Archiv des Themenkreises ›Buchbuch‹


100-Seiten-Bücher – Teil 25
Wolfgang Hilbig: »Abriß der Kritik« (1995)

Berlin, 25. Mai 2012, 08:55 | von Josik

Vier während einer Poetikdozentur im Sommersemester 1995 an der Goethe-Universität Frankfurt am Main gehaltene Vorlesungen ergeben abgedruckt einen schönen Hundertseiter. Von Wolfgang Hilbig erfährt man in diesen Vorlesungen, obwohl es ja eigentlich um den Zusammenhang zwischen Literatur und Literaturkritik gehen soll, ungemein viel über seinen glühenden Hass auf Automobile: »Ich halte die Werbung für den Verkauf von Automobilen für Anstiftung zum Mord«, lautet so ein krasser und sicherlich zum Nachdenken anregender Satz.

In der zweiten Poetikvorlesung geht es um eine Talkshow »über den derzeit bekanntesten deutschen Literaturkritiker«. Die Ausstrahlung dieser Talkshow liegt zum Zeitpunkt der Poetikdozentur zwar schon einige Jahre zurück, Hilbig glaubt sich aber daran erinnern zu können, dass sie aus Anlass eines Jubiläums, womöglich eines runden Geburtstags des derzeit bekanntesten deutschen Literaturkritikers, gesendet worden sei. Auch Gisela Elsner habe dort in der Runde gesessen und den derzeit bekanntesten deutschen Literaturkritiker scharf und rücksichtslos attackiert.

Natürlich bestellte ich mir unverzüglich beim Südwestrundfunk einen Mitschnitt dieser Talkshow: Die Archivnummer lautet 340075 (SWR) bzw. 21059 (BAD). Wie sich dann herausstellte, handelte es sich aber gar nicht um eine Jubiläumssendung für den derzeit bekanntesten deutschen Literaturkritiker, sondern bloß um eine Talkshow im Rahmen der 10. Internationalen Funkausstellung. Auch Thomas Hettche hat dort einen Auftritt, er sitzt aber nicht in der Runde der eigentlichen Talkshowgäste, sondern steht etwas abseits an der Bar und sagt einige sehr interessante Sachen.

Länge des Buches: ca. 184.000 Zeichen. – Ausgaben:

Wolfgang Hilbig: Abriß der Kritik. Frankfurter Poetikvorlesungen. Frankfurt/M.: Fischer-Taschenbuch-Verlag 1995. S. 3–110 (= 108 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)


100-Seiten-Bücher – Teil 24
Cesare Pavese: »Am Strand« (1942)

Düsseldorf, 19. Mai 2012, 09:59 | von Luisa

Abends ruft Giulio an. Er baut ein Haus.

– Und du, was tust du?
– Ich lese einen Hundertseiter von Cesare Pavese.
– Und?
– Wollte ich schon vor Jahren in den Container schmeißen.
– Und?
– Die Leute sind Ende zwanzig und haben ein Stubenmädchen.
– Hätt ich auch gern. Von wann ist das Buch?
– 1942.
– Gottogott.
– Lauter Hohlköpfe, Villa am Meer und liegen am Strand und tun gar nichts.
– Ich hab den ultimativen Bäderladen aufgetan.
– Erzählt wird das von einem Studienrat, stell dir vor.
– Es gibt ja so geile Fliesen heute. Sag mal, war da nicht Krieg?
– Nicht im Buch.
– Willst du nicht vorbeikommen und aussuchen helfen?
– Pavese hat sich umgebracht.
– Ach komm.

Länge des Buches: > 115.000 Zeichen (ital. 112.500). – Ausgaben:

Cesare Pavese: Am Strand. Roman. Aus dem Ital. von Arianna Giachi. Frankfurt am Main: Fischer-Taschenbuch-Verlag 1983.

Cesare Pavese: Am Strand. Roman. Aus dem Ital. von Arianna Giachi. München: Ullstein-Taschenbuchverlag 2001.

