Archiv des Themenkreises ›Buchbuch‹


David Woodard

Hamburg, 3. März 2012, 09:23 | von Dique

In der Debatte um das schöne neue Buch von Christian Kracht, »Imperium«, fällt nun häufig der Name David Woodard. Vor einem guten Dreivierteljahr ist im Wehrhahn Verlag der erste Band des E-Mail-Wechsels der beiden erschienen, und wegen der kürzlichen Aufregung darum hat nun sogar Michèle Roten angefangen, den Band zu lesen.

Jedenfalls habe ich David Woodard vor Jahren auf einer Geburtstags­feier kennengelernt und erinnere mich immer wieder gern an die Begegnung mit dem angenehm leise auftretenden Künstler.

Am Partyabend, beim Ortswechsel von einem Lokal in eine Karaokebar, erzählte ich den damals noch recht neuen, mittlerweile sehr bekannten und berühmten Hamsterwitz. Auch Woodard gehörte zur Gruppe der Zuhörer.

Der Wolf hat also Geburtstag und lädt alle Tiere des Waldes zu sich ein, es soll die Party des Jahres werden. Nur den Hamster hat er nicht eingeladen. Der Hamster will nun natürlich unbedingt zur Party, schließlich werden alle seine Freunde und alle anderen Tiere des Waldes dort sein.

Er fragt einige seiner Freunde, ob sie ihn irgendwie mit auf das Partygelände schmuggeln würden, sei es unter dem Stummelschwanz des Hasen oder im Fell des Fuchses. Doch alle Tiere lehnen letztlich ab, sie haben natürlich Angst vor dem Wolf, und falls der Trick auffliegt, werden sie womöglich noch an Ort und Stelle von der legendären Party des Wolfs ausgeladen. Schlussendlich erklärt sich jedoch der Bär dazu bereit, den Hamster in seiner Brusttasche zu verstecken und ihn so mit hineinzuschmuggeln.

Der Wolf hat allerdings schon gehört, dass der Hamster unbedingt mit auf die Party will, und so kontrolliert er am Eingang akribisch alle seine Gäste, er sucht unter dem Schwanz des Hasen und im Fell vom Fuchs, und schließlich betrachtet er misstrauisch den großen Bären und fragt ihn, was denn da alles in seiner Brusttasche sei.

Der Bär holt nun allerlei Dinge hervor, seinen Personalausweis, Zigaretten, seinen Schlüsselbund … »Aber ist da nicht noch was?«, fragt der Wolf skeptisch. Aus Verlegenheit schlägt sich der Bär mit voller Wucht seine Tatze gegen die Brusttasche, greift dann dort hinein und zieht etwas Flaches heraus: »Das ist nur ein Foto vom Hamster!«

Der Witz war damals, wie gesagt, noch recht neu, und alle Zuhörer begannen lauthals zu lachen, außer David Woodard, der zwar leicht schmunzelte, aber nachdenklich blieb. Wir redeten dann über etwas anderes und erreichten schließlich unser Ziel, die Karaokebar.

Dort saß ich dann etwas später zufällig neben Woodard und nach einer Weile beugte er sich langsam zu mir herüber, sah mich an und sagte: »I like that with the hamster.«
 


100-Seiten-Bücher – Teil 22
C. F. Lhomond: »De viris illustribus« (1779)

Paris, 1. März 2012, 00:35 | von Niwoabyl

Wir waren heute in der Rue Lhomond verabredet, die unweit des Panthéon die tourismusaffine Rue Mouffetard mit der filmreifen Idylle des Place de l’Estrapade verbindet. Weit spannender als unser Ge­spräch über Pariser Altertümer – die Stadtmauer des Philipp Augustus lag ja mal ganz in der Nähe – wäre jedoch die Frage gewesen, wer denn der Namensgeber der Lhomond-Straße nun gewesen ist.

»Grammairien« steht da auf den Straßenschildern geschrieben. Hinter der bescheidenen Bezeichnung versteckt sich aber einer der vielleicht einflussreichsten Männer der französischen Literaturgeschichte. Bis in die Fünfzigerjahre hinein haben alle sein Buch gelesen: »De viris illustribus urbis Romæ, a Romulo ad Augustum«, ein süffiger neulatei­nischer Hundertseiter, der die Geschichte Roms in Anekdoten möglichst einfach nacherzählt.

