Archiv des Themenkreises ›Buchbuch‹


100-Seiten-Bücher – Teil 31
Sun Tsu: »Die Kunst des Krieges« (um 500 BC)

Hamburg, 1. August 2012, 21:23 | von Dique

Das Buch ist für Leseökonomen der beste Shortcut vorbei am tausendseitigen Ziegelstein von Clausewitz, ob zu Recht oder Unrecht, soll hier nicht das Thema sein. Der kurze Klassiker von Sun Tsu ist 2.500 Jahre alt und liegt seit ca. 100 Jahren auf Deutsch vor. Das Buch gilt als zeitlos und zu jeder Lebensphase passend, ungefähr so wie der »Fürst« von Machiavelli.

Ich hörte das erste Mal von dem schönen kleinen Büchlein in Oliver Stones »Wall Street«, in dem er Gordon Gekko daraus zitieren lässt. Es handelt sich dabei natürlich nicht um die beiden Gekko-Klassiker »If you need a friend, get a dog« oder »Lunch is for wimps«. Sondern eher hierum: »I don’t throw darts at a board. I bet on sure things. Read Sun-tzu, The Art of War. Every battle is won before it is ever fought.« Der aufstrebende Bud Fox folgt natürlich dem Rat von Gekko und zitiert später im Film selbst noch Sun Tsu.

Das Buch ist in seiner Kürze schnörkellos, pragmatisch und kompakt. Theoretisch könnte das auf viele Titel dieser Serie über 100-Seiten-Bücher zutreffen. Im Vergleich zur fließenden Lektüre der »Kunst des Krieges« gleicht aber zum Beispiel das Lesen von Handkes »Angst des Tormanns beim Elfmeter« einer endlosen Woche in der Dante-Hölle.

Wie üblich bei urheberrechtsfreien Titeln gibt es jede Menge Ausgaben in schrecklicher Aufmachung oder PDF-Versionen direkt aus dem Internet. Die gängigste deutsche Version hat ein Vorwort von James Clavell, das mit den versöhnlichen Worten endet: »… das wahre Ziel des Krieges ist der Frieden.«

Länge des Buches: ca. 117.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Sunzi: Das Buch vom Kriege. Der Militär-Klassiker der Chinesen. Mit Bildern nach chinesischen Originalen. Verdeutscht von Bruno Navarra. Berlin: Boll u. Pickardt 1910.

Sunzi: Die Kunst des Krieges. Hrsg. u. mit e. Vorw. von James Clavell. Aus d. Amerikan. von Jürgen Langowsky. München: Droemer Knaur 1988.

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)


100-Seiten-Bücher – Teil 30
Wallace D. Wattles: »The Science of Getting Rich« (1910)

Hamburg, 21. Juli 2012, 14:24 | von Dique

Hundert Jahre alt und hundert Seiten lang. Reichwerden mit Ansage. Seit seinem ersten Erscheinen ist dieses Buch natürlich ein Dauer­brenner. Der irgendwie wissenschaftliche Ansatz entpuppt sich dabei gleich als ziemlich esoterische Kante.

Wattles geht davon aus, dass es eine Kraft gibt, die frei verfügbar ist und von jedem Individuum abgerufen werden kann. Mit Hilfe dieser Kraft kann man alles erreichen. Es geht ihm dabei nicht unbedingt um monetären Reichtum, sondern Erfolg im Allgemeinen. Diesen Erfolg muss man wollen, man muss ihn planen und man muss sich diesem opfern. Man muss sich bereits in der Position sehen, in die man strebt, man muss von seinem Ziel ein mentales Bild formen (das Traumhaus mental planen, einrichten und bewohnen), damit sich das angestrebte Ziel einstellen kann und schlussendlich Realität wird, werden muss.

»Every man or woman who does this will certainly get rich; for the science herein applied is an exact science, and failure is impossible.«

Das Buch ist hochgradig repetitiv. Das Buch ist hochgradig repetitiv. Das Buch ist hochgradig repetitiv.

Ich habe es vor Jahren trotzdem ganz zu Ende gelesen, danach gleich noch »Think and Grow Rich« (1937) von Napoleon Hill und »Secrets of the Millionaire Mind« (2005) von T. Harv Eker. Und was soll ich sagen, ich bin sehr, sehr reich geworden.

