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Der Malerdarsteller

Barcelona, 20. November 2013, 18:43 | von Dique

Lange hat man nichts von ihm gehört und jetzt hatte er einen Auftritt bei Jay Leno: George W. Bush, Nr. 43 der ewigen Bestenliste, hehe. Nach eigener Aussage ist er jetzt Maler geworden. Dazu inspiriert habe ihn ein Buch von W. Churchill, »Painting as a Pastime«.

W. Churchill war ja ein sehr berühmter Hobbymaler, ebenso wie der berühmte und deutsch-österreichische Postkartenmaler A. Hitler. Und schon im Februar hatten amerikanische Quatschmedien festgestellt, »dass Bush gar nicht so ungeschickt male für einen Amateur – besser jedenfalls als Adolf Hitler und Winston Churchill«.

Der entsprechende Dialog bei Leno geht nun so:

Leno: Now, I know you’ve taken up some hobbies, you’re painting now, you showed me some of your paintings. I was very impressed.
Bush: I am a painter.
Leno: Yeah, yeah … oh, you are a painter now!?
Bush: I mean, you may not think I’m a painter. I think I’m a painter.
Leno: Is that second on your credits, President of the United States, painter, on your resume?
Bush: It depends whether you like the painting or not.

Natürlich bin ich sofort neugierig, was wird er malen und in welchem Stil? Glücklicherweise werden gleich ein paar Beispiele eingeblendet. Sein Hund Barney ist als erstes zu sehen und dazu gibt es gleich noch die herrliche Anekdote, wie der kleine Terrier mit eigenem Wikipedia-Eintrag damals von W. Putin gedisst wurde, als dieser auf Besuch bei Bushs war.

Das nächste Motiv ist Bushs neuer Kater Bob (noch ohne Wikipedia-Eintrag) und als große Überraschung gibt es dann als Gastgeschenk noch ein Jay-Leno-Portrait. Von weitem erinnern die Bilder ziemlich an die Malerei, die normalerweise entlang von Einkaufsstraßen und auf Pariser Brücken angeboten oder verfertigt wird (grobe Pinselstriche, dicker Farbauftrag, etwas unnatürlich wirkende Farben), aber das kann täuschen.

Bei einem seiner vierjährlichen Fernsehauftritte bei Denis Scheck gestand Christian Kracht einmal, dass er eigentlich Maler habe werden wollen und nicht Schriftsteller. Sogar ein entsprechendes Studium sei er angegangen. Irgendwann habe er dann aber feststellen müssen, dass er gar kein Maler sei, sondern nur ein Malerdarsteller, also jemand, der sich kleidet wie ein Maler und sich benimmt wie ein Maler, der sich sogar Farbflecken auf seinen Overall kleckst, um die Darstellung zu perfektionieren.

Zum eigenen Leidwesen habe Christian Kracht seinen Plan irgendwann aber aufgegeben und hat uns nun als Schriftstellerdarsteller ein paar sehr schöne Romane geschenkt und jetzt sogar noch einen grandiosen Film in Gemeinschaftsproduktion mit seiner Frau.

Seiner historischen Leistung nach zu urteilen, ist auch George W. Bush also ein Malerdarsteller, und zwar ein sehr guter!
 


100-Seiten-Bücher – Teil 81
John Kenneth Galbraith: »Eine kurze Geschichte der Spekulation« (1990)

Barcelona, 9. Oktober 2013, 10:58 | von Dique

John Kenneth Galbraith ist ein Vielschreiber der ökonomischen Literatur, eine Art Johannes Mario Simmel seines Genres. »The Great Crash, 1929«, der ganz nüchterne Account der größten Krise aller Zeiten, ist natürlich sein größter Hit. Der große Crash spielt auch in (Originaltitel:) »A Short History of Financial Euphoria« eine Rolle, aber diese kurze Geschichte ist nicht der kleine Bruder des großen Klassikers desselben Autors, sondern so was wie der kleine Stiefenkel von »Extraordinary Popular Delusions and the Madness of Crowds« von Charles Mackay.