Die längst vergriffene kleinformatige Ausgabe der Reihe Classiques Hachette war schon lange zum Kultbuch geworden, als der Text in den Neunzigern endlich neu aufgelegt wurde. Man kann ihn durchaus als kluge Stilübung lesen, in der die Sprache ganz allmählich und parallel zum Lauf der Geschichte, also mimetisch, komplizierter wird. Und wann immer die écrivains et penseurs mal wieder mit ihrem Wissen über die römische Geschichte geprotzt haben, darf man fast sicher sein, dass sie das nicht aus dem Livius oder dem Cornelius Nepos hatten, sondern aus dem kleinen, feinen Lhomond.

Länge des Buches: ca. 202.000 Zeichen (lat.). – Ausgaben:

C. Lhomond: De viris illustribus urbis Romæ, a Romulo ad Augustum. Lyon: Savy 1805. S. 1–224. (= 224 Textseiten) (online)

C. F. L’Homond: Viri illustres urbis Romæ, a Romulo ad Augustum. New York: George Long 1835. S. 1–134. (= 134 Textseiten) (online)

Lhomond: De viris illustribus urbis Romæ a Romulo ad Augustum. Paris: Hachette 1857. S. 1–104. (= 104 Textseiten) (online)

Lhomond: Urbis Romae viri illustres a Romulo ad Augustum. Überarb. und mit einem Wörterbuch versehen von C. Holzer. Stuttgart: Neff 1856. (14. Auflage 1923)

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)


Hadesfahrt im Verkehrsverbund

Berlin, 22. Februar 2012, 16:05 | von Maltus

U-Bahn-Verspätung am Südring, Schneegestöber und der eigentlich herrliche Spaziergang durch den Kadettenweg zum Bundesarchiv wird zur Matschsafari. Da muss man einfach mal an T. S. Eliot denken, den notorischen U-Bahn-Hasser und Lyriker Londoner Straßenschmutzes.

Wenn die Lektüre der Werke Peter Handkes, wie Sibylle Lewitscharoff das gerade so schön ausgedrückt hat, einem das Gefühl verleiht, als würde man »mit Stifter auf ein Autobahndreieck schauen«, dann guckt man bei Eliot mit John Donne in den Orkus des London Underground. Eine New Yorker Zeitung nannte sein geniales Gemisch aus Hadesfahrt und ÖPNV nicht umsonst »Subway Metaphysics«.

Aber das hebe ich mir für den nächsten S-Bahn-Streik in Berlin auf. Stattdessen ein paar andere Zeilen dieses lyrischen Straßenkehrers mit Stehkragen, die mir heute im Matsch durch den Kopf gingen und die nassen Füße fast vergessen ließen:

The winter evening settles down
With smells of steaks in passageways.
Six o’clock.
The burnt-out ends of smoky days.
And now a gusty shower wraps
The grimy scraps
Of withered leaves about your feet
And newspapers from vacant lots;
The showers beat
On broken blinds and chimney-pots,
And at the corner of the street
A lonely cab-horse steams and stamps.
And then the lighting of the lamps.

— T. S. Eliot, Preludes

 


Listen-Archäologie (Teil 10):
Die Reclam-Top-Ten

Leipzig, 16. Februar 2012, 14:01 | von Paco

Die Reclam-Bände wurden ja gerade redesignt, aus diesem Anlass ist der schöne autothematische Band »Die Welt in Gelb« erschienen (auch als PDF). Darin findet sich auf Seite 65 die Top Ten der bestsellerisch­sten Bände der Reclam-Universal-Bibliothek seit 1948, das ist doch auch mal interessant:

1. Schiller, Wilhelm Tell (5,4 Mio. Exemplare)
2. Goethe, Faust I (4,9 Mio.)
3. Keller, Kleider machen Leute (4,4 Mio.)
4. Lessing, Nathan der Weise (4,4 Mio.)
5. Droste-Hülshoff, Judenbuche (3,9 Mio.)
6. Hauptmann, Bahnwärter Thiel (3,7 Mio.)
7. Schiller, Maria Stuart (3,6 Mio.)
8. Storm, Schimmelreiter (3,1 Mio.)
9. Schiller, Kabale und Liebe (3,1 Mio.)
10. Goethe, Götz von Berlichingen (3,0 Mio.)

