Archiv des Themenkreises ›Buchbuch‹


100-Seiten-Bücher – Teil 19
Eduard von Keyserling: »Am Südhang« (1916)

Düsseldorf, 12. November 2011, 10:51 | von Luisa

Eduard von Keyserling wird abwechselnd sanft vergessen und wieder entdeckt – insofern ist »Wellen« (der Titel seines bekanntesten Romans) auch eine schöne Beschreibung seines Nachruhms. Dass dieser nicht intensiver wurde, verhinderte der baltische Graf, indem er stets dieselbe Geschichte erzählte. Man stelle sich vor, Thomas Mann hätte dem »Verfall einer Familie« noch andere folgen lassen – der Nobelpreis wäre dahin gewesen.

Eine Keyserling-Geschichte spielt auf östlichen Landgütern unter müden Adligen, handelt von Amouren, die nicht lustvoller sind als die Ehen, von Todesfällen, Langeweile, Sommerhitze und Schwermut. Herrliche Gärten, intakte Natur und das strahlende Licht über der Ostsee werden durchaus geschätzt, helfen aber nicht gegen den ennui. Frauen tun nichts, Männer wenig mehr, manchmal sorgen ein Duell oder ein Suizid für ein wenig Aufregung. Geweint wird reichlich, auch von Männern, aber die Tränen erschüttern nicht mal die, die sie vergießen.

Vielleicht weil »Am Südhang« alle diese Elemente perfekt vereint, wurde die Erzählung von Florian Illies als Keyserlings Meisterstück gerühmt. Aber mir gefällt »Schwüle Tage« viel besser, weil da endlich mal nicht nur Melancholie herrscht, sondern auch Komik. Ein teils muffliger, teils munterer Siebzehnjähriger berichtet, dessen naiver Charme entschieden mehr Anteilnahme weckt als der Leutnant Karl Erdmann, mit dem sich der allwissende »Südhang«-Erzähler auch ziemlich zu langweilen scheint. Beide Geschichten warten übrigens am Ende mit einer Leiche auf und natürlich wird dann geweint, aber die Tränen, siehe oben.

Länge des Buches: ca. 148.500 Zeichen. – Ausgaben:

Eduard von Keyserling: Am Südhang. Erzählung. Berlin: S. Fischer [1916].

Eduard von Keyserling: Am Südhang. Erzählung. Mit einem Nachwort von Richard Brinkmann. Stuttgart: Reclam 1963.

Eduard von Keyserling: Am Südhang. Erzählung. Coesfeld: Elsinor 2006.

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)


Noch mal »Thanatos«, Seite 311

Leipzig, 6. November 2011, 08:35 | von Paco

Alban Nikolai Herbst liest gerade extensiv Helmut Krausser, zur Vorbereitung auf sein Krausser-Hörstück, das am 1. Dezember vom WDR 3 gesendet werden wird. Am Mittwoch hat er den herrlichen Großroman »Thanatos« beendet und einen Tag davor, am 1. November 2011, hat er gegen 17:36 Uhr die magische Seite 311 passiert (in der Luchterhand-Originalausgabe), von der hier schon mal die Rede war. In ANHs Lektürebericht heißt es (Achtung, Spoiler!):

17.36 Uhr:
Jetzt, tatsächlich ist Fahrt in den Roman gekommen, der Umblätterer hatte recht; allerdings schon ein wenig vor der Seite 311. Jetzt läßt sich auch der Typ aushalten, weil er endlich etwas tut, auch wenn’s ein Mord ist. Interessanterweise spiegelt die Sprache genau das wieder, wird enorm flüssig, ja leuchtet, fast fiebrig mitunter. Also jetzt ist das toll. Ich merk’s daran, daß ich nicht dauernd nach anderem schaue, das zu tun wäre …

»Der Typ« meint die Hauptfigur, den sehr überambitionierten Germa­nisten Konrad Johanser (»Alles Wackenroder, oder was?«). – ANH hat das Buch jetzt übrigens zum zweiten Mal gelesen, beim ersten Mal, im Frühjahr 1996, hat er es für die »Weltwoche« rezensiert: »Anders als zehn Elftel aller gegenwärtigen Literatur wittert Kraussers ›Thanatos‹ dauerhaft nach.«

Der 1. Dezember 2012 wird ein Donnerstag sein, und 23:05 Uhr ist doch eine gute Zeit.
 


Interview zu F. C. Delius:
»Wer schreibt denn jetzt über Terrorismus?«

Konstanz, 27. Oktober 2011, 17:50 | von Marcuccio

Die Literaturwissenschaftlerin Constanze Reichardt über den Büchnerpreis für Friedrich Christian Delius, die RAF als literarischen Stoff und den Käseigel in der deutschen Literatur

Der Umblätterer: Erst mal Glückwunsch! Jahrelang musstest du auf Partys erklären, über welchen Schriftsteller du promovierst. Und jetzt ist es ein Büchnerpreisträger, am Samstag ist die Preisverleihung. Du hast kürzlich deine Dissertation über F. C. Delius eingereicht.

Constanze Reichardt: Das hört sich ja fast so an, als hätte ich den Preis bekommen. Ich habe mich natürlich sehr darüber gefreut und fand es toll, dass sich die Jury für Delius entschieden hat.