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100-Seiten-Bücher – Teil 23
Robert Louis Stevenson: »Der seltsame Fall von Dr. Jekyll und Mr. Hyde« (1886)

Genf, 14. Mai 2012, 21:15 | von Baumanski

Robert Louis Stevensons »Strange Case of Dr Jekyll and Mr Hyde« ist geradezu ideal für die gut vierstündige Fahrt von Edinburgh nach London, von der Geburtsstadt des Autors zum Handlungsort. Ich nehme das Buch zwar erst in Newcastle zur Hand, aber das dürfte immer noch locker reichen.

»Jekyll und Hyde« ist natürlich ein Überklassiker, den Inhalt kennen selbst Leute, die ein Buch nicht richtig herum aufschlagen können. Unzählige Male wurde die Geschichte adaptiert, kopiert, verfilmt oder im »Lustigen Taschenbuch« mit Enten neu besetzt. Wenn ich sie für eine Verlagsbroschüre betexten müsste, dann so: »Stevensons Novelle verbindet den wohligen Grusel der klassischen Gothic Fiction mit dem angenehmen Fluss viktorianischer Prosa und der Übersichtlichkeit eines Hundertseiters. Dieser Text hat das Klischeebild von Londons dunklen und nebligen Strassen geprägt wie sonst höchstens noch die Werke von Arthur Conan Doyle.« Und wirklich, der Nebel liegt, rollt, schläft über der Stadt, hebt sich und senkt sich und bildet auch mal eine »foggy cupola«.

Das Ganze wird allenfalls dadurch ein bisschen getrübt, dass man, wie gesagt, die Auflösung schon kennt, bevor der völlig verwirrte Utterson endlich die beiden Briefe öffnen darf. Wie dem auch sei: Eine halbe Stunde vor London ist das Buch durchgelesen und am Bahnhofs­ausgang bin ich schon fast ein bisschen enttäuscht von der klaren und nebelfreien Nacht.

Länge des Buches: ca. 164.000 Zeichen (Thesing-Übersetzung), ca. 138.000 Zeichen (engl.). – Ausgaben:

Robert Louis Stevenson: Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Erzählung. Aus dem Engl. von Marguerite und Curt Thesing. Zürich: Diogenes 1996.

Robert L. Stevenson: Der seltsame Fall von Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Erzählung. Aus dem Engl. übers. von Hermann Wilhelm Draber. Leipzig: Reclam 2001.

Robert Louis Stevenson: Der seltsame Fall von Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Aus dem Engl. von Grete Rambach. Frankfurt am Main; Leipzig: Insel-Verlag 2004.

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)


Die Wahrheit

Berlin, 8. Mai 2012, 22:02 | von Josik

Ungefähr bei Minute 3 Sekunde 3 ihrer aufgezeichneten Nobelpreis­rede sagt Elfriede Jelinek laut und deutlich: »Wie soll der Dichter die Wahrheit kennen«, obwohl im österreichischen Originaltyposkript der Nobelpreisrede hier ganz klar steht: »Wie soll der Dichter die Wirklichkeit kennen« (›reality‹, in den englischen Untertiteln des Videos). Elfriede Jelinek hat sich also in ihrer Nobelpreisrede an dieser Stelle einfach ein bisschen verhaspelt, und warum auch nicht.
 


Lass uns wandern, lass uns schiffen!

München, 20. April 2012, 08:58 | von Guest Star

 

Liebe Umblätterer,

warum nehmt Ihr euch nicht einmal Friederike Kempners, der »schlesischen Nachtigall«, an, deretwegen Alfred Kerr seinen Geburtsnamen Kempner änderte, weil sie »die schlechtesten je auf diesem Planeten bekanntgewordenen Verse« geschrieben habe (Wikipedia)?

    Während dort der Wolkensturm
    Über Meer und Länder fährt,
    Pickt ganz leis der Totenwurm –
    Wer ihn wohl das Picken lehrt?