Länge des Buches: ca. 123.000 Zeichen (engl.), ca. 141.000 Zeichen (dt. Übersetzung von Helmut Linde, 2007). – Ausgaben:

Wallace D. Wattles: The Science of Getting Rich. Rockville: Arc Manor 2007. S. 5–107. (103 Textseiten) (online)

Wallace D. Wattles: Die Wissenschaft des Reichwerdens. Aus dem Engl. von Johanna Ellsworth. Hamburg: Nikol 2009.

Wallace D. Wattles: The science of getting rich. Die Kunst des Reichwerdens. Aus dem Engl. von Katrin Ingrisch. München: Knaur-Taschenbuch 2010.

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100-Seiten-Bücher – Teil 29
Johann Gottfried Herder: »Journal meiner Reise im Jahr 1769« (1846)

Berlin, 18. Juli 2012, 16:40 | von Josik

Laut Arno Schmidt und einigen anderen steht das Original auf »72 enggeschriebenen Quartseiten«. Gedruckt sind das rund hundert Seiten, die als ›Reisejournal‹ allerdings ziemlich irreführend gelabelt sind: Über die Reise selbst, die Herder von Riga nach Paris und von dort wiederum ins sogenannte Weimar des Nordens, nach Eutin, führte, erfährt man hier fast gar nichts, vielmehr hat man bei der Lektüre über weite Strecken den Eindruck, die Notate eines über­eifrigen jungen bayerischen Kultusministeriumsbeamten vor sich zu haben, der auch im Urlaub noch die bestmöglichen Schullehrpläne auszuarbeiten versucht.

Wie sehr sich der sturmunddrängende Mittzwanziger vor lauter Begeisterung über seine Ideen – hier für die zweite Klasse – über­schlägt, sieht man an den inflationär gebrauchten Ausrufezeichen: »Welch Gymnasium! Welche schöne Morgenröte in einer antiken Welt! Welch ein römischer Jüngling wird das werden! Hier also kommt antike Historiographie, Epistolographie, Rhetorik, Grammatik! Man sieht, wie übel, daß man […] überhaupt Grammatik einer antiken Sprache nicht von der modernen unterscheidet! Hier wird alles unterschieden, lebendig gekostet, nachgeeifert! In dieser Klasse muß sich der lateinische Stil bilden!« (S. 55)

Na ja, und so geht’s halt weiter. Immerhin, ursprünglich war das Journal gar nicht zur Veröffentlichung bestimmt. Was Herder an den Franzosen schließlich überhaupt nicht fassen kann, ist folgendes: »Alles spricht hier Französisch, sogar Piloten und Kinder!« (S. 77) Kurz darauf notiert er noch einmal für sich als Gedächtnisstütze: »Ja, aber daß ich nirgends die Frage vergesse: in Frankreich reden auch die Kinder französisch?« (S. 80; vgl. YouTube)

Länge des Buches: ca. 182.000 Zeichen. – Ausgaben:

Johann Gottfried Herder: Journal meiner Reise im Jahr 1769. Berlin: Aufbau-Taschenbuch-Verlag 1999. S. 3–113. (111 Textseiten)

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100-Seiten-Bücher – Teil 28
Joseph Brodsky: »Erinnerungen an Leningrad« (1986)

Berlin, 9. Juli 2012, 08:15 | von Josik

Der Hanser Verlag hat aus Joseph Brodskys 500-seitigem Essayband »Less Than One« (1986) für das deutsche Publikum zunächst einen kompakten Hundertseiter herausgeschält. Dieser Auswahlband »Erinnerungen an Leningrad« erschien 1987 und lässt sich qua Titel auch heute noch gut als Tourismusartikel verkaufen, jedenfalls wird er weiterhin in allen St.-Petersburg-Reiseführern empfohlen. Er besteht aus zwei Essays, dem ziemlich faden »Weniger als man« und dem fulminanten »In eineinhalb Zimmern«.