Der Umblätterer: Hast du das Medienecho bei der Bekanntgabe verfolgt?

Reichardt: Positiv bewertet hat es eigentlich nur die »Welt«. FAZ und »Süddeutsche« waren sehr verhalten, so mit dem Tenor: Falscher Mann, total langweilig, warum denn jetzt der? Der große Rest hat einfach nur die Pressemitteilung abgeschrieben. Mehr war nicht.

Der Umblätterer: Delius kommt in den Literaturgeschichten von Kritikern wie Volker Weidermann oder Richard Kämmerlings gar nicht vor. Hast du eine Erklärung?

Reichardt: Ich glaube, Delius wird oft unterschätzt, gerade von Kritikern. Die Erklärung, die sie geben, lautet, überspitzt formuliert, dass Delius zwar ein guter Sprachhandwerker, aber ein mittelmäßiger Autor sei. Das heißt, man findet ihn nicht originell, nicht innovativ genug.

Der Umblätterer: Und wie sieht das die Literaturwissenschaft? Es gibt ja nicht gerade viele Forscher, die sich mit F. C. Delius beschäftigt haben, oder?

Reichardt: Es gibt viele verstreute Aufsätze, aber nur einen einzigen Aufsatzband. Zur Dokumentarliteratur gibt es einiges. Und zu jeder Erzählung, zu jedem Roman so ein, zwei, drei Aufsätze. Aber das war’s dann auch schon.

Der Umblätterer: Dann bist du jetzt eine der wenigen Sachverstän­digen der Stunde. Was hast du untersucht und herausgefunden?

Reichardt: Ich habe mich mit dem Deutschen Herbst als politischem Mythos beschäftigt und Delius’ Terrorismus-Trilogie unter der Fragestellung untersucht, welche Aspekte politischer Mythen dort behandelt werden. Delius beschreibt in seinen Texten, welch enorme symbolische Bedeutung die Ereignisse im Herbst 1977 für das Selbstverständnis der Westdeutschen hatten.

Keine eindeutigen Antworten in Sachen RAF

Der Umblätterer: Was bietet Delius’ Trilogie über den Deutschen Herbst, was Sachbücher von Stefan Aust und das Eichinger-Kino nicht bieten?

Reichardt: So einiges. Als literarischer Autor hat Delius ja viel mehr Möglichkeiten, wie er sich der RAF nähern kann. Vor allem erhebt Delius, anders als Aust, nicht den Anspruch des »So ist es gewesen«, sondern fragt vor allem nach dem »So könnte es gewesen sein«, ohne dabei allerdings eine Legendenbildung zu betreiben. Die eindeutige Interpretation der RAF-Geschichte, die im »Baader-Meinhof-Komplex« dargelegt wird, hinterfragt Delius in seinen Texten. Er legt den Schwerpunkt auf andere Aspekte, auf andere Figuren, und er setzt sich vor allem mit der Frage auseinander, warum immer alle eindeutige Antworten haben wollen, wenn es um die RAF geht.

Der Umblätterer: Du hast den Deutschen Herbst zum Anlass genommen, dich mit der Bedeutung politischer Mythen für die modernen Demokratien zu beschäftigen. Wenn ich dich richtig verstehe, stellt Delius das kollektive Gedächtnis, die öffentliche Sichtweise zum Beispiel auf Mogadischu in Frage. Kannst du das an einem Beispiel erläutern?

Reichardt: Die Befreiung der Geiseln in Mogadischu durch die GSG 9 wurde als Sieg der Demokratie über den Terrorismus gedeutet. Die vorherrschende Meinung war, dass man die Feinde der Demokratie, also die RAF, mit demokratischen Mitteln besiegt hätte. Das war ein Einschnitt. Das Ende der Nachkriegszeit. Die öffentliche Sichtweise auf die Ereignisse in Mogadischu ist die Sichtweise der Regierung und der Medien, nicht aber die Sichtweise der Opfer. Die kommen nur am Rande vor, zum einen, wenn man sie, wie den getöteten Flugzeugkapitän Schumann, als Opfer für die Demokratie deuten, also zum Märtyrer machen kann. Und zum anderen, wenn man ihr Schicksal in den Medien ausschlachten kann.

In Delius’ Roman steht dagegen zum ersten Mal die Perspektive des Opfers im Vordergrund. Die Hauptfigur beschreibt in allen Einzelheiten, was ihr während der fünf Tage, in denen sie den Geiselnehmern ausgeliefert ist, passiert. Für sie haben die Ereignisse natürlich keinerlei symbolische Bedeutung, sondern es geht allein darum, die Entführung zu überleben. Das ist eine Perspektive, die im öffentlichen RAF-Diskurs bis heute immer viel zu kurz gekommen ist. Denn der ist von der Sichtweise der Regierung, aber auch der der Täter geprägt.

Der Umblätterer: Warum ist »Ein Held der inneren Sicherheit« (1981) ein Roman über das Herstellen von politischen Mythen – »Myth­making«, wie du es mit einem Begriff von Christopher Flood nennst?