Viele Grüße aus München
Euer Claudio

 


Neues von Novalis

Jena, 16. April 2012, 08:40 | von Montúfar

Novalis bleibt auch im Jahr 2012 für Überraschungen gut. In seiner vor kurzem erschienenen und demnächst als Standardwerk anerkannten Biografie zum Nachtschwärmer Friedrich von Hardenberg zeigt der in Australien lebende Germanist Gerhard Schulz, was Novalis nicht alles noch zu aktuellen Debatten beitragen kann.

Da wären zum Beispiel die Neurosciences: Bei seiner ständigen Suche nach Analogien kam Hardenberg zum Beispiel aufgrund einfacher äußerlicher Übereinstimmungen zu der Erkenntnis: »D[as] Gehirn gleicht den Hoden.« Das steht tatsächlich so da, in der HKA, Band 3, S. 444, bei Schulz wird es auf S. 113f. erwähnt, es ist ein heutzutage natürlich eher fragwürdiger anthropologischer Gedanke, der vom Biografen auch gleich ordnungsgemäß wegsortiert wird.

Auch zu nicht mehr ganz so frischen politischen Ereignissen kann ein Blick in das Leben von Novalis neue Einsichten bringen. Von Harden­bergs wissenschaftlicher Qualifikationsschrift, die dieser einreichte, um in den sächsischen Staatsdienst übernommen zu werden, weiß Schulz folgendes zu berichten:

»Das Kollegium könne nun seine Ernennung befürworten, wenn er erklärte, die Arbeit ohne fremde Hilfe angefertigt zu haben. So streng waren auch damals schon die Bräuche, über die Jahrhun­derte später noch ehrgeizige, aber unvorsichtige Staatsbeamte stolpern konnten.« (S. 271f.)

Schon vor über 200 Jahren haben kleine Landadlige also neben ihrer Abstammung gern noch ein zweites hochangesehenes Standbein in der Wissenschaft gesucht. Eines hat sich dabei nicht geändert. Die bürokratischen Mühlen mahlen immer noch langsam. Das Überprü­fungsverfahren dauerte bei Hardenberg so lang, dass dieser darüber verstarb. Immerhin gilt Hardenbergs Arbeit bis heute als eigenständige wissenschaftliche Leistung.
 


»Nicht Martin — Robert Walser!« Ein Nachruf auf Jochen Greven

Konstanz, 7. April 2012, 14:45 | von Marcuccio

Was für ein blinder Fleck der Wikipedia: Zur Ehre eines Eintrags kam er erst postum. Am 2. April startete die enzyklopädische Ad-hoc-Inventarisierung von Jochen Greven. Noch vor wenigen Wochen musste, wer für 2012 seinen 80. Geburtstag auf dem Schirm hatte, den Libelle-Verleger Ekkehard Faude nach dem genauen Datum fragen.

Eigentlich wollte ich ihn noch für ein Porträt treffen, den neben bzw. nach Carl Seelig wohl wichtigsten Menschen für die andauernde Wiederentdeckung von Robert Walser: Jochen Greven schrieb nicht nur die erste deutschsprachige Dissertation über Walser; »praktisch im Alleingang« (Reto Sorg) gab er auch das Gesamtwerk heraus. Zunächst in 12 Bänden für den Genfer Kossodo-Verlag, später dann »Sämtliche Werke in Einzelausgaben« für den Suhrkamp-Verlag.

Wie Greven dabei Seelig und die Seinen überwand, überwinden muss­te, das gehört zu den Lehrstücken der Literaturbetriebsgeschichte, die man nachlesen kann, und zwar in dem Buch, das der Libelle-Verlag zu Walsers 125. Geburtstag veröffentlicht hat: »Robert Walser. Ein Außenseiter wird zum Klassiker«. Es ist Grevens eigentliches Vermächtnis, das Begleitschreiben zu seinem editorischen Lebenswerk.