Charles Mackay veröffentlichte seinen Ziegelstein bereits 1841 und reißt neben der Tulipomanie und der South Sea Bubble auch gleich mal die Geschichte der Alchemie und Scharlatanerie mit ab. Ein irres Buch, ein schönes Buch, aber eben ein Ziegelstein. Galbraith tanzt mindestens genauso elegant durch die Geschichte der Spekulation, aber leichter und flockiger und mit viel weniger Schnörkel und Detail. Ab und an klaut er sich auch mal eine Anekdote von Mackay. Zum Beispiel die mittlerweile berühmte mit dem Seemann, der nach Holland kommt und einen reichen Händler in seinem Warenhaus aufsucht, um ihm das Eintreffen seiner Waren zu melden.

Der Händler ist natürlich, wie quasi jeder im Holland des Tulpenwahns, ein Tulpenspekulant. Zwischen Samt und Seide im Warenhaus sieht der Seemann, der gern Zwiebel isst, auch etwas liegen, das er für eine solche hält, und lässt sie in seiner Tasche verschwinden. Kaum hat er das Lagerhaus verlassen, bemerkt der Händler das Fehlen der Zwiebel. Es handelt sich um eine Semper Augustus, die teuerste Tulpenart. Rasend vor Wut durchforstet er das ganze Lager und kann die Semper Augustus nicht finden.

Da erinnert er sich an den Besuch des Seemanns. Zusammen mit seinen Angestellten stürmt er hinunter zum Quai. Dort sehen sie den Seemann sitzen, er hängt zufrieden in einer großen Rolle Seil und verzehrt genüsslich das letzte Stück seiner ›Zwiebel‹. Von dem Wert dieser Semper Augustus hätte man ein ganzes Jahr lang die Besatzung des Schiffes ernähren können. Als ich das las, saß ich gerade im Bordrestaurant bei Königsberger Klopsen mit Butterreis und hätte mir auch fast eine rohe Zwiebel dazu bestellt.

Man kann natürlich für alle Hundertseiter sagen, dass sie sich bestens auf einer Bahnfahrt erledigen lassen. Man beginnt dann Reise und Buch gleichzeitig und schließt beide auch zur selben Zeit ab. Der letzte Schrei zur Geschichte der Spekulation ist übrigens »Devil Take the Hindmost: A History of Financial Speculation« von Edward Chancellor. Doch dieses Buch ist dann auch wieder etwas umfangreicher, wenn auch noch kein Ziegelstein. Trotzdem muss man dann schon eine längere Zugreise wagen, Hamburg–München und zurück und das ganze zwei Mal, zum Beispiel.

Länge des Buches: > 115.000 Zeichen. – Ausgaben:

John Kenneth Galbraith: Finanzgenies. Eine kurze Geschichte der Spekulation. Aus dem Amerikanischen von Wolfgang Rhiel. Frankfurt/M.: Eichborn 1992.

John Kenneth Galbraith: Eine kurze Geschichte der Spekulation. Aus dem Amerikanischen von Wolfgang Rhiel. Frankfurt/M.: Eichborn 2010.

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)


Cronut

Barcelona, 7. September 2013, 19:26 | von Dique

Dann hört man etwas zum ersten Mal und wundert sich noch und plötzlich ist es überall. Der 3D-Druck zum Beispiel, diese irre Technologie, die laut »Economist« das Zeug zur dritten industriellen Revolution hat.

Zuletzt passierte mir das mit etwas eher Banalem, nämlich mit dem Cronut. Ich las diesen herrlichen Artikel in der FAS, im Wirtschaftsteil, über ein New Yorker Pärchen, das sich die Haushaltskasse mit einem interessanten Geschäftsmodell aufbessert. Die beiden stehen morgens ab und an sehr zeitig auf und stellen sich in die Schlange einer hippen Bäckerei, der Dominique Ansel Bakery, und kaufen 4 Cronuts zu je 5 Dollar, die sie dann für 35 Dollar das Stück weiterverkaufen. Sie bieten diesen Service über Craigslist an und haben keine Probleme, Abnehmer zu finden, Lieferung frei Haus.

Bäckermeister Ansel stellt pro Tag nur 350 Cronuts her und verkauft nur 2 pro Person. Diese künstliche Verknappung des Angebots füttert den Hype. Das ultrasympathische Pärchen aus dem FAS-Artikel hat selbst übrigens noch nie einen Cronut gegessen, auch wenn die Versuchung wohl sehr groß ist. Ach so, ein Cronut ist natürlich die Verheiratung von Donut und Croissant. Das klingt unglaublich lecker und ich konnte nach der Lektüre des Artikels an nichts anderes mehr denken, wenn ich morgens oder nachmittags Kaffee getrunken habe, und eigentlich auch sonst immer.