(Eine Besprechung des Redesigns, der in jedem Wort zuzustimmen ist, hat übrigens Martin Z. Schröder für die SZ geschrieben: »Mögen auch diesem kennerhaft fein durchgearbeiteten Entwurf ein bis zwei Dekaden beschieden sein!«)
 


In Dostojewskis Banja

St. Petersburg, 29. Januar 2012, 16:15 | von Baumanski

Auf Barclay de Tollys Schultern liegt etwas Schnee, als ich am Samstag­mittag an seiner Statue vorbeilaufe. Der dauerbewölkte Himmel und das graue Semifreddo der Kanäle lassen St. Petersburg in diesem lauwarmen Januar etwas düster wirken. Ich treffe mich mit Ivan Borisowitsch in der Stolovaja, und er stochert in seinen Kohlrouladen herum, schwärmt von der Schönheit des sich ausdehnenden Univer­sums und beklagt sich über dies und jenes, bevor er abrupt aufbricht.

Ich bleibe noch etwas sitzen und lese weiter in Wenedikt Jerofejews schönem Säuferroman (oder Poem, wie es der Autor in bester gogol­scher Tradition nennt) »Moskau – Petuschki«. Doch schon nach ein paar Seiten holt mich die nicht weniger hochprozentige Realität ein, als der Alkoholiker am Nebentisch, der gerade in nicht mehr als zehn Minuten eine Flasche armenischen Kognak geleert hat, derbe Schimpf­wörter ins Telefon zu schreien beginnt. Eine Frau schüttelt immer wie­der missbilligend den Kopf, und ich gehe lieber rasch nach draussen.

Ich bin sowieso in der Eremitage verabredet, wohin mich zwei Bekannte, eine Restauratorin und ein äusserst begeisterungsfähiger Kunsthistoriker, zu einer leicht chaotischen Privatführung eingeladen haben. Die beiden diskutieren über Rubens’ unproportionale Pferde und Rembrandts mässig schöne Frau (»Aber er hat sie geliebt«) und viele andere Sachen. Irgendwie kommen wir auf die neue U-Bahn-Station im Zentrum zu sprechen und es steht die Frage im Raum, ob man die scheusslichen Mosaike darin als postmodern bezeichnen könne. Man könne, findet der Kunsthistoriker, denn der russische Postmodernismus sei »бессмысленный и беспощадный«, sinnlos und erbarmungslos.

Am Abend besuche ich mit unserem Freund, dem Opernsänger, die öffentliche Banja, in die angeblich schon der omnipräsente Dostojewski zu gehen pflegte: Dampf, Birkenzweige, kaltes Wasser und vor allem schwitzende Wänste. Straffe und faltige, behaarte und unbehaarte, mehr und weniger aufgedunsene. Eine gute Stunde verbringen wir in der Schwitzanstalt, und danach gibt es Bier.

Gegen Mitternacht sitze ich dann einmal mehr in irgendeiner Gemein­schaftsküche in irgendeinem alten Haus mit irgendwelchen Leuten. Ich kenne zwar nur die Hälfte davon, aber die Diskussion ist lebhaft, es geht schliesslich um kulinarische Fragen. In der Hitze des Gefechts lasse ich mich zu der Behauptung verleiten, dass sich die russische Küche zur französischen verhalte wie die Ikonenmalerei zum Impressionismus, und damit sind natürlich wieder mal nicht alle einverstanden.
 


100-Seiten-Bücher – Teil 21
Heinrich v. Kleist: »Michael Kohlhaas« (1808/10)

Leipzig, 22. Januar 2012, 23:29 | von Paco

Mit 221.000 Zeichen handelt es sich um ein ziemlich langes 100-Seiten-Buch (unsere angenommene Obergrenze für das 100-Seiten-Projekt ist 230.000), und bei Kleist muss man ja sowieso auch noch die Kommas mitlesen, und das dauert eben eine Weile.