Seine Übersetzer hat Brodsky auf jeden Fall mit folgendem Satz, in dem es um das Wort ›Jude‹ geht, vor Probleme gestellt: »In printed Russian, ›yevrei‹ appears nearly as seldom as, say, ›mediastinum‹ or ›gennel‹ in American English.« Die Deutschen übersetzen noch recht brav: »Im gedruckten Russisch kommt ›Jewrej‹ fast so selten vor wie etwa ›Mediastinum‹ oder ›Lichthaube« im Deutschen.« (S. 13) Die Russen hingegen lassen richtig die übersetzerische »Freiheits-Sau« raus: »В печатном русском языке слово ›еврей‹ встречалось так же редко, как ›пресуществление‹ или ›агорафобия‹.«

›Transsubstantiation‹ und ›Agoraphobie‹ sollen also im gedruckten Russisch selten vorkommen! Das ist mit Google Books heute leicht widerlegbar, es ist aber noch harmlos gegen die folgende Stelle – den entsetzlichsten Druckfehler, der mir jemals begegnet ist: Auf S. 62 der deutschen Ausgabe ist von der »Frontanka« die Rede.

Gut, dafür kann Brodsky nichts; in seinem zweiten Essay schreibt er allerdings höchstpersönlich: »Ein normaler Mensch erinnert sich nicht daran, was er zum Frühstück gegessen hat.« (S. 108) Das ist nun wirklich völliger Blödsinn, denn jeder normale Mensch erinnert sich in der Regel jeden Tag daran, was er zum Frühstück gegessen hat, aus dem einfachen Grund, weil man normalerweise jeden Tag das Gleiche zum Frühstück isst. Ich zum Beispiel trinke seit mehreren Jahrzehnten jeden Tag zum Frühstück eine heiße Schokolade und esse dazu eine Stulle, und mir ist es sogar gelungen, diese Frühstücksangewohnheit auch auf Reisen beizubehalten, egal wo ich gerade auf Urlaub war, ob in Schottland oder auf der Krim, ob in La Réunion oder wie neulich mit Marcuccio und Paco in Chemnitz.

Länge des Buches: > 115.000 Zeichen. – Ausgaben:

Joseph Brodsky: Erinnerungen an Leningrad. Aus d. Amerikan. von Sylvia List u. Marianne Frisch. Frankfurt/M.: Fischer-Taschenbuch-Verlag 1990. S. 3–119. (= 117 Textseiten)

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Post von Philip Roth

Berlin, 2. Juli 2012, 20:59 | von Josik

Im Jahr 2009 wurde Reich-Ranicki in der Kolumne »Fragen Sie Reich-Ranicki« von Unterschrift unlesbar suggestivgefragt, warum Philip Roth den Nobelpreis bekommen sollte. Im Prinzip die gleiche Frage war Reich-Ranicki aber auch schon 2007 gestellt worden, und als die mehr oder weniger gleiche Frage ihm auch 2008 gestellt wurde, antwortete Reich-Ranicki völlig zu Recht: »Bitte, lassen Sie mich in Ruhe.«

Nun hat Philip Roth den Nobelpreis noch immer nicht erhalten, man sollte aber natürlich gewappnet und informiert sein. Deshalb: Philip-Roth-Hagiografen, aufgepasst! In der Juniausgabe des »Atlantic« ist auf Seite 14 folgender Leserbrief von Philip Roth abgedruckt:

»Joseph O’Neill ist in seinem Artikel über mein Werk ein unglück­licher biografischer Irrtum unterlaufen. Er schreibt, ich hätte einen Nervenzusammenbruch gehabt. Diese Aussage ist nicht zutreffend, und mein Lebensweg gibt rein gar nichts her, was diese Aussage stützen könnte.

Nach einer Knie-OP im März 1987, als ich 54 Jahre alt war, bekam ich das Schlafmittel Halcion verschrieben, ein hypnotisches Sedativ aus der Medikamentengruppe der Bendzkodiazepine, das eine ganze Reihe von Nebenwirkungen lähmender Art hervorrufen kann. Man spricht bisweilen auch von der »Halcion-Durchgeknalltheit«. Zu der Zeit, als mir von meinem Orthopäden dieses Medikament für die Nachbehandlung verschrieben wurde, war es in Holland, Deutschland und anderswo aufgrund seiner extremen Nebenwir­kungen, die bis hin zu Selbstmord gehen konnten, bereits vom Markt genommen worden.