Neulich saß ich mit zwei Amerikanern beim Abendessen und die wussten natürlich über den Cronut Bescheid und über den Hype um den New Yorker Cronut-Erfinder. Ein paar Tage später hörte ich dann von jemand ganz anderem in großer Selbstverständlichkeit, dass es hier in Barcelona doch auch schon Cronuts gebe und die seien genauso gut und weniger teuer und man brauche sich darum auch nicht zu prügeln. Der Laden heißt »Sweet Dreams« und ist in der Carrer de Regomir.

Das ist nun schon über zwei Wochen her. Ich habe es nicht vergessen und nehme mir den Besuch auch heute wieder vor, passiere dann aber zufällig gerade eine Filiale der Konditorei »boldú« in der Carrer Provença. Eigentlich will ich dort nur ein bisschen Brot kaufen, sehe dann aber sofort, dass es hier auch Cronuts gibt. Wow, denke ich, obwohl mir natürlich vollkommen klar ist, dass es sich nicht um die Originale handeln kann, aber hey, es sind Cronuts und das ist ein guter Anfang.

Hier gibt es natürlich keine Schlange und auch kein Verkaufslimit. Die Dame vor mir kauft gerade 14 Stück. Mir erzählt die Verkäuferin dann allerdings, dass man mindestens 2 Cronuts nehmen muss und das ist für mich natürlich vollkommen in Ordnung, das Paar kostet 5 Euro. Super, ich nehme also einen Creme und einen Schoko und sie sehen denen aus der FAS sehr ähnlich, obwohl es bei Dominique Ansel anscheinend nur die Klassikvariante gibt, mit einer Art Vanilleglasur oben auf. Egal, die beiden Cronuts schmecken extrem gut, besser als Croissant und besser als Donut, eben Cronut, was für eine Combo!
 


Kaffeehaus des Monats (Teil 80)

sine loco, 22. August 2013, 09:21 | von Dique

Wenn du mal richtig Zeitung lesen willst:

Das Alpineum in Luzern, ein wie immer künstlerisch bescheidenes Foto, sry

Luzern
Das »Alpineum« in der Denkmalstrasse.

(Nach dem Uhren-, Messer- und Schokoladeneinkauf dürstet die Touristen aus Asien nach Kultur und sie wandern zum wunderschönen Löwen­denkmal in Luzern. Nur wenige Schritte vor dem Denkmal, nach einem Entwurf von dem unglaublichen Bertel Thorvaldsen, kommen sie am Kaffeehaus Alpineum vorbei und könnten dort neben einem Kaffee einen Blick in die Basler Zeitung, den Tagi oder die NZZ werfen. Aber das schönste an unserem Kaffeehausbesuch war der extrem freundliche und sehr hippe Barista. Er machte gerade die Milch für unsere Schalen heiß und sagte, quasi aus der Hüfte heraus: »Wasser ’n Thema?« Es war einer der heißesten Tage und Wasser war gerade ein Riesenthema für uns!)
 


Überall dieses Wachs

Berlin, 16. August 2013, 10:36 | von Dique

Martin-Gropius-Bau, Anish-Kapoor-Ausstellung, hinein in die große Halle, dort stehen eingeschaltete Förderbänder, die nach oben laufen. Auf den schwarzen Gummibändern sieht man Reste von rotem Wachs und in der Mitte des Raumes liegen die weinroten Wachsbrocken, die über die Bänder in die Mitte des Raumes befördert werden.

Eine schöne Materialschlacht ist das hier, gigantisch und eindrücklich, also ganz anders als zum Beispiel das immer und ewige Fett von Joseph Beuys. Da steht eine riesige Glocke, mehrere Meter hoch, die aus einem Wachsbrocken herausgeschält wird, langsam wird sie von der hölzernen Form umkreist, die sich stetig bewegt und die Oberfläche dieser Wachsglocke glattschleift.