Lauter unerhörte Begegnungen

»Sie haben ja«, so Greven darin in einem fingierten Brief an den Schriftsteller, »noch gelebt, als da in einer westdeutschen Stadt ein unbedarfter junger Mann, nur weil er irgendein Thema für seine Dissertation suchte, sich unvorsichtigerweise mit Ihren Werken zu beschäftigen begann.«

Die westdeutsche Stadt war Köln, und der Doktorvater hieß Wilhelm Emrich. Der Clou: Weder er noch sein Schützling hatten zu dem Zeitpunkt je ein Buch von Robert Walser gelesen.

Tatsächlich fängt »die Robert-Walser-Story« nicht nur mit dieser unerhörten Begebenheit an. Greven, der früh geheiratet und schon als Student eine ganze Familie zu ernähren hatte, war vor und neben seiner Walser-Herausgeberschaft: Handlungsreisender für Schokoladenformen. Sein Schwieger-Großvater besaß eine solche Fabrik und – keine Ahnung, ob damals auch gerade große Hohlkörperzeit, sprich Ostern war. Es begab sich jedenfalls, dass Greven im Frühjahr 1956 als Vertreter zu Maestrani nach St. Gallen fuhr. Von da wäre es den sprichwörtlichen Katzensprung hinauf nach Herisau gewesen. Noch Jahrzehnte später malt Greven sich aus, was passiert wäre und ist dankbar, dass es nicht zum »Alptraum einer persönlichen Begegnung« gekommen ist.

Ziemlich fies auch Grevens erstes Treffen mit Carl Seelig 1957 in Zürich (diesmal am Rande einer Vertreterreise zu Lindt & Sprüngli). Wer die »Wanderungen mit Robert Walser« kennt, könnte meinen, Seelig sei der Altruismus in Person gewesen. Was ja finanziell stimmt; nur wie Seelig sich über Walsers Tod hinaus als dessen Vormund begriff, das hat fast possenhafte Züge. Bei Greven erfährt man auch, wie systematisch Seelig jede Anwandlung einer Besuchsidee abgeblockt hat. Unter anderem bedeutete er Walser-Fans wie Theodor Heuss, Joseph Breitbach und Hermann Hesse, bloß nicht nach Herisau zu fahren. Wenn es nach Seelig gegangen wäre, hätte nach ihm auch niemand mehr über Walser geforscht. Sein Andenken sollte das maßgebliche bleiben. Dann kam Seelig unter die Straßenbahnräder und doch alles anders.

Unerhört, welche Arbeitsbedingungen der von der Carl-Seelig-Stiftung als Walser-Herausgeber eher geduldete als bevollmächtigte Greven zu akzeptieren hatte: Einblick in die Walser-Autografen wurde ihm nur stundenweise gewährt, und bitteschön während der Öffnungszeiten der Anwaltskanzlei von Dr. Elio Fröhlich, dem Walser-Nachlassverwalter (in seiner Funktion als Präsident der Stiftung, die bis heute sämtliche Rechte an Walsers Werken hält) in der Zürcher Bahnhofstrasse. Greven war sogar extra an den Bodensee gezogen, damit er kostengünstig nach Zürich pendeln konnte. Personenfreizügigkeit war noch genauso wenig erfunden wie ein simpler Kopierer. Greven musste Manuskript um Manuskript erbeten. Kein Wunder, dass das Jahre später doch noch ein Ventil brauchte.

Die Walser-»Chitti«

Chitti? Ja, Berndeutsch für gewollten Streit. Zoff, Boom, Bang. Es war, pünktlich zu Walsers 100. Geburtstag, die Literaturbetriebsfehde des Jahres 1978. Action-Feuilleton zwischen Jochen Greven und Elio Fröhlich. Ausgelöst wurde die Walser-Chitti durch ein indiskretes Typokript, in dem Greven sich den geballten Frust von der Seele schrieb, dass man nach Abschluss der Werkausgabe nicht ihn mit der Entzifferung der Mikrogramme betraut hatte, sondern die nächste Generation: »Robert Walsers Sachwalter«, heute im DLA Marbach verwahrt, war ein Rachepapier: »Ich vervielfältigte […] und verschickte es […] an rund fünfzig mir mehr oder weniger gut bekannte Literatur­redakteure, Kritiker, Germanisten, Schriftsteller, Buchhändler […].«

Editionspsychologen (jawohl: Psychologen!) werden in Grevens Erinnerungen indes mancherlei Anschauungsmaterial finden, warum Philologen, die mit literarischen Nachlässen befasst sind, zu so etwas fähig sind. Die unsexy Melange aus entbehrungsreicher Editionsarbeit und seltsamen Schikanen im Sozialgefüge literarischer Nachlassverwalter und selbstherrlicher Stiftungen scheint solche Abrechnungen manchmal geradezu zu provozieren.