Die Nebenwirkung, wie ich selbst sie verspürte, entsprach exakt jener, wie sie klinisch eindeutig definiert und in der medizinischen Literatur erschöpfend dokumentiert ist, sie begann, als ich das Mittel zu nehmen anfing, und sie endete abrupt, als ich es, mit hilfreicher Unterstützung meines Hausarztes, absetzte.

In einem Aufmacher der New York Times aus dem Januar 1992 wurde unter der Überschrift ›Schlaftablettenhersteller vertuschten Daten über die Nebenwirkungen‹ Halcion als ›gefährlicher denn sonstige Schlafmittel‹ bezeichnet und – genau so habe ich es in den drei Monaten erlebt, in denen ich, mir nichts weiter dabei denkend, dieses Mittel einnahm – als ›eher dazu angetan, Symptome wie Amnesie, Paranoia, Depression und Halluzinationen zu verursachen‹.

Philip Roth
New York, N. Y.«

Revenge is sweet, dachten sich da aber die »Atlantic«-Macher. Wenn man nämlich den Leserbrief gelesen hat und dann genau zweimal umblättert, springt einen im Fettdruck das folgende Barack-Obama-Zitat aus einem »Rolling Stone«-Interview an:

»The New Yorker and The Atlantic still do terrific work.«

 


100-Seiten-Bücher – Teil 27
Lion Feuchtwanger: »Moskau 1937« (1937)

Berlin, 29. Juni 2012, 08:06 | von Josik

Als Lion Feuchtwanger diesen Text im Jahr 1937 veröffentlichte, löste er damit einen der größten Skandale in der Geschichte der Weltlitera­tur aus. Er berichtet davon, wie er auf seiner Reise in die Sowjetunion sich mehrere Stunden mit Stalin persönlich unterhalten hat. Stalin selbst scheint von seinem Gesprächspartner allerdings ziemlich ge­langweilt gewesen zu sein, wie Feuchtwanger offen zugibt: »Stalin […] malt, während er seine bedachten Sätze formt, mit blau und rotem Bleistift Arabesken und Figuren auf ein Blatt Papier.« (S. 82)

Manchmal verwickelt Feuchtwanger sich in Widersprüche, einmal sagt er: »Stalin also redet laut und deutlich« (S. 60), dann sagt er wieder: »Stalin […] spricht mit leiser […] Stimme«. (S. 82). Da soll man sich auskennen! Interessant aber, wie sehr Feuchtwanger zufolge die Sowjetmenschen sich gegenüber ausländischen Ministern als Spaß­bremsen gaben: »Der akkreditierte Minister eines ausländischen Staates erzählte mir, und es war nur halb im Scherz, wie er an Feier­tagen sehnsüchtig vor den Swimming-pools der Arbeiter stehe; er habe nirgends Zutritt.« (S. 15)

Im Westen hingegen sieht es nicht nur an Feiertagen düster aus: »Die meisten Briefe«, berichtet Feuchtwanger, »die junge Menschen außer­halb der Sowjet-Union an mich schreiben, sind SOS-Rufe. Zahllose junge Menschen im Westen […] haben nicht nur keine Aussicht, die Arbeit zu bekommen, die ihnen Freude macht, sondern überhaupt keine Aussicht auf Arbeit.« (S. 19f.) Es ist zwar nicht bekannt, ob Feuchtwanger diesen SOS-Rufern dann den Rat erteilt hat, in die Sowjetunion rüberzumachen, aber offensichtlich gab es eben schon damals Schriftsteller, die nachgrübelten, wie man junge Menschen wieder in Arbeit bringt und welche Maßnahmen für einen Standort überlebensnotwendig sind. Unter den Literaten machen sowas heutzutage ja nur noch Günter Grass und sein Biograf Michael Jürgs.

Länge des Buches: > 115.000 Zeichen. – Ausgaben:

Lion Feuchtwanger: Moskau 1937. Ein Reisebericht für meine Freunde. Amsterdam: Querido Verlag 1937.