In einem weiteren Raum steht eine Kanone, die ab und an eine riesige Wachspatrone in die Ecke schießt. Dort liegt bereits ein Berg von Wachskanonenbällen, die eigentlich riesige große Wachspfropfen sind und an der Wand zerschellen. Ebenfalls in Weinrot und an den Wänden hängen die Reste der geborstenen Geschosse. Irre sieht auch diese Kanone aus, sie wirkt simpel, selbstgebaut und verschraubt mit Zylindern unten dran, alles sehr technisch und vielleicht auch gewaltig.

Drei Räume sind mit einem riesigen halbaufgeblasenen Etwas gefüllt. Eine schwarze Plane, die aussieht wie ein riesiger Fahrradschlauch, ein schwarzer Haufen aus Gummi. In jedem der Räume kann man nur Teile sehen, mit jedem Schritt wird das Ganze monströser. Ich schaue auf das Infoschild und hätte es mir natürlich denken müssen: Leviathan. Ohne Gesicht, ohne die Möglichkeit, ihn ganz zu erfassen, wabert er durch die Räume.

Erwähnen will ich noch die Spiegel, konkav und konvex, sie machen dick und dünn und lustig, das ist zwar Jahrmarktsulk, aber könnte kaum besser passen. Es gibt davon mehrere in dieser Ausstellung und wenn man dann davor steht und sieht, wie sich der Körper im Spiegel aufbläht oder schrumpft durch eine schlichte Drehung oder einen Schritt nach vorn oder hinten, dann fühlt man sich schnell als Teil dieser Welt aus Wachs, Kunstharz und Plastik.

Das Museumscafé meide ich bewusst, denn damit sind schlechte Erinnerungen verbunden. Es war nach der Skythenausstellung. Trotz gegenteiliger Beteuerungen enthielt der Mohnkuchen dann doch Rosinen. »Kaffeehaus des Monats – Chance verspielt«, hieß es damals. Den wächsernen Wahnsinn des Anish Kapoor werde ich mir dagegen jederzeit gern wieder ins Gedächtnis rufen.
 


Inferno in Florenz

Florenz, 30. Juli 2013, 17:59 | von Dique

Ijoma Mangold hat erkannt, warum Genrebücher immer so dick sein müssen: »In der Zeit, in der man eine Handke-Seite liest, hat man acht Dan-Brown-Seiten gelesen.« Folgt man dieser These und teilt die Seitenanzahl (für die deutsche Ausgabe sind das 688) durch 8, dann wird »Inferno« von Dan Brown zum gefühlten 100-Seiten-Buch, einem der kürzeren noch dazu.

Ich habe das nun selbst ausprobiert und kann die These bestätigen. Das Buch ist nicht mehr als 100 Seiten lang und das muss ja nicht schlecht sein. Wie Ijoma Mangold habe auch ich mich »von der ersten Seite an bestens amüsiert. Natürlich unter meinem Niveau, aber das ist nur eine Feststellung, kein Einwand.« Ich habe das Buch in Florenz gelesen, also quasi vor Ort, denn ca. 60% des Buches spielen dort.

Ich mache neuerdings Prozentangaben und gebe keine Seitenzahlen mehr an, wenn ich über Bücher rede, weil ich häufig auf dem Kindle lese. Die Vorzüge des Elektrobuchs sind besonders auf Reisen überenorm. Mit meinem Kindle-Outing riskiere ich allerdings Freundschaften und provoziere Missgunst. So wurde ich z. B. von Buchladenspezialist Richard Deiss sofort per E-Mail zusammen­gestaucht, als er davon Wind bekam, dass ich auf dem »Buchladenmörder« lese.

Die Pro-Argumente für das gedruckte Buch sind dabei selten überzeugend. Dass man sich mit dem E-Book in der Wildnis kein Feuer machen und sich damit auch nicht den Hintern abwischen kann, ist für mich nicht so richtig interessant, das habe ich noch nie gemusst. Als passionierter Badewannenleser ist für mich eher Wasserdichte ein Problem.

»Inferno« selbst ist jedenfalls in der Tat der absolute Fun. Die angebildungsbürgerlichte Reiseführerromantik macht extra Spaß, wenn man selbst gerade durch Florenz streicht und etwa unter dem Vasarikorridor langläuft, den Supersymbolist Robert Langdon gerade mit seiner jungen, intelligenten und hübschen Begleiterin Sienna Brooks durchquert. Ich las die Szene im berühmten Caffè Gilli in der Via Roma an und machte mich dann auf den Weg zur Chiesa di Santa Felicita, die direkt hinter der Ponte Vecchio liegt.