Reichardt: In »Ein Held der inneren Sicherheit« geht es unter anderem darum, wie sich ein Vertreter der nationalsozialistischen Wirtschafts­elite in der Bundesrepublik zurechtfindet, wie er seine Karriere möglichst reibungslos fortsetzen kann. Das tut er, indem er eine strategische Position in einem Wirtschaftsverband einnimmt und dann diesen Verband zu einer Institution macht, die großen Einfluss auf die Deutung der Vergangenheit hat. Zunächst geht es darum, den eigenen Anteil am Funktionieren des NS-Systems zu vertuschen. Sehr bald wird daraus allerdings eine umfassende Umdeutung der Vergangenheit.

Im Roman wird beschrieben, wie die Bundesrepublik nach dem Krieg ihr Selbstbewusstsein zurückgewinnt. Der Text legt den Schwerpunkt auf die wirtschaftliche Entwicklung. Der schnelle Wiederaufbau, den die Westdeutschen aus eigener Kraft geschafft haben, gefolgt vom Wirtschaftswunder. Darauf sind die Romanfiguren stolz und ignorieren dabei alles, was davor war. Es gibt in dem Text keine Auseinander­setzung mit der Vergangenheit. Im Roman liegt der Schwerpunkt auf der Beschreibung dieses Prozesses: wie diese Sichtweise zu einer allgemein gültigen gemacht wird, also wie ein politischer Mythos konstruiert wird.

Der Dokumentarist als Schriftsteller

Der Umblätterer: Irgendwie ist das ein Werk voller zeitgeschichtlicher Stoffe: Vom »Wunder von Bern« (in »Der Sonntag, an dem ich Welt­meister wurde«, 1994) über die Studentenbewegung (»Amerikahaus und der Tanz um die Frauen«, 1997) und den Terrorismus (Roman­trilogie »Deutscher Herbst«, 1981–1992) bis hin zu DDR-Flüchtlingen (»Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus«, 1995) und Wieder­vereinigung (»Die Birnen von Ribbeck«, 1991). Versteht sich Delius als literarische Bundeszentrale für politische Bildung?

Reichardt: Nein, eher im Gegenteil. Delius beleuchtet diese Stoffe immer von ganz anderen Seiten als öffentliche Diskurse dies tun. Seine Texte hinterfragen oder ergänzen diese. Die Figuren zweifeln allgemein anerkannte Sichtweisen oft an, oder ihre Geschichte macht Probleme sichtbar, zeigt Konflikte und Widersprüche auf. Zum Beispiel in der Erzählung »Die Birnen von Ribbeck«: Kurz nach der Wende erschienen, wird darin unter anderem die Einheitseuphorie kritisiert.

Der Umblätterer: Hat das Label, ein politischer Autor zu sein, FCDs germanistischer Anerkennung geschadet?

Reichardt: Das Label wurde ihm ja von der Literaturkritik angeheftet und zeichnet ein sehr einseitiges Bild von Delius’ Werk, das die Literaturwissenschaft nicht teilt. Wenn auch die Sekundärliteratur zu Delius nicht sehr umfangreich ist, so ist sie doch auf jeden Fall differenziert und hält sich nicht mit Labeln auf. Außerdem verstehe ich nicht ganz, was an der Bezeichnung politischer Autor schädigend sein soll.

Der Umblätterer: Na ja, Norbert Niemann und Eberhard Rathgeb schreiben in ihrer »Inventur« (2003), dass Delius den »Tod der Literatur« wörtlich genommen habe. Sie lenken den Blick auf seine genuine Form der »Dokumentarsatire, die Fiktion und Fakten vermischt«. Tatsächlich hat er ja CDU-Parteitagsprotokolle oder Siemens-Festschriften parodiert – was ihm auch Prozesse um die Kunstfreiheit eingebracht hat. Wie schätzt du diesen Teil von Delius’ Werk heute ein?

Reichardt: Die Texte waren damals eine innovative Weiterentwicklung der Dokumentarliteratur, und einige der Methoden, die Delius da entwickelt hat, hat er später auch in seinen Romanen verwendet. Aber ich denke auch, dass heute niemand mehr solche Texte schreiben würde. Übrigens, das mit dem Tod der Literatur, da würde ich das Gegenteil behaupten. Die Auseinandersetzung mit dokumentarischem Material hat Delius ja erst zur Literatur hingeführt. Sein erster Roman »Ein Held der inneren Sicherheit« war eine Abgrenzung von der vorgeformten Sprache der Dokumente und eine bewusste Hinwendung zur eigenen, literarischen Sprache.

Das Handbuch zur FAZ-Sprache

Der Umblätterer: Sprachbetrachtungen scheinen ihm überhaupt sehr wichtig zu sein. Er hat ja mal eine Schrift herausgebracht, die sich mit der Sprache der FAZ beschäftigt: »Konservativ in 30 Tagen. Ein Hand- und Wörterbuch Frankfurter Allgemeinplätze« (1988). Ich fand das neulich ganz witzig, als mit Frank Schirrmacher und Lorenz Jäger gleich zwei namhafte Stimmen der FAZ erklärt haben, nicht mehr konservativ zu sein. Klang wie Delius im Rückwärtsgang, und war noch nicht mal ironisch gemeint.