Lion Feuchtwanger: Moskau 1937. Ein Reisebericht für meine Freunde. Berlin: Aufbau-Taschenbuch-Verlag, 2. Auflage, 1993. S. 3–111. (= 109 Textseiten)

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100-Seiten-Bücher – Teil 26
Peter Handke: »Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien« (1996)

Berlin, 27. Juni 2012, 13:43 | von Josik

Als Peter Handke diesen Text im Januar 1996 in der S-Zeitung veröffentlichte, löste er damit einen der größten Skandale in der Geschichte der Weltliteratur aus. Noch fast zehn Jahre später hat Elfriede Jelinek vermutet, dass Handke den Nobelpreis wohl nur deshalb nicht kriegt, weil er immer »wieder irgendwelche Blödheiten über Serbien äussert«.

Andere hingegen loben Handke für seinen unbestechlichen Blick aufs Detail, aufs Unscheinbare, dem sich dann umso tiefere Erkenntnisse verdanken würden, und tatsächlich: Man staunt nicht schlecht, wenn Handke während seiner Winterreise einen Supermarkt neben »dem einheimischen Delo, der Tageszeitung aus Ljubljana, das deutsche Bild« (S. 110) vorrätig haben lässt, im Neutrum!: das deutsche Bild, obwohl doch ausnahmslos jeder andere Mensch sonst sagt: die Bild. Handke aber besteht da erfreulicherweise auf dem korrekten Genus, und man kann sicher sein, dass er grammatikalisch präzise auch ›der König der Biere‹ sagen würde.

Andererseits, so weit kann’s mit dem Blick aufs Detail bei Handke dann auch wieder nicht her sein, der Hitler-Attentäter Georg Elser wird von Handke furchtbarerweise und auch in der 3. Auflage des Buches noch unkorrigiert »Georg Elsner« (S. 38) genannt, und in einem Satz, der so beginnt: »Was war das etwa für ein Journalismus, wie etwa« (S. 123), hätte Handke ruhig ein ›etwa‹ weglassen können.

Auf Seite 42 übrigens stößt Handke in einer Zeitung auf ein »Folge­photo«, das erinnerte mich daran, dass ich neulich in irgendeinem Museumsbericht das Wort »Folgesaal« gelesen und mich gleich maßlos über diesen vermeintlichen Quatsch-Neologismus aufgeregt habe, aber wenn selbst der von Jelinek als »lebender Klassiker« titulierte Handke das Wort »Folgephoto« benutzt, dann ist natürlich auch das Wort »Folgesaal« völlig o.k.

Länge des Buches: ca. 130.000 Zeichen. – Ausgaben:

Peter Handke: Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien. 3. Aufl. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1996. S. 3–135 (= 133 Textseiten)

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Old Shatterhand in Oberschlesien

Leipzig, 25. Juni 2012, 08:09 | von Marcuccio

O.S. (für Oberschlesien) muss mal eine gängige deutsche Abkürzung gewesen sein, so geläufig wie heute NRW. »O.S.« als Roman von Arnolt Bronnen kennen wohl die wenigsten, und da hat man natürlich im Prinzip auch nichts verpasst.

Das Buch spielt vor dem Hintergrund der deutsch-polnischen Unruhen in Oberschlesien 1921 und erschien 1929, und dass der Ernst Jünger der Zwischenkriegszeit es lobte und mochte, ist jetzt auch nicht unbedingt ein Argument, hehe.

Nun ja, ein im Handgepäck nach Polen eingeschleuster FAZ-Artikel brachte mich dazu, Bronnen doch mal zu lesen. Hubert Spiegel hatte auf der »Geisteswissenschaften« vom 18. April die »Oeuvres et correspondances. Dialogues d’Ernst Jünger« besprochen. Es ging um den Briefwechsel zwischen Ernst Jünger und Ernst von Salomon.

Salomon hat übrigens einen ähnlich gelagerten Roman geschrieben, »Die Geächteten«, der ein paar Monate nach Bronnens Buch erschien und auch ein Kapitel namens »O.S.« enthält. Salomon hat dann später in seinem Bestseller »Der Fragebogen« (1951) gemeint, dass dieser Roman sein schlechtestes Buch aller Zeiten gewesen sei, aber eben leider auch sein bis dahin mit Abstand erfolgreichstes.

Aber zurück zum FAZ-Artikel, in dem es auch darum ging, dass sich Jünger gleich mehrfach zu »O.S.« geäußert habe.

