperrt. So was.

Usw.


Eine sehr schöne dunkle Jacke

Konstanz, 15. November 2009, 20:01 | von Marcuccio

Deutschland wird auch in Stilfragen am Hindukusch verteidigt, findet Kurt Kister mit Blick auf den neuen Verteidungsminister und seinen gerade absolvierten Afghanistan-Besuch. Der Beitrag beginnt so richtig gut im Bunte-Style …

»Er trug eine sehr schöne dunkle Jacke von Loro Piana, natürlich 100 Prozent Kaschmir, mit elfenbeinfarbenem Innenfutter.«

… reiht sich dann goldrichtig ins Genre der KT-Hagiografie ein:

»Die Hände hat er in die Hüften gestützt, das subalterne Offiziersvolk im Tarngewand umgibt ihn in einer distanzwahrenden, ehrfurchtsschwangeren Korona. Natürlich ist es nur Licht, das von außen auf den Baron fällt, aber er sieht auf dem Foto trotzdem so aus, als leuchte er selbsttätig von innen.«

… und wagt dann einen, wir denken an die Wendung vom »Baron aus Bayern«, gar nicht so pindarischen Sprung zum Brioni-Kanzler Gerhard Schröder:

»Die Angelegenheit war deswegen so bemerkenswert, weil dieser Politiker und dieser Anzug nicht zusammenpassten. Einer von beiden war dem anderen ein Fremdkörper. Poltrige Männer mit nach oben gedrehten Nackenlocken gehören nun einmal nicht in Brioni und in Versace, nur wenn sie bei den Sopranos eine Nebenrolle spielen.«

Ein weiterer Stopp bei Peter Struck (»fuhr gerne Motorrad und rauchte Pfeife. So sah er auch am Hindukusch aus«), aber dann sind wir auch schon angekommen, beim schönsten Satz des ganzen Artikels:

»Im Rückblick auf 30 Jahre bundesdeutscher Wehrgeschichte von Manfred Wörner bis zu Karl-Theoder zu Guttenberg ist erkennbar, dass die Bundesrepublik souverän geworden ist – zumindest was die Klamotten angeht.«

Ganz am Schluss wird Guttenberg zum Ehrenmitglied im Queen’s Own Corps of Guides ernannt, und das liest sich dann wirklich so, wie wenn Christian Kracht immer noch Asien-Korrespondent des »Spiegel« wäre.

Usw.


Die 10 besten US-Serien:
Besuch im Serienland 2008/09

Paris, 8. September 2009, 22:29 | von Paco

Ende Mai wurden wie immer die Finalfolgen der US-Serien-Saison gezeigt. Bevor in ca. 3 Wochen die neuen Seasons beginnen, soll hier wie jedes Jahr (2005/06, 2006/07, 2007/08) eine Auswahl der besten Serien folgen. Im letzten Jahr war das eine Top-30, in diesem Jahr ist es nur eine Top-10.

Denn der US-Serien-Hype ist irgendwie vorbei. Er knüpfte sich an eine Erzählrevolution der TV-Drehbücher, die es schafften, ihre romanhaften Entwürfe auch tatsächlich schwungvoll über mehrere Episoden und Staffeln zu entfalten. »Die Menschen gehen auch deshalb seltener ins Kino, weil das Fernsehen inzwischen oft das bessere Kino liefert«, schrieb der »steadycam«-Gründer Milan Pavlovic vor 2 Jahren in der SZ (9./10. Juni 2007). »Die neueren Fernsehserien sind die wahren Epen des frühen 21. Jahrhunderts.«

Dieses Gefühl der TV-Serien-Übermacht haben damals viele konstatiert. Spätestens 2001 begann der Hype mit Sagas wie »Six Feet Under« und erreichte seinen Höhepunkt 2004 mit dem Start der beiden Jahrhundertserien »Lost« und »Desperate Housewives«, und während die eine demnächst endet und die andere sich langsam aber sicher selbst wiederholt (was trotzdem noch sehr gut funktioniert), ist weit und breit nichts in Sicht, das es an erzählerischer Pracht und Fülle mit beiden aufnehmen könnte.

Es gibt daneben auf jeden Fall noch andere brillante Serien, die narrativ und atmosphärisch ganz eigene Stimmungen erzeugen, zum Beispiel die relativ neuen Projekte »Breaking Bad« und »Mad Men«, und es wird sich auch weiterhin lohnen, die vielen kleinen Sitcoms zu schauen, »The Office« oder »How I Met Your Mother«. Aber der große Innovationsschub der letzten Jahre scheint erst mal vorbei zu sein.

Exemplarisch dafür standen schon die drei propagierten Hitserien der vorletzten Saison, »Chuck«, »Reaper« und »Journeyman«, die inzwischen alle glanzlos abgesetzt wurden bzw. bald enden. Das 2006 so rasant gestartete »Heroes« war mit einer der bescheuertsten Finalfolgen ever schon nach einer Staffel erledigt und tritt das Serienkonzept mittlerweile nur noch breit. Auch dem bonbonfarben durchgestylten »Pushing Daisies« ging nach nur zwei Staffeln storywise die Luft aus.

Aber okay, es gibt auch noch Serien, die Spaß machen, und zehn davon werden hier in den nächsten Tagen anhand ihrer zuletzt gelaufenen Staffeln kurz vorgestellt. Wie immer geht es vor allem um die Narration, nicht vorderhand um Quoten oder Schauspielernamen, die nur in Ausnahmefällen genannt werden. Das lockere Ranking, der Countdown von 10 bis 1, kann auch einfach als wertneutrale Durchnummerierung gelesen werden, hehe.