Und wofür der berühmte Pferdehändler Michael Kohlhaas eigentlich berühmt ist, seine infernalische Selbstjustiz, das findet auf höchstens 10 Seiten statt. Zunächst wird Kohlhaas ja vom selbstherrlichen Junker Wenzel von Tronka zum Besten gehalten, denn dieser hat sich einen Passagierschein ausgedacht, der gar nicht nötig ist. Kohlhaas will das bei der zuständigen Stelle in Dresden klären und lässt als Pfand zwei seiner Rappen zurück, die bei seiner Rückkehr aber arg runterge­kommen und damit wertlos geworden sind.

Sein Kampf um Gehör bei Gericht schlägt überall fehl, überdies kommt seine Frau dabei um. Er beerdigt sie noch schnell und »übernahm so­dann das Geschäft der Rache«, auf Seite 28 der Reclam-Ausgabe. Er brennt die Tronkenburg nieder und ermordet ein paar Leute, er äschert dreimal Wittenberg ein und bekämpft und besiegt die zu seiner Ergreifung ausgeschickten Truppen. Auf Seite 39 steckt er auch noch Leipzig »an drei Seiten« in Brand, aber das war es dann auch schon. Er unterredet sich mit Martin Luther höchstpersönlich und nach dessen Fürsprache verlagert sich die Handlung nach Dresden und es wird Zeit für gerichtlich-taktiererische, jedenfalls unkämpferische und ungrau­same Verwicklungen.

Am haarsträubendsten ist dann noch die urplötzlich aus dem absoluten Nichts heraus startende Story um die Kapsel, die einen Stichpunkt­zettel dieser wahrsagenden Zigeunerin beherbergt. Dadurch wird alles noch mal um ganze 25 Seiten hinausgezögert, jedenfalls ist am Ende sogar der Sympathieträger froh, glücklich und zufrieden, dass er end­lich hingerichtet wird. Ist aber insgesamt ein schöner Hundertseiter, das sollte jetzt alles nicht so negativ klingen.

Länge des Buches: ca. 221.000 Zeichen. – Ausgaben:

Heinrich von Kleist: Michael Kohlhaas. Aus einer alten Chronik. Hrsg. von Gerd Eversberg. Hollfeld: Bange 1998.

Heinrich von Kleist: Michael Kohlhaas. Aus einer alten Chronik. Anmerkungen von Bernd Hamacher. Nachwort von Paul Michael Lützeler. Stuttgart: Reclam 2003. S. 1–109 (= 109 Textseiten).

Heinrich von Kleist: Michael Kohlhaas. Erzählung. Frankfurt/M.: Fischer-Taschenbuch-Verlag 2008.

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)


100-Seiten-Bücher – Teil 20
Marguerite Duras: »Der Liebhaber« (1984)

Düsseldorf, 19. Januar 2012, 21:40 | von Luisa

In einem Interview mit Bernard Pivot verrät Marguerite Duras, dass der Roman zunächst »La photographie absolue« heißen sollte. Gemeint ist das Foto, das nicht gemacht wurde, dessen fragmentarische, aus Wiederholungen komponierte Beschreibung aber das Gedächtnis des Lesers erobert. Ein Foto von 1929, das die fünfzehnjährige Marguerite auf einer Fähre über den Mekong zeigt. Die Flussüberquerung gehört zu ihrem Schulweg, hier lernt sie den Liebhaber kennen.

»Der Liebhaber« ist ein irreführender Titel. Die Leidenschaft des zwölf Jahre älteren chinesischen Millionärssohns für die Tochter einer fran­zösischen Lehrerin beschert dem Buch die schillernde Oberfläche und den Sensationserfolg. Tabubrüche, Hitze, Hochmut der weißen Rasse, Saigon und seine Geheimnisse – um sich davon betören zu lassen, nehmen die Leser auch die Familiengeschichte in Kauf, die darunter glüht und viel wichtiger ist. Bernard Pivot kann es nicht lassen, nach immer noch mehr Einzelheiten über die Mutter, die Brüder zu fragen. Er bemerkt nicht, wie sehr das die siebzigjährige Autorin schmerzt. Sie weist ihn zurecht, zwei Minuten später beginnt er aufs Neue. Was bedeutete die Überfahrt über den Fluss? Quitter ma mère, sagt sie mit einer Trauer, als sei es gestern geschehen.