Was Jünger an »O.S.« gefällt …

… ist »die Traditionslosigkeit, der völlige Mangel an ethischen Wertungen, die absolute Respektlosigkeit«:

»Denn der Gang der Dinge ist folgender. Zunächst hat man das Kriegserlebnis ignoriert. Als es sich dann stärker und unabweis­barer ins Bewußtsein schob, versuchte man es einzufangen und das Elementare an ihm zu lähmen, indem man es mit zivilisatorischen Mitteln behandelte.«

Doch Krieg, so Jünger, könne man nun mal »auf die Dauer nicht mit jenen Mitteln behandeln, die seinem Wesen entgegengesetzt sind«. Und deswegen sei »O.S.« als Roman, der vom Untergrundkampf im völkerrechtlich neutralisierten Oberschlesien handelt, ein Werk, »das auch dem, der es noch nicht wußte, deutlich macht, daß im Zivilisatorischen das Barbarische als eine notwendige Konsequenz enthalten ist«. (Ernst Jünger: Wandlung im Kriegsbuch. A. Bronnens Roman ›O.S.‹. In: Der Tag, 23. Mai 1929.)

Ein ziemlich tendenziöser Zeitroman …

… ist »O.S.« natürlich trotzdem. Proletarisch, polenfeindlich, deutschnational-chauvinistisch. Grundgedanke des Buchs ist, dass die lasche Politik in Berlin, die den Versailler Vertrag ernst nimmt, nichts bringt und man selbst für die Sache kämpfen muss – notfalls auch »gegen die Republik, gegen Demokratie und Parlamentarismus, gegen Pazifismus und Liberalismus, gegen ›Politik‹ ganz allgemein«. (Ursula Münch: Weg und Werk Arnolt Bronnens. Wandlungen seines Denkens. Bern etc.: Peter Lang 1985, S. 131f.) Für Carl von Ossietzky war »O.S.« denn auch: »ein Attentat auf den Völkerfrieden«.

Andere Zeitgenossen finden, dass Bronnen eher exemplarisch mit Oberschlesien dealt. Mit dem realen Oberschlesien, so die Lesart von Karl Heinz Ruppel, habe Bronnen eigentlich wenig am Hut: »Ihn lockten der Krach, die Zerstörung, die Ansätze zur Anarchie, die in den oberschlesischen Notjahren auftauchten.« (zit. nach Ursula Münch, S. 139) Das wäre dann wieder Jüngers Idee vom Elementaren. Oder eben, mit Kurt Tucholsky, doch nur »Blut, Vagina und Nationalflagge«.

Der Plot von »O.S.« …

… ist tatsächlich ziemlich abstrus, teilweise auch schlicht willkürlich und deswegen kaum nachzuerzählen. Ungefähr passiert folgendes:

Ein Berliner BEWAG-Monteur, gerade an einer Straßenlaterne beschäftigt, wird von einem Taxi angefahren. Weil er deswegen seinen Zug nach Oberschlesien verpasst, rastet der Taxipassagier aus. Haut dem Taxifahrer eins über und lässt sich kurzerhand vom Monteur mit dem geklauten Taxi nach Oberschlesien chauffieren.

Und so beginnt eine Roadnovel: Rein ins Ruhrgebiet des Ostens, das zu der Zeit offiziell unter alliierter Kontrolle steht, aber inoffiziell von allen möglichen Gruppen terrorisiert wird: Es gibt aufständische polnische Arbeitnehmer, deutsche Kommunisten und nationalrevolutionäre Zirkel, die schon vor der Volksabstimmung Fakten schaffen wollen und sich mit rivalisierenden polnischen Freischärlern paramilitärische Scharmützel liefern. Daneben großbürgerliche (deutsche) Arbeitgeber, die das Industrierevier und seine Bodenschätze auf jeden Fall ›halten‹ wollen. Waffenschmuggler, ein französischer General und eine Einheimische, die man vielleicht »fickrig« nennen würde, sind mit von der Partie. Das Mädel wird prompt schwanger, die Abtreibung (vorgenommen von einem Medizinstudent) geht krass schief. Und es kommen noch mehr Leute ziemlich splattermoviehaft zu Tode. Kurzum:

Das Blutige, das Trashig-Gewaltorgiastische, …

… überhaupt die ganzen Anarcho-Elemente und der Genreverschnitt – das hätte ein Tarantino-Drehbuch auch nicht besser hingekriegt. Im Übrigen taugt Bronnen als Zeitansage: Massenhaft beginnen Szenen so, dass es irgendwo gerade »punkt elf«, »zwölf Minuten nach« oder »eine Minute vor viertel Zwölf« (hä?) ist. Also sehr livestreamig, aber eben, das muss auch Jünger zugeben: schon »mehr gestanzt als gefeilt«.