Reichardt: Ja. Gerade aus dieser Schrift kann man sehr gut ableiten, wie Delius arbeitet. Das Sprachkritische ist bei ihm extrem wichtig, von Anfang an kann man in seinem Werk beobachten, wie er sich mit ideologischer Sprache auseinandersetzt. Politische Sprachen, Wirtschaftssprachen, Fachsprachen, die er kritisiert und wo er fragt: Was sind eigentlich die Verkürzungen, die solche Sprachen mit sich bringen? »Konservativ in 30 Tagen« ist so ein Ding. Und auch in seiner Terrorismus-Trilogie geht’s ganz oft um Sprachkritik. Wobei Delius die Sprache – auch in seinen Dokumentarsatiren – so verwendet und montiert, dass sie sich selbst entlarvt.

Alles wartete auf den Wenderoman …

Der Umblätterer: Was denkst du über »Amerikahaus und der Tanz um die Frauen«? Es gilt vielen ja als das Buch über West-Berlin. Die FAS hatte es vor Jahren auf einer Liste mit den zehn prototypischen Berlin-Romanen der Gegenwart, Michael Angele, heute Kulturchef beim »Freitag«, nannte das Buch auf den »Berliner Seiten« der FAZ eine »herrliche Hommage« an das Studentenmilieu, das 1966 erstmals gegen den Vietnamkrieg politisiert.

Reichardt: Ich fand es eigentlich auch ziemlich cool. Und es beschreibt bestimmt sehr gut die Stimmung in West-Berlin Mitte der 60er-Jahre. Vor allem hat es auch biografische Züge. Ein gelungenes Buch, das die Zeit vor 1968 einfängt. Interessant eben, dass und wie Delius bei den Anfängen ansetzt.

Der Umblätterer: Der damalige FAZ-Literaturchef Thomas Steinfeld fand »Amerikahaus« 1997 gar nicht authentisch. Er warf Delius sogar »Verrat an seiner Generation« vor, weil er erst aus der Rückschau, mit 30 Jahren Abstand, über diese Zeit schreibt.

Reichardt: Total daneben. Dann soll er sich mal Sachen von Gerd Koenen ankucken. Oder von Götz Aly. Das sind zwar alles keine literarischen Verarbeitungen. Aber das wäre der eigentliche Verrat an 1968. Das ist wieder so ein typischer Vorwurf der Kritik, die offenbar nicht damit umgehen kann, dass der Delius sich nicht nur dann mit zeitgeschichtlichen Themen beschäftigt, wenn ein entsprechendes Jubiläum ansteht. Sondern er macht das zu eigenwilligen Zeitpunkten, und das stört die Literaturkritik immer ungemein. Der dritte Terrorismusroman kam 1992 raus – und natürlich sagten sofort alle wieder: Wer schreibt denn jetzt einen Roman über den Terrorismus? Wir haben doch die Wende …

Der Umblätterer: Alles wartete auf den Wenderoman …

Reichardt: So wollte bei Erscheinen von »Himmelfahrt eines Staatsfeindes« kurz nach der Wiedervereinigung kaum einer mehr was von Terrorismus hören. In den letzten Jahren sind viele lesenswerte Untersuchungen zur RAF erschienen, wenn man die liest, wird deutlich: Delius hat da viel vorweggenommen.

Er beschäftigt sich in seinen Texten fast immer mit wichtigen historischen Ereignissen der Bundesrepublik, tut dies aber oft zum scheinbar falschen Zeitpunkt. Die Sichtweisen, die in den Texten geboten werden, der andere Blick auf die Ereignisse, die neuen Erkenntnisse, die sie liefern, gehen oft unter.

Beinahe Popliteratur

Der Umblätterer: Noch mal zu »Amerikahaus«. Könnte man diese wunderbare Coming-of-Age-Erzählung im Studentenmilieu nicht auch zur Popliteratur zählen? Sie steckt doch voller Song- und Filmtitel, zitiert Werbeslogans und Zeitungsschlagzeilen, speichert also viel Alltags- und Zeitgeschichte und leistet so lustvolle Arbeit am Archiv, wie es Moritz Baßler als konstitutiv für den deutschen Poproman definiert hat. Insofern verwunderlich, dass dieses 1997 erschienene Buch nie als Popliteratur thematisiert worden ist.

Reichardt: Interessanter Gedanke. Zitate waren schon immer ein wichtiger Bestandteil von Delius’ Werk, allerdings setzt er sie ganz anders ein, als die sogenannten Popliteraten der 90er-Jahre das tun. In der Popliteratur geht es, wenn ich mich richtig erinnere, vor allem um das Sammeln und Auflisten von Bestandteilen der Gegenwartskultur. Das Einstreuen von Song- oder Filmtiteln oder auch von Markennamen dient ja der Verortung der Autorinnen und Autoren, aber auch der Leserinnen und Leser in dieser Gegenwartskultur. Die Auflistung von Bandnamen, zum Beispiel in »Soloalbum« von Stuckrad-Barre, dient ja dazu, bei den Leserinnnen und Lesern ein bestimmtes Lebensgefühl aufzurufen. Wenn die diese Anspielungen nicht verstehen, funktioniert das nicht.