Wirklich ungnädig blieb Greven nur in einem Punkt: der Tatsache, dass Walser zwar Suhrkamp-Klassiker war, aber dort nie mehr als ein Paperback-Autor wurde.

Und wo Peter Richter gerade eine Bresche für die Ironie geschlagen hat: Robert Walsers Poetik, »für Erzernsthafte ein wenig komisch« auszusehen, gehört da unbedingt dazu – Greven hat ihm schon 1960 »totale Ironie« bescheinigt und später erläutert:

»Viele Elemente dieses Sprachtheaters sind uns inzwischen längst geläufig, sie gehören zum Alltagsstil unsrer Feuilletons, zum Konversationston der Gebildeten – anders könnten wir gar nicht mehr miteinander kommunizieren, so kommt es uns vor; die Komplexität unserer Bewusstseinswelten braucht diese doppelten und dreifachen Böden des Ausdrucks, und sie braucht nicht zuletzt auch das Moment an humaner Skepsis, das dabei mitschwingt. Danke also, Herr Walser, für Ihr Entdecken, Ausprobieren, Einüben!«

Schönere Komplimente eines Herausgebers kann es nicht geben. Greven selbst wäre nachzurufen, dass ihm durchaus gelungen ist, was er zeitlebens als seine Mission ansah (sinngemäß): Leute dazu zu bringen, bei Walser nicht mehr nur einen zu denken, sondern vielleicht sogar mit Nachdruck zu sagen: »Robert, und nicht Martin!«

Vgl. auch die Nachrufe von Susan Bernofsky und Manfred Bosch.
 


In Sachen Anna Karenina

Genf, 23. März 2012, 01:35 | von Baumanski

Dieter Wirth ist unzufrieden. Unzufrieden mit der »Anna Karenina«-Übersetzung von Rosemarie Tietze und vor allem mit dem einhelligen Lob der Kritik. In seinem Aufsatz in der Zeitschrift »Das Wort« schaut Wirth lobenswerterweise äusserst genau hin und widmet allein Tietzes Übersetzung der Anfangspassage des Tausendseiters ganze zehn Seiten.

Nun kann man ja, wenn man will, jede Übersetzung angreifen. Auch wenn wir es darauf anlegten, die »Melange« aus früheren Über­setzungen zu kritisieren, die Wirth als Alternative zu Tietzes Version der Passage präsentiert, fänden sich problemlos einige Angriffs­punkte, nur mal drei herausgegriffen:

1. Tietzes Anfangssatz ist, wenn er auch rhythmisch weiter entfernt sein mag, syntaktisch näher am russischen Original (»Все счастливые семьи похожи друг на друга, […]«): »Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich« gibt die Adjektiv-Konstruktion besser wieder als »Alle glücklichen Familien gleichen einander« (Melange).

2. Bei »Menschen, die der Zufall in irgendeiner Herberge zusammen­führt« (Melange) könnte man monieren, dass – wie bei Tietze – die Vergangenheitskomponente des Partizips »сошедшиеся« übergangen wird, dass also »zusammengeführt hat« möglicherweise passender wäre.

3. Die Phrase »более связаны между собой« ist bei Tietze genauer übersetzt (»mehr miteinander verbinde«) als in der Melange (»einander näherstanden«).

(Usw.)

Also, falls nach dem zweifellos auch berechtigten Artikel von Wirth jetzt alle denken, sie müssten ihre Übersetzung von Rosemarie Tietze bei eBay loswerden: Nein, müsst ihr nicht.