»›O.S.‹ ist ein mehrschichtiges Gangster-Stück Bronnens«, schreibt Friedbert Aspetsberger in seiner Bronnen-XXL-Monografie. Wer sich literaturwissenschaftlich einlesen will: Das Ganze gipfelt in der Pointe, dass Bronnen ein Westernheld ist und O.S. eigentlich für Old Shatterhand steht …

P.S. für alle Leipziger

Völlig unwichtiger Aha-Effekt bei der »O.S.«-Lektüre, der mir aber trotzdem nicht mehr aus dem Kopf geht: Europas größter Kopfbahnhof hatte schon in den Zwanzigern nur ein Gleis für den Fernverkehr, näm­lich das einschlägige. Es geht auch damals schon »zum 10. Bahnsteig, wo hinter weißen Wolken frischen Dampfes die schwarzen, feuchten Wagen des München-Breslauer D Zuges lagen«.
 


Oh, Rasky!!!!!!!!

Genf, 11. Juni 2012, 12:24 | von Baumanski

Nach dem Pausenpfiff bei Kroatien–Irland öffnen wir das zweite serbi­sche Bier und kommen mal wieder auf die Seite www.goodreads.com zu sprechen. Mein äusserst belesener Kommilitone trägt hier regel­mässig die von ihm durchgelesenen Bücher ein und setzt alle, die er jemals lesen möchte, auf seine To-Read-List, wodurch nun jeder an seiner Vorliebe für die englische Literatur des 18. Jahrhunderts teilhaben kann.

Ich schaue mir die Seite also mal wieder etwas genauer an und bin selbstverständlich erfreut über ihren konsequenten Demokratismus, denn Klassiker wie Goethes »Werther« (Rating: 3.57 Sterne) oder Joyces »Dubliners« (3.86) müssen sich hier noch einmal neu gegen Bestseller wie »Harry Potter 7« (4.52) beweisen.

Das Lesen der Kommentare ist, wie auf solchen Portalen üblich, ein leicht masochistisches Vergnügen, aber neben einer Masse an Unbedarftem finden sich auch einige Denkwürdigkeiten wie zum Beispiel der Review einer amerikanischen Userin, die Dostojewskis grossen 600-Seiter (4.09 Sterne) wie folgt zusammenfasst (ob die Dostojewski-interne intertextuelle Anspielung wohl gewollt ist?):

»Oh, Rasky!!!!!!!! You idiot.«
 


Fußnoten

Berlin, 31. Mai 2012, 07:25 | von Josik

Nicht nur Lena Meyer-Landrut hat einen berühmten Diplomatengroß­vater, nämlich Andreas Meyer-Landrut – nein, auch Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg hatte einen berühmten Diplomatengroßvater, nämlich Karl Theodor Freiherr zu Guttenberg. Dass dieser im Jahr 1971 im Stuttgart-Degerlocher Verlag Dr. Heinrich Seewald ein Werk mit dem Titel »Fußnoten« veröffentlichte (10. Auflage 1974), war ja in den Feuilletons gelegentlich erwähnt worden, und mit eineinvierteljähriger Verspätung kam ich nun endlich dazu, es zu lesen.

Das Werk ist in drei Teile gegliedert: Der erste und mit Abstand längste Teil enthält tagebuchähnliche Aufzeichnungen, beginnend im »Sommer 1934« und endend im »Frühjahr 1971«. Diese Aufzeichnungen sind mit Dutzenden, wenn nicht sogar Hunderten von Aphorismen garniert, die allesamt in dem typisch mitreißenden, an Joachim Gauck gemahnen­den Sound das Thema Freiheit behandeln.