In »Amerikahaus« ist genau das Gegenteil der Fall. Die Hauptfigur, der Student Martin, gibt immer wieder zu, dass er nicht mitreden kann, wenn sich seine Freunde über aktuelle Filme unterhalten. Hier geht es nicht um die »lustvolle Arbeit am Archiv«, sondern eher um eine Kritik an dessen Subjektivität. Und während die Popliteratur vom selbstverständlichen Leben in einer Konsumwelt erzählt, beschreibt »Amerikahaus« diese Konsumwelt als irritierend und störend, als Ablenkung vom »Nachkrieg« (S. 55), in dem sich die Hauptfigur nach eigener Aussage 1966 noch immer befindet, während die meisten Berliner mit Winterschlussverkauf oder der Grünen Woche beschäftigt sind.

Der Käseigel in der deutschen Literatur

Der Umblätterer: Apropos Grüne Woche. Du betreibst neben deinen Delius-Studien auch einen Veganer-Blog. Spielt Essen im Werk von FCD irgendeine besondere Rolle?

Reichardt: Da habe ich noch nie drüber nachgedacht.

Der Umblätterer: Mir ist kurioserweise ein Detail aus »Amerikahaus« in Erinnerung: Der Käseigel! So wie Stuckrad-Barre die Crunchips der 1990er ins literarische Gedächtnis eingespeist hat, so hat FCD den Käseigel unserer Omis und Tanten archiviert: dieses wunderbare kulinarische Dingsymbol der 1960er. Einerseits noch ganz Zeichen für den Überfluss der Fresswelle: Man isst jetzt Käse ohne Brot! Andererseits aber auch schon ein Vorbote der Verfeinerung (S. 103): »die neue Art Käse zu essen – Käse aus Holland: Das muß man gesehen haben, feine Holzstäbchen in Käsewürfel gespießt, die man einfach zum Munde führt, ohne Brot!« Yesss! Und dann gibt es doch auch diese Delius-Denkschrift »Einige Argumente zur Verteidigung der Gemüseesser« (1984). War er ein früher Vegetarismus-Apologet?

Reichardt: In den beiden von dir genannten Beispielen stehen Lebensmittel, steht Essen vor allem für die Konsum- und Überflussgesellschaft. In »Amerikahaus« wird das Treiben auf der Grünen Woche beschrieben, auf der nach Jahren der Entbehrung, des Hungers, nun endlich wieder geschlemmt werden darf. Und in »Verteidigung der Gemüseesser« geht es ja um den Zusammenhang von Hunger und Wohlstand, um die Industrieländer, die auf Kosten der sogenannten Dritten Welt leben. Dieser kritische Blick auf Lebensmittel wird auf jeden Fall von vielen Veganerinnen und Veganern geteilt.

Der Umblätterer: Ein Satz wie für die taz. Vielen Dank für das Gespräch. Und alles Gute für die Verteidigung deiner Delius-Diss.!
 

Constanze Reichardt hat in Leipzig, Oslo und Göttingen Germanistik, Anglistik und Politikwissenschaft studiert. An der FU Berlin hat sie vor wenigen Wochen ihre Doktorarbeit zur Begutachtung eingereicht. Sie untersucht darin, welche Rolle politische Mythen in den Romanen »Ein Held der inneren Sicherheit«, »Mogadischu Fensterplatz« und »Himmelfahrt eines Staatsfeindes« spielen. Betreut wurde die Arbeit von Prof. Irmela von der Lühe.

 


100-Seiten-Bücher – Teil 18
Ferdinand von Saar: »Leutnant Burda« (1887)

Leipzig, 25. Oktober 2011, 07:33 | von Paco

»Leutnant Burda« ist ein absolutes Spitzenwerk der Weltliteratur. Auf knapp hundert Seiten wird hier die Entwicklung einer sehr speziellen fixen Idee geschildert. Die Hauptfigur, der Leutnant Joseph Burda, ist sicher einer der tragischsten Semiotiker, die sich denken lassen. Er missinterpretiert ein paar vermeintliche Zeichen und gelangt so zu der Überzeugung, dass sich die Prinzessin Fanny in ihn verliebt hat und nun beständig seine Nähe sucht. Die junge Dame befindet sich natürlich himmelschreiend weit außerhalb von Burdas Möglichkeiten, sie ist eine der Töchter des Fürsten L., der zum Hofstaat gehört.

Allerdings scheint in den zufälligen Gesten der Prinzessin ab und zu auch aus Sicht des Erzählers »ein Schein der Absichtlichkeit« zu liegen. Dieser Burda-Logik kann man sich anfangs auch nicht entziehen. Das ist ganz große Erzähl- und Spannungskunst, wie man hier während der Lektüre gezwungen wird, Wahrscheinlichkeiten auszuloten und absurde Schlussfolgerungen für vielleicht doch möglich zu halten. In der Summe führen diese Fehldeutungen bei Burda dann aber zu einem sich nur noch selbst bestätigenden Wahn, der ihm durch kein gutes Zureden mehr auszutreiben ist.