In der Kirche hängt Pontormos Meisterstück, die Deposizione dalla Croce. Wie alle Gemälde von Pontormo ist es wunderschön und wunderlich, die vielen Figuren sind ins Bild gequetscht, wirken wie reingedrängelt, für Hintergrund gibt es keinen Platz und die Farben, obgleich etwas verwaschen wirkend (das englische Adjektiv ›pale‹ erscheint passender), strahlen in hellblau, rosa und gelb. Leider sieht man das Bild nur durch Gitter und mich labert die ganze Zeit jemand an, der mich durch die Kirche führen möchte, er bleibt dabei freundlich und ich bleibe es auch.

Ich schaue mir dann doch den Rest der Kirche an, ohne den freundlichen Führer, und treffe stattdessen neben dem Altar auf eine Führerin. Sie weist mich auf eine Kapelle hin, die man nur einmal die Woche, also heute, sehen kann. Diese ist mit den feinsten gotischen Fresken bemalt und gehörte früher zu einem Nonnenkloster, welches sich im Hof befand. Die Frau ist unüberhörbar Amerikanerin, sie trägt ein Namensschild, ihr Vorname ist Gretchen. Sie ist schon ziemlich alt und versteht schlecht, sie fragt bei allem, was ich sage, mehrfach nach und ich sage und frage dann einfach weniger und überlasse ihr das Reden.

Als Gretchen erfährt, dass ich Deutscher bin, erzählt sie, dass Mussolini für den Florenz-Besuch von Hitler in der Mitte des Vasarikorridors drei Fenster eingelassen hat, damit sie aus dem Korridor einen guten Blick auf den Arno hätten.

Aber noch mal kurz zurück zum Buch. Dan Brown schreibt einfach den klassischen Pageturner. Nach jeder fünften Seite gibt es einen Cliffhanger, der einen rasend schnell durch das Buch schießen lässt. Inhaltlich ist es die übliche Brown’sche Schnitzeljagd, Langdon löst ein Rätsel nach dem anderen, die Lösung führt dann immer direkt zur nächsten Sehenswürdigkeit. Eine Weile macht das Spaß. Irgendwann wird es natürlich langweilig, aber gut, es sind ja nur ca. 100 Seiten.
 


Pontormo in Hannover

Hamburg, 27. Mai 2013, 17:00 | von Dique

Hannover war für mich bisher nur Umsteigepunkt, eine Gelegenheit für einen Verspätungskurzaufenthalt, nie direktes Ziel. Im Landesmuseum Hannover gab es jetzt aber bis Mitte Mai eine Pontormo-Ausstellung. Am letzten offiziellen Tag bin ich mit San Andreas dann doch mal von Hamburg aus per Bahn zielgerichtet nach Hannover gefahren.

Um mich ein bisschen aufzuputschen und richtig in Stimmung zu kommen, wollte ich mir gleich bei der Ankunft ein erfrischendes Red Bull kaufen. Die meisten Imbissstände und Bäckereien auf dem Bahnhof hatten aber leider keines im Programm und bei Rossmann gab es nur noch die Light-Version. Erst auf diesem komischen Boulevard vor dem Bahnhof, der in die Innenstadt von Hannover führen könnte, wurde ich in einem Zeitungsgeschäft fündig. Leider war die Dose nicht genug gekühlt und die Stimmung blieb aus.

Es war sehr heiß an dem Tag und ich trug ein für diese Witterung viel zu robustes Jackett. Ich behielt es natürlich trotzdem an und kam sehr ins Schwitzen. Die Stadt Hannover veranstaltete am selben Tag auch irgendeinen Stadtlauf. Auf dem Weg zum Museum kamen uns immer neue Massen von Läufern entgegen, die noch mehr schwitzten als ich.

Irgendwann erreichten wir einen großen Platz vor einem großen Gebäude, dem Rathaus oder dem Schloss der Stadt, ich weiß es nicht, denn ich war ziemlich gedankenverloren. Es dauerte ewig bis zum Museum, und diese quälenden Menschenmassen, das war mir einfach zu viel Hannover. Auf diesem Platz wurden Bratwürste und Crêpes gegessen, es wurde getrunken und von einer Bühne schallten Musik und Ansprachen, doch wir wollten nur schnell zu Pontormo ins Museum. Irgendwann kamen wir dann an einem Park vorbei, auf dessen Wiesen sich erschöpfte Sportler ausruhten, und dahinter sahen wir dann auch endlich das Landesmuseum.