Der zweite Teil enthält Auszüge aus zwei Briefwechseln Guttenbergs, mit Ernst-Wolfgang Böckenförde und mit Alexander Mitscherlich. Guttenberg fragt Mitscherlich, warum der ihn als »Todfeind« bezeichnet habe, nämlich in einem Gespräch mit Guttenbergs Schwager. Mitscherlich antwortet dann, das sei doch schon über ein Jahr her, und außerdem habe er, wie er sich zu erinnern glaube, ihn nicht als »Todfeind«, sondern nur als »Erzfeind« bezeichnet.

Insgesamt liest sich dieses harmlose Buch mit seinen entzückenden Episoden sehr gut weg, deshalb fand ich es umso frappierender, wie gehässig Guttenberg von seinem Verlag behandelt wurde, und zwar gleich dreifach: Friedrich Torberg, berühmt geworden mit seiner Tante Jolesch, hat dem Buch ein Geleitwort gewidmet und darf dort über Guttenbergs Tagebuchaufzeichnungen allen Ernstes schreiben: »Es gibt Schilderungen von Natur- und Kunsterlebnissen, deren Reiz gerade darin besteht, daß sie keinen ›fachmännischen‹ Ehrgeiz haben.« (S. 11) – In der Bauchbinde setzten die Verlagsmenschen bei dem folgenden Satz ausgerechnet das Wort ›erlebt‹ in höhnische Anführungszeichen: »Wir lernen den Dreizehnjährigen kennen, der erstmals den Nationalsozialismus ›erlebt‹, als die Gestapo seinen Vater nachts aus dem Bett holt.« – Und auf der letzten Seite, mitten in der Anzeige für ein weiteres Guttenberg-Buch, wird der Reklamezweck völlig sabotiert, denn Golo Mann wird dort mit diesen Worten über Guttenberg zitiert: »Seine Demagogie hält sich in Grenzen.«

Unzweifelhaft fachmännischen Ehrgeiz scheint Guttenberg in der Beschreibung bestimmter anatomischer Merkmale entwickelt zu haben. Im »Winter 1952/53« notiert er folgende lustige Szene:

»Seit geraumer Zeit warte ich auf einem kalten, zugigen Gang vor der Röntgenabteilung. Endlich öffnet sich die Tür. Jemand mit weißem Mantel und dunkler Brille steuert mich an: ›Sind Sie die Gallenblase?‹ ›Nein‹, sage ich, ›ich bin der Dünndarm Guttenberg.‹« (S. 44)

Aus politliterarischer Sicht sehr aufschlussreich ist auch die folgende anatomische Bemerkung aus dem »Frühjahr 1971«:

»[S]chon bei der Lektüre der vom Schriftsteller Grass verfaßten ›Blechtrommel‹ hatte ich auf langen Seiten den penetranten Geruch eines Bahnhofpissoirs in der Nase. Jemand, dem ich diesen Eindruck mitteilte, äußerte die Vermutung, daß dies auch mit der Eigenart meiner Nase zusammenhängen könne. Ich habe ihm nicht widersprochen. Über Nasen kann man nicht diskutieren.« (S. 181)

Die Zähne beißt Guttenberg sich nur am Namen Chruschtschow (13 Buchstaben) aus, allem Anschein nach weiß er nicht, wie man den korrekt ausspricht: Mal schreibt er »Chruschtchow« (12 Buchstaben; S. 67), mal schreibt er »Chruschtschtow« (14 Buchstaben; S. 71).

Wen Guttenberg gar nicht ausstehen kann, ist Walter Scheel. Seine Antipathie verpackt er aber in diese äußerst hintersinnige Formulie­rung, die von einer sehr guten literarischen Bildung zeugt: »Nicht auszudenken, was Karl Kraus über Walter Scheel geschrieben hätte.« (S. 169)

Der dritte Teil der »Fußnoten« enthält dann noch die Tischreden, die Guttenberg anlässlich der Hochzeiten seiner Kinder Hasi (S. 208), Michaela und Enoch hielt; Hasis Bräutigam Franz Ludwig Schenk Graf von Stauffenberg wird von Guttenberg während der Tischrede mit Luffel angesprochen (S. 208). Praxedis (S. 59–61) heiratete erst später.