Und ich gehe jetzt rüber ins Café Livresse und trinke eine Melange, hehe.
 


Willibald Alexis: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht

Berlin, 20. März 2012, 22:14 | von Josik

Vor nunmehr sechs Jahren bin ich, weil das Haus, in dem ich damals wohnte, wie überhaupt die ganze Gegend, voller Mäuse war, aus der Willibald-Alexis-Straße weggezogen, und seitdem dachte ich immer wieder einmal daran, dass ich doch endlich auch ein Buch von Willibald Alexis lesen müsste. Zwar habe ich auch schon mal in der Gebrüder-Witte-Straße gewohnt, damals, als ich versehentlich in Greifswald zu studieren anfing, und habe bis heute nicht herausgefunden, wer eigentlich die Gebrüder Witte waren, aber Willibald Alexis ist ja nun allgemein bekannt, zumindest gewesen, im 19. Jahrhundert, und ein Besuch an seinem Grab in Arnstadt ist auf jeden Fall als erste Station meiner großen Thüringen-Rundreise geplant, die im Sommer stattfinden soll.

Ich hörte einmal jemanden sagen, dass »Ruhe ist die erste Bürger­pflicht« von Willibald Alexis der größte Roman der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sei, deshalb las ich den jetzt einfach. An einer Stelle dort äußert sich Madam Braunbiegler folgendermaßen: »Nee, sage ich doch, wenn pover Volk noch dicketun will und vornehm sind, die können mich gestohlen werden.« Dem schickt der Erzähler diese herrliche Bemerkung über die Madam voraus:

»Wenn der Raum unserer Erzählung, die zu Ende geht, es erlaubte, hätte sie das Recht und die Anwartschaft auf eine bedeutendere Rolle darin, als wir ihr angewiesen, aber der Rahmen schließt sich, und die Rücksicht auf den deutschen Stil und die Grammatik, die wir bis da nach unsern schwachen Kräften beachtet, verbietet uns, ein Bild in den Vordergrund zu stellen, welches für viele Leser unverständlich bliebe ohne eine vorausgeschickte Abhandlung über den markbrandenburgischen Unterschied zwischen mir und mich.«

Ich war hier wie vom Donner gerührt, als ich lesen musste, dass dieser wunderbare Roman schon zu Ende gehen soll, und zählte schnell nach: Glücklicherweise lagen noch 169 Seiten vor mir! Wahrscheinlich ist es psychologisch sehr klug von Willibald Alexis, bei einer etwa 1.270 Seiten dicken Schwarte den Leser nach etwa 1.100 Seiten langsam aufs Ende vorzubereiten, über Hundertseitenschwächlinge hätte er jedenfalls nur lachen können: hehe.

Nachdem ich also fertig war, lief ich in meiner Begeisterung gleich in die Bibliothek, lieh mir noch Sekundärliteratur aus und ackerte sie durch. Am ergiebigsten erschien mir eine narratologische Analyse mit dem Titel: »Willibald Alexis: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht«. In mühevoll­ster Kleinarbeit hat dort jemand tatsächlich z. B. den Dialoganteil jedes einzelnen Kapitels ausgerechnet:

Im ersten Buch betrage der Dialoganteil 74% im 1. Kapitel, 77 im 2., 16 im 3., 39 im 4., 66 im 5., 27 im 6., 79 im 7., 84 im 8., 40 im 9., 77 im 10., 66 im 11., 59 im 12., 58 im 13., 35 im 14., 69 im 15., 81 im 16., eben­falls 81 im 17., 65 im 18., 50 im 19., 65 im 20., im zweiten Buch betrage er 68% im 1. Kapitel, 81 im 2., 55 im 3., 87 im 4., 80 im 5., 87 im 6., 74 im 7., 38 im 8., 86 im 9., ebenfalls 86 im 10., 62 im 11., 78 im 12., 88 im 13., 70 im 14., 87 im 15., 83 im 16. und 70 im 17., im dritten Buch 43% im 1. Kapitel, 47 im 2., 79 im 3., 38 im 4., 58 im 5., 77 im 6., 34 im 7., 71 im 8., 66 im 9., 63 im 10., 85 im 11., 88 im 12., 75 im 13., 61 im 14., geradezu lächerlich magere 22 im 15., 53 im 16., 57 im 17., 91 im 18., 63 im 19., im vierten Buch sodann betrage der Dialoganteil sagenhafte 92% im 1. Kapitel, 66 im 2., 87 im 3., 83 im 4., 43 im 5., 77 im 6., 66 im 7., 53 im 8., 77 im 9., 61 im 10., 62 im 11., 64 im 12., 36 im 13., 24 im 14., 86 im 15., 37 im 16., 73 im 17., 61 im 18., 59 im 19., 73 im 20., und schließlich im fünften Buch 76% im 1. Kapitel, 69 im 2., 38 im 3., 81 im 4., 56 im 5., 54 im 6., 51 im 7., 90 im 8., 76 im 9., abermals sagenhafte 92 im 10., 40 im 11., 59 im 12., 53 im 13., 50 im 14., 68 im 15. und 53 im 16.

Ich dachte, eigentlich müssten diese Angaben mal stichprobenartig überprüft werden. Das Kapitel, das ich mir aussuchte, ist das 8. Kapitel des vierten Buchs, es enthielt offenbar nicht zu viel, nicht zu wenig Dialoganteil, 53%, also genau der richtige Umfang für eine Stichprobe. Wenn man nun alle Wörter in diesem Kapitel zählt, kommt man auf 2.422 Wörter. Davon sind 1.251 Wörter in direkter Rede geschrieben. Nach meinen Berechnungen sind das rund 52% Dialoganteil. Die offizielle Angabe liegt damit ganz eindeutig im Bereich der Fehler­toleranz, und deshalb sei diese vorzügliche Literatur, die sekundäre wie natürlich auch die primäre, hiermit allen Lesern ans Herz gelegt.
 


Arial

Leipzig, 12. März 2012, 21:54 | von Hiller

It’s a really cool typeface if used correctly. It has something
to offer. It’s a bit like – on some days – preferring
your H&M sports jacket over your YSL one.
— Sarah Eaves

Saß am Schreibtisch und versuchte zu erkennen, ob Abfall in Arial
oder normal, irgendeine megascheußliche Times Roman,
besser ausschaut. Kann das nicht ermitteln.
— Rainald Goetz, Abfall für alle, S. 146

Nirgendwo verläuft die Grenze zwischen schwersten Menschheits­verbrechen und sublimen Wohltaten scharfkantiger als in der Typo­grafie. Ich weiß wovon ich rede und schneide mich selbst täglich daran. Vor kurzem habe ich mich auf genau jenem an sich unbewohnbaren Grenzstreifen schwer verliebt. Meine Liebe ist sehr verhasst und wird sowohl von 2005-Berlin-Mitte-Stylern als auch von Urheberrechtsfeti­schisten steckbrieflich gejagt. Sie heißt Arial.

Das ist mehr als erstaunlich. Denn noch vor einigen wenigen Jahren, in meiner – man könnte sie bezeichnen als: – typostalinistischen Phase habe ich mal den schwer zu durchschauenden Machern des Erbauungs­werkes DUMMY die Kulturrevolution an den Hals gewünscht, als sie in einer an sich sehr gewieften Aktion ihr komplettes Heft über die Schweiz in der schlimmen, weil bösen, weil hässlichen und geklauten Allerweltsschrift Arial gesetzt hatten.