Er wird zwischenzeitlich zum Stalker, sodass ein fürstlicher Adjutant den Erzähler bitten muss, Burda zur Räson zu bringen, um Peinlicheres zu verhindern. Er ist dann zwar auch vorsichtiger, vermutet im Hintergrund aber eine Intrige, auf dass die Prinzessin gegen ihren Willen von ihm ferngehalten werde. Der Erzähler, ein Offizierskollege, führt uns mit ein paar Schauplatzwechseln (Brünn, Wien, eine ungenannte Ortschaft in Böhmen, Prag) in neun ungefähr gleichlangen Kapiteln bis zum Showdown auf dem Hradschin (»Il l’a voulu.«). Dabei wird vor allem das Wien der 1850er Jahre (vor dem Bau der Ringstraße) ganz nebenbei noch mal ein bisschen mit abgefeiert.

Länge des Buches: ca. 121.000 Zeichen. – Ausgaben:

Ferdinand von Saar: Leutnant Burda. Novelle. Leipzig: Hesse & Becker (ca.) 1915.

Ferdinand von Saar: Leutnant Burda. Novelle. Wien; Leipzig: Luser 1939.

Ferdinand von Saar: Leutnant Burda. Kritisch hrsg. und gedeutet von Veronika Kribs. Tübingen: Niemeyer 1996. S. 3–49. (= 47 Textseiten)

Ferdinand von Saar: Leutnant Burda. Göttingen: Steidl 1998. S. 3–95. (= 93 Textseiten)

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100-Seiten-Bücher – Teil 17
Adolph Müllner: »Der Kaliber« (1828)

Leipzig, 19. Oktober 2011, 13:52 | von Paco

Spätherbstliche Witterung, Abenddämmerung, die ersten Schnee­flocken. Herr von L. sitzt noch an seinem Arbeitstisch. Da sucht ihn der Reisende Ferdinand Albus auf und berichtet vom Mord an seinem Bruder Heinrich, geschehen soeben im finsteren Scheidewald, der sowieso von Räubern heimgesucht wird und dem Herrn von L. ein Dorn im Auge ist.

Der Beamte ist also fast glücklich über den Mord, denn nun hat er endlich eine Handhabe, nun muss trotz »permanenter Exerzierzeit« endlich das Militär ausrücken und die Räuber einsammeln. Darum geht es im Verlauf der Geschichte aber gar nicht so sehr, sondern um den Fall Albus, der dann noch mehrere überraschende Wendungen nimmt.

Der Hundertseiter ist in 24 Kurzkapitel aufgeteilt, die Lektüre verschnellert sich auf diese Weise noch mal, trotz der behutsamen spätromantischen Diktion mit Sätzen wie diesen:

»Ich legte in meinem Zimmer einige Actenhefte zurecht, die in meiner Abwesenheit gebraucht werden konnten, und meine Schwester kramte in meinen Commodenfächern, um die einzelnen Stücke meiner selten gebrauchten Ballkleidung zusammen zu suchen. Die Tritte des Pferdes vor der Hausthür zogen sie ans Fenster.« (11. Kapitel)

Damit leitet sich genau in der Mitte der Novelle eine erste fundamen­tale Wendung ein. Der Kriminalbeamte Herr von L. ist als Erzähler übrigens ein (allerdings ungenialer) Vorläufer der späteren Meister­detektive von Edgar Allan Poe, Arthur Conan Doyle und Agatha Christie. Damit war Müllner seiner Zeit also ein bisschen voraus.

Länge des Buches: ca. 153.500 Zeichen. – Ausgaben:

Adolph Müllner: Der Kaliber. Aus den Papieren eines Criminalbeamten. Leipzig: Focke 1829. S. 1–216. (= 216 Textseiten) (online)

A. Müllner: Der Kaliber. Aus den Papieren eines Criminalbeamten. Leipzig: Reclam (ca.) 1868. S. 0–84. (= 85 Textseiten) (online)

Adolf Müllner: Der Kaliber. Aus den Papieren eines Kriminalbeamten. Lahr: Schauenburg (ca.) 1908. S. 1–83. (= 83 Textseiten) (online)

Adolph Müllner: Der Kaliber. Aus den Papieren eines Criminalbeamten. Waging am See: Liliom Verlag 2002. S. 3–106. (= 104 Textseiten)

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100-Seiten-Bücher – Teil 16
Georges Rodenbach: »Das tote Brügge« (1892)

Düsseldorf, 1. Oktober 2011, 09:35 | von Luisa

Brügge ist so ziemlich die lebendigste Stadt Belgiens, wenn man Lebendigkeit nach Körperdichte pro Straßenkilometer definiert. Das ganze Jahr über wird es von Touristen berannt, sein Charme gleicht inzwischen dem von Venedig. Melancholie verbreitet höchstens das Wetter.

Das Buch weiß es anders: »Bruges-la-Morte« lautet der Originaltitel, Korngolds darauf basierende Oper heißt »Die tote Stadt«. Ein noch junger Witwer namens Hugues zieht aus Paris nach Brügge, weil dessen menschenleere Plätze die passende Kulisse für seine Trauerarbeit darstellen. Flandrischer Nebel, Dämmerung über den Kanälen, dazu eine Wiedergängerin der Toten, die den schlaffen Hugues zu ruinieren droht: Lautlos und andantissime schleicht die Geschichte ihrem melodramatischen Ende entgegen. Vielleicht weil Rodenbach spürte, wie dünn sie ist, bekräftigte er sie mit Fotografien der Stadt, die immer noch reizvoll sind.