Die Mutter empfiehlt die Mathematik, die Tochter entscheidet sich für das Schreiben. Viele Schriftsteller, so behauptet sie, verfassen Werke, ohne wirklich zu schreiben, Sartre zum Beispiel (Pivots Haare sträuben sich). Auch ihr selbst sei es nicht in allen Büchern gelungen. Aber in diesem. Zauberei!, ruft Pivot. Wie haben Sie das gemacht? Dabei steht ja schon auf Seite 15, worauf es ankommt: Das Geschriebene muss einen Ort finden, wo es sich »verbergen« kann und wo seine »funda­mentale Anstößigkeit« respektiert wird. Solche Sätze sind exotisch. Man muss ihr Brennen auskosten, sonst hilft auch der Chinese nicht.

Länge des Buches: ca. 172.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Marguerite Duras: Der Liebhaber. Aus dem Französischen von Ilma Rakusa. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1989. S. 3–194 (= 192 Textseiten).

Marguerite Duras: Der Liebhaber. Aus dem Franz. von Ilma Rakusa. München: Süddt. Zeitung GmbH 2004.

Marguerite Duras: Der Liebhaber. Roman. Aus dem Franz. von Ilma Rakusa. Frankfurt/M.: Suhrkamp 2010.

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)


Siebenhundertdreissig

St. Petersburg, 27. Dezember 2011, 09:50 | von Baumanski

Идти ему было немного; он даже знал,
сколько шагов от ворот его дома:
ровно семьсот тридцать.

Siebenhundertdreissig Schritte sollen es gewesen sein bis zum Haus der Pfandleiherin, und das muss eigentlich mal einer nachzählen. Es ist Donnerstagnachmittag; ich stehe vor dem Haus am Stoljarny Pereulok, wo laut der Literaturwissenschaft Raskolnikov gewohnt hätte, hätte es ihn denn in Wirklichkeit gegeben. Ich habe leichtes Fieber, was ja durchaus zur Aufgabe passt. Leicht erstaunt stelle ich fest, dass am selben Haus auch eine deutschsprachige Gedenktafel an die grosse Überschwemmung vom 7. November 1824 erinnert.

Vor dem Seitenausgang schreite ich los. »Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs …« Das Zählen der Schritte ist überraschend anstrengend, ich muss mich richtig konzentrieren, um mich nicht ablenken zu lassen. Nach etwa hundert Metern verliere ich den Faden, muss umkehren und beschliesse, mir künftig wichtige Landmarken zu notieren. Von Schritt 180 bis 268 gehe ich unter einem Baugerüst, ab Schritt 310 überquere ich auf der Kokuschkin-Brücke den Kanal und bei Schritt 395 biege ich in die Sadovaja-Strasse ein. An der Ecke kommen mir zwei Studenten in dicken Wintermänteln entgegen, die sich gegenseitig aus einem aufgeschlagenen Buch Gedichte vorlesen.

Ein paar Meter weiter finde ich mich plötzlich in einer Menschentraube wieder und bin gezwungen, meinen Schritt zu verlangsamen. Ich muss eine komische Figur abgeben, wie ich mit Block und Stift durch die dämmrigen Strassen schreite und ab und zu für ein paar Schritte umkehre. Bei Schritt 662 hält mich ein alter Mann ohne Schneidezähne auf, der sich über die gestiegenen Brotpreise beklagt. Dann zeigt er lachend auf einen Kastenwagen der Polizei, der wohl zu einer Demonstration unterwegs ist: »Jetzt haben sie auch noch eine Revolution …« Ich stimme ihm zu, 663, und gehe weiter, 664.

»… 726, 727, 728, 729. Siebenhundertdreissig!« Anstatt vor dem Haus der Pfandleiherin stehe ich vor einem vergitterten Fenster irgendwo am Rimski-Korsakov-Prospekt. Erst nach exakt 1180 Schritten befinde ich mich vor dem – leider verschlossenen – Eingang zum »kolossalen Gebäude (…), das mit der einen Seite nach dem Kanal, mit der andern nach der …straße zu lag«.

Mehrere mögliche Schlüsse: Entweder ist Raskolnikov nicht den am Romananfang beschriebenen Weg gegangen. Oder die Literatur­wissenschaft hat sich einfach mal wieder beim Entschlüsseln einer Romantopografie geirrt. Oder Raskolnikov hatte extrem lange Beine. Oder Dostojewski hat die Schritte gar nie gezählt (schliesslich verwechselte er im Verlauf des Buches auch die Marmeladov-Kinder).