Am Ticketschalter versuchte gerade ein älteres Pärchen empört die Tickets zurückzugeben und verlangte das Eintrittsgeld zurück. Oben werde gesungen und man könne sich nicht auf die Kunst konzentrieren, so ging die Argumentation. Wir waren gespannt. Oben angekommen, war dann tatsächlich ein Raum abgesperrt, in dem Proben oder ein Vorsingen stattfand. Da wurde immer mal wieder ein Musikstück angeschmeckt und wieder abgebrochen, feierlich gekleidete Jugendliche stürzten hinter einem Vorhang hervor und verschwanden durch eine Tür oder umgekehrt.

Uns fesselte dann aber schnell ein Ensemble von Tilman Riemenschneider, drei Figuren in tiefen Emotionen gefangen, bewegt, bedrückt und bemalt. Minimalistisch stehen sie auf einem breiten weißen Sockel nebeneinander vor einer weißen Wand. Die Lockenprachten sind prächtig konturiert, ebenso die Gewänder, die leise zu rascheln scheinen. Die schmalen Gesichter wirken etwas abwesend, aber warm und weich. Sie stellen alle anderen Skulpturen der Sammlung in den Schatten und alles heute Erlebte. Die verschwitzten Sportler sind vergessen. Und das Red Bull scheint in der Erinnerung auf die genau richtige Temperatur gekühlt gewesen zu sein.

Die Pontormo-Ausstellung ist dann nur um das Gemälde des verschraubt-glatzköpfig-fragmentarischen »Hieronymus« herum aufgebaut, der sowieso auch sonst im Landesmuseum hängt. Die Schau belästigt uns zum Glück mit nur wenigen weiteren Stücken und wir haben sie uns alle angeschaut!
 


»Ancient Aliens«

Barcelona, 21. April 2013, 10:26 | von Dique

»Ancient Aliens«, eine Doku-Serie vom History Channel, läuft bereits in der 5. Staffel. Nur beinah durch Zufall sah ich den Piloten »Ancient Aliens: Chariots, Gods & Beyond« und danach dann alle Folgen. Nach den ersten beiden Staffeln war mir unklar, woher noch Stoff für weitere Folgen kommen sollte, aber auch Erich von Däniken, Godfather der Prä-Astronautik, hat nicht nur zwei bis drei Bücher geschrieben, sondern Dutzende. Von diesen habe ich auch mehr als zwei bis drei gelesen, wenn auch längst nicht alle.

Meine Däniken-Lektüre liegt schon so lange zurück, dass ich mich jahrelang auf ein »Was macht eigentlich Erich von Däniken«-Portrait in einer schlechten Illustrierten gefreut habe. Das ist nun aber nicht mehr nötig, denn auch bei den »Ancient Aliens« ist er mit dabei und macht noch immer das Gleiche.

Ich war immer schon ganz versessen auf die H-Blocks von Pumapunku, die Scharrzeichnungen von Nazca oder die kuriosen Steinformationen auf Nan Madol. Wie bei jeder guten Verschwörungstheorie bieten die Prä-Astronauten Erklärungen für scheinbar nicht nachvollziehbare Phänomene. Nebenbei liefert die Serie natürlich in guter »History Channel«-Manier herrliche Aufnahmen von all diesen mysteriösen Orten.

Nehmen wir Pumapunku, gelegen auf der bolivianischen Hochebene in der Nähe des Titicacasees. Dort befinden sich die Reste einer Kultur, über die man fast nichts weiß, das Rad war ihr noch unbekannt, auf über 4.000 Meter Höhe wurden mit einfachsten Werkzeugen riesige Steine bearbeitet und bewegt, und nicht irgendwelche, sondern solche aus Diorit, das zu den härtesten Gesteinsformationen gehört. Früher kannte ich von Pumapunku einige Bilder, dann gab es irgendwann einen kurzen Clip über die Stätte auf YouTube und jetzt, dank den »Ancient Aliens«, gibt es massig Videomaterial und sogar eine ganze Folge, die sich nur Pumapunka widmet. Wow.