»Brügge sehen … und sterben?« hieß vor ein paar Jahren ein Film, der mit dem Buch nur über ein paar Ecken verwandt ist, aber alles besser macht. Witwer Hugues nervt, während die Gangster Ray und Ken, jeder auf seine Weise, das Herz gewinnen. Spannung, Blutausstoß und Handlungskomplexität erreichen ebenfalls eine solide Höhe. Was zum Schluss im Belfried und auf dem Marktplatz geschieht, ist natürlich ein bisschen ekelhaft. Doch den Weg dahin bebildert die Kamera mit allerschönsten Ansichten der Giebelhäuser und engen Gassen, die eine so morbide Atmosphäre erzeugen wie sie Rodenbach wohl anstrebte: »Erdrosselt sank sie zu Boden.« Das Buch war ein Erfolg.

Länge des Buches: ca. 141.000 Zeichen (frz. 123.000). – Ausgaben:

Georges Rodenbach: Das tote Brügge. [Übertr. von Oppeln-Bronikowski.] Leipzig: Kurt Wolff Verlag 1918.

Georges Rodenbach: Das tote Brügge. Einzig autoris. Übers. aus d. Franz. von Friedrich von Oppeln-Bronikowski. Mit e. Nachw. von Günter Metken. Stuttgart: Reclam 1966.

Georges Rodenbach: Brügge – tote Stadt. Aus dem Franz. von Dirk Hemjeoltmanns. Nachw. von Rainer Moritz. Bremen: Manholt 2003.

Georges Rodenbach: Brügge – die Tote. Übertragen von Reihard Kiefer in Zusammenarbeit mit Ulrich Prill und einem Nachw. von Bernhard Albers. Aachen: Rimbaud 2005.

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100-Seiten-Bücher – Teil 15
Arno Schmidt: »Schwarze Spiegel« (1951)

Solingen, 9. September 2011, 02:57 | von Bonaventura

Auf den ersten Blick ist Arno Schmidts erster Zukunftsroman ein Musterbeispiel für einen Hundertseiter. Doch könnte man Bedenken erheben: Zum einen hat Schmidt von seinem Roman »Das steinerne Herz« behauptet, er sei aufgrund der »Dehydrierung« des Textes eigentlich »ein Roman von 1200 Seiten« (was bei knapp 300 Druck­seiten immerhin einem Faktor größer 4 entspricht), eine Rechnung, die man getrost auch für »Schwarze Spiegel« aufmachen kann. Zum anderen könnte die Zugehörigkeit von »Schwarze Spiegel« zur Trilogie »Nobodaddy’s Kinder« zur Annahme verleiten, dass auch dieses Buch wie die beiden anderen einen dritten Teil haben müsste.

Doch halten wir uns ans Augenscheinliche: Erzählt werden die Erleb­nisse des beinahe letzten Menschen, nachdem der atomare Dritte Weltkrieg Mitte der 50er Jahre die Welt zerstört hat. Fünf Jahre nach der Katastrophe kommt der namenlose Ich-Erzähler nach Cordingen in der Lüneburger Heide und beschließt, dort eine Hütte im Wald zu bauen. Holz liefert ein nahegelegenes Sägewerk, Vorräte ein englisches Armeedepot. Über Bau und Ausstattung der Hütte vergeht der Sommer. Der zweite Teil setzt zwei Jahre später ein, als sich zum Erzähler die letzte Frau gesellt: Lisa. Die beiden verbringen einige Wochen miteinander, doch dann bricht Lisa wieder auf, da sie die Sesshaftigkeit nicht aushält. Ein dritter Teil fehlt, wie gesagt: Lisa kehrt nicht zurück, die Menschheit wird nicht fortgesetzt.

Diese idyllische Dystopie mit Anklängen an »Robinson Crusoe« und Coopers »Lederstrumpf« bietet einen hervorragenden Einstieg in Schmidts erzählerisches Frühwerk.

Länge des Buches: ca. 149.000 Zeichen. – Ausgaben:

Arno Schmidt: Schwarze Spiegel. In: Brand’s Haide. Zwei Erzählungen. Reinbek: Rowohlt 1951. S. 153–259. (= 107 Textseiten)

Arno Schmidt: Schwarze Spiegel. Mit einem Kommentar von Oliver Jahn. Frankfurt/M.: Suhrkamp 2006.

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100-Seiten-Bücher – Teil 14
Julien Green: »Der andere Schlaf« (1931)