Etwas müde und desillusioniert treffe ich kurz darauf Ivan Boriso­witsch. »Seit Raskolnikovs Zeiten hat sich hier nichts geändert«, sagt Ivan mit Blick auf die dreckigen Pfützen am Boden und beschliesst kurzerhand, uns zu seinen Mathematikerfreunden zum Tee einzuladen. In der warmen Stube kommt es schnell zu einer lebhaften Diskussion über Gott und die Welt; einer der Mathematiker behauptet, an den russischen Wirtschaftsfakultäten würde mit den Methoden der mittelalterlichen Scholastik gearbeitet. Und na ja, mit ähnlichen Mitteln hatte ich heute auch versucht, Raskolnikovs Schritte zu zählen, und war kläglich gescheitert.
 


Was Deutsch kann

Berlin, 22. Dezember 2011, 07:30 | von Josik

Auch wenn im »Centaur«, dem Kundenmagazin der Drogeriekette Rossmann, gerne von ›Rossmannstadt Hannover‹ die Rede ist (so wie man ja auch von Lutherstadt Wittenberg spricht), befindet sich die Konzernzentrale gar nicht in Hannover, sondern in Burgwedel. Nicht in Burgwedel allerdings, sondern auf einem Schloss bei Dresden machte, von der literarischen Öffentlichkeit gänzlich unbemerkt, Uwe Tellkamp die Kulturredakteurin der HAZ, Martina Sulner, anlässlich eines Interviews zur Sau.

Erschienen ist es in der Ausgabe 7/2011 des Kundenmagazins der Drogeriekette Rossmann. Dort beanstandet Uwe Tellkamp, dass in der ansonsten durchgehend positiven HAZ-Rezension seiner Schwebebahn auch Folgendes steht: »Tellkamp schreibt in der ersten Hälfte des Buches dermaßen geschraubt und gestelzt, dass es dem Leser auch auf die Nerven gehen kann. Die Sätze sind unendlich lang und verschachtelt, die vielen Sprachbilder oft schief und pathetisch

Die »Centaur«-Redakteure fragen ihn deshalb: »Ist das Geschraubte, Gestelzte, Verschachtelte für Sie eine dichterische Notwendigkeit? Oder wollen Sie Ihre Leser herausfordern und es ihnen möglichst schwer machen?« Sofort greift Uwe Tellkamp »nach der Ausgabe der ›Schwebebahn‹, die auf dem Tisch liegt, und liest« den Redakteuren des Kundenmagazins der Drogeriekette Rossmann zwar nicht die erste Hälfte des Buches, aber doch immerhin »den ersten Satz vor«. Dieser erste Satz lautet:

»Das Dresden meines Temperaturgedächtnisses ist eine Winterstadt voller Fernwärmerohre und Heizungen, von deren Rippen die Farbe abgeplatzt war; oft lag ich, ein Junge von zehn oder elf Jahren, nachts wach und lauschte den Flüsterstimmen der Gespenster, die in der Braunkohle wohnten und durch die Überredungskünste von Riesaer Sicherheitszündhölzern und Flammat-Kohleanzünder (weiß, hartseifig – oder braun und zäh wie ›Plombenzieher‹-Toffeebonbons) aus ihren tertiären Schlafstätten gelockt wurden.«

Nachdem Uwe Tellkamp mit dem Satz fertig ist, beginnt er eine Tirade, wie sie auch Joachim Lottmann nicht furioser hätte gestalten können:

»Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber für mich ist das ein Satz, der vollkommen klar ist. Es gibt Sätze, die komplexer sind, aber wenn Sie sie wirklich mal laut lesen, werden Sie hören, dass die Beziehungen der Nebensätze zueinander vollkommen klar sind, und darüber lasse ich nicht mit mir reden. Da hat die Dame kein Ohr. Das muss sie sich von mir sagen lassen. Da hört sie nichts, ist sie taub, da versteht sie nichts und weiß nicht, was Deutsch kann. Vermutlich ist sie an Hauptsatzprosa geeicht, die journalistisch funktioniert, damit Abonnenten und Werbekunden nicht abspringen.«