Einer der Hauptmotoren der Show ist übrigens Giorgio A. Tsoukalos, den man am besten als »den mit den Haaren« beschreibt. Tsoukalos wird nicht nur von Folge zu Folge braungebrannter, sondern seine Haare werden immer wilder und länger und er toupiert sie höher und höher nach oben. Mittlerweile wickelt er sich auch noch ungebändigte Schals um den Hals und trägt ein modisches Lederjäckchen.

In der ersten Staffel war es noch ein dreiteiliger brauner Anzug, natürlich mit übergroßem »Ancient Aliens«-Sticker am Kragen. Tsoukalos hat eine riesige Fangemeinde im Netz, die sich weniger der prä-astronautischen Theorie widmet, sondern überwiegend seinen Haarstyle diskutiert, debattiert und verehrt. Und weil wir hier ständig Pumapunku erwähnen, sei auch mein Lieblingszitat von ihm genannt:

»While the Pyramids at Giza are an incredible feat of achievement, compared to Pumapunku the pyramids are like child’s play. Logic does not exist in Pumapunku.«

Dieses Zitat trägt er mit solcher Inbrunst und Überzeugung vor, dass man einfach nicht widerstehen kann und über die lächerliche Erklärung »richtiger« Archäologen nur lachen kann. Pumapunku ist crazy, wer auch immer dafür verantwortlich ist, irgendwas ist dort faul und das gilt für noch viele, viele weitere archäologische Stätten dieser Erde. Fast hirngewaschen habe ich mich trotzdem nie getraut, so richtig an die Ancient Astronauts Theory zu glauben, aber der Übergang von Faszination zu Glauben ist verschwommen.

Man könnte meinen, spätestens nach Folgen mit Titeln wie »Aliens and Mega-Disasters«, das Fukushima indirekt den Aliens unterschiebt, oder »The Da Vinci Conspiracy«, in der der arme Leonardo fast zum Außerirdischen wird, oder »Aliens and Dinosaurs«, an dessen hanebüchenen Inhalt ich mich nicht mehr erinnere, sollte man (ich!) doch geheilt sein von dem Käse. Aber neben Pumapunku bleiben die Flugzeugdarstellungen aus dem brasilianischen Dschungel, die Terrasse von Baalbek, Steinkreise überall, Pyramiden, Cargo-Kulte, Ezekiel und altägyptische Glühlampen!

Doch ab jetzt sind all die schönen Mysterien, all die schönen Theorien, all die schönen Ideen nichts mehr wert. »Ab jetzt« heißt: Seit Chris Whites »Ancient Aliens Debunked«. In dem dreistündigen Video widmet sich White allen »Ancient Aliens«-Theorien und überführt die Ancient Astronaut Theorists der Manipulation. Die H-Blocks von Pumapunku sind nämlich gar nicht aus Diorit und neben den ganzen fertigen Stücken liegen ein paar Meter weiter unfertige Teile, die alle Bearbeitungsstufen einfach nachvollziehbar machen. So führt White all die schönen Indizien für prä-astronautische Besuche ad absurdum. Lustig daran ist, dass Chris White angeblich ein christlicher Fundamentalist ist und an Kreationismus glaubt.
 


Die große Ulla-Berkéwicz-Festwoche (Tag 2):
»Michel, sag ich« (1984)

Barcelona, 9. April 2013, 10:25 | von Dique

(= 100-Seiten-Bücher – Teil 56)

Logo der Festwoche

(Vorwort zur Festwoche hier. Inhaltsübersicht hier.)

Zwei Jahre nach ihrem Debuthit »Josef stirbt« folgte 1984 »Michel, sag ich«. Es ist ein kurzes Buch und erzählt in kurzen Sätzen kurze, apokalyptische Traumsplitter. Eine Frau vom Land geht in die Stadt (Frankfurt), um Michel zu suchen. Dort begegnen ihr Leere, Gewalt, Repression und Widerstand. Da es sich um Literatur handelt, erfährt man nie so recht, was die Ursache des ganzen Elends ist. Alles bleibt schemenhaft in Traumsequenzen stecken. Hätte Christa Wolf je eine Endzeit-Liebesgeschichte geschrieben, sie hätte so geklungen wie »Michel, sag ich« von Ulla Berkéwicz.