Düsseldorf, 8. September 2011, 00:35 | von Luisa

Hallo Hauch, dachte ich, als das letzte Wort gelesen war, weh weiter aus jenem verwilderten Garten, wo ein junger Mann auf der Wiese liegt und schläft, während der andere, jüngere, der davon erzählt, sich über ihn beugt, bis sein Schatten den Schlafenden zudeckt, dann aber aufsteht und davon geht, langsam, durch andere Gärten, in der Gewissheit zukünftiger Leiden, aber auch in der plötzlichen Erkenntnis, dass er tatsächlich eines Tages sterben wird und also die Leiden endlich sind. Eine Liebesgeschichte, ein Coming-out aus alter Zeit (1931), erzählt in langen, sanften Schwindel erzeugenden Sätzen, die das Hirn runterdimmen zu allerschönstem Dämmern, im Bett zu lesen oder auf einem Schiffsdeck mit nichts als dem Meer vor Augen oder, am besten, in einem Liegestuhl im Sommergarten zwischen wuchernden Hecken, wo es nach trockenem Holz riecht und ganz still ist und man auf angenehme Weise nur die Hälfte mitkriegt von dem, was die Seiten füllt (obwohl ja die Personen mit einer Schärfe und Kälte analysiert werden, dass einen immer mal wieder der Frost schüttelt). Träumend von einem Schatten, der dunkelt und kühlt, umsponnen vom elastischen Faden französischer Erzähltradition, spürt man am ganzen Leibe, wenn man sich zwischendurch reckt und ein bisschen gähnt, dass es, bis auf das unschlagbare Eine, kaum etwas Schöneres gibt als die Hingabe an einen kurzen, brillanten, trägen Roman.

Länge des Buches: ca. 161.000 Zeichen (Schmid-Übersetzung). – Ausgaben:

Julien Green: Der andere Schlaf. Roman. Deutsch von Carlo Schmid. Berlin; Frankfurt/M.: Suhrkamp 1958.

Julien Green: Der andere Schlaf. Roman. Aus dem Französischen von Peter Handke. München; Wien: Hanser 1988.

Julien Green: Der andere Schlaf. Roman. Deutsch von Peter Handke. München: Deutscher Taschenbuch-Verlag 2008.

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)


100-Seiten-Bücher – Teil 13
Arthur Schnitzler: »Traumnovelle« (1925)

Solingen, 3. September 2011, 14:16 | von Bonaventura

Diese etwas lang geratene Erzählung von 1925 kam 1999 noch einmal zu unerwarteter Prominenz, als Stanley Kubricks »Eyes Wide Shut« in die Kinos kam. Der Film versetzt die Handlung zwar von Wien nach New York und verlegt sie vom Anfang ans Ende des Jahrhunderts, erweist sich aber sonst als eine behutsame und minutiöse Literatur­verfilmung.

Erzählt werden einige Tage aus dem Leben des 35-jährigen Wiener Arztes Fridolin, der nach dem Geständnis seiner Gattin Albertine, sie habe sich im letzten Urlaub haltlos in einen jungen Mann verliebt, mit diesem aber nicht einmal ein Wort gewechselt, aus der Bahn seiner alltäglichen Routine geworfen wird. Er stürzt sich noch in derselben Nacht in eine sich steigernde Reihe erotischer Abenteuer, die darin gipfelt, dass er sich in eine geheime Orgie einschleicht, dort aber rasch enttarnt und aus dem Haus geworfen wird. Nach Hause zurückgekehrt, verwirrt ihn die Nacherzählung eines Traums seiner Frau noch tiefer. Am nächsten Tag vollzieht Fridolin seinen Weg aus der Nacht zuvor noch einmal nach, ohne die angestrebte Erlösung von seiner inneren Anspannung finden zu können. Erst seine erneute nächtliche Heim­kunft bringt eine Wendung der Krise.

Obwohl die Erzählung beim Erscheinen von der Kritik zumeist freundlich aufgenommen wurde, war sie kein bedeutender Erfolg. Erst im Rück­blick erweist sich diese Erzählung von der Gefährdung der Ehe durch die unterminierende Macht der Sexualität als überraschend klarsichtig.

Länge des Buches: ca. 167.000 Zeichen. – Ausgaben:

Arthur Schnitzler: Traumnovelle. Titelbild von Hans Meid, in Holz geschnitten von Oskar Bangemann. Berlin: S. Fischer Verlag 1926.

Arthur Schnitzler: Traumnovelle. Stuttgart: Reclam 2006.

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)


»Der Louvre in 20 Minuten«

St. Petersburg, 22. August 2011, 14:18 | von Paco

Aus der Redaktion · Gerade eben ist als Nr. 105 der »Schöner Lesen«-Reihe des SuKuLTuR-Verlags dieser Band erschienen:

Der Louvre in 20 Minuten (Cover)
Der Louvre in 20 Minuten

Frank Fischer · Berlin · SuKuLTuR · 2011
20 Seiten · 1,– € · ISBN 978-3-941592-26-1
Veröffentlicht unter der CC by-nc-sa 3.0 DE

Bestellen: Verlag | buchhandel.de

 
»Was in Frank Fischers neuestem Band über den Louvre gesagt wird, hat mich sehr nachdenklich gestimmt.«
— Christian Kracht

Inhalt

Denon-Flügel … Seite 3
Sully-Flügel … Seite 13
Richelieu-Flügel … Seite 15

Als sozusagen Vorwort eignet sich sehr gut der grandiose FAZ-Artikel von Julia Voss über die bevorstehende Leonardo-Ausstellung in der National Gallery in London: »4 Minuten, 17 Sekunden«.

Ach so, »Der Louvre in 20 Minuten« ist wie üblich auch in einigen Süßwarenautomaten in Berlin und auf Sylt zu haben sowie direkt und ohne Bestellung in Buchhandlungen in Leipzig (Lehmanns in der Grimmaischen Straße 10) und Berlin, siehe diese Übersicht.