Das Kundenmagazin versucht daraufhin, Uwe Tellkamp zu beruhigen, wechselt das Thema und stellt ihm gleich vier Fragen hintereinander: »Was machen Sie, wenn Sie nicht schreiben? Ganz alltägliche Dinge? Kaufen Sie selbst ein? Beispielsweise bei Rossmann?« Uwe Tellkamp antwortet, nun wieder ganz entspannt:

»Ich bin doch ein ganz alltäglicher, normaler Mensch. Um halb Acht bringe ich meinen Sohn in den Kindergarten, dann kaufe ich auf dem Rückweg ein paar Semmeln, und bei Rossmann bin ich auch öfter. Da kaufe ich übrigens ab und zu auch mal eine DVD, denn es ist ganz schwierig für mich, mal in die Stadt reinzukommen.«

 


Haus des Leningrader Handels

St. Petersburg, 20. November 2011, 10:49 | von Baumanski

Es ist noch dunkel, als ich am Montagmorgen kurz vor neun Uhr geweckt werde. Gähnend verfluche ich den russischen Präsidenten, der dieses Jahr die Winterzeit abgeschafft hat. Dafür ist heute das Duschwasser immerhin lauwarm. Ich fahre dann mit dem Dreierbus zum Ligovski-Prospekt und gehe nach drei Stunden Unterricht um die Ecke in unsere Lieblings-Hinterhof-Stolovaja, wo das Essen natürlich ausschliesslich mit Dill und Petersilie gewürzt wird.

Zusammen mit einem Kommilitonen, dem fröhlichen polnischen Dominikanermönch (@Paco: Grüsse!), mache ich mich auf den Weg und verabschiede mich irgendwann in ein Café. Ich nehme mein schon sehr zerfleddertes, noch aus der Sowjetunion stammendes Exemplar von »Verbrechen und Strafe« heraus und warte lesend auf Ivan Borisowitsch. Denn heute scheint zum ersten Mal seit drei Wochen die Sonne und das wollen wir für einen Spaziergang nutzen.

In der Mitte des letzten Gesprächs zwischen Raskolnikov und Svidrigailov kommt Ivan Borisowitsch dazu, offensichtlich etwas mürrisch gelaunt, und beginnt über verschiedene Dinge zu referieren. Wir verlassen das Café, überqueren den Nevski-Prospekt und kommen zum bekannten Warenhaus DLT (Dom Leningradskoj Torgovli), dem »Haus des Leningrader Handels«, dass angeblich nur deshalb nicht »Leningrader Haus des Handels« genannt wurde, damit es nicht die selben Initialen hat wie Lew Davydowitsch Trotzkij.

Wir spazieren weiter, durch den Michailovski-Park zur Inschenerny-Brücke, auf der unser Freund, der Opernsänger, einmal eine alte Haarbürste gefunden und in die Moika geworfen hat. Besagter Opernsänger ruft dann kurz darauf auch an und lädt uns zu einer Lesung ein, wo verschiedene Dichter der Samisdat-Generation Geld für die Operation ihres verunfallten Kollegen Michail Erjomin sammeln.

Etwas später sind wir noch auf einer Party in einer Wohnung am Nevski-Prospekt. Ich höre jemanden Weissrussisch auf mich einreden, dann unterhalte ich mich länger mit einer Keltologin aus Tscheljabinsk über das irische Eisenbahnnetz, und dann geht das Bier aus. Eine Betrunkene versucht mir und Ivan Borisowitsch zu erklären, dass wir »typische abgestumpfte Russengesichter« haben, und da ist es Zeit, das Weite zu suchen.

»Können Sie kochen?«, fragt Ivan Borisowitsch auf dem Heimweg unvermittelt, nachdem er zuvor lang und breit erläutert hat, weshalb ein russischer Intellektueller prinzipiell mit nichts einverstanden sein kann (auch Dostojewski ist laut Ivan Borisowitsch höchstens ein mittelmässiger Schriftsteller). »Ja«, anworte ich, füge aber hinzu, dass ich mangels Küche momentan nur Butterbrote zubereite. »Das Butterbrot ist ein Modell des Universums«, sagt Ivan Borisowitsch ernst.