Aber nicht nur das macht diesen großzügig gesetzten und daher sehr kurzen Hundertseiter so bemerkenswert und so wertvoll. Nicht nur zeitlich muss man diese Dystopie aus den Achtzigern irgendwo zwischen Carl Amerys »Der Untergang der Stadt Passau« (1975) und Cormac McCarthys »The Road« (2006) ansiedeln. Neben dem Inhalt begeistern natürlich auch die Kürze und die Dynamik des Buches, was in einem sehr flotten Lesetempo resultiert. Dadurch lässt sich die Lektüre gut auf ca. zweimal Frühstücken verteilen. Das Frühstück sollte aber einigermaßen karg sein, damit es auch gut zur Stimmung passt.

Länge des Buches: ca. 75.000 Zeichen. – Ausgaben:

Ulla Berkéwicz: Michel, sag ich. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1984. S. 5–100 (= 96 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)


Velázquez

Madrid, 3. April 2013, 22:43 | von Dique

Ich bin drei Tage in Madrid und nehme als erstes Infobit mit, dass es im Louvre keinen einzigen Velázquez gibt. Und das, wo doch in Orléans, in Rouen und selbst in São Paulo einer hängt. Aber der Louvre, das Museum mit der z. B. auch höchsten Leonardo-Dichte, hat einfach keinen. Ich nehme das also zur Kenntnis, während wir durch den Prado laufen, wo es wiederum so vor Velázquessen wimmelt, dass man es kaum aushält. Man kann sich kein Bild wirklich anschauen, weil gleich daneben das nächste Spitzenstück hängt.

Velázquez ist natürlich auch ein schöner Name, vielleicht reden wir auch deshalb so viel von ihm, um immer wieder Velázquez sagen zu können. Mir gefällt eigentlich die Malerei von Ribera viel besser, auch wenn der natürlich rein technisch gesehen keineswegs besser ist, aber der Name hat natürlich gegen Velázquez keinen Klang.

Irgendwann reden wir dann doch noch über was anderes, leider ist das neue Thema der frühe Rubens, und zu Rubens muss ich mich immer ziemlich zwingen. Zu allem Übel läuft auch gerade eine große van-Dyck-Ausstellung, Rubens-Schüler bekanntlich, und diese Ausstellung laufen wir noch schnell Stück um Stück ab, nach jeder Ecke hoffe ich auf ein Ende, aber für eine lange Zeit schließt sich ganz verwinkelt immer direkt der nächste Raum an.

Es dauert etwas, bis wir endlich in die Dauerausstellung gelangen, in der wir dann leider auch gleich auf die Venezianer stoßen. Tizian ist ja immer herrlich und hier hängt auch das Wahnsinns-Reiterportrait von Karl V. auf dem Mühlberg, das beste aller Reitergemälde, noch besser als die Philipp-IV.-Reiterportraits von Velázquez. Aber wir stoßen zuerst auf den venezianischen Schrecken von Veronese und Tintoretto. Irgendwann ist der auch vorbei, aber dann müssen wir leider schon los, weil wir noch zur Vorbesichtigung bei Ansorena wollen. Dort gibt es neben zwei van Dycks im Freiverkauf auch einen sehr, sehr guten Meister von Frankfurt. Der steht im Obergeschoss einfach so auf einem klassizistischen Stuhl rum, ebenfalls im Freiverkauf zum stattlichen Preis.

Dann gehen wir endlich was essen und bestellen Percebes. Denn ein Paar am Fenster hat diese ungewöhnlichen Dinger auf dem Teller liegen, und wir fragen aus Neugier nach. Die Dame, die auf jeden Fall einem Rubensgemälde entstiegen ist und nun nach einem harten Tag an den Wänden des Prado hier ihren Feierabend begeht, sagt uns, dass es sich eben um Percebes handele, was wir akustisch erst nach einigen Nachfragen verstehen.

Die Percebes sind so länglich und krustig und sehen aus wie Schildkrötenfüße, man dreht sie auf und isst das salzige, rosa Innere, die Konsistenz liegt zwischen Muschel und Calamares. Ich texte einer einheimischen Freundin, doch die Antwort erreicht mich erst am nächsten Morgen: »Percebes are some kind of seafood. They are disgusting und expensive. Don’t order them.« Mittlerweile wissen wir, dass es sich um sogenannte Entenmuscheln handelt. Sie sind expensive und disgusting und ich werde sie nicht noch einmal bestellen.