Hier muss man vielleicht für die meisten, außer dem mitlesenden Deutschlandradio-Redakteur, ausholen. Es begab sich Ende der 1950er Jahre, dass die allenthalben sehr beliebten Akzidenz-Schrifttypen, mit denen man groß und klein aufmachen konnte, einer Reformierung bedurften, so dachte man jedenfalls in der schweize­rischen Schriftgießerei Haas, und ein Max Miedinger ging los und schuf die berühmte, übergroße, allmächtige, promiske, weil für alles zwischen Vietnam, Irak und Berlin-Mitte zu gebrauchende Neue Haas Grotesk, vulgo Helvetica. Nach 20 gemütlichen Jahren der Weltherrschaft geschah es, dass vor allem die Firma Microsoft nun wahrlich keine Lust auf lästige Lizenzgebühren hatte und flugs zwei kanadische Hippies via die Briefkastenfirma Monotype damit beauftragte, hier und dort ein bisschen rumzubasteln, auf dass eine neue, alte, und vor allem sehr lizenzfreie Schrift erstehe. Geboren ward Arial, der Hellboy unter den Schriften. Anstatt einer großen Steinfaust hatte und hat Arial die hässlichste 1 zwischen hier und Mexiko, und das schlimme große R ist eine Zumutung, und dass man dem großen G sein Standbein geklaut hat damals, sollte mal Gegenstand eines Gebr.-Coen-Films sein, gehört aber nicht hierher. Mittlerweile wird die die Office-Weltmeere lange beherrschende Arial übrigens von einer Armada aus C-Schriften (Cambria, Constantia, cet etera) versenkt, und mit ihr die Mitangeklagte Times New Roman.

Ich bin jedenfalls sehr verliebt jetzt, und dies liegt einzig und allein an, ja, Rainald Goetz. Puh, Rainald Goetz, werden Sie denken, »Abfall für alle«. Genau. An genau dieser Stelle dachte ich auch, ach nein, bitte nicht, ein Versehen? Ein ganzes Buch, von 1999 etwa, gesetzt in dieser Monsterschrift, warum, warum? Ich fühlte mich beim Aufschlagen – neulich, vor einem halben Jahr, als es endlich auch für mich Spätgeborenen an der Zeit war, alles nachzulesen, das ganze Jahr 1998 aus Goetz’scher Sicht – sofort in eine Art typografisches Schlammcatchen zwischen den ebenso an sich unausstehlichen Traktaten der Firma Merve mit ihrem Hardcore-»was nicht passt wird passend gemacht«-Original-Helvetica-aber-egal-Satz und des ansonsten so distinguiert vor sich hin setzenden Suhrkamp-Verlags, der heute mal so drastisch die Arial abfeaturete, erinnert. Aber es kam alles ganz anders, und es ward alles richtig.

»Abfall für alle« ist ja schon zur Genüge gefeiert oder geschmäht worden, und ich wundere mich jeden Tag, warum ich vor dem Einschlafen eigentlich so eine große Freude daran habe, zu lesen, was Rainald Goetz einmal an einem Maitag im Jahre 1998 getan oder vielleicht eben auch nicht getan hat. Aber eine Grunderkenntnis der Lektüre besteht darin, dass hier – außer Goetz selbst – jemand alles richtig gemacht hat, als er herging und das ganze bekloppte 800-Seiten-Werk in der (zuvor nach bestem Ermessen auf dem Bildschirm schauerlichen, auf Papier aber absolut abzulehnenden) Allerweltsschrift Arial Roman setzte (so abzulehnen wie: Nazivergleiche, Wulff-Bashing, The Artist).

Ein Trick für zuhause noch zum Nachkochen: Wählen Sie das richtige Papier (sehr dünn), und wählen Sie die richtige Proportion; die scheue, übernutzte Arial scheint sich in kleinen Punktgrößen erstaunlicherweise wohler zu fühlen. Und versuchen Sie, um jeden Preis, wie die weisen Setzer-subcontractors des Suhrkamp-Verlags (die übrigens im Eifer bis heute leider keine Zeit hatten, andere Tippfehler zu korrigieren), die wahrlich schauerlichen und jedes Kriegsgericht dieser Welt rechtferti­genden Arial-Versionen Bold und Italic zu vermeiden. Zahlen wie 1159, von Goetz damals betörend oft genutzt, und VERSALIEN gehen dagegen – verblüffenderweise, verstörenderweise – immer. Nur eine römische Arial ist eine gute Arial.